Flammen von Zeit zu Zeit aus dem Boden aufschlugen . Und nun stand das Kind vor Christi Thron . Maria aber wandte sich bittend an ihren Sohn und Heiland und sprach an seiner Statt : » Dein Tag war kurz , dein Herze war rein , Dafür ist der Himmel dein . Geh ein ! Unter Engeln sollst du ein Engel sein . « Und Engel umfingen sie , und es war ein Klingen wie von Harfen und leisem Gesang . Und Grete drückte Valtins Hand . Unter allen Anwesenden aber herrschte die gleiche Befriedigung , und der alte Zernitz flüsterte : » Hör , Emrentz , der versteht ' s. Ich glaube jetzt , daß er vor Kaiser und Reich gespielt hat . « Und das Spiel nahm seinen Fortgang . Inzwischen , es hatte zu dunkeln begonnen , waren die Mindes in dem rechts neben der Flurtür gelegenen Unterzimmer versammelt und nahmen an einem Tische , der nur zur Hälfte gedeckt war , ihre Abendmahlzeit ein . Der alte Jacob Minde hatte den Platz an der einen Schmalseite des Tisches , während Trud und Gerdt , seine Schwieger und sein Sohn , an den Längsseiten einander gegenübersaßen , Trud steif und aufrecht , Gerdt bequem und nachlässig in Kleidung und Haltung . In allem der Gegenpart seines Weibes ; auch seines Vaters , der trotz eines Zehrfiebers , an dem er litt , aus einem starken Gefühle dessen , was sich für ihn zieme , die Schwäche seines Körpers und seiner Jahre bezwang . Es schien , daß Trud ihre schon vormittags gegen Emrentz gemachten Bemerkungen über das Puppenspiel eben wiederholt hatte , denn Jacob Minde , während er einzelne von den großen Himbeeren nahm , die , wie er es liebte , mit den Stielchen abgepflückt worden waren , sagte : » Du bist zu streng , Trud , und du bist es , weil du nur unser tangermündisch Tun und Lassen kennst . Und in Alt-Gardelegen ist es nicht anders . Aber draußen in der Welt , in den großen Ländern und Städten , da wagt sich die Kunst an alles Höchste und Heiligste , und sie haben fromme und berühmte Meister , die nie andres gedacht und gedichtet und gemalt und gemeißelt haben als die Glorie des Himmels und die Schrecknisse der Hölle . « » Ich weiß davon , Vater « , sagte Trud ablehnend . » Ich habe solche Bilder in unsrer Gardelegner Kirche gesehn , aber ein Bild ist etwas andres als eine Puppe . « » Bild oder Puppe « , lächelte der Alte . » Sie wollen dasselbe , und das macht sie gleich . « » Und doch , Vater , mein ich , ist ein Unterschied , ob ein frommer und berühmter Meister , wie du sagst , eine Schilderei malt zur Ehre Gottes oder ob ein unchristlicher Mann , mit einem Türkenweib und einem Pickelhering , Gewinnes halber über Land zieht und mit seinem Spiel die Schenken füllt und die Kirchen leert . « » Ah , kommt es daher ? « lachte Gerdt und streckte sich noch bequemer in seinem Stuhl . » Daher also . Warst heut in der Pfarr , und da haben wir nun den Pfarrwind . Ja , das ist Gigas : er bangt um sich und seine Kanzel . Und nun gar das Jüngste Gericht ! Das ist ja sein eigener Acker , den er am besten selber pflügt . So wenigstens glaubt er . Weiß es Gott , ich hab ihn nie sprechen hören , auch nicht bei Hochzeit und Kindelbier , ohne daß ein höllisch Feuer aus irgendeinem Ritz oder Ritzchen aufgeschlagen wär . Und nun kommt dieser Puppenspieler und tut ' s ihm zuvor und brennt uns ein wirklich Feuerwerk ... « Er konnte seinen Satz nicht enden , denn in eben diesem Augenblicke hörten sie , vom Marktplatze her , einen dumpfen Knall , der so heftig war , daß alles Gerät im Zimmer in ein Klirren und Zittern kam ; und eh sie noch einander fragen konnten , was es sei , wiederholten sich die Schläge , dreimal , viermal , aber schwächer . Trud erhob sich , um auf die Straße zu sehn , und ein dicker Qualm , der sich in Höhe der gegenübergelegenen Häuser hinzog , ließ keinen Zweifel , daß bei den Puppenspielern ein Unglück geschehen sein müsse . Flüchtig Vorübereilende bestätigten es , und Trud , indem sie sich ins Zimmer zurückwandte , sagte triumphierend : » Ich wußt es : Gott läßt sich nicht spotten . « Auf Gerdts blassem und gedunsenem Gesicht aber wechselten Furcht und Verlegenheit , wodurch es nicht gewann , während der alte Minde sein Käppsel abnahm und mit halblauter Stimme die Barmherzigkeit Gottes und den Beistand aller Heiligen anrief . Denn er war noch aus den katholischen Zeiten her . In einem Anfluge von Teilnahme war Trud , die sonst gern ihre herbe Seite herauskehrte , an den Alten herangetreten und hatte ihre Hand auf die Rückenlehne seines Stuhls gelegt , als sie aber den Namen Gretens zum dritten Mal aus seinem Munde hörte , wandte sie sich wieder ab und schritt unruhig und übellaunig im Zimmer auf und nieder . Man sah , daß sie fremd in diesem Hause war und keine Gemeinschaft mit den Mindes hatte . Sie war eben wieder ans Fenster getreten und sah nach dem Marktplatze hin , als sie plötzlich , inmitten einer Gruppe , Greten selbst erkannte , die , mit einem Stücke Zeug unter dem Kopf , auf einer Bahre herangetragen wurde . War sie tot ? Es war oft ihr Wunsch gewesen ; aber dieser Anblick erschütterte sie doch . » Gott , Grete ! « rief sie und sank in einen Stuhl . Die Träger hatten mittlerweile die Bahre niedergesetzt und trugen das schöne Kind , dessen Arme schlaff herabhingen , von der Straße her ins Zimmer . » Hier « , sagte Gerdt , als er die Leute verlegen und unschlüssig dastehen sah , und wies auf eine mit Kissen überdeckte Truhe . Und auf eben diese legten sie jetzt die scheinbar Leblose nieder . Mit ihnen war auch die alte Regine , die Pflegerin Gretens , jammernd und weinend eingetreten und beruhigte sich erst , als nach Besprengen mit frischem Wasser ihr Liebling die Augen wieder aufschlug . » Wo bin ich ? « fragte Grete . » Ach ... nicht in der Hölle ! « » Gott , mein süß Gretel « , zitterte Regine hin und her . » Was sprichst du nur ? Du bist ja ein gutes und liebes Kind . Und ein gutes und liebes Kind , das kommt in den Himmel . Aber das ist auch noch nicht , noch lange nicht . Du kommst auch noch nicht in den Himmel . Du bist noch bei uns . Gott sei Dank , Gott sei Dank . So sieh doch , sieh doch , ich bin ja deine alte Regine . « Die Träger standen noch immer verlegen da , bis der alte Minde sie bat , ihm zu erzählen , was vorgefallen sei . Aber sie wußten nicht viel , da sie wegen des großen Andrangs nur draußen auf der Treppe gewesen waren . Sie hatten nur gehört , daß , gegen den Schluß hin , ein brennender Papierpfropfen in das mit Schwärmern und Feuerrädern angefüllte Vorratsfaß des Puppenspielers gefallen sei und daß es im selben Augenblick einen Schlag und gleich darauf ein furchtbar Menschengedränge gegeben habe . In dem Gedräng aber seien zwei Frauen und ein sechsjährig Kind elendiglich ums Leben gekommen . Grete richtete sich auf , ersichtlich um zu sprechen und den Bericht nach ihrem eigenen Erlebnis zu vervollständigen ; als sie aber ihrer Schwieger ansichtig wurde , wandte sie sich ab und sagte : » Nein , ich mag nicht . « Trud wußte wohl , was es war . Sie nahm deshalb ihres Mannes Hand und sagte : » Komm . Es ist besser , Grete bleibt allein . Wir wollen in die Stadt gehen und sehen , wo Hülfe not tut . « Und damit gingen beide . Als sie fort waren , wandte sich Grete wieder und sagte , ohne daß es einer neuen Aufforderung bedurft hätte : » Ja , so war es . Der Hagre , mit den Schlackerbeinen und der häßlichen , spitzen Filzmütze , bat ihn eben , daß er ihm als einen Bringerlohn eine von den Seelen wieder freigeben solle – da gab es einen Knall , und als ich mich umsah , sah ich , daß alles nach der Türe hindrängte . Denn da , wo das Spiel gewesen war , war alles Rauch und Qualm und Feuer . Und ich dachte , der Letzte Tag sei da . Und Emrentz hatte mich bei der Hand genommen und zog mich mit sich fort . Aber mit einem Male war ich von ihr los , und da stand ich nun und schrie , denn es war , als ob sie mich erdrückten , und zuletzt hatt ich nicht Luft und Atem mehr . Da packte mich Valtin von hinten her und riß mich aus dem Gedränge heraus und in den Saal zurück . Und ich meinte , daß er irre geworden , und so wollt ich wieder in den Knäuel hinein . Er aber zwang mich auf eine Bank nieder und hielt mich mit beiden Händen fest . › Willst du mich morden ? ‹ rief ich . › Nein , retten will ich dich . ‹ Und so hielt er mich , bis er sehen mochte , daß das Gedränge nachließ . Und nun erst nahm er mich auf seinen Arm und trug mich über den Vorplatz und die Treppe hinunter , bis wir unten auf dem Marktplatz waren . Da schwanden mir die Sinne . Und was weiter geschehen , weiß ich nicht . Aber das weiß ich , daß ich ohne Valtin erdrückt oder verbrannt oder vor Angst gestorben wäre . « Der alte Minde war an einen Schrank getreten , um von seinem Melissengeist , den er noch bei den Brügger Karmeliterinnen erstanden hatte , ein paar Tropfen in ein Spitzglas mit Wein und Wasser zu tun . Grete nahm es ; und als eine halbe Stunde später Trud und Gerdt von ihrem Ausgange zurückkehrten , versicherte sie , kräftig genug zu sein , um ohne Beistand in ihre hohe Giebelstube hinaufsteigen zu können . 4. Kapitel . Regine Viertes Kapitel Regine Diese Giebelstube teilte sie mit der alten Regine , die von lange her das Mindesche Hauswesen führte . Freilich , seit Trud da war , war es anders geworden , aber zu niemandes rechter Zufriedenheit . Am wenigsten zur Zufriedenheit der alten Regine . Diese setzte sich jetzt an das Bett ihres Lieblings , und Grete sagte : » Weißt du , Regine , Trud ist böse mit mir . « Regine nickte . » Und darum konnt ich ' s nicht sagen « , fuhr Grete fort , » ich meine das von dem Valtin , und daß er mich aus dem Feuer herausgetragen ; und sie merkte wohl , was es war und warum ich schwieg und mich abwandte . Denke nur , ich soll nicht mehr sprechen mit ihm . Ja , so will sie ' s ; ich weiß es von ihm selbst ; er hat mir ' s heute gesagt . Und er hat es von der Emrentz . Aber die hat gelacht . Höre , Regine , der Emrentz könnt ich gut sein . Wenn ich doch eine Mutter hätte wie die ! Ach , meine Mutter ! Glaubst du nicht , daß sie mich liebhätte ? « » Das hätte sie « , sagte Regine und fuhr sich mit der Hand über das Auge ; » das hätte sie . Jede Mutter hat ihr Kind lieb , und deine Mutter ... ach , ich mag es gar nicht denken . Ja , mein Gretelchen , da hätten wir andre Tage , du und ich . Und der Vater auch . Er ist jetzt krank , und Trud ist hart mit ihm und glaubt es nicht . Aber ich weiß es und weiß schon , was ihm fehlt : ein Herz fehlt ihm , und das ist es , was an ihm nagt und zehrt . Ja , deine Mutter fehlt ihm , Gret . Er war nicht mehr jung , als er sie von Brügg ' her ins Haus bracht , aber er liebte sie so , und das mußt er auch , denn sie war wie ein Engel . Ja , so war sie . « » Und wie sah sie aus ? Sage mir ' s. « » Ach , du weißt es ja . Wie du . Nur hübscher , so hübsch du bist . Denn es ist , als ob du das blasse Bild von ihr wärst . Und so war es gleich den ersten Tag , als dein Vater dich auf den Arm nahm und sagte : › Sieh , Gerdt , das ist deine Schwester . ‹ Aber er wollte dich nicht sehn . Und als ich ihm zuredete und sagte : › Sieh doch nur ihre schwarzen Augen ; die hat sie von der Mutter ‹ , da lief er fort und sagte : › Von ihrer Mutter . Aber das ist nicht meine . ‹ « » Und wie war denn seine Mutter ? Hast du sie noch gekannt ? « » O gewiß . « » Und war sie schöner ? « » Ach , was du nur frägst , Gretel . Schöner als deine Mutter ? Schöner war keine . ' s war eine Stendalsche , weiter nichts , und der alte Zernitz , der sie nicht leiden konnt und immer über sie lachte , wiewohlen sie mit seiner eignen Frau zum Verwechseln war , der sagte : › Höre , Regine , sieht sie nicht aus wie der Stendalsche Roland ? ‹ Und wahrhaftig , so sah sie auch aus , so steif und so lang und so feierlich . Und auch so schlohweiß , denn sie trug immer selbstgebleichtes Linnen ! Und warum trug sie ' s ? Weil sie geizig war ; und es sollt immer mehr und mehr werden . Denn sie war eines reichen Brauherrn Tochter , und alles Geld , das wir haben , das kommt von ihr . « » Und hatte sie der Vater auch lieb ? « » Ich hab ihm nicht ins Herz gesehen . Aber ich glaub ' s nicht recht . Denn sieh , sie hatte keine Liebe , und wer keine Liebe hat , der findt auch keine . Das ist so Lauf der Welt , und es war just so , wie ' s mit der Trud ist . Aber ein Unterschied ist doch . Denn unsre Trud , obwohlen sie mir das gebrannte Herzeleid antut , ist doch hübsch und klug und weiß , was sie will , und paßt ins Haus und hat eine vornehme Art. Das haben so die Gardelegenschen . Aber die Stendalsche , die hatt es nicht und hat keinem was gegönnt und paßte nicht ins Haus , und wäre nicht der Grabstein mit der langen Inschrift , es wüßte keiner mehr von ihr . Auch Gigas nicht . Und zu dem hielt sie sich doch und ging in die Beichte . « » Und zu dem soll ich nun auch gehen , Regine : morgen schon . Trud ist bei ihm gewesen , und das Spielen und Klettern soll nun ein End haben , und ich soll vernünftig werden , so sagen sie . Aber ich fürchte mich vor Gigas . Er sieht einen so durch und durch , und mir ist immer , als mein er , ich verstecke was in meinem Herzen und sei noch katholisch von der Mutter her . « » Oh , nicht doch , Gret . Er hat dich ja selber getauft . Und jeden Sonntag bist du zur Kirch und singst Doktor Lutheri Lieder , und singst sie , wie sie Gigas nicht singen kann . Ich hör immer deine feine kleine Stimme . Nein , nein , laß nur und ängst ' ge dich nicht . Er meint es gut . Und nun schlaf , und wenn du von dem Puppenspiele träumst , so gib acht , mein Gretel , und träume von der Seite , wo die Engel stehn . « Und damit wollte sie nebenan in ihre Kammer gehen . Aber sie kehrte noch einmal um und sagte : » Und weißt du , Grete , der Valtin ist doch ein guter Jung . Alle Zernitzens sind gut ... Und von dem Valtin darfst du auch träumen . Ich erlaub es dir , ich , deine alte Regine . « 5. Kapitel . Grete bei Gigas Fünftes Kapitel Grete bei Gigas Es war den andern Vormittag , und von Sankt Stephan schlug es eben zehn , als Trud und Grete die Lange Straße hinaufgingen . Trotz früher Stunde brannte die Sonne schon , und beide standen unwillkürlich still und atmeten auf , als sie den schattigen Lindengang erreicht hatten , der , an der niedrigen Kirchhofsmauer entlang , auf das Predigerhaus zulief . Auch dieses Haus selber lag noch unter alten Linden versteckt , in denen jetzt viele Hunderte von Sperlingen zwitscherten . Eine alte Magd , als die Glocke das Zeichen gegeben , kam ihnen von Hof oder Küche her entgegen und wies , ohne gegrüßt oder gefragt zu haben , nach links hin auf die Studierstube . Wußte sie doch , daß Frau Trud immer willkommen war . Es war ein sehr geräumiges Zimmer , mit drei großen und hohen Fenstern , ohne Vorhänge , wahrscheinlich um das wenige Licht , das die Bäume zuließen , nicht noch mehr zu verkümmern . An den Wänden hin liefen hohe Regale mit hundert Bänden in braun und weißem Leder , während an einem vorspringenden Pfeiler , gerade der Tür gegenüber , ein halblebensgroßes Kruzifix hing , das auf einen langen , eichenen Arbeitstisch herniedersah . Auf diesem Tische , zwischen aufgeschlagenen Büchern und zahlreichen Aktenstößen , aber bis an die Kruzifix Wand zurückgeschoben , erhob sich ein zierliches , fünfstufiges Ebenholztreppchen , das , in beabsichtigtem oder zufälligem Gegensatz , oben einen Totenkopf und unten um seinen Sockel her einen Kranz von roten und weißen Rosen trug . Eigene Zucht . Zehn oder zwölf , die das Zimmer mit ihrem Dufte füllten . Gigas , als er die Tür gehen hörte , wandte sich auf seinem Drehschemel und erhob sich , sobald er Trud erkannte . » Ich bitt Euch , Platz zu nehmen , Frau Minde . « Dabei schob er ihr einen Stuhl zu und fuhr in seiner Rede fort : » Das ist also Grete , von der Ihr mir erzählt habt , Eure Schwieger und Euer Kind . Denn Ihr tragt es auf dem Herzen , und sein Wohl und Weh ist auch das Eure . Und das schätz ich an Euch , Frau Minde . Denn der Teufel mit seinen Listen geht immer um , am meisten aber bei der Jugend , und von ihr gilt es doppelt : › Wachet und betet , daß ihr nicht in Anfechtung fallet . ‹ Betest du , Grete ? « » Ja , Herr . « » Oft ? « » Jeden Abend . « Er sah , daß Grete zitterte und immer auf Trud blickte , aber nicht um Rat und Trostes willen , sondern aus Scham und Scheu . Und Gigas , der nicht nur das menschliche Herz kannte , sondern sich aus erbitterten Glaubenskämpfen her auch einen Schatz echter Liebe gerettet hatte , wandte sich jetzt an Trud und sagte : » Ich spräche gern allein mit dem Kind . So ' s Euch gefällt , Frau Minde , wartet auf mich in Hof oder Garten . Ihr wißt den Weg . « Und damit erhob sich Trud und verließ das Zimmer . Grete folgte mit dem Ohr und wurd erst ruhiger , als sie die schwere Hoftür in den Rollen gehn und wieder zuschlagen hörte . Auch Gigas hatte gewartet . Nun aber fuhr er fort : » Also jeden Abend betest du , Grete . Das hör ich gern . Aber was betest du ? « » Ich bete die sieben Bitten . « » Das ist gut . Aber was betest du noch ? « » Ich bet auch einen Spruch , den mich unsre alte Regine gelehrt hat . « » Das ist die Magd , die dich großgezogen , eh deine Schwieger ins Haus kam ? « » Ja , Herr . « » Und wie lautet der Spruch ? Ich möcht ihn wohl hören . Denn sieh , Grete , das mußt du wissen , ein für allemal , so wie wir beten , so sind wir . Es ist schon ein Zeichen , wie der Mensch zum Menschen spricht , aber wie der Mensch zu Gott spricht , das entscheidet über ihn . Da liegt es , gut oder böse . Willst du mir den Spruch sagen ? Du mußt dich nicht fürchten vor mir . Sammle dich und besinne dich . Sieh , ich will dir auch eine Rose schenken . Da . Und wie gut sie dir kleidet . Du gleichest deiner Mutter , aber nicht in allem , denk ich . Denn du weißt doch , daß sie sich zu dem alten Glauben hielt . Und sie mied mich , wenn ich in euer Haus kam . Aber ich habe für sie gebetet . Und nun sage mir deinen Spruch . « » Ich glaube , Herr , es ist ein Lied . « » Auch das ist gut . Spruch oder Lied . Aber beginne . « Und nun faltete Grete die Hände und sagte , während sie zu dem Alten aufsah : » Himmelwärts Richte , Gott , mein sündig Herz , Laß der Kranken und der Armen Mich in ihrer Not erbarmen ; Was ich irdisch gebe hin , Ist mir himmlischer Gewinn . « Gigas lächelte . Die Lieblichkeit des Kindes ließ das Feuer , das sonst wohl auf seiner Stirne hoch aufgeschlagen hätte , nicht übermächtig werden , und er sagte nur : » Nein , Grete , das macht es nicht : darin erkenn ich noch die Torheit von den guten Werken . Lernen wir lieber einen andern Spruch . Denn sieh , unsre guten Werke sind nichts und bedeuten nichts , weil all unser Tuen sündig ist von Anfang an . Wir haben nichts als den Glauben , und nur eines ist , das sühnet und Wert hat : der Gekreuzigte . « » Ja , Herr ... Ich weiß ... Und ich hab einen Splitter von seinem Kreuz . « Und sie zog in freudiger Erregung eine Goldkapsel aus ihrem Mieder . Gigas war einen Augenblick zurückgetreten , und seine roten Augen schienen röter geworden . Aber er sammelte sich auch diesmal rasch wieder und nahm die Kapsel und betrachtete sie . Sie hing an einem Kettchen . In das obere Kapselstock war eine Mutter Gottes in feinen Linien eingegraben , innerhalb aber lag ein rotes Seidenläppchen und in diesem der Splitter . Der Alte knipste das Deckelchen wieder zu und sagte dann ruhig : » Es ist Götzendienst , Grete . « » Ein Andenken , Herr ! Ein Andenken von meiner Mutter . Und es ist alles , was ich von ihr hab . Ich habe sie nicht mehr gekannt , Ihr wißt es . Aber Regine hat mir das Kettchen umgehängt , als ich meinen zehnten Geburtstag hatte . So hat sie der Mutter versprechen müssen , und seitdem trag ich es Tag und Nacht . « » Und ich will es dir nicht nehmen , Grete , jetzt nicht . Aber ich denke , der Tag soll kommen , wo du mir es geben wirst . Denn verstehe wohl : wir sollen sein Kreuz tragen , aber keinen Splitter von seinem Kreuz , und nicht auf unserm Herzen soll es ruhen , sondern in ihm . Und nun laß uns gute Freunde sein . Ich sehe , du hast einen offenen Sinn und bist anders , als ich dachte . Aber es geht noch um in dir , und die Regine , mit der ich sprechen will , hat nicht gebührlich gesorgt , den alten Spuk mit seinen Ränken und Listen auszutreiben . Ich denke , Grete , wir wollen die Tenne reinfegen und die Spreu von dem Weizen sondern . Du hast das rechte Herz , aber noch nicht den rechten Glauben , und irrt der Glaube , so irrt auch das Herz . Und nun geh , Grete . Und die Gnade Gottes sei mit dir . « Sie wollte seine Hand küssen , aber er litt es nicht und begleitete sie bis an die Stufen , die von der Diele her zu der Haustür hinaufführten . Hier erst wandt er sich wieder und ging über Flur und Hof auf den Garten zu , wo Trud , inmitten eines Buchsbaumganges , in stattlicher Haltung auf und nieder schritt . Beide begrüßten einander , und die Magd , die von ihrem Küchenfenster aus sehen konnte , wie der Alte sich aufrichtete und grader ging als gewöhnlich , verzog ihr Gesicht und murmelte vor sich hin : » Nicht zu glauben ... ! Und ist so alt und so fromm ! « Und dabei kicherte sie und ließ an ihrem Lachen erkennen , daß sie den Gedanken in ihrer Seele weiterspann . Trud und Gigas waren inzwischen den Garten hinaufgegangen und hielten vor einem runden Beet , das mit Rittersporn und gelben Studentenblumen dicht besetzt war . » Ich kann Euch nicht folgen , Frau Trud , in dem , was Ihr mir über das Kind gesagt habt « , sagte Gigas . » Ihr verkennt es . Es ist ein verzagtes Herz und kein trotzig Herz . Ich sah , wie sie zitterte , und der Spruch , den sie sagen sollte , wollt ihr nicht über die Lippen . Nein , es ist ein gutes Kind und ein schönes Kind . Wie die Mutter . « In Truds Auge zuckte wieder ein gelber Strahl auf , denn sie hörte nicht gern eines andern Lob , und in herbem Tone wiederholte sie : » Wie die Mutter ... Ich muß es glauben , daß sie schön war . Ihr sagt es , und alle Welt sagt es . Aber ich wollte , sie wär es weniger gewesen . Denn damit zwang sie ' s und hat unser Haus behext und in den alten Aberglauben zurückfallen lassen . So fürcht ich . Und daß ich ' s offen gesteh , ich traue dem alten Jacob Minde nicht , und ich traue der Regine nicht . Und widerstünd es mir nicht , den Horcher und Späher im eigenen Haus zu machen , ich glaube , daß ich noch manches fänd wie Bild und Splitter . « » Saget das nicht , Frau Trud . Euren Vater , den alten Ratsherrn , kenn ich von Beicht und Abendmahl und hab ihn allemal treu befunden . So das Unwesen aber im Mindeschen Hause umginge , was Gott in seiner Gnade verhüten wolle , so müßt ich Euch verklagen , Frau Trud , Euch , zu der ich mich alles Besten versehen habe . Denn ihr beherrschet das Haus . Euer Vater ist alt , und Euer Eheherr ist ein Wachs in Eurer Hand , und Ihr wißt es wohl , aller Samen , der vom Unkraut fällt und wuchert , ist ein Unheil und schädigt uns das Korn für unsre himmlischen Scheuren . « Sie hatten ihren Gang um das Rondel herum wiederaufgenommen , aus dessen kleinen dreieckigen Beeten die junge Frau jetzt einzelne Blumen pflückte . Beide schwiegen . Endlich sagte Trud : » Ich beherrsche das Haus , sagt Ihr . Ja , ich beherrsch es , und man gehorcht mir ; aber es ist ein toter Gehorsam , von dem das Herz nicht weiß . Das trotzt mir und geht seinen eigenen Weg . « » Aber Grete ist ein Kind . « » Ja und nein . Ihr werdet sie nun kennenlernen . Achtet auf ihr Auge . Jetzt schläft es , und dann springt es auf . Es ist etwas Böses in ihr . « » In uns allen , Frau Trud . Und nur zwei Dinge sind , es zu bändigen : der Glaube , den wir uns erbitten , und die Liebe , die wir uns erziehn . Liebt Ihr das Kind ? « Und sie senkte den Blick . 6. Kapitel . Das Maienfest Sechstes Kapitel Das Maienfest Ein Jahr beinah war vergangen , und die Tangermünder feierten , wie herkömmlich , ihr Maienfest . Das geschah abwechselnd in dem einen oder andern jener Waldstücke , die die Stadt in einem weiten Halbkreis umgaben . In diesem Jahr aber war es im Lorenzwald , den die Bürger besonders liebten , weil sich eine Sage daran knüpfte , die Sage von der Jungfrau Lorenz . Mit dieser Sage aber verhielt es sich so . Jungfrau Lorenz , ein Tangermünder Kind , hatte sich in dem großen , flußabwärts gelegenen Waldstück , das damals noch die Elbheide hieß , verirrt , und als der Abend hereinbrach und noch immer kein Ausweg sichtbar wurde , betete sie zur Mutter Gottes , ihr beizustehen und sich ihrer Not zu erbarmen . Und als sie so betete , da nahte sich ihr ein Hirsch , ein hoher Elfender , der legte sich ihr zu Füßen und sah sie an , als spräch er :