die ganze Stube mit seinem weißen unheimlichen Lichte füllte . Dabei lief der Sturm , der sein Heulen aufgegeben hatte , pfeifenden Tones und immer rascher um das Haus her und zwängte sich durch alle Ritzen . Und mit einem Male ward es still . » Ist es vorüber ? « fragte Hilde von ihrem Bett her . Aber ehe Grissel noch antworten konnte , gab es ein Donnern in den Lüften , und alles dröhnte und schütterte , und Grissel , die sonst Mut hatte , rief mit ängstlicher Stimme : » Duck di , Hilde . Dat is he . « Und Hilde duckte sich und wollte sich unter die Kissen verstecken , aber sie konnte es nicht und sprang auf und setzte sich auf Grissels Bett und sagte : » Was machen wir ? « – » Wir beten . « – » Ich kann nicht . « – » Dann sprich es nach . « Und Grissel betete : » Steh uns bei , Herr Jesus Christ , Wider Teufels Macht und List ; Dein ist die Kraft und Herrlichkeit In Ewigkeit . Amen . « Und » Amen « zitterte Hildens Stimme nach . Als sich am andern Morgen der Sturm gelegt hatte , kam die Regenzeit . Die dauerte zwei volle Wochen , und es klatschte Tag und Nacht an die Fenster , und die letzten Blätter fielen von den Bäumen und trieben in hundert kleinen Rinnen dem von dem losgewaschenen Erdreich immer trüber werdenden Bache zu . Hilde stand an dem Giebelfenster oben und fror . Und zuletzt warf sie sich aufs Bett , wickelte sich ein und legte die Füße auf den Binsenstuhl . Aber wenn sie dann Grissel auf der Treppe hörte , sprang sie rasch wieder auf , machte Bett und Decke wieder glatt , trat ans Fenster und sah in den Hof hinunter , wo die Hühner unterm Schuppendach saßen und Tiras seinen Kopf immer nur so weit vorstreckte , wie der Dachvorsprung seiner Hütte reichte . Und dann fragte Grissel : » Was machst du , Hilde ? « » Ich friere . « » Dann komm an den Herd . « Und darauf wartete Hilde bloß und ging treppab und kauerte sich unter den Herdbogen , wo das kleingemachte Holz lag , und wenn sie da warm geworden , kroch sie wieder heraus und setzte sich auf den Hauklotz . Da hockte sie stundenlang und sah in das Feuer , in das von oben her aus dem Rauchfang einzelne Tropfen zischend niederfielen , und hörte , wie die Katze spann und wie die Sperlinge , die sich naß und hungrig auf das Fensterbrett geflüchtet hatten , ängstlich und traurig zirpten und zwitscherten . Dann jammerte sie der Kreatur , und sie stand auf und öffnete das Fenster und streute Krumen . Und wenn einige zudringlich in die Küche hineinhuschten , dann hielt sie die Katze fest , bis alle wieder über den Flur oder durch den Rauchfang hinaus ins Freie waren . Das ging so wochenlang , bis eines Morgens der Regen fort war und die Sonne hell ins Fenster blinkte . Denn über Nacht war Winter geworden . Und wie das Wetter , so hatte sich auch die Hilde vertauscht und war froh und frisch und aller Müdigkeit los und ledig . Und Martin sagte : » Komm , ich geh auf die Sieben-Morgen . « Und nicht lange , so stiegen sie den Heckenzaun entlang auf ein Tümpelchen zu , das in der Sommerzeit eine Tränke für das Vieh war . Und weil es tief eingebettet und geschützt vor dem Winde lag , war sein Eis glatt , und Martin sagte : » Nun hucke dich und fasse meinen Rock . « Und im nächsten Augenblicke fuhr er über die Spiegelfläche hin , und sie glitt ihm nach und konnt es nicht müde werden , bis ihr zuletzt die klammen Finger versagten . Aber noch auf dem Heimwege versuchte sie ' s immer wieder , und als Grissel ihrer ansichtig wurde , wie sie so frisch und rotbäckig war , rief sie verwundert ein Mal über das andere : » Kind , Hilde , du bist es ja gar nicht mehr ! « Und wieder eine Woche später , da trübte sich der Himmel , ohne daß der Frost erheblich gewichen wäre ; und als Hilde den dritten Tag aufsah und wie gewöhnlich das Fenster öffnete , siehe , da flog schon ein Schneeball über sie weg und gleich darauf ein zweiter , und Martin rief hinauf : » Aber nun rasch ; ich will dich Schlitten fahren . « Und wirklich , ehe noch die Grissel ein Nein oder Ja sagen konnte , war schon die Schleife mit den vier Speichen heraus , und Hilde saß in dem Korbe , einen Häckselsack unter den Füßen und einen Pferdefries über die Knie ; Martin und Joost aber spannten sich vor , der eine rechts , der andere links , und im selben Augenblicke ging es vom Hof her in den Fahrweg hinunter und am Hause vorbei , so laut und so froh , daß Baltzer von seinem Tisch aufsah und zur Grissel sagte : » Wie die Hilde lustig sein kann . Und du sagst immer , sie sei bloß müd und matt und recke sich und strecke sich . Da sieh nur , wie das jubelt und lacht ! « » Ja « , sagte Grissel , » das ist , seit wir den Winter haben ; und hat ordentlich rote Backen und ist wie vertauscht . Und uns ' Martin auch , und immer hinterher , und Hildechen hier und Hildechen da . Ja , die Hilde ! Sie weiß es nicht anders mehr und hat es , mein Seel , vergessen , wo sie herkommt und was es eigentlich mit ihr ist ... Aber das sag ich so bloß zwischen uns , Baltzer Bocholt . « Und des Heidereiters Stirn , die sich schon gerunzelt hatte , glättete sich wieder , und er sagte ruhig und in beinahe freundlichem Tone : » Und wenn sie ' s vergessen hat , desto besser . Wir wollen es auch vergessen ... Und das vergiß nicht ! « 3. Kapitel . Hilde hat einen Willen Drittes Kapitel Hilde hat einen Willen Hilde lebte sich ein , und es waren glückliche , helle Tage , so hell wie der Schnee , der draußen lag . Alle Morgen mußte Martin in die Schule , zweimal auch zu Sörgel , aber wenn er dann eine Stunde vor Essen wiederkam und seine Mappe mit der Schiefertafel in das Brotschapp gestellt hatte , so ging es mit der ihn schon erwartenden Hilde rasch in die Winterfreude hinaus , die jeden Tag eine andere wurde . Die größte aber war , als sie sich auf dem Hofe eine Schneehütte gebaut und die Höhle darin mit Stroh und Heu ausgepolstert hatten . Da saßen sie halbe Stunden lang , sprachen kein Wort und hielten sich nur bei den Händen . Und Martin sagte , sie seien verzaubert und säßen in ihrem Schloß und der Riese draußen ließe niemand ein . Dieser Riese aber war ein Schneemann , dem Joost eine Perücke von Hobelspänen aufgesetzt und anfänglich ein Schwert in die Hand gegeben hatte , bis einige Tage später aus dem Schwert ein Besen und mit Hülfe dieses Tausches aus dem Riesen selbst ein Knecht Ruprecht geworden war . Das war um die Mitte Dezember . Als aber bald danach die letzte Woche vor dem Fest anbrach , da fingen auch die Heimlichkeiten an , und Martin war stundenlang fort , ohne daß Hilde gewußt hätte , wo . Und wenn sie dann fragte , so hörte sie nur , er sei bei Sörgel oder bei Melcher Harms oder bei dem alten Drechsler Eickmeier , der in der Weihnachtszeit außer seinen Pfeifen und seinem Schwamm auch noch Bilderbogen verkaufte . Mehr aber konnte niemand sagen , und erst am Heiligabende selbst mußte der Geheimnisvolltuende von seinem Geheimnis lassen , um sich ebenso der Zustimmung des Vaters wie der Hülfe Grissels zu versichern . Und diese letztere half denn auch wirklich und freute sich , daß es etwas Schönes werden würde , worüber ihr keinen Augenblick ein Zweifel kam . Und als es nun dunkelte und drüben von der Kirche her die kleine Glocke zu läuten anfing , da war alles fertig , und der Heidereiter selbst führte Hilden in seine Stube , drin unter dem Christbaum neben anderen Geschenken auch die ganze Stadt Bethlehem mit all ihren Hirten und Engeln aufgebaut worden war . Alles leuchtete hell , weil hinter dem geölten Papier eine ganze Zahl kleiner Lichter brannte ; am hellsten aber leuchtete der Stern , der über dem Kripplein und dem Jesuskinde stand . Hilde konnte sich nicht satt sehen daran , und als endlich der Lichterglanz in der Stadt Bethlehem erloschen war , trat sie vor den Heidereiter hin , um ihm für alles , was ihr der heilige Christ beschert hatte , zu danken . » Und nun sage mir « , sagte dieser , » was hat dir am besten gefallen ? « Sie wies auf die Stadt . » Dacht ich ' s doch ! « lachte Baltzer Bocholt , » die Stadt ! Aber die Stadt ist nicht von mir , Hilde , die hat dir der Martin aufgebaut und hat seine Sparbüchse geplündert . Und der alte Melcher Harms hat ihm geholfen , und alles , was in Holz geschnitzt ist und auf vier Beinen steht , das ist von ihm . Ja , das versteht er . Aber der Martin hat doch das Beste getan , und wenn du wem danken willst , so weißt du jetzt , wohin damit . « Und dabei wies er auf Martin , der scheu neben dem Ofen stand . Hilden selbst aber war alle Scheu geschwunden , und sie lief auf Martin zu und gab ihm einen herzhaften Kuß , so herzhaft , daß der alte Heidereiter ins Lachen kam und immer wiederholte : » Das ist recht , Hilde , das ist recht . Ihr sollt euch liebhaben , so recht von Herzen und wie Bruder und Schwester . Ja , so will ich ' s , das hab ich gern . « Und danach ging es zu Tisch , und alle ließen sich den Weihnachtskarpfen schmecken und waren guter Dinge , nur Hilde nicht , die noch immer in fieberhafter Erregung nach dem dunkelgewordenen Bethlehem hinübersah und endlich froh war , als sie gute Nacht sagen und in die Giebelstube hinaufsteigen konnte . Hier stellte sie , was ihr unten beschert worden war , auf das oberste Brett ihres Schrankes und sagte zu Grissel , während sie den Binsenstuhl an das Bett derselben heranrückte : » Nun erzähle . « » Wovon , Kind ? « » Von der Jungfrau Maria . « » Und von dem Jesuskindlein ? « » Ja . Von dem Kindlein auch . Aber am liebsten von der Jungfrau Maria . War es seine Mutter ? « » Ach , du Herr des Himmels ! « entsetzte sich Grissel . » Hast du denn nie gelernt : › Geboren von der Jungfrau Maria ‹ ? Kind , Kind ! Ach , und deine Mutter , die Muthe , hat sie dir denn nie das zweite Stück vorgesagt ? Wie ? Sage ! « » Sie hat mir immer nur ein Lied vorgesagt . « » Und wovon ? « » Von einem jungen Grafen . « » Und nichts von Gott und Christus ? Und weißt auch nicht , was Weihnachten ist ? Und bist am Ende gar nicht getauft ? Und da läßt der Pastor dich umherlaufen , sagt nichts und fragt nichts , und der Böse geht um , und ist keiner , der ihm widerstände , der nicht den Glauben hat an Jesum Christum , unseren Herrn und Heiland . Ach , du mein armes Heidenkind ... ! Aber nimm dir ein Tuch um und wickele dich ein , denn es ist kalt , und dann höre zu , was ich dir sagen will . « Und Grissel erzählte nun von Joseph und Maria und von Bethlehem , und wie das Christkind allda geboren sei . » Von der Jungfrau Maria ? « » Ja , von der . Denn das Kind , das sie gebar , das war nicht des Josephs Kind , das war das Kind des Heiligen Geistes . « Es war ersichtlich , daß Hilde nicht verstand und verlegen war . Aber sie wollte nicht weiter fragen und sagte nur : » Und wie kam es dann ? « » Ei , dann kam es so , wie du ' s heute gesehen hast und wie Martin und Joost es dir aufgebaut haben . Und meinetwegen auch der alte Melcher . Erst kam der Stern und stand über dem Hause still , und dann erschienen die Hirten , und zuletzt kamen die drei Könige von Morgenland und brachten Gold und Gaben und köstliche Gewänder , und alles war Licht und himmlische Musik , und der Himmel war offen , und die Engel Gottes stiegen auf und nieder . Und es war Freud im Himmel und auf Erden , denn unser Heiland war geboren . Und dieser Geburtstag unseres Heilandes ist unser Weihnachtstag . « Hildes Augen waren immer größer geworden , und sie sagte jetzt : » Ah , das ist schön und wird einem so weit ! Erzähle mir immer mehr . Ich seh es alles und höre die himmlische Musik , und dazwischen ist es wie Glockenläuten . Ernst und schwer . Und ist immer derselbe Ton ... « Indem aber hatte sich Grissel aufgerichtet , hielt ihre Hand ans Ohr und sagte : » Hilde , Kind , was ist das ... ? Immer ein Ton , freilich . Und immer derselbe ... Das ist die Feuerglocke ... Horch ! « Und sie war aus dem Bett gesprungen , warf ihren Friesrock über und sah hinaus . Aber im Dorfe war kein Feuerschein , und so lief sie nach der anderen Giebelstube hinüber , wo Martin schlief , und riß das Fenster auf . Und da sah sie die Glut , nicht unten im Tal , aber oben , und wenn nicht alles täuschte , so mußt es auf Kunerts-Kamp sein , hart am Walde , denn die Rückseite von Ellernklipp stand angeglüht im Widerschein . Und sie flog treppab , um den Heidereiter zu wecken . Aber der stand schon auf der Diele , den Hirschfänger an der Koppel , und rief ihr zu : » Meinen Hut ; rasch ! Verdammte Wirtschaft ! Wer hat den Hut vom Ständer genommen ? « – » Er hängt ja ; weiß Gott , Baltzer , Ihr habt wieder Euren Koller und kein Aug im Kopf . Hier . « Und er riß ihr den Hut aus der Hand . In der Tür aber wandt er sich noch einmal zurück und sagte scharf und bestimmt : » Und daß du mir das Haus hütest , Grissel . Ich befehl es . Ein Feuer wie das ist kein Küchenfeuer . Und Hilde soll ins Bett . Und Martin auch . « Damit war er die Treppenstufen hinunter und ging auf Diegels Mühle zu , von der er dann , als auf dem nächsten Wege , nach Ellernklipp hinauf wollte . Mittlerweile war auch Hilde die Treppe herabgekommen und stellte sich mit auf die zugige Diele , denn Vor- und Hintertür standen weit offen . Und nicht lange , so rollte von Emmerode her über den hartgetretenen Schnee die Dorfspritze heran . Allerhand junges Volk hatte sich vorgespannt , andere schoben , und Grissel , die bis auf die Vortreppe hinausgetreten war , fragte : wo es sei . » Auf Kunerts-Kamp . Der Muthe Rochussen ihr Haus brennt . « Und damit ging es weiter . Aber ehe noch die Spritze zwischen den Erlen verschwunden war , erklärte Hilde , die jedes Wort gehört hatte , daß sie gehen und das Feuer sehen wolle . » Du darfst nicht . « Aber sie bat weiter , und als Grissel unerbittlich blieb , sagte sie : » Gut , so geh ich allein . Du wirst mich doch nicht halten wollen ? « Und damit lief sie fort und kam erst zurück und beruhigte sich erst wieder , als ihr die bang und ängstlich nachstürzende Grissel ein Mal über das andere zugesichert hatte , sie nicht einsperren oder mit Gewalt festhalten , ihr vielmehr in allem zu Willen sein zu wollen . Und wirklich , sie hielt Wort ; und als sie die vor Erregung immer noch zitternde Hilde wohl verwahrt und in ihre Weihnachtspelzkappe gesteckt hatte , gingen sie , rechts um das Haus biegend , einen mit lockerem Schnee gefüllten Graben hinauf , der unmittelbar neben dem Heckenzaun hin auf die Höhe zulief . Eine Zeitlang war es ihnen , als ob oben alles erloschen sei , denn sie sahen keinen Schein mehr . Aber kaum , daß der anfänglich tiefe Graben etwas flacher geworden war , so lag auch das Feuer vor ihnen , wie mit Händen zu greifen , und die Glutmasse wirbelte immer heftiger in die Höhe . Hilde stand wie gebannt . Endlich aber sagte sie : » Komm , wir wollen näher . « Und damit hielten sie sich auf einen hohen Grenzstein zu , der zwischen Kunerts-Kamp und den Sieben-Morgen lag und das verschneite Heidekraut weit überragte . Auf den stellten sie sich und sahen hinüber in die Flamme . Die Spritze war schon da , trotzdem man sie stückweise hatte herauftragen müssen , aber Wasser fehlte . Denn der Ziehbrunnen , der zu dem Hause gehörte , lag schon im Bereiche des Feuers , und niemand konnte mehr heran . Es schien aber doch , als ob Wasser von irgendwoher erwartet werde , denn eine lange Kette hatte sich bis Ellernklipp hin aufgestellt , und nur der Heidereiter achtete weit mehr auf das , was an der entgegengesetzten Seite vorging , weil er vor allem seinen Wald zu retten wünschte . Der lag freilich noch gute hundert Schritte zurück , aber gerade da , wo die Muthe gewohnt hatte , schob er eine lange Spitze vor , deren vorderstes Gezweig bereits bis über die Gartenzäunung hing . Es war klar , daß der Wald in äußerster Gefahr schwebte , wenn es nicht gelang , einen breiten Zwischenraum zu schaffen , und Baltzer Bocholt , der wohl erkannte , daß er um des Ganzen willen einen Einsatz nicht scheuen dürfe , wies jetzt , als er seine Holzschläger und Schindelspeller um sich versammelt sah , auf die Stelle hin , wo seiner Meinung nach der Schnitt gemacht und die vorspringende Spitze von dem eigentlichen Gebreite des Waldes abgetrennt werden mußte . » Vorwärts ! « Und nicht lange , so hörte man den Schlag der Axt und das Krachen und Stürzen der Bäume , die , wenn kaum erst halb angeschlagen , an langen Stricken niedergerissen wurden . Und eine kleine Weile noch , so gab es auch Wasser oder doch die Gelegenheit dazu , denn aus dem Tale herauf , von Diegels Mühle her , erschien eben jetzt eine Schlittenschleife , die mit Schaufeln und Spaten , mit Eimern und Kesseln und überhaupt mit allem bepackt worden war , dessen man unten in der Eile hatte habhaft werden können ; und während einige der Leute sofort sich anschickten , mit Stangen und Feuerhaken ein paar brennende Balken aus der Feuermasse herauszureißen , schleppten andere die Kessel , große und kleine , vom Schlitten her in die Glut und schippten den umherliegenden Schnee hinein . Und wieder andere waren , die hockten um die Kessel her und trugen den Schnee , wenn er geschmolzen , in Butten und Eimern an die nebenstehende Spritze , deren erster Strahl eben jetzt in die Glutmasse niederfiel . Aber der Heidereiter , unschwer erkennend , daß an der Muthe Haus wenig gelegen und noch weniger zu retten war , schrie mit lauter Stimme dazwischen : » Unsinn ! hierher ! « , und gehorsam seinem Kommando , packten alle , die zur Hand waren , nach der Spritzendeichsel und jagten über die verschneiten Baumstubben fort , bis sie dicht an der Waldecke hielten , an eben jener bedrohtesten Stelle , wo der angeglühte Schnee bereits von den Zweigen zu tropfen anfing . Und Hilde starrte wie benommen in das mit jedem Augenblicke sich neu gestaltende Bild , das , alles sonstigen Wechsels ungeachtet , in drei fest und unverändert bleibenden Farbenstufen vor ihr lag : am weitesten zurück die schwarze Schattenmasse des Waldes , vor dem Walde das Feuer und vor dem Feuer der Schnee . Über dem Ganzen aber der Sternenhimmel . Und sie sah hinauf , und die Engel stiegen auf und nieder . Und es war wieder ein Singen und Klingen , und die Wirklichkeit der Dinge schwand ihr hin in Bild und Traum . Und so stand sie noch , als sie drüben ein Rufen und Schreien hörte , vor dem ihr Traum zerrann , und als sie wieder hinblickte , sah sie , daß das brennende Haus in ein Wanken und Schwanken kam und im nächsten Augenblicke jäh zusammenstürzte . Die Funken flogen himmelan und verloren sich in den Sternen . Eine Minute lang folgte sie noch wie geblendet dem Schauspiel , während sie zugleich das in die Höhe gerichtete Auge mit ihrer Hand zu schützen suchte . Dann aber ließ sie die Hand wieder fallen und sagte : » Komm , Grissel , mich friert . Und es ist nun alles vorbei . « 4. Kapitel . Hilde kommt in die Schule Viertes Kapitel Hilde kommt in die Schule Baltzer Bocholt hatte die beiden wohl gesehen , aber er sagte nichts , als er eine Stunde später heimkam , und schwieg auch am anderen Tage beim Frühstück . Er sah nur Hilden scharf an , und erst als diese wieder fort war und Grissel die Teller abräumte , von denen man die Morgensuppe gegessen , warf er im Vorübergehen hin : » Ihr waret also doch da ? « » Ja . Die Hilde wollt es , und als ich es ihr abschlug und ihr sagte , Ihr hättet es verboten , da lief sie fort , wie sie ging und stand . Und da mußt ich ihr alles versprechen . Und ein wahres Glück noch , daß ich sie wieder ins Haus brachte ; sie hätte ja den Tod gehabt ohne Mantel und dicke Schuhe . Und im Ostwind und durch den Schnee . « » So , so « , sagte Baltzer und trommelte an die Scheiben . » Sie kann also auch ungehorsam sein . Sieh , Grissel , das gefällt mir . Der Mensch muß gehorchen , das ist das erste , sonst taugt er nichts . Aber das zweite ist , er muß nicht gehorchen , sonst taugt er auch nichts . Wer immer gehorcht , das ist ein fauler Knecht , und ist ohne Lust und Liebe und ohne Kraft und Mut . Aber wer eine rechte Lust und Liebe hat , der hat auch einen Willen . Und wer einen Willen hat , der will auch mal anders , als andere wollen . « So verging der Tag , ohne daß von dem Feuer gesprochen worden wäre , und erst am Abend , als Grissel und Hilde wieder auf ihrer Giebelstube waren , sagte erstere : » Bist du traurig , Hilde ? « » Nein . « » Aber du sprichst nicht . Und es war doch euer Haus , und du wolltest hin und es sehen . « » Ja , ich wollt es , als ich den roten Himmel sah . « » Und hast auch keine Sehnsucht ? Ich meine nach deiner Mutter . Oder hattest du sie nicht lieb ? « » O ja , ich hatte sie lieb . Aber ich bin doch nicht traurig . « » Und warum nicht ? « » Ich weiß es nicht . Aber mir ist , als wäre sie nicht tot . Ich seh sie noch und höre sie noch . Und dann hab ich ja euch . Es ist besser hier und nicht so still und so kalt . Und du bist so gut , und Martin ... « » Und der Vater ... « » Ja , der auch . « Ohne weitere Zwischenfälle verlief der Winter , und als Ostern , das in diesem Jahre früh fiel , um eine Woche vorüber war , packte Martin nicht bloß seine Mappe , sondern auch Hildens , und mit erwartungsvoller und beinahe feierlicher Miene gingen beide neben dem Bach hin auf das mitten im Dorf gelegene Schulhaus zu , das schwarze Balken und weißgetünchte Lehmfelder und oben auf dem Dach eine kleine Glocke hatte . Die läutete eben , als sie eintraten . Hilde kam nach unten , denn sie wußte nichts , und selbst die Kleinen lachten mitunter . Auch schien es nicht , als ob sie die lange Versäumnis im Fluge nachholen werde , denn sie war oft träge und abgespannt und machte Krickelkrakel im Rechnen und Schreiben , und nur im Lesen und Auswendiglernen war sie gut . Und siehe da , das half ihr , und als kurz vor der Erntezeit eine Schulinspektion angemeldet wurde , mußte sie die Fabel von der Grille und der Ameise vorlesen , was ihr neben der Zufriedenheit des Lehrers auch eine besondere Belobigung des alten Sörgel eintrug . Und was diesen anging , so sollte sich ' s überhaupt jetzt zeigen , daß er des Kindes und seiner Zusage nicht vergessen habe , denn er schrieb denselben Tag noch ein Zettelchen , worin er dem Heidereiter vorschlug , ihm jeden Dienstag und Freitag die Hilde herüberzuschicken , und natürlich auch den Martin , damit er ihnen etwas aus der Bibel erzählen könne . Das geschah denn auch , und die zwei Stunden beim alten Sörgel waren bald das , worauf sich die Kinder am meisten freuten . Es war alles nach wie vor so still und behaglich drüben , und der kleine Zeisig , der in seinem Bauer zirpte , schien nur dazu da , zu zeigen , wie still es war . Dazu lagen über die ganze Stube hin lange , von Tucheggen geflochtene Streifen , sogenannte Läufer , alle weich genug , einen jeden Schritt zu dämpfen , auch den schwersten , selbst wenn der alte Sörgel nicht kniehohe Sammetstiefel und bei rechter Kälte sogar noch ein Paar Filzschuhe darüber getragen hätte . Das erste Mal , als er so kam , waren Martin und Hilde dicht am Lachen gewesen , aber der alte Herr , der wohl wußte , wie Kinder sind , hatte nur mitgelächelt und im selben Augenblicke gefragt : » Nun , Hilde , sage mir , wie hießen die zwölf Söhne Jakobs ... ? Richtig ... Und nun sage mir , wie hieß sein Schwiegervater ... ? Richtig ... Und nun sage mir , wie hieß seine Stiefgroßmutter ... ? « Auf diese letztere Frage war er nun , wie sich denken läßt , einer Antwort nicht gewärtig gewesen ; als aber Hilde mit aller Promptheit und Sicherheit ihm » Hagar « geantwortet und noch hinzugesetzt hatte : » Die meint Ihr , Pastor Sörgel ; es ist aber eigentlich nicht richtig « – da war er schmunzelnd an einen nußbaumenen Eckschrank herangetreten und hatte von dem obersten Brett eine Meißener Suppenterrine herabgenommen , darin er seine Biskuits aufzubewahren liebte . » Da , Hilde , das hast du dir ehrlich verdient ... Und das hier , Martin , ist für dich , damit dir das Herz nicht blutet . « So ging es geraume Zeit , es war schon der zweite Winter , und da Sörgel eine Vorliebe für das Alte Testament hatte – eine Vorliebe , die nur noch von seiner Abneigung gegen die Offenbarung Johannis übertroffen wurde – , so konnte es keinen verwundern , die Kinder fest in der alten biblischen Geschichte zu sehen , und zwar um so fester , als sie nicht bloß zuhören , sondern auch alles frisch Gehörte sofort wiedererzählen mußten . In ihrem Wissen waren sie gleich , aber in Auffassung und Urteil zeigte sich Hilde mehr und mehr überlegen , so sehr , daß der alte Pastor immer wieder in die vielleicht verwerfliche Neigung verfiel , sie , wie damals mit der Hagarfrage , durch allerlei Doktorfragen in Verlegenheit zu bringen . » Sage , Hilde « , so hieß es eines Tages , » du kennst so viele Frauen von Eva bis Esther . Nun sage mir , welche gefällt dir am besten und welche am zweit-und drittbesten ? Und welche gefällt dir am schlechtesten ? Gefällt dir Mirjam ? Oder gefällt dir Jephthahs Tochter ? Oder gefällt dir Bathseba ? Du schüttelst den Kopf und willst von des Uria Weib nichts wissen . Aber du darfst es ihr nicht anrechnen , daß der König ihren Mann an die gefährliche Stelle schickte . Das tat eben der König . Und sie konnt es nicht ändern ... Oder gefällt dir Judith ? « » Auch die nicht . Judith am wenigsten . « » Warum ? « » Weil sie den Holofernes mordete , listig und grausam , und seinen Kopf in einen Sack steckte . Nein , ich mag kein Blut sehen , an mir nicht und an anderen nicht . « » Ich will es gelten lassen . Aber wer soll es dann sein , Hilde ? Wer gefällt dir ? « » Ruth . « » Ruth « , wiederholte Sörgel . » Eine gute Wahl . Aber du weißt doch ,