war doch gewiß ein Verbrechen : denn war ich bereit zu sterben ? oder war das Gewölbe unter der Kanzel in der Kirche von Gateshead ein so einladendes Ende ? In diesem Gewölbe lag Mr. Reed begraben , wie man mir gesagt hatte ; dieser Gedanke führte mich dazu , sein Andenken herauf zu beschwören ; und mit wachsendem Grauen verweilte ich bei demselben . Ich konnte mich seiner nicht erinnern ; aber ich wußte , daß er mein Onkel gewesen , – der einzige Bruder meiner Mutter – daß er mich in sein Haus aufgenommen , als ich ein armes , elternloses Kind gewesen ; und daß er noch in seinen letzten Augenblicken Mrs. Reed das Versprechen abgenommen hatte , mich wie ihr eigenes Kind zu erziehen und zu versorgen . Mrs. Reed war höchstwahrscheinlich der Überzeugung , daß sie dieses Versprechen gehalten habe , und so weit ihre Natur ihr dies erlaubte , hatte sie es auch gethan ; aber wie sollte sie denn auch in Wirklichkeit für einen Eindringling Liebe hegen , der nicht zu ihrer Familie gehörte und nach dem Tode ihres Gatten durch keine Bande mehr an sie gekettet war ? Es mußte allerdings ärgerlich sein , sich durch ein unter solchen Umständen gegebenes Versprechen genötigt zu sehen , einem fremden Kinde , das sie nicht lieben konnte , die Eltern zu ersetzen , und es ertragen zu müssen , daß eine unsympathische Fremde sich unaufhörlich in ihren Familienkreis drängte . Eine sonderbare Idee bemächtigte sich meiner . Ich zweifelte nicht – hatte es niemals bezweifelt – daß Mr. Reed , wenn er am Leben geblieben , mich mit Güte behandelt haben würde ; und jetzt , als ich so dasaß und auf die dunklen Wände und das weiße Bett blickte , zuweilen auch wie gebannt ein Auge auf den trübe blinkenden Spiegel warf – da begann ich mich an das zu erinnern , was ich von Toten gehört hatte , die im Grabe keine Ruhe finden konnten , weil man ihre letzten Wünsche unerfüllt gelassen , und jetzt auf die Erde zurückkehrten , um die Meineidigen zu strafen und die Bedrückten zu rächen ; ich dachte , wie Mr. Reeds Geist , gequält durch das Unrecht , welches man dem Kinde seiner Schwester zufügte , seine Ruhestätte verließ – entweder in dem Gewölbe der Kirche oder in dem unbekannten Lande der Abgeschiedenen – und in diesem Zimmer vor mir erscheinen könne . Ich trocknete meine Thränen und unterdrückte mein Schluchzen ; denn ich fürchtete , daß diese lauten Äußerungen meines Grams eine übernatürliche Stimme zu meinem Troste erwecken oder aus dem mich umgebenden Dunkel ein Antlitz mit einem Heiligenschein hervorleuchten lassen könne , das sich mit wundersamem Mitleid über mich beugte . Dieser Gedanke , der in der Theorie vielleicht ganz trostreich , würde entsetzlich sein , wenn er zur Wirklichkeit werden könnte , das fühlte ich : mit aller Gewalt versuchte ich , ihn zu unterdrücken – ich bemühte mich , ruhig und gefaßt zu sein . Indem ich mir das Haar von Stirn und Augen strich , erhob ich den Kopf und versuchte in dem dunklen Zimmer umher zu blicken : in diesem Augenblick sah ich den Wiederschein eines Lichtes an der Wand ! – War es vielleicht der Mondesstrahl , der durch eine Öffnung in dem Vorhang drang , fragte ich mich ? Nein , die Mondesstrahlen waren ruhig und dies Licht bewegte sich ; während ich noch hinblickte , glitt es zur Decke hinauf und erzitterte über meinem Kopfe , Jetzt kann ich freilich begreifen , daß dieser Lichtstreifen aller Wahrscheinlichkeit nach der Schimmer einer Laterne war , welche jemand über den freien Platz vor dem Hause trug ; aber damals , mit dem auf Schrecken und Entsetzen vorbereiteten Gemüt , mit meinen vor Aufregung bebenden Nerven , hielt ich den sich schnell bewegenden Strahl für den Herold einer Erscheinung , die aus einer anderen Welt zu mir kam . Mein Herz pochte laut , mein Kopf wurde heiß ; in meinen Ohren spürte ich ein Brausen , das ich für das Rauschen der Flügel hielt ; ein Etwas schien sich mir zu nähern ; ich fühlte mich bedrückt , erstickt ; mein Widerstandsvermögen gab nach ; ich stürzte auf die Thür zu und rüttelte mit verzweifelter Anstrengung am Schlosse . Eilende Schritte kamen durch den äußeren Korridor daher ; der Schlüssel wurde im Schlosse umgedreht , Bessie und Miß Abbot traten ein . » Miß Eyre , sind Sie krank ? « fragte Bessie . » Welch ein fürchterlicher Lärm ! Ich bin ganz außer mir ! « rief Abbot aus . » Nehmt mich mit hinaus ! Laßt mich in die Kinderstube gehen ! « schrie ich ununterbrochen . » Weshalb denn ? Ist Ihnen irgend etwas geschehen ? Haben Sie etwas gesehen ? « fragte Bessie wiederum . » O , ich sah ein Licht und ich meinte , daß ein Geist kommen würde . « Ich hatte mich jetzt Bessies Hand bemächtigt , und sie entwand sie mir nicht . » Sie hat mit Absicht so geschrieen , « erklärte Abbot mit einigem Abscheu . » Und welch ein Geschrei ! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte , so könnte man es noch entschuldigen , aber sie wollte weiter nichts , als uns alle herbeilocken . Ich kenne ihre bösen Streiche schon . « » Was giebt es denn hier ? « fragte eine andere Stimme gebieterisch ; und Mrs. Reed kam mit flatternden Haubenbändern und wehendem Kleide durch den Korridor daher , » Abbot und Bessie , ich glaube , daß ich Befehl gegeben habe , Jane Eyre in dem roten Zimmer zu lassen , bis ich selbst sie holen würde ? « » Miß Jane schrie so laut , Madame , « wandte Bessie zögernd ein . » Laßt sie los , « war die einzige Antwort . » Laß Bessies Hand los , Kind : verlaß dich darauf , auf diese Weise wirst du nicht hinaus gelangen . Ich verabscheue solche List , besonders bei Kindern ; es ist meine Pflicht , dir zu beweisen , daß du mit derartigen Ränken und Schlichen nicht weit kommst . Jetzt wirst du noch eine ganze Stunde hierbleiben , und auch dann gebe ich dich nur frei , wenn du mir das Versprechen giebst , vollkommen ruhig und unterwürfig zu sein , « » O , Tante , hab Erbarmen ! Vergieb mir doch ! Ich kann , ich kann es nicht ertragen . – Bestrafe mich doch auf andere Weise ! Ich komme um , wenn – – « » Sei still ! Diese Heftigkeit ist ganz widerlich und empörend ! « und ohne Zweifel hegte sie auch Abscheu gegen mein Betragen . In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin ; sie sah in der That auf mich wie auf eine Zusammensetzung der heftigsten Leidenschaften , eines niedrigen , gemeinen Geistes und gefährlicher Falschheit . Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten , warf Mrs. Reed , die meiner wilden Angst und meines lauten Schluchzens wohl müde geworden sein mochte , mich rasch in das Zimmer zurück und schloß mich ohne weitere Erklärungen und Worte wieder ein . Ich hörte noch , wie sie davon rauschte ; und bald nachdem sie gegangen war , muß ich in Krämpfe verfallen sein : Bewußtlosigkeit machte der Scene ein Ende ! Drittes Kapitel . Dann erinnerte ich mich an nichts mehr . Als ich erwachte , war es mit dem Gefühl eines schrecklichen Alpdrückens , vor mir sah ich eine unheimliche rote Glut , von der sich dicke , schwarze Stangen abhoben . Ich hörte Stimmen , die hohl an mein Ohr klangen , als würden sie durch das Rauschen des Wassers oder Toben des Windes übertönt , Aufregung , Ungewißheit und ein alles beherrschendes Gefühl des Entsetzens hielt alle meine Sinne gefangen . Es vergingen nur wenige Augenblicke , und dann gewahrte ich , daß jemand mich berührte , mich aufhob und mich in eine sitzende Stellung brachte , und zwar viel zärtlicher und sorgsamer , als mich bis jetzt irgend jemand gestützt oder emporgehoben hatte . Ich lehnte meinen Kopf gegen einen Arm oder ein Polster und fühlte mich unendlich wohl . Noch fünf Minuten und die Wolken der Bewußtlosigkeit begannen zu schwinden . Jetzt wußte ich sehr wohl , daß ich in meinem eigenen Bette lag , und daß die rote Glut nichts anderes war , als das Feuer im Kamin der Kinderstube . Es war Nacht , eine Kerze brannte auf dem Tische ; Bessie stand am Fußende meines Bettes und hielt eine Waschschüssel in der Hand , ein Herr saß auf einem Lehnstuhle neben mir und beugte sich über mich . Ich empfand eine unbeschreibliche Erleichterung , eine wohlthuende Überzeugung der Sicherheit und des Beschütztseins , als ich sah , daß sich ein Fremder im Zimmer befand , ein Mensch , der nicht zum Haushalt von Gateshead , nicht zu den Verwandten von Mrs. Reed gehörte . – Mich von Bessie abwendend – obgleich ihre Gegenwart mir weit weniger unangenehm war , als mir zum Beispiel Abbots Gesellschaft gewesen wäre – prüfte ich die Gesichtszuge des Herrn ; ich kannte ihn , es war Mr. Lloyd , ein Apotheker , den Mrs. Reed zuweilen rufen ließ , wenn ihre Dienstboten krank waren . Für sich selbst und ihre Kinder nahm sie immer nur die Hilfe des Arztes in Anspruch . » Nun , wer bin ich ? « fragte er . Ich sprach seinen Namen aus und streckte ihm zu gleicher Zeit meine Hand entgegen ; er nahm sie , lächelte und sagte : » Ah , wir werden uns jetzt langsam erholen . « Dann legte er mich nieder , wandte sich zu Bessie , empfahl ihr , sehr vorsichtig zu sein und mich während der Nacht nicht zu stören . Nachdem er noch weitere Weisungen erteilt und gesagt hatte , daß er am folgenden Tage wiederkommen würde , ging er fort ; zu meiner größten Betrübnis ; während er auf dem Stuhl neben meinem Kopfkissen saß , fühlte ich mich so beschützt , so sicher , und als die Thür sich hinter ihm schloß , wurde das ganze Zimmer dunkel und mein Herz verzagte von neuem , es unterlag der Last eines unbeschreiblichen Grams . » Glauben Sie , daß Sie schlafen können , Miß ? « fragte Bessie mich ungewöhnlich sanft . Kaum wagte ich , ihr zu antworten , denn ich fürchtete , daß ihre nächsten Worte wieder rauh klingen würden . » Ich will es versuchen , « sagte ich leise . » Möchten Sie nicht irgend etwas essen oder trinken ? « » Nein , ich danke , Bessie . « » Nun , dann werde ich auch schlafen gehen , denn es ist schon nach Mitternacht ; aber Sie können mich rufen , wenn Sie während der Nacht irgend etwas brauchen . « Welche seltene Höflichkeit ! Sie ermutigte mich , eine Frage zu stellen . » Bessie , was ist denn mit mir geschehen ? Bin ich sehr krank ? « » Ich vermute , daß Sie vor Schreien im roten Zimmer krank geworden sind ; aber Sie werden ohne Zweifel bald wieder ganz gesund sein . « Bessie ging in das anstoßende Zimmer der Hausmädchen . Ich hörte , wie sie dort sagte : » Sarah , komm und schlaf bei mir in der Kinderstube , und wenn es mein Leben gälte , so könnte ich diese Nacht nicht mit dem armen Kinde allein bleiben ; es könnte sterben ! Wie sonderbar , daß Miß Jane einen solchen Anfall haben mußte ! Ich mochte doch wissen , ob sie irgend etwas gesehen hat . Mrs. Reed war dieses Mal aber auch zu hart gegen sie . « Sarah kam mit ihr zurück ; beide gingen zu Bett ; sie flüsterten wenigstens noch eine halbe Stunde mit einander , bevor sie einschliefen . Ich hörte einige Bruchstücke ihrer Unterhaltung , und aus diesen schloß ich auf den Hauptgegenstand ihrer Diskussion . » Etwas ist an ihr vorübergeschwebt , ganz in Weiß gekleidet , dann ist es verschwunden . « – – » Ein großer , schwarzer Hund hinter ihm . « – » Dreimal hat es laut an der Zimmerthür geklopft , « – Ein Licht auf dem Friedhofe gerade über seinem Grabe « – u. s. w. , u , s. w. Endlich schliefen beide ein . Feuer und Licht erloschen . In schaurigem Wachen ging die Nacht für mich langsam hin ; Entsetzen und Angst hielten Ohren , Augen und Sinne wach . – Entsetzen und Angst , wie nur Kinder es zu empfinden imstande sind . Diesem Zwischenfall im roten Zimmer folgte keine lange , ernste , körperliche Krankheit ; nur eine heftige Erschütterung meiner Nerven , deren Widerhall ich noch bis auf den heutigen Tag empfinde . Ja , Mrs. Reed , Ihnen verdanke ich gar manchen qualvollen Schmerz der Seele . Aber ich sollte Ihnen verzeihen , denn Sie wußten nicht , was Sie thaten , während Sie jede Faser meines Herzens zerrissen , glaubten Sie nur meine bösen Neigungen und Anlagen zu ersticken . Am nächsten Tage gegen Mittag war ich bereits aufgestanden und angekleidet und saß in einen warmen Shawl gehüllt vor dem Kaminfeuer . Ich fühlte mich körperlich schwach und gebrochen , aber mein schlimmstes Übel war ein unaussprechlicher Jammer der Seele , ein Jammer , der mir fortwährend stille Thränen entlockte , kaum hatte ich einen salzigen Tropfen von meiner Wange getrocknet , als auch schon ein anderer folgte . Und doch meinte ich , daß ich augenblicklich glücklich sein müßte , denn keiner von den Reeds war da , alle waren mit ihrer Mama im großen Wagen spazieren gefahren ; auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer , und während Bessie hin und her ging , Spielsachen forträumte und Schiebladen ordnete , richtete sie dann und wann ein ungewöhnlich freundliches Wort an mich . Diese Lage der Dinge wäre für mich ein Paradies des Friedens gewesen , für mich , die ich nur an ein Dasein voll unaufhörlichen Tadels und grausame Sklaverei gewöhnt war , – aber in der That waren meine Nerven jetzt in einem solchen Zustande , daß keine Ruhe sie mehr sänftigen , kein Vergnügen sie mehr freudig erregen konnte . Bessie war unten in der Küche gewesen und brachte mir jetzt einen Kuchen herauf , der auf einem gewissen , bunt gemalten Porzellanteller lag , dessen Paradiesvogel , welcher sich auf einem Kranz von Maiglöckchen und Rosenknospen schaukelte , stets eine enthusiastische Bewunderung in mir wach gerufen hatte . Gar oft hatte ich innig gebeten , diesen Teller in die Hand nehmen zu dürfen , um ihn genauer betrachten zu können , bis jetzt hatte man mich aber stets einer solchen Gunst für unwürdig gehalten . Jetzt stellte man mir nun diesen kostbaren Teller auf den Schoß und bat mich freundlich , das Stückchen auserlesenen Gebäcks , welches auf demselben lag , zu essen . Eitle Gunst ! Sie kam zu spät , wie so manche andere , die so innig erwünscht , und so lange versagt worden war ! Ich konnte den Kuchen nicht essen , und das Gefieder des Vogels , die Farben der Blumen schienen mir seltsam verblaßt – ich schob sowohl Teller wie Gebäck von mir . Bessie fragte mich , ob ich ein Buch haben wolle . Das Wort Buch wirkte wie ein vorübergehendes Reizmittel , und ich bat sie , mir » Gullivers Reisen « aus der Bibliothek zu holen . Dieses Buch hatte ich schon unzählige Male mit Entzücken gelesen ; ich hielt es für eine Erzählung von Thatsachen und entdeckte in ihm eine Ader , die ein weit tieferes Interesse für mich hatte , als dasjenige , welches ich in Märchen gefunden hatte ; denn nachdem ich die Elfen vergebens unter den Blättern des Fingerhuts und der Glockenblume , unter Pilzen und altem , von Epheu umrankten Gemäuer gesucht , hatte ich mein Gemüt mit der traurigen Wahrheit ausgesöhnt , daß sie alle England verlassen hätten , um in ein unbekanntes Land zu gehen , wo die Wälder noch stiller und wilder und dicker , die Menschen noch spärlicher gesäet seien . Liliput hingegen und Brobdignag waren nach meinem Glauben solide Bestandteile der Erdoberfläche ; ich zweifelte gar nicht , daß , wenn ich eines Tages eine weite Reise machen könnte , ich mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder und Häuser , die winzigen Menschen , die zierlichen Kühe , Schafe und Vögel des einen Königreichs sehen würde , und ebenso die baumhohen Kornfelder , die mächtigen Bullenbeißer , die Katzen-Ungeheuer , die turmhohen Männer und Frauen des anderen . Und doch , als ich den geliebten Band jetzt in Händen hielt – als ich die Seiten umblätterte und in den wundersamen Bildern den Reiz suchte , welchen sie mir bis jetzt stets gewährt hatten – da war alles alt und trübselig ; die Riesen waren hagere Kobolde ; die Pigmäen boshafte und scheußliche Gnomen , Gulliver ein trübseliger Wanderer in öden und gefährlichen Regionen . Ich schloß das Buch , in dem ich nicht länger zu lesen wagte und legte es auf den Tisch neben das unberührte Stück Kuchen . Bessie war jetzt mit dem Abstauben und Aufräumen des Zimmers zu Ende , und nachdem sie ihre Hände gewaschen hatte , öffnete sie eine gewisse kleine Schieblade , welche mit den schönsten , prächtigsten Lappen von Seide und Atlas angefüllt war , und begann einen Hut für Georginas neue Puppe zu machen . Dann begann sie zu singen ; das Lied lautete : » Als wir durch Wald und Flur streiften . Vor langer , langer Zeit . « Wie oft hatte ich dies Lied schon gehört , und immer mit dem größten Entzücken ; denn Bessie hatte eine süße Stimme – wenigstens nach meinem Geschmack . Aber jetzt , obgleich ihre Stimme noch immer lieblich klang , lag für mich eine unbeschreibliche Traurigkeit in dieser Melodie . Zuweilen , wenn ihre Arbeit sie ganz in Anspruch nahm , sang sie den Refrain sehr leise , sehr langsam : » Vor langer , langer Zeit « ; dann klang es wie die Schlußkadenz eines Grabliedes . Endlich begann sie eine andere Ballade zu singen , diesmal eine wirklich traurige . Mein Körper ist müd und wund ist mein Fuß , Weit ist der Weg , den ich wandern muß . Bald wird es Nacht , und den Weg ich nicht find ' . Den ich wandern muß , armes Waisenkind ! Weshalb sandten sie mich so weit , so weit , Durch Feld und Wald , auf die Berg ' , wo es schneit ? Die Menschen sind hart ! Doch Engel so lind . Bewachen mich armes Waisenkind . Die Sterne , sie scheinen herab so klar . Die Luft ist mild ! Es ist doch wahr : Gott ist barmherzig , er steuert dem Wind , Daß er nicht erfasse das Waisenkind . Und wenn ich nun strauchle am Waldesrand Oder ins Meer versink , wo mich führt keine Hand ' , So weiß ich doch , daß den Vater ich find ' , Er nimmt an sein Herz das Waisenkind ! Das ist meine Hoffnung , die Kraft mir giebt . Daß Gott da droben sein Kind doch liebt . Bei ihm dort oben die Heimat ich find ' . Er liebt auch das arme Waisenkind ! » Kommen Sie , Miß Jane , weinen Sie nicht , « sagte Bessie , als sie zu Ende war . Ebensogut hätte sie dem Feuer sagen können » brenne nicht ! « aber wie hätte sie denn auch eine Ahnung von dem herzzerreißenden Schmerz haben können , dessen Beute ich war ? – Im Laufe des Morgens kam Mr. Lloyd wieder . » Wie ? Schon aufgestanden ? « rief er , als er in die Kinderstube trat , » Nun , Wärterin , wie geht es ihr denn eigentlich ? « Bessie entgegnete , daß es mir außerordentlich gut gehe . » Dann sollte sie aber fröhlicher aussehen . Kommen Sie her , Miß Jane . Sie heißen Jane , nicht wahr ? « » Ja , mein Herr , Jane Eyre ! « » Nun , Sie haben geweint , Miß Jane Eyre , wollen Sie mir nicht sagen , weshalb ? Haben Sie Schmerzen ? « » Nein , Herr . « » Ah , ich vermute , daß sie weint , weil sie nicht mit Mrs. Reed spazieren fahren durfte , « warf Bessie hier ein . » O nein , gewiß nicht , für solche Albernheit ist sie denn doch zu alt . « Das dachte ich auch ; und da meine Selbstachtung durch die falsche Beschuldigung verletzt war , antwortete ich schnell : » In meinem ganzen Leben habe ich noch keine Thränen um solche Dinge vergossen . Ich hasse die Spazierfahrten . Ich weine , weil ich so unglücklich bin , « » Schämen Sie sich , Miß ! « rief Bessie , Der gute Apotheker schien ein wenig verwirrt . Ich stand vor ihm ; er heftete seine Augen fest auf mich . Diese Augen waren klein und grau , nicht sehr leuchtend , aber ich glaube , daß ich sie jetzt sehr klug finden würde . Trotz der harten Züge hatte er ein gutmütiges Gesicht . Nachdem er mich lange mit Muße betrachtet hatte , sagte er : » Was hat Sie gestern krank gemacht ? « » Sie ist gefallen , « sagte Bessie wieder einfallend . » Gefallen ! Nun , das ist gerade wieder wie ein Kind ! Kann sie bei ihrem Alter denn noch nicht allein gehen ? Sie muß doch acht oder neun Jahre alt sein ? « » Jemand hat mich zu Boden geschlagen , « lautete die derbe Erklärung , welche der Schmerz gekränkten Stolzes mir wiederum entriß , » aber das hat mich nicht krank gemacht , « fügte ich hinzu , während Mr. Lloyd bedächtig eine Prise Tabak nahm . Als er die Tabaksdose wieder in seine Westentasche schob , rief der laute Klang einer Glocke die Dienstboten zum Mittagessen ; er wußte , was es bedeutete : » Das gilt Ihnen , Wärterin , « sagte er , » Sie können hinunter gehen ; ich werde Miß Jane einige Lehren geben , bis Sie zurücklehren . « Bessie wäre lieber geblieben , aber sie war gezwungen zu gehen , weil die Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten eine Sache war , auf welche in Gateshead-Hall strenge gehalten wurde . » Der Fall hat Sie nicht krank gemacht ? Nun , was war es denn ? « fragte Mr. Lloyd weiter , nachdem Bessie gegangen war . » Ich war in einem Zimmer eingesperrt , wo ein Geist umgeht – und es war schon lange dunkel . « Ich sah , wie Mr. Lloyd lächelte und zugleich die Stirn runzelte . » Ein Geist ! Was ! Sie sind am Ende doch nichts anderes , als ein kleines Kind ! Sie fürchten sich vor Geistern ? « » Ja , vor Mr. Reeds Geist fürchte ich mich . Er starb in jenem Zimmer und lag dort auf der Bahre . Weder Bessie noch sonst jemand geht am Abend hinein , wenn es nicht dringend notwendig ist ; und es war so furchtbar grausam , mich dort allein , ohne Licht , einzuschließen – so grausam , daß ich glaube , ich werde es niemals vergessen können . « » Unsinn ! Und macht das Sie so elend ? Fürchten Sie sich jetzt bei Tage auch noch ? « » Nein . Aber es dauert nicht lange und dann wird es wieder Nacht . Und außerdem , ich bin unglücklich , sehr unglücklich um anderer Dinge willen . « » Was für Dinge denn ? Können Sie mir die nicht nennen ? « Wie sehr wünschte ich , offen und ehrlich auf diese Frage zu antworten ! Wie schwer war es aber , Worte für eine solche Antwort zu finden ! Kinder können wohl empfinden , aber sie können ihr Empfinden nicht zergliedern ; und wenn ihnen die Zergliederung zum Teil auch in Gedanken gelingt , so wissen sie nicht , wie sie das Resultat dieses Vorganges in Worte kleiden sollen . Da ich aber fürchtete , daß ich diese erste und einzige Gelegenheit , meinen Kummer durch Mitteilung zu erleichtern , ungenützt vorübergehen lassen könnte , gelang es mir nach einer unruhigen Pause , eine unzulängliche , aber wahre Antwort hervorzubringen . » Erstens habe ich keinen Vater , keine Mutter , keinen Bruder , keine Schwester . « » Aber Sie haben eine gütige Tante und liebe Vettern und Cousinen . « Wiederum hielt ich inne , dann rief ich kindisch aus : » Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen und meine Tante hat mich im roten Zimmer eingesperrt . « Zum zweitenmal holte Mr. Lloyd seine Schnupftabaksdose hervor . » Finden Sie denn nicht , daß Gateshead-Hall ein wunderschönes Haus ist ? « fragte er . » Sind Sie nicht dankbar , an einem so schönen Orte leben zu können ? « » Es ist nicht mein eigenes Haus , Sir ; und Abbot sagt , daß ich weniger Recht habe , hier zu sein , als ein Dienstbote . « » Dummes Zeug ! Sie können doch nicht so dumm sein , zu wünschen , daß Sie einen so herrlichen Ort wie diesen verlassen dürften ? « » Wenn ich nur wüßte , wohin ich gehen sollte , ich wäre wahrhaftig froh zu gehen ; aber ich darf Gateshead erst verlassen , wenn ich erwachsen bin . « » Vielleicht doch früher – wer weiß ? Haben Sie außer Mrs. Reed keine Verwandte ? « » Ich glaube nicht , Sir . « » Niemanden , der mit Ihrem Vater verwandt war ? « » Ich weiß es nicht . Einmal fragte ich Tante Reed , und da sagte sie , daß ich möglicherweise irgend welche arme , heruntergekommene Verwandte , namens Eyre , haben könne , daß sie aber nichts über sie wisse . « » Möchten Sie denn zu ihnen gehen , wenn Sie solche Angehörige hätten ? « Ich besann mich . Armut hat etwas abschreckendes für erwachsene Menschen ; für Kinder aber noch mehr ; sie haben nicht viel Sinn für fleißige , arbeitsame , ehrenhafte Armut ; dies Wort erweckt in ihnen nur den Gedanken an zerlumpte Kleider , kärgliche Nahrung , einen kalten Ofen , rohe Manieren und entwürdigende Laster : auch für mich war Armut gleichbedeutend mit Entehrung . » Nein . Ich möchte nicht bei armen Leuten leben , « war meine Antwort . » Auch nicht , wenn sie gütig gegen Sie wären ? « Ich schüttelte den Kopf . Ich konnte nicht begreifen , wie arme Leute überhaupt die Mittel haben , gütig zu sein . Und dann – sprechen lernen wie sie – ihre Manieren annehmen – schlecht erzogen werden – aufwachsen wie eins jener armen Weiber , die ich zuweilen vor den Thüren der Hütten ihre Kinder warten und ihre Kleider waschen sah ? – nein , ich war nicht heroisch genug , meine Freiheit um den Preis meiner Kaste zu erkaufen . » Aber sind Ihre Verwandten denn so arm ? Gehören sie zur arbeitenden Klasse ? « » Das weiß ich nicht ; Tante Reed sagt , wenn ich überhaupt Angehörige habe , so müssen sie Bettlergesindel sein . Nein , nein , ich möchte nicht betteln gehen . « » Möchten Sie nicht in die Schule gehen ? « Wiederum dachte ich nach ; kaum wußte ich , was eine Schule denn eigentlich sei ; Bessie sprach zuweilen davon wie von einem Orte , an dem man von jungen Damen erwartet , daß sie außerordentlich manierlich und geziert sind ; John Reed haßte seine Schule und schmähte seinen Lehrer , aber John Reeds Ansichten und Geschmack waren keine Regel für die meinen , und wenn Bessies Berichte über Schuldisziplin ( diese stammten von den Töchtern einer Familie , in welcher sie gedient hatte , bevor sie nach Gateshead kam ) etwas abschreckend lauteten , so waren ihre Erzählungen von verschiedenen Talenten und Kenntnissen , welche diese selben jungen Damen sich angeeignet hatten , andererseits höchst verlockend . Sie prahlte von wunderschönen Gemälden , von Landschaften und Blumen , welche sie vollendet , von Liedern , die sie singen und Klavierpiecen , die sie spielen , von Geldbörsen , die sie häkeln , von französischen Büchern , die sie übersetzen konnten , bis mein Gemüt , während ich ihr lauschte , zur Nachahmung aufgestachelt wurde . Außerdem wäre die Schule doch eine gründliche Abwechselung : damit war eine lange Reise verknüpft , eine gänzliche Trennung von Gateshead , ein Eintritt in ein neues Leben . » Ich möchte in der That in eine Schule gehen , « war die hörbare Schlußfolgerung meines Nachsinnens . » Nun , nun , wer weiß denn , was geschieht ! « sagte Mr. Lloyd , indem er sich erhob , » Das Kind braucht Luft- und Ortsveränderung , « fügte er hinzu , mit sich selbst redend , » die Nerven sind in einer bösen Verfassung . « Jetzt kam Bessie zurück ; in demselben Augenblick hörte man Mrs. Reeds Wagen über den Kies der Gartenwege rollen . » Ist das Ihre Herrin , Wärterin ? « fragte Mr. Lloyd , » ich möchte noch mit ihr reden bevor ich gehe . « Bessie forderte ihn auf , ins Frühstückszimmer zu gehen und geleitete ihn hinaus . Wie ich aus den nachfolgenden Begebenheiten schloß , wagte der Apotheker während der Unterredung mit Mrs. Reed ihr anzuempfehlen , daß sie mich in eine Schule schicke ; und ohne Zweifel