möglich . Jetzt im Sommer ist es überhaupt erträglicher , man hat den großen Speisesaal mit der deprimierenden langen Tafel verlassen und nimmt die Mahlzeiten auf der Terrasse an einzelnen Tischen . Henry , Doktor Lukas , der Knabe Gottfried und ich haben einen Tisch am oberen Ende , wo man alles übersehen kann und doch etwas für sich ist . Die Witwe wollte sich anschließen , aber es war zum Glück kein Platz mehr . So gastiert sie nur bei uns , und damit sie nicht allzu störend wird , erziehen wir sie zu unserer Anschauungsweise . Kurz , wir haben hier mitten in dieser fremden Welt eine Art eigenes Milieu gegründet . Du kannst Dir denken , daß Henry und ich uns viel zu erzählen haben und endlos von alten Zeiten reden . Wir rechneten aus , wie lange wir uns jetzt schon kennen . Es sind ungefähr acht Jahre , und die Bekanntschaft begann mit einer sehr schönen , sehr langen und sehr kostspieligen Reise , von der wir ohne einen Heller zurückkehrten . Er gab dann seine bisherige wissenschaftliche Tätigkeit auf und verlegte sich auf Unternehmungen . Der erste Anlaß dazu war ein Exfreund , dem er ein beträchtliches Kapital ins Geschäft gesteckt hatte und der es nicht wieder herausrücken wollte . Der Exfreund wurde verklagt , gepfändet , jedoch umsonst . Er hatte vorgesorgt und alles rechtzeitig seiner Tante zediert . Aber er hatte irgendeine vielversprechende Erfindung gemacht , das Patent auf diese Erfindung konnte er wohl nicht gut der Tante zedieren , und Henry ließ es beschlagnahmen . Damals lernten wir , seine näheren Bekannten , ihn bewundern ; er hatte uns vorher wohl allerlei Pläne entwickelt , aber wir verstanden wenig von solchen Dingen und hielten sie deshalb für phantastisch . Ich sehe ihn noch , wie er dann eines Tages plötzlich auf den Tisch schlug und sagte : » Jetzt hab ' ich ' s. « Acht Tage später hatte er auf die Erfindung des Exfreundes eine GmbH gegründet , hatte ein elegantes Büro mit zahllosen Plänen , Grundrissen und Gipsmodellen und telefonierte den ganzen Tag . Wenn ich mich recht erinnere , handelte es sich um einen feuersicheren Kinemasaal , brach aber doch einmal Feuer aus , so würde wenigstens keine Panik entstehen , weil er in einer halben Minute geräumt werden konnte . Wie die Geschichte ausging , bringe ich nicht mehr zusammen , und es tut auch nichts zur Sache . Jedenfalls begann er damit seine Laufbahn als Gründer . Übrigens hat Henry ebenso wie ich einen rätselhaften Unstern in finanziellen Dingen gehabt , er konnte wohl auch nicht die richtige persönliche Beziehung zum Geld finden . Mich hat es dann schließlich ernst genommen , ihn foppte es auf unqualifizierbare Weise . Böse Zungen behaupten heute noch , es sei bei all seinen Unternehmungen nie etwas herausgekommen , aber das kennt man ja und soll kein Gewicht darauf legen . Einerlei , er blieb unbeugsam , fragte man ihn , wie steht es denn mit der oder jener Geschichte ? , so hieß es : schlecht , gerade im entscheidenden Moment kam etwas dazwischen , aber ich habe jetzt eine neue Sache an der Hand , und wenn die nicht einschlägt , soll mich der Teufel holen . Manchmal verschwand er auch für eine Weile , und man hatte Angst , er sei verkracht , aber er war nur rasch in Südamerika oder sonstwo gewesen , um irgendein Unternehmen in die Wege zu leiten . Dann tauchte er wieder auf und mit ihm ein neues Büro , ein imponierendes Türschild , das wieder eine neue GmbH verkündete , Modelle , Telefongespräche und Aktionäre . Du siehst , Maria , er ist auch diesmal wiedergekommen und hat sich drunten in unserem Städtchen ein Büro eingerichtet , wo er täglich ein paar Stunden mit seinen Aktionären telefoniert . Wir schwelgen in alten Erinnerungen : ... wie ich einmal Geld hatte ... wie du einmal Geld hattest ... oder : als es mir damals ernstlich an den Hals ging ... Unsere Schicksale hatten immer eine gewisse Ähnlichkeit miteinander , so mußte es wohl auch kommen , daß wir uns hier im Sanatorium mit unseren beiderseitigen Geldkomplexen wiederfanden und doch beide nach altem Brauch auf eine günstige Lösung warten ... ich auf meine Erbschaft , er auf einen großen Coup , der seiner Meinung nach dieses Mal nicht fehlschlagen kann . Beklag Dich , bitte , nicht wieder über meine Briefe , Maria . Aber ich interessiere mich momentan so grenzenlos für meine eigene Existenz , daß nichts anderes übrigbleibt . Auch darin verhext einen die ewige Geldfrage , möchtest Du ' s nur nie an Dir selbst erfahren . Alle schönen Eigenschaften des Herzens , alles Eingehen auf andere geht dabei zum Henker ... 5 Ich fürchte , wir haben den armen Privatdozenten angesteckt . Anfangs pflegte er nur friedlich von wirtschaftlichen Fragen zu sprechen , während er sich jetzt auf das lebhafteste für Gründungen und Spekulationen , kurz für alle direkten und indirekten Geldfragen interessiert . An unserem Tisch ist von nichts anderem mehr die Rede , die Neurosen und Psychosen haben alle Anziehungskraft verloren . Selbst Gottfried denkt nicht mehr über seine Weltanschauung nach , sondern hört andächtig zu . Ich glaube , der Verkehr mit uns wird ihn noch völlig heilen . Heut saß ich längere Zeit mit Doktor Lukas allein . Wir gaben uns alle Mühe , zur Abwechslung einmal ein anderes Thema anzuschlagen ... die Hitze ... die Persönlichkeit des Professors ... wie schön es sein müßte , jetzt für ein paar Wochen an die Nordsee zu fahren ... und wurden dabei aber immer einsilbiger und langweiliger . Dann kam die Witwe einen Augenblick heran und stimmte ihr gewohntes Klagelied an . Tag und Nacht habe ihr verstorbener Mann gearbeitet , bis er ein kleines Vermögen auf der Bank liegen hatte , und all das sauer verdiente Geld sei nun in der Konkursmasse - mein Gott , mein Gott ! Die gute Dame ist etwas ermüdend , aber ihre Neurose besteht nun einmal in dem beständigen Repetieren ihrer Leidensgeschichte , und als Mitpatient muß man Geduld haben . » Eigentlich hat sie ja auch recht « , sagte Lukas , als sie wieder fort war . » Nein , sie ist vollständig auf dem Holzweg , weil sie an dem Geld gerade das Sauerverdiente so schätzt und hervorhebt . Es ist ein widerwärtiger Ausdruck und ein widerwärtiger Begriff . Es kann auch auf sauerverdientem Geld kein Segen ruhen , es muß uns hassen , weil wir es an den Haaren herbeigezogen haben , wo es vielleicht gar nicht hinwollte , und wir müssen es hassen , weil wir uns dafür geschunden haben und im Gedanken an diese Schinderei noch voller Ressentiments sind . Es rächt sich auch immer , denn entweder warten schon andere Leute darauf , oder man gibt es in der ersten Reaktion für sinnlose Dinge aus . « » Der Baulöwe hatte es aber anscheinend doch auf die Bank gelegt , um sich später einmal gute Tage zu machen ... « - » Um so schlimmer , dann wird es gar noch zum sauer Ersparten , was die Leute bekanntlich immer auf tragische Weise einbüßen . Ich begreife auch , daß das Geld sich solche Bezeichnungen nicht gefallen läßt . Sauer erspart ... sagen Sie es sich nur ein paarmal vor , womöglich mit knarrender Stimme . « Er tat es und mußte mir recht geben : » Wie Krähen im Herbst « , sagte er . Inzwischen war Henry unbemerkt durch die Gartentür hereingekommen und stand mit einemmal hinter uns . » Was macht Ihr denn da ? « sagte er aufrichtig erschrocken , » mein Gott , Herr Doktor , jetzt hat es Sie auch schon ... Kommen Sie lieber mit hinunter in mein Büro , ich möchte Ihnen etwas zeigen . « Im Büro war ein Arbeiter damit beschäftigt , eine große Holzkiste aufzubrechen , und wir waren sehr neugierig auf den Inhalt . Henry erzählte uns derweil ausführlich die Geschichte der südafrikanischen Goldminen , um derenthalben er damals fortging . Man hatte ihm die Leitung des ganzen Unternehmens übertragen , aber wie gewöhnlich , wenn alles einmal glattgehen konnte , machte das Geld eine förmliche Verschwörung gegen ihn . Er hatte einfach keines , konnte das aber den Aktionären nicht gut unter die Nase reiben , und die Abreise verzögerte sich , verschob sich bis ins Aschgraue . Wiederum regten sich die bösen Zungen und behaupteten , er sei monatelang mit einem falschen Bart herumgegangen , um zu verbergen , daß er immer noch da war . Ich weiß auch nicht mehr , hat es ein halbes oder ein ganzes Jahr gedauert , bis er endlich an seiner Geschäftsstelle anlangte . Von dort aus hatte inzwischen ein Herr Alramseder aus Nürnberg , der an der Sache beteiligt war , gegen ihn intrigiert , und Henry erfuhr gleich bei seiner Ankunft , daß die Gesellschaft ihn schon lange seiner Stellung enthoben und eben jenen Herrn Alramseder zu seinem Nachfolger gemacht hatte . Dieser liebenswürdige Mann mit dem heimatlichen Namen hatte einen ausgesprochenen Tropenkoller und schickte ihm ohne weiteres einen Trupp von sechzehn Kaffern entgegen , die ihn verhaften sollten . Die Witwe hörte in größter Spannung zu und fragte fast atemlos : » Ja ... und was taten Sie da ? « » Zuerst fotografierte ich die Kaffern « , sagte Henry schlicht und ohne Pose . » Fotografierten die Kaffern ? ... « » Ja , um Beweismaterial gegen den Alramseder in der Hand zu haben . « - Pause . Tatsächlich ist es ihm dann auch gelungen , ich weiß nicht , ob die Fotografie der sechzehn Kaffern dabei ausschlaggebend wirkte - die leitende Stellung wieder an sich zu bringen und zu behaupten . Die Witwe war ganz begeistert und ist jetzt überzeugt , daß es Henry gelingt , mit ihren Gläubigern fertig zu werden und das Andenken des unverbesserlichen Baulöwen reinzuwaschen . Inzwischen war die Kiste endlich aufgebrochen , und Henry hob eine sonderbare , unförmliche Gipsgeschichte heraus , die das Minenterrain darstellte . Quer durch geht ein blau angestrichener Fluß . Er erklärte uns die geographische Lage und daß die Goldlager sich unter dem Flußbett befänden . » Und wie bekommt man das Gold da heraus ? « fragten wir . » Das ist ganz einfach « , antwortete er und hob ohne weiteres den blau angestrichenen Fluß heraus , mit einer so überzeugenden Geste , daß wir einen Moment das Gefühl hatten , wenn es darauf ankäme , würde er es auch in Wirklichkeit so machen . Nun , er hat es uns dann ausdrücklich erklärt , wie es gemacht wird , aber ich habe weder aufgepaßt , noch möchte es von besonderem Interesse für Dich sein . Schließlich kann einen Gold doch nur lebhaft interessieren , wenn es schon wirklich Zwanzigmarkstücke sind und sie einem gehören . 6 So , nun habe ich endlich einmal eine Sensation zu verkündigen , die Sensation ... der alte Herr ist sanft entschlafen , wie mir gestern ein Telegramm meines Miterben meldete . Ich war ihm dankbar , daß er sich so taktvoll ausdrückte , und gebe mir alle Mühe , dem Entschlafenen gegenüber ebenfalls taktvoll zu empfinden . In dem Moment , wo jemand tot ist , wird einem das ja auch immer relativ leicht . Also erwartet jetzt , bitte , kein ordinäres Freudengeheul von mir , mir ist vielmehr zumut , als ob ich vorläufig sehr viel Haltung bewahren müßte . Erstens wissen wir über das Testament und vor allem über den Besitzstand des Verstorbenen noch nichts Genaueres , und da er Ausländer war , kann sich das alles noch etwas hinziehen . Zweitens habe ich den Glauben an das Geld , an alles Geld verloren und kann ihn nicht von heute auf morgen wiederfinden . Bis es nicht tatsächlich vor mir auf dem Tisch liegt ... und wer weiß , ob es mich jetzt für hinlänglich geläutert hält , um sich wirklich auf meinen Tisch zu legen . Wie oft habe ich erlebt , daß es schon auf dem Wege zu mir war und unter irgendeinem fadenscheinigen Vorwand wieder umkehrte . Selbst dadurch , daß es einem gehört , hat man es noch nicht ... so halte ich es für geboten , es vorläufig möglichst zu ignorieren und um keinen Preis kopfscheu zu machen . Bitte , verhaltet auch Ihr Euch in diesem Sinne , sprecht nicht davon , freut Euch nicht , schlagt keinen Lärm und gratuliert mir nicht . ... Nein , diese Botschaft an sich kann mich noch nicht von meinem Geldkomplex erlösen , es kommt nur allmählich wieder ein Gefühl von Daseinsberechtigung über mich , das ich mittlerweile ganz verloren hatte . Laß Dir sagen , liebe Maria , es sind nur zwei Dinge , die einem dies Gefühl geben ... Geld und Liebe . Soll es ganz richtig sein , so sind es beide zusammen , aber wann ist wohl das Leben einmal ganz richtig ? Und fehlt eines von den beiden , so kann man sich immerhin mit dem anderen trösten . Fehlen aber beide , wie jetzt , wie hier ... nun , alles in allem ist es doch ein etwas trüber Aufenthalt . Mit Geld könnte ich fortgehen , aber es ist keines da ; mit Liebe könnte ich hierbleiben , aber es fehlt jedes geeignete Objekt . Der Atheist ist mir zu jung , Lukas zu seriös , und mit Henry bin ich allmählich zu gut befreundet . In den Arzt verliebt man sich nur , wenn man hysterisch ist , und unser würdiger Professor eignet sich wenig dazu . ... Ich fahre erst heute fort . Der Miterbe war hier , man hat sich ernst und korrekt die Hand geschüttelt und doch ein wenig wie zwei Überlebende nach einem Schiffbruch , die nun nähere Bekanntschaft miteinander machen . Man widmete dem Verstorbenen einige geziemende Worte , und das war wirklich anständig , denn er hat bei seinen Lebzeiten wenig Sympathie für uns an den Tag gelegt und unser beider Treiben , soweit es ihm bekannt wurde , meistens gemißbilligt . Aber wir waren jetzt einig , ihm das nicht mehr nachzutragen . Dann war vom Begräbnis die Rede . Der alte Herr will in seiner Familiengruft beigesetzt werden , und das ist ungemein schwierig , weil wir , die beiden einzigen Nachkommen , im Moment nicht über die Mittel verfügen , ihn dorthin zu geleiten . Diese Frage bleibt also noch ungelöst ? Dagegen wird morgen am Sterbeort eine Einsegnung stattfinden . Ich sollte durchaus mitfahren , habe mich aber geweigert . Nie in meinem Leben habe ich solche Sachen mitgemacht , ich habe einen pathologischen Horror davor . Gott weiß , ob der Alte sich nicht auch darüber ärgern würde . Ich habe Angst davor , ihn noch nachträglich zu verstimmen und üble Folgen über mein Haupt heraufzubeschwören . Allmählich kamen wir dann auch auf die Erbschaft selbst zu sprechen . Er hat das Testament vor einigen Jahren selbst eingesehen , und nach dem , was er sagt , käme eine Summe in Betracht , die uns beiden das Herz höher schlagen läßt . Nun machte aber der alte Herr vor anderthalb Jahren - nachdem er unglücklicherweise von unserem Kontrakt erfahren ( vermutlich durch seinen schnöden Advokaten , der ihn gemacht hat und den wir nicht zahlen konnten ) , eine verdächtige Reise in seine Heimat , um seine Angelegenheiten zu ordnen . Der Miterbe , der eigentlich Bescheid wissen müßte , behauptet zwar , nach dem dortigen Gesetz könne man ihn als den einzigen direkten Nachkommen , falls er nur verheiratet sei , nicht verkürzen . So hat man sich darüber wieder beruhigt . Natürlich muß er sich gründlich um die Sache bekümmern , meint aber , in wenigen Monaten könne alles erledigt sein . Monate - Maria - in Monaten kann alles mögliche passieren , man kann krank werden , sterben , verunglücken oder den Verstand verlieren . In Monaten hat das Geld alle Muße , die ausgefallensten Schikanen zu ersinnen . Monate sind eine schreckliche Zeit , wenn man sie mit Warten zubringt . Ich male mir alle schlimmen Möglichkeiten aus , das ist immer das beste , um ihnen vorzubeugen . Ängstigt man sich zum Beispiel , es sei jemand ertrunken oder abgestürzt , so kommt er sicher heil zurück , erwartet man ihn aber unbefangen zum Abendessen , so wird er womöglich vom Blitz erschlagen . Du siehst , ich habe mein System vollständig geändert und wehre mich ebenso verzweifelt gegen jeden Optimismus , wie ich ihm früher huldigte . Und doch , wenn ich morgens aufwache und mich noch nicht genügend beherrsche , denke ich mit scheuer Verliebtheit an dies ferne Geld , das , so Gott will , über kurz oder lang zu mir in Beziehung treten wird . Natürlich habe ich nur den männlichen Tischgenossen davon erzählt , vor der Witwe hatte ich Angst , sie möchte mich an ihr Herz ziehen , Tränen vergießen und wieder von ihrem Baulöwen anfangen . Henry nahm es mit derselben Seelenruhe auf wie die sechzehn Kaffern des Herrn Alramseder , und der gottlose Pfarrerssohn meinte , sein Vater würde in solchem Falle sicher sagen : was hülfe es dem Menschen , wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele . » Oder , was kann der Mensch geben , daß er seine Seele wieder löse « , vollendete Lukas . » Ach , wie gerne wollte ich Schaden an meiner Seele nehmen , wenn ich Reichtümer damit gewinnen könnte . « » Und ich bin fest überzeugt « , sagte Henry , » daß man mit Geld seine Seele ohne weiteres wieder auslösen könnte . « Gottfried lächelte fröhlich , seine neue Weltanschauung befestigt sich immer mehr . Henry hat nämlich vor , ihn in Afrika bei den Goldminen unterzubringen , so braucht er nicht mehr unter das väterliche Dach zurückzukehren und könnte seine Psychose ruhig aufgeben . Doktor Lukas aber wollte ganz genau wissen , wie mir jetzt zumut sei . Er ist etwas enttäuscht , denn er hat es sich wohl so vorgestellt , wie in den Zeitungsgeschichten von Flickschustern , die das große Los gewinnen und dann vor freudigem Schrecken die Treppe hinunterfallen oder vom Schlag gerührt werden . Und wie ich mir nun die Zukunft denke ? Ich denke nach ... die Zukunft ist noch nicht da , und die Vergangenheit wirkt noch zu stark in mir nach . Mir ist , als sei ich mein halbes Leben Jongleur in einem Zirkus gewesen , wollten die Kugeln nicht mehr richtig fliegen , so warf man mit Flaschen , Tellern oder Messern . Wollte es mit den Händen nicht mehr gehen , so stellte man sich auf den Kopf und jonglierte mit den Füßen weiter . Dabei immer die verdammte Unsicherheit , ob man Herr der Situation bleiben wird oder nicht , bis dann eines schönen Tages die Dinge wirklich streikten , Kugeln , Flaschen , Teller , Messer herunterrasselten und die Zuschauer mich auspfiffen - unter den Zuschauern stellte ich mir meine Gläubiger vor , die bei der Vorführung durchaus auf ihre Kosten kommen wollten . Nein , ich wollte lieber gar nicht über das Geld reden , ehe es da ist . Aber Lukas ließ nicht locker . Wie alle Privatdozenten hat er natürlich ein kleines Vermögen , von dem er bescheiden und sicher leben kann . Der Umgang mit uns hat nun zwar in letzter Zeit seine Begriffe etwas verwirrt , aber manchmal wird er wieder rückfällig und ist nun geradezu besorgt , ob ich mich zu der veränderten Sachlage richtig einstellen werde . So macht er alle möglichen Pläne , wie ich das Geld am besten anlegen solle . » Anlegen ? « ... » In Goldshares « , rät Henry , » in wenigen Jahren gibt es vermutlich enorme Dividenden . « » Ja , um Gottes willen , Sie Phantast ... wenn Sie Ihren Fluß herausgehoben haben ? « ... » Und dem Alramseder einmal definitiv auf den Kopf spucken kann ... denn damit steht und fällt die ganze Sache « , sagte Henry ernst . Der Privatdozent rang die Hände : » Nein , ich bitte Sie , machen Sie mir die gnädige Frau nur nicht wieder vollends ... « » Sprechen Sie ruhig aus « , sagte ich melancholisch , » es hat jetzt wirklich keine Gefahr mit mir . Wenn das Geld nur erst da ist , werde ich sicher wieder ganz normal . « » So normal , daß Sie vernünftig damit umgehen ? Sagen wir , zum Beispiel , das Kapital nicht angreifen , falls Sie mit den Zinsen auskommen können ... und daß Sie sich nicht auf Spekulationen einlassen , die davon abhängen , ob Ihr Freund Henry dem Herrn Alramseder oder sonst jemandem auf den Kopf spuckt ? « » Sie , Lukas , haben heute wieder einen schrecklichen Rückfall in Ihre nationalökonomischen Komplexe . Leute , die von ihren Zinsen leben , sind viel anomaler . Denken Sie nur , plötzlich sterben zu müssen , was jedem passieren kann , und das ganze Kapital liegt noch da , mit dem man sich unendliches Pläsier hätte verschaffen können . Mir würde dieser Gedanke alle Seelenruhe nehmen . Man sollte vielleicht taxieren , wie lange man ungefähr noch zu leben wünscht , und danach die Summe einteilen . Bedenken Sie doch auch meinen Geldkomplex , wie soll ich den jemals loswerden , wenn ich mir nicht eine ausgiebige Revanche für alle bisher erlittene pekuniäre Unbill leisten darf ? « » Bitte , hören Sie auf « , bat Lukas , » ich möchte sonst noch Ihrer eigenen Auffassung vom weiblichen Gehirn beistimmen und Sie vom wirtschaftlichen Standpunkt aus völlig aufgeben ... « » Vor allem ist das Geld ja wirklich noch nicht da « , bemerkte Henry mit unerschütterlicher Miene . » Erlauben Sie mir wenigstens noch die Frage , wie der Herr ... nun , Ihr Herr Miterbe darüber denkt ... seinen Namen haben Sie uns übrigens immer noch vorenthalten . « » Er trägt denselben Namen wie ich auch , da wir miteinander verheiratet sind ... « Hätte ich nur lieber geschwiegen , aber es fuhr mir so heraus , und nun mußte ich natürlich eine Flut von Aufklärungen geben . Worauf der arme Lukas so angegriffen war , daß er sich für den Rest des Abends zurückzog . - Du weißt , ich rede nicht gern von dieser Heirat , wenn es nicht unbedingt notwendig ist , weil es mich gar so langweilt , immer wieder den Zusammenhang erläutern zu müssen . Wir leben nicht zusammen , wir kennen uns kaum , wir sind keine Ehe , sondern nur ein Kontrakt , und unser einziges gemeinsames Interesse ist eben diese Erbschaft . Manche begreifen das nicht , andere nehmen Ärgernis daran , und ich selber vergesse inzwischen manchmal vollständig , daß ich eigentlich verheiratet bin . - Der Professor erwartet einen neuen Patienten - es ist ein russischer Fürst , und wir sind sehr gespannt auf ihn . Russischer Fürst klingt so angenehm nach Geld und Spleen . 7 Nein , ich weiß immer noch nichts Näheres . Die Testamentseröffnung soll erst nächste Woche stattfinden . Inzwischen hat der Miterbe wenigstens Mittel und Wege gefunden , um selbst hinzufahren und gleichzeitig die sterblichen Überreste des alten Herren zu überführen . Einstweilen war er immer noch im Bahnhof deponiert . Henry hielt das für sehr bedenklich , weil es immerhin einen Anstrich von Rücksichtslosigkeit hatte , aber es war beim besten Willen nicht zu ändern . Daß Ihr die Sache äußerst spannend findet , begreife ich , kann aber Eure Empfindungen nicht teilen . Ich lasse mich grundsätzlich auf keine Spannung mehr ein , sie schadet mir und beeinflußt die Dinge immer nur ungünstig . Es war eine glückliche Fügung , daß ich hierherkam . Ich muß die Segnungen dieses Aufenthalts immer mehr anerkennen und kann nur sagen , ein Sanatorium ist doch der einzige geeignete Ort , um auf Erbschaften zu warten . Von der Kur habe ich mich ziemlich emanzipiert , es war nicht mehr zum Aushalten . So habe ich dem Professor auseinandergesetzt , meine Schlaflosigkeit hätte sich in das Gegenteil verkehrt und ich litte jetzt vielmehr an einer veritablen Schlafsucht ... damit er mich nur mit seinen Wickeln und Duschen verschont . Außerdem möchte er mir etwas mehr Bewegungsfreiheit gewähren , denn ich hätte einen verwickelten Erbschaftsprozeß und müsse deshalb öfter in die Stadt , um mit einem Anwalt zu beraten . Er gab schließlich nach , aber seine Sympathie für mich , die wohl nie sehr heftig war , nimmt immer mehr ab . Ich glaube sogar , er möchte mich fort haben , denn er machte ziemlich brutale Anspielungen , ob ich nicht zur Nachkur noch in ein Seebad gehen wollte . Henry meint , er hielte mich am Ende für eine Schwindlerin ... Es ist schon möglich , denn daß meine Nerven völlig intakt sind , hat er längst durchschaut , vielleicht auch , daß es mit meinen Geldverhältnissen nicht der Fall ist . Der Freudianer hat ihn ja damals brieflich darauf vorbereitet , daß ich erst am Ende meines Aufenthalts zahlen würde ... Erbschaftsprozesse und dergleichen klingt immer etwas nach Schwindel , kein Mensch glaubt an Erbschaften , die noch in der Luft hängen , kurz , er wird in meiner Vorstellung immer mehr zum Gläubiger , und das ist ungemütlich . Vielleicht ist es auch ein Fehler , daß ich nie die Rechnung beanstande , sie wird einem jede Woche ins Zimmer gelegt , und ich sehe , daß andere Patienten , die regelmäßig zahlen , jeden Augenblick Krakeel machen . Das ist eine Gewohnheit aus schlechten Zeiten . Ist man selbst überzeugt , daß man doch nicht wird zahlen können , so kommt es nicht in Betracht , wie hoch die Rechnung wird . Ich kann ihm also sein Mißtrauen nicht übelnehmen ... wie oft war man schon in ähnlicher Lage und brannte dann irgendwie durch , das mag in Sanatorien ebenso oft vorkommen wie in Hotels . Um wenigstens etwas glaubhafter dazustehen , habe ich mir einen Rechtsanwalt von ihm empfehlen lassen und bin auch wirklich hingegangen . Was er für mich tun soll , ist vorläufig noch ganz unklar , aber ich bereite ihn darauf vor , daß es eventuell etwas zu tun geben wird , und befrage ihn um tausend Dinge , die ich entweder schon weiß oder gar nicht zu wissen brauche . Im Anschluß daran kann man sich wenigstens etwas herumtreiben , ins Café gehen und dergleichen längst entbehrte Freuden genießen . - Mittlerweile ist auch der schon erwähnte russische Fürst hier aufgetaucht , das heißt , zur allgemeinen Enttäuschung ist er kein Fürst , sondern nur Großgrundbesitzer und heißt Balailoff . Den erhofften Spleen aber hat er im höchsten Maße , und so kommt es auf eins heraus . Wir haben ihn gleich in unseren Kreis gezogen und sind durchaus zufrieden mit ihm . Der Spleen zerfällt in zwei Teile , einmal will er sich den Alkohol abgewöhnen lassen , zweitens hat er eine Braut mit und will hier heiraten . Dieser Balailoff ist eine gute Ablenkung , denn er erzählt beständig von seinen Angelegenheiten , und wenigstens in seiner Gegenwart müssen wir unsere Geldgespräche suspendieren , schon weil er augenscheinlich über schwindelhafte Mittel verfügt und unsere Komplexe nicht verstehen würde . Statt dessen drehen wir uns mit um seine Heiratsangelegenheiten und seinen Alkoholismus . Mit der Braut dagegen haben wir vergebens versucht uns in Fühlung zu setzen . Sie bewohnt einen Extrapavillon , zieht sich sehr zurück und weiß uns nicht zu schätzen . Es macht den Eindruck , als ob sie ihn zu dieser Entziehungskur veranlaßt hätte und beständig mit dem Professor komplottiert . Er selbst schimpft bei jeder Gelegenheit darüber , daß er hier so überwacht wird , und für die Momente , wo er es nicht mehr aushalten kann , hat er sich schon eine Art Weinkeller in Henrys Büro eingerichtet . Die beiden haben sich nämlich in einem großen Spekulationsobjekt gefunden . Balailoff hat , wie so viele Russen , auf irgendwelche Weise sein Anrecht auf einen Platz verwirkt , kann deshalb nicht mehr nach Rußland zurück und möchte seine dortigen Ländereien verkaufen . Da , wie er erzählt , ergiebige Petroleumquellen in der Gegend sind , riet Henry ihm , statt dessen eine Aktiengesellschaft zu gründen , und er ist Feuer und Flamme dafür . Sie sitzen beständig im Büro , machen Kostenanschläge und rechnen . Kommen sie dabei zu einem Resultat , das sie besonders begeistert , so wird es auf Balailoffs Verlangen begossen , und wir haben dann unsere liebe Not , ihn so weit zu zähmen , daß der Professor und die Braut nichts merken . Sie begleitet ihn nur selten bei seinen Ausgängen , sondern sitzt in ihrem Pavillon , spielt Klavier und verachtet uns alle miteinander . 8 Ich hab ' Euch verwöhnt , Maria , mit meinem vielen Schreiben . Wenn ich einmal vierzehn Tage schweige , seid Ihr schon unzufrieden . Denkt nur nicht , daß es immer so fortgehen wird . Ich bin gewiß Dir und Euch allen so zugetan wie immer und war es auch in Zeiten , wo man überhaupt nichts voneinander hörte , aber daß ich jetzt so endlose Briefe schreibe , geschieht wohl mehr mir selbst zuliebe und weil ich so viel überflüssige Zeit habe . Habe ich aber zur Abwechslung einmal keine Lust , so laßt mich in Ruhe . Ja , also , kurz nach meinem letzten Schreiben kam ein Telegramm vom Miterben : » Beisetzung erfolgt . Testamentseröffnung verschoben , da selbes noch nicht aufgefunden . Anwalt meint vierhunderttausend pro