er war . Und als er nun in Jason Philipps Gesicht schaute , glaubte er die Unruhe des schlechten Gewissens darin wahrzunehmen . Der Mann handelte nicht aus einer Überzeugung , so schien es ihm , der Mann war von vornherein entschlossen , nicht zu wollen . Und ferner schien es ihm , daß nicht bloß der eine Mann und sein zufällig begründeter Zorn , sondern daß eine ganze Welt gegen ihn in Waffen stand und zu seiner Verfolgung verschworen war . Er hatte keine Lust mehr , das Ende von Jason Philipps oratorischer Leistung abzuwarten und verließ die Stube . Jason Philipp erblaßte . » Täuschen wir uns nicht , Marianne , du hast eine Schlange an deinem Busen genährt , « sagte er . Daniel stand vor dem Wolframs-Brunnen auf dem Platz und ließ sich vom Purpur der untergehenden Sonne bestrahlen . Ringsum glühten die Steine sowie die gekreuzten Balken in den Häusermauern , und die Mägde , die mit Wassereimern kamen , blickten verwundert in die Lichtfülle des Himmels . In dieser Stunde wurde ihm die Heimat teuer . Als Jason Philipp den Platz betrat , an dessen Ecke die Postkutsche harrte , war er bestrebt , von Daniel nicht gesehen zu werden , und machte hinter ihm einen Bogen . Aber Daniel drehte sich um und heftete seine Augen fest auf den eilig schreitenden und verbissen zur Seite schauenden Mann . So begibt es sich immer wieder . Und daran , daß der Flüchtling sich wendet und dem Verfolger Schrecken einjagt , ist auch nicht viel Wunderbares . 9 Daniel sah , daß seines Bleibens bei der Mutter nicht war . Er konnte der Mutter nicht auf der Tasche liegen . Sie war arm und vom Gutdünken eines tyrannischen Verwandten abhängig . Den ungestümen Drang niederhaltend , zwang er sich zu kühlem Bedacht und setzte sich einen Plan . Es war notwendig zu arbeiten und so viel zu verdienen , daß er über Jahr und Tag zu Andreas Döderlein gehen und ihn an sein großmütiges Anerbieten mahnen konnte . Er studierte Zeitungsinserate und schrieb Briefe . Eine Druckerei in Mannheim suchte eine Hilfskraft für Korrespondenzen . Da er sich mit dem niedrigen Lohn einverstanden erklärte , forderte man ihn auf , zu kommen . Marianne gab ihm das Reisegeld . Drei Monate hielt er es dort aus , dann wurde ihm der Plage zu viel . Dann schuftete er sieben Monate lang bei einem Baumeister in Stuttgart , dann vier Monate bei der Kurverwaltung in Baden-Baden , dann sechs Wochen in einer Zigarettenfabrik bei Kaiserslautern . Er lebte wie ein Hund . Aus Furcht vor Geldausgaben mied er jeglichen Verkehr . Er war grenzenlos einsam . Vor Darben und Hungern wurde er mager wie ein Strick . Die Wangen fielen ihm ein , und die Glieder schlotterten in den Gelenken . Er nähte und flickte seine Kleider selbst , und um die Stiefel zu schonen , nagelte er Hufeisen an die Absätze und breite Stifte in die Sohlen . Das Ziel hielt ihn aufrecht ; Andreas Döderlein winkte in der Ferne . Jeden Abend zählte er die Summe , die er erspart hatte . Und als er endlich , nach sechzehn Monaten der Entbehrungen , zweihundert Mark im Vermögen hatte , glaubte er den großen Schritt wagen zu dürfen . Nach seinen Berechnungen und dem Maßstab , den ihm sein bisheriges Leben geliefert hatte , meinte er von dem Gelde fünf Monate zehren zu können , und im Verlauf dieser Zeit konnten sich ja neue Quellen erschließen . Er hatte viele Menschen kennen gelernt und viele Verhältnisse erfahren , aber in Wirklichkeit hatte er nichts kennen gelernt und nichts erfahren , denn er hatte in der Welt gestanden wie eine Laterne mit verdecktem Licht . Da er , um zur Erwerbsarbeit tauglich zu bleiben , mit ungeheurer Energie seinem Geist die angeborene Betätigung mit dem Hinweis auf die Zukunft verwehrt hatte , befand sich nun sein Inneres in der Glut eines Hochofens . Auf der Wanderschaft nährte er sich von trockenem Brot und Käse , wie er es gewohnt war . Aus den Büchern und Notenheften , die er besaß , hatte er ein Paket gemacht und es an das Nürnberger Bahnamt geschickt . Es waren Vorfrühlingstage , und wenn das Wetter schön war , schlief er im Freien , wenn es regnete , kroch er in einen Schuppen . Sein Bündel benutzte er als Kopfkissen , der verschlissene Mantel schützte ihn vor dem Nachtfrost . Nicht selten fand er freundliche Aufnahme und eine Mahlzeit bei Bauersleuten ; bisweilen auch schloß sich ihm ein walzender Handwerksbursche an , aber seine Schweigsamkeit verscheuchte den Weggenossen bald . Einmal kam er in der Nähe von Kitzingen zu einem vergitterten Park . Unter einem Ahornbaum saß ein junges Mädchen in weißem Gewand und las in einem Buch . Eine Stimme rief : » Sylvia ! « worauf sich das Mädchen erhob und mit unvergeßlicher Anmut der Tiefe des Gartens zuschritt . Sylvia , dachte Daniel , es klingt wie aus einer besseren Welt . Ihm graute vor dem Los , draußen stehen zu müssen vor dem Gitter , das den Augen alles gab und den Händen alles versagte . 10 Sein erster Gang war zu Andreas Döderlein . Es wurde ihm mitgeteilt , der Herr Professor sei verreist . Zwei Wochen später stand er wieder in dem alten Haus auf der Füll . Nun hieß es , der Herr Professor sei heute nicht zu sprechen . Sehr entmutigt , doch um seiner Sache nichts schuldig zu bleiben , kam er nach drei Tagen zum drittenmal und wurde empfangen . Er trat in ein überheiztes Zimmer , in welchem der Professor in einem Lehnstuhl saß , sein Töchterchen , ein Kind von etwa acht Jahren auf den Knien und eine stattliche Puppe im rechten Arm hielt . Die weißen Ofenkacheln waren mit bildlichen Darstellungen aus der Nibelungensage geschmückt , auf Tisch und Stühlen lagen Notenhefte , die Fenster hatten Butzenscheiben , und in einer Ecke befand sich allerlei Gestrüpp , mit Pfauenfedern , farbigen Tüchern und chinesischen Fächern künstlich gruppiert , eine Zusammensetzung , die den Namen Makartbukett trug und in der Mode war . Döderlein stellte das Mädchen auf die Erde , gab ihm die Puppe und richtete sich zu seiner Riesengröße auf , was ihm offensichtlichen Genuß verschaffte . Sein Hals war so dick , daß das Kinn wie auf einer weißen Gallertmasse ruhte . Er schien sich Daniels nicht zu erinnern . Stichworte mußten die Fülle seiner Gesichte zerteilen , dann schlenkerte er mit einem Knallgeräusch zwei Finger , zum Zeichen , daß sein Geist die gewünschte Haltestation erreicht hatte . » Ja , ja ! Ja freilich ; gewiß , gewiß , mein lieber junger Mann ; aber wie denken Sie sich das eigentlich ? Gerade jetzt , wo alle Plätze so dicht besetzt sind wie eine krumenbestreute Straße von Spatzen . Möglich , daß man im Herbst darüber sprechen könnte . Ja , im Herbst , da ließe sich die Angelegenheit erwägen . « Eine Pause , die durch ein halbes Dutzend Hms den Charakter tiefsinnigen Bedauerns erhielt . Und sei man denn echter Begabung so sicher ? Habe man auch in Betracht gezogen , daß die Kunst mehr und mehr zum Tummelfeld für die Unreifen und Gescheiterten werde ? Gar zu schwer seien die Schafe von den Böcken zu scheiden . Und schließlich , die Begabung vorausgesetzt , wie verhalte es sich denn mit der moralischen Kraft ? Es sei doch unbestreitbar , daß darin der Kernpunkt der Frage zu suchen sei ; oder nicht ? Habe man eine andere Meinung darüber ? Wie im Nebel gewahrte Daniel , daß das kleine Mädchen an ihn herantrat und ihn mit einem seltsam prüfenden , seltsam ungerührten Blick betrachtete . Beinahe hätte er die Hand ausgestreckt , um die Augen des Kindes zuzudecken , dessen Art ihm in einer geisterhaften Vorahnung unheimlich war . » Es tut mir herzlich leid , daß ich Ihnen keine tröstlicheren Aussichten eröffnen kann , « tönte wieder die ölige und von ihrem eigenen Klang freudig gehobene Stimme Andreas Döderleins an sein Ohr , » aber wie gesagt , vor dem Herbst ist nichts zu hoffen . Lassen Sie mir jedenfalls Ihre Adresse hier . Schreiben Sie Ihre Adresse auf diesen Zettel . Oder nicht ? Wie Sie wollen . Adieu , junger Mann ; adieu . « Döderlein geleitete ihn bis zur Türe , kehrte hierauf zu seiner Tochter zurück , nahm sie wieder auf die Knie , die Puppe wieder auf den Arm und sagte : » Die Menschen , meine liebe Dorothea , sind ein armseliges Geschlecht . Vergleiche ich sie mit den Spatzen auf der Landstraße , so tue ich , scheint mir , den Spatzen wenig Ehre an . Hach , du lieber Gott ! Schreibt nicht einmal seinen Namen auf den Zettel . Gekränkt ! Ei , ei , ei , ! Ihr komischen Menschen , ihr ! Schreibt seinen Namen nicht ; ei , ei , ei ! « Er summte das Walhalla-Motiv , und Dorothea beugte sich über die Puppe und küßte kokett lachend deren Wachsgesicht . Daniel , vor dem Hause stehend , biß die Lippen zusammen wie ein Fiebernder , der seine Zähne am Klappern verhindern will . Warum , fragte ihn die tiefe Seele , warum bist du in ihren Schreibstuben gesessen und hast die Zeit vertan ? Warum hast du für jene deinen Leib gemartert und mir die Flügel gebunden ? Warum warst du taub gegen mich und wolltest Früchte sammeln , wo nur Steine sind ? Warum bist du feig vor deinem Schicksal geflohen in ihre Schreibstuben , zu ihren Warenhäusern , zu ihren Geldschränken , zu ihrer traurigen Geschäftigkeit ? Nur um dieser Stunde willen ? Armer Narr ! Nie mehr , Seele , antwortete er , nie mehr . 11 Anfangs hatte Marianne hie und da eine kurze Nachricht von Daniel erhalten . Dies geschah immer spärlicher ; im zweiten Jahr schickte er ihr bloß zu Weihnachten ein paar Zeilen . Um die Zeit , als er seine letzte Arbeitsstelle verließ , schrieb er auf einer Postkarte , daß er seinen Aufenthaltsort wieder einmal verändere , aber daß er nach Nürnberg ging , unterließ er ihr mitzuteilen . Frühling und Sommer verflossen , da wurde ihr zwischen Furcht und Hoffnung schwankendes Gemüt durch einen Brief Jason Philipps grausam aus der Unentschiedenheit gescheucht . Er schrieb , Daniel treibe sich in Nürnberg herum ; er habe ihn vor einigen Tagen zufälligerweise unter den Meßbuden auf der Insel Schütt gesehen , in einem Aufzug , den zu schildern die Feder sich sträube . Als er ihn stellen gewollt , sei er verschwunden gewesen . Was ihn in die Stadt geführt , darüber könne er , Jason Philipp , keine Auskunft geben , aber es sei zehn gegen eins zu wetten , daß wieder ein ganz niederträchtiger Streich zugrunde liege , denn der Bursche habe nicht ausgesehen wie einer , der sich anständig durchbringt . Er schlage Marianne vor , zu kommen und bei der Razzia auf den Strolch zu helfen , man müsse , ehe es zu spät sei , verhindern , daß der unbescholtene Name , den er trage , dauernd verunglimpft werde . Als Reisebeitrag sende er hierzu fünf Mark in Briefmarken . Mittags hatte Marianne den Brief erhalten , hatte Laden und Haus verschlossen , um zwei Uhr befand sie sich auf dem Ansbacher Bahnhof , und um vier Uhr kam sie in Nürnberg an . Ihr Köfferchen in der Hand tragend , fragte sie sich von Straßenecke zu Straßenecke nach der Plobenhofgasse durch . Therese saß hinter der Ladenkasse . Das braune Haar auf ihrem viereckigen Bauernkopf war glatt frisiert . Zwanziger , der sommersprossige Gehilfe , war mit dem Auspacken von Büchern beschäftigt . Therese begrüßte die Schwester scheinbar freundlich , verließ aber ihren Platz nicht , sondern reichte bloß die Hand über das Tintenfaß hinüber und musterte Mariannes armselige Erscheinung , die verschossene Mantille und das altmodische Stoffhütchen , dessen schwarze Sammetbänder unter dem Kinn zur Masche geknüpft waren . » Geh einstweilen hinauf , « sagte sie , » unterhalte dich mit den Kindern , Rieke soll deinen Koffer holen . « » Wo ist dein Mann ? « fragte Marianne . » Bei einer Wählerversammlung , « antwortete Therese mürrisch ; » sie können sich ja nicht versammeln , wenn er fehlt . « Jetzt trat ein Mann im Arbeitskittel in den Laden und fing an , mit leiser , aber erregter Stimme auf Therese einzusprechen . » Ich habe das Werk gekauft , das Werk ist mein Eigentum , « sagte der Mann , » und wenn man mit der Rate mal aussetzt , so ist das kein Grund , daß man sein Eigentum verliert . Das sind Praktiken , Frau Schimmelweis , Praktiken sind das . « » Was hat denn Herr Wachsmuth von uns bezogen ? « wandte sich Therese an den Gehilfen Zwanziger . » Schlossers Weltgeschichte , « war die prompte Erwiderung . » Da müssen Sie halt Ihren Vertrag lesen , « sagte Therese zu dem Arbeiter , » im Vertrag ist alles festgesetzt . « » Das sind Praktiken , Frau Schimmelweis , Praktiken sind das , « wiederholte der Mann , als ob in diesem Ausdruck alles enthalten sei , was ihm an vernichtendem Urteil zu Gebote stand ; » unsereiner will sich fortbringen , unsereiner will was lernen ; gut , denkt man , kaufst dir ein Buch , rückst um eine Charge hinauf in deinen Kenntnissen . Gut , man geht zu einem Parteifreund , man geht zum Buchhändler Schimmelweis , da ist man geborgen , denkt man . Für schwere sechzig Mark schafft man sich eine Weltgeschichte an , rackert sich die Raten vom Lohn ab , und auf einmal , mir nichts , dir nichts , wenn man schon die Hälfte gezahlt hat , soll man sein Eigentum wieder verlieren , weil man zweimal im Rückstand geblieben ist . Das sind Praktiken , Frau Schimmelweis , Praktiken sind das . « » Lesen Sie Ihren Vertrag , « sagte Therese , » da ist jeder Punkt festgesetzt . « » Kein Wunder , daß man dabei reich wird , « fuhr der Arbeiter mit immer lauter werdender Stimme fort und blickte zornig auf Jason Philipp , der mit eingedrücktem Hut und kotbespritzter Hose eben zur Ladentür hereinschoß , » kein Wunder , daß man sich Häuser kaufen und in Grundstücken spekulieren kann . Jawohl , Schimmelweis , das sind Praktiken , und ich pfeif auf Ihren Vertrag . Von allen Seiten hört man ' s ja , wie Sie ' s treiben , was für eine Fuchsfalle das ist mit den Ratenzahlungen und wie Sie den Arbeiter bewuchern . Erst wird ihm die Bildung angepriesen , und dann wird er geschröpft damit . Pfui Teufel ! « » Nehmen Sie sich zusammen , Wachsmuth ! « rief Jason Philipp streng . Wachsmuth ergriff seine Kappe und schlug die Ladentüre hinter sich zu . Marianne Nothaffts Augen liefen mechanisch über die Titel einer Reihe feuerfarbenen Broschüren , die auf dem Tisch ausgebreitet waren . Sie las : » Auf zur Entscheidungsschlacht « ; » Moderne Sklavenhalter « ; » Dem Armen sein Recht « ; » Christentum und Kapitalismus « ; » Die Verbrechen der Bourgeoisie « . Obwohl ihr diese Schlagworte nichts bedeuteten und nichts sagten , spürte sie in ihrer Brust auf einmal wieder jenen alten , schon vergessenen Haß gegen die Maschine . 12 » Laß mir ein Butterbrot schneiden , Therese , « befahl Jason Philipp , » der Magen kracht mir . « » Hast du denn im Wirtshaus nichts gegessen ? « fragte Therese mißtrauisch . » Ich war nicht im Wirtshaus . « Jason Philipps Augen blitzten , und er schüttelte den Kopf wie ein Löwe . Da ging Therese , um das Butterbrot zu holen , und es war eigentümlich , wieviel Argwohn und Widerspruch sie in die Langsamkeit ihres Schrittes zu legen vermochte . Ihre Tochter Philippine kam aber schon mit dem Butterbrot über die Stiege herunter . Jetzt erst gewahrte Jason Philipp seine Schwägerin . » Da bist du ja , wie klein du dich machst , « sagte er flüchtig überrascht und reichte ihr die rundliche Hand . » Therese soll dir die Kammer unterm Speicher geben , da hast du eine hübsche Aussicht auf die Pegnitz . « Therese reichte ihm das Butterbrot . Er beroch es und runzelte die Stirn , weil es so dünn bestrichen war , hatte aber nicht den Mut , sich tadelnd darüber zu äußern . Er biß hinein , und mit vollen Backen wandte er sich neuerdings an die schweigende Marianne . » Na , dein Filius ist also wieder abgängig . Schöne Geschichte das . Wird noch im Zuchthaus enden , der saubere Herr . Das beste wäre , ihn nach Amerika zu spedieren , aber wie wir seiner habhaft werden sollen , ist mir noch unklar . Polizeilich gemeldet ist er nicht , und ich weiß eigentlich gar nicht , wozu du da bist . War eine Übereilung von mir , dich kommen zu lassen . « » Wenn ich nur wüßte , wovon er lebt , « flüsterte Marianne beklommen . » Neulich hab ich irgendwo gelesen , « fuhr Jason Philipp erzählerbehaglich fort , » daß aus einem zoologischen Garten eine Giraffe durchgebrannt war . Von Giraffen hast du doch gehört ? Es sind langhalsige Vierfüßler , die sehr albern und bockig sind . Das dumme Vieh war in einen Wald gelaufen und die Leute wußten nicht , wie sie es fangen sollten . Da hing ein Wärter die Stallaterne vor seine Brust und ein Bündel Heu auf den Rücken , und mit sinkender Nacht begab er sich in den Wald . Die Giraffe erblickt kaum den Laternenschein , als sie neugierig herzurennt . Der Mann dreht sich um , sie riecht das Heu , sie zupft und frißt , der Mann geht weiter , sie zupft und frißt weiter , und so bringt er die Bestie wieder in den Käfig . Was meinst du , könntest du nicht deinen Daniel , wenn ihn der Hunger piesakt , auch mit ein bißchen Heu wieder kirre machen ? Denk mal drüber nach . « Jason Philipp lachte vergnügt und Zwanziger grinste . Dieser besaß in seinem Prinzipal eine Quelle des Witzes , und wenn er am Abend im » Bärleinhuter « oder im » gläsernen Himmel « beim Bier saß , ergötzte er die Zechgenossen mit Schimmelweisschen Geistesblüten und fand vielen Beifall . Ein magerer Greis , der Glacéhandschuhe und einen Zylinderhut trug , betrat den Laden . Es dämmerte , er hatte sich draußen vorsichtig umgesehen , nun ging er eilig auf Jason Philipp zu und sagte mit einer gebrochenen Fistelstimme : » Also , was ist ' s mit den Neuigkeiten ? Was haben wir Schönes ? « Er rieb sich die Hände und stierte unter dünnen , roten Lidern blöde vor sich hin . Es war der Graf Schlemm-Nottheim , ein Vetter des liberalen Parteihauptes , des Freiherrn von Auffenberg . » Stehe ganz zu Diensten , Herr Graf , « sagte Jason Philipp , stramm wie ein Unteroffizier , wenn er vom Hauptmann angesprochen wird . Er führte den Grafen in eine Ecke des Raums und sperrte einen schweren Eichenschrank auf . In diesem lagen die vom Staatsanwalt verbotenen erotischen Druckwerke , die nur unter der Hand und an verläßliche Personen verkauft werden konnten . Jason Philipp tuschelte , und der alte Graf wühlte mit gierigen Fingern in einem Bücherhaufen . 13 Im finstern Treppenhaus erklomm Marianne die steile Stiege und läutete vor einem Gitter . Sie mußte der Magd sagen , wer sie war , auch den Kindern mußte sie ihren Namen nennen . Ihre stadtfremde Höflichkeit erweckte bei den Kindern ein Gelächter . Die zwölfjährige Philippine tat hochmütig und wackelte beim Gehen mit den Hüften . Alle drei hatten den viereckigen Kopf der Mutter und eine käsige Gesichtsfarbe . Die Magd brachte das Köfferchen , dann kam auch Therese und half der Schwester beim Auspacken . Mit ihrer spitzen und lieblosen Stimme stellte sie viele Fragen , wartete aber nicht die Antwort ab , sondern berichtete von Heiraten , Entbindungen und Todesfällen , die sich in der Stadt ereignet hatten . Sie vermied es , dem Blick Mariannes zu begegnen , da sie sich Gedanken darüber machte , wie lange der Besuch der Schwester wohl dauern und welche Unkosten daraus entstehen würden . Von Daniel sprach sie nicht . Ihr Schweigen verurteilte ihn mehr als ihres Mannes bissige Reden es taten . Sie hielt unerschütterlich an beinahe religiösen Vorstellungen der Gehorsamspflicht der Kinder gegen die Eltern fest und traute Marianne nicht die Kraft zu , das Verbrechen an diesem heiligen Gebot zu ahnden . Als Marianne wieder allein war , setzte sie sich ans Fenster der Kammer und sah traurig auf den Fluß hinunter . Das gelbe Wasser glitt wellenlos dahin und umspülte die Mauern der gegenüberliegenden Häuser . Sie konnte die Museumsbrücke und die Fleischbrücke überschauen , und das Menschengewühl auf den Brücken beunruhigte sie . Sie ging auf die Straße und blieb am Kopf der Museumsbrücke stehen . Sie war der Meinung , jeder in der Stadt wohnende Mensch müsse einmal hier vorüberkommen . Ihr aufmerksamer Blick durchforschte alle Gesichter , und wo ihm eins entschlüpfte , verfolgte er die in den Abend schwindende Gestalt . Es kamen immer weniger Menschen , je später es wurde . Des Nachts lag sie wach und lauschte den dumpf klingenden Schritten der Spätlinge , und am andern Tag wanderte sie vom frühen Morgen bis in die Dämmerung straßauf , straßab . Was sie sah , machte ihr das Herz schwer , die Menschen erschienen ihr wie stumme Tiere , geplagt und böse , die engen Gassen raubten ihr den Atem und der Lärm benahm ihr die Sinne . Aber sie wurde nicht müde , zu suchen . Am fünften Tag kam sie erst gegen zehn Uhr abends nach Hause und Therese , die schon zu Bett gegangen war , schickte ihr einen Teller Linsensuppe . Während sie ihn hungrig auslöffelte , vernahm sie Schritte auf dem Flur , ein Klopfen an der Türe , und Jason Philipp trat ein . » Komm mal gleich mit mir , « war alles , was er sagte , aber sie begriff . Mit zitternden Händen warf sie ein Tuch um die Schultern , denn die Oktoberabende waren schon kalt , und folgte ihm schweigend . Sie gingen zur Adlergasse bergan , bogen in diese hinein , dann nach wenigen Schritten in ein schmales und finsteres Gäßchen zur Rechten . Über einem Tor hing eine Laterne , auf deren grünen Scheiben die Worte standen : » Zum Jammertal « . Grün beleuchtet war auch die steinerne Treppe , die in den Keller führte , die Fässer unten und der mit Bänken und Tischen versehene öde Gastraum . Eine sauer schmeckende Weinluft drang empor . Neben dem Eingang befand sich ein vergittertes Fenster . Dort machte Jason Philipp halt und winkte Marianne zu sich hin . An den langen Tischen drunten saß eine wunderliche Gesellschaft , junge Leute , wie man sie nirgends sonst in Häusern und nur selten auf den Straßen sieht . Die Not schien sie zusammengeworfen , die Nacht aus ihren Schlupfwinkeln gelockt zu haben ; Schiffbrüchige , die an verlassener Küste in eine Höhle geflohen sind . Sie hatten lächerlich bunte Krawatten und traurig fahle Mienen , und das grüne Licht ließ sie noch leichenhafter aussehen . Seit langem hatte kein Haarkünstler eines ihrer Häupter berührt , seit langem kein Schneider Hand an sie gelegt . So schienen sie in mehr als einem Betracht Verächter des Handwerks zu sein . Zwei alle Kerle saßen abseits , zwei Säufer , nicht in guten Umständen , aber einigermaßen erstaunt über die acherontische Sippe . Denn sie empfingen schließlich doch am Samstag ihren Wochenlohn , und jene lebten sichtlich ohne Lohn dahin , seit Jahren . In einer halbdunklen Ecke vor dem Klavier aber saß einer und hämmerte gewaltig auf die Tasten . Er hatte keine Notenblätter vor sich , er spielte aus dem Gedächtnis . Das Instrument röchelte ; die Saiten schepperten kläglich ; die Pedale ächzten ; doch der Spieler war so behext von seiner Produktion , daß ihn die Mängel der Materie wenig kümmerten . Wie sinnlos auch das Getöse klang , die schrill tobenden Akkorde , die wüsten Aufschreie des Diskants , die gejagten Triolen und brodelnden Tremolos im Baß , so gab doch die Ergriffenheit des Spielers , die Ekstase und der erdferne Rausch , worin er sich befand , der Szene eine Melancholie und eine Feierlichkeit , die des grünen Kellers und der troglodytisch fahlen Zuhörerschaft nicht bedurft hätte , um so zu wirken , wie sie wirkte . Marianne hatte in dem Spieler sogleich Daniel erkannt . Sie mußte sich am Fenstergitter festhalten und die Knie gegen das Gesimse stemmen . Jason Philipp galt nicht umsonst für einen Mann von humoristischer Anlage ; das Bild von Daniel in der Löwengrube war zu verführerisch , und er raunte die Worte in Mariannes Ohr . Aber das Fenster war offen und da sich das Musikstück eben zu einer Fermate gesteigert hatte , drang seine Stimme bis hinunter und einige an der Tafelrunde schauten hinauf . Marianne war unbesonnen ; sie glaubte , der Vortrag sei zu Ende und rief , matt und furchtsam : » Daniel ! « Daniel sprang empor , starrte nach der Ruferin , sah Jason Philipps höhnisches Gesicht , stürzte zur Tür , zur Treppe und in drei Sätzen die Treppe hinan . Er stand in der Torwölbung und seine Lippen wollten Worte rufen . Der unselige Mensch , dachte Marianne , und ihr war , als könne sie das Wort , vor dem sie zitterte , zurückzwingen in die Brust , in der es geboren wurde . Vergebens , das Wort wurde ausgesprochen . Er wolle die Mutter nicht mehr sehen ; er wolle mit sich selber und für sich selber leben , er wolle frei sein , er brauche niemand , er wolle frei sein . Jason Philipp schleuderte dem Frevler einen Blick der Verachtung zu und zog Marianne mit sich fort . Noch an der Ecke des Gäßchens vernahmen sie die aufgeregten Stimmen der Leute vom Jammertal . Am andern Morgen kehrte Marianne nach Eschenbach zurück . Feinde , Brüder , Freund und Maske 1 Daniel hatte sich bei dem Bürstenmachersehepaar Hadebusch eingemietet , auf dem Jakobsplatz hinter der Kirche . Damals im März war es noch recht kalt geworden , und Frau Hadebusch hatte eine abergläubische Furcht vor Kohlen , die sie als Teufelsdreck bezeichnete . Hinten im Hof war das Holzlager , davon nahm sie die Scheite , mit denen die Öfen geheizt wurden . Aber diese Scheite waren teuer ; hätte Daniel das eiserne Öfchen in seiner Mansardenstube mit so kostbarer Nahrung gespeist , so hätte die Monatsrechnung eine unerschwingliche Höhe erreicht . Er zahlte sieben Mark für die Stube und rechnete immer wieder , um seine Freiheit durch keinen vergeudeten Groschen zu verkürzen . So saß er frierend bei seinen Büchern und Heften , bis endlich Frühlingswärme durch die offenen Fensterluken zog . Die Bücher holte er sich gegen Entrichtung von sechs Pfennigen für den Band von einer Leihbibliothek am Königstor . Achim von Arnim und Jean Paul waren in jener Zeit seine Dichter ; bei dem einen fand er die Welt außen wunderbar geschmückt , bei dem andern innen . Mit dem Meldezettel Daniels , auf welchem er sich Musiker nannte , kam Frau Hadebusch in die Wohnstube , die , wie alle Räume im Haus , wie für Zwerge gebaut war und , wie gleichfalls alle Räume , nach Leim und Laugenwasser duftete . Es hatten sich dort , da es Feierabend war , Herr Francke und Herr Benjamin Dorn niedergelassen , die Mieter des Mittelstocks , ferner der Sohn der Frau Hadebusch , der schwachsinnig war und grinsend auf der Ofenbank hockte . Herr Francke war Stadtreisender für ein Zigarrengeschäft und galt bei den weiblichen Dienstboten der Umgebung als ein gefährlicher Herzensdieb ; Benjamin Dorn war Schreiber bei der Versicherungsgesellschaft Prudentia , gehörte einer Methodistengemeinde an und stand wegen seiner gottgefälligen Lebensführung bei allen respektablen Leuten in Respekt . Das Schriftstück wurde von den Herren eingehend und mit gerunzelten Stirnen geprüft , und Herr Francke äußerte sich dahin , daß ein Musiker , von dem man keine Musik vernehme , mit nichten als Musiker zu betrachten sei . » Wird die Baßgeige oder das Flügelhorn , oder was er sonst gelernt hat , ins Pfandhaus getragen haben , « sagte er geringschätzig ; » vielleicht kann er nur trommeln , und das kann ich auch , wenn man mir eine Trommel gibt . « » Ja , eine Trommel muß man haben , um trommeln zu können , « bemerkte Benjamin Dorn ; » es ist jedoch die Frage , ob sich so ein Gewerbe mit den Grundsätzen christlicher Bescheidenheit verträgt . « Er legte den Finger an die Nase und fügte hinzu : » Es ist eine Frage , die ich , in aller Demut versteht sich , in aller Demut verneinen möchte . « » Er hat gar keine Verwandten , sagt er , und gar keine Bekannten , « jammerte Frau Hadebusch mit einer Stimme , die klang , wie wenn man Rüben auf einem Reibeisen schabt , » und gar keine Stellung und gar keine Aussichten und von Stiefeln und Kleidern nichts , als was er auf dem Leibe trägt . Mein Lebtag hab ich keinen solchen Zimmerherrn gehabt . « Der Meldezettel flatterte auf den Boden , von wo ihn der schwachsinnige Hadebusch