umränderten Augen sprach . Der Kummer um des Enkels verändertes Wesen trieb die Gräfin Savelli bis in Giovannis Turmstübchen . Erschrocken durch den ungewohnten Besuch , sprang er von seinem alten Lehnstuhl auf , so daß selbst die stillen kleinen Eulen auf der Stange über dem Ofen unruhig mit den Flügeln schlugen und die große gelbe Katze , die er getreten hatte , zu seinen Füßen kläglich aufschrie . » Was ist ' s nur mit dem Konrad , Giovanni ? ! « und seufzend setzte sie sich auf den dreibeinigen Schemel , ohne zu bemerken , wie eifrig ihr der Alte den bequemen Sessel anbot . » Frau Gräfin , « stotterte er , die Finger verlegen aneinander reibend , » der junge Herr Baron - unser - unser bambino - « Er stockte , das gelbe Gesicht blutübergossen , um in einem gezwungenen geschäftsmäßigen Ton , die Worte überstürzend , wobei der charakteristische Kehllaut des Florentiner Dialekts , der die Gräfin von Anfang an so heimatlich berührt hatte , besonders stark hervortrat , rasch fortzufahren : » Wenn Frau Gräfin vielleicht jetzt des Müllers Liese in Dienst nehmen wollten , - sie ist ein hübsches Ding , und gesund , ganz gesund . « Die Schweißtropfen standen dem Alten auf der Stirn wie nach schwerer Arbeit ; er bückte sich und las eine Feder vom Boden auf . Die Gräfin war aufgestanden , sie atmete schwer . » So - so - « sagte sie gedehnt , in Gedanken verloren . Sie wußte es : das war der Brauch in Italien ; wenn die Söhne mannbar wurden , sorgten die Mütter für - . Sie schüttelte sich . In ihrer Eltern altem Palast war es nicht anders gewesen ; sie erinnerte sich der Marietta recht gut , des kleinen Küchenmädchens , die ihres Bruders Geliebte geworden war ; eines schönen Tages war sie plötzlich verschwunden gewesen , um dann nach ein paar Monden als blühende Bauersfrau mit dem Säugling an der straffen Brust , von dem ältlichen Gatten begleitet , der Mutter einen Dankbesuch abzustatten . Der Bruder aber , der Giulio , war trotzdem - oder deshalb ? ! - ein Schürzenjäger geworden . Nein - nein ! Niemals würde sie mit eigener Hand ihren lieben Jungen , ihren Konrad , in den Sumpf hinabstoßen ! Und die Liese , das süße , junge Ding ! War es wirklich jemals möglich gewesen , ein Weib zu opfern , um einem Mann über ein paar qualvolle Monde hinwegzuhelfen ? ! » Nein , Giovanni , « erklärte die Gräfin bestimmt , » das ist des Landes hier nicht der Brauch ! « Und erhobenen Hauptes schritt sie zur Tür hinaus . » Nicht der Brauch - nicht der Brauch , « wiederholte der Alte kopfschüttelnd . Als er wieder im Lehnstuhl saß in der Dämmerung und die Augen der kleinen Eulen über dem Ofen zu glühen begannen , bewegten sich seine Lippen noch lange in endlosem Selbstgespräch : » Und hätt ' ich selbst eine Tochter - mit eigener Hand führte ich sie ihm zu - ihm , Monna Lavinias Sohn . « Am gleichen Abend , Konrad war eines verstauchten Fußes wegen zu Hause geblieben , stürmte Walter , in einer ihm sonst ganz fremden Erregung , die Treppen hinauf in sein Zimmer . Atemlos schüttelte er den vollen Sammelsack auf dem Tisch vor dem Freunde aus . Dann gab er ihm scherzend einen Schlag auf die Wange . » Duckmäuser du , elender Heuchler ! « rief er lachend , » solch einen Schatz , eine Fundgrube kostbarster Dinge , deinem Intimus zu verstecken ! « Er merkte im Eifer gar nicht , daß Konrads Augen größer wurden und seine Lippen zitterten . » Hier - das ist unzweifelhaft ein Bärenknochen - ein einziger aus einem ganzen Haufen , den ich fand ! Hier , sieh nur diese Pfeilspitze - wie scharf der Stein geschliffen ist ! Und da - « er hob mit beiden Händen ein großes Stück weißgrauen Tropfsteins hoch empor - » welch unvergleichlicher Stalaktit ! Ich habe ihn selbst - « Aber schon hatte ihn Konrad an den Armen gepackt , so daß der Stein mit dröhnendem Gepolter seinen Händen entfiel ; glühende Augen funkelten wild dicht vor dem erblaßten Antlitz Walters . » Du - du hast es gewagt , « schrie eine rauhe fremde Stimme ihn an , » hast meine Säulen zerschlagen , bist in deiner ekelhaften , schnüffelnden Neugier in mein Heiligtum eingedrungen ? Jetzt , jetzt weiß ich , was für ein Teufel du bist : setzst Käfer in Spiritus und hast nie einem Vogellied zugehört , klebst mit genauester Klassifizierung Blumen in dein Herbarium und hast den Wald niemals gesehen , suchst Bärenknochen und entweihst mein Letztes - das , wohin ich mich flüchtete mit meinen Träumen , meinem letzten bißchen Frommsein ! Tempelschänder ! « Und er hob , seiner nicht mächtig , die Hand - Walter rührte sich nicht ; er sah den Wütenden an , sehr blaß , sehr ruhig . Und die Hand , die ihn hatte schlagen wollen , fiel zurück . Walter ging , wortlos , zog leise die Türe ins Schloß und schritt , eine Viertelstunde später , den Rucksack über den Schultern , über den Hof , den Berg hinab . Konrad sah ihm nach , wie er auf der hellen Straße neben dem schimmernden Bach kräftig ausschritt , ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen . Ein nicht mehr zu unterdrückendes Schluchzen erschütterte des Zurückgebliebenen schlanken Körper . Den Rest der Ferien wurde er immer blasser , immer unzugänglicher . Seine Sammlungen warf er auf den Kehrichthaufen ; vor den schmalen Höhleneingang spannte er ein dichtes Netz von Stacheldraht . Dann saß er in dem feuchten , sonnenlosen Ahnensaal , der von den vielen Folianten auf den braunen Regalen so seltsam nach Moder roch . Den Ordensritter mit dem weißen Mantel und dem großen schwarzen Kreuze darauf starrte er mit brennenden Augen an . Warum bin ich nicht seinesgleichen , dachte er ingrimmig , und hab ' eine Fahne , der ich folgen , für die ich leben und sterben kann ? Jeden Kongoneger beneide ich um seinen Götzen ! Die Gräfin grämte sich um ihn und scheute sich doch , durch ein unvorsichtiges Wort das leicht verletzbare Gemüt noch tiefer zu verwunden . Nur zuletzt vor seiner Abreise zog sie ihn in ihr Zimmer - einen dunkel getäfelten Raum mit schweren alten Renaissancemöbeln und großen rotsamtenen Stühlen , wie Sitze für Könige oder Condottieri - und er träumte wieder zu ihren Füßen wie einst , wenn sie dem atemlos Horchenden von der fernen sonnigen Heimat und dem stolzen alten Palazzo der Savelli erzählte . » Was fehlt dir , Konrad ? Sag ' mir , was ist ' s ? « frug sie ihn . » Nichts - nichts ! « und er wich ihren forschenden Augen aus . » Du bist der Alte nicht mehr ! « Ein hartes » Nein « kam von seinen Lippen , und er sprang auf . » Da draußen , Großmutter , zieht man uns eine Haut nach der anderen ab , bis es auf unserem Körper keine Stelle mehr gibt , die nicht jeder Luftzug mit Messerschärfe schmerzhaft träfe . « Und er ging mit großen Schritten hinaus , ohne eine Antwort abzuwarten . Als die alten Füchse das drittemal den schaukelnden Landauer mit dem jungen Gebieter darin den Schloßberg aufwärts zogen , stand die grade Falte tief eingemeißelt wie eine Narbe zwischen seinen Brauen . Die Großmutter war krank . Sehr weiß , sehr durchsichtig saß sie tagaus , tagein in ihrem roten hohen Sessel ; sie war stets in ganz weiche , spinnwebdünne , schneeige Wollentücher gewickelt und leuchtete vor den finsteren Wänden und schwarzen Schränken , wie der irrende Schatten einer Ahnfrau nächtlicherweile in den dunklen Gängen alter Schlösser leuchten mochte . Aber ihr Geist lebte das intensivste Leben . Sie sprach nur noch in knappen Worten , als hätte sie zu langen Sätzen keine Zeit mehr . » Wir haben viel zu tun miteinander , « sagte sie ihrem Enkel statt jeder zärtlichen Begrüßung . Sie ließ ihm kaum Zeit , sich umzukleiden . Dann saß er stunden- und tagelang vor ihr an dem großen , mit Papieren voll endloser Zahlenreihen bedeckten Eichentisch und hörte mit einem Staunen , das sich immer mehr zur Bewunderung steigerte , von der Arbeit ihres Lebens . Aus tiefster Zerrüttung hatte diese schöne Frau mit den weißen Händen , von der er , wenn sie in ihren Gemächern verborgen geblieben war , nichts anderes geglaubt hatte , als daß sie sich in ihre geliebten Dichter vergrub oder ihren Körper pflegte , der nie eine Altersspur verriet , den großen Besitz der Hochseß zu neuer , ungeahnter Blüte emporgeführt . Dokumente um Dokumente legte sie dem Enkel vor und erklärte sie mit sachlicher Kühle . Ein sarkastisches Lächeln kräuselte nur einmal ihre Lippen , als auf die regelmäßigen Auszahlungen an die Tanten die Rede kam . Sie blieben stets gleich niedrig trotz des wachsenden Reichtums . » Natalie und Elise Hochseß « , sagte sie , » hüten seit fünf Jahrzehnten die hohen Traditionen dieses Hauses . Sie haben niemals ihre Kleider , niemals ihre Zimmer , niemals ihre Gesinnungen geändert . Sie werden dir die Wäscheschränke des Schlosses , die ich ihrer Verwaltung überließ , in tadelloser Ordnung , mit stets erneuten Häkelspitzen geschmückt , übergeben . Sie haben auch bereits , um dir alle Mühe zu sparen , in der kleinen Hilde Rothausen die Schloßfrau für dich ausgesucht . Sie werden sich zu ihren Vätern versammeln ohne einen Flecken auf ihrer jungfräulichen Ehre , ohne eine Narbe auf ihren Herzen . Auch ohne eine Schwiele , die von harter Ackerarbeit zeugte , an ihren Händen . Von dem , was ich geschaffen habe , ich , der sie jedes Kleid heimlich als einen Raub an der Familie Hochseß nachrechneten , wissen sie nichts - brauchen sie nichts zu wissen . « Konrad nickte nur . Seit seiner Kindheit hatte ihn nichts so sehr entsetzt wie die Fledermäuse , die abends lautlos den Turm umkreisten und , wenn der Vollmond hell am Himmel stand , große schwarze Schatten warfen . In seinen Träumen vermischte sich das Bild der Nachtgeschöpfe mit dem der Tanten . Er spielte nie mit den Geschenken , die von ihnen kamen . Und so verstand er die Großmutter nicht nur , er dankte ihr für ihr Verständnis . Während seines Aufenthaltes erholte sich die Gräfin Savelli zusehends . Sie erschien wieder wie einst auf der Terrasse unter den Lorbeerbäumen . Noch um einiges dürrer geworden und noch steifer im Rückgrat saßen die Tanten am Teetisch , die schmalen Lippen fest zusammengekniffen , - ein lebendiger Vorwurf . Von der Einweihung Konrads in die Geschäfte des Hauses hatte man ihnen weder eine Mitteilung gemacht , noch waren sie , wie es Familienrücksicht geboten hätte , zugezogen worden . Der alte Schulmeister , der auf dem Schlosse das Gnadenbrot aß , erfuhr von dem Ereignis durch Konrads harmlose Bemerkungen und erzählte es ihnen . Er war ein guter lutherischer Christ und hatte sich seit seines Zöglings Fortzug den Fräuleins von Hochseß , die allsonntäglich in der Dorfkirche saßen und jeden Karfreitag pünktlich zum Abendmahl gingen , auch nicht versäumten , täglich in ihrem Wohnzimmer mit den blank gescheuerten Dielen und der sehr bunten Kopie der Sixtina an der Wand eine Andacht zu lesen , mehr und mehr angeschlossen und saß auch jetzt mit der Wahrung respektvollen Abstandes zwischen ihnen . » Es ist Ihnen , Frau Gräfin , als einer Ausländerin , wohl unbekannt geblieben , « begann Natalie spitz , » daß es der Tradition fränkischer Adelsgeschlechter widerspricht , einen Knaben von achtzehn Jahren in die Geschäfte einzuführen . « » Noch dazu ohne Beisein der Schwestern seines in Gott ruhenden Vaters , « ergänzte Elise . Hektische rote Flecke malten sich dabei auf ihren spitzen Backenknochen . Die Gräfin lehnte sich noch tiefer , noch behaglicher in ihre Kissen zurück , und ließ ihre schwarzen Augensterne sichtlich belustigt von einer zur anderen wandern . » Der Knabe , « sagte sie und griff Konrad unter das Kinn , » ja , seht ihn nur genauer an : er könnte so bärtig sein wie seine Väter - ist , so viel ich weiß , der Herr von Hochseß und hat ein Recht auf die von mir vermittelten Kenntnisse . Auch wollte ich , als Ausländerin - es bedurfte Ihrer freundlichen Ermahnung nicht , um meine Erinnerung daran lebendig zu erhalten - nicht länger allein alle Verantwortung tragen . Es kann jeden Augenblick mit mir zu Ende gehen - « Ein halb bedauerndes , halb überraschtes » Oh « der Schwestern unterbrach sie , während der Schulmeister sein Gesicht in feierliche Falten legte . Die Gräfin hob spöttisch abwehrend die Rechte . » Bitte , verschwenden Sie Ihre liebevolle Teilnahme nicht zu früh . Der Sommer und diese Jugend neben mir hielten mich noch einmal von der Italienreise zurück . « » Von der Italienreise ? ! « frug Konrad erstaunt . » Ich möchte nicht gern im Ausland begraben sein , « antwortete sie in fast geschäftsmäßigem Ton , » doch das nur nebenbei . Es hat keine aktuelle Bedeutung . Ich bin gesund . Ich habe mir selbst ein Mittel verschrieben , das mich dem lieben Familienkreise noch lange erhalten wird . « » Darf man wissen - ? « Natalie stellte die Frage , ohne die Augen von ihrer Häkelarbeit zu erheben ; nur das leichte Zittern ihrer Finger verriet , daß eine Ahnung sie folterte . » Man darf ! « Frohlockend wie bei einer Siegesbotschaft klang die Stimme der Gräfin . » Wollen Sie mir folgen ? Ich glaube , wir sind alle sehr lange nicht auf dem Turm gewesen ! « Damit erhob sie sich und schritt , auf den Arm des Enkels gestützt , hoch aufgerichtet voraus . Auf ihr Klopfen öffnete Giovanni die immer noch kreischende Pforte . Gegenüber dem hellen Tage draußen , erschien hier alles in nächtiges Dunkel gehüllt . In engen Windungen stieg die Treppe empor . » Ich habe sie gekehrt und das Geländer befestigt , « krächzte der Alte aus der Finsternis . » Führe uns ! « antwortete die Gräfin . Mit hart aufklappenden Sohlen , deren Ton vom Geräusch seines stöhnenden Atems begleitet wurde , stieg er voran . Das Seidenkleid der Gräfin rauschte über die Steinfliesen , dahinter klang das asthmatische Hüsteln der Fräuleins und des Schulmeisters breiter schwerer Tritt . Nur Konrad schien unhörbar emporzusteigen . Er ging auf den Fußspitzen , dem Licht entgegen , das oben durch die schmale offene Falltür schräg , wie mißgünstig , hereinbrach . Unter den vorspringenden Sparren und Balken hingen reihenweise die grauen Leiber zahlloser Fledermäuse . In blendender Klarheit öffnete sich oben der Himmel über den Kommenden . Von plötzlichem Schwindel ergriffen , setzten sich die Tanten mit dem Rücken gegen die blaue Ferne auf die oberste der Stufen . Der Schulmeister steckte nur den Kopf ins Freie hinaus . Giovanni stand dicht am Rande der Plattform ; der Wind klebte ihm die Kleider um die Glieder und sträubte seine grau-grünen Haare rings um den Schädel . Die Gräfin lehnte die linke Hand nur leicht auf des Enkels Schulter . » Schwindelt dich ? « frug sie lächelnd . Er reckte sich in seiner ganzen , schlanken Größe kräftig empor . » Auf der Höhe - in der Sonne - vor solch einem Ausblick - wie sollte mir schwindeln ? « sagte er . » Gedachten Sie durch diesen seltsamen Spaziergang nur Ihre Kräfte an den unseren zu messen , um sich des vollen Triumphs bewußt zu werden , Frau Gräfin ? « Natalie knüpfte sich bei der spitzen Frage das graue Wolltuch fester um die fröstelnden Schultern . » Nein , meine Lieben , « antwortete die Angeredete freundlich . » Ich erbat Ihre Begleitung , um mir nicht wieder Ihren Tadel zuzuziehen , denn nur von hier aus kann ich Ihnen zeigen - falls Sie die Güte hätten , auf einen Augenblick Umschau zu halten - , um welch kostbaren Besitz ich das Eigentum meines Enkels , Ihres Neffen , habe vergrößern dürfen . Sie von der Freude daran auszuschließen , wäre bitteres Unrecht gewesen ! « Nun standen die beiden grauen Gestalten eng aneinander gedrängt doch auf dem Turm , und in ihre farblosen Augen stieg ein Funke von Neugier . » Siehst du dort im Tal , dicht an der Grenze unseres Waldes , das rote Dach mit den vier dünnen Türmchen an jeder Ecke ? « wandte sich die Gräfin an Konrad , ohne die übrigen von da ab noch der geringsten Beachtung zu würdigen . » Eckartshof , « antwortete Konrad und grub gleich darauf die Zähne heftig in die Unterlippe . » Eckartshof - « Giovanni wiederholte es , nähertretend . Er streckte dabei die gelben Hände vor , sie zu Krallen spreizend , als ob er das friedliche Bild da unten zwischen ihnen zermalmen wollte . » Von heute ab ist es dein , « mit einem langgezogenen Vogelton tönte dies » dein « der Gräfin Savelli in die Ferne . » Ah ! « ein tiefer Atemzug hob Konrads Brust . » Und der Freiherr ? - Und die Baronin ? « stießen die Schwestern mehr entsetzt als erfreut hervor . » Sind ruiniert ! Er hat sich zugrunde gespielt und getrunken . Ich kündigte ihm als Konrads Vormund das Darlehen seines Vaters . « Das selige Lächeln , das der Gräfin Antlitz verklärte , ließ sie um Jahrzehnte jünger erscheinen . Sie legte den linken Arm um des Enkels Schultern , und ihr heißer Atem umhüllte ihn ganz , während sie sich flüsternd zu seinem Ohre neigte . » Auf den Knien lag sie vor mir , die weiße Schlange - auf den Knien ! « In diesem Augenblick näherte sich ihnen Giovanni und zog in demütiger Gebärde die weiße Schleppe der Gräfin an seine Lippen . » Nun lächelt Madonna Lavinia , « sagte er verträumt , und all seine Falten schienen sich zu glätten . Wortlos schlichen die Fräuleins die Wendeltreppe herab . Sie fürchteten sich . Das war vor dem Examen Konrads letzter Besuch in Hochseß . Zweites Kapitel Von der Fahrt in die Freiheit In der Bahnhofshalle von Bamberg brütete die Septembersonne in breiten , heißen Strahlen . Sie schien die kurzen Minuten verzauberter Stille benutzen zu wollen , um jeden Rest von Rauch herauszudrängen ; sie tanzte lustig über alles Blanke und ließ selbst auf den Steinplatten des Perrons Millionen winziger Sternchen strahlen . Drei Männer traten hinaus ; mit elastischem , raschen Schritt der eine , so wie sorglose Menschen gehen , mit schweren an der Erde klebenden Sohlen der andere , wie solche , die unsichtbare Lasten tragen , und hastig trippelnd der letzte , als wäre er ein Greis oder ein Kind . » Eine halbe Stunde zu früh ! Verrückt ! « brummte der zweite , eine untersetzte Gestalt mit den typischen feinen Zügen des Semiten von alter Kultur . » Weise , sehr weise , mein Freund ! « entgegnete lachend der erste , ein hochgewachsener blonder Jüngling , der , gewohnt , sich zu allen anderen niederbücken zu müssen , die Schultern ein wenig nach vorn fallen ließ , » und zwar nach deiner eigenen Theorie , lieber Walter . Heißt es nicht , die Vorfreude auskosten bis aufs letzte , wenn wir hier in steigender Erwartung die Minuten verstreichen sehen ? « Ein leise meckerndes Lachen antwortete ihm . Rasch wandte er sich nach dem anderen Gefährten um . » Jetzt steht der Mensch wahrhaftig hinter mir wie eine Leibwache ! « rief er halb ärgerlich , halb belustigt . » Euer Gnaden haben geruht , mich als Kammerdiener mitnehmen zu wollen , « antwortete der Alte mit einem tiefen Bückling , während seine schwarzen Äuglein zärtlich zu ihm aufblinzelten . » Damit du vor der Welt ein Amt hast , Giovanni , du weißt , ein Kerl ohne Titulatur hat keine Existenzberechtigung ! Aber unter uns , « und über des Jünglings gebräuntes Antlitz huschte ein weiches Kinderlächeln , » unter uns bist du , was du immer warst : mein Freund . « Der Alte drückte die dürren Hände flach aneinander wie zu einem Gelöbnis . » Wollen wir nicht wenigstens aus der Sonne gehen ? « sagte Walter , noch immer voll Mißmut . » Freu ' dich doch , daß sie scheint ! Sieh nur , wie sie selbst diesen öden Bau in einen Märchenpalast verwandelt ! « » Träumer ! « In diesem Augenblick schien das Leben erwacht : Dort rasselte schwerfällig ein langer Lastzug vorüber , hier rangierte mit schrillem Pfeifen eine Lokomotive , drüben klingelte gellend der Telegraph , dazwischen sauste ein Expreßzug stolz durch die Halle , daß sie bis in ihre Fundamente erbebte ; das alles kreischte und fauchte und dröhnte und schrie den Harrenden und Hinund Widerhastenden in gleichem Allegrotempo sein Vorwärts - Vorwärts entgegen , während dunkle Rauchschwaden alle Sonne verschluckten . Es läutete . Um den langsam hereinstampfenden Personenzug drängten sich die Landleute . Eine grauhaarige Alte , die schwer bepackte Kiepe auf dem krummen Rücken , keuchte im letzten Augenblick auf den Perron . » Mach rasch , Mutter ! « rief ein junger Bursche ärgerlich aus dem Coupéfenster . Konrad Hochseß ' Stirnadern schwollen . » Bande ! « knirschte er zwischen den Zähnen und sprang hilfreich zu , die Last der armen Frau mit beiden Händen stützend , als sie die Stufen des Waggons emporstieg . » Wirst du nun einsehen , daß das weibliche Geschlecht sich in keinen einheitlichen Begriff zusammenfassen läßt ? « sagte Walter ; » es gibt Damen und Lastträgerinnen - von alters her . « » Glaubst du , ich werde jemals eine Tatsache als berechtigt anerkennen , nur weil sie die sogenannte Würde des Alters für sich hat ? « brauste Konrad heftig auf . » Die Würde des Alters ! Ach ! « er schüttelte sich wie im Ekel , » ich brauche bloß an unseren Magister zu denken : er predigte uns mit eindringlicher Spekulation auf unsere Tränendrüsen Enthaltsamkeit und betrank sich , daß seine arme Dicke ihn nächtlicherweile auf der Treppe auflesen mußte ! « » Was ereiferst du dich ? ! Seine Predigten waren nichts anderes als Schuldbekenntnisse ! « » Ein Schwächling ist noch ekelhafter als ein Heuchler . « Es läutete abermals : der Eilzug . Hinter den Freunden klappten die Coupétüren auf und zu . Da lief ein Mädchen mit langen wehenden Zöpfen und glühenden Wangen , ein kleines , von Seidenpapier umhülltes Paketchen in der ausgestreckten Hand , über den Bahnsteig . Sie suchte . Vergebens . Niemand sah hinaus . Keiner schien für die Stadt , aus der der Zug ihn entführte , einen Abschiedsblick zu haben . Nur hinter einem Fenster tauchte etwas auf wie eine Fratze : gelb , faltig , mit tief heruntergezogenen Mundwinkeln , wie nur unauslöschlicher Gram sie zeichnet . Das Mädchen riß bei diesem Anblick entsetzt die hellen blauen Augen auf und starrte noch auf denselben Fleck , als der Zug sich schon in Bewegung setzte ; erst der gelle Pfiff brachte sie zu sich . Und plötzlich schien sie entdeckt zu haben , was sie suchte : ein scharfgeschnittenes Profil - schwarze , gerade gezogene Augenbrauen , weiche rote Lippen - blonde Haare . Aber der Kopf , an dem ihre Blicke sehnsüchtig hingen , wandte sich ihr nicht zu , obwohl sie atemlos neben dem schon rascher fahrenden Zuge herlief . Da warf sie ihr Paketchen gegen das Fenster : das Seidenpapier löste sich , eine blasse Rose fiel unter die Räder . Walters dunkler Kopf bog sich einen Augenblick lang hinaus . » Das Klärchen ! « sagte er , zu dem Freunde gewandt . » Ich weiß , « stieß er zwischen den Zähnen hervor . » Und hast keinen Gruß für sie ? Gabst du nicht früher dein ganzes Taschengeld für ihre Eitelkeit aus , machtest Fensterpromenaden und Liebesgedichte ? ! « Der andere warf dem spottenden Freunde einen Blick zu , dessen drohender Ausdruck zu dem Geschehenen in keinem Verhältnis zu stehen schien . » Erinnere mich nicht . Du weißt so gut wie ich , daß sie sich an den Egon , den dummen Bengel , hängte - « » Ganz einfach : weil er , der Durchgefallene , in Bamberg blieb , und du nicht rasch genug den Ranzen packen konntest . Erwartetest du etwa ewige Treue von dem Mädchen , oder gedachtest du , Konrad Freiherr von und zu Hochseß , das Fräulein Klärchen Werber als dein ehelich Gemahl heimzuführen ? ! « Der junge Mann überhörte diesmal den Spott . » Ich hatte sie lieb , « flüsterte er wie im Selbstgespräch . » Wie oft wäre ich davongelaufen , aus Ekel über die Gemeinheit der Bengels um mich , aus Wut über den öden Stumpfsinn , den man uns als aller Weisheit letzten Schluß eintrichterte , aus Sehnsucht - ich wußte selbst nicht , wonach ! - , wenn die Kleine nicht gewesen wäre . Kaum , daß ich ihr die Hand zu drücken wagte - Esel , der ich war ! - , nur daß sie in einer Stadt mit mir lebte , daß ich sie hier und da sehen , grüßen , ein paar Worte mit ihr wechseln konnte , genügte mir . « Er schwieg minutenlang , ein Lächeln um die Lippen , um dann , aufgerichtet , den Kopf dem Freunde abgewandt , als wäre er allein mit sich , in steigender Erregung weiter zu reden . » Gib uns armen , hinausgestoßenen , mutterlosen Buben solch eine Liebe , gütiges Geschick , laß uns solch einem süßen , zarten Ding begegnen , und es bedarf all eurer Strafpredigten nicht , liebwerte Priester und Professoren ! Wenn ich halbwegs gerade wuchs in diesen Jahren - dem Klärchen verdank ' ich ' s. Nicht , weil sie mich mit guten Ratschlägen fütterte - weiß Gott nicht ! - nur weil sie da war . « Er setzte sich wieder , die Ellbogen auf den Knien , das Kinn in die Hände gegraben , dem Freunde gerade ins Gesicht starrend : » Und schließlich stieß sie - sie ! - mich in den Schmutz , daß ich mich vor mir selber graue ! « Aufstöhnend schlug er die Hände vor das Gesicht . » Konrad - Konrad ! « und der Freund suchte vergebens , sie zu lösen , um ihm ins Antlitz zu schauen , » wie kannst du dem unschuldigen Mädel daran die Schuld zuschieben ! « Der junge Mann sah auf , mit Augen , die erloschen schienen . » Glaubst du , ich wäre jemals mit den anderen gegangen , wenn ich ihrer sicher gewesen wäre ? ! Ich wäre solch ein Schweinigel gewesen , unsere Liebe zu beschmutzen ? ! Gelacht hätt ' ich , wie bisher , triumphierend gelacht , wenn die Kameraden den heiligen Konrad gehänselt hätten . « » Früher oder später mußte es kommen , « meinte der andere zögernd , ohne aufzusehen . » Es mußte - meinst du ? ! « Mit bitter geschürzten Lippen sah er auf . » Aus hygienischen Gründen wohl , wie die Gelehrten sagen ? ! Neulich hat sich einer das Leben genommen , als er von einer Dirne kam . Ich versteh ' s ! Nur , daß ich auch dafür zu schwach bin . « » Oder zu stark , « warf Walter mit Betonung ein . » Du glaubst ? ! « Konrad zuckte die Achseln . » Pah ! Schütteln wir ' s ab ! Wie alles übrige ! Jetzt geht ' s in ein neues Leben . « Und sie schwiegen beide . Walter sah zum Fenster hinaus . » Die Türme des Doms ! « unterbrach er lebhaft die Stille . » Dort , ganz fern - zum letztenmal ! So schau doch hinaus ! « » Nein , « ungewöhnlich hart kam es über die weichen Lippen , » denn nichts , aber auch gar nichts hat diese Stadt mir gegeben , was sie nicht mit Wucherzinsen wieder genommen hätte , wenn es nicht dieser erste Tag reiner Freude ist , und jener andere vielleicht vor drei Jahren , als ich sie , alle Wunder von ihr erwartend , zuerst betrat . « » Und dankst ihr doch so viel an Wissen und Werden - um mit unserem würdigen Professor zu sprechen . « Konrad lachte , aber es war sein frohes Lachen nicht . » Ins Gesicht hätt ' ich ihm springen mögen , als er all sein Pathos auf diese unvergleichliche Alliteration verwendete . War nicht das Wissen , mit dem er und seinesgleichen unser Hirn belastete und unser Herz einschnürte , der mörderische Feind allen Werdens ? Wie reich war ich , als ich zum erstenmal , aller Andacht , alles Wunderglaubens voll , da droben vor dem Hochaltar stand , zu Füßen des steinernen Reiters , um dessen ritterliches Haupt ich meine Märchenträume spann ! Und jetzt - « Er brach ab . Die Falte zwischen seinen Augenbrauen vertiefte sich . » Jetzt , « fiel Warburg ein , » jetzt hat man uns in die Welt und in die Freiheit entlassen , um das eigene Leben zu erkämpfen . « » Mit der Reifeprüfung in der Tasche und doch unreifer als je ! « spottete Konrad . Warburg nickte : » Selbstverständlich . Denn jede Altersstufe hat ihre eigene Reife , die uns niemand fix und fertig mit auf den Weg