Hm - von Austernvergiftungen hörte man ja zuweilen . Aber wo er Austern genoß - in seinem Hause - in der Gesellschaft - da kam doch nur das Kostbarste und Frischeste auf die Tafel . Sie hatte auch wohl bemerkt - die fast gierig verlangte Tasse Tee setzte er gleich vom Mund ab , mit einer mühsam verborgenen , unwillkürlichen Miene des Widerwillens . Wie jemand , dem übel ist . Was half das Denken und Grübeln ? Es hieß , sich in das Schwerste hineinzwingen , das es für einen temperamentvollen Tätigen gibt : in geduldiges Warten . Das gelang ihr nur für kleine Zeitspannen , die von Sorge und trüben Vorstellungen unterbrochen wurden . Dies Auf und Ab der zuversichtlichen und beunruhigten Stimmungen machte , daß sie sich selbst schließlich ganz unleidlich vorkam . Erst als am andern Morgen die Fürstin Siegstein zur Sitzung kam , fand Sophie mehr innere Haltung . Die ungemeine Menschenkenntnis und das gütige Wesen der greisen Durchlaucht machten die Stunden der Sitzung für Sophie zu reichem Gewinn . » Ob ich jemals zu der Abgeklärtheit und Harmonie komme , die alle an Eurer Durchlaucht bewundern ? « fragte sie klagend . » Um Gottes willen ! Nur ja nicht . Abgeklärtheit ist Alter . Gärung ist Jugend . Und Sie sind Künstlerin und müssen jung bleiben . Sie wissen wohl , ich meine nicht im Gebaren , sondern im Herzen . Denken Sie daran , wie jung unsere drei Giganten blieben ! Goethe , Bismarck , Wagner . Bis zum Tod noch , dicht neben senilen Zügen : göttliche Jugend . - Aber - liebste Hellbingsdorf - ein bißchen was davon spukt auch noch in mir herum ! Daß Sie nicht etwa einen steifleinenen Bonzen aus mir machen ! « » Ich hoff ' , Durchlaucht werden zufrieden sein , « sagte Sophie lächelnd . Als sie nach der Sitzung in ihre Wohnung hinunterlief , fand sie keinen Brief und keine Depesche . Das war beruhigend . Auch am Nachmittag nichts . Immer leichter wurde ihr ums Herz . Und sie stellte ihn sich vor , wie er , vielleicht ein wenig angegriffen , doch in gewohnter Beherrschung von Menschen und Dingen , sein übermäßig beladenes Arbeitsprogramm abwickelte . Sie fing an , sich der Vorfreude hinzugeben auf morgen ! Wie leicht ließen sich die Stunden ertragen bis dahin . Und am Mittwoch Nachmittag kamen und gingen , wie immer , eine Menge Menschen bei ihr aus und ein . Zwischen Teeanbieten und Plaudern und all der Unruhe solcher Empfangsstunden hörte sie doch Tröstliches : zwei Damen sprachen von dem großen Ballfest , das Frau Geheimrat Rositz gäbe - die Tochter sollte offiziell eingeführt werden . Es schien aus dem Gespräch hervorzugehen , daß die Einladungen gestern erst versandt worden seien . Jemand sagte : » Na endlich - die Tochter muß mindestens achtzehn Jahre alt sein . « - Und eine Dame fragte : » Rositz wird wohl nächstens Exzellenz ? « - » Ja , « hieß es , » sie kann es kaum noch erwarten , sie hat gelitten - Frau Rositz - das war ihr gräßlich - sie , eine geborene Freiin von Buschke . « - » Ach Gott , « sagte da die Gräfin Bretten mit einem impertinenten Lächeln , » so sehr kann die gute Lyda ja noch gar nicht an die sieben Zacken gewöhnt gewesen sein . Sie war ja schon beinahe erwachsen , als die Buschkes aufhörten , selber Kohlen zu schaufeln - ja , so Kohlenbergwerke - und dann mal ' ne großartige Stiftung - das ist heut der Weg ... « Sonst war es Sophie schrecklich , wenn des teuren Mannes Frau durchgehechelt wurde . Jetzt aber horchte sie mit ganzer Seele . - Wenn man aus dem Hause Rositz gestern Balleinladungen versandt hatte , mußte es ihm gut gehen ... Und Freude im Herzen schmückte sie sich für den Abend . Sie wählte ein Kleid , von dem er einmal flüchtig bemerkt hatte , es sei sehr schön und so vornehm einfach . Nichts putzte den weichen Stoff als eine alte Spitze . Sophie ging zu Fuß . Von ihrer stillen Nebenstraße war der Weg nicht weit bis zum Kurfürstendamm , wo die Daisters in einem palastartigen Haus ein Stockwerk bewohnten . Der Novemberabend war trocken und nicht kalt . Immer neu drang das Phänomen der Weltstadtstraße auf Sophie ein . Nur im Bewußtsein hatte man es : Abend und Winter . Eigentlich verschlang das stark flutende Leben auf diesen Bürgersteigen , Fahrdämmen und Mittelwegen alle Erscheinungen des Wechsels . Aus breiten Ladenfenstern brach Tageshelle ; sie zitterte bläulichweiß herab aus großen Bogenlampen , sie huschte blitzend vorüber , wie jagende große Sterne , an den Autos und Wagen . Sie tötete die Nacht , die hoch droben , nicht gefühlt und nicht beachtet , als schwarzer Himmel über der durchflimmerten Unruhe stand . Und Wärmeströme hauchten aus den Türen der Restaurants und der Läden . Zwischen dem Gewühl der aneinander vorbeidrängenden Menschen konnte sich keine Kälte , still um sich wirkend , ausbreiten . Der stetig gleiche Lärm der Straße , dieser Zusammenklang von hundert kleinen , harten , hellen und hundert starken , dunklen Tönen , wurde wie ein Strom - alles floß in ihm zu einem Geräusch durcheinander , das die Luft aufnahm , sich ganz damit anfüllend . Man fühlte sich einem Etwas dahingegeben , das stärker war als man selbst . Man verlor gleichsam sein Eigendasein und wurde zum Atom - ein Pünktchen wurde man , in einem Riesenbilde . Das tat den Nerven manchmal wohl . Das trug einen . Alles sprach : die Welt steht ja noch - geht weiter - schiebt auch dein Teilchen Leben auf dem Wege voran . Manchmal aber tat es weh , verschlang zu sehr , wollte nicht gestatten , daß man sich behaupte . Schrie einem so mitleidslos zu , daß man allein stehe unter den Millionen . Sophie ging sehr langsam . Sie wünschte nach ihm anzukommen , genoß vorweg das Glück , ihn gleich beim Eintreten unter den andern Gästen zu bemerken . Seine Frau würde natürlich nicht da sein ; es war ihre Gewohnheit , immer in letzter Stunde abzusagen , wo ihr Mann zugesagt hatte . Seit vielen Jahren hatte das Ehepaar sich nicht zusammen in Gesellschaft gezeigt ; den Geheimrat traf man überhaupt nur selten . Aber als sie die Räume betrat , sah sie ihn nicht . In den beiden sehr großen Zimmern , die strahlend von Licht und prangend von Blumen waren , befanden sich nur etwa dreißig Menschen . Sophie kannte fast alle . Und alle Welt , die Hausfrau zumeist , begrüßte sie mit einer besonderen Art von Freudigkeit . Sie empfand wohl , daß man ihr herzliche Gesinnungen schenkte , aber über den Grad ihrer Beliebtheit hatte sie noch nie nachgedacht . Sie war sich der graziösen Würde ihres Auftretens nicht bewußt und noch viel weniger des naiven Zaubers , den ihr die lebhaft gezeigte Anteilnahme an Leid und Freud ' der Mitmenschen gab . Sie war wirklich etwas in der Mode , und man fand sie » entzückend « . Man sprach auf sie ein , und sie sprach zu andern . Und hatte dabei doch immer die Tür im Auge . Sie spürte wohl : es wurde gewartet . Man ging noch nicht zu Tisch . Vielleicht wartete man auf ihn . Sie wagte nicht zu fragen . Während sie mit dem Neffen der Fürstin Siegstein von der mütterlichen Güte seiner Verwandten sprach , hörte sie deutlich , daß neben ihr eine Dame zur andern sagte : » ... dann noch Einladungen zu verschicken ! « » Sieht ihr ähnlich . Czermack soll es sehr ernst ansehen ... man sagt ... « Das versetzte Sophie den Atem . Von wem sprachen diese beiden ? Großer Gott , von wem ? Sie ließ den jungen Siegstein stehen . Da war die Hausfrau - ihrer Gewohnheit nach immer ein wenig eilig und unruhig unter ihren Gästen und jetzt von dem ärgerlichen Zweifel hingenommen : sollte man warten oder nicht ? Der Geheimrat Rositz fehlte , und es fehlte noch ihre Tante , die Senatorin Amster mit Pflegetochter - eben die junge Dame , die Sophie malen sollte . Sie schalt vor Sophiens Ohren auf die unpünktliche Senatorin ; Sophie aber hatte nur dies eine gehört : man erwartete » ihn « also doch ! Jene Worte der beiden Damen konnten sich nicht auf ihn beziehen ! Jetzt öffnete sich die Tür . Eine stattliche Frau kam herein , in stolzer , sicherer Haltung , blond , elegant , mit klugen , etwas scharfen Zügen . Gewissermaßen in ihrem Gefolge erschien auch eine junge Dame in Weiß , die man aber wegen des bedeutenden Auftretens der älteren Dame kaum beachtete . » Na endlich ! « sagte Thea Daister . Ja , die Senatorin hatte keine Schuld . Man wußte doch , wie sie Unpünktlichkeit haßte , wo jede Minute des Tags kostbar und eingeteilt war . Aber eine Panne - es war ärgerlich gewesen und aufregend dazu . Und zugleich , während sie dies erklärte , ging ihr lebhafter Blick über die Gesellschaft hin , eigentlich mehr gleichgültig als neugierig . Ganz sachlich sich auch des ihr hier einzig Wichtigen erinnernd , sagte sie dann : » Ich sollte Sophie von Hellbingsdorf kennen lernen . « Thea Daister machte die Damen miteinander bekannt . » Theas Bild hat meinen Schwager und meine Schwägerin entzückt , « teilte die Senatorin mit , » es ist sprechend . Die ganze muntere , etwas unruhige und zärtliche Art Theas ist darin . Aehnlichkeit zu geben und zugleich das Individuelle , ist ja schwer - wie vielen Malern entschlüpft beim Bestreben , das letztere zu offenbaren , die genauere Linie der ersteren . « Sophie merkte gleich : die Senatorin mochte gern sprechen und war sich bewußt , auch etwas zu sagen . » Ich möchte Sie nun bitten , meine Tochter zu malen - hier ist Marieluis - wissen Sie , gerade im gegenwärtigen Stadium ihrer Entwicklung möchte ich sie festgehalten sehen - wie interessant kann das später werden - wenn sie geistig weiter geht - wenn das Bild und das Modell sich voneinander entfernen . Sie müssen wissen , ich hatte keine Kinder . Als leidenschaftliche Erzieherin mußte ich mir eins annehmen . « Sophie sagte einiges darüber , daß Wahl oft fester binde und tiefere Liebe erwachsen lasse als natürliche Bande . Und dabei sah sie immer nach der Tür und fühlte die Minuten bleiern werden . Das junge Mädchen stand dabei und hörte zu . Sie war offenbar gewohnt , daß unbefangen vor ihr das Praktische und Seelische ihres Verhältnisses zur Pflegemutter erörtert wurde . Jetzt hatte Sophie keinen Blick für ihr demnächstiges Modell . Marieluis war ein wohlgewachsenes Mädchen , beinahe groß von Gestalt , mit gekraustem Blondhaar , das Stirn und Schläfe wellig umgab . In dem schönen Gesicht fiel der intelligente Ausdruck auf und eine gewisse entschlossene Klarheit des Blicks . Nein , das sah Sophie nicht . Sie sah nur die Tür , die sich nicht mehr öffnete ... » Meine Tochter « , erzählte die Senatorin , » soll kein leeres Luxusleben führen , wie Thea das tat . Marieluis soll und will lernen . Sie arbeitet ! Thea durfte so blind drauf los ihren Wandsbeker Husaren heiraten - unfertig wie sie war - ungeprüft - denn wie wenig kannte man sich eigentlich ! Man war bloß verliebt . So was ist nicht in unserm Programm - nicht , Kind ? Nun , es ist ja gut abgelaufen mit Thea und Kurt . Es steckte mehr in ihm , als man ahnen konnte . Sein Uebertritt in die Diplomatie hat mich auch recht gefreut . Ich bezweifle auch nicht , daß er sein diplomatisches Examen gut besteht . Nur wundert es mich , daß Daisters dabei so gesellig leben können - wenn man im Auswärtigen Amt arbeitet und sich vorbereitet - auf ein Examen ! « Welche Mühe mußte Sophie sich geben zuzuhören . Um sie herum war frohes Stimmendurcheinander ; beglänzte Seidenfalten schimmerten warm und prunkvoll , edle Steine strahlten wie Tautropfen im Sonnenlicht . Aber das Zimmer war für Sophie leer und dunkel , weil der eine noch nicht da war , auf den sie wartete . Nun kam aber aus dem Munde der Senatorin die Bitte , die Sophie aufhorchen machte . » Ich möchte keinen längeren Aufenthalt in Berlin nehmen . Sie haben wohl manchmal davon gehört - Art der Städte - Art der Menschen zu verschieden - ich fühl ' mich hier nicht behaglich . Zu wenig Tradition . - Also kurz : ich muß Sie schon einladen , nach Hamburg zu kommen . Versprechen kann ich ' s natürlich nicht , aber ich zweifle nicht daran : Marieluis wird nicht das einzige Porträt bleiben . « Nach Hamburg - wo zwischen ragenden Schornsteinen , häßlichen , bestaubten und verräucherten Mauern und Dächern , an Wasserläufen , die Lastkähne trugen , irgendwo in einer Vorstadt ihr Allert sein junges Unternehmen zum Erfolg zu führen sich mühte ... Oh ja , wie gern nach Hamburg ... Fort von hier , wo der Freund lebte , dem sie , der ihr nötig war . Alternde Menschen sollen einander nicht berauben - um keine Stunde darf das Schicksal sie betrügen , die hell und tröstlich und voll sanfter Freude sein könnte - denn zu nahe ist jene eine Stunde , wo alles in Dunkelheit mündet ... Oh nein - nicht nach Hamburg ... Sie konnte nicht antworten . Nicht einmal zögernde , hinausschiebende Worte suchen . Denn Thea Daister kam wieder heran , eilig und noch unruhiger . » Das begreife , wer kann ! Rositz hat nicht abgesagt und kommt nicht und telephoniert nicht . - Ich denke , man geht zu Tisch - es ist nur - er sollte Dich führen ... « Die Senatorin machte ein ärgerliches Gesicht . Sie unterhielt sich gern mit bedeutenden Männern . Der Vortragende Rat im Handelsministerium Rositz , von dem es hieß , er werde selbst mal Minister - der wäre ihr gerade als Tischherr recht gewesen . Sein Amt hatte ihn hie und da in Berührung mit Hamburger Handelsherren und Schiffsreedern gebracht . Es fehlte also nicht an Beziehungen . Jetzt trat der kleine elegante Herr von Daister zu seiner ihn überragenden Gattin , mit einem ernsten Ausdruck , der wie eine durchsichtige Maske über seinem flotten , siegessicheren Husarengesicht lag . » Wir können zu Tisch gehen . Rositz kommt nicht . Gräfin Bretten sagt mir eben , er sei sehr krank . Blinddarm . Nun , die Art Sachen kuriert Czermack ja glänzend . - Also ich meine doch ... « Sophie begriff sich nicht - sie vermochte es , sich zu halten , unauffällig zu bleiben , zu sprechen , am Tisch zu sitzen , zwischen Menschen , die ihr wie Phantome erschienen , während ihr selbst war , als träume sie . Ihr einzig klarer Gedanke war : die Gräfin Bretten zu fragen , was die wußte . Weit weg von ihr an dem dritten der großen runden Tische im Speisesaal saß die Gräfin . Sophie behielt immer den braunen Haarschopf im Auge , den ein Pfeil mit Brillanten durchstach - auf ganz altmodische , doch höchst kleidsame Art. Aber nach Tisch , als Sophie sich umsah , war die Gräfin verschwunden . Irgend jemand wußte : sie hatte noch auf den Ball der schwedischen Gesandtschaft gewollt ... Gleich darauf schlich Sophie sich davon . Der Diener begleitete sie hinab - da standen Autos - sie sagte ihre Straße und Hausnummer . - Und kaum , daß das Gefährt davonbrauste , so drückte sie an dem Gummiballon , der dem Führer » Halt ! « zupfiff . Sie nannte ihm die Wohnung des Freundes ... Sie dachte gar nicht : was will ich da ? Sie fühlte nur : es war schon etwas , das Licht hinter seinen Fenstern sehen - Licht ist wie der Strahl des Lebens - wie Sinnbild des Seins - das Unerloschene würde zu ihr sprechen , als sei es Trost . Sie wußte : die beiden Fenster links von der Ecke des ersten Stockwerks - das waren seine Fenster . Zuweilen , wenn sie , von einer Gesellschaft in später Nachtstunde heimkehrend , noch die Tiergartenstraße entlang fuhr , so sah sie in warmem , mildgelblichem Licht diese Fenster hell , und das war ein Zeichen : er arbeitete noch . Nun hielt das Auto - nicht vor der Gitterpforte , sondern , wie Sophie dem Führer befohlen hatte , an der gegenüberliegenden Seite , neben dem Reitweg , am Rande des Tiergartens . » Warten Sie ! « Sophie sah das Licht , nach dem sie sich gesehnt hatte ... und noch viel mehr Licht - aus allen Fenstern brach es - schien die Mauerpfeiler wegzudrängen , die ganze Front in Helle aufzulösen - so blendend schrie dies viele Licht in die Nacht , wie ein prunkendes Fest oder - wie die Angst vor der düsteren Nähe des Todes . Sophie stand am hohen Gitter , zwei von den eisernen Stäben umklammernd , die in Reih und Glied aus der gemauerten Basis emporstiegen . Sie starrte zu seinen Fenstern empor . Alles war still . Keine Schatten glitten über die Vorhänge . Sie hörte gleich einer melancholischen Musik den Wind in den Wipfeln des Tiergartens . Kein Brausen und Rascheln und Wühlen in Blätterfülle . Nur jenes feine Sausen und Schwingen , als seien all die kahlen Reiser Peitschen geworden und schlügen die Nachtluft . Sternenlos , von schweren Schneewolken verhangen , stand der Himmel . Wie eine Bettlerin lauerte sie am Gitter , sie , die dem Mann , der droben lag und litt , die Nächste war - und an seinem Lager wachte vielleicht jene , deren Anblick und Wesen ihm noch seine Sterbestunde vergällen würde ... Ein Geräusch ... Fauchen ... Rollen ... Der mißtönige , rasch hintereinander viermal wiederholte Schrei einer Hupe - wie ein Signal . - Das Auto kam heran , bog durch die weitgeöffnete Gitterpforte - stieß seinen Benzinatem aus - fuhr den Weg hinan und hielt unter dem Glasbaldachin seitwärts am Hauseingang . Strahlendes Licht beglänzte die Stelle . Und Sophie sah ... Gerade als das Auto hielt , kam auch schon ein Diener aus dem Portal ... Er riß die Tür auf , und zwei junge Herren stiegen aus . Auf der Stelle wußte Sophie : seine Söhne ! Der eine stand als Regierungsreferendar bei der Regierung in Breslau . Der andere war Leutnant in einem Dragonerregiment . Beide bedeuteten dem Vater Sorge ... Sophie konnte auf das deutlichste die Gesichter erkennen . - Die kleinen Bartstreifen auf dem hochmütig-gleichgültigen Gesicht des Referendars - die Aehnlichkeit des Dragoners mit dem Vater ... Sie schienen etwas zu fragen - der Diener , ob er sich zwar schon mit dem Handgepäck der Angekommenen beschäftigte , wußte seiner Haltung doch einen ernsten Ausdruck zu geben - seine Auskunft mußte sehr bedeutungsvoll sein . Sekundenlang blieben die beiden jungen Herren regungslos . Dann fragte der im Militärmantel noch etwas . Und da hörte Sophie deutlich - deutlich durch die Stille der Nacht ... » ... vor einer Stunde ! « Und sie wußte : Er war tot . Die mit Kränzen gehen und in schwarzen Flören , das sind nicht immer die wirklichen Leidtragenden . Sophie hatte kein Recht , an der mit pomphaften Trauerzeichen ausgestatteten Totenfeier teilzunehmen . Während man den teuren Freund begrub , stand sie im Arbeitskittel und malte . Die letzte Sitzung für das Bildnis der alten Fürstin - gottlob ! Es eilte Sophie damit ; etwas peitschte sie - sie mußte mit diesem Bilde fertig werden , es war , als gehöre es noch in das Stück Leben , das nun zu Ende war . Und dann fort - fort aus diesem Heim , das der eine niemals mehr betreten würde . - » Liebste Hellbingsdorf - Sie sehen elend aus - das hat Sie angegriffen . « Die Fürstin meinte die » kleine Reise in dringlichen Geschäften « , mit der Sophie sich für drei Tage entschuldigt hatte - drei Tage , in stumpfer Verborgenheit und schwerem Ringen verbracht . Sophie war das Lügen nicht gewohnt - den erfundenen Vorwand hatte sie vergessen . » Es geht wieder gut , « sagte sie , » es war nur ein leichter Influenzaanfall . « Die alten klugen Augen sahen sie durchdringend an . Und als Sophie dem forschenden Blick begegnete , kamen ihr unversehens Tränen - sie selbst überraschend , so daß sie sich nicht gegen ihre Weichheit hatte wappnen können . Nun biß sie die Lippen zusammen ... » Weinen Sie nur - weinen Sie , « sprach die Greisin , » die Tränen , die nach innen fließen , versalzen uns das Wesen ... « Dann fragte sie : » Wie alt sind Sie ? « » Neunundvierzig . « » Jung - jung , « meinte die fast Achtzigjährige , » zu jung , um so allein zu stehen . Sie haben Söhne ? « » Zwei , Durchlaucht . « » Kinder . Na ja . - Aber wenn wir in unserm tiefsten Weibtum irgendwie leiden - da können Kinder blitzwenig trösten - die wohnen sozusagen in ' ner andern Herzensabteilung - wissen Sie , als mein Mann starb - einst hatt ' ich ihn bloß aus Gehorsam , fast mit Abneigung genommen - der liebe Gott hat ' s aber gut mit uns gemeint - ich gewann meinen Mann über die Maßen lieb - er mich - ja , als der Tod das zerriß - trostlos war ich - das konnten mir die Kinder nicht ersetzen . Na - man findet sich mit der Zeit - weil alles zeitlich ist . « Sophie küßte der Greisin die Hand . Sie fühlte sich wunderbar verstanden . Dies alte Herz erriet : sie litt . Und ohne zu wissen und zu fragen , fand es rechte Worte . Einen Augenblick dachte sie daran , sich der Fürstin zu offenbaren - denn neben dem Gram stand ja noch eine große Sorge ... Der nun Dahingegangene hatte ihr etwas anvertraut - diese Mappe , die er nach zwei Tagen holen wollte . - Er , der niemals mehr kam ! Aber sie bezwang sich . Sie wußte : es ist immer klüger , die Güte Hochstehender nicht sogleich mit Geständnissen zu beantworten . Aber sie konnte nun weiterarbeiten . Und von ihrem erhöhten Sitz her , wo sie in einem goldenen Barockstuhl , voll Alterswürde , in den schweren Falten ihres dunklen Samtkleides saß , spann die Fürstin die Unterhaltung fort . » Offiziere , die Söhne ? « » Der zweite , Durchlaucht . Mein Aeltester ist Kaufmann . « Der weiße Kopf machte eine lebhafte Bewegung . » Dernburg ! « sagte sie bestimmt . » Das hat förmlich fixe Ideen erzeugt . Wenn ein Kaufmann plötzlich Minister werden kann - und ein bürgerlicher Kaufmann - welche Sessel müssen da adeligen Kaufleuten erklimmbar sein ! « » Ach nein , Durchlaucht ! Nicht Dernburg . Er ist schon vor zwölf Jahren Kaufmann geworden . Mein Allert dachte als Knabe , das Familiengut komme mal an ihn - als er sein Abiturium hatte , war ' s gerad ' so weit , daß alles anders lag - mein Mann starb - Muschenfelde ließ sich nicht halten - es hieß , an Erwerben denken ... « » Da brauchte er doch nicht gleich Zucker und Kaffee zu verkaufen , « meinte die Fürstin mißfällig . » Ein Hellbingsdorf ! « Sophie spürte : sie hatte keine Ahnung - sah in ihrer Phantasie vielleicht einen deklassierten Aristokraten , der hinterm Ladentisch Tüten füllte . » Durchlaucht - soll ich all die Standesherren aufzählen , die Brennereien , Brauereien , Sägereien haben ? Die Holz , Milch , Vieh , Korn , Wild verkaufen ? « » Ih - ja - das könnte klingen . Ist aber doch anders ! Betrieb auf eigener Scholle - mein Neffe Rudi hat an seinem Waldbach ' ne Sägerei und ' ne Kornmühle . - Liebste - eigene Scholle ! Und er klopft und sägt und mahlt nicht selbst , « sagte sie amüsiert . » Mein Sohn steht wohl auch nicht selbst an den Retorten und Oefen der Fabrik . « » Ach Gott ja - die neue Zeit , « sagte die Greisin so ins Unbestimmte hinein , » alles bekommt andere Taxen . « Und dann lenkte sie von diesem Gebiet , auf dem sie sich gänzlich unsicher fühlte , plötzlich auf das ihr bequeme ab . » Wen will denn Ihr Sohn so mal heiraten - wenn er sich in so ' ne andere Welt ' rein begab ? Passen Sie auf , was er Ihnen da mal bringt - vielleicht irgend ' ne Börsenprinzeß - hm - vielleicht nicht übel - jedenfalls nicht ungewöhnlich . Wir haben ja manche Familien , die nicht mehr fortgekonnt hätten ohne solche Neuvergoldung ... « » Ja , Durchlaucht , die Frage beschäftigt mich beständig . Aber es ist eben eine ernste Frage . Kopf und Herz sollen bei der Beantwortung übereinstimmen . Das findet sich schwer . « » Unsinn . Unsinn . Kopf und Herz , « eiferte die Fürstin . » Das Herz kommt nach , wenn der Kopf durchaus weiß : so ist ' s vernünftig , so muß es sein . Es ist viel angeborene Neigung und Bedürfnis in einem , zu lieben , sich anzuschließen . Das hilft nach , sobald der Verstand einen unabänderlichen Lebenszustand etabliert hat . Und dann die Gewohnheit ! Beste Hellbingsdorf , die gute Hälfte von dem , was man so für Verständnis und Liebe hält , ist ja bloß Gewohnheit . Das müssen Sie Ihren Söhnen klarmachen . « Jetzt kam die Gesellschaftsdame der Fürstin zurück , eine ältliche Person von strengem Ausdruck und hochmütiger Haltung . Die beiden Damen vertieften sich in ein Gespräch über die Besuche und Besorgungen , die Fräulein v. Rothenkrug inzwischen hatte machen müssen . Sophie hörte der seltsamen Unterhaltung , die fast ein Kampf war , nicht zu . Immer fand die Greisin , daß ihre Rothenkrug zu karg mit den Worten , der Zeit , dem Gelde gewesen war , alles hätte gütiger und freigebiger eingerichtet werden sollen . » Nein , « sagte die Rothenkrug bestimmt , » man darf die Leute in der Not nur stützen ; nie so weit gehen , daß sie ihre Hilfsbedürftigkeit als den bequemeren Zustand empfinden . Das wäre keine richtige soziale Politik . « » Oh Gott ! « klagte die Greisin unwillig . » Jetzt hört man bei jeder Gelegenheit Worte , die alles ins Allgemeine setzen . Was denn ? Die Leute mit ihren vielen kranken Kindern brauchen Hilfe - unsereins hat Pflicht zu helfen - dafür ist mein Wohltätigkeitsbudget da - « Gerade als die Rothenkrug ihrer Herrin den Pelz umlegte , füllte ein grauer Schatten das Atelier . Draußen war die Luft voll Schnee - der erste Schnee . Der fällt schon auf sein Grab , dachte Sophie . Und als sie endlich allein war , stand sie lange an den breiten , hohen Scheiben und sah hinaus . Und am Nachmittag saß sie , wie an allen drei vorangegangenen Tagen , wieder vor der Mappe . Von bräunlichem Leder war sie und vielfach abgegriffen . Sie hatte kein verschließbares Schloß , sondern nur eines , das man auf- und zuschieben konnte . Es war Sophie unter den Fingern aufgegangen . Sie kannte die Mappe , hatte sie schon einmal gehütet - in ihrem eisernen Kasten , der ihr bißchen Schmuck und ihre Versicherungspolicen und dergleichen enthielt , und den sie in ihrem Kleiderschrank verbarg . Damals hatte er am Donnerstag zu lange und so köstlich behaglich bei ihr verweilt und den vorgehabten Weg zu seinem Rechtsanwalt nicht mehr machen können ; die Bürostunde war vorüber . Und er wußte ohne Bitte und Wort , die unverschlossene Mappe würde ihr unantastbar sein , als lägen eiserne Bänder wohlvernietet herum . Damals hatte Sophie dasselbe Gefühl gehabt wie vor einigen Tagen : er will die Mappe nicht mit nach Hause nehmen . Vielleicht war er dort nicht ohne Mißtrauen gegen die Sicherheit seiner Schlösser . Schon in den ersten betäubenden Schmerz hinein war ihr schreckhaft die Erinnerung an die Mappe gekommen . Sie fragte sich : » Was ist darin ? Wem soll ich sie zustellen ? « Und sie fühlte vor allem eines : daß sie es dem Toten schuldig war , sich über den Inhalt zu unterrichten . Dieser Inhalt mußte dann bestimmen , was sie zu tun habe . Vielleicht waren es Papiere , deren Kenntnis nach seinem Tode den Haß vergrößern konnte , der zwischen ihm und seiner Frau bestanden . Sophie wußte : er hatte gewisse Beweise gesammelt . Aus Liebe zu seiner Tochter zögerte er immer noch , mit diesen Beweisen zum Schlage gegen die Frau auszuholen , die ihn so voll Feindschaft und Feigheit zugleich festhielt . Sophie war vorweg entschlossen : sie würde dergleichen verbrennen . Sie fühlte dazu ein heiliges Recht . - Dieser ihr noch unbekannte Inhalt der Mappe war wie ein Vermächtnis ! Vor Gott und ihrem Gewissen gestand sie sich das Recht zu , damit zu verfahren , in Andacht vor dem Verstorbenen , nach ihrem Ermessen ! Aber als unter ihren zögernden , unsicheren Fingern das Schloß sich wie von selbst öffnete , erlitt Sophie ein Entsetzen , das ihr eine Ohnmachtsanwandlung zuzog . - - Geld sah sie - Geld - Geldwerte ! Ein breites , flaches Paket bildeten diese braun