wie hilflos da und weinte . Erst als Fastrade sie in ihrer bekannten schützenden Art in die Arme nahm , den alten zerbrechlichen Körper hielt und leitete , da fühlte die Baronesse wieder die ganze Wärme dieser Gegenwart , nach der ihr alle Jahre hindurch gefroren hatte . Fastrade führte die Baronesse zum Sofa , ließ sie dort niedersitzen , setzte sich neben sie und hielt die beiden alten Hände in den ihren . Die Baronesse weinte still vor sich hin , Fastrade saß ruhig da und ließ ihre Blicke im Zimmer umherschweifen , suchte die Sachen an ihren gewohnten Plätzen auf . Es stand alles dort , wo es einst gestanden , alles war unverändert , und dennoch schien es ihr , als sei es verblaßter , farbloser als das Bild , welches sie die ganze Zeit über in ihrer Erinnerung herumgetragen , das Getäfel schien dunkler , die Seide der Möbel verschossener , die Kristalle des Kronleuchters undurchsichtiger . All das erschien Fastrade wie eine Sache , die wir sorgsam verschließen , und wenn wir sie endlich wieder hervorholen , wundern wir uns , daß sie in ihrer Verborgenheit alt und blaß geworden ist . Und auch die Töne des Hauses waren die altbekannten . Aus dem Zimmer ihres Vaters hörte man die fette , knarrende Stimme des Inspektors Ruhke dringen , aus dem Eßzimmer klang das Klirren von Gläsern , das Klappern von Tellern herüber , und endlich im kleinen Kabinett neben dem Saale sang eine ganz dünne , zitternde Stimme eine hüpfende Melodie leise vor sich hin . Das war die uralte Französin Couchon , die schon die Lehrerin der Baronesse gewesen war . Sie saß an der grün verhangenen Lampe in sich zusammengebogen , das Gesicht ganz klein unter der enganliegenden grauen Sammethaube , legte ihre Patience und trällerte leise ihre verschollene französische Melodie . Das ergriff Fastrade so stark , daß sie laut sagen mußte : » Ah , Ruhke ist bei Papa , und Christoph deckt im Eßzimmer den Tisch , und Couchon sitzt noch bei ihrer Patience und singt . « » Ja , Kind , « sagte die Baronesse , » wir haben nichts anderes zu tun , als zu sitzen und zu warten , bis eines nach dem anderen abbröckelt . « Fastrade erhob sich schnell von ihrem Sitz , als wollte sie etwas abschütteln : » Ich will Couchon begrüßen « , sagte sie und ging in das Kabinett hinüber . Die alte Französin hob ihr kleines Gesicht zu Fastrade auf , lächelte mit dem lippenlosen Munde und sagte : » Te voilà , ma fillette , à la bonne heure . « Dann wandte sie sich wieder ihren Karten zu . Jetzt beschloß Fastrade , zu ihrem Vater hineinzugehen . Auch dort erhellte eine Lampe mit grünem Schirm das Zimmer nur matt , der Baron saß auf seinem Sessel sehr gebeugt , der Kopf war ihm auf die Brust gesunken , er schien zu schlafen , das schöne Silberhaar war fort , und das Lampenlicht lag auf der blanken großen Glatze . In der Ecke stand der Inspektor Ruhke unförmlich groß und dick , und eine Atmosphäre von Schnee und Transtiefeln umgab ihn . Fastrade kniete vor ihrem Vater nieder und sagte : » Hier bin ich wieder , Papa . « Der Baron erhob seinen Kopf und sah sie an , die Augen waren noch immer klar und blau , aber das bleiche Gesicht schien zu müde zu sein , um einen Ausdruck zu haben . » So , so , « sagte der Baron und versuchte matt zu lächeln , » deine Tante sagte mir , du würdest kommen . « Dann strich er mit der Hand über Fastrades Wange . » Kalte Wangen , « bemerkte er , » so , so , setze dich dort hin , Kind , Ruhke ist noch nicht zu Ende , es ist gut , wenn du das mitanhörst . Nun , Ruhke , also die Ölkuchen . « Der Baron ließ wieder den Kopf auf die Brust sinken , Fastrade setzte sich in einen der großen Sessel , Ruhke räusperte sich verlegen und begann dann wieder mit der fetten , knarrenden Stimme zu sprechen , sprach von Ölkuchen , die von der Station abgeholt werden sollten , von einem Stier , der krank zu sein schien , von Brettern , die gesägt werden sollten , er sprach eintönig und mechanisch wie einer , der weiß , daß niemand ihm zuhört , und endlich schwieg er ganz . Wie vom Stillschweigen geweckt , schaute der Baron auf und sagte : » Das ist alles ? Nun , dann guten Abend , Ruhke . « - » Guten Abend « , erwiderte der Inspektor und schob sich zur Tür hinaus . Jetzt wurde es ganz still im Zimmer mit seiner grünen Dämmerung , der Baron ließ wieder den Kopf sinken und schlummerte , einmal sah er auf und fragte : » Viel Schnee auf der Landstraße ? « - » Ja , Papa « , erwiderte Fastrade . Darnach schwiegen sie wieder . Fastrade saß da , die Hände im Schoß gefaltet , die Augen weit offen und auf dem Gesicht ein Ausdruck , als träumte sie einen schweren Traum . Draußen im Saal begann die große Uhr langsam und tief neun zu schlagen , Christoph kam , um seinen Herrn zu Bette zu bringen . » Ich gehe jetzt schlafen , « sagte der Baron , » du kommst dann wieder , Kind , und liest . « Und es kam in das bleiche Gesicht etwas wie Heiterkeit , als er hinzufügte : » Es ist gut , wenn man wieder beisammen ist . « Im Eßsaal saßen die Baronesse und Fastrade sich gegenüber , und auch hier kam das vergangene Leben mit jedem Geräte und jeder Speise mächtig über Fastrade . Das Porzellan mit dem schwarzen Monogramm , der silberne Samowar , der Geschmack der Koteletten und der Semmel , alles schien das Leben gerade da wieder anzuknüpfen , wo sie es vor Jahren verlassen hatte , und mechanisch wie früher stand Fastrade von ihrem Stuhle auf , um sich vor den Samowar zu stellen und den Tee zu machen . Die Baronesse erzählte unterdessen , erzählte geläufig und klagend von all dem Traurigen , das sich in den Jahren ereignet hatte . Nach dem Essen mußte Fastrade zu ihrem Vater gehen und vorlesen , sonst war es die Baronesse , die dort im Schlafzimmer die Memoiren des Herzogs de Saint Simon vortrug , bis er eingeschlafen war . Fastrade fand ihren Vater im Bette liegend mit geschlossenen Augen , er öffnete die Augen auch nicht , als sie eintrat , und murmelte nur ein leises » so , so « . Als sie sich jedoch an den Tisch mit der grünverhangenen Lampe setzte und das Buch zur Hand nahm , hörte sie die Stimme ihres Vaters klar und in dem früher gewohnten , belehrenden Tonfall das Wort Pflichtenkreis sagen . Sie las nun . Im Hause war es ganz still geworden , vom Bett her klang das schwere und mühsame Atmen des alten Mannes herüber , und all das war so furchtbar bedrückend , daß Fastrade es hörte , wie ihre eigene Stimme zuweilen zitterte und fast versagte , während sie die langwierige Geschichte von dem Streit der französischen Herzöge um den Vortritt vortrug . Endlich öffnete Christoph leise die Tür und machte ein Zeichen , daß es genug sei . Als die Baronesse Fastrade in ihr Zimmer führte , weinte sie wieder und sagte : » Kind , nach all diesen Jahren werde ich zum ersten Male wieder mich glücklich zu Bett legen . « Als sie allein war , blieb Fastrade mitten in ihrem Zimmer stehen und ließ die Arme schlaff herabhängen . Eine dunkele Traurigkeit machte sie todmüde . All das still zu Ende gehende Leben um sie her schwächte auch ihr Blut , nahm ihr die Kraft weiterzuleben ; » wir sitzen still und warten , bis eines nach dem anderen abbröckelt « , klang es wie eine leise Klage in ihr Ohr , und dann bäumte sich etwas in ihr auf , sie hätte die Traurigkeit von sich abreißen mögen wie ein lästiges Kleid . Schnell ging sie zum Fenster , öffnete die schweren Fensterläden , stieß das Fenster auf und schaute in den Garten hinab . Im Scheine großer , unruhig flimmernder Sterne lag die Winternacht da , weiß und schweigend , die Luft schlug ihr feucht und kalt entgegen , Bäume ragten wie große weiße Federn gegen den Nachthimmel auf , und an ihnen vorüber konnte Fastrade in eine Ferne sehen , die von einer weißen Dämmerung verschleiert unendlich schien . Hier war Raum , hier konnte sie atmen , hier in der Kühle schlief das große , starke Leben , zu dem sie gehörte . Und wie sie so hinausschaute in all das Weiße , mußte sie an das Krankenhaus denken mit den langen , weißen Korridoren , den weißen Türen , hinter denen das Leiden und die Schmerzen wohnten , aber die Leiden und der Schmerz dort waren etwas wie eine berechtigte Einrichtung , man diente ihnen , man lebte für sie , und auch das Mitleid war eine Einrichtung , man trug es leicht wie an einer Gewohnheit und stand nicht hilflos davor wie hier als vor einer großen Qual . Wenn sie dort aus den Krankenstuben kam , fand sie draußen in den Korridoren geschäftiges Leben , eilige Ärzte in weißen Kitteln rannten an ihr vorüber , man rief sich etwas Heiteres zu , man lachte und man fühlte sich tapfer und nützlich in diesem frischen , fast munteren Kampfe gegen die Feinde des Lebens . Fastrade fror , aber sie empfand wieder , daß sie warmes junges Blut in ihren Adern hatte , empfand die Kraft ihres Körpers , und sie fühlte ihr Leben wieder als etwas , auf das sie sich trotz allem freuen durfte . Schnell schloß sie das Fenster , jetzt wollte sie schlafen . Viertes Kapitel Es war noch ganz finster , als Fastrade erwachte . Es mußte Zeit sein , die Nachtwache abzulösen , dachte sie und setzte sich im Bette auf , aber als sie hinaushorchte , herrschte draußen tiefes Schweigen , statt des Ab- und Zugehens leiser Schritte , das im Krankenhause nie verstummte . Da erinnerte sie sich , sie war zu Hause . Sie lehnte sich wieder in die Kissen zurück , hob die Arme empor , faltete die Hände über dem Scheitel und starrte in die Finsternis hinein . Anfangs war es ein Gefühl starken Wohlbehagens , liegen bleiben , schlafen zu dürfen , wie oft hatte sie sich im Krankenhause das gewünscht , allein der Schlaf kam nicht , und die Bilder von gestern abend stiegen wieder auf , das bleiche Gesicht ihres Vaters , die schmale , schwarze Gestalt der Tante Arabella , wie sie mitten in dem großen Saale stand und hilflos weinte . Sie fuhr auf , nein , diese schmerzhafte Hoffnungslosigkeit , die sie gestern abend krank gemacht , sollte nicht wieder über sie kommen . Sie zündete die Kerze an und begann sich anzukleiden . Das erfrischte sie ; sie dachte an Kinderzeiten , wenn die kleine Fastrade es vergessen hatte , den französischen Aufsatz zu machen , und sich frierend am Wintermorgen bei Kerzenschein ankleidete , während alles um sie her noch schlief . Draußen in der langen Zimmerflucht herrschte noch Finsternis . Ab und zu ging eine Magd mit lautlosen Schritten , ein Lichtstümpfchen in einem Leuchter in der Hand , und die kleine Flamme ließ große Schatten die Wände entlang irren . Vor den mächtigen Kachelöfen hockten graue Gestalten , schichteten Holz in das Ofenloch , zündeten es an , und die feuchten Scheite begannen laut und ärgerlich zu prasseln . Verwundert und fast ängstlich wie auf ein Gespenst schauten die Mägde Fastrade an , als sie da plötzlich unter ihnen erschien und langsam durch die Zimmer ging . Es war Fastrade , als könnte sie alle diese Gemächer jetzt , da sie in der Finsternis oder im flackernden Ofenschein zu schlafen schienen , leise beschleichen , um in ihnen all das wiederzufinden , was sie einst gekannt und geliebt hatte . Das Kabinett neben dem Saal war hell vom Ofenfeuer erleuchtet , vor dem Ofen saß Merlin , der alte Setter , und schaute ernst in die Flammen ; als Fastrade eintrat , wandte er den Kopf nach ihr um und schaute sie ruhig an . » Merlin « , sagte Fastrade , da stand er langsam auf , ging zu ihr hin und rieb seinen Kopf sanft gegen ihr Knie ; Fastrade mußte an die stille , müde Art denken , in der Tante Arabella sie gestern begrüßt hatte . » Komm , Merlin , wir wollen uns wärmen « , sagte sie und setzte sich auf einen Sessel am Ofen nieder ; Merlin saß neben ihr und beide starrten jetzt in die Glut , und es war Fastrade , als wäre sie nie fort gewesen , als hätte sie nie aufgehört , zu diesem wunderlichen , alten Hause zu gehören , in dessen dunklen , verschlafenen Ecken überall eine stumme Klage zu wohnen schien . Aber das Sitzen in der Wärme machte schlaff , dazu trug Merlins schwarzes Gesicht , trugen seine braunen Augen , die im Ofenschein glashell wurden , einen so hoffnungslos beruhigten Ausdruck zur Schau , als könnte sich im Leben nie mehr etwas ereignen . Ungeduldig stand Fastrade auf , ging wieder durch die Zimmer , die Fensterläden waren geöffnet worden , ein weißer , dunstiger Wintermorgen schaute durch die Fenster . Fastrade blickte in den Hof hinab , die Ställe und das Gesindehaus standen da mit der unfreundlichen Deutlichkeit , die das Licht vor Sonnenaufgang den Gegenständen gibt . Es mußte sehr kalt sein ; aus der offenen Stalltüre dampfte es , auf die Treppe des Gesindehauses trat Ruhke heraus , unförmlich groß und dick , ganz in einen langen Schafpelz gehüllt , das Gesicht bleich und gedunsen . Mißmutig schaute er den Weg zu den Wohnungen der Instleute hinab , und auf diesem Wege kam ein langer Zug grauer Gestalten langsam und widerwillig daher ; fahle , mißfarbene Flecken in all dem Weiß . Es fror Fastrade ; wie entsetzlich freudlos schien dieser graue Zug , mußte denn hier alles so freudlos sein , mußte denn hier alles , was man anschaute , wehe tun , konnte man denn hier nie von diesem Mitleid loskommen ? Sie wandte sich ab , im Saal begegnete sie einem kleinen Dienstmädchen ; in seiner rosa Kattunjacke , das rote Tuch auf dem Kopfe , stand es da , die Wangen weinrot vom Frost , die kleinen Augen blank . Als das Mädchen Fastrade sah , lachte es , öffnete den breiten , roten Mund und zeigte die weißen Zähne . Fastrade lachte auch . » Trine , du bist es , « sagte sie , » du bist groß geworden , und du bist hübsch geworden . « Trine errötete über das ganze Gesicht , sie straffte ihren Körper unter dem dünnen Kamisol und schüttelte ihn ein wenig , als fühlte sie das Großsein und Hübschsein als etwas Angenehmes und Warmes . » Es wird heute kalt « , fuhr Fastrade fort , nur um das Mädchen noch zu halten , um dieses Junge , Farbige und Lachende noch vor sich zu sehen . » Ja , Fräulein . « - » Aber es wird heute schön . « - » Ja , Fräulein . « Jetzt ging die Sonne auf , rosenrotes Licht strömte in den Saal , glitt über das dunkele Getäfel , verfing sich in den Kristallen des Kronleuchters . Trine stand da , ganz rosig übergossen , und lachte ihr breites Lachen . Fastrade fühlte , wie auch das Licht über sie hinfloß , fühlte auch sich jung und hübsch . » Da ist die Sonne « , sagte sie . - » Ja , nun kommt sie « , meinte Trine und lief kichernd aus dem Zimmer . Jetzt begann es sich im Hause zu regen , Christoph kam und deckte den Frühstückstisch , Fräulein Grün , die Mamsell , erschien und trug auf einem Brette die frischen Brötchen herein , sie begrüßte Fastrade mit lauter Stimme : » Unser gnädiges Fräulein wird uns wieder regieren , das ist gut für uns , wir verschimmeln ja hier . « Ja , Fastrade wollte hier wieder regieren ; sie machte sich daran , wie früher den Frühstückstisch zu ordnen , legte die Brötchen in den Brotkorb , stellte sich vor den Samowar , um den Tee zu machen . Es sollte , es mußte hier wieder behaglich werden . Als die Baronesse Arabella in das Eßzimmer trat , war sie so überrascht , daß sie die Hände faltete und zu weinen begann , aber Fastrade wurde ungeduldig . » Hier gibt es doch nichts zu weinen , Tante , komm , setz dich , der Tee ist fertig . « Als die alte Dame an ihrem Platz saß , wischte sie sich die Augen und sagte nachdenklich : » Sieh , Kind , ist das nicht seltsam , sonst , wenn ich mich so allein an meinen Platz setzte , fror mich immer so stark , heute friert mich gar nicht . « Der Wintertag war sehr hell geworden , die Zimmer waren voll gelben Sonnenscheins , der Baron erschien , um an Christophs Arm langsam seine Promenade durch die Zimmerflucht zu machen , er blieb vor Fastrade stehen , sah sie streng an und sagte : » Mein Kind , hast du deinen Pflichtenkreis gefunden ? « » Ich weiß nicht , Papa « , erwiderte Fastrade und errötete . Der Baron dachte ein wenig nach und fragte dann : » Gehst du heute zu den Kühen ? « » Zu den Kühen ? « Fastrade wunderte sich ; sie war sonst nie zu den Kühen gegangen . » Gut , lassen wir es zu morgen , « fuhr der Baron fort , » aber des Herrn Auge mästet das Vieh . « Als er weiterging , fügte er noch hinzu : » Übrigens essen wir um Punkt eins , der Arzt hat es so verordnet . « Einen Pflichtenkreis hatte Fastrade offenbar noch nicht . Sie trieb sich in den Zimmern umher , rückte an den Möbeln , als wollte sie dieselben wecken und ihnen melden , daß sie da sei . Endlich ging sie in das Kabinett , das ihr als Schreibzimmer diente , und setzte sich dort nieder . Da war ihr Schreibtisch , da standen ihre Sachen und Bücher , aber sie sagten ihr noch nichts , sie hatte noch kein Verhältnis zu ihnen . Sie war es nicht mehr gewohnt , einen Tag vor sich zu haben , über den sie selbst bestimmen konnte . Dort im Krankenhause zwang ja jede Minute zu einer bestimmten Arbeit . Was tat ich früher um diese Zeit ? fragte sie sich . Da stieg wieder die Erinnerung jener früheren Zeit in ihr auf und mit ihr Arno Holsts hübsche , schmächtige Gestalt . Wie deutlich entsann sie sich jetzt des Abends , an dem sie zuerst gewußt hatte , daß sie Arno Holst liebte , oder sich entschlossen hatte , ihn zu lieben . Sie saß am Klavier und spielte Mendelssohn , Arno Holst stand hinter ihr und hörte zu . Als sie geendet hatte , ließ sie die Hände in den Schoß sinken , er lehnte sich an das Klavier und begann von seiner Mutter zu sprechen ; sie hatte auch so schön diese Mendelssohnschen Lieder gespielt . Er erinnerte sich dessen sehr gut , obgleich er noch ein Knabe gewesen war , als sie starb , deshalb wohl waren diese Melodien für ihn der Inbegriff des Heimatlichen und Geborgenen , denn mit dem Tode seiner Mutter war er heimatlos und einsam geworden , und einsam zu sein war wohl sein Schicksal . Das hatte Fastrade ergriffen . Sie war in den Park hinausgegangen ; sie erinnerte sich deutlich dieses Vorfrühlingsabends : ein lauer Wind fuhr in die laublosen Bäume , eine ganz silberne Mondsichel hing am Himmel , die Parkwege waren naß , überall rannen und plauderten kleine Wasser , und es roch stark nach feuchter Erde . Dort nun war das Mitleid um Arno Holst ganz stark über sie gekommen , nicht ein Mitleid , das schmerzt , sondern eines , das berauscht . Nein , sie wollte nicht , daß er einsam sei , und dann war ihr eingefallen , daß das wohl Liebe sein könne , und das hatte sie beglückt . Sie hatte es plötzlich empfunden , daß dieses Mädchen , das da auf den feuchten Parkwegen gegen den Frühlingswind ankämpfte , in diesem Augenblicke etwas ganz Bedeutsames geworden war , das Schicksal und das Glück eines anderen . Sie hatte an jenen Abend lange nicht gedacht , denn ein anderes Bild hatte die Erinnerung verwischt , das Bild des armen Arno Holst , wie er im Krankenhause im Bette lag mit eingefallenen Wangen , fieberblanken Augen und todesmatt von den furchtbaren Hustenanfällen , die ihn schüttelten . Er hatte nur wenig zu ihr gesprochen , die kurzsichtigen , braunen Augen hatten sie erregt und hungrig angesehen , und wenn sie etwas für ihn tat , hatte er matt und dankbar gelächelt . Nur in einer der letzten Nächte , als sie an seinem Bette saß , hatte er plötzlich deutlich , und als sei er böse , gesagt : » Du darfst nicht so treu und so mitleidig sein , das bringt zu viel Leid . « Christoph kam und meldete das Mittagessen . Der Baron saß schon in einem Sessel bei Tisch ; er hatte sich von Christoph in seinen schwarzen Rock einknöpfen lassen , anders hätte ihm das Essen nicht geschmeckt . Auch Couchon saß an ihrem Platz und beugte den Kopf mit der grauen Samthaube tief auf ihren Teller nieder . Die Baronesse legte die Suppe vor . Während des Essens wurde von der Nachbarschaft gesprochen . » Bei Ports , « meinte die Baronesse , » ist es auch nicht recht gemütlich , die Gertrud muß ihre Singschule aufgeben und nach Hause kommen , und der Vater brummt , weil sie fortgegangen ist , und brummt , weil sie wiederkommt , er wird in letzter Zeit überhaupt recht schwierig . Nun , und die Egloffs , die alte Baronin wird mit jedem Tag vornehmer , sie spricht nur noch von den Zeiten , da sie Palastdame war , und ihr Enkel , der Dietz , wird mit jedem Tage wilder , tobt herum , ladet allerhand fremde Leute ein , gibt Gesellschaften , Jagden , Schlittenpartien , und des Nachts sitzt er am grünen Tisch und spielt und spielt , es ist recht schade um das schöne Gut und das schöne Vermögen . Und dann , ich weiß es ja nicht , aber die Leute erzählen , er soll jetzt viel bei Dachhausens sein und der kleinen Frau ganz den Kopf verdrehen . Das würde mir für den guten Dachhausen leid tun . Nun , von ihr will ich nichts Schlechtes denken , aber bei diesen Damen , die nicht von Familie sind , weiß man ja nie . Ach ja , es ist recht traurig , so ein junger Mensch , der kein Gewissen hat . « Fastrade lehnte sich in ihren Stuhl zurück , als machte das Essen ihr keine Freude mehr , und sagte : » Also etwas gemütlich und glücklich zu sein , das versteht hier keiner . « » Liebes Kind , « meinte die Baronesse , » es hat eben jeder seine Sorgen . « Da legte der Baron die Gabel fort , richtete sich auf und sagte streng und ein wenig mühsam . » Es genügt nicht , als Edelmann geboren zu sein , man muß auch Edelmann sein wollen . « » Du hast sehr recht , lieber Bruder « , unterbrach ihn die Baronesse , die fürchtete , daß er sich aufrege . Couchon beugte ihren Kopf tief auf den Teller nieder und murmelte : » Un bel homme tout de même ! « Am Nachmittage , wenn der Baron und die Baronesse sich in ihre Zimmer zurückgezogen hatten , war von jeher eine schläfrige Stille über das Haus gekommen . Fastrade mußte an den armen Bolko denken , der als Knabe stets gesagt hatte : » Um diese Stunde zieht es einen in allen Gliedern , man muß , muß etwas Unerlaubtes tun . « Sie liebte auch nicht diese Zeit des grellen Nachmittagssonnenscheins und der niedergelassenen Fenstervorhänge . Wenn das Licht rötlich zu werden begann und die Sonne tief über dem Walde stand , dann wich etwas wie ein Druck von dem Hause , und auch Fastrade fühlte neue Unternehmungslust . Sie ging hinaus in den Wald , es war hübsch , so bei Sonnenuntergang durch eine ganz rosa Welt zu gehen , die Wege glänzten wie buntes Glas , die ganze Luft war voll Farbe , alles in ihr bekam eine gefühlvolle Zartheit , selbst die grauen Gestalten der Arbeiter und die grauen Häuschen , zu denen sie langsam und müde heimgingen . Aber in diesem Lichte sah nichts traurig aus , und Fastrade meinte , sie seien in diesem einen farbigen Augenblicke so getröstet , wie sie selbst . Als sie in den Wald gelangte , war die Sonne untergegangen , alles stand wieder still und weiß um sie her , der frische Schnee lag wie Polster unter den Stämmen , auf großen gespreizten Händen wurde er vorsichtig von den Tannenzweigen gehalten , und unheimlich still war es hier , wo die großen ruhigen Baumgestalten einträchtig nebeneinander standen in ihrer schweigenden Schönheit , einschüchternd fast , meinte Fastrade in ihrer Vornehmheit . Ein leiser Ton erwachte , als huschten Schritte über Wolle , und ein Hase setzte über den Weg , tauchte in die weißen Schneepolster unter und wieder auf , es mußte gut tun , dachte Fastrade . Ja , sie hätte gern auch wie einer dieser Bäume regungslos in der Dämmerung gestanden , eingehüllt in all dies kühle Weiß , und teilgenommen an diesem geheimnisvollen Schweigen und Träumen . Aber wenn sie tiefer zu ihnen hinein wollte , ließen die Tannen ihre Schneelast fallen , im Wipfel einer Föhre erwachte ein Rabe und flog mit lautem Flügelschlage auf . Es kam Unordnung hinein , sie fühlte sofort , daß sie ein Eindringling sei . Sie war eine Waldschneide entlang gegangen , jetzt kam sie an einen Bestand alter Föhren , auf hohen ganz geraden Stämmen hoben die Bäume ihre beschneiten Schöpfe zu den Sternen auf . Hier konnte Fastrade ungehindert zwischen ihnen hingehen , hier war es so feierlich , so heilig , daß ein kleiner Eindringling wie sie nicht stören konnte . Sie lehnte sich an einen der kalten Stämme und schaute empor , in einem der hohen regungslosen Föhrenschöpfe schien die Mondsichel zu hängen . Wie oft hatte Fastrade sie dort hängen gesehen , wie gut kannte sie diese Bäume , in allen Jahreszeiten und Tageszeiten war sie bei ihnen gewesen , im Frühling , wenn der Wind in die alten Schöpfe fuhr , daß sie tief und metallig rauschten , als ob sie plötzlich miteinander stritten , oder an heißen Mittagsstunden , wenn es hier so stark nach den besonnten Nadeln duftete und über den Wipfeln der Falke revierte , ein bewegliches Stück Silber im grellblauen Himmel . Fastrade drückte ihre Wange gegen den Stamm , jetzt erst fühlte sie ganz deutlich , daß sie daheim war . Vom Hügel , auf dem die Föhren standen , schaute sie auf eine Schonung junger Tannen nieder , das war das Ende des Padurenschen Waldes , dahinter begann der Sirowsche Wald , allein dort war alles verändert , früher hatte da eine geschlossene Wand alter Tannen gestanden , jetzt war es ein wüster , leerer Platz , die großen Balken waren am Boden hingestreckt , halb von Schnee verhüllt , wie Tote in ihren Leichentüchern , die Zweige waren überall verstreut , die Baumstöcke , von Schnee bedeckt , ragten auf wie kleine weiße Grabhügel , und das alles hier mitten in der vornehmen Stille des Waldes sah aus , als sei ein Verbrechen verübt worden , als sei hier etwas Hohes und Stolzes roh besiegt worden . Dieser Anblick verdarb Fastrade die ganze Feierlichkeit ihrer Stimmung , sie ging den Hügel hinab wieder dem Tannendickicht zu . Hier war es schon fast ganz finster geworden , und plötzlich war es ihr , als wohnte in dieser Dunkelheit , in der schweigend die großen weißen Bäume standen , eine Einsamkeit , die ihr fast bange machte . Sie eilte den Waldweg entlang , um auf die Landstraße zu gelangen , hier war es heller , hier konnte sie den Mond wieder sehen , und plötzlich war der Wald voll von einem hellen , munteren Schellengeläute . Eine Reihe von Schlitten fuhr an Fastrade vorüber , voran ein Schlitten mit einem großen schwarzen Pferde , darin saß ein Herr , neben ihm eine Dame , deren weißer Schleier wehte . Fastrade hörte den Herrn lachen , und seine Stimme klang klar in den Winterabend hinein : » Ja , das ist es eben , wir sind zu klug geworden , um uns zu verirren , schade ! « Andere Schlitten folgten , Herren und Damen saßen darin , alle plauderten , der leichte Wind brachte den Duft einer Zigarre bis zu Fastrade , und eine Frauenstimme sagte , als ein Schlitten nah an ihr vorüberfuhr : » Wer steht da so dunkel , wie unheimlich . « » Die Einsamkeit selbst « , antwortete eine Herrenstimme und