sie anführten , hatte seinen Wunsch , sie kennen zu lernen , nur noch erhöht . Es mußten doch fabelhafte Wesen voll geheimer Macht sein , daß sie es vermochten , sich , ein Häuflein nur , im Riesenreich China zu halten , wo ihnen offenbar niemand wohlgesonnen war . Und nicht nur sich zu halten , sondern gelegentlich sogar als Schützer Chinas aufzutreten - als Schützer freilich , die nachher reichen Lohn für ihre Hilfe einzutreiben wußten . Aber Tschun fand , daß man ihnen dies letztere doch eigentlich nicht verargen könne , denn wo wäre der Mensch , so dumm , Dienste umsonst zu leisten ? - Eher sollte man fragen : was taten denn indessen die chinesischen Soldaten , die an der hohen Stadtmauer das Bogenschießen üben , und die anderen , die doch so große Flinten haben , daß immer zwei Mann an einer schleppen mußten ? Und die Kriegsdschunken , denen am Bug riesige Augen aufgemalt sind , damit sie die Räuber an den Küsten erspähen können ? Was taten die vielen , vielen Mandarine , die so gelehrt waren und die höchsten Examen in der klassischen Weisheit bestanden hatten ? Was taten der großmächtige Himmelssohn und die sagenhafte Kaiserin , die hinter den purpurnen Mauern der verbotenen Stadt unter goldenen Dächern wohnten ? Waren sie etwa alle alt und schwach im Vergleich zu diesen neuen starken Menschen ? Ja , wie er mißmutig also nachsann , war Tschun zum erstenmal , und ohne es selbst zu wissen , dem Geist der Nörgelei an der eigenen Regierung wohl bedenklich nahe gekommen . Und , wie so oft in diesen Fällen , hatte das Scheitern eines kleinen persönlichen Wunsches den ersten Anlaß zu solcher Gedankenrichtung gegeben . Doch kurz ehe Tschun in das Haus seines neuen Lehrmeisters , des alten Vetters Yang hung übersiedelte , kam der Onkel Kuang yin eines Morgens zu Tschuns Mutter und bat , sie möge doch erlauben , daß Tschun gleich mit ihm komme , in der Gesandtschaft , wo er diene , sei abends ein großes Fest , und dazu brauche die Frau seines Herrn einen Jungen von Tschuns Alter und Größe . » Was kann denn die fremde Taitai mit meinem Kinde wollen ? « fragte die Mutter sehr mißtrauisch . » Es ist heute etwas ganz Besonderes , « antwortete Kuang yin wichtig , » eine Vorstellung ähnlich wie ein Theater , nur daß die Menschen sich dabei gar nicht bewegen dürfen , sondern regungslos dastehen und nicht sprechen , sie nennen das lebende Bilder . « » Da ist sicher eine Hexerei dabei , « unterbrach ihn die Mutter , » und nachher kann Tschun sich womöglich gar nicht mehr rühren . « » Aber nein doch ! « entgegnete Kuang yin überlegen . » Ich habe seit Tagen schon die Proben dazu gesehen , da ist nichts von Hexerei dabei , sie können nachher alle schwatzen und springen wie zuvor . « » Aber wenn schon alles ausprobiert ist , warum brauchen sie nun plötzlich noch mein Kind ? « » Es ist für ein Bild , wo die Taitai selbst steht , « antwortete Kuang yin , » da sollte der kleine Sohn eines der anderen fremden Gesandten dabei sein , aber er ist krank geworden . Die Taitai hat befohlen , ich solle mit größter Eile einen chinesischen Jungen als Ersatz schaffen , und ich habe es versprochen . Ihr wollt doch nicht , daß ich vor ihr mein Gesicht verliere , indem Ihr mich hindert , mein Versprechen zu halten ? « » Ich hab ' aber doch so Angst , daß es für Tschun schlimme Folgen haben könnte , « sagte die Mutter noch immer eigensinnig und voll bösester Ahnungen , und als schwersten Einwand setzte sie hinzu : » Was glaubt Ihr wohl , daß die guten Nonnen im Petang zu solchen Dingen sagen würden ? « » Nun , da kann ich Euch beruhigen , « fiel Kuang yin rasch ein , » gerade die Nonnen haben ja das Kleid der Taitai für das Fest gestickt . « Er fühlte , daß er nun gewonnen hatte , und nachdem Tee getrunken und geraucht worden war , wobei Kuang yin die anbefohlene » größte Eile « ganz vergessen zu haben schien , gab Tschuns Mutter wirklich ihre Einwilligung . » Ich bin nur ein wertloses Bündel , « sagte sie zu Kuang yin , » Ihr dagegen seid der Bruder von Tschuns seligem Vater und müßt wissen , ob dies seinem Geist genehm ist . « Als sich dann Kuang yin empfahl und Tschun zum Abschied sich vor der Mutter niederwarf und den Boden mit der Stirn berührte , stellte sie noch die Bedingung , daß er am nächsten Tage ganz bestimmt heimkehren müsse . So trabte denn nun Tschun neben dem Onkel durch die Straßen , mit klopfendem Herzen und kaum an sein Glück zu glauben wagend , daß er nun wirklich all das sehen solle , was ihn so lang schon geheimnisvoll anlockte . Unterwegs frug er den Onkel , ob er vor der Taitai Kowtow zu machen habe . Doch Kuang yin antwortete : » Es genügt völlig , wenn Du bei der ersten Begrüßung Dich verneigst und den Boden scheinbar mit der Hand berührst . Höflichkeit wie wir kennen ja all diese Fremden gar nicht - das wirst Du bald merken - warum also an sie verschwenden , was sie doch nicht verstehen . Ein paar von ihnen wissen ein bißchen mehr , das sind ihre Gelehrten , die übersetzen für sie und schreiben ihnen ihre chinesischen Briefe . « Die Gesandtschaft war von einer hohen Mauer umgeben , und nachdem der Pförtner auf Kuang yins Pochen die kleinere der Eingangstüren geöffnet hatte , fand Tschun , daß es drinnen eigentlich recht chinesisch aussähe . Sie schritten durch eine große offene Eingangshalle , deren geschweiftes , mit Himmelshunden besetztes Dach auf bemaltem Gebälk und hohen roten Säulen ruhte und an buddhistische Tempel erinnerte . Nur auffallend gepflegt war alles , und in den Wegen des Gartens lag nicht der geringste Unrat . Ganz wie im Petang . Sauberkeit war also offenbar eine Eigenschaft der Europäer . Doch da kam ihnen schon vom Hause her ein anderer Diener entgegen , der ebensolch schöne seidene Kleider trug wie der Onkel . » Die Taitai ist mal wieder schrecklich ungeduldig « , sagte er , » und frägt beständig , ob Ihr noch immer nicht mit Eurem Neffen da wärt . Ich sollte sogar schon gehen nach einem anderen Knaben zu suchen , aber ich habe es hinausgeschoben , denn ich wollte doch nicht , daß Ihr Euer Gesicht verlört . « » Wie die Kinder sind sie doch alle , « murmelte Kuang yin , » wenn sie etwas wollen , strecken sie die Hände aus und schreien , um es rascher zu bekommen . « Durch ein Vorzimmer und andere Räume gingen sie nun , und Tschun glaubte in einem chinesischen Kuriositätenladen zu sein , so viel Bronzetiere , Cloisonné-Vasen , Lackkästen und Nephritschalen standen da allerwärts herum . Daneben freilich gab es vergoldete Möbel , riesige Spiegel , Teppiche , Kronleuchter und Bilder , die nicht gerollt wurden , sondern in breiten Rahmen hingen . Lauter Dinge , die Tschun noch nie gesehen hatte . Er war doch sehr verwundert über alles , aber er zeigte äußerlich nichts von seiner Erregung , sondern bewahrte völligen Gleichmut , wie es sich für den Abkömmling einer uralten Rasse ziemt , die das Erstaunen der Neulinge auf Erden seit Jahrtausenden nicht mehr kennt . Nun traten sie in den großen Saal , wo das Fest stattfinden sollte . » Die Taitai , « flüsterte Kuang yin , und Tschun machte , wie der Onkel , einen kleinen Knix und streifte mit der Hand den Boden . Die Taitai hatte leider auch das seltsame Haar , dem die Fremden ihren Namen der rothaarigen Teufel verdanken , aber im übrigen gefiel sie Tschun eigentlich sehr gut . Sie sah ihn so freundlich an , nur schade , daß ihre Augen statt dunkel so merkwürdig blau waren , und sie gab Tschun auch gleich ein großes Stück Kuchen . Sie selbst aß aber sicher sehr wenig , denn um den Magen herum war sie schrecklich dünn und trug einen festen Ledergürtel . Tschun , der bisher nur Chinesinnen und Mandschufrauen in dicken , abstehenden Jacken und weiten Gewändern gesehen hatte , fand es sehr merkwürdig , daß das Kleid der Taitai so eng wie eine zweite Haut auf ihr lag . Es mußte sehr unbequem sein ! Die Taitai sprach furchtbar rasch in ihrer fremden Sprache mit Kuang yin , der zu Tschuns großer Bewunderung es offenbar alles verstand und ebenso antwortete . Dann kam ein fremder Herr , der Chinesisch konnte . Der redete Tschun an und erklärte der Taitai , sein ganzer Name heiße Tschun fung , was Frühlingswind bedeute . Das schien der Taitai ganz besondere Freude zu machen , denn sie lachte ganz laut . Und Tschun dachte : Was ist dabei nur so komisch ? Der Tag verging nur allzu rasch mit allerhand Vorbereitungen . Tschun mußte einen merkwürdigen Anzug anprobieren , den er in dem Bild tragen sollte ; er saß ihm nicht ganz richtig , und eine alte fremde Dienerin der Taitai , die man Madame Angèle nannte , änderte ihn auf ihm . Sie kniete dabei vor Tschun auf dem Boden , tat eine Anzahl Stecknadeln in den Mund , als wolle sie sie verschlucken , nahm sie dann aber eine nach der anderen wieder heraus und steckte damit den Anzug zurecht . Es war sehr unheimlich . Die Taitai stand dabei und trieb zur Eile an . Als Tschun dann fertig war , nahm ihn die Taitai bei der Hand und lief mit ihm in das Zimmer ihres Mannes , des Ta-jens . Tschun begriff aus den Gesten der Taitai , daß der Ta-jen ihn und seinen Anzug bewundern sollte , doch der saß vertieft in große Zeitungen da und wehrte nur mit der Hand ab , als seien Tschun und die Taitai lästige Mücken . Tschun fand das ganz in der Ordnung , denn wie sollte so ein großmächtiger Herr , dem die Massen kostbarer Dinge in dem Hause gehörten , Gedanken für einen kleinen chinesischen Jungen haben . Aber für die Taitai tat es ihm leid , denn sie sah darauf ganz verstimmt aus . Und Tschun dachte : sie hätte nicht so hereinlaufen sollen , während der Ta-jen arbeitete , lehrt doch Konfuzius , daß die tugendhafte Frau vor dem Mann sein soll gleich einer schüchternen Maus . - Das ganze Fest schien plötzlich der Taitai keinen Spaß mehr zu machen ; als sei sie schrecklich müde , warf sie sich im Salon der Länge lang auf eines der weichen , bettartigen Möbel , die Tschun früher nie gesehen hatte , und rauchte eine Zigarette nach der anderen , und wie Madame Angèle hereinkam und etwas frug , gab sie keine Antwort , sondern machte nun ihrerseits eine Gebärde , als wolle sie eine lästige Mücke abwehren . Madame Angèle verschwand auch ganz rasch , und Tschun sah , wie sie erschreckt die Augenbrauen und die Schultern in die Höhe zog . Dann kam aber Kuang yin und meldete etwas , und nun war die Taitai wieder ganz verändert , sprang auf , warf die Zigarette weg und zog sich die Löckchen vor einem der großen Spiegel zurecht . Da ging auch schon wieder die Tür auf , und ein junger Herr kam herein , und der tat etwas , was Tschun ganz rätselhaft fand : er drückte seine Lippen auf die Hand der Taitai ! Dann mußte der Herr Tschun in dem schönen Anzug betrachten , und dabei benahm er sich ganz anders wie vorhin der Ta-jen , klopfte Tschun auf die Schulter und sagte ein über das andere Mal : » Tinchau , tinchau ! « Aber Tschun war nicht recht sicher , ob er ihn wirklich so sehr hübsch fände , oder ob er nur der Taitai damit Freude machen wolle . Der junge Herr sollte auch mit in dem Bilde stehen , und sie probierten es nun alle drei zusammen , und Kuang yin wurde dazu gerufen , um Tschun zu erklären , wie er stehen müsse , denn offenbar war das einzige Chinesisch , was der fremde Herr konnte , sein » Tinchau , tinchau ! « Von der Ankunft der Gäste in ihren grünen Sänften und dem Anfang des Festes sah Tschun nichts , denn er mußte hinter dem Vorhang bei all denen bleiben , die in den Bildern stehen sollten . Aber auch das war sehr schön , denn niemand gab acht auf ihn , da alle viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren , und so konnte er denn die fremden Herren und Damen ganz genau betrachten . Die Taitai gefiel ihm von allen am besten , und bei dem Bild , in dem sie stand , wurde nachher auch am meisten geklatscht und gerufen , so daß sie noch einmal stehen mußte . Als die Bilder vorüber waren , gingen alle Darsteller auch in den großen Saal , und Tschun mußte dabei immer hinter der Taitai stehen bleiben , wie auf dem Bilde , und ihre lange Schleppe tragen . - Dann wurde getanzt , wie Kuang yin es beschrieben hatte . Da mußte Tschun die Schleppe loslassen , und die Taitai tanzte immerzu mit dem fremden jungen Herrn , der mit auf dem Bilde gestanden hatte . Tschun fand , daß die beiden eigentlich hübsch aussähen ; die Taitai in dem Kleid , das die Nonnen gestickt haben sollten , und der junge Herr in dem weißen Atlaskostüm und den langen weißen Strümpfen . Aber einem anderen der fremden Herren gefiel es offenbar gar nicht , der schaute den beiden ganz böse nach , Tschun konnte es deutlich sehen ; und als dann die Taitai mit dem weißen Atlasherrn in die Glasveranda ging , wo nur ein paar chinesische Tempel-Laternen zwischen Palmen brannten und es ganz stark nach allerhand Blumen duftete , da ging der böse Herr ihnen nach . Die Taitai kam dann mit ihm von dort zurück und nun tanzten sie zusammen , aber Tschun fand , daß es lange nicht so hübsch aussah wie vorhin mit dem weißen Herrn - der böse Herr war ja auch lange nicht so schön angezogen , er hatte einen schwarzen Rock an , der vorne kurz war und hinten in zwei Schwänzen auslief . Die flogen , wenn er tanzte . Es sah zum Lachen aus . Aber die Taitai lachte nicht , sie machte wieder das schrecklich müde Gesicht . - Aber diesmal war nicht der Ta-jen dran schuld gewesen . Der saß den ganzen Abend in einem Seitenzimmer mit drei anderen Herren an einem kleinen Tisch . Der Tisch war mit grünem Tuch bezogen , zwei brennende Lichter standen darauf . Die Herren hielten steife Papierstückchen in der Hand , auf denen Figuren gemalt waren . Die legten sie einer nach dem anderen schweigend auf den Tisch und dann nahm einer sie auf . - Es sah sehr feierlich aus . Vielleicht war es eine Zeremonie zu Ehren einer Gottheit ? Und dann waren all die vielen Gäste fortgegangen . Tschun fand , daß die Verabschiedungen der Fremden recht kurz und formlos waren . Von den dreitausend Regeln , die doch bekanntlich für das höfliche Benehmen gelten , wußten sie offenbar wenig . Es gab da keine langen Verbeugungen noch Danksagungen für die großen Ausgaben , die das Fest den Gastgebern verursacht - was sich doch schickt , wie man weiß . Nur ein rasches Handschütteln . Das war alles ! Bequem mochte das freilich sein , und da sie von dem vielen Tanzen sicher müde sein mußten , kamen sie so schneller nach Hause . - Die Taitai sagte , Tschun solle am nächsten Morgen früh gleich zu ihr kommen . Dann ging sie mit Madame Angèle in ihr Schlafzimmer . Der Ta-jen war schon in seinem , das am anderen Ende des Hauses lag . Die Diener löschten die Lichter und Lampen in den vielen Zimmern aus , auch die Laternen in der Veranda , wo die Taitai mit dem hübschen weißen Herrn gestanden hatte . - Das ganze Haus lag wie tot da . Nur in den weitläufigen Dienstbotenquartieren auf der anderen Seite des Hofes ging das Leben noch lange weiter . Tschun hatte den Rest der Nacht in Kuang yins Zimmer verbracht , aber zum erstenmal in seinem Leben nur wenig geschlafen . Er mußte immer an all das denken , was er gesehen . Das ganze bisherige Leben hatte nicht so viel enthalten wie diese wenigen Stunden . Als Tschun am nächsten Morgen aufgestanden war und herausging , stand die Taitai schon auf den Stufen vor dem Gesandtschaftshaus . Sie trug ein seltsam enges Tuchkleid , hielt eine Peitsche in der Hand und wollte eben ausreiten . Ein Mafu in Reitstiefeln , seidenem Kleid und Sommerhut hielt ihr Pferd . Ein paar Herren waren auch dabei . Der eine konnte Chinesisch und er sagte zu Tschun , die Taitai habe beschlossen , ihn als kleinen Boy ganz zu behalten , er könne gleich dableiben , und der Schneider solle kommen und ihm seidene Kleider machen , wie den anderen Dienern . Tschun fühlte , wie er ganz heiß wurde vor lauter Freude . Aber wie er eben danken wollte , kam Kuang yin hinzu und antwortete dem Herrn , daß Tschuns Mutter krank sei und ihn nur für den einen Abend habe entbehren können . Tschun begriff sofort , daß dies nur die wohlerzogene Form sei , mit der eine der dreitausend Regeln des höflichen Benehmens vorschreibt , jede Ablehnung zu verhüllen . Die Taitai aber nahm es ganz wörtlich , schien sehr gerührt und sagte , niemand verstände besser als sie , daß eine kranke Mutter solch kleinen Sohn Frühlingswind brauche . Aber sie ließ Tschun sagen , sobald die Mutter wieder gesund geworden , solle er zu ihr zurückkommen und ihr besonderer kleiner Diener werden ; Madame Angèle mußte ihr zwei Dollar bringen , die gab sie Tschun . Und dann tat sie wieder etwas ganz Entsetzliches ; sie stellte einen Fuß in die Hand des fremden Herrn und der hob sie so auf das Pferd . Tschun glaubte zuerst , nicht recht gesehen zu haben , denn die Füße einer fremden Frau darf man doch nie betrachten oder gar anfassen . Die Priester im Petang wissen das auch , deshalb salben sie den Frauen in China auch nicht die Füße bei der letzten Oelung . - Tschun war so verblüfft über die Dreistigkeit des fremden Herrn , daß er ganz starr dastand und kaum bemerkte , daß die Herrschaften fortritten , der dicke Mafu auf seinem zottigen mongolischen Pony voran , um ihnen im Gewühl der Straßen den Weg zu bahnen . Dann aber wurde Tschun aus seinem Sinnen über die seltsamen Sittlichkeitsbegriffe der Fremden durch Kuang yin aufgeschreckt . » Nun lauf schnell nach Haus « , sagte er , » und bring ' Deiner Mutter den einen Dollar ; den andern wollen wir wechseln , und Du gibst mir die Hälfte , dafür daß ich Dir zu diesem Geschäft verholfen habe . « Da trat aber auch schon der Türhüter herbei , der gesehen hatte , wie die Taitai Tschun das Geld gegeben hatte , und sagte : » Ich habe gestern die Tür geöffnet für Tschuns ersten Eintritt in dies Haus , wo er so reichen Gewinn gefunden . Das verdient sicherlich einen Lohn . « Darüber ließ sich ja auch wirklich nicht streiten , und so mußte Tschun auch noch mit ihm teilen . Nach diesem kurzen Ausflug in die Welt der Fremden , die , einer geheimnisvollen kleinen Insel gleich , inmitten des ungeheuren Ozeans gelben Menschentums liegt , kam Tschun in das Haus Yang hungs . - Das war ein weitläufiges , niedriges Gebäude , dessen verschiedene Zimmer auf zwei hintereinander liegende Höfe mündeten . Es wimmelte von großen und kleinen Menschen , und gleichwie der mongolische Nordwind winters rastlos durch die Straßen weht , so ging hier durch alle Räume unaufhörlich ein Murmeln , Sprechen und Diskutieren ; oftmals aber erhob sich das ständige Stimmengewirr zu schärferen Tönen , zu ärgerlichen Drohungen , Schreien und keifenden Auseinandersetzungen . Dann war es , als schwelle ein gleichmäßiges Windesrauschen plötzlich an zu verderbenbringenden Böen und wütenden Stürmen . Der alte Yang hung und seine alte Frau waren nämlich , als sie noch jung gewesen , des höchsten aller Segen , einer zahlreichen Nachkommenschaft , teilhaftig geworden ! Einige der Söhne hatten im Laufe der Jahre Schwiegertöchter ins Haus gebracht , die dann ihrerseits weitere kleine Chinesenmenschen in die Welt setzten . Und das alles bedrohte und balgte sich untereinander , und ohne den Kampf ums Dasein theoretisch zu kennen , führte ihn ein jeder praktisch für sich durch . - Die schlimmsten Zeiten aber waren , wenn auch noch die Töchter mit ihren Kindern zu Besuch kamen . Sie waren zwar alle nach auswärts verheiratet und gehörten nun zu den Familien ihrer Schwiegereltern , aber die Besuche bei der eigenen Mutter , die nach Neujahr und zu anderen Festzeiten üblich sind , bilden ja nicht nur die einzigen Freuden im Leben chinesischer Frauen , sondern verleihen ihnen auch ein gewisses Ansehen den Verwandten des Mannes gegenüber . Keine der Töchter Yang hungs und seiner alten Frau hätte darauf verzichtet ! - Sie kamen und blieben , mochten Brüder und Schwägerinnen noch so scheel dreinblicken oder bei länger sich hinziehenden Besuchen gar deutlich erklären , daß Berechtigteren die Plätze weggenommen würden . Und sie kamen und blieben nicht etwa allein , sondern beladen mit möglichst all ihren Kindern ; sie brachten auch allerhand Nähereien und sonstige Arbeiten mit , die sie während des Besuches bei der eigenen Mutter für ihre neue Familie ausführen sollten . Und wenn sie endlich wieder abzogen , so ließen sie sich von der Mutter Eßwaren zustecken , als Mitbringsel für die Schwiegereltern , wodurch sie sich einen freundlichen Empfang sicherten . - Das erbitterte dann die Söhne und deren Frauen , die sich samt ihren Sprößlingen benachteiligt vorkamen . So herrschten , wie in allen Welten , auch in der kleinen Welt von Yang hungs Hause Interessengegensätze , die zu Spaltungen und wechselnden Parteigruppierungen führten . Und inmitten der sich Befehdenden und wieder Versöhnenden stand Tschun als scheinbar Unbeteiligter , in Wahrheit aber als von allen Ausgenutzter , der doch bei keinem Anhalt fand . - Als Lehrling hatte er mit auf den Markt zu gehen , den Laden zu reinigen , Rechnungen in die Häuser säumiger Schuldner zu tragen und allmählich dem Meister die schwere Kunst abzulauschen , wie man dem noch schwankenden Käufer die Ware anpreist und ihn , nach langem Feilschen , den eigenen Preisforderungen willfährig stimmt . Aber neben diesen und manchen anderen beruflichen Obliegenheiten wurde Tschun nicht nur von jedem im Hause zu irgendeiner anderen Arbeit gerufen , sondern sie alle beschimpften ihn , wenn sie sich eigentlich gegenseitig meinten . - Und immer war da eine der vielen jungen Mütter der Familie , die ihm einen Säugling in die Arme legte oder ein anderes kleines Krabbelwesen zur Hütung an die Hand gab , während er noch außerdem einige größere Kinder , die frei herumspielten , beaufsichtigen und durch seine bloße imponierende Gegenwart in Schranken halten sollte . Gelang das nicht , und es entstand zwischen den lieben Kleinen eine Balgerei , der beinahe die keimenden Zöpfchen zum Opfer fielen , so flogen die bei chinesischen Müttern gebräuchlichen Beschwichtigungsformeln ich werde Dich umbringen , ich werde Dich in siedendes Wasser werfen , nicht wie sonst gegen die Kinder , sondern gegen den mit Verantwortung und Säuglingen belasteten Tschun . Und wenn der kleine Kuo wey und die kleine Ying-ying von ihren Streifzügen durch die benachbarten Straßen und Plätze , statt mit allerhand seltsamem Brennmaterial , das jedes chinesische Kind für den Herd zu sammeln versteht , mit Rissen in den Kleidern heimkehrten , so wurde sicher irgendein Zusammenhang zwischen Tschun und diesen bedauerlichen Vorkommnissen entdeckt , wie es ja klar war , daß nur er daran Schuld trug , daß die kleine Schan tai in kindlichem Mutwillen die alten Zeitungsfetzen zerrissen hatte , die doch sorgfältig aufbewahrt werden sollten , um die Löcher in den Laternen auszukleben . Auch hätte natürlich Tschun den Enkel Tschao-So davor warnen sollen , den Boden des Kochtopfes so lange mit einem Stein zu bearbeiten , bis ein Loch entstand , da doch jeder weiß , daß zur rascheren Erhitzung des Inhalts und Vermeidung unnützer Vergeudung von Brennmaterial die Böden der Kochtöpfe sparsamer Familien in China möglichst dünn gestaltet werden . - Am ärgsten hatte es aber auf Tschun die jüngste , noch kinderlose Schwiegertochter des alten Yang hung abgesehen . Mei hoa , der bisher jede , den älteren Schwiegertöchtern nicht zusagende Arbeit aufgebürdet worden war , hatte nun endlich jemand gefunden , der auf der sozialen Rangleiter noch weit unter ihr stand , und dem sie ihrerseits mit schriller Stimme befehlen konnte . Verweise erhielt Tschun von allen Seiten und vielleicht nicht immer mit Unrecht , denn seine Gedanken irrten von den jeweilig anbefohlenen Beschäftigungen nur allzu leicht ab und wanderten unaufhaltsam zurück in die Welt der Taitai . Ja , diesem chinesischen Menschenkind geschah das Seltsame , daß er eine Art Heimweh nach dem ihm doch ganz Fremden empfand . Am liebsten war Tschun noch im eigentlichen Verkaufsladen , der vorne nach der Straße zu lag . Da saß der alte Yang hung und bastelte an den Uhren , die ihm zum Reparieren gebracht wurden , und wenn er mit der großen runden Hornbrille dabei auch wie eine böse Eule aussehen mochte , so wußte Tschun doch bald , daß er eigentlich ein gutmütiger alter Mann war , der sich vielleicht im stillen oft selbst verwunderte ob all der streitbaren Menschen , die ihren Ursprung auf ihn zurückführten . Außer dem Uhrengeschäft betrieb Yang hung noch einen Handel mit allerhand chinesischem Schmuck . In Glaskästen lagen Filigranfutterale für die langen Fingernägel , die das Abzeichen vornehmen , arbeitslosen Lebens sind , Haarnadeln , die mit Fledermäusen und sonstigen Glücksemblemen in Gold oder Silber verziert werden , die runden Kristall- oder Bernsteinkugeln , die unablässig zwischen den Fingern hin und her gedreht werden sollen , um die Gicht fernzuhalten . Die verschiedensten metallenen Kleiderknöpfe gab es und andere aus Nephrit für die Sommerjacken , während die für Trauergewänder bestimmten aus weißem Stein sein müssen . Gürtelschnallen für Männer und Armbänder für Frauen sah Tschun , und kleine Schnupftabakfläschchen aus Porzellan oder Glas , mit feinen , unter der Glasur gemalten Bildchen . Seine kostbarsten Stücke aber stellte Yang hung nicht aus ; die lagen in blaue Baumwollfetzen gewickelt in einem alten Schrank , dessen geschnitzte Türen Drachen wiesen , die sich um den Sonnenball wanden . Große Ringe aus grünstem Nephrit , die am Daumen getragen werden , verwahrte er da , und Mandarinenketten , die immer 108 Kugeln aus Bernstein , Granat oder Nephrit zählen müssen . Diese Schätze bekamen die gewöhnlichen Kunden gar nicht zu sehen , sie wurden nur den bevorzugten gezeigt , den hochgeehrten , die man in ein hinteres Zimmer führt , wo , als Begleitung jedes Geschäfts , Tee , bisweilen auch die Opiumpfeife dargeboten wird . Manche der alt angestammten Kunden brachten ihre Pfeife gleich mit und trugen den Opium in Kästchen am Gürtel . Während sie , auf dem Kang liegend , in dem hinteren Zimmer Opium rauchten , und von der Wand herab das Bild Li Ma-tos , des Schutzgeistes der Uhrmacher und Wirte , über ihr seliges Hindämmern in den duftenden Nebeln wachte , verließ sie Yang hung mit diskreten Schritten . Erst wenn er annehmen konnte , daß die Wolken des Traumrausches sich gelichtet , kehrte er wieder , um nun allmählich den Handel zu bereden , denn Eile beim Geschäft zu zeigen , widerspricht den Regeln höflichen Benehmens . Bei solchen Gelegenheiten servierte Tschun mit artiger Gebärde den Tee oder er kochte die Opiumpille über der Flamme und füllte den Kopf der Pfeife . Dabei erhaschte er manch leises Wort über Gerüchte , die durchs Land liefen , von geheimen Bewegungen und widerstreitenden Einflüssen , die allerwärts , besonders aber um die Allmächtigen unter den goldenen Palastdächern miteinander rangen ; von allerhand die Sitten der Fremden nachahmenden Neuerungen hörte er , die aber , kaum eingeführt , auch schon wieder gefährdet schienen . Besucher , die von diesen Dingen flüsterten , sah Tschun gern einkehren , denn ihre Worte bauten ja Brücken zu jener Welt , in die es ihn gar so mächtig zurückzog . Es kamen aber auch Kunden , die der alte Yang hung in ein nahes Restaurant führte und dort mit warmem Reiswein , Pekinger Ente , Taubeneiern , Fischflossen und Bambuskeimen traktierte , denn durch solch rechtzeitigen tiefen Griff in die Tasche erwirbt sich der weise Kaufmann Freunde , die zu haben immer gut ist , da man bei ihnen dann gelegentlich selbst wieder Geld zu niederen Zinsen borgen kann . Besonders wertvoll aber erscheinen sie in Zeiten , wo im Lande von bevorstehenden Umwälzungen geraunt wird . Viele Stunden verbrachte Yang hung auch über der verwickelten chinesischen Buchführung seines Geschäfts . Und abends ordnete und zählte er die an Schnüren aufgereihten , durchlochten Kupfermünzen , die im Laufe des Tages von Käufern gezahlt worden waren . Das dauerte bisweilen bis tief in die Nacht , und dabei mußte Tschun helfen und mit seinen scharfen , jungen Augen suchen , ob sich zwischen diese gewöhnlichen Cäsch vielleicht eine seltene Münze verirrt habe ; die wurde dann vom Strang abgezogen und anderwärts an Liebhaber verkauft