war schon gedeckt . Aber Frau Someiner hatte da noch immer was zu richten , während sie von ihrem Buben schwatzte . Der Amtmann nickte zu allem . Doch er sah dabei sehr aufmerksam auf das Schachbrett , das in dem kleinen Erker auf einem spreizfüßigen Tischchen vor ihm stand . Die untere Hälfte des Herrn Ruppert Someiner trug noch die Amtstracht , schwarze Strumpfhosen und rote Schuhe , während die Herzgegend des Gestrengen in eine braune , pelzverbrämte Hausschaube gewickelt war . Graue Haarsträhnen hingen schütter über die Wangen herunter . Herr Someiner , den der Bader mit dem besten seiner Messer zu rasieren pflegte , hatte kein böses , nur ein müdes Gesicht , das ein bißchen gelb war von stetem Ärger . Das Schuldenwesen des Stiftes , dessen Wirtschaft er zu führen hatte , machte ihm schwere Sorgen . Und bei dem vielen Handel und Wandel mit gefährlichen und unbotmäßigen Menschen hatte Herr Someiner zwei kalte , ungläubige Augen bekommen . Neben der flinken , frohen Stimme der Amtmännin war in der Stube noch der langsame , schwere Schlag eines Uhrpendels . Bei jedem Schlag sagte das Pendel in dem hohen Kasten : » Bau ! « Dann tat es für eine Sekunde lang einen seufzenden Atemzug . Und sagte von neuem : » Bau ! « Ein Ungeheuer von grünem Kachelofen wuchs mit abgesessenen Bänken aus der Wand heraus . Decke und Wände der Stube waren braun getäfelt , nur oben herum lief ein weißer Streifen der Mauer . Fast so groß wie der Ofen war der Anrichtkasten . Überall funkelte Zinn und Kupfer , überall leuchteten weiße Tüchelchen mit mühsamen Stickereien . Und über dem weißgedeckten Tische brannten auf schwebendem Eisenreif vier Wachskerzen mit dem gleichen herben Wacholderduft , wie er in Lamperts Schlafkammer war . Der junge Doktor des kanonischen und gemeinen Rechtes betrat die Stube in der schwarzen Tracht seiner akademischen Würde . Das lange Braunhaar war sorgfältig gescheitelt , und in dem kräftigen , etwas erhitzten Jünglingsgesicht mit dem dunklen Bärtchen auf der Oberlippe und dem sprossenden Kinnflaum glänzten die gleichen Augen , wie Frau Someiner sie hatte . Ein zärtlicher Blick des jungen Mannes überflog die Stube . Vor drei Tagen war Lampert von der Prager Schule heimgekommen . Und noch immer hatte das elterliche Haus etwas Neues für ihn , jeder Blick entdeckte eine liebe Kostbarkeit . Stolz betrachtete die Mutter den Sohn , während der Vater sagte : » Komm her ein lützel ! Der hochwürdigste Herr Dekan hat mir eine Schachaufgab gestellt . Weiß zieht an und soll matt setzen nach drei Zügen . Aber ich komm nicht drauf . « Lampert musterte die Stellung der Figuren . Dann griff er zu . » So , Vater ! Und so ! Und so ! « » Richtig ! Er hat ' s ! « Herr Someiner lachte . » Bub ! Wenn du im Amt so flink und sicher zugreifen lernst , dann tut der Hof mit dir als neuem Aktuario einen guten Fang . Und du kannst ihm die Schulden schupfen helfen . « Glückliche Freude glänzte in den Augen der Amtmännin . Eine alte Magd brachte das Nachtmahl , und es kam eine gemütliche Tafelstunde . Lampert erzählte von seinem Ritt zum Hallturm und zu der bayrischen Feste Plaien . Das Abenteuer auf dem Hängmoos überspringend , erzählte er von seinem Waldritt über den Bergsattel zum Taubensee . Dabei legte ihm die Mutter reichlich vor . Und einmal fragte sie : » Schmeckt es , Bub ? « » Ja , Mutter ! Allweil ist Mutters Tisch die beste Herberg . Und ich hab einen gesegneten Hunger heimgebracht . Seit dem mageren Frühmahl , zu dem mich der Hallturner eingeladen , hab ich nur am Abend auf dem Hängmoos ein Schöppel Milch getrunken . « » Milch ? « Vater Someiner zog verwundert die Augenbrauen in die Höhe . » Ist der Ochsenwirt auf dem Hängmoos solch ein Schlemmer , daß er sich Milch auftragen laßt , bis von der Ramsau her . « Lampert lachte . » Aber Vater ! In der Käserhütt auf dem Hängmoos brauchen sie doch nur zu melken . « » Auf dem Hängmoos steht kein Käser . « » Ich bin doch an der Hütt vorbeigeritten . « » Da mußt du dich verschaut haben . Oder wo du gewesen bist , das war nicht das Hängmoos . « » Wo der Sumpf ist , den die Jäger meiden ? Hinter dem Taubensee droben ? Ist dort das Hängmoos ? « » Ja . « » Dort bin ich gewesen . Und die Hütt ist dagestanden . Und die siebzehn Küh , die sie auf dem Hängmoos melken können , hab ich selber gesehen . « Der Amtmann runzelte die Stirn . Dann schüttelte er den Kopf . » Du magst viel gelernt haben auf der hohen Schul zu Prag . Aber mir scheint , du hast dabei vergessen , wie sich die Kuh vom Ochsen unterscheidet . « Lampert wollte erwidern . Doch die Mutter zwinkerte ihm heimlich zu ; sie erinnerte sich der heftigen Meinungskämpfe , die es in früheren Ferienzeiten zwischen Vater und Sohn gegeben hatte , kannte die strenge Rechtskrämerei ihres Mannes und sorgte sich , daß ein unbehaglicher Wortwechsel entstehen könnte . Doch Lampert schwieg nicht nur , weil es die Mutter wollte . Er wußte , daß es zwischen dem Stift und den Almholden immer Reibereien um die Deutung der Rechtsbriefe gab . Und wenn nun irgend was auf dem Hängmoos droben nicht in Ordnung war , so wollte er nicht zur Ursache werden , daß man der hilfreichen Jula einen stacheligen Pfahl vor die Hüttentüre setzen könnte . Drum schwieg er . Und es blieb eine wunderliche Sorge in ihm zurück . Mutter Someiner schwatzte eifrig von allem , was ihr gerade einfiel , war glücklich , weil sie die dunkle Gefahr des Augenblicks überbrückt sah , und wollte sich was erzählen lassen von Prag und dem übermütigen Studententreiben in den Bursen . Lampert erzählte auch , doch er blieb zerstreut und kam nicht in rechte Laune . Auch der Vater war nachdenklich und wortkarg . Sogar der Würzwein , der nach der Mahlzeit zum üblichen Schlaftrunk aufgetragen wurde , verbesserte des Amtmanns Stimmung nicht . Und plötzlich murrte er : » Das Ding mit den Kühen auf dem Hängmoos will mir nimmer aus dem Kopf . Ich muß da auf reinen Tisch kommen . Sag mir - « Die Mutter witterte gleich wieder eine Gefahr und unterbrach : » Geh , Ruppert , laß die Sach heut gut sein ! Ob Küh oder Ochsen - « » Das verstehst du nicht . « » Aber ich versteh , daß unser Bub nach so einem schweren Ritt die Müdigkeit in allen Knochen haben muß . Er soll zur Ruh gehen . « » Ja , Mutter ! « Rasch erhob sich Lampert . » Gute Nacht , Vater ! « Er ging zur Türe . Als er schon die Klinke in der Hand hatte , zwang ihn die wunderliche Unruhe , die in ihm wachgeworden , zu einer Frage . » Vater ? Auf dem Heimweg bin ich durch die Ramsau gekommen . Und hab den Runotterhof gesehen . Und hab vernommen , der Runotter wär wieder Richtmann in der Ramsauer Gnotschaft . Was ist der Runotter für ein Mensch ? « » Das ist von den Verläßlichen einer ! « sagte der Vater , dem der seltsame Klang in der Stimme seines Sohnes aufzufallen schien . » Viel Kummer ist dem Mann ins Leben gefallen . Aber er ist ein Treuer und Redlicher geblieben . « Lampert atmete erleichtert auf . » Gute Nacht , Vater ! « » Bub ? « Der alte Someiner erhob sich . » Die siebzehn Küh auf dem Hängmooos ? Hast du die wahrhaftig selber gesehen ? Mit eignen Augen ? « Lampert sagte ruhig : » Ja , Vater ! Wenn der Runotter so ein Redlicher ist , da brauch ich doch nicht zu lügen . « Er ging . Und die Mutter in ihrer Sorge lief ihm nach und fragte draußen auf der Treppendiele : » Was ist denn los ? « » Ich kenn mich selber nicht aus . Es ist mir jäh eine Sorg ins Herz gefahren , ich weiß nicht , warum . Aber jetzt bin ich wieder ganz in Ruh . « » Gelt , ja ! « Die Mutter streichelte dem Sohn die Wange . » Was schieren dich am End die Ochsen oder Küh der Ramsauer Bauern ? « Sie lachte ihren Buben an . Doch als sie zurückkam in die Stube , wo Herr Someiner nachdenklich auf und nieder schritt , sagte sie ein bißchen verdrießlich : » Allweil mußt du aus jedem Bläslein eine Blatter machen ! « » Das verstehst du nicht ! Recht muß Recht sein und Unrecht ist Unrecht . Freilich , es könnt auch sein , daß ich selber mich irr . Ich hab den Hängmooser Weidbrief schon lang nimmer angeschaut . Aber ich muß das wissen - « Während dieser Worte hatte der Amtmann an einer Kerze des Deckenleuchters einen Span entzündet . Er brachte das Licht einer kleinen Laterne in Brand . » Aber Mann ! Wo willst du denn heut noch hin ? « » Hinunter in die Amtsstub , den Hängmooser Weidbrief nachlesen . « » Da ist doch morgen auch noch Zeit dazu . « » Unrecht soll keine Nacht überschlafen . « Während Frau Someiner seufzend den Kopf schüttelte , nahm der Amtmann aus einem Wandkästlein des Erkers einen dicken Schlüsselbund heraus . Drunten zu ebener Erde mußte er drei Schlösser aufsperren , am Gitter , an der Tür und an dem großen , schwer mit Eisen beschlagenen Aktenschrank der Amtsstube . Aus einem Gewirr von Papieren und Pergamenten suchte der Amtmann ein gesiegeltes Blatt heraus , den Hängmooser Almbrief . Und kaum hatte Herr Someiner beim trüben Schein der Laterne zu lesen begonnen , da ließ er im Zorn seine Faust auf das Schreibpult niederfallen . » Das ist eine Frechheit ohnegleichen ! « Hier war es seit fünfundsechzig Jahren verbrieft und gesiegelt : Auf dem Hängmoos durfte kein Käser stehen , keine feuerbare Hütte , nur ein Wetterschlupf für den Ochsenhirten , und Milchkühe durften nicht aufgetrieben werden , nur zwanzig zwiesömmerige Kalben und an mastbarem Galtvieh sechzig Ochsen . Und nun stand wider Recht und Fug auf dem Hängmoos eine Käserhütte ! Und Milchkühe wurden aufgetrieben ! Wider Fug und Recht ! Wohl litt das Stift keinen rasch erkennbaren Schaden dabei . Aber Recht ist Recht . Und was die Ramsauer da verübten , war unbotmäßiger Eigenwille und grobes Verbrechen wider die Hoheitsrechte des fürstlichen Stiftes . So sah es für den Amtmann Someiner aus , dem die anmaßende Willkür der Holden und Eigengütler das Leben verbitterte . Seit das Stift um der Last seiner Schulden willen gezwungen war , ein Schupflehen ums andre an vermöglich gewordene Bauern als Erbrecht zu verkaufen , wurde der Untertanen Übermut und Anspruch ärger von Jahr zu Jahr . Neben Herrenstand und Bürgertum begann sich als ein dritter Stand die Bauerschaft emporzustrecken . Schon hatten sich in der Scheffau , zu Bischofswiesen , in der Schönau , in der Gern und Ramsau die Erbrechter und Eigengütler zu Gnotschaften zusammengetan , hatten Fürständ und Sprecher gewählt . Und in den Zeiten der üblen Wirrnis , da das ganze Berchtesgadener Land an das Salzburger Erzbistum verpfändet war , hatten es die trutzbeinigen Bauernschädel durchgesetzt , daß man den Gnotschaften Wort und Vertretung im Rat der Landschaft zubilligen mußte . Und seit sie mitschreien durften , meinten sie auch mitbefehlen zu dürfen , vermaßen sich umzustoßen , was verbrieftes und gesiegeltes Recht war , und meinten ihren Trutzwillen durchsetzen zu können wider des Fürsten Gebot und Eigentum . Was da nun wieder die Ramsauer gegen Wort und Meinung eines gesiegelten Weidebriefes verübten , war ein grobes und übermütiges crimen juris laesi . Man mußte da ein heilsames Exempel statuieren . Ohne Erbarmen ! Oder Hoheit und Besitz des Stiftes mußten an solcher Anmaßung und Schröpferei verbluten . Während Amtmann Someiner beim trüben Laternenschein das alte brüchige Pergament wieder im Schrank verwahrte , erwog er schon den Gedanken , den Ramsauern am Morgen die bewaffnete Exekution über den frechen Hals schicken und die siegelwidrig auf dem Hängmoos weidenden siebzehn Kühe pfänden und davontreiben zu lassen . Aber der Ramsauer Richtmann Runotter ? Dieser Verläßliche und Redliche ? Wie kam es , daß der solch eine schreiende Rechtswidrigkeit geschehen ließ ? Konnten die Ramsauer vielleicht doch ein Fähnlein der Entschuldigung aushängen ? Und auf den Richtmann Runotter , der trotz schwerem Unrecht , das der Chorherr Hartneid Aschacher ihm angetan , noch immer in Treu zu Stift und Recht gestanden , mußte man verdiente Rücksicht nehmen . Als der Amtmann zu dieser wohlmeinenden Erwägung kam , hörte er draußen auf dem Gassenpflaster den klirrenden Schritt der Stiftswache . Er ging in den Flur , riegelte das Haustor auf und rief in die Nacht hinaus : » Höi , Wachleut ! « Die beiden Spießknechte kamen gesprungen . » Wer ist Wachführer ? « » Ich , Gestreng Herr Amtmann , der Marimpfel . « » Gut ! Auf dich ist Verlaß . Komm herein zu mir ! « Herr Someiner hob dem baumlangen Kerl , der in den Flur trat und mit dem Spieß salutierte , die kleine Laterne gegen das Gesicht . Im Lichtschein funkelten des Knechtes Armschienen , die Brustplatten und der blanke Eisenhut , der mit zerzauster Feder über einem verwitterten , von Narben durchrissenen Bartgesichte saß . Der Amtmann sagte : » Um Mitternacht laß dich ablösen und vergönn dir ein lützel Schlaf . Doch eh der Morgen aufgeht , sollst du hinausreiten zum Taubensee und hinauf zum Hängmoos . « Der Knecht lachte . » Da muß ich acht haben , Herr daß ich mein Rössel nit in die graue Supp hineinreit . « » Wir haben nicht Spassenszeit ! « sagte der Amtmann streng . » Auf dem Hängmoos zählst du die Kalben und Ochsen . Aber halte dein Maul vor dem Hirten ! Und tu ihm keinen Trutz an ! Und siehst du auf dem Hängmoos einen Käser stehen und tät es wahr sein , daß da droben Melkvieh weidet , so bring dem Richtmann Runotter eine Ladung vor mein Amt . « » Soll ich Beistand mitnehmen ? Wenn ' s nötig wär , daß man zugreift . « Someiner schüttelte den Kopf . » Der Runotter wird im guten kommen . Er soll bei mir sein , morgen , so lang noch Amtszeit ist . « » Wohl , Gestreng Herr Amtmann ! Wird geschehen . « Als Marimpfel wieder draußen auf der Gasse war , tuschelte sein Kamerad die Frage : » Ist was Lustigs los ? « » Ich schmeck , man will einen Baurenschädel zwiefeln . Einen , dem ich ' s gönn ! Weil er die Nasenlöcher gar so weit auftut . Solcher Hochmut wachst , seit die Herren zu gut sind . War ich der Probst , ich möcht den Mistbrüdern einen Flohbeiß auf die Haut setzen , daß sie springen müßten , wie man winkt . « Der so redete , war selber ein Ramsauer Kind und eines leibeigenen Bauern Sohn . Was die Schärpenfarbe für üble Wunder wirkt ! Geschworener Knecht eines Herren werden , eines Herren Wehr und Farben tragen , und schlagen und stechen müssen auf des Herren Wink - das heißt , ein Hofmann sein , und heißt , verachten dürfen , was tiefer steht , und heißt , was Besseres werden , denn man gewesen als seiner Mutter Kind . Die beiden Spießknechte schritten über den Marktplatz gegen das Stiftstor hin , vor dem das Pfannenfeuer brannte . Im Widerschein der roten Loderflamme waren die Kanten des Gemäuers und die Säume der steilen Dächer wie von rinnendem Blut übergössen . Und hinter den dunklen Firsten stiegen die Türme des Münsters und der neuen Pfarrkirche in die sternschöne Nacht hinauf , gleich schwarzen , himmelhohen Riesen , die sich in der Finsternis aus den Schlünden der Erde erhoben hatten , um Ausschau zu halten über das Tun und Leben der kleinen Menschen . In des gestrengen Amtsmanns Hause hatte Herr Someiner das Flurtor wieder fest verriegelt . Und hatte die drei Hängeschlösser wieder gesperrt , am Pergamentkasten , an der Tür der Amtsstube , am eisernen Gitter . Als er mit dem schwankenden Laternchen die enge , steile Treppe hinaufstieg , war er des redlichen Glaubens , daß er im Dienste seines fürstlichen Herrn , des Erzpropstes zu Berchtesgaden , eine dringende Pflicht seines Amtes gewissenhaft und mit klugem Bedacht erfüllt hätte . In der Wohnstube war der Tisch geräumt . Auf dem Eisenreif Brannte nur noch eine einzige Kerze ; die Hausfrau hatte die drei andern Lichter ausgelöscht . Und leise sprach bei diesem sparsamen Zwielicht das Pendel in dem alten Uhrkasten : » Bau ! Bau ! « Herr Someiner verwahrte den Schlüsselbund , löschte das Laternchen und blies auf dem Eisenreif die letzte Kerze aus . Nun war die Stube finster . Nur um die verbleiten Scheiben des Erkers zitterte , vom Pfannenfeuer des Stiftes her , ein matter , rötlicher Schein . Im Uhrkasten sagte die schwingende Stimme unablässig : » Bau ! Bau ! Bau ! « Diese Uhr , deren Räderwerk kein lebendes Herz , nur stählerne Federn und wirkende Gewichte hatte , war klüger , als Menschen sind . Immer wieder sprach sie in der stillen Nacht ihr schlummerloses Mahnwort . Doch in dieser stillen Nacht , in der ein Rechtsbeschützer seine Pflicht gewissenhaft erfüllt zu haben wähnte , begann im Berchtesgadener Land ein sinnloses Zerstören und grauenvolles Vernichten . 2 Als der Morgen dämmern wollte , jagte ein Reiter gegen die Ramsau hinaus . Bevor er das Ziel seines Späherweges erreichen konnte , stieg hinter den östlichen Bergzinnen der schöne Tag herauf . Über dem Hängmoos lag die erste Morgensonne . Das Gras der trockengelegten Weideflächen hatte einen Goldton in seinem Grün , und die frische Luft war zart erfüllt vom süßen Wohlgeruch der Kohlröschen . In der mild erwachenden Wärme begannen die Wasserflächen des nahen Sumpfes zu dunsten , und um die Mooskissen des Bruchbodens , um ihre besonnten Vergißmeinnichtbüschel und Dotterblumen gaukelten graubraune Schmetterlinge in so reicher Zahl , daß ihre Menge manchmal anzusehen war wie ein dunkelwehender Schleier . Die Kalben , Ochsen und Kühe weideten mit leis tönendem Schellenklang , und aus der Rauchscharte des Käsers stiegen blauquirlende Wölklein in die Sonne hinauf . Der Brunnen murmelte und goß den blitzenden Wasserstrahl in den Spiegel des Troges . Auf der höchsten Stelle des Almfeldes zog vertraut ein Rudel Gemsen gegen das Latschendickicht . Hoch in der Sonne kreiste ein Weihenpaar . Und als möchte auch das Leben der Tiefe einen Gruß hinaufsenden in diesen schönen , heiligen Frieden der Bergfrühe , so klangen , mild und kaum noch hörbar , aus weiter Ferne her die raschen Laute einer rufenden Kirchenglocke . Im aufziehenden Sonnenwinde fingen die nahen Wälder sanft zu rauschen an . Was der Morgen an Hirtenwerk verlangte , war getan . Jedes Rind hatte Salz bekommen , die Kühe waren gemolken , die Milch war aufgestellt in hölzernen Schalen . Ein leuchtender Streifen der Sonne fiel durch die offene Tür in das Zwielicht des Hüttenraumes . Neben dem Feuer saßen Jula und ihr Bruder Jakob in der Herdmulde und aßen die Morgensuppe . Dann beteten die beiden mit geneigten Gesichtern . Jula erhob sich , warf die schweren Zöpfe zurück , die ihr auf die Brust gehangen , und sprach mit der Hand . Jakob nickte . Und während Jula die abgerahmte Milch des verwichenen Tages in den kupfernen Sudkessel schüttete und ihn mit dem Balken , an dem er hing , über die Herdflamme zog , verließ ihr Bruder die Hütte . Neben dem Brunnen setzte er sich in die Sonne und begann an der fliegenden Schwalbe zu schnitzen , die sich schon bald aus dem Holze lösen wollte . In der Hütte sang Jula mit halber Stimme . Ich weiß ein ' Buben hübsch und fein , Hüt du dich ! Der kann so falsch wie freundlich sein , Hut du dich ! Er hat zwei Augen , die sind braun , Hüt du dich ! Die gucken allweil durch den Zaun , Hüt du dich ! Er hat ein lichtbraunfarbnes Haar , Hüt du dich ! Und was er redt , das ist nit wahr , Hüt du dich ! In der Tiefe des Almfeldes rasselten viele Schellen wirr durcheinander . Jula , beim Klang ihrer Stimme und beim Geprassel des neugeschürten Herdfeuers , achtete dieses Lärmes nicht . Und Jakob konnte ihn nicht hören . Doch als er einmal von seinem Schnitzwerk aufblickte , sah er da drunten die flüchtenden Rinder und sah , daß am Waldsaum ein Reiter , der aus dem Sattel gestiegen war , seinen Gaul an eine Lärche band . Jakob erhob sich , säbelte aufgeregt in die Hütte , lallte einen schweren Laut und sprach mit den Händen . Betroffen sah Jula den Bruder an . Eine leichte Röte glitt über ihr strenges , sonnverbranntes Gesicht . Dann lachte sie ein bißchen und steckte rasch die hängenden Zöpfe hinauf . Sie trat aus der Hütte . Doch als sie den dunkelbärtigen Spießknecht über das Ahnfeld heraufkommen sah , machte sie verwunderte Augen , schüttelte den Kopf , redete mit den Händen zu ihrem Bruder und kehrte wieder an den Herd zurück . Es dauerte eine Weile , dann fiel ein schwarzer Schatten über die sonnige Türschwelle . Mit freundlichem Gruße trat Marimpfel in die Hütte . Er sah nur die Hirtin . Jakob , um seine Mißgestalt zu verbergen , hatte sich hinter dem Sudkessel in den Herdwinkel gedrückt . Jula erwiderte den Gruß des Spießknechtes . Der Anblick dieses Gastes war ihr keine Freude . Sie wußte : Hofleut sind wildes Volk , vor dem man sich hüten muß . Doch ruhig fragte sie : » Woher des Wegs ? « » Bei einem Grenzstein hab ich nachschauen müssen . « Marimpfel ließ sich auf die Bank nieder , wobei das Eisenwerk seiner Rüstung klirrte . Er guckte in der Hütte herum . » Ein schöner Herd ! Ein feiner Käser ! Wann ist denn der gebaut worden ? « » Das weiß ich nit . « Jula begann mit langer Holzspachtel den dampfenden Inhalt des Kessels aufzurühren . » Willst du Zehrung haben ? « Marimpfel lachte , und seine schwarzen Funkelaugen musterten die Gestalt der Hirtin . » Vergelts deinem Gutwillen ! Aber Bauernkäs ist saurer Fraß . « Jula furchte die Brauen . » Ich kann dir auch süßen geben , wenn du so schleckig bist . « » Viel süßen Käs wirst du nit aufstellen können von den vierzehn Kühen , die ich gesehen hab . Oder hast noch mehr ? « » Siebzehn hab ich . « » Und wieviel Ochsen ? « » Dreiundvierzig hab ich aufgetrieben . Und zwanzig Kalben dazu . Gottlob , es ist mir heuer noch kein Stückl im Bruchboden versunken . Hab einen friedsamen Sommer heuer , Gott soll ihn segnen . « Marimpfel erhob sich . » Zwanzig Kalben ? So ? « Unter kurzem Lachen faßte er mit flinker Faust den Arm der Hirtin . » Und dazu noch ein Geißlein , mit dem gut bocken wär ! Was meinst ? « Was Jula meinte , brauchte sie nicht zu sagen . Marimpfel las es in ihren zornblickenden Augen . Und plötzlich fühlte er an seinem Handgelenk einen groben Schlag . Jakob , das Gesicht verzerrt , stand zwischen der Schwester und dem Spießknecht , mit dem Schnitzmesser in der kleinen , zitternden Faust . Marimpfel wollte an den Gürtel greifen . Aber da fiel ihm das Wort des Amtmanns ein : » Tu dem Hirten keinen Trutz an ! « Er war ein verläßlicher Hofmann . Drum nahm er die Sache spaßhaft . » Guck , wieviel Schneid die haben ! « Er lachte . » Dirn ! Bei dir sind die süßen Beeren gut verzäunt ! « Zur Türe schreitend , sagte er heiter über die Schulter : » Ein andermal ! « Jula legte den Arm um ihres Bruders Hals und knirschte durch die Zähne : » Die Leut sind schlecht . « In der schönen Morgensonne ging Marimpfel mit klirrendem Schritt über das Ahnfeld hinunter . Als er den Gaul von der Lärche losband , sah er schmunzelnd zum Käser hinauf . » Die wär eine Todsünd wert ! « Während der Gaul auf dem steilen Karrenwege vorsichtig durch den Wald hinunterkletterte , sang der Spießknecht eine zärtliche Weise . Auch diesem Wildfang quoll die Schönheit des leuchtenden Morgens durch Eisen und Haut . Und als er auf dem Weg eine junge Amsel sitzen sah , die unflügg aus dem Nest gefallen war und angstvolle Äuglein machte , lenkte er barmherzig die Hufe des Gaules auf die Seite . Wo der Taubensee zwischen grünem Röhricht blitzte , kam Marimpfel zu dem Wiesgarten , in dem der Bauer das am Abend gemähte Gras mit dem Rechen umwarf . Sobald der Heuer den Spießknecht aus dem Wald heraustauchen sah , lief er an den Straßenzaun und kreischte : » Bruder ? Bist du ' s oder nit ? « Marimpfel ließ das Roß ein paar Galoppsprünge machen , um sich vor dem Bruder als Hofmann zu zeigen . » Ei wohl , ich bin ' s. « Dann verhielt er den Gaul und fragte von oben herab : » Wie geht ' s dir allweil ? « » Nit schlecht . Es tut ' s. Hab dich lang nimmer gesehen . « » Ein Mistbreiter und ein Herrschaftsreiter haben Weg , die auseinand laufen . « Marimpfel wollte nichts Böses sagen , nur etwas Selbstverständliches . Und spähend beugte er sich im Sattel hin und her . » Man sieht wahrhaftig das Häusl nimmer . Wie ich Bub gewesen , hat man ' s noch gesehen von der Straß . Jetzt ist alles zugewachsen . Bäum , Viech und Leut werden allweil mehrer . Bloß das Geld wird minder . Lebt die Mutter noch ? « » Wohl ! Aber mit dem Schaffen ist ' s lang schon aus . Hockt allweil im Sessel . Und kein Tag , daß sie nit redt von dir . Vom Malimmes redt sie nie . Hast lang nichts mehr gehört von ihm ? « » Vier Jahr lang nimmer . Da ist er bei den Nürembergern gewesen als Stadtknecht . Ist kein fürnehmer Dienst . Hofmann sein ist feiner . Aber die Stadt haben allweil die größeren Geldsäck . Da wird ' s dem Bruder nicht schlecht gegangen haben . « » Das tat die Mutter wohl anhören . Magst nit ein lützel hereinkommen ? « » Ich hab nit Zeit . « » Die Mutter tät sich freuen . « » Tu das Weibl grüßen . Herrendienst hat ' s eilig . « Marimpfel straffte den Zügel des Gaules . » Du ? « sagte der Bauer hastig . » Tust was gelten bei deinem Herren ? « » Dem bin ich der Liebst von allen . « In den müden Augen des Bauern glänzte eine Hoffnung . » Da könntest bei deinem Herren für mich eine Fürbitt machen . « » Mareiner ! « Der Spießknecht wurde kühl . » Bist Holdenzins oder Lehent schuldig blieben ? « Der Bauer schüttelte den Kopf . » Noch allweil bin ich ein rechtschaffener Zahler gewesen Und hab den Magen geschnürt und hab ein lützel was auf die Seit gebracht . « Marimpfel wurde aufmerksam . » Und tätest du bei deinem Herren für mich ein gutes Wörtl reden « , sagte Mareiner , » und tät das Stift sich genügen an einem christlichen Gebot , so möcht ich mein Schupflehen auf Erbrecht kaufen . « Jetzt lachte Marimpfel . » Narr ! Wem willst du denn was vererben ? Kinder hast doch nit . « » Was nit ist , kann werden . « » Freilich , ja ! Oft kriegt die Bäuerin Kinder , der Bauer weiß nit wie . « Dem Taubenseer flog es heiß über die Stirne . Doch er sagte ruhig : » Ist auch nit der Kinder wegen allein , die mir der Herrgott erst schenken müßt . Aber was ein richtiger Mensch ist , hängt auch ein lützel an der Ehr . Hätt ich Eigengut und wär ein Erbrechter , so dürft ich in der Gnotschaft mitreden und müßt nit allweil das Maul halten . « » So ? « Der Spießknecht wurde heiter . » Erbrechter werden ? Und den Brotladen aufreißen ? Und wider die Herrschaft schreien ? Und da soll ich helfen dazu . « In den Augen des Bauern brannte die Sehnsucht . » Bist nit mein Bruder ? « » Richtig , ja , das hätt ich als Hofmann schier vergessen . « Und freundlich sagte Marimpfel : » Wieviel kannst dem Herrn bieten fürs Erbrecht ? « Zögernd , an jeder Silbe klebend , sagte der Bauer : » Sechzig Pfund Pfennig . Mehr hab ich nicht . « » Sechzig Pfund hast ? Da kannst dem Herrn bloß vierzig bieten . « » Wieso ? « » Tust vergessen , daß ich dein Bruder bin ? Und daß ich in Hösl und Hemd aus dem Haus gegangen ? Und daß ich Anspruch hab an Acker und Wiesfrucht ? Mareiner ! Sechzig Pfund ? Da wirst wohl dritteln müssen . Mit mir ! « Der Bauer sah den höfischen Bruder an und wurde mauerbleich über das ganze Gesicht . Und ohne noch ein Wort zu