breiten , vielbetretenen Wiesenweg , dem ich , in trübe und abenteuerliche Gedanken versunken , nachging . Alle Geschichten aus der Heiligenlegende fielen mir ein , in denen der Teufel sein unheimliches Handwerk getrieben , die gottseligsten Personen geschüttelt , in die Höhe geworfen , geschlagen und zertreten hatte , wie er den Bauern das Vieh im Stall verzaubert , daß es blutige Milch gab , und aus frommen Frauen die ärgsten Hexen und Unhold gemacht hatte , so daß sie von Stund an Mensch und Vieh nur noch übel wollten . Ja , der alte Pfarrer von Sonnenreuth hatte ihn selber leibhaftig gesehen damals , wie ihn der hochwürdige Herr Bischof aus einem krummbeinigen , buckligen Menschen hinausgetrieben hatte ; wie eine feurige Katze sei er aus dem Maul des Besessenen herausgefahren , hätte gar jämmerlich geschrien und sei mit einem schrecklichen Fluch verschwunden . Die Haare hatten sich mir damals gesträubt , und gar , als uns der Herr Pfarrer aus einem Buch vorlas , wie es drunten in der Hölle zuginge , und was für greuliche Arbeit die Teufel und Oberteufel daselbst zu verrichten hätten , da schüttelte es mich wie einen Hollerstrauch im Wind ; denn da stand es schwarz auf weiß , wie die armen Verdammten in Öl und Pech gesotten , in glühende Feueröfen geworfen , mit Nattern und Klapperschlangen zusammengesperrt und auch sonst gezwickt und zerschunden werden , ohne daß sie jemals einen Augenblick Ruhe oder Erleichterung in dieser Pein haben . » Und es sind aber sieben Kreise in der ewigen Hölle « , heißt es weiter in diesem Buch , » die gleich sieben unendlichen Ringen den Pfuhl des obersten Teufels Luzifer umschließen . Und ein jeglicher Ring ist bewohnt von einer Legion Unterteufel , über welche ein Oberteufel die Herrschaft führt . Und es sind aber die Ringe also , daß in jedem eine besondere Art von Sünde gestraft und gepeinigt wird . Die Hoffart mit Zwicken und Brennen und in Kot Treten ; der Geiz mit Nattern und Schlangen und sonst allerhand schädlich Gewürm ; die Unkeuschheit mit großen Hagelsteinen und brennendem Pechregen ; der Neid mit Stoßen und Schmeißen in siedendes Öl und Darinniederdrucken mit teuflische Gabeln ; die Völlerei mit Hunger und großer Kält , also daß die blutigen Zähren , so der Verdammte weinet , ihm an den Leib gefrieren , und sein Bauch knurret aus übergroßem Verlangen nach Speis ; der Zorn mit Geißlen und Verschließen in einen Kessel , allda Pech mit Hanfgarn gesotten und mit teuflische Besen verzwirnet ist , und kein End nicht hergehet aus aller Wirrnis und Pein ; die Trägheit mit großen Steinen , so ihnen von den Teufeln auf den Rucken gebunden , und die sie schleppen müssen durch ihren Höllenring ohne Rasten und Absetzen in alle Ewigkeit . « Ein Böllerschuß riß mich aus der Betrachtung ; vom Birkenstein klang Läuten herüber und mahnte , den menschgewordenen Gott bei der Wandlung anzubeten . Ich schlug das Kreuz und lief darnach meinen Weg dahin , etliche Bauern grüßend , ein paar Dirnen , die mit ihren feuerroten Unterröcken prangten , auf den Weg nach dem Wallfahrtsort weisend und an nichts denkend , als daß ich wieder bei meinem Vieh und meinen Schätzen sein möchte . Gegen Abend kam ich wieder an die Weidhoferalm und ging sogleich in die Hütte ; da mich aber die Nandl , unsere Schwaigerin , erblickte , ließ sie erschreckt den Melkeimer fallen und schrie : » Mariand Joseph ! Der Mathiasl ! Ja Bua , wo kimmst denn du her ? « » Vom Birkenstein « , sagte ich und erzählte ihr mein Erlebnis . Da glaubte auch sie nicht anders , als daß hier der Teufel einmal wieder ein böses Werk getrieben habe , und meinte , daß ich mich nun wohl hüten und vorsehen müsse , denn das sei klar , daß er es auf mich abgesehen hätte . Indem wir noch miteinander sprachen und ich in einen Hafen voll Milch ein gerechtes Stück Brot einbrockte , kam der lange Ambros zur Tür herein ; aber kaum daß er mich ersehen , tat er einen halblauten Fluch und lief wieder hinaus . Ich schrie ihm nach , doch hörte er nichts mehr , auch war er nirgends mehr darnach zu sehen . Da fiel mir mein Felsenloch ein , und zugleich dachte ich an meine Schätze ; ich lief hin , griff in alle Ecken und fand nichts mehr . Es war alles dahin . Starr vor Entsetzen konnte ich nichts denken und sagte nur das Wort Teufel etlichemale stumpfsinnig für mich hin . Ein Lachen hinter mir erschreckte mich ; ich sah mich um und in das höhnische Gesicht des langen Ambros . » Da suchst umsonst « , rief er voll Spott und verschwand . Da packte mich ein Grimm ; ich stürzte hinaus , ihm nach und packte ihn , gerade als er sich von einem verwachsenen Kiefernbaum in eine Felsenrinne hinablassen wollte . » Wo is mei Sach ? « schrie ich voll Wut und schüttelte ihn , daß er Mühe hatte , sich zu halten . » Was weiß ich « , sagte er höhnisch und gebot mir , ihn loszulassen . Ich ließ ihn frei und wiederholte meine Frage ; in diesem Augenblick aber sprang er vom Baum , ergriff mich und begann mit mir zu ringen und mich gegen die Felsrinne zu schieben . » Wart , ich werd dirs gleich zeigen , wo ' s ist ! « knirschte er und trat ein wenig zurück ; noch ein kurzes Ringen , ein Stoß , und nach einem heftigen Schmerz am Kopf wußte ich nichts mehr . Rings um mich war es Nacht , als ich die Augen wieder öffnete ; ich lag hart , und Steine und Gestrüpp bedeckten mich . Meine Hände tasteten im Dunkeln matt herum , und ich fühlte , daß ich durchnäßt war ; doch wußte ich nicht , ob es ein Wasser war oder mein Blut , in dem ich lag . Ein dumpfer Schmerz wühlte mir im Haupt , und ich schloß die Augen wieder , indem ich abermals wähnte , in eine Tiefe zu fallen . Als ich wieder klar denken konnte , war es heller Tag , und ich sah , daß ich in einem seichten Wasser lag , welches über Felsen und Geröll talab floß . Brombeerstauden stachen und zerkratzten mich , meine Glieder schmerzten , und mein Mund war verschwollen und verklebt . Es dürstete mich , und ich versuchte , meine Lippen zu netzen , aber meine Arme gehorchten dem Willen nicht mehr und fielen kraftlos herab , so oft ich versuchte , sie zu erheben . Da begann ich , um Hilfe zu seufzen und Gott anzurufen , denn ich wähnte , daß mein Ende nahe sei . Ich lieh meinem inbrünstigen Gebet Stimme und stöhnte laut und lauter : » Herrgott hilf ! Maria hilf ! « , bis mein Haupt abermals , der Sinne beraubt , zurückfiel ins Wasser . Im Waldhaus Da ich wieder erwachte , sah ich über mir einen bemalten Betthimmel ; die gekrönte Jungfrau blickte auf mich hernieder , und lustige Engel umschwebten sie und hielten ihr Gewand . Geblümte Vorhänge hingen zusammengeschoben von dem Baldachin herab , und ein rothaariges Mädchen band sie eben an den gedrehten Säulen des Lagers fest . Ich blickte verwundert bald auf das Mädchen , bald auf mein Bett , und es war mir , als träumte ich ; aber das Mädchen redete mich , da es meine Augen offen sah , sogleich an und fragte : » Hast du Durst ? Liegst du gut ? « » Ja « , sagte ich bloß ; da brachte sie mir ein Krüglein mit einem Trank und meinte : » Gut schmecken tut ' s ja nicht ; aber die Hitze nimmt ' s ! « Ich trank gierig , und sie stützte mir dazu mein Haupt mit dem Kissen , indem sie ihren Arm darunterschob . Dann legte sie mich wieder hin , holte sich das Spinnrad aus der Ecke , in der ich auch einen alten Hausaltar erblickte , setzte sich neben das Bett und spann . Da überkam mich eine große , wohlige Ruhe ; meine Wunden brannten nicht mehr wie vordem , und ich fühlte , daß ich nun wieder lebte und gesund würde . Nach einer Weile , während der ich nur das Schnurren des Spinnrads , das Summen der Fliegen und das hackende Ticktack der hohen Standuhr vernahm , tat sich die Tür auf , und ein altes , runzliges Weib trat lautlos ein und ging auf mein Lager zu . » Er ist munter ! « meinte sie , da sie meine offenen Augen sah ; » jetzt muß er aber essen , der Bursch ! « Ich versuchte zu reden und fragte , wo ich denn sei . Da sagte sie : » Gut aufgehoben . Frag nicht und sorg dich nicht ; du mußt wieder werden . « Darauf nahm sie mir meine Kopfbinde ab , tauchte sie in eine Schüssel und legte sie mir wieder an ; auch strich sie etliche Pflaster auf leinene Lappen und beklebte damit meine Wunden und sagte dazu : » Einen guten Gsund hast schon , Bub ! Das hält der zehnte nicht aus ! Ich hab schon gefürchtet , daß ich dem Totengräber das Maß bringen müßt für deine Gruben ; aber jetzt hast du ' s gewonnen ! « Darauf kniete sie sich an das Bett und betete dieses Gebet : » Es reiten siebenundsiebzig Diebe hinaus , Sie reiten für eines Menschen Haus . Gott der Herr sprach : Ihr Reiter , wo wollt ihr hinaus ? Wir wollen in eines Menschen Haus Und wollen ihm nehmen sein Fleisch und sein Blut . Und wollen ihm nehmen sein Freud und sein Mut . Gott der Herr sprach : Siebenundsiebzig Fürsten , das sollt ihr nicht tun , Ihr sollt ihn lassen liegen und ruhn . Ihr sollt ihm lassen sein Fleisch und sein Blut Und sollt ihm lassen sein Freud und sein Mut . Es gehe über dich bald der Segen Gottes des Vaters , der Segen des Sohnes und der Segen des heiligen Geistes . Amen . Es sollen vergehen deine siebenundsiebzig Fieber im Namen des höchsten Gottes . Amen . « Sodann stand sie auf und besprengte mich mit einem geweihten Wasser und machte das Zeichen des Kreuzes über mich . Nun brachte das rote Mädchen ein Schüsselchen mit Milch und brockte ein weißes Brot hinein . Darnach setzte sie sich an mein Bett und gab mir löffelweise zu essen . » Guck « , sagte sie ; » unser Vogel frißt wieder ! Gilt ' s , er lernt auch wieder fliegen , Mutter ? « » Wann ihm die Flügel wieder geleimt sind , kanns schon sein « , meinte die Alte und mischte ein Pulver und rührte es ins Wasserkrüglein ; » ' s hitzige Fieber darf er freilich nimmer kriegen , der Bursch , sonst wachsen ihm andere Fittig , wähn ich ! « Und dann gab sie mir wieder zu trinken und wünschte mir eine geruhige Weil und einen baldigen Gsund . Hierauf setzte sie sich in den Sorgenstuhl hinter dem bläulichen Kachelofen , steckte sich eine große Hornbrille auf die Hakennase und las schweigend in einem alten , dicken Buch , während das Mädchen wieder zu spinnen begann . Ich lag ganz still und sah den Fliegen zu , wie sie ihren Reigen um die bunte Perlenampel tanzten , die am Fenster hing und in der Abendsonne glänzte , bis mich ein guter Schlaf übermannte . Den andern Morgen , da ich eben erwachte , trat ein bleicher Bursch zur Tür herein und blickte sich um in der Kammer ; und da er mich in meinem Bette liegen sah , fragte er mich , ob ich die Jungfer Kathrein nicht gesehen hätte . Ich wußte nicht , um was es galt , also sagte ich ihm : Nein , und ich kenne niemand dieses Namens . Da trat das rothaarige Mädchen mit meiner Morgensuppe zur Tür herein ; doch kaum sie jenen erblickte , tat sie einen Schrei und lief sogleich wieder hinaus . Der Bursch schaute ihr lachend nach und rief : » Lauf nur , Jungfer , ich erwische dich ja doch noch ! « Dann ging er aus der Kammer , und ich hörte ihn draußen noch rufen und schreien und merkte daraus , daß er die Jungfer hätte haben mögen , daß sie aber nicht willens war , ihm zu eigen zu sein . Da sie nun nach einer geraumen Weile mit roten Augen wieder hereinkam und mir meine Schüssel Milch eingab , begann ich , sie eindringlich zu betrachten . Sie war wohl an die fünfzehn Jahre alt und hoch und schlank gewachsen , hatte ein milchweißes Gesicht und ein Paar feine , rote Lippen . Ihre Augen sahen mich freundlich an ; doch an dem unruhigen Blick des Mädchens erkannte ich , daß sie sich fürchtete und in Sorge war . Also fragte ich sie : » Warum hast d ' denn geweint ? « Sie sagte : » Weil ich ein Unglück hab . « Ich fragte wieder : » Wer ist der Bursch gewesen ? « » Dem reichen Ödhofbauern sein Bub « , erwiderte sie ; » er hätt mich freien mögen . « » Bist du denn die Jungfer Kathrein ? « fragte ich wieder . » Ja « , sagte sie ; » und ich mag ihn nicht , weil er heut die und morgen die hat zum Gespons . « Ich freute mich , daß sie ihn nicht mochte , und sagte : » Du bist brav , weil du bei mir bleibst . Ich mag dich . « Zugleich wollte ich mich aufsetzen und ihr meine Zärtlichkeit bezeigen ; aber ich konnte nicht . Da sagte ich zu ihr : » Heb mich auf , ich möcht dich streicheln ! « Dies gefiel ihr so wohl , daß sie sich über mich neigte und ihr Gesicht auf meine Wange legte , mich einen lieben Dalken hieß und mit ihren feinen Händen über meine Finger strich , daß mir ganz wohl und warm dabei wurde . Ich hielt den Atem an und rührte mich nicht und dachte nichts weiter , als daß es so gut sei . Und da sie gehen wollte , bat ich : » Bleib noch da ! « Aber sie mußte fort , und ich lag wieder allein , bis die Alte im Kirchengewand und Kopftuch in die Kammer trat . » Ei ! « sagte sie zu mir , während sie ihre gute Schürze abband und eine rauhe , alte dafür umtat ; » hat der Bursch schon aufgehört zum Schlafen ! Hast du schon was gegessen ? « » Ja « , sagte ich ; » die Jungfer Kathrein hat mir schon was gegeben . « Da fuhr sie in die Höhe : » Was tausend ! Jungfer Kathrein ! Wer hat dir das geschafft , daß du die Dirn so benamsen sollst ? « » Niemand « , sagte ich ; » aber es ist einer dagewesen , der sie so geheißen hat ; und dann hat er geschrieen und sie hat geweint . « Da lachte sie kichernd und meinte : » Ja , ja ! Sie wär ihm wohl gut genug aufs Stroh ! Aber ... « Das andere murmelte sie in sich hinein und machte dazu ein böses Gesicht , warf die Sachen in der Kammer durcheinander und fuhr mit den Händen herum , daß ich mich vor ihr fürchtete und plötzlich fragte : » Wer seid Ihr ? Bei wem bin ich ? « Da lachte sie wieder , wehrte mir mit beiden Händen kopfschüttelnd ab und lief hinaus . Nun überfiel mich eine große Angst , und ich schrie , so laut ich konnte , nach der Jungfer . Sogleich kam diese herein und fragte nach meinem Begehr . » Ich möcht heim zu meiner Ziehmutter ! « sagte ich ; » ich fürcht mich bei euch . Deine Mutter ist wie eine Hex ... « Das letzte flüsterte ich nur und sah ängstlich nach der Tür , wo die Alte zuvor verschwunden war . Kaum aber waren die Worte meinem Mund entkommen , da schrie das Mädchen laut auf und weinte und klagte : » O Unglück ! O Schand ! « Ein heftiges Mitleid mit der Jammernden erfaßte mich , und ich bat sie , doch aufzuhören mit dem Weinen , und ich hätte ihr nicht weh tun wollen . Aber sie ließ sich nicht mehr trösten und schwur , daß sie dies Haus verlassen werde und fremd wohin gehen . Und dann sagte sie mir , daß sie gar nicht die Tochter der Alten sei , sondern nur ein hergelaufenes Mädchen , das die Pflegemutter wohl einmal irgendwo aufgelesen hätte . Eigentlich sei ja die Ziehmutter das beste Weib unterm Himmel ; die gäb gewißlich ihr Leben für ihr Pflegekind ; aber - sie sei halt doch eine verrufene Waldhex . Ich erschrak bei diesem Namen auf das heftigste , denn ich gedachte meiner Ziehmutter und ihrer Erzählungen von der alten Irscherin , der Waldhex , von der es hieß , daß sie Kindern die Hände abhaue und diese an Räuber und Diebe verkaufe als ein Zaubermittel gegen Verfolger , und daß sie auch sonst viel schändliche Dinge treibe . Stockend fragte ich : » Wie heißt denn deine Ziehmutter ? « » Sie ist die alte Irscherin ! « sagte sie und meinte , da ich erblassend ihren Arm ergriff : » Du brauchst aber keine Furcht vor ihr zu haben ; sie tut niemandem was , am wenigsten dir . Wenn du das gespürt hättest , wie sie dich damals in dem Felsenloch auf die Schultern genommen und hergebracht hat , wie sie dich in ihr eigenes Himmelbett gelegt und gewartet hat und gepflegt , wie sie die vielen Tage und Nächte bei dir gewacht hat und dein hitziges Fieber gekühlt und dich besänftigt hat , wenn du in deinen unsinnigen Träumen gerungen hast mit einem andern und getobt und geheult ; wenn du das alles gespürt hättest , sag ich , du könntest dich nicht fürchten vor ihr ! « Staunend vernahm ich alles dies und fragte : » Wie lange bin ich denn schon hier ? « » Gewißlich schon an die vier Wochen oder fünf ! « erwiderte sie und kühlte mir die heiße Stirn mit einem nassen Tuch und gab mir zu trinken . » Wir wissen nicht « , fuhr sie darnach fort ; » woher du kommst , und auch nicht , wer du bist , und niemand in der Gegend hat bis heut nach dir gefragt . Du bist ohne Sinnen und ganz ohnmächtig dagelegen bis gestern und wirst wohl noch eine Weil stillhalten müssen , bis du wieder richtig bist . Aber das ist einmal gewiß : Die Mutter macht dich wieder gesund . Und du sollst dich nicht mehr vor ihr fürchten ! « Sie strich mir über die Wangen ; da sagte ich : » Wenn du sagst , daß sie so gut ist , dann fürcht ich mich nimmer . « » Wie heißt du denn ? « fragte sie wieder ; » und wie konnte dir das Unglück so ankommen ? « Da sagte ich ihr , daß ich der Weidhoferbalg sei und Mathias Bichler heiße . Auch von meiner Wallfahrt berichtete ich und von meinem Kampf mit dem langen Ambros ; doch tat ich es nur stockend und fühlte eine Schwäche beim Reden . Da meinte sie : » Schweig nur wieder still und denk nicht mehr daran ! Ich bleib schon bei dir ! « Dessen war ich von Herzen froh und tat von da ab alles , was sie mir zu meiner Gesundung empfahl , und war auch gegen meine alte Pflegerin dankbar und zutraulich . Und als sie meiner Ziehmutter , der alten Weidhoferin , zu wissen machte , daß ich bei ihr sei , und da diese voller Schreck den Hausl zur Irscherin sandte mit der Botschaft , sie hätte das Bett schon aufgedeckt für mich und ich bräuchte mich bloß hineinzulegen , da sagte ich zu dem Buben : » Sag der Mutter , daß es mir bei der Irscherin ganz gut geht , und daß auch auf dem Stroh von der Waldhex gut schlafen ist , und ich glaube , daß sie gar keine ist . « Da ließ sie mich noch liegen und schickte nur ab und zu einen Boten , daß er ihr einen Ausspruch brächte , wie es mit mir stand ; denn um keinen Preis hätte sie , die fromme Meßmerin , es über sich gebracht , das Haus der verschrienen Alten zu betreten ; es wäre denn ein Pfarrer vor ihr hergegangen und hätte den Teufel mit Weihrauch und Benediktion gebannt und verscheucht . Ich selber spürte nun allerdings nichts von dem unholden Wesen , das man der alten Irschermutter nachsagte ; sie pflegte mich Tag für Tag mit einer gleichmäßigen Freundlichkeit , riet mir dies und gab mir das , und noch ehe ein Monat um war seit dem Tag , da ich zum erstenmal wieder klaren Verstand gezeigt hatte , konnte ich schon mit ihr am Waldrand entlang hinken oder hinter dem Haus auf dem Anger in der Sonne liegen und die Geißen hüten . Auch lernte ich allmählich das Haus der alten Mutter , das Stüblein der Jungfer Kathrein und noch allerhand kennen ; auch wußte ich nun , daß die Alte eine große Kunst kannte , Leut und Vieh von Krankheiten und Gebresten zu heilen , Menschen auf kommendes Unheil vorzubereiten oder selbiges von ihnen abzuwenden , wenn sie sich ihr freundlich erzeigten . Sie konnte sympathische Tränke mischen und denen helfen , die durch unholde Zauberei liebeskrank , unglücklich oder arm geworden waren . Auch bereitete sie auf eine geheimnisvolle Weise Glücksmännlein oder Mandragoren . Da las sie erst eifrig in ihrem alten Handbuch , schrieb mit der Kreide allerhand geheime Zeichen an die Stubentür und blickte jeden Abend aufmerksam zu den Sternen . Endlich hatten diese eine glückliche Stellung zum Monde , und nun ging sie mit einem Tuch hinaus an den Saum des Waldes . Dort grub sie etliche seltsam geformte Wurzeln aus , die sie Hundswurz oder auch Alraunen nannte , und trug sie in dem Tuche heim . Nun beschnitt sie alle Ausläufe der Wurzeln , holte aus einer alten Truhe ein Leichentuch , in das , wie mir die Jungfer Kathrein berichtete , einst ein heiliger Mönch des Zisterzienserordens gehüllt gewesen , und trug sie so verwahrt nach dem Friedhof . Hier steckte sie die Wurzeln in die Grabhügel verstorbener reicher Leute und ging darnach heim . Am andern Morgen durchsuchte sie den Dachboden nach Fledermäusen , fing drei derselben und ertränkte sie in den Molken der Kuhmilch ; darauf begann sie laut zu beten und heilige Sprüche herzusagen und goß die Milch in ein kupfernes Weihbrunngefäß . Jeden Morgen vor Sonnenaufgang ging sie nun laut betend ums Haus , nahm darnach etwas von den Molken und begab sich zum Friedhof , die Wurzeln mit dieser Milch zu begießen . Hierauf ging sie in den Wald und sammelte Farren- oder Natternkraut , sowie auch Eisenkraut , dörrte es und legte es darnach in die Truhe . Nach etlicher Zeit , es mochte wohl eine Woche oder zwei vergangen sein , grub sie die Wurzeln wieder aus , trug sie im Leichentuch wieder nach Hause , heizte den Ofen mit dem gedörrten Kraut und trocknete die Alraunen an diesem Feuer . Dann schnitt sie von dem Leichentuch kleine Stücklein ab und wickelte die Wurzeln , welche jetzt gerade so aussahen wie winzige , vertrocknete Zwergmännlein , darein und nähte sie in leinene Säcklein . Solange man eine solche Mandragora bei sich trug , schlugen einem nach dem Ausspruch der alten Irschermutter alle Geschäfte und Handelschaften zum Glück aus , und sie gab mir Beispiele , wie dieser und jener Bauer , der vordem ein armer Fretter gewesen , plötzlich zum glückhaften und wohlhabenden Mann geworden sei , nachdem er eine solche wunderbare Mandragora von ihr erhalten habe . Sie wußte auch allerlei Mittel , um einem eine geliebte Person hold zu machen , und hatte eine gute Kundschaft von solchen Leuten , denen sie dann um gute Worte allerlei gab : dem einen ein gepulvertes Schwalbenherz oder das einer Taube , das mußte er der Liebsten in den Wein streuen ; der andern ein Stück Lilienwurz und ein Ringlein , woran die Verliebte etliche von ihren Haaren binden mußte und es dem Liebsten in das Gewand stecken , ohne daß er es merkte ; wieder einem gab sie ein Wachsbild , das eine Frau vorstellte , und sie sagte ihm , daß er dies Bild in ein Stücklein seines Hemdes wickeln und der Verehrten unter den Kopfpolster ihres Bettes legen müsse , worauf sie ihm ewig zugetan sei . Auch Liebestränke braute sie aus Johanniskraut und starkem Met und gab dies denen , die sich über große Kälte der geliebten Person beklagten . Doch auch Gegenmittel wußte sie zu geben , wenn durch irgendwelchen Zauber jemand von einer unsinnigen Liebe für eine Person ergriffen war und wieder davon geheilt sein wollte . Da ließ sie dem Kranken einen Magneten auf die Brust hängen , Ipericon mit Melissenwasser trinken oder destilliertes Enzianwasser und riet Bäder aus Johanniskraut und Dorant . Auch verstand sie eine uralte Kunst , das Nestelknüpfen , um einem Bauern oder Burschen die Mannbarkeit auf lange oder kurze Dauer zu nehmen , und das Gürteldrehen , was den gleichen Zweck hatte . So strafte sie auch den Ödhofer für seine unvernünftige Liebeshitze zur Jungfer Kathrein ; sie knüpfte , als er wieder einmal kam und ungestüm nach der Jungfer rief , eine uralte , rote Nestel hinter seinem Rücken und gab ihm ein Glas Wein , in dem sie Sauerampfer destilliert hatte , worauf er sich nicht mehr sehen ließ im Hause ; doch weiß ich nicht , ob er wegen der geknüpften Nestel oder wegen des bitteren Weins ausblieb ; wo er aber hinkam , schalt er laut über die Hexe . Lieb und Tod Die Zeit ging hin , und ich war unversehens so ein halb , dreiviertel Jahr im Haus der alten Irscherin gewesen und hatte dort vieles gesehen und auch gar manches gelernt , was mir nachmals im Leben nützlich und zur Wohlfahrt wurde ; hatte auch eine innige und feste Zuneigung zur Jungfer Kathrein gefaßt und , obschon ich erst ein gut zwölfjähriges Bürschlein war , bei mir beschlossen , sie einmal zu ehelichen . Das sagte ich ihr auch ganz frei , und sie lachte dazu und ließ mich gewähren , wenn ich sie stürmisch umschlang , ihr die roten Haare zauste oder sonst zärtliche Späße mit ihr trieb . Da hieß sie mich ihren närrischen Buben oder ein Nachtei , ein dummes , und , wenn ich es etwan gar zu unsinnig trieb , ihren tolpatscheten Ritter . Dazu gab sie mir einen zärtlichen Backenstreich und zuweilen wohl auch einen Kuß . Meine Liebe für sie wurde immer heftiger , und ich erschrak bei dem Gedanken , daß ich nun doch bald von ihr scheiden müsse und wieder zurückkehren zur Weidhoferin . Und da nun der Knecht meiner Ziehmutter wirklich kam und mich holen wollte , lief ich , kaum ich ihn von weitem gesehen hatte , davon und in die Kammer der Jungfer . Dort verkroch ich mich unter ihre Bettstatt und ließ mich nicht mehr blicken , bis das Kathreinl spät am Abend hineinkam und ich sie weinen hörte . Da kroch ich eilig hervor und fragte sie : » Was weinst du denn , Kathrein ? « Sie erschrak heftig und wollte davon ; doch ich sprang auf sie zu , umschlang sie und bat sie flehentlich zu bleiben . Nun erst erkannte sie mich und rief » Mathiasle ! O du Ludersbub , du schlechter ! ' s ganze Haus , alles hab ich um dich abgesucht ! Die Mutter ist noch draußen im Holz und schaut und schreit nach dir , und sie meint , du bist wieder in die Klauen von dem Unhold gefallen , der dich selbigsmal in die Felsenschlucht gestoßen hat ! « Darnach seufzte sie und fuhr fort zu reden : » Ach , Bub ! Jetzt ist ' s halt wieder vorbei ! D ' Weidhoferin hat geschickt , und du mußt heim ! Jetzt bin ich halt wieder allein . « Und sie begann aufs neue zu weinen und setzte sich aufs Bett und drückte die Schürze an die Augen . Da sprang ich auf ihren Schoß , halste sie und streichelte sie und gab ihr die zärtlichsten Namen , um sie zu trösten . » Kathreinl ! « bat ich ; » sei doch wieder gut ! Ich geh ja gar nicht fort ! Ich bleib halt da bei dir und laß der Mutter sagen , daß mich du nimmer g ' raten kannst ! « Und da sie mir nichts antwortete , küßte ich sie auf die Lippen , Augen und Wangen und geriet in eine solche Liebeshitze , daß ich selbst darüber verwundert war , ohne jedoch der Natur zu wehren . Vielmehr verstieg ich mich zu den tollsten Versprechungen : daß ich jeden totschlage , der mich von ihr wegbringen wolle , und daß ich , wenn es sein müßte , für sie die peinlichsten Martern leiden wolle . Sie hörte schließlich auf zu weinen und wurde durch meine unsinnige Raserei ebenfalls munter und zärtlich und erwiderte am Ende meine