meiner Begabung . Ich weiß nicht recht - einstweilen mache ich mir Aufzeichnungen und Notizen , besonders wenn ich mit dem Philosophen zusammen bin . Da war der Abend mit Heinz Kellermann und seinen Freunden . Der eine mit dem scharfen Gesicht sah fast wie ein Indianer aus . Als ich das sagte , wurde Heinz ganz ärgerlich und behauptete , er sei doch blond , dunkelblond wenigstens und ein absolut germanischer Typus . Es gab eine förmliche Diskussion darüber , aus der ich entnahm , daß sie die blonden Menschen mehr ästimieren als die dunklen , und daß das irgendeine Bedeutung hat . Es war auch ein junges Mädchen dabei - eine Malerin - , das übrigens ausgesprochen schwarzes Haar hatte ; aber ich wagte keine Bemerkung darüber , denn mir schien , daß sie der Unterhaltung etwas deprimiert zuhörte , und ich muß gestehen , ich freute mich zum erstenmal darüber , daß ich blond bin . Im ganzen hatte ich aber wieder das Gefühl , nicht recht mitzukönnen . Ich weiß nicht , ob man diese Ausdrucksweise eigentlich geschraubt nennen kann , aber sie kommt einem manchmal so vor , und man muß sich erst daran gewöhnen . Was meinen sie zum Beispiel damit : man müsse einen Menschen erst erleben , um ihn zu verstehen ? Heinz machte manchmal ganz treffende Bemerkungen - das kann er überhaupt sehr gut - und dann hieß es : » Heinz , Sie sind enorm . « Nach dem Tee setzte man sich auf den Boden , das heißt auf Teppiche und Kissen . Heinz machte die Lampe aus und zündete in einer Kupferschale Spiritus an - warum auch nicht - es gab eine schöne blaugrünliche Flamme . Aber dann stand die Malerin auf und hielt ihre Hände darüber , man sah nur die schwarze Gestalt und die Hände über der Spiritusflamme , die in dieser Beleuchtung ganz grünlich aussahen . Und nun waren alle ganz begeistert und sagten wieder , das sei enorm . Um auch irgend etwas zu sagen und mich gegen das junge Mädchen höflich zu zeigen , meinte ich , dieses offene Feuer in der Schale habe etwas von einem alt-heidnischen Brauch . Das war nur so hingesagt , weil mir nichts anderes einfiel , aber sie sahen mich bedeutungsvoll an , als ob ich einen großen Ausspruch getan hätte , und Heinz sagte zu dem Indianer : » Sehen Sie - und er weiß gar nicht , was er damit gesagt hat . « - » Das ist es ja gerade « , antwortete der , » er muß das Heidnische ganz unbewußt erlebt haben . « Ich wollte fragen , was er meinte , da klingelte es , und dann kam der Professor Hofmann - der mit dem Kreis - der aus dem Traum - ich dachte mir gleich , daß er es wäre . Er war ungemein gesprächig und liebenswürdig , bewunderte das Feuer in der Schale und nannte es fabelhaft , ebenso die grünlichen Hände der Malerin und sagte , es sei ganz unglaublich schön , wie sie dastände . - Ich mußte dabei an die Geschichte neulich im Café denken - die Wahnmochingerei , wie der Philosoph es nannte . Dann ging die Flamme aus , und die Lampe wurde wieder angezündet . Da niemand an Vorstellen zu denken schien , tat ich es selbst . Der Professor sah mich plötzlich verwirrt und ganz entgeistert an , ich dachte , er hätte mich nicht verstanden , wiederholte meinen Namen und setzte hinzu : » Ich heiße nämlich Dame . « Er schüttelte mir nun mit großer Lebhaftigkeit die Hand und sagte , es freue ihn unendlich , mich kennenzulernen . Dann unterhielt man sich über dieses und jenes . Der Professor ging dabei mit etwas stürmischen Schritten auf und ab , nahm jeden Augenblick einen Gegenstand in die Hand , betrachtete ihn ganz genau und stellte ihn wieder hin . Im Laufe des Gespräches fragte er mich , ob ich auch in Wahnmoching wohnte . Ich fragte wieso und hielt es für einen Witz - » ich wohne in der K ... Straße « . Darüber brachen sie alle in Gelächter aus und fanden es enorm , daß ich nicht wüßte , was Wahnmoching sei . Man erklärte mir , daß der ganze Stadtteil von dem großen Tor an so heiße . Wie sollte ich das wissen , ich habe mich gar nicht darum gekümmert , wie der Stadtteil heißt , in dem ich wohne . In Berlin weiß man es , aber hier doch nicht . Ich begriff wirklich nicht , was daran enorm sein sollte . Ja , sagten sie , das sei es ja eben - ich wäre in allem so unbewußt . Sonst bin ich wirklich ein geduldiger Mensch , aber ich hatte allmählich den Eindruck , als ob man mich mystifizieren wollte , und sagte , den Ausdruck Wahnmochingerei hätte ich schon gehört . Der Professor wurde stutzig und fragte , von wem denn ? » Von Doktor Sendt , dem Philosophen . « » Ah - Sie kennen Doktor Sendt ? « es klang beinah , als ob ihn das verstimmte . Aber dann wurde er wieder sehr herzlich und lud mich ein , ihn zu besuchen und zu seinem Jour zu kommen . den 18 .... Nachts um ein Uhr den Philosophen auf der Straße getroffen - wir gehen noch lange auf und ab , ich erzähle ihm von dem Abend bei Heinz und bitte um einige Aufklärungen . Warum es enorm ist , wenn man Spiritus in Kupferschalen verbrennt und jemand die Hände darüberhält - ich kann immer noch nicht vergessen , wie grünlich das ganze Mädchen aussah - warum geraten sie darüber in solches Entzücken ? oder wenn man von einem heidnischen Brauch spricht ? » Junger Mann « , sagte Sendt , » enorm ist einfach ein Superlativ , der Superlativ aller Superlative . Sie werden überhaupt mit der Zeit bemerken , daß man unter echten Wahnmochingern einen ganz besonderen Jargon redet , und Sie müssen lernen , diesen Jargon zu beherrschen , sonst kommen Sie nicht mit . Man sagt beispielsweise nicht , ein Ding , eine Sache , eine Frau sei schön , reizend , anmutig - sondern sie ist fabelhaft , unglaublich - enorm . Das heißt - enorm wird mehr in übertragener Bedeutung angewandt und bedeutet , den höchsten Grad der Vollendung . Speziell in dem Kreise , dem Ihr Freund Heinz angehört . « » Schon wieder ein Kreis ? « frage ich . » Ja , aber die Kreise berühren sich , dieser besteht nur aus wenigen und dreht sich etwas anders . Man beschäftigt sich dort damit , den Spuren des alten Heidentums nachzugehen - daher die Freude über Ihre harmlose Bemerkung . Und das grünliche Mädchen hatte wohl irgendeine symbolische Bedeutung . « Der Philosoph hielt plötzlich inne - hinter uns klangen rasche Schritte , und es kamen ein paar Herren an uns vorbei . Zwei von ihnen waren indifferent aussehende junge Leute - der dritte , der zwischen ihnen ging , ein knapp mittelgroßer Mann mit niedrigem schwarzem Hut und einem dunklen Mantel , den er wie eine Art Toga umgeschlagen hatte - man konnte ihn auf den ersten Blick fast für einen Geistlichen halten . Er schien über irgend etwas sehr erregt und sprach eifrig auf seine Begleiter ein , in einem ganz eigentümlichen , monoton singenden Tonfall . Gerade als sie uns überholten , hörten wir ihn sagen : » Ja - bis vor drei Jahren konnte man sie noch für zwei Mark auf jeder Dult finden , aber jetzt haben die Juden alle aufgekauft , und unter zehn Mark sind überhaupt keine mehr zu haben . « Gegen Ende des Satzes ging seine Stimme allmählich mehr in die Höhe , und zum Schluß kam ein kurzes , schrilles Auflachen . Als er uns sah , machte er eine halbe Wendung seitwärts und grüßte den Philosophen . Deutlich sah ich in diesem Moment sein breites , glattrasiertes Gesicht mit auffallend hellen , leuchtenden Augen , das aber trotzdem etwas absolut Unbewegliches , beinah Starres hatte . Beim Grüßen verzog er den Mund zu einem äußerst konventionellen Lächeln , in der nächsten Sekunde aber nahm er wieder einen steinernen und völlig ablehnenden Ausdruck an und ging rasch mit kurzen , eiligen Schritten seines Weges . Der Philosoph schien sich an dieser Begegnung und der aufgefangenen Bemerkung ungemein zu freuen : » Lupus in fabula « , sagte er , » Sie haben wirklich Glück , Herr Dame ; dieser Herr , der mich eben grüßte , ist - nun man könnte ihn wohl den geistigen Vater des Wahnmochinger Heidentums nennen - nein , nein - das ist in diesem Falle nicht richtig - er würde es sehr übelnehmen , wenn man ihn als Vater von irgend etwas bezeichnen wollte-denn gerade er ist der Hauptverfechter des matriarchalischen Prinzips . « » Liebster Philosoph « , bat ich , » nun wird es mir schon wieder zu hoch . « Übrigens dachte ich mir gleich , daß jener Herr ein gewisser Delius sein müßte , von dem Heinz mir viel erzählte . Ja , es stimmte , und ich fand , es sei wirklich wieder ein sonderbares Spiel des Zufalls , daß wir ihm gerade bei diesem Gespräch begegneten , aber Sendt sagte , man träfe ihn sehr oft um diese Stunde , er liebe die Nacht und alles Dunkle . » Dieser Delius - nun , er ist wohl eine sonderbare Erscheinung « , fuhr er dann fort , » die heutige Zeit , auf die wir alle mehr oder minder angewiesen sind , gilt ihm nichts , er ignoriert sie oder begegnet ihr wenigstens nur rein konventionell - etwa so , wie er mich vorhin grüßte . Sein eigentliches Leben spielt sich in längst versunkenen Daseinsformen ab , mit denen er sich und andere identifiziert . Passen Sie einmal gut auf , Herr Dame - wissen Sie ungefähr , was man sich unter Seelensubstanzen vorzustellen hat ? « Ich sagte , daß ich es mir wohl vorstellen könnte - es war ja neulich im Café schon davon die Rede . » Schön - also Delius denkt sich nun diese Seelensubstanzen von den ältesten Zeiten her wie Gesteinschichten übereinander gelagert , etwa zuunterst die der alten Ägypter , Babylonier , Perser - dann die der Griechen , Römer , Germanen und so weiter . Man nennt das biotische Schichten . Seit der Völkerwanderung , meint er nun , habe sich alles verschoben , die Substanzen sind durcheinandergemischt und dadurch verdorben worden . Infolgedessen wirken bei den jetzigen Menschen lauter verschiedene Elemente gegeneinander , und es kommt nichts Gutes dabei heraus . Nur bei wenigen ( und das sind natürlich die Auserlesenen ) hat sich eine oder die andere Substanz in überwiegendem Maße erhalten - zum Beispiel bei ihm selbst die römische - er fühlt und empfindet durchaus als antiker Römer und würde Sie höchst befremdet anschauen , wenn Sie ihm sagten , er lebe doch im zwanzigsten Jahrhundert und sei in der Pfalz geboren . Denn seine Substanz ist eben römisch . Bei Heinz Kellermann und dessen Freunden dagegen herrscht die altgermanische vor , daher auch die stark betonte Vorliebe für Blonde und Langschädel . « » Aber lieber Doktor , sagen Sie mir nur noch das eine : was hat das alles damit zu tun , daß dieser Stadtteil Wahnmoching heißt ? « » Herr Dame - denn Sie heißen ja wirklich so « , sagte der Philosoph , und ich konnte es ihm in diesem Augenblick nicht übelnehmen - » Wahnmoching heißt wohl ein Stadtteil , eben dieser Stadtteil , aber das ist nur ein zufälliger Umstand . Er könnte auch anders heißen oder umgetauft werden , Wahnmoching würde dennoch Wahnmoching bleiben . Wahnmoching im bildlichen Sinne geht weit über den Rahmen eines Stadtteils hinaus . Wahnmoching ist eine geistige Bewegung , ein Niveau , eine Richtung , ein Protest , ein neuer Kult oder vielmehr der Versuch , aus uralten Kulten wieder neue religiöse Möglichkeiten zu gewinnen - Wahnmoching ist noch vieles , vieles andere , und das werden Sie erst allmählich begreifen lernen . Aber für heute sei es des Guten genug , sonst möchte noch die aufgehende Sonne uns hier im Zwiegespräch überraschen . « Damit trennten wir uns . 4 20 .... Mir fehlte etwas der Mut , zu diesem Jour zu gehen , aber Doktor Gerhard nahm mich mit . Ziemlich viele Leute , die sich in mehreren Räumen verteilten , die Frau des Hauses an einem gemütlichen Eckplatz hinter der Teemaschine , um die herum eine Anzahl junger Leute und Damen . Als wir eintraten , schwieg alles ein paar Minuten lang - ich merkte später , daß es jedesmal so war , wenn jemand Neues kam . Gerhard stellte mich vor und fügte statt meiner hinzu : » Gnädige Frau , mein junger Freund heißt nämlich so . « Frau Hofmann empfing mich sehr liebenswürdig - ihr Mann habe ihr schon von mir erzählt . Dann wandte sie sich an die anderen : » Denken Sie nur , Herr Dame wußte bis vor kurzem nicht , daß er in Wahnmoching wohnte . « Man betrachtete mich , wie mir schien , mit verwundertem Wohlgefallen , und ich war durch diese Bemerkung gewissermaßen eingeführt . Ich langweilte mich etwas , denn da ich niemand kannte , mußte ich vorläufig auf meinem Platz bleiben und Tee trinken . Gerhard machte vor einem jungen Mädchen halt - neben ihr auf einem Tischchen stand ein grüner Frosch aus Porzellan oder Majolika - und sagte etwas wehmütig : » Gnädiges Fräulein - Sie sollten eigentlich immer einen grünen Frosch neben sich sitzen haben . « Dann ging er weiter von einer Gruppe zur anderen und sagte wahrscheinlich ähnliche Dinge , denn wo er hinkam , wurde es gleich etwas belebter . Ich beneidete ihn im stillen um diese Gabe , denn ich konnte mich nicht recht in die Konversation hineinfinden . Es war die Rede von Menschen im allgemeinen , von ihrem Wesen , und worauf es dabei ankäme . Der Professor sagte etwas überstürzt und definitiv : » Auf die Geste kommt es an . « Die jungen Herren , es waren zwei oder drei , nickten bedeutungsvoll zustimmend , und die ältere Dame aus dem Café - die kappadozische - , die ich gleich wiedererkannt hatte , sagte lebhaft : » Ich hätte gedacht - in erster Linie auf die Echtheit des Empfindens . « » Empfinden ist immer echt « , bemerkte Hofmann wieder sehr definitiv , so daß man nicht anders konnte als ihm beistimmen . Aber Gerhard , der jetzt wieder neben dem Tisch stand und ein Bild betrachtete , warf milde ein : » Nun , das kann man doch nicht so ohne weiteres hinstellen , es gibt wohl auch leere und bedeutungslose Gesten , die durch das Empfinden nicht gerechtfertigt werden . Und ich meine , man darf nicht so schlechthin von der Geste sprechen . « Worauf die Frau des Hauses förmlich triumphierend meinte : » Nun , worauf es ankommt , ist eben der Stil . « » Gewiß , aber nicht jeder « , korrigierte ihr Mann und sah etwas beleidigt aus . » Die Geste ist überhaupt die geistleibliche Urform alles Lebens , und der Rhythmus der Geste ist der Stil . « Die anderen hörten ganz begeistert zu , und die Kappadozische äußerte : » Das haben Sie wieder ganz wunderbar gesagt . « Gerhard räusperte sich ein paarmal , als ob er nicht ganz einverstanden wäre , dann brach er auf , und ich schloß mich ihm an . Zum Herrn des Hauses sagte er noch : » Lieber Professor , ich hoffe , mein junger Freund wird noch öfter Gelegenheit finden , mit Ihnen zusammenzukommen . « Der Professor schüttelte mir wiederholt die Hand und sah mich ganz zerstreut an . Als wir hinausgingen , sagte er halblaut zu Gerhard : » Ihr Freund ist ein wundervoller Mensch . « Warum wohl - ich hatte den ganzen Abend kaum zehn Worte gesagt und das meiste , was sie sprachen , nicht verstanden , zudem , wie Gerhard mir nachher sagte , einen schweren Fauxpas begangen , indem ich der Frau Professor sagte : ich sei sehr begierig , den Meister kennenzulernen . So etwas dürfe man nicht tun - es wäre eine Art Gotteslästerung . Er pflege sich im dritten Zimmer aufzuhalten , und nur , wer würdig befunden sei , würde ihm vorgestellt ; zum Beispiel jener verklärte Jüngling , der vorhin leise mit der Hausfrau sprach und dann plötzlich verschwand . Das gehöre eben auch zur Geste . Geste - Geste - was soll man darunter verstehen ? wie war es noch ? - die geistleibliche Urform alles Lebens . Hier wird ja überhaupt so viel vom Leben gesprochen , und immer so , als ob es durchaus nichts Selbstverständliches sei , sondern gerade das Gegenteil . Aber gerade darin liegt wohl etwas , was reizt und anzieht - ich möchte ja selbst endlich einmal dahinterkommen , was es eigentlich mit dem Leben auf sich hat - ob es etwas ganz Selbstverständliches oder etwas ungeheuer Kompliziertes ist . Heinz zum Beispiel tut ja , als ob er hier in diesem sonderbaren Stadtteil den Stein der Weisen gefunden hätte . Und mir ist , seit ich hier bin , zumut , als ob ich nur in Rätseln sprechen höre und mich zwischen lauter Rätseln bewege . Ich fühle mich ziemlich unglücklich , und in meinem Kopf ist es wirr und dunkel . Anmerkung Hier sind mehrere Seiten herausgerissen , und statt dessen findet sich eine Anzahl fast unleserlicher Zettel mit Bleistiftnotizen . Dann folgt quer über die Seiten hingeschrieben ein Eintrag von Frauenhand : - ich habe dieses Heft - Ihr Tagebuch , wie es scheint , offen auf dem Tisch gefunden und war so indiskret , etwas darin zu lesen . - Ja , Sie sind entschieden ein wundervoller Mensch . Chamotte hat mich hereingelassen - sicher hat er es auch gelesen , denn er ist beunruhigt um Sie und beklagt sich , daß Sie in der letzten Zeit so sonderbar wären . Ich habe es auch gemerkt und fange an , es zu begreifen . Aber - du wirst mit deinem Singen - doch nicht zum Himmel dringen . Gehen Sie deshalb lieber nicht wieder zum Jour , sondern kommen Sie morgen mit mir auf die ElendenKirchweih . ( Das ist ein Fest . ) Tout-Wahnmoching wird sicher auch dort sein . Halt - ich kann mich im Moment nicht besinnen , ob Sie einen Schnurrbart haben - ich glaube , nein , er paßt entschieden nicht zu Ihrer Biographie . Aber wenn ja , so lassen Sie ihn vorher beseitigen - er geht nicht zum Kostüm . Also 7 Uhr abends im Eckhaus ( Chamotte weiß den Weg ) . Dreimal klingeln . Susanna Ach , diese Frau - es ist wirklich nicht ganz diskret , in meinen Sachen zu stöbern , wenn ich nicht zu Hause bin , und mir da mitten hineinzuschreiben . Ich bin so ordentlich , daß es an Pedanterie grenzt , und so etwas stört mich . Ich habe Chamotte zur Rede gestellt - Chamotte ist mein kleiner Diener . Susanna hat ihn so getauft , weil sie seinen Namen nicht behalten konnte und fand , er sähe aus , als ob er Chamotte hieße . Er fühlte sich dadurch geehrt , er schwärmt für Susanna und verteidigt sie - na , es ist eine Schande - aber er macht mir alles nach , und wenn mir etwas nicht paßt , behauptet er einfach , er wäre dazu verurteilt gewesen , es so zu machen . Aber der Bengel ist erst sechzehn Jahre alt und wird dabei nie unverschämt . Und mir tut es manchmal wohl , so eine Art zweites Ich zu haben , das intelligent und bescheiden auf das erste reagiert - und das man hinausschicken kann , wenn man will . Chamotte spricht jetzt auch von unserer Biographie und findet , wir müssen unbedingt zu dem Fest gehen , ich soll ihn als meinen Sklaven mitnehmen - das hat Susanna ihm heute früh in den Kopf gesetzt . 5 10. Januar Ich werde wohl doch anfangen einen Roman zu schreiben . Als erstes Kapitel könnte ich gleich den gestrigen Abend nehmen . Der junge Mann im Pelzmantel ist Herr Dame . Etwas müde und nachdenklich geht er durch die Straßen . Chamotte , sein Diener , folgt ihm , mit Maskenkostümen beladen . Er ist verurteilt , heute abend auf ein Fest zu gehen - eine Frau hat ihn dazu verurteilt . Große Schneeflocken fallen vom Himmel - der heimliche Traum seines Lebens ist , nur einmal der Frau zu begegnen , die ihn - ach Gott , wie soll man das sagen - die ihn mit Liebe und zur Liebe verurteilt - gütig und doch ... Nein , das geht nicht , das muß noch anders gesagt werden . Sie kommen in eine Nebenstraße , an der Ecke steht ein altes Haus mit großem grünem Tor und einer altmodischen Glocke . Chamotte zieht die Glocke - dreimal - , denn nur auf dieses Zeichen wird man eingelassen . Man geht durch einen Laubengang und über einen gepflasterten Hof - wieder eine Tür und wieder dasselbe Glockenzeichen . Die Tür wird von innen aufgerissen . Der Herr im Pelzmantel fährt zurück , Chamotte schreit laut auf , vor ihnen im Schein einer trüben Laterne steht ein Henkersknecht aus dem Mittelalter - oder Gott weiß woher . Er trägt ein eisernes Schuppenhemd , eine verrostete Sturmhaube , unter der die Augen unheimlich hervorblicken , im Ledergürtel steckt ein langes , handbreites Dolchmesser , baumelt geraubtes Altargerät . Quer über die Stirn läuft eine blutrote Narbe . Die unheimliche Gestalt verbeugt sich in tiefem Ernst ; » von Orlonsky . « » Dame - Dame - ja , ich heiße so . « » Freut mich sehr , Susanne wartet schon . « Der Henker mit seiner Laterne geht voran , durch einen dunklen Flur , eine Treppe hinauf , in einen großen hellerleuchteten Raum , eine Art Küche , wie man sie in Bauernhäusern findet . In der einen Ecke ist der Herd , in der anderen ein gewaltiger Tisch mit ledergepolsterten Bänken und Stühlen - an den Wänden altes Kupferzeug und Fayencegeschirr , ein ganzes Museum . Susanna steht am Tisch in einem weißen Gewand und schminkt einen untersetzten jungen Herrn , der mit runden schwarzen Augen gefühlvoll zu ihr aufblickt . Ein zweiter , mit dem Zwicker auf der Nase , hält die Lampe , spricht und gestikuliert aufs lebhafteste . Dazwischen läuft ein fünf- bis sechsjähriges Kind herum . Begrüßung - Vorstellung - der Fremde , in dieser Umgebung wieder völlig Fremde , küßt ihr die Hand . Der Henker stürzt an den Herd und rührt in einem Gericht , das anzubrennen droht - Chamotte reißt Augen und Mund auf und steht wie verzückt . » Wir haben Eile , Eile « , sagt Susanna - » Haben Sie Ihr Kostüm ? - Chamotte , mach das Paket auf - und Ihr Schnurrbart ? « Sie sieht mir ins Gesicht ... Anmerkung Herr Dame geht manchmal unvermittelt in die erste Person über - aber falls er seinen Roman wirklich jemals geschrieben hätte , würde er es sicher korrigiert haben . » Ach Susanna , ich habe nie einen Schnurrbart getragen . « Der Herr mit dem Zwicker fixiert erst mich und dann Susanna . Damit ist die Frage vorläufig erledigt . » Also rasch , ziehen Sie sich an , Herr Dame . « » Hier ? « Ich sehe mich hilflos um . » Aber Susja « , ruft der Henker schockiert vom Herd herüber , » ist zum erstenmal hier Herr - Herr -Dame - « ( Susja - das klang so hübsch und ermahnend - ich fasse Sympathie für den Henker . ) » Ach , Willy , wir tun ihn in Ihr Schlafzimmer ... « , sagt sie zu dem mit runden Augen und schiebt mich in einen anstoßenden Raum . Auch dort ist Licht , und von einem Diwan fährt erschrocken ein Mädchen mit offenen blonden Haaren empor . » Was machen Sie denn , Susanna ? « schreit Willy , und sie schiebt mich rasch noch ein Zimmer weiter . » Ich wußte wirklich nicht , daß du hier bist , Maria « , sagte sie dann zu der Blonden , Erschrockenen . » Oh , ich war so müde , und Willy sagte , ich könne hier etwas schlafen - ich bin schon seit fünf Uhr da . « » Kind , dann eil dich jetzt und hilf diesem jungen Mann hier , wenn er mit seinem Kostüm nicht zurechtkommt . Ach so « , sie stellte uns durch die halboffene Tür einander vor . » Chamotte kann mir ja helfen . « » Chamotte ? « fragt die Blonde dazwischen , » um Gottes willen , wer ist das ? « » Nein , Chamotte , den müssen wir jetzt herrichten , ich weiß noch gar nicht , was wir ihm anziehen . « Und fort war sie . Herr Dame bemüht sich , der Situation gerecht zu werden , zu der er sich verurteilt sieht , er unterhält sich mit dem jungen Mädchen von nebenan , läßt sich dann auch von ihr helfen , denn er kann durchaus nicht mit seinem Kostüm zurechtkommen . Sie tut es mit großem Ernst - sie scheint noch halb verschlafen und etwas melancholisch . Dann möchte er sich etwas über die verschiedenen Persönlichkeiten orientieren . Der Henkersknecht ist von polnischem Adel und ohne ausgesprochenen Beruf - der mit dem Zwicker ein strebsamer Schriftsteller , namens Adrian , und der dritte ist Willy - man nennt ihn niemals anders . » Wir haben alle so langweilige Nachnamen « , fügte sie hinzu , » und es ist auch bequemer , sie einfach zu kassieren . « » Wollte Gott « , sagte Herr Dame mit einem tiefen Seufzer , » wollte Gott , man könnte seinen Nachnamen für alle Zeiten kassieren ... « » Ich habe Ihren vorhin gar nicht verstanden . « » Ich heiße Dame , gnädiges Fräulein - hören Sie , wie das klingt . « » Dame ? « » Ja , Dame - Herr Dame - stellen Sie sich vor , wenn ich nun einmal die Frau finden würde ... « Sie hat sich auf dem Sofa niedergelassen , von dem sie vorhin so erschrocken emporfuhr - er setzt sich neben sie . In ihren Augen liegt so viel wirkliche Güte ; er spricht von seiner Biographie , sagt ihr , daß er ein Verurteilter ist - sie hört zu und scheint tief nachzudenken , die blonden Haare fallen ihr ins Gesicht . Nebenan wird es immer lauter . » Dame ! « ruft Susanna und schaut zur Tür herein . » Herr Dame , bitte , kommen Sie . « Er zuckt zusammen . » Ach , Susanna ... « Sie gehen in die Küche hinüber - da steht Chamotte auf einem Tisch , nur mit einer roten Badehose bekleidet , und der Henker ist damit beschäftigt , ihn von oben bis unten schwarz anzustreichen . Nur das eine Bein ist noch weiß , der arme Junge bietet einen merkwürdigen Anblick und wird etwas verlegen , als er seinen Gebieter sieht . » Wenn ihm nur die Farbe nicht schadet « , meint Susanna mütterlich besorgt , » wir haben ihm ein anderes Kostüm vorgeschlagen , aber er wollte durchaus ein richtiger Sklave sein . « » Das ist meine Biographie « , bemerkt Chamotte bescheiden . » O Chamotte , du bist zum Wahnmochinger geboren « , sagt Susanna . » Adrian , Sie schauen ihn so verzückt an , als ob Sie ein Gedicht machen wollten - vielleicht das Gedicht , das Ihnen endlich den Eintritt zum Tempel verschafft . « Adrian , der Herr mit dem Zwicker , der sich in eine Toga hüllt und trotzdem aussieht , als ob er eigentlich in den Frack gehörte - lächelt arrogant und beginnt sofort in feierlich getragenem Ton zu improvisieren : Der schwarze Sklave , der den Becher trug , Empfing die Farbe aus des Henkers Hand ; Er hieß Chamotte - - - Das Weitere habe ich nicht behalten - man erzählte mir , daß Adrian an einem Gedichtband arbeitet und danach strebt , unter die Auserwählten des Hofmannschen Kreises aufgenommen zu werden . Aber bisher habe er sich seine Chancen immer wieder durch irgendeine Unvorsichtigkeit verdorben . Ich fand ihn sehr liebenswürdig - munter und gesprächig . Und er hat wohl auch Herz . Auf dem Wege zum Fest saß ich mit ihm und Maria im Fiaker . Sie dachte noch über meinen Namen nach , und wir sprachen darüber . Ich sagte , daß ich Chamotte beneide - wie fröhlich und selbstverständlich kann einer durch die Welt gehen , wenn er so gerufen wird ; er tut sich leicht mit seiner Biographie . Chamotte , das klingt so , als ob ihm die reifen Früchte von selbst aus den Bäumen herabfallen müßten - und obendrein ist es nicht einmal sein wirklicher Name . Adrian nahm den Zwicker ab und sann nach , dann schlug er vor , mich Monsieur Dame zu nennen . Er selbst wolle den Anfang machen , und es würde sich dann gewiß rasch einbürgern . - Wir schüttelten uns herzlich die Hände . An dem Abend allerdings nützte es nicht viel , denn wir gerieten unter lauter Bekannte , und die kappadozische Dame , die sich meiner vom Jour her einnerte ,