im Vorbeigehen leutselig auf die Schulter tippte : ja , Lily , wie kommen Sie denn hierher ? - Doktor R ... ist schon fort ! Das Gesicht , mit dem sie sich da umdrehte , werde ich nie vergessen . Es ist auch ein Kreuz , daß sie ganz genau weiß , um wen es sich handelt , und jetzt natürlich glaubt , jene Person sei mit Ihnen hiergewesen . Was tun ? Soll ich ihr einen Besuch machen und Ihre Schuldlosigkeit dartun ? Ich fürchte , es würde nur das Gegenteil erreicht und Frau N ... möchte unsere Beziehungen falsch einschätzen . Armer Freund , da habe ich Ihnen einen rechten Henkersdienst erwiesen , und ich trachte doch immer nur danach , Sie glücklich zu machen . Soll ich Ihnen als Balsam für diese Wunde von einer Frau erzählen , die manchmal noch viel zerstreuter war , als - nun , als ich bei der Begegnung mit Frau N ... ? Sie behauptete und behauptet immer noch , es sei eine Art Neurose . Ihr Gedächtnis in bezug auf Persönlichkeiten und Begebnisse sei zeitweilig überbürdet worden und habe dadurch gelitten . Sie geriet denn auch manchmal in eine Art somnambulen Zustand , verwechselte alles und alle - Situationen , Personalien , Erlebnisse , Namen , Gesichter - und schuf sich und anderen manches Herzeleid . Eben diese Dame reiste viel herum und , wie es nun einmal zum Reisen gehört , mit verschiedenen Begleitern und unter verschiedenen Namen . Dabei geschah es des öfteren , daß sie den gegenwärtigen Zustand mit irgendeinem früheren verwechselte , zum Beispiel von Bukarest nach Konstantinopel telegraphierte : Komme mir bis Salzburg entgegen - und einen Namen darunter , den der Betreffende noch nie gehört hatte . Oder wenn sie mit Sir John auf dem Starnberger See eine Segelpartie machte , sagte sie plötzlich aus tiefem Sinnen heraus : » Du - Hans , wie das Mykalegebirge heute klar ist - wir sollten doch morgen einmal nach Smyrna hinüberfahren . « ( Worauf Sir John antwortete : Very well , aber ich wollte lieber morgen früh in Norwegen Supper essen . ) Zu ihrem Leidwesen besaßen nicht alle ihre Freunde so viel liebenswürdige Anpassungsfähigkeit . So hatte sie einmal eine ungewöhnlich dauerhafte und in jeder Beziehung erfreuliche Liaison , auf die sie sehr viel Wert legte . Es wurde sogar ernstlich erwogen , ob man sich nicht heiraten solle . Der Mann war wohlhabend , sympathisch und viel auf Reisen - und sie befand sich gerade in einer jener inneren Krisen , wo man sich nach Ruhe und nach einer Basis sehnt . Aber ein unglücklicher Zufall , wie sie es nannte , gab der Sache eine andere Wendung . Der Betreffende war einige Monate verreist gewesen , und als sie zum erstenmal wieder einen Abend mit ihm verbrachte , ging sie , nicht ohne innere Bewegung , durch sämtliche Räume seiner Wohnung und feierte Wiedersehen mit allen vertrauten Gegenständen . Dabei blieb sie plötzlich in der offenen Tür zum Schlafzimmer stehen , betrachtete nachdenklich das breite englische Messingbett und sagte : » Du - die Seide an dem Bett war doch immer rot - warum hast du es jetzt in Grün machen lassen ? Und wo ist der Kranich geblieben ? « Ja , und dann konnte sie zuerst nicht begreifen , warum diese harmlose Äußerung ihn so verstimmte - die Seide war immer grün gewesen und grün geblieben , aber es gab genau dasselbe Bett in Rot , und das stand in der Wohnung eines ihrer gemeinsamen Bekannten . Und darüber am Plafond hing ein ausgestopfter Kranich mit ausgebreiteten Flügeln , der sich langsam drehte , wenn das Zimmer stark geheizt war . Der gemeinsame Bekannte hatte eben einen sonderbaren Geschmack - und der ausgestopfte Kranich über seinem roten Bett war schuld daran , daß unsere zerstreute Freundin wieder einmal nicht dazu kam , ihr Dasein auf eine feste Basis zu stellen . So etwas ist Schicksal . - Der Mann meinte nachher , sie sei doch wohl nicht zur Ehe prädestiniert , denn sie würde bei jeder Gelegenheit wieder Grün mit Rot und stilisierte Ampeln mit Kranichen verwechseln . Ja , ja - Zerstreutheit in amore soll eine bedenkliche Sache sein . Trotzdem haben Sie , lieber Doktor , noch unlängst eben diese Eigenschaft bei einer Dame Ihrer Bekanntschaft als reizvollen Zug bezeichnet und verschiedene liebenswürdige Bosheiten darüber gesagt . Unter anderem wollten Sie öfters und mit Vergnügen beobachtet haben , wie sie den ganzen Abend irgendein langweiliges oder unausstehliches vis-a-vis aus reiner Gedankenlosigkeit überaus seelenvoll ansah . Das unausstehliche vis-a-vis glaubte schon eine ganze Welt von Empfindung in ihr geweckt zu haben , aber sie hatte nur an jemand anders gedacht und war höchst erstaunt , wenn es Konsequenzen daraus ziehen wollte . Sie haben mir auch erzählt , wie Sie diese Ihre Freundin eines Abends abholten - sie stand vor einem Schrank und suchte endlos nach ihren Handschuhen . Sie halfen ihr suchen , und dabei kam es zu einigen liebenswürdigen Annäherungen Ihrerseits , die sie gelassen annahm und erwiderte . Sie - der Doktor R ... - dachten : endlich ! Denn der Fall war konversationsweise schon mehrmals zwischen Ihnen beiden erörtert worden . Sie fühlten sich dann nachher etwas enttäuscht , als Ihre Freundin Sie bei Tisch seelenvoll ansah und sagte : » Nehmen Sie es nicht übel , aber ich muß jetzt die ganze Zeit darüber nachdenken , ob ich Ihnen nicht schon einmal an diesem Schrank einen Kuß gegeben habe , als ich meine Handschuhe nicht finden konnte - ja , nein - richtig - da hab ' ich ja den Schleier gesucht und ... « Armer Doktor , an dem Abend fanden Sie den amourösen Somnambulismus , wie Sie es nannten , gar nicht reizvoll und malten ihr mit einiger Bitterkeit aus , wie es in noch intimeren Situationen wirken möchte , wenn die geliebte Frau plötzlich sagt : Hören Sie - wir haben uns doch schon früher - ja , nein - Pardon , damals kannte ich Sie ja noch gar nicht . Leben Sie wohl - es ist spät , und wenn ich noch weiterschreibe , könnte ich vielleicht zu indiskret werden . 6 Dankend quittiert , cher ami . Ihre Niederträchtigkeiten sind mir viel lieber als Ihre sentimentalen Anwandlungen . Lassen wir Frau N ... begraben sein , wenn Sie es verschmerzen können . Und mein Ruf ... nein , wissen Sie - in diesem Punkt muß ich Sie doch wohl etwas enttäuschen . Ich stehe gar nicht so sehr über diesen Dingen , wie Sie meinen . Manchmal finde ich es verzweifelt unbequem , einen schlechten Ruf zu haben . Wäre ich noch einmal achtzehn Jahre alt , so würde ich die Sache anders angreifen , mich entweder ganz in die Tiefe begeben oder darauf schauen , gesellschaftlich durchaus oben zu bleiben . Der Mittelweg ist in diesem Fall an Freuden vielleicht reicher , aber jedenfalls bei weitem der unbequemste . Die Leute wissen so oft nicht , für was sie einen nehmen sollen . Und der schlechte Ruf verpflichtet . Man kann sich so vieles nicht leisten , was eine unbescholtene Frau ruhig tun darf . Jedes männliche Wesen , mit dem man über die Straße oder ins Restaurant geht , wird einem aufgerechnet . Sind es zufällig vier oder fünf an einem Tag , so werden alle vier oder fünf gebucht . Folglich ist es peinlich , wenn man mit einem alten Professor oder mit drei grünen Jungen gesehen wird , oder wenn ein Jugendfreund in Velvethosen uns anspricht . Man dürfte sich nur mit solchen sehen lassen , die einem stehen oder die man sich gerne nachsagen läßt . Bedenken Sie nur , wie viele Schwierigkeiten sich daraus ergeben und was für komplizierte Schiebungen manchmal notwendig sind . Es gab eine Zeit - zu meinem Leidwesen muß ich es erwähnen - wo ich mich in einer solchen Lebensekstase , in einem so fortgesetzten Herzenstumult befand , daß ich wenig oder gar keinen Blick für dergleichen Äußerlichkeiten hatte . Es wird mir in der Erinnerung wirklich schwer , mich da hineinzudenken , aber ich weiß es als historische Tatsache . Und dazumal habe ich wohl mein Renommee schon so übel zugerichtet , daß es sich nie wieder ganz erholt hat . Das war dumm , ungeheuer dumm , und ich würde heute jedem blutjungen Mädel , das leben und kompromittieren verwechselt , aufs dringendste raten , seinen Ruf zu wahren , bis es in dieser oder jener Welt - ich meine in Lebekreisen oder in der Gesellschaft - eine feste Position hat . Die Ausnahmestellung zwischen beiden Welten ist vom Übel , außer wenn sie ungemein glänzend finanziert ist . Und Sie ? - fragt mein Freund , der Doktor . - Cher ami , Anwesende sind immer ausgenommen . Ich weiß in jeder Blüte den Honig zu finden und lasse das Gift wohlweislich darin . So habe ich auch gar keine Neigung , unter diesen Kalamitäten zu leiden , sie sind mir höchstens lästig und machen mich gelegentlich nervös . Nehmen wir an , ich kenne einen wirklich reizenden Menschen , mit dem ich mich sehr gerne unterhalte , aber er trägt Künstlerhüte oder einen unmöglichen Kragen - läßt es sich auch nicht abgewöhnen , denn er befindet sich ganz wohl dabei . Es würde mir sicher Vergnügen machen , einen Abend mit ihm zusammen im Cafe zu sitzen - mein Ruf verbietet es mir . Der Schlapphut würde sofort zu meinen Intimen gerechnet , und das lasse ich nicht gerne auf mir sitzen . Auch wenn es ein noch so wertvoller Mensch ist , lieber Doktor . In M ... gab es in alten Zeiten ein verschwiegenes und entlegenes Weinrestaurant , das ich zu solchen Zwecken kultivierte . Ich will Ihnen die Adresse gern verraten und auch , daß ich manche meiner männlichen Bekannten dort getroffen habe - wenn sie mit der Toilette oder der sozialen Rangstufe ihrer Begleiterinnen nicht ganz einverstanden waren . Man wechselte dann einen stummen Blick , verstand und ignorierte sich . Und die , mit denen ich hinging , pflegten sich über meine Vorliebe für dieses mesquine Lokal zu wundern . Eben diese Leute , die keinen Wert auf ihr Äußeres legen , gehen mit Vorliebe in elegante Restaurants , um zu zeigen , daß auch sie zu leben verstehen . Oder man muß in solchem Fall den bösen Schein durch irgendeinen starken Gegensatz korrigieren . Erinnern Sie sich noch an den deprimierten Jüngling , den ich mir vergangenes Jahr an die Sohlen geheftet hatte , wie Sie so hübsch zu sagen pflegten ? Er war zum Verzagen langweilig , aber unwiderstehlich , absolut unwiderstehlich elegant . Als ich ihn gerade kennengelernt hatte und noch nicht unterzubringen wußte , fanden Lily - Ihre Lily - und ich zufällig ein Inserat in der Zeitung , das uns frappierte . Es lautete : Elegante Begleitdogge zu verkaufen - oder zu kaufen gesucht , das weiß ich nicht mehr . Nach diesem Inserat wurde der Jüngling dann benannt und eingereiht . Bei mir war gerade saison morte , ich hatte eine Herzensangelegenheit , die mich sehr in Anspruch nahm und in jeder Beziehung ganz nach Wunsch war , bis auf eine pathologische Vorliebe für farbenfrohe Krawatten . Ich machte es mir zur Lebensaufgabe , ihn davon zu heilen . Wie oft , ach , wie oft saßen wir stundenlang im Laden und ließen uns Krawatten , immer nur Krawatten vorlegen . Ich bot all meinen Einfluß auf , aber selbst wenn nach schwerem Kampf eine annähernd glückliche Wahl zustande gekommen war , so entdeckte er sicher im letzten Moment noch irgendein furchtbares Blau , Gelb oder Violett , das er durchaus haben mußte . Ich habe ihn wirklich geliebt , aber die farbenfrohen Krawatten kosteten mich meine Seelenruhe . Auf die Länge war es geradezu aufreibend . Meine einzige Erholung war die elegante Begleitdogge , denn man konnte überall und ohne Hemmungsgefühle mit ihr hingehen . Sie war immer vorhanden - immer melancholisch und immer tip top wanderte sie unentwegt mit langen Schritten und müder Haltung neben mir durch Straßen und Restaurants . Gesprochen haben wir - der Jüngling und ich - oft stundenlang kein Wort , oder er schüttete mir sein wundes Herz aus , und ich hörte zu . Er hatte eine larmoyante Stimme und eine larmoyante Seele . Niemals konnte er die Frau finden , die er suchte , und wenn er sie einmal fand , wie zum Beispiel mich , so hatte sie gerade eine seriöse Dauersache mit farbenfrohen Krawatten . Darüber konnte er , wenn wir zusammen waren , endlos fortjammern , immer in derselben Tonlage . Unter anderen Umständen wäre mir das vielleicht schrecklich auf die Nerven gefallen , aber so wie alles lag , erholte ich mich , während er friedlich fortlamentierte , von allen stürmischen Gefühlen und von den Krawattenhalluzinationen , die mich sonst verfolgten . Manchmal mußte ich ihn auch an Lily ausleihen , wenn sie irgendwo besonderen Eindruck machen wollte , wie bei ihren Theateragenten oder beim Schneider . Die arme Lily war damals gerade etwas reduziert und brauchte in jeder Beziehung Kredit . Aber sie mißbrauchte meine Großmut - sie telegraphierte dann auch noch späterhin , ich glaube aus Königsberg oder Stettin : » Schäbige Bande hier - bitte auf eine Woche Begleitdogge schicken . « Das war zuviel , und ich antwortete : » Unmöglich - brauche Dogge selbst . « - Und unsere Freundschaft bekam darüber einen argen Riß . Ich hätte ihr ja gerne den Gefallen getan , aber eine ganze Woche - es war undenkbar , wir waren uns zu unentbehrlich . Er konnte nicht mehr ohne unglückliche Liebe leben . Lily eignete sich nicht dafür , sie hätte ihn vielleicht glücklich gemacht , und meine Neigung zu dem Krawattenmann wäre vorzeitig in Trümmer gegangen , wenn die elegante Begleitdogge nicht mehr an meiner Seite wandelte . Aber über diesen schönen Erinnerungen vergesse ich ganz , worüber ich Sie denn eigentlich aufklären wollte . Ja , richtig , ich wollte Ihnen auseinandersetzen , wie sehr der schlechte Ruf zur Korrektheit verpflichtet . Manchmal stellt er auch in der entgegengesetzten Richtung Anforderungen , die ebenso lästig sind . Man nimmt es uns förmlich übel , wenn wir uns zu ordentlich benehmen , ärgert sich , daß wir so durchaus salonfähig sind und die Hoffnung auf ganz besondere Sensationen nicht erfüllen . - Gehörst du einmal zum Zirkus , so spring durch Reifen und schlage Purzelbäume - ja , aber wir haben manchmal gar keine Lust , wir wollen zur Abwechslung auch einmal Zuschauer sein , in der Loge sitzen und Konversation machen . Hier und da ist es wirklich ein großes Vergnügen , nur langweilig und korrekt zu sein . Darüber ließe sich noch vieles sagen , aber ein andermal ... 7 Ihr Brief - mein lieber Freund , wer wollte noch behaupten , daß wir keine Ideale haben ? Zuviel , immer noch zuviel ! Ihre Beziehung zu Yvonne - Yvonne , die es gar nicht gibt - und vielleicht gibt es sie doch und Sie begegnen ihr eines Tages auf der Treppe . Und der fremde Mann ? - Er hat eine starke Familienähnlichkeit mit Yvonne , aber es geht mir besser als Ihnen - es gibt ihn - und ich bin ihm schon öfters auf der Treppe begegnet . O bitte , kommen Sie mir nicht wieder mit der Frau vom Meer - ich kenne das - sowie man den fremden Mann erwähnt . Aber ich habe keine Sympathie für die Dame , sie hat es wirklich nicht verstanden . Der richtige fremde Mann verträgt kein Pathos - und wie kann man nur mit dem Gedanken umgehen , ihm zu folgen - ihn womöglich gar zu heiraten . Und auf der anderen Seite - ihn ganz laufen zu lassen , um mit einem alten Landarzt glücklich zu werden ? Das ist mindestens ebenso unverzeihlich . Überhaupt - der fremde Mann muß in erster Linie ein Gentleman sein , sehr elegant , sehr comme il faut und mit dem infamen Charme - aber doch um Gottes willen nicht ein Schiffskapitän mit Zuchthaustendenzen . Es wäre deshalb eigentlich richtiger zu sagen : der fremde Herr . Und er darf niemals zur Beziehung werden , muß in der Versenkung verschwinden , ehe das in Betracht kommen könnte . Er tut es auch , sonst ist er eben nicht echt gewesen . Etwas davon liegt wohl im ersten Anfang jedes Minnehandels - es ist ja immer schade , wenn man sich erst kennen- oder gar lieben und schätzen lernt . Aber der ganz große Reiz ist das Erlebnis mit einem Fremden . Ich sitze abends im Lesezimmer eines Hotels . - Er auch , aber an einem anderen Tisch . - Ich schreibe . - Er liest . - Er schaut hier und da herüber - ich auch . - Ich weiß gleich , daß er es ist - er hat den infamen Charme . - Gott sei Dank , er ist echt , denn er spricht mich nicht an . Er weiß auch , daß ich es bin . Eigentlich warte ich auf jemand anders und weiß nicht recht , wie es werden soll . Aber er weiß es ganz genau und liest ruhig weiter . Endlich ruft man mich ans Telefon . Er , der andere , auf den ich warte , kann heute nicht mehr kommen . » Was willst du denn heute abend anfangen ? « - » Oh , ich gehe schlafen . « - » Also dann auf morgen . « - Abläuten ... Der fremde Herr legt seine Zeitung weg , ganz langsam , ganz ruhig . - Ich gehe zum Lift - er auch . Das Hotel ist sehr groß , hat sehr viele Stockwerke , ist sehr überfüllt . - Wir sind beide stehengeblieben , stehen uns gegenüber . - Er ist sehr hoch , sieht mir von oben herunter in die Augen . - Der Lift gleitet , hält an jeder Etage und Zwischenetage , denn der Boy ist verschlafen und scheint zu meinen , daß überall jemand aussteigt . - Wir haben auch das Gefühl , daß der kleine Raum immer leerer wird , immer einsamer . - Unsere Augen lassen sich nicht los - der fremde Herr sagt kein Wort , beugt sich langsam zu mir herunter - wir sehen uns immer noch in die Augen - unsere Lippen finden sich . - Der Lift geht durch eine ganze Ewigkeit . - Kein Wort wird gesprochen - der Lift hält . Und ich mache hier eine Pause , lieber Freund . Der Herr im Lift ist der Idealfall - der erfüllte Traum . Nicht immer sind die Götter so neidlos . Manchmal lernt man ihn auch kennen , sieht sich wieder , dann ist natürlich alles entwertet . Hat man einmal mit dem fremden Mann gefrühstückt , so ist der Zauber gebrochen . Dann wird es ein ganz gewöhnliches Erlebnis . Aber ich will Ihnen noch von einer sehr merkwürdigen Ausnahme erzählen - von einer jahrelangen Beziehung , die immer der fremde Mann blieb . Jahrelang - ja , da horchen Sie auf - es waren sogar ziemlich viele Jahre , es hat auch eigentlich nie einen bestimmten Anfang gehabt und hat nie ein definitives Ende genommen . Wie und wo wir uns zum erstenmal sahen , gehört nicht hierher - seien Sie nicht zu neugierig ; wenn ich eine uralte Dame mit weißen Haaren bin , erzähle ich es Ihnen vielleicht einmal , jetzt sicher nicht . Aber die damaligen Umstände brachten es mit sich , daß er mich nie bei Tage aufsuchen konnte . Auf die Länge ließ sich das natürlich nicht vermeiden , aber dann machte es auch keinen Eindruck mehr , daß er einen Namen und eine Position im Leben hatte . Er blieb der fremde Mann . Es war zur Tradition geworden , daß wir jede nähere persönliche Bekanntschaft , jedes Übergreifen unserer Beziehungen auf unser sonstiges Dasein vermieden . Und ich muß sagen , daß wir es wirklich verstanden , diese Tradition zu kultivieren . Unser Verkehr blieb immer zeremoniell , unpersönlich und voller Distanz . Wir haben uns nie auch nur für einen Moment geduzt , sind nie zusammen ausgegangen oder dergleichen . Trafen wir uns doch einmal , im Theater oder bei ähnlichen Gelegenheiten , so grüßten wir uns aus der Ferne . War es nicht zu vermeiden , so ließ er sich mir auch vorstellen , und wir wechselten einige höfliche Redensarten . Er hatte immer meine Adresse und meine Schlüssel , bei jedem Wechsel meiner Wohnung oder meiner Lebenslage verfehlte ich nicht , ihm diese beiden Dinge zuzustellen . ( Sie können sich wohl denken , daß seine Schlüsselsammlung mit der Zeit beträchtlich angewachsen ist . ) Er meldete sein Erscheinen durch ein Billett oder Telegramm - dann war ich immer für ihn zu Hause . Und darin bewies er seine wahrhaft antike Seelengröße : wie und wo er mich auch im Lauf der Zeiten aufgesucht und gefunden hat , ob in einer eigenen Wohnung , im Hotel oder einer gänzlich improvisierten Umgebung - er verzog nie eine Miene , wunderte sich nie , fragte nie - erschien zu den spätesten und unwahrscheinlichsten Stunden - immer korrekt , immer fremder Herr . Und ging ebenso wieder fort , ehe der graue Alltag das Leben wieder wahrscheinlich machte . Manchmal kam er auch erst gegen Morgen , wenn ich längst schlief , stand auf einmal mit dem Zylinder in der Hand da - das schätzte ich ganz besonders . - Oder ich glaubte nur von ihm geträumt zu haben und fand dann beim Aufwachen Blumen , die nur von ihm sein konnten - er brachte immer Blumen mit . Solche Erinnerungen liebe ich sehr - auch noch manche andere - wenn wir in der Morgendämmerung am Fenster Kaffee tranken und uns korrekt und gebildet unterhielten . Wenn er dann die Straße entlang ging , sah ich ihm nach , und es hatte so viel Reiz , gar keine greifbare Vorstellung von seinem Leben zu haben , keine Ahnung von seiner Umgebung , nicht zu wissen , mit was für Menschen er verkehrt und wie er mit ihnen ist . Andere Frauen - das hat mich eigentlich nie interessiert . Ich habe späterhin aus verschiedenen Andeutungen kombiniert , daß er eine himmlische Liebe hatte , eine sehr unglückliche . Bei anderen Männern habe ich das manchmal etwas dumm gefunden , aber bei ihm hatte es viel Charme und gab eine düstere Nuance , die ihm gut stand . Übrigens verloren wir uns zeitweise ganz aus den Augen , er machte öfters lange Reisen , und ich war ja immer viel unterwegs . Ich habe dann auch kaum an ihn gedacht - ob er an mich dachte , weiß ich nicht . Aber wenn wir uns beide nach M ... zurückfanden , war wieder alles wie vorher . Nur gehörte es unverbrüchlich zu unserer Tradition , daß wir in der Silvesternacht zusammenkamen , denn der 31. Dezember war der Ausgangspunkt unserer Beziehungen gewesen . Mit oder ohne Verabredung , ich wußte , daß er dann kommen würde ; und meine sonstigen Bekannten haben sich immer gewundert , warum ich bei jeder Neujahrsfeier geheimnisvoll vom Schauplatz verschwand , sobald es zwölf Uhr geschlagen hatte . Doch am Ende die große Leidenschaft , die Sie in meinem Dasein so schmerzlich vermissen und die immer noch entdeckt werden soll ? - Gott bewahre , gerade zur Zeit der glücklichsten und intensivsten Lieben schätze ich ihn am meisten und hatte förmlich Sehnsucht nach ihm , wenn ich ihn lange nicht sah . Und war er zeitweilig nicht vorhanden , so wurde ich auch gegen die anderen kühler . Töricht genug von den anderen , daß sie samt und sonders eine starke Abneigung gegen den großen Unbekannten hatten und nie begreifen wollten , daß Eifersucht in diesem Fall ganz sinnlos war . Ja , lieber Freund , der fremde Mann ist ein inhaltsschweres Kapitel in meinem Leben und eines , das ich immer gerne wieder lese - aber nicht alle dürfen dabei mit ins Buch sehen wie Sie . Wenn Sie es doch nur einmal anerkennen wollten , wie sehr ich Sie verwöhne . 8 Also auch Sie , Brutus - neigen zu eifersüchtigen Betrachtungen , wenn Sie des fremden Mannes gedenken . Wie dumm von Ihnen - Verzeihung für das harte Wort , aber ich bin so daran gewöhnt , daß Sie immer intelligent sind . Vielleicht kann ich auch darüber nicht mitreden , ich habe kein oder sehr wenig Organ für Eifersucht - das ist mir schon häufig wie ein schwerer Defekt vorgehalten worden . » Dann haben Sie noch nie wirklich geliebt « - wie oft habe ich das zu hören bekommen - und nichts darauf geantwortet . A quoi bon ? - Das weiß doch nur Gott allein . Richtiger gesagt wäre wohl : nie lange genug geliebt . Für mich dauert jede Liebe , auch die ganz ernsthafte , nur so lange , wie ich eben die stärkste Attraktion für den in Frage kommenden Mann bin . Dann hört sie ganz von selbst auf . Und daß er meine Hauptattraktion war , ist immer schon vorher zu Ende gewesen . Auch habe ich nie das Verlangen gehabt , einen Menschen ganz zu besitzen oder ihn über Gebühr festzuhalten . Dazu ist das Leben zu kurz . Und wer mich festhalten wollte - es kam hier und da vor - ist niemals sehr zufrieden mit dem Erfolg gewesen . Meine Unbeständigkeit ist also eigentlich ein schöner und altruistischer Zug , es macht mir gar kein Vergnügen , anderen Leiden zu verursachen . Ebensowenig gereicht es mir zur Freude , wenn man mich mit Eifersucht plagt , ich habe nie recht begriffen , warum die Menschheit diese unangenehmen Emotionen so kultiviert . - Treue ist vielleicht eine besondere Begabung , ein Talent . Wie kann man Talent von jemand verlangen , der es nicht hat ? Aber ich meine , es läßt sich durch Takt und Diskretion ersetzen . Es ist doch jedesmal etwas anderes , was uns zu den verschiedenen Menschen hinzieht : der fremde Mann ist tiefe Sensation ohne Gemütsbeteiligung - ein anderer geht ans Herz und weckt wahres Gefühl - ein junger Knabe lockt uns zu einem romantischen Frühlingserlebnis - dann gibt es wieder jemand , mit dem man sich nur amüsiert , oder es läuft zufällig und geschwind irgendein heiteres Abenteuer über den Weg ... Doktor , ich kann Ihnen beim besten Willen nicht alle die vielen bunten Möglichkeiten an den Fingern herzählen , aber Sie werden zugeben , daß sie sich schwerlich in einem einzelnen Menschen beisammenfinden . Und im Leben lassen sie sich auch nicht so hübsch der Reihe nach anordnen . Es gerät immer alles durcheinander . Sie haben mir einmal einen Vortrag über typische Erlebnisse gehalten . Ich glaube , der andere , die anderen sind von jeher mein typisches Erlebnis gewesen . Und deshalb kam ich nie dazu , einem treu zu bleiben . Schon allein der fremde Mann hat es auch in den stabilsten Zeiten unmöglich gemacht . Ein harmloses Beispiel : A ... holt mich ab , zu irgendeiner Unternehmung . B ... , der mich auch abholen will , kommt dazu . Wir gehen also alle drei miteinander . Zu merken : ich stehe beiden noch ganz unbescholten gegenüber . - In bezug auf A ... habe ich meine Vermutungen - er lädt mich denn auch auf übermorgen ein , aber es interessiert mich einstweilen noch nicht besonders . B ... begleitet mich heim - ich habe gar keine Vorahnungen , aber es folgt une de ces heures und so weiter ... und dann natürlich auch eine Verabredung auf übermorgen . Der Abend mit A ... geht in Szene und endigt schicksalsvoll , wir verlieben uns heftig und auf Dauersache . Ich fühle auch gar kein Verlangen , ihn gleich von vornherein zu hintergehen , aber ich habe B ... auch sehr gerne und würde es ungerecht finden , ihn nun umgehend wieder zu versetzen . Wie peinlich außerdem , ihm beim ersten Rendezvous zu sagen : ich habe mich gestern in A ... verliebt - leben Sie wohl ! Am meisten Kopfzerbrechen hat mir die Frage gemacht , welcher von ihnen nun eigentlich der andere war . Und das ist immerhin noch ein einfacher Fall , die Sache kann auch komplizierter liegen . Nein , guter Freund , es ist , weiß Gott , nicht immer leicht , seinen erotischen Verpflichtungen nachzukommen . Monogamie und Treue sind sicher eine große Vereinfachung des Problems . Sie möchten wissen , was es mit der irdischen und himmlischen Liebe für eine Bewandtnis hat . Es ist eine häufige Erscheinung - ich kenne mehr als einen Mann , in dessen Liebesleben diese sinnige und zweckmäßige Zweiteilung eine Rolle spielt . Ob sie auch bei Frauen vorkommt , weiß ich nicht . Von Frauen weiß man überhaupt sehr wenig , wenn man selber eine ist . Die himmlische ist natürlich ein Wesen , das weit über allen anderen steht und das er aus irgendwelchen Gründen nicht in realere Sphären hinabziehen kann oder will - so etwa , was man eine Lichtgestalt nennt . Es gehört dazu , daß sie für ihn und sein irdisches Treiben die nötige Auffassung hat , er darf schuldbeladen zu ihr kommen und fühlt sich durch ihr Verstehen entsühnt . Das haben ja manche Männer gern . Die irdische ist - nun , einfach eine Frau , mit der man intim liiert ist . Vor allem muß sie einer Bedingung entsprechen : sie darf ihn nicht ganz für sich haben wollen und nicht neugierig auf die himmlische sein . Es ist