, der Stall , der Speicher , in dem jetzt die Familie des Fischers wohnte , und das Wohnhaus , das Hans Grill gemietet hatte . Hier schien die Hitze des Tages noch eingeschlossen zu sein , die Luft war schwer von den Gerüchen des Strohs , der an Schnüren trocknenden Fische und feuchter Netze . Man hörte durch die kleinen geöffneten Fenster den Atem schlafender Menschen , irgendwo schlug ein Hahn auf seiner Stange mit den Flügeln und im Schuppen grunzte ein Schwein im Traum . Und hier fiel von Doralice der Rausch der Weite und des Lichtes ab , ganz jäh , es schmerzte fast körperlich , und als sie durch die Tür traten , die so niedrig war , daß Hans sich tief bücken mußte , sagte Doralice klagend : » So schlüpfen wir denn auch in unser Loch . « - » Ja , ja « meinte Hans eifrig , » das wird gut tun . « In dem kleinen Wohnzimmer brannte eine Petroleumlampe auf dem Tisch , und es fiel Doralice auf , wie häßlich unrein dieses Licht war , mit welch schläfriger Alltäglichkeit es den weißgetünchten Raum füllte . Hans war ganz geschäftig . » Köstlich , köstlich « , sagte er , » setz ' du dich dort in den Korbstuhl , ich bin gleich wieder da . « Er verschwand , kam dann in weichen Filzschuhen zurück , ging ab und zu , holte Gläser , den Rotwein , schenkte die Gläser voll , setzte sich endlich Doralice gegenüber an den Tisch , rieb sich die Hände und lachte über das ganze Gesicht . Er sah sehr jung aus , das Gesicht von der Luft gerötet und der Bart und das kurzgelockte Haar honiggelb , die braunen Augen blinzelten blank vor Freundlichkeit . » Köstlich « , wiederholte er , » das nenne ich eine Lebenslage , man sitzt so beieinander und die Lampe brennt , man hat seinen Rotwein und dazu sein wunderschönes Weib . « Doralice lehnte sich in ihren Korbstuhl zurück und schloß die Augen . » Ach , « sagte sie müde , » nenne mich , bitte , nicht Weib , das klingt so , ich weiß nicht , nach losen blauen Jacken mit weißen Punkten und Kartoffelsuppe . « Hans errötete : » Nein , nein « , sagte er , » also nicht Weib . Weib ist ein schönes deutsches Wort , aber wie du willst , bitte . « Sie schwiegen beide eine Weile . Aus dem Nebenzimmer hörte man deutlich das Schnarchen der alten Agnes , einer fernen Verwandten von Hans Grill , die ihm jetzt die Wirtschaft führte . Agnes hatte eine seltsame , kummervolle und mißmutige Art des Schnarchens . Am Tage versah sie still und pünktlich ihren Dienst , aber das alte Gesicht , in dem die Fältchen wie Sprünge in einem gelben Lack standen , trug stets den Ausdruck einer geduldigen , hochmütigen Ergebenheit . Jetzt schien es Doralice , als käme mit den verschlafenen Lauten alle Bitterkeit heraus , welche die Alte gegen sie hegte . Doralice preßte die schmalen zu roten Lippen fest aufeinander , und wie sie dalag in dem dunkelblauen Kleide mit dem großen weißen Matrosenkragen , die Stirn ganz verdeckt von dem feuchtgewordenen blonden Haar , sah sie aus wie ein kleines Mädchen , das gescholten wird . Nein , auf die Dauer war es unerträglich , dem Murren dort im Nebenzimmer zuzuhören . Alles , alles wurde traurig , wurde sinnlos , sie wußte nicht mehr , warum sie hier saß , warum - . Und Hans , sie öffnete die Augen und schaute ihn an . Er hatte den Kopf auf die Brust sinken lassen , rauchte aus seiner kurzen Pfeife und trank ab und zu in hastigen kleinen Zügen den Wein . » Bist du noch böse , weil du nicht Weib sagen sollst ? « fragte Doralice und versuchte zu lächeln . Hans hob schnell den Kopf , er begann zu sprechen , aber er mußte einige Male dazu ansetzen , denn eine Erregung schnürte ihm die Kehle zusammen . » Weib oder nicht Weib , das ist doch gleich , der Ton ist es , der Ton . Wenn du den hast , dann bist du mir plötzlich ganz weit , ganz fremd , der streicht plötzlich alles aus , was wir miteinander erlebt haben . Ich freue mich darauf , daß es gemütlich sein wird , man wird beieinander sitzen , man wird lachen , man wird glücklich sein und dann sagst du etwas und dieser Ton ist da und es wird sofort kalt und fremd und peinlich , als setzten wir uns drüben im Schloß vor den weißen Serviettenzeltchen mit dem alten Grafen zum Frühstück nieder . « Doralice hörte ihm gespannt zu , diese erregte Stimme , die sich überstürzenden Worte erwärmten sie . Er sollte weiter sprechen . » Wie ist dieser Ton ? « fragte sie . » Wie ? Wie ? « fuhr Hans leidenschaftlich fort . » Wenn dir etwas nicht schmeckt , dann schiebst du den Teller fort und sagst feindselig : Das will ich nicht . So , so ist dieser Ton , als ob du mich und unsere ganze gemeinsame Geschichte fortschiebst . Das kannst du ja auch , es ist ja auch dein Recht , sag es doch . « Doralice lächelte jetzt ihr hübsches , strahlendes Lächeln . Sie hob die Arme in die Höhe und reckte sich : » Ach , Hans , das ist ja Unsinn , ich bin einfach müde . Glaubst du , das strengt nicht an , so zwischen Himmel und Meer zu schweben ? « Hans schaute sie erstaunt an , dann begann auch er zu lachen , sein lautes , ein wenig unerzogenes Lachen . » Also das strengt dich an und ich - glaubst du , es ist leicht , fest im Wasser zu stehen und eine Frau über den Wellen zu halten , die Hängematte zu spielen ? « » Du , « meinte Doralice , » du bist ja so stark . « Befriedigt lehnte Hans sich in seinen Stuhl zurück , goß sich Wein ein , er schüttelte sich vor Gemütlichkeit , als sei eine Gefahr glücklich vorübergegangen . » Und all das kommt daher « , erklärte Hans und stach dozierend mit seiner Pfeife in die Luft hinein , » uns fehlt eine gewisse Enge , eine Gebundenheit , Form , Form , Form , das ist es , das macht reizbar und unsicher . Von Unendlichkeiten kann man nicht leben . Immer kann der eine nicht stehen und den anderen zwischen Himmel und Meer in den Mondschein hineinhalten . Also wir müssen unser Leben einteilen , regelmäßige Beschäftigung , Haushalt , eine Alltäglichkeit müssen wir haben , der ewige Feiertag macht uns krank . « » Du könntest ja wieder malen « , warf Doralice hin . » Das werde ich auch « , rief Hans hitzig , » glaubst du , ich werde ruhig dasitzen und von deinem Gelde leben ? « - » Ach was , das dumme Geld . « » Gleichviel , ich werde arbeiten , ich weiß auch , was ich zu malen habe , ich studiere meine Modelle , euch beide . « - » Uns beide ? « » Ja , dich und das Meer . Ihr beide müßt zusammen auf ein Bild und eine Synthese von dir und dem Meer , verstehst du ? « - » Ja so « , bemerkte Doralice , » ob du nicht versuchst , zuerst das Meer zu malen . Du sagtest doch , daß du mich nicht malen kannst . « Das ärgerte Hans wieder . » Ja dort , dort konnte ich dich allerdings nicht malen . Ich war berauscht von dir . Man muß doch seinem Modell auch einigermaßen objektiv gegenüberstehen . « - » Stehst du mir jetzt objektiv gegenüber ? « fragte Doralice verwundert . » Ja , « meinte Hans , » es kommt wenigstens allmählich und das haben wir nötig , etwas Nüchternheit , so eine selbstgeschaffene Bürgerlichkeit , in die man sich fest einschließt . Du sprachst da vorhin wegwerfend von Kartoffelsuppe , ich möchte sagen , kein Leben , auch das idealste , ist möglich , in dem es nicht einige Stunden am Tage nach Kartoffelsuppe riecht . « Er lachte und sah Doralice triumphierend an , stolz auf seine Bemerkung . Doralice seufzte : » Uff , wenn man da nur atmen kann , ganz eng , fest eingesperrt und riecht nach Kartoffelsuppe . Eine Welt , als ob Agnes sie geschaffen hätte . « » Bitte , « sagte Hans empfindlich , » wer da nicht atmen kann , darf hinaus , wir sind freie Menschen , daß wir uns selbst binden , ist unsere Freiheit , aber keiner von uns ist gebunden . « Doralice zog die Augenbrauen in die Höhe und sagte ziemlich schläfrig : » Ach , lassen wir doch die alte Freiheit . Es ist ja ganz hübsch , wenn eine Tür immer offen steht , aber man braucht doch nicht beständig drauf hinzuweisen . Die Freiheit wird dann fast ebenso langweilig wie das tenue ma chère dort , du weißt . « Hans schaute Doralice bestürzt an . Er wollte etwas sagen , verschluckte es jedoch . Er erhob sich und begann im Zimmer auf- und abzugehen , er ging schnell , stapfte stark mit seinen Filzschuhen auf den Boden . Doralice folgte ihm neugierig mit den Blicken . Jetzt war er zornig , jetzt würde er leidenschaftlich losbrechen , sie freute sich darauf , sie liebte es , wenn er die Worte so heiß hervorsprudelte und ein Gesicht machte wie ein zorniger Knabe . Das hatte ihr an ihm gefallen dort in der Welt der beständigen Selbstbeherrschung . Aber es wollte nicht kommen , immer noch ging er schnell und schweigend in dem engen Raum umher . Plötzlich blieb er vor Doralice stehen , kniete nieder mit beiden Knien hart auf den Boden schlagend und legte seinen Kopf auf Doralicens Knie und so begann er zu sprechen leise und klagend : » Wie kannst du das sagen , ich - ich - ich weise auf die Tür hin . Aber wenn du zu dieser Tür hinausgingst , dann wäre es aus , dann hätte nichts mehr einen Sinn , dann hätte ich keinen Sinn , dann hätte die ganze Welt keinen Sinn . « Doralice strich mit der Hand ihm leicht über das krause Haar . » Nein , nein « , sagte sie und das klang müde und mitleidig zugleich , » zusammen , wir bleiben zusammen , wir beide sind ja doch miteinander ganz allein . « Hans richtete sich auf , er lachte wieder , zuversichtlich und triumphierend , indem er Doralicens Arm faßte und ihn schüttelte : » Das will ich meinen und ich werde auch dafür sorgen , daß niemand an dich herankommt . « Dann nahm er ihre kleine Gestalt auf seine Arme , wie man ein Kind nimmt , und trug sie in das Schlafzimmer hinüber . Zweites Kapitel Der Morgen dämmerte , als Doralice erwachte . So war es jetzt immer , wenn sie sich niederlegte , schlief sie schnell und tief ein , aber lange vor Sonnenaufgang erwachte sie , und es war mit dem Schlaf zu Ende . Dann lag sie da , die Arme erhoben , die Hände auf ihrem Scheitel gefaltet , die Augen weit offen und schaute der graublauen Helligkeit zu , wie sie durch die weiß-und rotgestreiften Gardinen in das Zimmer drang , den Waschtisch , die beiden plumpen Stühle , den großen gelben Holzschrank aus der Dämmerung herausschälte , das Zimmer erhellte , ohne es zu beleben , gleichsam ohne es zu wecken . Und dieses Zimmer , klein wie eine Schiffskabine , erschien Doralice als etwas ganz und gar nicht zu ihr Gehöriges . Sie lag da wohl in dem schmalen Bett unter der häßlichen rosa Kattundecke , aber sie hatte nicht die Empfindung , als sei dieses die Wirklichkeit , wirklich für sie war noch die Welt des Traums , aus der sie eben emportauchte . Jede Nacht führte er sie in ihr früheres Leben zurück , jede Nacht mußte sie ihr früheres Leben weiter leben . Am besten war es noch , wenn sie sich in dem alten Heimatshause ihrer frühen Jugend dort in der kleinen Provinzstadt befand . Ihre Mutter lag wieder auf der Couchette , hatte Migräne und eine Kompresse von Kölnischem Wasser auf der Stirn . Sie hörte wieder die klagende Stimme : » Mein Kind , wenn du verheiratet sein wirst und ich nicht mehr sein werde , dann wirst du an das , was ich dir gesagt habe , oft zurückdenken . « Und dieses Wort » wenn du verheiratet sein wirst « , das in den Gesprächen ihrer Mutter immer wiederkehrte , gab Doralice wieder das angenehme , geheimnisvolle Erwartungsgefühl . Draußen der schattenlose Garten lag gelb vom Sonnenschein da , die langen Reihen der Johannisbeerbüsche , das Beet mit den Chrysanthemen , die fast keine Blätter und stark geschwollene bronzefarbene Herzen hatten . Auf der Gartenbank schlummerte Miß Plummers . Das gute alte Gesicht rötete sich in der Mittagshitze . Doralice ging unruhig in Kieswegen auf und ab , das eintönige sommerliche Surren um sie her kam ihr wie die Stimme der Einsamkeit und der Ereignislosigkeit vor . Aber gerade hier in dem alten Garten fühlte sie es stets am deutlichsten , daß dort jenseits des Gartenzaunes eine schöne Welt der Ereignisse auf sie wartete . Sie fühlte es körperlich als seltsame Unruhe in ihrem Blut , sie hörte es fast , wie wir das Stimmengewirr eines Festes hören , vor dessen verschlossenen Türen wir stehen . Nun und dann war diese Welt gekommen , in Gestalt des Grafen Köhne-Jasky , des hübschen älteren Herrn , der so stark nach new mown hay roch , Doralice so verblüffende Komplimente machte und so unterhaltende Geschichten erzählte , in denen stets kostbare Sachen und schöne Gegenden vorkamen . Daß Doralice eines Tages ihr weißes Kleid mit der rosa Schärpe anzog , daß ihre Mutter sie weinend umarmte und der kleine kohlschwarze Schnurrbart des Grafen sich in einem Kusse auf ihre Stirn drückte , war etwas , das selbstverständlich notwendig war , etwas , auf das Mutter und Tochter ihr bisheriges Leben über gewartet zu haben schienen . Am häufigsten aber befand Doralice sich im Traum in dem großen Salon der Dresdner Gesandtschaft . Immer lag dann ein winterliches Nachmittagslicht auf dem blanken Parkett . In den süßen Duft der Hyazinthen , die in den Fenstern standen , mischten die großen Ölbilder an der Wand einen leichten Terpentingeruch . Von der anderen Seite des Saals kam ihr Gemahl entgegen , sehr schlank in seinen schwarzen Rock geknüpft , die Bartkommas auf der Oberlippe hinaufgestrichen . Ein wenig zu zierlich aber hübsch sah er aus , wie er so auf sie zukam , die glatte weiße Stirn , die regelmäßige Nase , die langen Augenwimpern . Allein der Traum spielte ein seltsames Spiel , je näher der Graf kam , um so älter wurde dies Gesicht , es welkte , es verwitterte zusehends . Er legte den Arm um Doralicens Taille , nahm ihre Hand und küßte sie . » Scharmant , scharmant « , sagte er , » wieder eine reizende Aufmerksamkeit . Wir haben unsere Ausfahrt aufgegeben , weil wir wußten , daß der Gemahl heut nachmittag ein Stündchen frei hat . Da wollen wir ihm Gesellschaft leisten und ihm selbst den Tee machen . Gute Ehefrauen habe ich schon genug gesehen , Gott sei Dank , es gibt noch welche , aber ma petite comtesse ist eine raffinierte Künstlerin in Ehedelikatessen . « Doralice schwieg und preßte ihre Lippen fest aufeinander und hatte das unangenehm beengende Gefühl , erzogen zu werden . Natürlich hatte sie ausfahren wollen , natürlich hatte sie gar nicht gewußt , daß der Gemahl heute eine Stunde frei hatte und hatte auch gar nicht die Absicht gehabt , ihm Gesellschaft zu leisten . Allein das war seine Erziehungsmethode , er tat , als sei Doralice so , wie er sie wollte . Er lobte sie beständig für das , was er doch erst in sie hineinlegen wollte , er zwang ihr gleichsam eine Doralice nach seinem Sinne auf , indem er tat , als sei sie schon da . Hatte sich Doralice in einer Gesellschaft mit einem jungen Herrn zu gut und zu lustig unterhalten , dann hieß es : » Wir sind ein wenig vielverlangend , ein wenig sensibel , man kann sich die Menschen nicht immer aussuchen ; aber du hast ja recht , der junge Mann hat nicht einwandfreie Manieren , aber soviel es geht , wollen wir ihn fernhalten . « Oder Doralice hatte im Theater bei einem Stück , das dem Grafen mißfiel , zu viel und zu kindlich gelacht , dann bemerkte er beim Nachhausefahren : » Wir sind ein wenig verstimmt : schokiert , wir sind ein wenig zu streng , aber tut nichts , du hast ganz recht , es war ein Fehler von mir , dich in dieses Stück zu bringen . Ich hätte ma petite comtesse besser kennen sollen , vergib dieses Mal . « Und so war es in allen Dingen , diese ihr aufgezwungene fremde Doralice tyrannisierte sie , schüchterte sie ein , beengte sie wie ein Kleid , das nicht für sie gemacht war . Was half es , daß das Leben um sie her oft hübsch und bunt war , daß die schöne Gräfin Jasky gefeiert wurde , es war ja nicht sie , die das alles genießen durfte , es war stets diese unangenehme petite comtesse , die so sensibel und so reserviert war und ihrem Gemahl gegenüber immer recht hatte . Wie eine unerbittliche Gouvernante begleitete sie sie und verleidete ihr alles . Als der Graf Köhne seinen Abschied nahm , als er , wie er es nannte , gestürzt wurde , und sich gekränkt und schmollend auf sein einsames Schloß zurückzog , um sich fortan damit zu beschäftigen , die Geschichte der Köhne-Jaskys zu schreiben und melancholisch zu altern , da war es eine neue Doralice , die Doralice dort auf dem alten Schlosse erwartete . » Ah , ma petite châtelaine ist hier endlich in ihrem wahren Elemente , stille , ruhige , etwas verträumte Beschäftigungen , der wohltätige Engel des Gemahls und des Gutes , das hat uns gefehlt . « Und der stille wohltätige Engel , der sie nun plötzlich war , drückte auf Doralice wie ein bleiernes Gewand . Da kam Hans Grill ins Schloß , um Doralice zu malen , Hans mit seinem lauten Lachen und seinen knabenhaft unbesonnenen Bewegungen und seiner unbesonnenen Art , noch alles , was ihm durch den Kopf ging , unvermittelt und eifrig auszusprechen . » Ich empfehle dir meinen Schützling « , hatte der Graf zu seiner Frau gesagt , » gewiß , als Gesellschafter kommt er nicht in Betracht , du hast ja ganz recht , ihn sehr à distance zu halten , aber dennoch empfehle ich ihn deinem Wohlgefallen . « Es begannen nun die langen Sitzungen in dem nach Norden gelegenen Eckzimmer des Schlosses . Hans stand vor seiner Leinwand , malte und kratzte wieder ab . Dabei sprach er stets , erzählte , fragte , ließ große Worte klingen . Doralice hörte ihm anfangs neugierig zu , es war ihr neu , daß jemand so sorglos sein innerstes Wesen heraussprudelte . Er sprach stets von sich , zuweilen mit ganz kindlicher Zufriedenheit und Prahlsucht , dann vertraute er Doralice gutmütig an , was ihm an sich selber bedenklich schien . » An Charakter fehlt es zuweilen « , sagte er , » ei , ei ! « Was aus diesen Reden aber am stärksten hervorklang , war ein unbändiger Lebensappetit und ein unumschränktes Vertrauen , alles zu erreichen , wonach er greifen würde . » Oh , ich werde es schon machen , da ist mir nicht bange « , hieß es . Doralice tat das wohl , es erregte auch in ihr wieder Lebenshunger , es erweckte in ihr etwas , das sie fast vergessen hatte , ihre Jugend . Von distance war eigentlich nicht mehr die Rede , die allzu sensible châtelaine fiel ganz von ihr ab und es ging jetzt dort in dem Eckzimmer oft sehr heiter und kameradschaftlich zu . Aber zuweilen , wenn sie gerade recht laut lachten , hielten sie plötzlich inne , horchten hinaus . » Still , « sagte Hans , » ich höre seine Stiefel knarren « und es war , als sei eine geheime Zusammengehörigkeit zwischen ihnen beiden eine selbstverständliche Sache . Hans verliebte sich natürlich in Doralice und war diesem Gefühle gegenüber ganz hilflos . Er zeigte es ihr , er sagte es ihr mit einer naiven , fast schamlosen Offenheit und Doralice ließ es geschehen , es war ihr , als faßte das Leben sie mit starken , gewaltsamen Armen und trug sie mit sich fort . Da begann in diesen Spätherbsttagen Doralices Liebesgeschichte . Helle , kalte Tage und dunkle Abende , auf den Beeten , die von dem Nachtfrost gebräunten Georginen und in den Alleen des Parkes welkes Laub , das auch beim vorsichtigsten Schritte raschelte . Wenn Doralice an diese Zeit dachte , empfand sie wieder das seltsame schwüle Brennen ihres Blutes , empfand sie die stete Angst vor etwas Schrecklichem , das kommen sollte , das jeder Liebesstunde auch ihr furchtbar erregendes Fieber beimischte . Wieder empfand sie jenes wunderlich lose , verworrene Gefühl , jenen Fatalismus , der so oft Frauen in ihrem ersten Liebesrausch erfüllt . Dennoch trug Doralice leichter an den Heimlichkeiten und Lügen als Hans . » Ich halte es nicht mehr aus « , sagte er , » immer einen so vor mir zu haben , den ich betrüge , wir wollen fortgehen , oder es ihm sagen . « » Ja , ja « , meinte Doralice . Es wunderte sie selbst , wie gering die Gewissensbisse waren über das Unrecht , das sie ihrem Manne antat , ja , es war fast nur so wie damals , wenn sie Miß Plummers hinterging . » Und er ahnt es « , sagte Hans , » er bewacht uns , man begegnet ihm überall , hast du es bemerkt ? Seine Stiefel knarren nicht mehr , wir müssen ihm zuvorkommen . « Allein der Graf kam ihnen zuvor . Es war ein grauer Nebeltag , Doralice stand im großen Saal am Fenster und schaute zu , wie der Wind die Krone des alten Birnbaums hin- und herbog und die gelben Blätter von den Zweigen riß und sie in toller Jagd durch die Luft wirbelte . Es sah ordentlich aus , als freuten sich diese hellgelben kleinen Blätter , von dem Baume loszukommen , so ausgelassen schwirrten sie dahin . Doralice hörte ihren Gemahl in das Zimmer kommen . Er machte einige kleine knarrende Schritte , rückte den Sessel am Kamin , setzte sich , nahm ein Schüreisen , um , wie er es liebte , im Kaminfeuer herumzustochern . Als er mit einem » ma chère « zu sprechen begann , wandte sie sich um und es fiel ihr auf , daß er krank aussah , daß seine Nase besonders bleich und spitz war . Er schaute nicht auf , sondern blickte auf das Kaminfeuer , in dem er stocherte . » Ma chère « , sagte er , » ich habe deine Geduld bewundert , aber lassen wir es genug sein , ich habe mit Herrn Grill eben vereinbart , daß er uns heute verläßt . Mit dem Bilde wird es ja doch nichts und von dir ist es zu viel verlangt , dich noch der Langeweile dieser Sitzungen und dieser - Gesellschaft zu unterziehen . So werden wir wieder entre nous sein . Recht angenehm , was ? « Doralice war bis in die Mitte des Zimmers gekommen , da stand sie in ihrem schieferfarbenen Wollenkleide , die Arme niederhängend , in der ganzen Gestalt eine Gespanntheit , als wollte sie einen Sprung tun , in den Augen das blanke Flackern der Menschen , die vor einem Sprunge von einem leichten Schwindel ergriffen werden . » Wenn Hans Grill geht , gehe ich auch « , sagte sie und im Bemühen ruhig zu sein , klang ihre Stimme ihr selbst fremd . - » Wie ? Was ? Ich verstehe nicht , ma chère . « Das Schüreisen fiel klirrend aus seiner Hand und Doralice sah wohl , daß er sie gut verstand , daß er längst verstanden haben mußte . Um seine Augen zogen sich viele Fältchen zusammen und die Bartkommas auf seiner Oberlippe zitterten wunderlich . » Ich meine « , fuhr Doralice fort , » daß ich nicht mehr deine Frau bin , daß ich nicht mehr deine Frau sein darf , daß ich mit Hans Grill gehe , daß , daß - « sie hielt inne , Schrecken und Verwunderung über den Anblick des Mannes dort im Sessel ließen sie nicht weiter sprechen . Er knickte in sich zusammen und sein Gesicht verzog sich , wurde klein und runzlig . War das Schmerz ? War das Zorn ? Es hätte auch ein unheimlich scherzhaftes Gesichterschneiden sein können . Mit großen angstvollen Augen starrte Doralice ihn an . Da schüttelte er sich , fuhr sich mit der Hand über das Gesicht , richtete sich stramm auf . » Allons , allons « , murmelte er . Er erhob sich und ging mit steifen zitternden Beinen an das Fenster und schaute hinaus . Doralice wartete angstvoll , aber auch sehr neugierig , was nun kommen würde . Endlich wandte sich der Graf zu ihr um , das Gesicht aschfarben , aber ruhig . Er zog seine Uhr aus der Westentasche , wurde etwas ungeduldig , weil die Kapsel nicht gleich aufspringen wollte , schaute dann aufmerksam auf das Zifferblatt und sagte mit seiner diskreten , höflichen Stimme : » Fünf Uhr dreißig geht der Zug . « Er sah auch nicht auf , als Doralice jetzt langsam aus dem Zimmer ging . » Mein Herz schlug dabei sehr stark « , hatte später Doralice zu Hans Grill gesagt , » ich hörte es schlagen , es schien mir das Lauteste im Zimmer . Ich weiß nicht , was es war , vielleicht war es plötzlich eine sehr starke Freude . « » Natürlich , natürlich « , meinte Hans Grill , » was sollte es denn anderes gewesen sein . « - Drittes Kapitel Im Wardeinschen Anwesen erwachte das Leben , eine Stalltür knarrte , nackte Füße stapften die Holzstufen am Hause auf und ab . Doralice fuhr aus ihrem Sinnen auf , aus dem Weiterleben des nächtlichen Traumes . Das Zimmer war jetzt ganz hell , die Decke mit den großen Streckbalken , die Möbel in ihrer robusten Häßlichkeit ließen sich nicht mehr wegdenken wie vorhin in der wesenlosen Dämmerung , sie riefen Doralice zu ihrer Wirklichkeit zurück , mahnten sie , daß sie zu ihnen gehörte . Die Tür zum Nebenzimmer stand offen , dort schlief Hans . Doralice sah ihn , wie er in seinem Bette auf dem Rücken lag , die Wangen rot , das gelbe Haar wirr in die Stirn fallend , die Lippen halb geöffnet . Er atmete tief und laut , seine breite Brust hob und senkte sich , die Augenbrauen zog er ein wenig zusammen , was dem Gesicht einen Ausdruck verlieh , als sei das Schlafen eine ernste , schwere Arbeit , der er sich mit ganzer Anstrengung widmete . » Der wird ' s schon machen « , dachte Doralice , » wer so schlafen kann , wer so dabei ist , ist seiner Sache sicher . « Das tröstete sie ein wenig in der unklaren Traurigkeit ihrer Morgenstunden . Aber sie wollte nicht wieder schlafen , sie fürchtete sich davor , zu träumen , wieder hinüberzugleiten in ihr früheres Leben . Sie sprang aus dem Bette und kleidete sich an . Als sie draußen auf die Düne hinaustrat , wehte ein lebhafter , kühler Seewind ihr entgegen . Über einen blaßblauen Himmel zogen eilige hellgraue Wölkchen und auf dem Meere hoben sich die Wellen ohne Schaum , groß und grüngrau , ein mächtiges stilles Atmen , erst näher dem Strande wurden sie lebhafter und ließen die weißen Schaumtücher flattern . Dieses Atmen des Meeres erinnerte Doralice an etwas , was war es ? Ach ja , an Hans , an seine Brust , die sich dort in dem Zimmer eben ruhig und kraftvoll hob und senkte . Sie begann am Strande entlang zu gehen , der Wind fuhr ihr in die Röcke , er trieb sie , sie spürte es deutlich , wie er zu kleinen Stößen ausholte , bald von hinten , bald von der Seite sie anfiel und das war ein köstlich erfrischendes Spiel , so muß es den Wellen zumute sein , sie wiegte sich im Gehen ; es war ihr , als wogte sie , jetzt fuhr ihr ein stärkerer Windstoß in die Haare , schüttelte sie . Doralice machte einen Satz , stieß einen lustigen kleinen Schrei aus . » Jetzt brande ich , jetzt brande ich « , dachte sie . Über ihr antwortete ein schriller Ruf , eine große weiße Möwe hing über dem Wasser , sie schlug mit den Flügeln , warf sich wie von plötzlicher Lust berauscht auf das Wasser nieder und schwamm dort , ein kleiner weißer Punkt auf dieser wogenden grüngrauen Seide . Vor den Fischerhäusern auf der Düne standen Fischerfrauen , ihre grauen Röcke , ihre roten Tücher flatterten und sie schützten die Augen mit