schwer gewesen , von den Zweien zu reden , um die es sich handelt ; der Dritte , gerade weil er so unwirklich ist , ist das Leichte der Aufgabe , ihn konnten sie alle . Gleich am Anfang ihrer Dramen merkt man die Ungeduld , zu dem Dritten zu kommen , sie können ihn kaum erwarten . Sowie er da ist , ist alles gut . Aber wie langweilig , wenn er sich verspätet , es kann rein nichts geschehen ohne ihn , alles steht , stockt , wartet . Ja und wie , wenn es bei diesem Stauen und Anstehn bliebe ? Wie , Herr Dramatiker , und du , Publikum , welches das Leben kennt , wie , wenn er verschollen wäre , dieser beliebte Lebemann oder dieser anmaßende junge Mensch , der in allen Ehen schließt wie ein Nachschlüssel ? Wie , wenn ihn , zum Beispiel , der Teufel geholt hätte ? Nehmen wirs an . Man merkt auf einmal die künstliche Leere der Theater , sie werden vermauert wie gefährliche Löcher , nur die Motten aus den Logenrändern taumeln durch den haltlosen Hohlraum . Die Dramatiker genießen nicht mehr ihre Villenviertel . Alle öffentlichen Aufpassereien suchen für sie in entlegenen Weltteilen nach dem Unersetzlichen , der die Handlung selbst war . Und dabei leben sie unter den Menschen , nicht diese » Dritten « , aber die Zwei , von denen so unglaublich viel zu sagen wäre , von denen noch nie etwas gesagt worden ist , obwohl sie leiden und handeln und sich nicht zu helfen wissen . Es ist lächerlich . Ich sitze hier in meiner kleinen Stube , ich , Brigge , der achtundzwanzig Jahre alt geworden ist und von dem niemand weiß . Ich sitze hier und bin nichts . Und dennoch , dieses Nichts fängt an zu denken und denkt , fünf Treppen hoch , an einem grauen Pariser Nachmittag diesen Gedanken : Ist es möglich , denkt es , daß man noch nichts wirkliches und Wichtiges gesehen , erkannt und gesagt hat ? Ist es möglich , daß man Jahrtausende Zeit gehabt hat , zu schauen , nachzudenken und aufzuzeichnen , und daß man die Jahrtausende hat vergehen lassen wie eine Schulpause , in der man sein Butterbrot ißt und einen Apfel ? Ja , es ist möglich . Ist es möglich , daß man trotz Erfindungen und Fortschritten , trotz Kultur , Religion und Weltweisheit an der Oberfläche des Lebens geblieben ist ? Ist es möglich , daß man sogar diese Oberfläche , die doch immerhin etwas gewesen wäre , mit einem unglaublich langweiligen Stoff überzogen hat , so daß sie aussieht wie die Salonmöbel in den Sommerferien ? Ja , es ist möglich . Ist es möglich , daß die ganze Weltgeschichte mißverstanden worden ist ? Ist es möglich , daß die Vergangenheit falsch ist , weil man immer von ihren Massen gesprochen hat , gerade , als ob man von einem Zusammenlauf vieler Menschen erzählte , statt von dem Einen zu sagen , um den sie herumstanden , weil er fremd war und starb ? Ja , es ist möglich . Ist es möglich , daß man glaubte , nachholen zu müssen , was sich ereignet hat , ehe man geboren war ? Ist es möglich , daß man jeden einzelnen erinnern müßte , er sei ja aus allen Früheren entstanden , wüßte es also und sollte sich nichts einreden lassen von den anderen , die anderes wüßten ? Ja , es ist möglich . Ist es möglich , daß alle diese Menschen eine Vergangenheit , die nie gewesen ist , ganz genau kennen ? Ist es möglich , daß alle Wirklichkeiten nichts sind für sie ; daß ihr Leben abläuft , mit nichts verknüpft , wie eine Uhr in einem leeren Zimmer - ? Ja , es ist möglich . Ist es möglich , daß man von den Mädchen nichts weiß , die doch leben ? Ist es möglich , daß man » die Frauen « sagt , » die Kinder « , » die Knaben « und nicht ahnt ( bei aller Bildung nicht ahnt ) , daß diese Worte längst keine Mehrzahl mehr haben , sondern nur unzählige Einzahlen ? Ja , es ist möglich . Ist es möglich , daß es Leute giebt , welche » Gott « sagen und meinen , das wäre etwas Gemeinsames ? - Und sieh nur zwei Schulkinder : es kauft sich der eine ein Messer , und sein Nachbar kauft sich ein ganz gleiches am selben Tag . Und sie zeigen einander nach einer Woche die beiden Messer , und es ergiebt sich , daß sie sich nur noch ganz entfernt ähnlich sehen , - so verschieden haben sie sich in verschiedenen Händen entwickelt . ( Ja , sagt des einen Mutter dazu : wenn ihr auch gleich immer alles abnutzen müßt . - ) Ach so : Ist es möglich , zu glauben , man könne einen Gott haben , ohne ihn zu gebrauchen ? Ja , es ist möglich . Wenn aber dieses alles möglich ist , auch nur einen Schein von Möglichkeit hat , - dann muß ja , um alles in der Welt , etwas geschehen . Der Nächstbeste , der , welcher diesen beunruhigenden Gedanken gehabt hat , muß anfangen , etwas von dem Versäumten zu tun ; wenn es auch nur irgend einer ist , durchaus nicht der Geeignetste : es ist eben kein anderer da . Dieser junge , belanglose Ausländer , Brigge , wird sich fünf Treppen hoch hinsetzen müssen und schreiben , Tag und Nacht . ja er wird schreiben müssen , das wird das Ende sein : Zwölf Jahre oder höchstens dreizehn muß ich damals gewesen sein . Mein Vater hatte mich nach Urnekloster mitgenommen . Ich weiß nicht , was ihn veranlaßte , seinen Schwiegervater aufzusuchen . Die beiden Männer hatten sich jahrelang , seit dem Tode meiner Mutter , nicht gesehen , und mein Vater selbst war noch nie in dem alten Schlosse gewesen , in welches der Graf Brahe sich erst spät zurückgezogen hatte . Ich habe das merkwürdige Haus später nie wiedergesehen , das , als mein Großvater starb , in fremde Hände kam . So wie ich es in meiner kindlich gearbeiteten Erinnerung wiederfinde , ist es kein Gebäude ; es ist ganz aufgeteilt in mir ; da ein Raum , dort ein Raum und hier ein Stück Gang , das diese beiden Räume nicht verbindet , sondern für sich , als Fragment , aufbewahrt ist . In dieser Weise ist alles in mir verstreut , - die Zimmer , die Treppen , die mit so großer Umständlichkeit sich niederließen , und andere enge , rundgebaute Stiegen , in deren Dunkel man ging wie das Blut in den Adern ; die Turmzimmer , die hoch aufgehängten Balkone , die unerwarteten Altane , auf die man von einer kleinen Tür hinausgedrängt wurde : - alles das ist noch in mir und wird nie aufhören , in mir zu sein . Es ist , als wäre das Bild dieses Hauses aus unendlicher Höhe in mich hineingestürzt und auf meinem Grunde zerschlagen . Ganz erhalten ist in meinem Herzen , so scheint es mir , nur jener Saal , in dem wir uns zum Mittagessen zu versammeln pflegten , jeden Abend um sieben Uhr . Ich habe diesen Raum niemals bei Tage gesehen , ich erinnere mich nicht einmal , ob er Fenster hatte und wohin sie aussahen ; jedesmal , so oft die Familie eintrat , brannten die Kerzen in den schweren Armleuchtern , und man vergaß in einigen Minuten die Tageszeit und alles , was man draußen gesehen hatte . Dieser hohe , wie ich vermute , gewölbte Raum war stärker als alles ; er saugte mit seiner dunkelnden Höhe , mit seinen niemals ganz aufgeklärten Ecken alle Bilder aus einem heraus , ohne einem einen bestimmten Ersatz dafür zu geben . Man saß da wie aufgelöst ; völlig ohne Willen , ohne Besinnung , ohne Lust , ohne Abwehr . Man war wie eine leere Stelle . Ich erinnere mich , daß dieser vernichtende Zustand mir zuerst fast Übelkeit verursachte , eine Art Seekrankheit , die ich nur dadurch überwand , daß ich mein Bein ausstreckte , bis ich mit dem Fuß das Knie meines Vaters berührte , der mir gegenübersaß . Erst später fiel es mir auf , daß er dieses merkwürdige Benehmen zu begreifen oder doch zu dulden schien , obwohl zwischen uns ein fast kühles Verhältnis bestand , aus dem ein solches Gebaren nicht erklärlich war . Es war indessen jene leise Berührung , welche mir die Kraft gab , die langen Mahlzeiten auszuhalten . Und nach einigen Wochen krampfhaften Ertragens hatte ich , mit der fast unbegrenzten Anpassung des Kindes , mich so sehr an das Unheimliche jener Zusammenkünfte gewöhnt , daß es mich keine Anstrengung mehr kostete , zwei Stunden bei Tische zu sitzen ; jetzt vergingen sie sogar verhältnismäßig schnell , weil ich mich damit beschäftigte , die Anwesenden zu beobachten . Mein Großvater nannte es die Familie , und ich hörte auch die andern diese Bezeichnung gebrauchen , die ganz willkürlich war . Denn obwohl diese vier Menschen miteinander in entfernten verwandtschaftlichen Beziehungen standen , so gehörten sie doch in keiner Weise zusammen . Der Oheim , welcher neben mir saß , war ein alter Mann , dessen hartes und verbranntes Gesicht einige schwarze Flecke zeigte , wie ich erfuhr , die Folgen einer explodierten Pulverladung ; mürrisch und malkontent wie er war , hatte er als Major seinen Abschied genommen , und nun machte er in einem mir unbekannten Raum des Schlosses alchymistische Versuche , war auch , wie ich die Diener sagen hörte , mit einem Stockhause in Verbindung , von wo man ihm ein- oder zweimal jährlich Leichen zusandte , mit denen er sich Tage und Nächte einschloß und die er zerschnitt und auf eine geheimnisvolle Art zubereitete , so daß sie der Verwesung widerstanden . Ihm gegenüber war der Platz des Fräuleins Mathilde Brahe . Es war das eine Person von unbestimmtem Alter , eine entfernte Cousine meiner Mutter , von der nichts bekannt war , als daß sie eine sehr rege Korrespondenz mit einem österreichischen Spiritisten unterhielt , der sich Baron Nolde nannte und dem sie vollkommen ergeben war , so daß sie nicht das geringste unternahm , ohne vorher seine Zustimmung oder vielmehr etwas wie seinen Segen einzuholen . Sie war zu jener Zeit außerordentlich stark , von einer weichen , trägen Fülle , die gleichsam achtlos in ihre losen , hellen Kleider hineingegossen war ; ihre Bewegungen waren müde und unbestimmt ; und ihre Augen flossen beständig über . Und trotzdem war etwas in ihr , das mich an meine zarte und schlanke Mutter erinnerte . Ich fand , je länger ich sie betrachtete , alle die feinen und leisen Züge in ihrem Gesichte , an die ich mich seit meiner Mutter Tode nie mehr recht hatte erinnern können ; nun erst , seit ich Mathilde Brahe täglich sah , wußte ich wieder , wie die Verstorbene ausgesehen hatte ; ja , ich wußte es vielleicht zum erstenmal . Nun erst setzte sich aus hundert und hundert Einzelheiten ein Bild der Toten in mir zusammen , jenes Bild , das mich überall begleitet . Später ist es mir klar geworden , daß in dem Gesicht des Fräuleins Brahe wirklich alle Einzelheiten vorhanden waren , die die Züge meiner Mutter bestimmten , - sie waren nur , als ob ein fremdes Gesicht sich dazwischen geschoben hätte , auseinandergedrängt , verbogen und nicht mehr in Verbindung miteinander . Neben dieser Dame saß der kleine Sohn einer Cousine , ein Knabe , etwa gleichaltrig mit mir , aber kleiner und schwächlicher . Aus einer gefältelten Krause stieg sein dünner , blasser Hals und verschwand unter einem langen Kinn . Seine Lippen waren schmal und fest geschlossen , seine Nasenflügel zitterten leise , und von seinen schönen dunkelbraunen Augen war nur das eine beweglich . Es blickte manchmal ruhig und traurig zu mir herüber , während das andere immer in dieselbe Ecke gerichtet blieb , als wäre es verkauft und käme nicht mehr in Betracht . Am oberen Ende der Tafel stand der ungeheure Lehnsessel meines Großvaters , den ein Diener , der nichts anderes zu tun hatte , ihm unterschob und in dem der Greis nur einen geringen Raum einnahm . Es gab Leute , die diesen schwerhörigen und herrischen alten Herrn Exzellenz und Hofmarschall nannten , andere gaben ihm den Titel General . Und er besaß gewiß auch alle diese Würden , aber es war so lange her , seit er Ämter bekleidet hatte , daß diese Benennungen kaum mehr verständlich waren . Mir schien es überhaupt , als ob an seiner in gewissen Momenten so scharfen und doch immer wieder aufgelösten Persönlichkeit kein bestimmter Name haften könne . Ich konnte mich nie entschließen , ihn Großvater zu nennen , obwohl er bisweilen freundlich zu mir war , ja mich sogar zu sich rief , wobei er meinem Namen eine scherzhafte Betonung zu geben versuchte . Übrigens zeigte die ganze Familie ein aus Ehrfurcht und Scheu gemischtes Benehmen dem Grafen gegenüber , nur der kleine Erik lebte in einer gewissen Vertraulichkeit mit dem greisen Hausherrn ; sein bewegliches Auge hatte zuzeiten rasche Blicke des Einverständnisses mit ihm , die ebensorasch von dem Großvater erwidert wurden ; auch konnte man sie zuweilen in den langen Nachmittagen am Ende der tiefen Galerie auftauchen sehen und beobachten , wie sie , Hand in Hand , die dunklen alten Bildnisse entlang gingen , ohne zu sprechen , offenbar auf eine andere Weise sich verständigend . Ich befand mich fast den ganzen Tag im Parke und draußen in den Buchenwäldern oder auf der Heide ; und es gab zum Glück Hunde auf Urnekloster , die mich begleiteten ; es gab da und dort ein Pächterhaus oder einen Meierhof , wo ich Milch und Brot und Früchte bekommen konnte , und ich glaube , daß ich meine Freiheit ziemlich sorglos genoß , ohne mich , wenigstens in den folgenden Wochen , von dem Gedanken an die abendlichen Zusammenkünfte ängstigen zu lassen . Ich sprach fast mit niemandem , denn es war meine Freude , einsam zu sein ; nur mit den Hunden hatte ich kurze Gespräche dann und wann : mit ihnen verstand ich mich ausgezeichnet . Schweigsamkeit war übrigens eine Art Familieneigenschaft ; ich kannte sie von meinem Vater her , und es wunderte mich nicht , daß während der Abendtafel fast nichts gesprochen wurde . In den ersten Tagen nach unserer Ankunft allerdings benahm sich Mathilde Brahe äußerst gesprächig . Sie fragte den Vater nach früheren Bekannten in ausländischen Städten , sie erinnerte sich entlegener Eindrücke , sie rührte sich selbst bis zu Tränen , indem sie verstorbener Freundinnen und eines gewissen jungen Mannes gedachte , von dem sie andeutete , daß er sie geliebt habe , ohne daß sie seine inständige und hoffnungslose Neigung hätte erwidern mögen . Mein Vater hörte höflich zu , neigte dann und wann zustimmend sein Haupt und antwortete nur das Nötigste . Der Graf , oben am Tisch , lächelte beständig mit herabgezogenen Lippen , sein Gesicht erschien größer als sonst , es war , als trüge er eine Maske . Er ergriff übrigens selbst manchmal das Wort , wobei seine Stimme sich auf niemanden bezog , aber , obwohl sie sehr leise war , doch im ganzen Saal gehört werden konnte ; sie hatte etwas von dem gleichmäßigen unbeteiligten Gang einer Uhr ; die Stille um sie schien eine eigene leere Resonanz zu haben , für jede Silbe die gleiche . Graf Brahe hielt es für eine besondere Artigkeit meinem Vater gegenüber , von dessen verstorbener Gemahlin , meiner Mutter , zu sprechen . Er nannte sie Gräfin Sibylle , und alle seine Sätze schlossen , als fragte er nach ihr . Ja es kam mir , ich weiß nicht weshalb , vor , als handle es sich um ein ganz junges Mädchen in Weiß , das jeden Augenblick bei uns eintreten könne . In demselben Tone hörte ich ihn auch von » unserer kleinen Anna Sophie « reden . Und als ich eines Tages nach diesem Fräulein fragte , das dem Großvater besonders lieb zu sein schien , erfuhr ich , daß er des Großkanzlers Conrad Reventlow Tochter meinte , weiland Friedrichs des Vierten Gemahlin zur linken Hand , die seit nahezu anderthalb hundert Jahren zu Roskilde ruhte . Die Zeitfolgen spielten durchaus keine Rolle für ihn , der Tod war ein kleiner Zwischenfall , den er vollkommen ignorierte , Personen , die er einmal in seine Erinnerung aufgenommen hatte , existierten , und daran konnte ihr Absterben nicht das geringste ändern . Mehrere Jahre später , nach dem Tode des alten Herrn , erzählte man sich , wie er auch das Zukünftige mit demselben Eigensinn als gegenwärtig empfand . Er soll einmal einer gewissen jungen Frau von ihren Söhnen gesprochen haben , von den Reisen eines dieser Söhne insbesondere , während die junge Dame , eben im dritten Monate ihrer ersten Schwangerschaft , fast besinnungslos vor Entsetzen und Furcht neben dem unablässig redenden Alten saß . Aber es begann damit , daß ich lachte . Ja ich lachte laut und ich konnte mich nicht beruhigen . Eines Abends fehlte nämlich Mathilde Brahe . Der alte , fast ganz erblindete Bediente hielt , als er zu ihrem Platze kam , dennoch die Schüssel anbietend hin . Eine Weile verharrte er so ; dann ging er befriedigt und würdig und als ob alles in Ordnung wäre weiter . Ich hatte diese Szene beobachtet , und sie kam mir , im Augenblick da ich sie sah , durchaus nicht komisch vor . Aber eine Weile später , als ich eben einen Bissen in den Mund steckte , stieg mir das Gelächter mit solcher Schnelligkeit in den Kopf , daß ich mich verschluckte und großen Lärm verursachte . Und trotzdem diese Situation mir selber lästig war , trotzdem ich mich auf alle mögliche Weise anstrengte , ernst zu sein , kam das Lachen stoßweise immer wieder und behielt völlig die Herrschaft über mich . Mein Vater , gleichsam um mein Benehmen zu verdecken , fragte mit seiner breiten gedämpften Stimme : » Ist Mathilde krank ? « Der Großvater lächelte in seiner Art und antwortete dann mit einem Satze , auf den ich , mit mir selber beschäftigt , nicht achtgab und der etwa lautete : Nein , sie wünscht nur , Christinen nicht zu begegnen . Ich sah es also auch nicht als die Wirkung dieser Worte an , daß mein Nachbar , der braune Major , sich erhob und , mit einer undeutlich gemurmelten Entschuldigung und einer Verbeugung gegen den Grafen hin , den Saal verließ . Es fiel mir nur auf , daß er sich hinter dem Rücken des Hausherrn in der Tür nochmals umdrehte und dem kleinen Erik und zu meinem größten Erstaunen plötzlich auch mit winkende und nickende Zeichen machte , als forderte er uns auf , ihm zu folgen . Ich war so überrascht , daß mein Lachen aufhörte , mich zu bedrängen . Im übrigen schenkte ich dem Major weiter keine Aufmerksamkeit ; er war mir unangenehm , und ich bemerkte auch , daß der kleine Erik ihn nicht beachtete . Die Mahlzeit schleppte sich weiter wie immer , und man war gerade beim Nachtisch angelangt , als meine Blicke von einer Bewegung ergriffen und mitgenommen wurden , die im Hintergrund des Saales , im Halbdunkel , vor sich ging . Dort war nach und nach eine , wie ich meinte , stets verschlossene Türe , von welcher man mir gesagt hatte , daß sie in das Zwischengeschoß führe , aufgegangen , und jetzt , während ich mit einem mir ganz neuen Gefühl von Neugier und Bestürzung hinsah , trat in das Dunkel der Türöffnung eine schlanke , hellgekleidete Dame und kam langsam auf uns zu . Ich weiß nicht , ob ich eine Bewegung machte oder einen Laut von mir gab , der Lärm eines umstürzenden Stuhles zwang mich , meine Blicke von der merkwürdigen Gestalt abzureißen , und ich sah meinen Vater , der aufgesprungen war und nun , totenbleich im Gesicht , mit herabhängenden geballten Händen , auf die Dame zuging . Sie bewegte sich indessen , von dieser Szene ganz unberührt , auf uns zu , Schritt für Schritt , und sie war schon nicht mehr weit von dem Platze des Grafen , als dieser sich mit einem Ruck erhob , meinen Vater beim Arme faßte , ihn an den Tisch zurückzog und festhielt , während die fremde Dame , langsam und teilnahmlos , durch den nun freigewordenen Baum vorüberging , Schritt für Schritt , durch unbeschreibliche Stille , in der nur irgendwo ein Glas zitternd klirrte , und in einer Tür der gegenüberliegenden Wand des Saales verschwand . In diesem Augenblick bemerkte ich , daß es der kleine Erik war , der mit einer tiefen Verbeugung diese Türe hinter der Fremden schloß . Ich war der einzige , der am Tische sitzengeblieben war ; ich hatte mich so schwer gemacht in meinem Sessel , mir schien , ich könnte allein nie wieder auf . Eine Weile sah ich , ohne zu sehen . Dann fiel mir mein Vater ein , und ich gewahrte , daß der Alte ihn noch immer am Arme festhielt . Das Gesicht meines Vaters war jetzt zornig , voller Blut , aber der Großvater , dessen Finger wie eine weiße Kralle meines Vaters Arm umklammerten , lächelte sein maskenhaftes Lächeln . Ich hörte dann , wie er etwas sagte , Silbe für Silbe , ohne daß ich den Sinn seiner Worte verstehen konnte . Dennoch fielen sie mir tief ins Gehör , denn vor etwa zwei Jahren fand ich sie eines Tages unten in meiner Erinnerung , und seither weiß ich sie . Er sagte : » Du bist heftig , Kammerherr , und unhöflich . Was läßt du die Leute nicht an ihre Beschäftigungen gehn ? « » Wer ist das ? « schrie mein Vater dazwischen . » Jemand , der wohl das Recht hat , hier zu sein . Keine Fremde . Christine Brahe . « - Da entstand wieder jene merkwürdig dünne Stille , und wieder fing das Glas an zu zittern . Dann aber riß sich mein Vater mit einer Bewegung los und stürzte aus dem Saale . Ich hörte ihn die ganze Nacht in seinem Zimmer auf und ab gehen ; denn auch ich konnte nicht schlafen . Aber plötzlich gegen Morgen erwachte ich doch aus irgend etwas Schlafähnlichem und sah mit einem Entsetzen , das mich bis ins Herz hinein lähmte , etwas Weißes , das an meinem Bette saß . Meine Verzweiflung gab mir schließlich die Kraft , den Kopf unter die Decke zu stecken , und dort begann ich aus Angst und Hülflosigkeit zu weinen . Plötzlich wurde es kühl und hell über meinen weinenden Augen ; ich drückte sie , um nichts sehen zu müssen , über den Tränen zu . Aber die Stimme , die nun von ganz nahe auf mich einsprach , kam lau und süßlich an mein Gesicht , und ich erkannte sie : es war Fräulein Mathildes Stimme . Ich beruhigte mich sofort und ließ mich trotzdem , auch als ich schon ganz ruhig war , immer noch weiter trösten ; ich fühlte zwar , daß diese Güte zu weichlich sei , aber ich genoß sie dennoch und meinte sie irgendwie verdient zu haben . » Tante « , sagte ich schließlich und versuchte in ihrem zerflossenen Gesicht die Züge meiner Mutter zusammenzufassen : » Tante , wer war die Dame ? « » Ach « , antwortete das Fräulein Brahe mit einem Seufzer , der mir komisch vorkam , » eine Unglückliche , mein Kind , eine Unglückliche . « Am Morgen dieses Tages bemerkte ich in einem Zimmer einige Bediente , die mit Packen beschäftigt waren . Ich dachte , daß wir reisen würden , ich fand es ganz natürlich , daß wir nun reisten . Vielleicht war das auch meines Vaters Absicht . Ich habe nie erfahren , was ihn bewog , nach jenem Abend noch auf Urnekloster zu bleiben . Aber wir reisten nicht . Wir hielten uns noch acht Wochen oder neun in diesem Hause auf , wir ertrugen den Druck seiner Seltsamkeiten , und wir sahen noch dreimal Christine Brahe . Ich wußte damals nichts von ihrer Geschichte . Ich wußte nicht , daß sie vor langer , langer Zeit in ihrem zweiten Kindbett gestorben war , einen Knaben gebärend , der zu einem bangen und grausamen Schicksal heranwuchs , - ich wußte nicht , daß sie eine Gestorbene war . Aber mein Vater wußte es . Hatte er , der leidenschaftlich war und auf Konsequenz und Klarheit angelegt , sich zwingen wollen , in Fassung und ohne zu fragen , dieses Abenteuer auszuhalten ? Ich sah , ohne zu begreifen , wie er mit sich kämpfte , ich erlebte es , ohne zu verstehen , wie er sich endlich bezwang . Das war , als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen . Dieses Mal war auch Fräulein Mathilde zu Tische erschienen ; aber sie war anders als sonst . Wie in den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie unaufhörlich ohne bestimmten Zusammenhang und fortwährend sich verwirrend , und dabei war eine körperliche Unruhe in ihr , die sie nötigte , sich beständig etwas am Haar oder am Kleide zu richten , - bis sie unvermutet mit einem hohen klagenden Schrei aufsprang und verschwand . In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkürlich nach der gewissen Türe , und wirklich : Christine Brahe trat ein . Mein Nachbar , der Major , machte eine heftige , kurze Bewegung , die sich in meinen Körper fortpflanzte , aber er hatte offenbar keine Kraft mehr , sich zu erheben . Sein braunes , altes , fleckiges Gesicht wendete sich von einem zum andern , sein Mund stand offen , und die Zunge wand sich hinter den verdorbenen Zähnen ; dann auf einmal war dieses Gesicht fort , und sein grauer Kopf lag auf dem Tische , und seine Arme lagen wie in Stücken darüber und darunter , und irgendwo kam eine welke , fleckige Hand hervor und bebte . Und nun ging Christine Brahe vorbei , Schritt für Schritt , langsam wie eine Kranke , durch unbeschreibliche Stille , in die nur ein einziger wimmernder Laut hineinklang wie eines alten Hundes . Aber da schob sich links von dem großen silbernen Schwan , der mit Narzissen gefüllt war , die große Maske des Alten hervor mit ihrem grauen Lächeln . Er hob sein Weinglas meinem Vater zu . Und nun sah ich , wie mein Vater , gerade als Christine Brahe hinter seinem Sessel vorüberkam , nach seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres eine Handbreit über den Tisch hob . Und noch in dieser Nacht reisten wir . Bibliothèque Nationale . Ich sitze und lese einen Dichter . Es sind viele Leute im Saal , aber man spürt sie nicht . Sie sind in den Büchern . Manchmal bewegen sie sich in den Blättern , wie Menschen , die schlafen und sich umwenden zwischen zwei Träumen . Ach , wie gut ist es doch , unter lesenden Menschen zu sein . Warum sind sie nicht immer so ? Du kannst hingehen zu einem und ihn leise anrühren : er fühlt nichts . Und stößt du einen Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich , so nickt er nach der Seite , auf der er deine Stimme hört , sein Gesicht wendet sich dir zu und sieht dich nicht , und sein Haar ist wie das Haar eines Schlafenden . Wie wohl das tut . Und ich sitze und habe einen Dichter . Was für ein Schicksal . Es sind jetzt vielleicht dreihundert Leute im Saale , die lesen ; aber es ist unmöglich , daß sie jeder einzelne einen Dichter haben . ( Weiß Gott , was sie haben . ) Dreihundert Dichter giebt es nicht . Aber sieh nur , was für ein Schicksal , ich , vielleicht der armsäligste von diesen Lesenden , ein Ausländer : ich habe einen Dichter . Obwohl ich arm bin . Obwohl mein Anzug , den ich täglich trage , anfängt , gewisse Stellen zu bekommen , obwohl gegen meine Schuhe sich das und jenes einwenden ließe . Zwar mein Kragen ist rein , meine Wäsche auch , und ich könnte , wie ich bin , in eine beliebige Konditorei gehen , womöglich auf den großen Boulevards , und könnte mit meiner Hand getrost in einen Kuchenteller greifen und etwas nehmen . Man würde nichts Auffälliges darin finden und mich nicht schelten und hinausweisen , denn es ist immerhin eine Hand aus den guten Kreisen , eine Hand , die vier- bis fünfmal täglich gewaschen wird . Ja , es ist nichts hinter den Nägeln , der Schreibfinger ist ohne Tinte , und besonders die Gelenke sind tadellos . Bis dorthin waschen arme Leute sich nicht , das ist eine bekannte Tatsache . Man kann also aus ihrer Reinlichkeit gewisse Schlüsse ziehen . Man zieht sie auch . In den Geschäften zieht man sie . Aber es giebt doch ein paar Existenzen , auf dem Boulevard Saint-Michel zum Beispiel und in der rue Racine , die lassen sich nicht irremachen , die pfeifen auf die Gelenke . Die sehen mich an und wissen es . Die wissen , daß ich eigentlich zu ihnen gehöre , daß ich nur ein bißchen Komödie spiele . Es ist ja Fasching . Und sie wollen mir den Spaß nicht verderben ; sie grinsen nur so ein bißchen und zwinkern mit den Augen . Kein