Sicherheit und Nachhaltigkeit dieser Wirkung war ihnen schier unbegreiflich . Sie erkannten die unendliche Größe der göttlichen Liebe , welche sich in diesem Geschenke des Himmels an das Geschlecht der Menschen offenbarte . Sie hörten das Wort Medizin zum ersten Male , und sie verbanden mit ihm den Begriff des Wunders , des Segens , der göttlichen Liebe und des für die Menschen unbegreiflichen Geheimwirkens in heiligster Verborgenheit . Kurz , der Ausdruck » Medizin « wurde für sie gleichbedeutend mit dem Worte Mysterium . Sie nahmen die Benennung » Medizin « in alle ihre Sprachen und Dialekte auf . Alles , was mit ihrer Religion , ihrem Glauben und ihrem Forschen nach ewigen Dingen in Beziehung stand , wurde als » Medizin « bezeichnet . Ebenso auch alle diejenigen Tatsachen europäischer Wissenschaft und europäischer Zivilisation , die sie nicht begreifen konnten , weil sie weder die Anfänge noch die Entwickelungen derselben kannten . Sie waren aufrichtig und ehrlich genug , unumwunden zuzugeben , daß die Vorzüge der Bleichgesichter zahlreicher und größer seien als diejenigen der roten Männer . Sie trachteten , den ersteren nachzueifern . Sie nahmen von ihnen vieles Gute , leider aber auch vieles Böse an . Sie waren so kindlich und so naiv , so manches , was bei den Weißen nur auf dem Fuße des Gewöhnlichen oder gar des Niedrigen stand , für ungewöhnlich , für hoch , für heilig zu halten und sich für immer anzueignen , ohne vorher zu prüfen und ohne zu fragen , welche Folgen das bringen werde . So nahmen sie auch das Wort » Medizin « bei sich auf und bezeichneten damit ihr Allerhöchstes und Allerheiligstes , ohne zu wissen , daß sie grad dieses Höchste und Heiligste damit beleidigten und entwürdigten . Denn zu der Zeit , als sie dies taten , hatte der Ausdruck Medizin nicht etwa den guten , ehrenden Klang wie heut . Er besaß den starken Beigeschmack von Hokuspokus , Quacksalberei und Windbeutelei , und als die Indianer in ihrer Unbefangenheit die Träger ihrer allerdings noch bei den Anfängen stehenden Theologie und Wissenschaft als » Medizinmänner « bezeichneten , ahnten sie nicht , daß sie damit den bisherigen guten Ruf dieser Leute für immer vernichteten . Wie hoch diese letzteren standen , ehe sie Gelegenheit hatten , die » Zivilisation « der Weißen kennen zu lernen , ersehen wir heutigen Tages erst nach und nach , indem wir unsere Forschung tiefer und tiefer in die Vergangenheit der amerikanischen Rasse hinuntersteigen lassen . Diese Vergangenheit zeigt uns zahlreiche Punkte , auf denen die Völker Amerikas auf gleicher Stufe mit den Weißen standen . Alles , was bei jenen Völkern und in jenen Reichen Gutes , Großes und Edles geschah , entsprang jenen geistigen Quellen und den Köpfen jener Männer , welche von ihren Nachkommen später als » Medizinen « und » Medizinmänner « bezeichnet wurden . Hiermit sind Theologen , Politiker , Strategen , Astronomen , Tempelbaumeister , Maler , Bildhauer , Quipu-Entzifferer , Professoren , Aerzte , kurz , alle diejenigen Personen und Stände zusammengefaßt , durch welche die intellektuellen und ethischen Potenzen jener Zeiten sich betätigten . Es gab unter diesen später als » Medizinmänner « bezeichneten Koryphäen genau ebenso berühmte und hochberühmte Namen wie in der Entwicklungsgeschichte der asiatischen und europäischen Rassen , und sie sind nicht für immer , sondern nur für einstweilen verschollen , weil unsere Kenntnis und unser Verständnis noch nicht so weit vorgeschritten ist , jenes geschichtliche Dunkel zu erleuchten . Wenn die Medizinmänner der Gegenwart nicht mehr die Medizinmänner der Vergangenheit sind , so trägt der Indianer gewiß nicht allein die Schuld daran . Die geistige Elite der Inkas , der Tolteken und Azteken , also die » Medizinpflegerschaft « der Peruaner und Mexikaner , stand gewiß nicht auf einem sehr viel niedrigeren Niveau als die Abenteurer eines Cortez und Pizarro , und wenn diese damalige Höhe sich infolge der spanischen Invasion zur heutigen Tiefe neigte , so daß wir jetzt die Indianer einfach und kurzerhand als » Wilde « bezeichnen , so brauchen wir uns nicht darüber zu wundern , daß auch ihre Medizinmänner mit herabgekommen sind . Sie waren gezwungen , diesen Niedergang mitzumachen . Trotzdem aber sind sie noch lange nicht das , wofür wir sie halten . Ich habe noch keinen Weißen kennen gelernt , der von irgend einem Medizinmann in seine Geheimnisse und Anschauungen eingeweiht worden ist oder der wenigstens die Symbolik der betreffenden Gebräuche derart begreift , wie sie begriffen werden muß , ehe man behaupten kann , über sie sprechen oder gar schreiben zu dürfen . Ein wirklicher Medizinmann , der es ernst mit seinem Amte und seiner Würde nimmt , gibt sich nie zu Schaustellungen her . Die sogenannten Medizinmänner der von Zeit zu Zeit hier bei uns herumvagabundierenden Völkerwiesenindianer sind alles andere , aber nur keine wirklichen Medizinmänner , und an ihren Verrenkungen , Sprüngen und sonstigen Possen würde ein solch letzterer gewiß ebensowenig teilnehmen , wie zum Beispiel bei uns ein ernstgesinnter Gottes- oder Weltgelehrter auf den Gedanken kommen könnte , auf einem Jahrmarkt oder Vogelschießen für Geld und öffentlich einen Schuhplattler oder einen Purzelbäumler zu tanzen . Ich bitte meine Leser , diese Ausführungen ja nicht für langweilig oder gar für überflüssig zu halten . Ich mußte das sagen , denn es gilt , von nun an gerecht zu sein und von den bisherigen Fehlern , die wir in der Psychologie der roten Rasse begingen , endlich einmal abzulassen . Wenn wir in Tatellah-Satah einen jener alten , hochstehenden Medizinmänner der Vergangenheit kennen lernen , die wie Säulen im Bilde eines Tagesscheidens stehen , so war ich als gewissenhafter und wahrheitstreuer Zeichner verpflichtet , den forschenden Blick auf die Betrachtung dieses Gemäldes vorzubereiten . Der geheimnisvolle Mann , von dem ich mit so großer Hochachtung spreche , war nicht etwa mein Freund gewesen , o nein ! Aber ja auch nicht mein Feind ! Er war überhaupt keines Menschen Feind . Sein Denken und Fühlen war absolut gerecht und absolut human , sein Handeln ebenso . Aber wie er zu mir stand , das war noch schlimmer und noch niederdrückender , als wenn er mein Feind gewesen wäre . Ich war nämlich für ihn gar nicht vorhanden . Er übersah mich vollständig . Warum ? Weil er mich seit dem Tage , an welchem der Vater und die Schwester meines Winnetou ermordet worden waren , als ihren eigentlichen Mörder betrachtete . Sie war aus eigenem Wunsch und auf Wunsch ihres ganzen Stammes zu meiner Frau bestimmt gewesen , ich aber hatte sie abgewiesen . Sie hieß Nscho-tschi , und sie trug diesen Namen mit Recht . Nscho-tschi heißt auf deutsch » Schöner Tag « , und als sie starb , ging eine helltagende , schöne Hoffnung der Apatschen mit ihr aus dem Leben , besonders eine liebe , große Hoffnung des alten Medizinmannes Tatellah-Satah . Sie war für ihn die schönste und beste Tochter sämtlicher Apatschenstämme , und er behauptete , daß sie damals nicht erschossen worden wäre , wenn ich mich nicht abweisend , sondern entgegenkommend verhalten hätte . Ich gab dies zwar unumwunden zu , fühlte mich aber von jedem Selbstvorwurf so vollständig frei , als ob die liebe , aufopferungsvolle Freundin heut noch lebte . Sie hatte nach dem Osten gewollt , um sich eine höhere Bildung anzueignen , und war unterwegs mit Intschu tschuna , ihrem Vater , erschossen worden , um beraubt zu werden . Nie war es Winnetou , ihrem Bruder , eingefallen , deshalb , weil sie diese Reise meinetwegen unternommen hatte , auch nur den Schatten einer Anklage gegen mich zu richten ; Tatellah-Satah aber hatte mich dafür aus seinem Buch , aus seinem Leben und aus allen seinen Berechnungen gestrichen , und zwar für immer und ewig , wie es schien . Er wohnte seit Menschengedenken in größter Einsamkeit hoch oben im Gebirge . Nur Häuptlinge durften sich ihm nahen , und auch das so selten wie möglich . Es mußte sich um Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit handeln , ehe jemand die Erlaubnis bekam , zu ihm emporzusteigen . Nur Winnetou , sein ganz besonderer Liebling , durfte kommen , so oft es ihm beliebte . Ihm wurde jeder Wunsch erfüllt , dessen Erfüllung überhaupt möglich war , aber nur der eine nicht , den er oft vergebens äußerte , nämlich der , mich einmal mitbringen zu dürfen . Und nun jetzt , nach so langer Zeit , auf einmal diese dringende Einladung ! Das konnte nur sehr ernste und sehr gewichtige Gründe haben , Gründe , die keine gewöhnlichen und alltäglichen Ziele verfolgten , sondern sich auf Besseres und Wertvolleres bezogen , als ich jetzt , da ich seinen Brief soeben erst erhalten hatte , schon zu durchschauen vermochte . Aber es stand nun fest , daß ich hinüberging und daß ich zur rechten Zeit auf dem Nugget-tsil eintreffen würde , um die mir bezeichnete Blaufichte zu mir sprechen zu lassen . Und ebenso bestimmt war es , daß das Herzle mich begleitete . Als sie das hörte , jubelte sie nicht etwa auf , sondern sie zeigte mir ganz im Gegenteile ihr ernsthaftestes Gesicht . Sie dachte an die Anstrengungen einer solchen Reise und an die Gefahren eines solchen Rittes durch den Westen . Denn daß die von nah und fern herbeieilenden vielen Häuptlinge sich nicht der Eisenbahn bedienen würden , verstand sich ganz von selbst ; das war überhaupt schon durch die Heimlichkeit , mit der Alles zu geschehen hatte , ausgeschlossen . Aber sie dachte , indem sie von diesen Anstrengungen und Gefahren sprach , nicht an sich selbst , sondern nur an mich . Es gelang mir jedoch sehr leicht , sie zu überzeugen , daß man jetzt zwar noch von einem » Westen « , aber schon längst nicht mehr von einem » wilden Westen « sprechen könne und daß ein solcher Ritt für mich nur eine Erholung , nicht aber eine Beschwerde sei . Was sie selbst betrifft , so war sie gesund , mutig , geschickt , ausdauernd und frugal genug , um mich begleiten zu können . Sie beherrschte die englische Sprache , und sie hatte durch das fleißige Zusammenstudieren und Zusammenarbeiten mit mir sich so ganz nebenbei auch eine Menge indianischer Worte und Redensarten angeeignet , die ihr zustatten kommen mußten . Auch was das Reiten betrifft , so war ihr unser letzter längerer Aufenthalt im Orient eine gute Lehrzeit gewesen . Sie hatte sich da ganz geschickt benommen und nicht nur Pferde , sondern auch Kamele gut zu behandeln gelernt . Und wie stets und überall , so zeigte sie sich auch hier als klug berechnende , wirtschaftlich vorausschauende Hausfrau . Ich hatte von einigen amerikanischen Verlagsbuchhändlern Offerten erhalten , die sich auf die Herausgabe meiner Werke in englischer Sprache für da drüben bezogen . Diese Herren sollte ich , so meinte das Herzle , bei dieser Gelegenheit persönlich aufsuchen , um , falls sie auf meine Bedingungen eingingen , mit ihnen bequemer abschließen zu können , als es aus der Ferne und brieflich möglich war . Um die Deckelbilder vorzeigen zu können , machte sie sich von den Originalen derselben photographische Kopien im Großformat , die ihr sehr gut gelangen , denn das Herzle versteht das Photographieren viel , viel besser als ich . Am besten gelang ihr der Sascha Schneidersche zum Himmel aufstrebende Winnetou . Von demselben Künstler besitze ich auch zwei prächtige , ergreifende Porträts von Abu Kital , dem Gewaltmenschen , und Marah Durimeh , der Menschheitsseele . Auch diese beiden , die für die nächsten Bände bestimmt sind , wurden photographiert , um mitgenommen zu werden , und zwar nicht auf Karton , sondern unaufgezogen , also so dünn , daß sie im Koffer fast gar keinen Raum einnahmen und zusammengerollt oder zusammengebrochen in die Rocktasche gesteckt werden konnten . Ich bitte , auch diese rein geschäftlichen Bemerkungen nicht für langweilig oder gar für überflüssig zu halten . Man wird im Verlaufe der Erzählung sehen , daß einige dieser Bilder eine nicht gewöhnliche Wichtigkeit in der Kette der Ereignisse erhielten . Wer mich kennt , der weiß , daß es für mich keinen » Zufall « gibt . Ich führe Alles , was geschieht , auf einen höhlen Willen zurück , mag man diesen Willen als Gott , als Schicksal , als Fügung oder sonst irgendwie bezeichnen . Diese Fügung waltete auch hier , deß bin ich überzeugt . Die Buchhändlerofferten verliefen und zerrannen später zu nichts ; ich fand gar keine Zeit , diese Herren aufzusuchen . Ihr Zweck war nur , den Anstoß zu dem Gedanken zu bilden , die Buchdeckel zu kopieren und diese Abzüge mitzunehmen . Noch klarer und noch deutlicher trat dieser Schicksalszweck bei einer andern Verlagsofferte hervor , die mir aber nicht schriftlich , sondern mündlich gemacht wurde , und zwar auffälligerweise genau zu derselben Zeit und auch von einem Amerikaner . Besonders beachtenswert sind hierbei die Nebenumstände , durch welche der Gedanke , es nur mit einem Zufall zu tun zu haben , vollständig ausgeschlossen wurde . Ich habe hier in Dresden einen Freund , der ein viel in Anspruch genommener Arzt und Psychiater ist . Besonders auf dem letzteren Gebiete hat er ganz bedeutende Erfolge errungen . Er wird da als Autorität bezeichnet und von Fremden nicht weniger als von Einheimischen zu Rate gezogen . Dresden ist bekanntlich eine vielbesuchte Fremdenstadt . Bei einem Besuche , den dieser Freund uns machte , nicht etwa Sonntags , wo er frei war , sondern mitten in der Woche , und zwar abends spät , als zu einer Zeit , in der wir noch niemals von ihm aufgesucht worden waren , kam die Rede auf unsern Entschluß , mit dem Norddeutschen Lloyd nach New York zu fahren . » Etwa um Nuggets zu holen ? « fragte er so schnell , als ob er nur auf diese unsere Mitteilung gewartet hätte . » Wie kommen Sie grad auf Nuggets ? « antwortete ich . » Weil ich heut eines gesehen habe . Es war so groß wie ein Taubenei und wurde , als Berloque gefaßt , an der Uhrkette getragen , « antwortete er . » Von wem ? « » Von einem Amerikaner , der mir übrigens noch viel interessanter war als dieses sein Klümpchen Gold . Er sagte mir , er sei nur für zwei Tage hier , und erbat sich mein Gutachten in einer Angelegenheit , die für jeden Psychologen , also auch für Sie , mein lieber Freund , ein Fall allerersten Ranges ist . « » Wieso ? « » Es handelte sich um den in einer Familie sich vererbenden Zwang zum Selbstmord , einen Zwang , der unbedingt sämtliche Glieder der Familie ergreift , ohne auch nur ein einziges zu verschonen , und bei dem Einzelnen ganz leise , leise beginnt , um nach und nach an Stärke zu wachsen , bis er unwiderstehlich wird . « » Ich hörte schon von solchen Fällen und lernte einen derart Belasteten sogar persönlich kennen . Es war noch dazu ein Schiffsarzt , mit dem ich von Suez nach Ceylon fuhr . Wir verbrachten eine ganze , helldunkle Sternennacht auf dem Oberdeck über psychologische Fragen . Da gewann er Vertrauen zu mir und teilte mir mit , was er sonst Keinem sagte . Ein Bruder und eine Schwester hatten sich bereits das Leben genommen ; der Vater ebenso . Die Mutter war vor Gram und Angst gestorben . Eine zweite Schwester schickte ihm jetzt während seiner Auslandstour Briefe nach , daß sie dem unglückseligen Drange unmöglich länger widerstehen könne , und er selbst war nur deshalb Arzt geworden , um , falls kein Anderer helfen könne , vielleicht selbst den Weg der Rettung zu finden . « » Was ist aus ihm und seiner Schwester geworden ? « » Das weiß ich nicht . Er versprach mir , zu schreiben und mir seine heimatliche Adresse anzugeben , hat dies aber nicht getan . Er war Oesterreicher . Stand es mit diesem Ihrem Amerikaner ebenso traurig ? « » Ob mit ihm selbst , kann ich nicht sagen . Er nannte keine Namen , auch den seinigen nicht , und tat so , als ob er nur von Bekannten spreche , nicht aber von seiner eigenen Familie . Aber der Eindruck , den er auf mich machte , war ein solcher , daß ich ihn für persönlich beteiligt halte . Er hatte so unendlich traurige Augen . Er schien ein guter Mensch zu sein , und es tat mir wirklich aufrichtig leid , ihm keine sichere Hilfe in Aussicht stellen zu können . « » Aber doch wenigstens Trost ? « » Ja , Rat und Trost . Aber denken Sie sich so eine Fülle von Unheil : Die Mutter hatte Gift genommen . Der Vater war spurlos verschwunden . Von fünf Kindern , die lauter Söhne waren , lebten nur noch zwei . Sie alle sind verheiratet gewesen , aber von ihren Frauen verlassen worden , weil bei ihren Kindern der Drang zum Selbstmord schon im Alter von neun oder zehn Jahren eingetreten ist und sich derart schnell entwickelt hat , daß nur ein einziges von ihnen das Alter von sechzehn Jahren erreichte . « » Sie sind also alle tot ? « » Ja , alle . Nur die erwähnten beiden Brüder leben noch . Aber sie kämpfen mit dem Mordzwange Tag und Nacht , und ich glaube nicht , daß einer von ihnen so stark sein wird , diesen Dämon in sich zu besiegen . « » Schrecklich ! « » Ja , schrecklich ! Aber ebenso rätselhaft wie schrecklich ! Dieser unglückselige Drang existiert nämlich nur erst in der zweiten Generation ; vorher war er nicht vorhanden . Leider konnte mir nicht gesagt werden , bei wem er sich zuerst äußerte , ob bei der an Gift gestorbenen Mutter oder bei dem verschollenen Vater . Auch erfuhr ich nicht , ob diese Krankheit etwa seit irgend einem Ereignisse datiert , welches mit großen oder gar unheilvollen seelischen Erschütterungen verbunden war . Das würde doch wenigstens einen Anhalt geben . So aber mußte ich mich darauf beschränken , anstrengende Arbeit für Körper und Geist anzuraten , treue Pflichterfüllung , die mit heiterer , aber ja nicht niedriger Zerstreuung abzuwechseln hat , und vor allen Dingen fortwährende Uebung und Weiterstählung der Charakter- und Willenskräfte , auf die es hier in diesem Falle am meisten anzukommen hat . « » Haben Sie den Stand dieser unglücklichen Familie erfahren ? « » Ja . Das war ja eine der Hauptfragen , die ich vorzulegen hatte . Der verschollene Vater war Westmann , Squatter , Trapper , Goldsucher und sonst alles Derartige gewesen und hat von Zeit zu Zeit das , was er dabei erübrigte , heimgebracht . Das sind oft ganz ansehnliche Summen gewesen . Er hat die Manie gehabt , Millionär werden zu wollen . Das wurde zwar nicht erreicht , aber reich , ziemlich reich ist die Familie doch geworden . Die fünf Brüder vereinigten sich zu einem Großgeschäft in Pferden , Rindern , Schafen und Schweinen - - « » Sie hatten also wohl viel mit den großen Schlächtereien zu tun ? « unterbrach ich ihn . » Allerdings . « » Das konnte bei dieser Veranlagung nur schädlich sein , sehr schädlich ! « » Unbedingt ! Massentötung von Schlachtvieh ! Warmer Blutdunst ! Immerwährender Fleisch- oder gar Kadavergeruch ! Hieraus folgende Verhärtung des Mitgefühles ! Förmliche Auffütterung und Anmästung jenes innerlichen Dämons ! Ich habe das dem Amerikaner ganz offen gesagt und ihn gewarnt . Da teilte er mir mit , daß er das gar wohl gefühlt habe und darum für die beiden Brüder der Ratgeber und Helfer gewesen sei , das Geschäft zu verkaufen . Das sei im vorigen Jahr geschehen , doch ohne daß sich hierauf eine Veränderung oder gar Verringerung des Leidens eingestellt habe . - Doch , da unterhalte ich Sie noch am späten Abend mit Dingen , die Ihnen und mir nur die Nachtruhe verderben können . Ich bitte um Verzeihung und bin so pfiffig , mich , um nicht von Ihnen fortgewiesen zu werden , jetzt selbst hinauszuwerfen . Schlafen Sie wohl ! « Er brach so kurz ab und entfernte sich so schnell , wie es sonst seine Art gar nicht war . Genau ebenso verhielt es sich überhaupt mit seinem heutigen Kommen . Es war , als habe er uns so ganz außerhalb der gewohnten Zeit nur deshalb aufgesucht , um uns auf diesen Amerikaner aufmerksam zu machen . Das Herzle hatte dasselbe Gefühl wie ich . » Er ist mir heut gar nicht wie ein besuchender Freund , sondern wie ein Bote vorgekommen , « sagte sie . » Sollte es mit diesem Yankee irgendeine Bewandtnis haben , die auch uns angeht ? So darf ich freilich nur dich fragen , nicht aber Andere , die es für selbstverständlich halten würden , mich auszulachen ! « Ich gab ihr Recht . Aber siehe da : Am nächsten Vormittag , zur Besuchszeit , so um elf Uhr , saß ich bei der Arbeit . Da hörte ich die Hausglocke . Es wurde Jemand eingelassen . Ich hatte gesagt , daß ich heut absolut für Niemand zu sprechen sei . Dennoch kam nach einiger Zeit das Herzle zu mir herauf , legte eine Visitenkarte vor mich hin und sagte : » Verzeih ! Ich kann nicht anders ; ich muß dich doch unterbrechen ! Es ist gar zu sonderbar - du wirst dich wundern . « Ich warf einen Blick auf die Karte . » Hariman F. Enters « stand darauf , nur dieser Name , weiter nichts . Ich sah das Herzle erwartungsvoll an . » Ja , es ist wirklich erstaunlich , « nickte sie . » Er hat das taubeneigroße Nugget an der Uhrkette . « » Wirklich ? - Wirklich ? « » Ja ! Und die ganz auffallend traurigen Augen sind auch da ! « » Und was will er ? « » Mit dir reden . « » Ich habe keine Zeit . Hast du ihm das gesagt ? Er mag wiederkommen ! « » Er muß noch heut fort , sonst versäumt er das Schiff . Er sagt , er gehe nicht fort , ohne mit dir gesprochen zu haben . Er bleibe sitzen , bis du kommst . Du sollst ihm sagen , was die Zeit kostet , die du dadurch versäumst ; er werde sofort bezahlen . « » Das ist amerikanischer Unsinn ! Hat er dir gesagt , was er ist ? « » Verlagsbuchhändler . Er scheint kein Wort Deutsch sprechen zu können . Er will dir den Winnetou abkaufen . « » Hast du ihm hierauf vielleicht schon Bescheid gegeben ? « » Ich teilte ihm mit , daß wir schon ähnliche Offerten von drüben bekommen haben und nächstens mit dem Lloyd hinübergehen werden , um das zu erledigen . « » Du , Herzle , das war nicht sehr gescheit von dir ! « » Warum nicht ? « » Wer nach dem Westen gehen will , der hat sich vor allen Dingen in der Schweigsamkeit zu üben , ganz gleich , ob es da drüben noch wild zugeht oder nicht . « » Aber wir sind ja noch gar nicht drüben ! « » Ich habe gesagt , schon wenn man hinüber will , verstanden , will ! Uebrigens brauchen wir , um schweigsam sein zu müssen , gar nicht erst hinüber , denn er ist schon hier hüben bei uns . « » Wo ? « » Unten bei dem Amerikaner . Dieser Mr. Hariman F. Enders ist der amerikanische Westen . « » Meinst du ? « » Gewiß ! Du wirst bald sehen , daß dies richtig ist . Mag er sein , wer er will , und mag er wollen , was er will , wir spielen jetzt Amerika . Er ist gekommen , sich bei uns anzuschleichen . Drehen wir den Spieß um ! Geh jetzt hinab und sag , daß ich kommen werde ; aber teile ihm nicht mehr mit . Sprich mit ihm überhaupt so wenig wie möglich ! « Sie ging , und ich folgte ihr nach einiger Zeit nach . Mr. Enters war ein wohlgebauter , glattrasierter Mann im Alter von ungefähr vierzig Jahren . Er machte einen wohlwollenerweckenden Eindruck , ohne grad das Benehmen eines hochgebildeten Mannes zu zeigen . Er trat bescheiden auf , war aber trotzdem dabei auch ein wenig Protz . Das von den traurigen Augen , das stimmte . Lachen schien er gar nicht zu können , und wenn er ja einmal lächelte , so machte das mehr den Eindruck der Qual als der Heiterkeit . Meine Frau stellte uns einander vor . Wir verbeugten uns und saßen uns dann einander gegenüber . Ich bat ihn , mir zu sagen , womit ich ihm dienen könne . Er antwortete , indem er fragte : » Ihr seid Old Shatterhand ? « » Man nannte mich so , « erwiderte ich . » Auch jetzt noch ? « » Höchst wahrscheinlich . « » Ihr geht nächstens wieder hinüber ? « » Ja . « » Wohin ? Bis wie weit ? « » Weiß ich noch nicht . « » Mit welchem Schiff ? « » Ist noch unbestimmt . « » Auf wie lange ? « » Das wird sich erst drüben entscheiden . « » Ihr besucht alte Bekannte ? « » Vielleicht . « » Werdet Ihr Euch mehr nach dem Norden oder nach dem Süden der Staaten wenden ? « Da stand ich von meinem Sitze auf , verbeugte mich , drehte mich um und ging nach der Tür . » Wohin wollt Ihr , Mr. May ? « rief er da hastig hinter mir her . Ich blieb stehen und antwortete : » Wieder an meine Arbeit . Ich habe Euch aufgefordert , mir mitzuteilen , was Ihr von mir wünschet . Anstatt dies zu tun , legt Ihr mir eine ganze Reihe von Fragen vor , zu denen Euch absolut kein Recht gegeben ist . Hierauf zu antworten , habe ich keine Zeit ! « » Ich habe Mrs. May gesagt , daß ich sofort bezahle , was das kostet , « warf er ein . » Das könnt Ihr nicht . Ihr seid zu arm dazu , viel zu arm ! « » Glaubt Ihr ? Mache ich wirklich einen so armen Eindruck ? Ihr irrt Euch , Sir ! « » Gewiß nicht . Denn selbst wenn Ihr Euch im Besitze von tausend Milliarden befändet , so wäret Ihr trotzdem außer Stande , sogar dem allerärmsten Teufel auch nur eine Viertelstunde der ihm von Gott gegebenen , vollständig unersetzlichen Lebenszeit zu bezahlen ! « » Wenn Ihr das so betrachtet , so mag es sein . Bitte , setzt Euch wieder nieder ! Ich werde mich so kurz wie möglich fassen . « Er wartete , bis ich diesen seinen Wunsch unter scheinbarem Zögern erfüllt hatte , und fuhr dann fort : » Ich bin Verlagsbuchhändler . Ich kenne Euern Winnetou - - - « » Sprecht und lest Ihr Deutsch ? « unterbrach ich ihn . » Nein , « antwortete er . » Wie könnt Ihr da diese Erzählung kennen ? Sie ist meines Wissens noch nicht in das Englische übersetzt . « » Sie wurde in einer mir befreundeten Familie , in welcher auch deutsch gesprochen wird , gelesen und mir zuliebe gleich während des Lesens übersetzt . Was ich da hörte , interessierte mich derart , daß ich einen jungen , stellenlosen Deutschamerikaner zu mir nahm , um sie mir in voller Muße nach und nach derart vorlesen zu lassen , daß ich Alles verstand und mir die notwendig erscheinenden Notizen machen konnte . « » Ah , Notizen ! Wozu Notizen ? « Ich bemerkte , daß diese Frage ihn in Verlegenheit brachte . Er versuchte , dies zu verbergen , und antwortete : » Natürlich nur rein literarische , als Buchhändler , selbstverständlich ! Ich habe dann auf meinen weiten Ritten durch den Westen diese Notizen bei mir gehabt und Alles , was in Euern drei Bänden steht , nachgeprüft . Darum bin ich imstande , Euch sagen zu können , daß Alles stimmt , Alles , sogar oft die geringsten Kleinigkeiten . « » Danke ! « sagte ich kurz , als er mich hierbei ansah , ob dieses Lob einen Eindruck auf mich machen werde . » Nur zwei Orte , « fuhr er fort , » konnte ich noch keiner Prüfung unterziehen , weil ich sie noch nicht aufzufinden vermochte . « » Welche , Sir ? « » Den Nugget-Tsil und das Dunkle Wasser , in welchem Sander sein wohlverdientes Ende fand . Werdet Ihr vielleicht auf Eurer jetzigen Reife an diese Stellen kommen ? « » Vielleicht , vielleicht auch nicht . Aber ich höre , daß Ihr schon wieder so überflüssige Fragen bringt , anstatt mir zu sagen , was Ihr wollt - - - ! « Ich machte Miene , wieder aufzustehen . » Bleibt sitzen , bleibt sitzen ! « rief er schnell . » Ich bin ja sofort wieder bei der Sache , oder vielmehr , ich habe mich von ihr noch gar nicht entfernt . Ich wollte Euch nur zeigen , daß ich Eure Bücher geprüft und der Uebersetzung in die englische Sprache für wert gefunden habe . « » Geprüft ? Dazu gehören lange Jahre ! « » Haben es auch , haben es auch ! « nickte er eifrig , ohne zu bemerken , daß jetzt ich der Anschleichende war . » Es hat eine sehr lange Zeit gedauert , ehe ich alle die Orte berühren konnte , um die es sich da handelte . « » Vertrug