Kurfürst Moritz war doch unser Feind . Hat er nicht Magdeburg belagert ? « » Ja , weil es der Kaiser also gewollt hat , und weil Moritz damals kaiserlicher Feldherr gewesen . Doch unser Feind war Moritz nicht . Denn nur ein Gaukelspiel ist seine Belagerung gewesen . Mit dem Scheine des Gehorsams hat er den Kaiser sicher gemacht , um dann auf einmal gegen ihn die Waffen zu kehren . « » Ei , so ist Kurfürst Moritz ja falsch und treulos gewesen . « » Das freilich , « versetzte mein Vater , » aber dem evangelischen Glauben hat er durch solch Vorgehen großen Nutzen gebracht , und denen Politicis kommt es mehr auf den Nutzen an , als auf die Treue . « Also hat schon das Herannahen meines Abschiedes von der Vaterstadt mich aus der Enge kindischer Meinung zu einem weiteren Gesichtskreis geführt . Wie erstaunte ich aber erst , als wir die Reise angetreten , und jeder Tag meiner Neugier frische Weide sattsam bescherte ! Wir fuhren große Landstraßen dahin , zumeist auf Leiterwagen , die bei schlechtem Wetter mit Leinewand bedeckt wurden . Rechts und links zogen Bäume vorbei , Wiesen und Stoppelfelder , Flüsse und Sümpfe , Gutshöfe und Windmühlen ; und wenn die eine Kirchturmspitze hinter einer Erdwelle versank , war schon die neue vorn aufgetaucht . Bald holperten unsere Räder über das Pflaster einer Stadt , bald schlichen sie mühselig durch Sand und Heide oder beklebten sich mit der schwarzen Erde feuchter Wälder . In den Einöden besorgten meine Eltern , es möchte mausend Gesindel auf der Lauer liegen . Widerfuhr uns aber keine Gewalttat , sintemalen wir gefährliche Gegenden niemals ohne bewaffnete Reisegesellschaft passierten . Wir begegneten Leuten mancher Art : Handwerksburschen und Bettlern , Bauern und Viehhirten , reisenden Kaufleuten und Soldaten , auch Bärenführern und Komödianten . Sahen bei Lohburg eines Seiltänzers Künste , manchmal einen Galgen mit Gehenketen dran , zu Wittenberg ein Blutgerüst und im Wendischen Lande eine schreckliche Balgerei bezechter Burschen . Täglich an die zehn Stunden ging die Reise . Dann waren wir so derbe durchgerüttelt , daß uns alle Glieder wehtaten . Als wir in die Lausitz kamen , fühlte sich meine Mutter elend . Und zu Wittichau mußten wir ihrethalben zween Tage im Gasthause verweilen , da sie aus kaltem Regenwetter ein Fieber davongetragen . Bei der Stadt Görlitz schimmerte durch herbstlichen Dunst ein spitzer Berg , die Landeskrone geheißen , und fröhlich sagte mein Vater : » Jetzo fanget das Gebirge an , und so Gott uns behütet , sind wir übermorgen abend am Ziele . « Ich spähete eifrig nach den Bergen aus , da es aber andauernd nebelig war , sah ich nur die nächsten Hügel . Merkte aber an Felsen und schäumenden Bächen , daß wir im Gebirge waren . Am Morgen ging es durch hohen Fichtenwald , ich nickte in Schlaf , fuhr aber bei einem Ausruf meines Vaters empor . Der Nebel war gewichen , und die Frühsonne strahlte von links ; zur Rechten hub sich eine blaue Wolkenwand , nach der meine Eltern heitern Antlitzes hinschauten . » Da haben wir das Isergebirge , Johannes , und heute abend sind wir in Hirschberg . « Nun erst erkannte ich , daß die blaue Wand wellenförmig gegliedert war und aus Bergen bestund , die höher und höher ragten , immer hellblauer gefärbt , je ferner sie waren . » Der Kegel ganz hinten ist der höchste Berg , Schneekoppe geheißen . Dorten wohnet der Herr der Berge , der verrufene Rübenzagel - doch das sind Fabulae , « sagte mein Vater . Nach einer Pause fügte er hinzu : » Der wahre Herr der Berge ist Gottes Geist ; den spürest du in den Bergen . Willst du Gott schauen , so vergiß die Berge nicht - auch nicht das Meer . « Nickend wiederholte er : » Berge und Meer ! « Zu Greifenberg angelangt , freuten wir uns der großen prächtigen Burg , die über dem Städtlein am Berge liegt als ein gewaffneter Schirmherr . Heißet der Greifenstein und ist Residenz des Freiherrn von Schaffgotsch . Als unser Wagen in der Laubaner Gasse Halt machte , kam aus dem Wirtshause , von den Schlesingern Kretscham geheißen , ein Mann , dem Aussehen nach ein Viehhändler , und fragte den Vater in seiner Mundart , die ich schwer verstund , ob er der neue Konrektor von Hirschberg sei . Drauf berichtete der Mann , daß meines Vaters Bruder , Tobias Tilesius , uns bis Hirschberg entgegengereiset sei und da bereits zween Tage im Schwarzen Rössel unserer Ankunft harre , in Sorgen , es möchte uns unterwegs ein Mißgeschick widerfahren sein . Mein Vater traktierte den Viehhändler mit einem guten Botentrunk und forschte ihn nach seinem Bruder aus . Den nennete der Viehhändler immer nur den Kräutertobias , dieweilen mein Oheim die wertvollen Gebirgskräuter sammelte und zu Markte brachte . Früher ein kunstfertiger Glasmacher und Schleifer , hatte mein Oheim sich in diesem Handwerk , das die Brust angreift und mit Glasstaube anfüllt , einen schweren Odem zugezogen und sich nun dem Laborantenwesen zugewandt . Wohnte hoch im Gebirge zu Schreiberhau . Es dämmerte bereits , als wir an einem zweiten Schlosse des Herrn Schaffgotsch , auf einem Berge über dem Städtlein Kemnitz gelegen , vorbeifuhren . Noch ein paar Stunden , und aus der Dunkelheit schimmerten die Lichter von Hirschberg . Unter einer Brücke schoß rauschend Wasser dahin , und nun fuhren wir durch ein festes Tor in die Stadt , um bald vor dem Schwarzen Rössel zu halten . Aus dem Gasthause trat ein hochgewachsener , doch im Rücken gebeugter Mann , spähete nach dem Wagen und kam hastig herbei . » Tobias ! « rief mein Vater froh , sprang vom Wagen und umarmte seinen Bruder . Hierauf begrüßte der Oheim meine Mutter und küßte mich auf die Wange . Wie mein Vater war er lang und hager von Gestalt , auch melancholischen Antlitzes . Während aber mein Vater versonnen und sehnsüchtig aussah , beseelte den Oheim eine wilde Unrast . Grau und verwittert seine Haut , wie Fichtenrinde , struppig der große Bart , keuchend sein Odem . Die Augen lagen in tiefen Höhlen unter buschigen Brauen und glommen düster . Wie wir so auf der Gasse stunden , nur trübe von der Wagenlaterne beleuchtet , stumm und bewegten Herzens , da ja diese Stadt unser neues Vaterland sein sollte , war mir seltsam zumute . Hörete die Mutter heimlich weinen , den Vater aber mit gefalteten Händen die Worte sprechen : » Arm zages Pilgramherze , Irrst lange schon im Dunkeln . Da siehst du eine Kerze Durch Nacht und Nebel funkeln . Gewiß , wer die entzündet Dem Irrenden zur Hut , Hat also ihm verkündet : Komm her , ich bin dir gut ; In meiner treuen Klause Sei endlich nun zu Hause . « Du lieber Boberfluß , dein Murmeln tönet hold durch mein Gedenken , so ich des Nachts im Kämmerlein die zurückgelegte Lebensreise betrachte . Dann seh ich frischgemut wie in den Knabentagen deine Wellen an der Sonne blinken und über moosige Felsen hüpfen , vorbei an Stauden und Gebüsch , an Häusern und Gartenmauern . Aus einem finstern Walde bei Schatzlar kommst du her , wo vorzeiten eine Glashütte gestanden . Zwingest und windest dich schäumend durch die Berge bis zu meinem guten Hirschberg , dessen Stadtmauern du gen Mitternacht berührest , um dicht dabei den Zackenfluß zu verschlucken . Als ich mit meinen Eltern nach Hirschberg gezogen kam , war die Stadt noch schön gebaut und volkreich , hatte gedoppelte Mauern , Brustwehre , Schanzen und Gräben , drei starke runde Tortürme und andere Fortifikationen . War bewohnt von Ackerbürgern , Kaufleuten , Handwerkern , insonderheit Webern . Die lebten ein lustig Leben , liebten wackern Schmaus und Trunk , Gesang und Tanz . Zogen Feiertags vor die Tore zum dörfischen Kretscham , hatten viel Freude am Armbrustschießen und küreten jährlich einen Schützenkönig , so am besten den Vogel auf der Stange getroffen . Waren dabei gar betriebsam und kunstfertig . Das Weibesvolk wirkte Borten und Schleier , die weithin nach Polonien und Böheim , sogar nach Reußenland zu den Moskowitern verführet wurden . Vor der Stadtmauer auf den Uferwiesen des Zacken und Bober lagen die schlohweißen Gewebe hingebreitet , ähnlich Schneeresten im Märzen . Schwatzende Mägde schritten barfüßig über den Rasen , aus gesiebten Kannen Wasser auf die Bleiche zu gießen . Das Hirschbergische Leben behagte uns allen weidlich . Gern war der Vater im neuen Amte , die Mutter erfreute sich eines reicheren Haushaltes , und ich empfing mit aufgeschlossenen Sinnen all das Neue und Wunderschöne der Gebirgslandschaft . Vernachlässigte dabei die Studia mit nichten . Nachdem ich allbereits zu Magdeburg » amo , amas , amat « gelernt hatte , drang ich jetzo unter Vaters Leitung in der Grammaticae tiefere Gründe ein und galt als ein tüchtiger Scholar . Die Stunden meiner Muße verbrachte ich gern einsam vor den Stadttoren . Ging abends etwa auf den Hausberg , wo vorzeiten ein fest Gehäus gestanden , vom Herzog Boleslao erbaut , von den Hussiten aber in Asche gelegt , daß nunmehr bloß etliche Mauerfragmenta aus dem Busche ragen . Hier bin ich oft gesessen , in ein Buch vertieft , zum Exempel in die Beschreibung Schlesiens durch Caspar Schwenkfeld . Meditierete dann über die wunderlichen Abenteuer , so dieser Autor vom verrufenen Rübenzagel berichtet . Wie einmal mein Vater mit mir auf den Hausberg gegangen ist , habe ich den Blick auf die blaue Schneekoppe geheftet und nach einer Weile gesprochen : » Sage mir , lieber Vater , was vermeinest du über den Rübenzagel ? Mag wohl etliche Wahrheit in diesem Glauben an den Geist der Berge sein ? « Zur Antwort gab mein Vater : » Was gemeiniglich in Spinnstuben und Schenken vom Rübenzagel laut wird , sind Fabulae . Gleichwohl gibt es einen Geist der Berge . Denn versenkest du dein Schauen in die Art unseres Gebirges , so spürest du darin eine eigne Lebendigkeit . Sie ist ein Teil des göttlichen Odems , der die ganze Welt durchflutet , und ohne dessen Spiritum kein Erdending bestehen mag - das Wasser nicht ohne Undinen , der Fels nicht ohne Kobolde , und kein Elementum ohne seine Elementargeister . Drum gebe ich Unrecht gleichermaßen denen , so den Rübenzagel für eitel Aberglauben halten , als auch jenen anderen , so ihn für eine teuflische Riesengestalt ausgeben . Es lebt der Herr der Berge und ist ein Geist , aber nur im Gemüt spürest du ihn . Er ist groß und gütig , freilich auch rauh und wetterwendisch , wie halt unseres Gebirges Art. « Mich freute solcher Bescheid . » So ist also der Rübenzagel kein Teufel , und wir brauchen uns nicht vor ihm zu fürchten ? « » Nein , Johannes , das brauchen wir mitnichten . Der Teufel , den wir Menschen zu fürchten haben , hauset nicht in Wäldern und Gebirgen , sondern in uns selber , im menschlichen Herzen . « Derweilen uns das Gespräch in solch Meditieren einspann , regten sich raunend die Gebüsche im Winde , und es erlosch mählich das Abendrot ob den Tannenwipfeln . Auf dem Heimwege blieben wir noch ein Weilchen stehen bei der Quelle an des Hausbergs Fuße , das Mirakelbörnel benamset . Gedachten der alten Mär , dorten liege ein Schatz vergraben , den die Jungfer Praxedis bewache . Und in tiefer Dämmerung , wann Fledermäuse schattenhaft um uns huschten , und ein Nebel aufstieg , schien aus dem Dickicht die Jungfer im weißen Gewande mir zuzuwinken , daß ich den Schatz heben solle . Im zweiten Frühjahre unseres Hirschberger Aufenthaltes hat sich ein Omen begeben . Durch die Luft kamen grausam viel Heuschrecken geschwirrt , aus dem südlichen Reußenlande . Haben im Fluge die Sonne verdunkelt , und wo sie niederfielen , ward der Boden ein viertel Ellen hoch bedeckt , also daß man in dem grünen Gewimmel waten gemußt bis an die Knöchel . In ihrer Freßsucht haben sie Gras , Laub und Getreide abgebissen bis auf das letzte Hälmlein und Stümpflein , und ist davon ein Geräusch gewesen , als ob eines Pappelhaines Blätter zittern . Mit Dreschflegeln haben die entsetzten Landleute dreingeschlagen , auch in Karren das Ungeziefer geschaufelt und verbrannt . Haben die Säue und Schafe auf diese seltsamliche Weide getrieben und so die grünen Leiber zerstampfen lassen . Aber die Säue haben so massenhaft vom Geziefer gefressen , daß viele hernach einer Seuche erlegen sind , und der rote Jörge , unser Schinder , genung tote Säue mit seinem blinden Gaule hat hinausführen und beim Gerichte verscharren müssen . Kaum waren die Heuschrecken so ziemlich fort , da ist eine neue Plage und Beunruhigung losgegangen . Zigeuner , wohl an die hundert Häupter , sind gekommen , auch zwanzig Zeltwagen mit kleinen zottigen Pferden . Haben vor dem Schildauertore ein Lager gemacht . Um dieses Volkes wundersame Art und Sitte zu betrachten , ist die Bürgerschaft in Menge hinausgezogen , nicht ohne Waffen . Auch mein Vater ist hingegangen und hat mich mit sich genommen . Da sah ich denn viel braune Gesichter mit blitzenden Augen und Rabenhaar . Kauderwelsch haben sie geschwatzt , auch mit Bettelei die Besucher angeschrien und um Geld aus der Hand geweissagt . Mein Vater hat mancherlei von diesem Volk berichtet : » Rechte Zieh-Gauner sind es , ohne Vaterland , im Umschweifen geboren , allezeit Stehlens und Raubens beflissen . Geben für , ihre Urväter in Kleinägypten seien vom christlichen Glauben abgefallen , und hierauf habe ihnen Gott die Buße auferlegt , daß sie so viele Jahre im Lande umziehen sollten , als sie dem Unglauben gehuldigt . Aber das ist schelmenhafte Heuchelei , zu dem Ende ersonnen , sich bei den Christen lieb Kind zu machen . « Unter solchem Gespräche waren wir an Zigeunerlagers Ende gekommen . Am Feuer saß hier ein altes Weib und kochte Gerste mit gebackenen Pflaumen . Auch war sie damit beschäftigt , die stachlichten Körper etlicher Igel mit Lehm zu umhüllen und solchergestalt in der Glut zu rösten . Derweilen ich ihrem Treiben verwundert zuschaute , sagte mein Vater : » Ei , da ist ja der Tobias ! « Allerdings war mein Oheim in der Nähe ; eifrig redend stund er bei einem Zigeunermanne , dessen gepichter Schnauzbart schwarz und stechend wie sein Auge . Der Vater schien ebenso befremdet , seinen Bruder im Gespräch mit einem Zieh-Gauner anzutreffen , als dieser verlegen war , solchen Umganges überführt worden zu sein . Indessen mein Vater und sein Bruder einander durch Zuwinken grüßten , lief ich erfreut zum Oheim und gab ihm die Hand . » Schucker tschawo , scheen Bub mit Weißhand ! « sprach auf einmal eine helle Stimme , und neben mir stund eine Zigeunerjungfer . Aus dem zartbraunen , von schwarzen Locken umloderten Angesichte blitzten die großen dunkeln Augen in mein Herz hinein , und ihrer geschmeidigen Glieder Form , kaum verhüllt durch ein zerrissen Hemde und ein kurz Röcklein , stiftete in mir eine seltsame Verwirrung an . » Schucker tschawo , mit Güldenhaar - wird sich rot wie Blut - ah bravo ! « lachte die Jungfer , wobei ihre Zähne wie Perlen blitzten . » Gib Hand , Bub ! Turkewawa , wahrsagen will Zigeunermadel . Tsi kosteles - kostet nix ! Turkewawa ohne Geld , wahrsagen ganze wahr ! « Der Zudringlichen ließ ich willig meine Hand , die sie lächelnd streichelte und betrachtete . Aufmerkend war der Oheim herbeigetreten , und die Wahrsagerin sprach : » Oh , oh , schucker tschawo werden wie Keenig Salomo - finden Stein der Weisen - heben Schatz - oh , oh , große Schatz ! « Und die Zigeunerjungfer ließ meine Hand und blickte mich an , als ob sie über mein Glück staune . Der Oheim schien erregt , da er oft hustete und unter den düstern Brauen die Augen rollte . Seine Hand reichte er hin und sagte : » Prophezeie sie auch mir ! « Spöttisch blinzelte ihn die braune Jungfer an : » Will er auch Stein der Weisen ? « Und die Hand betrachtend , schüttelte sie verächtlich den Kopf : » Eh , narbulo ! ist sich nix von Weisheit , nix Salomo ! Ist sich narbulo - hier Linie von narbulo ! Ist sich narrisch - narbulo und wie ewige Jüd - ha , ha , ewige Jüd ! « Höhnisch auflachend sprang die Jungfer fort wie eine wilde Katze . Doch bevor sie hinter den Zelten verschwand , drehte sie sich noch einmal um , tat beide Hände küssend an ihren Mund und streckte sie nach mir aus : » Schucker tschawo - Bub mit güldene Haar - oh , oh , Keenig Salomo ! « » Nun aber komm , Johannes ! « rief mein Vater und fügte für den Oheim hinzu : » Ade , Tobias ! laß dich hernach bei uns sehen . « Wie bestürzt und verwirrt blieb der Oheim stehen , seine Augen suchten bald die entwichene Wahrsagerin , bald die von ihr gedeutete Linie seiner Hand . Da ich ihm Lebewohl sagte , blickte er mich stumm an . Auf dem Heimwege berichtete ich dem Vater , was mir widerfahren . Er aber meinte : » Ei ja doch ! Sei kein Narr ! Willst du etwan betrogen sein , wie das dumme Volk , das blind vor Aberglauben ? Einer zusammengeklaubten Schelmenrotte darf man nicht trauen . Noch ist die Welt nicht witzig - sei du es wenigstens ! « Da die Zigeuner Getreide und Hühner stahlen , so sprachen die Bauern : » Da sehen wir nun , was die vorjährigen Heuschrecken anzukündigen hatten . Ein Fürzeichen waren sie dieser zigeunerischen Landplage , haben anzeigen wollen , daß hinter ihnen menschliche Fresser und Mausköpfe kommen , und daß wohl gar noch schlimmere Verwüster folgen werden , als da sein Tartern oder Türken - sintemalen von den Zigeunern das Gerücht geht , sie seien der Türken Ausspäher , beflissen , der Christen Land den Heiden zu verkundschaften . « Solche Sorge ward genähret durch die seltsamliche Gestalt der Heuschrecken , von denen etliche geblieben waren . » Sehet doch « - sprach man - » wie gewappnete Krieger ist dies Geziefer , mit festen Sturmhauben bedeckt und mit Fühlhörnern als Spießen bewehret . Ihr Schwirren und Zirpen hört sich an , als wetze man Schwerter und rassele mit Rüstungen . Fürwahr auf Schlimmeres denn auf Zigeuner deuten die Heuschrecken . Ein grausam Kriegesheer wird von Osten einbrechen , räuberische Heiden , alles Land kahl und wüste zu machen . « Der Aberglaube fand an den Heuschrecken fürchterliche Hieroglyphen . Meines Vaters Collega , der Linguiste Hinschius , wollte auf den Flügeln Schriftzeichen aus dem arabischen Alkoran erkennen ; andere Zeichen glichen wiederum hebräischen Buchstaben , und ein Scholar las auf einer Heuschrecke das lateinische Wort : cave ! - zu Teutsch : hüte dich ! So ward der Leute Sinn gemeiniglich voll Sorgen auf die Zukunft gelenkt . Insonderheit erwartete man für den evangelischen Glauben ein groß Unheil . Munkelte , der Erzherzog Ferdinandus habe den Jesuitern angelobet , das ganze Reich von der lutherischen Pest - dies Wort soll er gebraucht haben - mit dem Schwerte zu kurieren . Bei den in Österreich und Böheim entbrannten Streitigkeiten der Konfessionen war manchem nachdenklichen Menschen zumute wie Pilato , da er die Frage tat : » Was ist Wahrheit ? « Und wie der Parteien Hader im ganzen Reiche enden werde , konnte kein Menschenverstand berechnen . Nur das eine wußte man , daß grausame Kämpfe , jammervolle Zeiten bevorstünden . Ratlos starrte man dem Himmel ins Angesicht , von ihm etwan zu erspähen , was im höchsten Rate beschlossen sei . Damals kam der Spruch auf : » Sechszehnhundert zehn und acht , Wenn ich dies Jahr recht betracht , Geht darin die Welt nicht unter , So geschehn doch schlimme Wunder . « Zu Hirschberg lag ich mit Eifer den Studiis ob , ward dabei mitnichten ein Stubenhocker . Zum langen starken Burschen emporgeschossen , trieb ich mich mit andern Scholaren umher und machte gern ihren Rädelsführer . Zur Erinnerung an die Hussitenzeit spielten wir Krieg auf dem Hausberge . Die kämpfenden Parteien aber hießen wir Union und Liga . Führer der Liga war ein katholischer Junker namens Zetteritz , während ich die Union befehligte . Den Anlaß dazu gab ein Mann kindischen Gemüts . Ehedem Kapuzinermönch , war er durch die Ausbreitung des evangelischen Glaubens seines Klosters verlustig gegangen und fristete als Dachdecker sein Leben . In diesem Handwerk war er einmal vom Dache gefallen , aber so seltsam , daß er auf beide Füße zu stehen gekommen , als sei er gesprungen . Mit Gelächter ist er in den » Schöpsen « zu einem Kruge Bier gegangen und bald auf sein Dach zurückgekehrt . Doch es sollte wohl sein , daß er zu Schaden käme , denn kaum hatte er die Arbeit begonnen , so stürzte er abermals , und diesmal so schlimm , daß er unbewußt liegenblieb und eine Verkürzung des Verstandes davontrug . Blieb indessen wohlgemut und nicht übel gelitten bei alt und jung . Saßen die Bürger beim Trunke , so trat er pfiffig herbei , griff ungeladen nach einem Kruge und sprach , erst nachdem er ihn geleeret : » Mit Verlaub , Herr Bruder ! « - » Hol dich der Kuckuck , Kapuzinerwenzel ! « ward ihm entgegnet . Aber die Herumsitzenden lachten und lobten den Kerl . Dieser Kapuzinerwenzel also war mit uns , als wir Scholaren auf dem Hausberge Krieg spielten . Es ward aber die Präpositio getan , unsere zween Haufen Union und Liga zu benamsen , nach den beiden Religionsparteien , in die sich die teutsche Fürstenschaft gespalten hatte . Sintemalen nun die meiste Bevölkerung von Hirschberg lutherisch war , begehrten die Knaben fast allesamt zur protestantischen Union , und das Los mußte entscheiden , wer der katholischen Liga angehören sollte . Zum Hauptmann der Liga proponierte ich den Kapuzinerwenzel . Da trat der Zetteritz auf und rief : » Eine Schande , wenn vor die Katholischen ein abtrünniger Mönch gesetzet würde , so sein Ordensgelübde gebrochen hat . « - » Oho , « rief ich , » er hat wohl getan , sich vom Papste zu wenden . Aber gut , der Kapuzinerwenzel soll nicht Hauptmann der Ligisten sein , dafür ist er viel zu schade . Mag derohalben der Zetteritz selber seine Partei anführen . Was mich betrifft , so bin ich Hauptmann der Union . « Jubelnd traten mir viele Knaben bei . Der Zetteritz aber sprach grimmig zu seinen Ligisten : » Auf denn , streiten wir für den Erzherzog Ferdinandum , so geschworen hat , er werde alle Ketzer ausrotten . « Da erhub sich groß Protestieren , selbst unter den Ligisten : » Mit dem papistischen Ketzerfresser haben wir nichts zu schaffen . « Ich maß den Zetteritz herausfordernden Blickes und sprach : » Wärest du nicht ganz ohne Beistand , ich möchte dir schon weisen , wie man denen heimleuchtet , so uns Ketzer schimpfen und ausrotten wollen . « Da fletschte der Zetteritz die Zähne und stieß mit der Faust nach meiner Brust . Ich aber packte ihn flugs , warf ihn zu Boden und hielt ihm die Arme fest , bis der Kapuzinerwenzel uns voneinander brachte . Der Vorfall legte den Grund zu einer Feindschaft , die späterhin entsetzliches Unglück angestiftet hat . War auch ein Fürzeichen der grimmen Kämpfe , so demnächst zwischen den Konfessionibus entbrennen sollten . Zu Hirschberg und in der Umgegend waren meist nur solche Leute katholisch , die aus einem katholischen Lande stammeten oder wegen ihres Amtes zu den Papisten hielten . Die Religionsparteien suchten einander den Rang abzulaufen bei den hohen Herren , und solche Nebenbuhlerschaft trat ergötzlich zutage , als der Warmbrunner Grundherr , Hans Ulrich Schaffgotsch , auf seinem Schlosse Kynast bei Hermannsdorf seinen Geburtstag feiern wollte . Wiewohl Hirschberg nicht zur Herrschaft Schaffgotsch gehöret , waren Vertreter des Rates , der Kirche und Schule , darunter mein Vater , abgeordnet worden , den Freiherrn beim Hermannsdorfer Teich zu begrüßen , wo er einem Fischzuge beiwohnen wollte . Von Böllern begrüßt , kam Hans Ulrich die Straße von Kemnitz dahergesprengt , nebst einem Gefolge von Reitern . Feuer in den blauen Augen , antwortete er auf unsern Jubel mit dem Schwenken seines Federhutes . Er war ein schöner , langer , blondlockiger Mann . Der Prediger von Giersdorf wollte seine Rede anheben ; da ward auf einmal zwischen den Scheunen eine Prozession sichtbar , Gepränge , Fahnen , brennende Kerzen . Papisten waren es , gesonnen , um des Grundherrn Gunst zu buhlen , der Meinung , auf seiner Reise durch Welschland und Hispanien habe er sich dem Papismo zugeneiget . Auch der Zetteritz war bei der Prozession . Angetan mit weißem Chorgewande , schwang er sein Weihrauchfässel und plärrete : » Sanctus spiritus « , riß den Hals immer weiter auf : » Adveni-i-sti , desiderabilis . « Bei Herrn Schaffgotsch angelanget , neigeten sich die Papisten devotest , und ihr Führer kam dem Giersdorfer Prädikanten zuvor , indem er einen salbungsvollen Glückwunsch sprach und dabei eine Schrift überreichte . Hans Ulrich las den Titul » Die wahre Religion der Schlesier « und gab die kühle Antwort : » Wir danken euch , sind aber nicht hergekommen , über Religion zu disputieren . « Und mit der Zunge seinem Rosse schnalzend , galoppierte er zum nahen Teiche . Unsere Schar stund verblüffet , alsdann erhub sich ein Gemurmel , und die beiden Religionsparteien sahen einander wie knurrende Hunde an , bis sie schließlich Herrn Schaffgotsch zum Teiche folgten . Die Fischer waren bereits beim Einholen der Netze . Ihr Fischzug war nicht sonderlich mit Beute gesegnet , und Hans Ulrich sprach : » Wir hätten vermeinet , es müsse dahier mehr Fische haben . « Da brummte ein grauköpfiger Fischer : » Ei ja doch , lieber Junker ! Sollen wohl gar noch die Fische prozessionsweise ins Garn gehen ? « Lange Gesichter machten die Umstehenden . Hans Ulrich aber lachte und wandte sein Roß zu den Papisten : » Dieser Alte redet frisch heraus . Solch freier Mut , bar aller Schleicherei , gehöre alleweil zur wahren Religion der Schlesier . « Nun ernteten die Papisten schadenfrohe Blicke , und ich verspottete den Zetteritz durch Gebärden . Der nahm am Abend dafür Rache . Herr Schaffgotsch hatte Ritter , Prädikanten und etliche angesehene Bürger , auch meinen Vater , zum Festin geladen , auf daß männiglich mit ihm fröhlich sei und Gott für alles Gute danke . Bei der abendlichen Gasterei sollten etliche Scholaren eine artige Comödiam aufführen , angezettelt von Herrn Schönborn , dem ehemaligen Lehrer des Freiherrn . Ich hatte dabei kein geringer Amt , als Gott , den Vater , darzustellen , wie er vom Himmel herniederschwebet , den verlorenen Sohn aus Höllenflammen zu erlösen . Die Rolle des obersten Teufels aber war dem Zetteritz übertragen . Wie nun an mich die Reihe kam , war mein Antlitz rot bemalt , weiß umrahmt von Locken und Bart und gekrönt mit güldenem Heiligenschein ; es umwallete mich ein blauer Mantel mit Silbersternen . Auf einer Leiter stund ich , und unter meinen Armen hindurch ging ein Strick , daran ich schweben sollte . In der Tiefe lohete das Fegefeuer , und der Zetteritz als Satan befahl seinen Teufelsknechten , die Zangen glühend zu machen , um den verlorenen Sohn weidlich zu peinigen . Da sprang ich von der Leiter , schwebte in der Luft und hub mit Donnerstimme an : » Halt an , du Höllenfürst ! Entfleuch , du Satansbrut ! Ich lösche diesen Brand mit meines Sohnes Blut . Nicht alle Sünder sind zur Höllenpein erkoren , Und kein verlorner Sohn soll ewig sein verloren . Komm , arme Seele , komm .... ! « Auf einmal ward mein Strick losgelassen , und ich stürzte zu den Teufeln . Zetteritz starrete mich an , dann fiel er als ein Besessener über mich her , der ich auf dem Boden kauerte wie ein Vierfüßler . Das Sternengewand zog er mir prall und gerbte mein Fell . Dröhnend Gelächter erhub sich . Ich aber raffte mich auf und vergalt meinem Widersacher , bis man herbeigesprungen kam und uns mit Mühe trennte , worüber der Vorhang fiel . Herr Schönborn , Autor und Rektor der Comödia , war indigniert , aber Hans Ulrich tröstete ihn durch Lobsprüche , und der Hofnarr , Michel Puchhammer , so unter der Schellenkappe Witz und Weisheit trug , klopfte dem Poeten beifällig auf die Schulter , vermeinend : » Der letzte Effektus war das wahre Kleinod Seiner Comödia . Hand aufs Herze , ihr Herren , wäre es nicht fast klüglich und vergnüglich , wenn alle Händel dieser Welt in Summa könnten ausgefochten werden einzig durch unsere höchsten Potentaten , den lieben Gott und den leidigen Satan ? Machet nicht lange Gesichter , ihr Herren ! Glaubet mir , das wäre die erbaulichste Comödia , so wir dürften dem Duelle zuschauen , wie Israeliten und Philister zuschauten , als ihre Sache durch David und Goliath ausgefochten ward . Wir hätten alsdann nicht nötig , unsere Schwerter widereinander zu wetzen und zu disputieren , wie die wahre Religion beschaffen sei , wer die ledigen Klostergütel bekommen , und wer König in Böheim werden solle . Ei ja , vermieden wäre aller Bruderzwist von Kain und Abel bis zu Liga und Union . Wir wüßten , daß wir nichts mit menschlicher Macht ausrichten und daß wir uns ergeben müssen in das Verhängnus von oben - wie solches ja auch die Kunst der Künste gebeut , die himmlische Astrologia .