hatten . Sie selbst aber war von Jahr zu Jahr äußerlich sicherer und innerlich unruhiger geworden . Ihre künstlerischen Bestrebungen hatte sie früh genug alle fallen lassen , und im Laufe der Zeit erschien sie sich zu den verschiedensten Lebensläufen ausersehen . Manchmal sah sie sich in der Zukunft als Weltdame , Veranstalterin von Blumenfesten , Patronesse von großen Bällen , Mitwirkende an aristokratischen Wohltätigkeitsvorstellungen ; öfters noch glaubte sie sich berufen in einem künstlerischen Salon unter Malern , Musikern und Dichtern als große Versteherin zu thronen . Dann träumte sie wieder von einem mehr ins Abenteuerliche gerichteten Leben : sensationelle Heirat mit einem amerikanischen Millionär , Flucht mit einem Violinvirtuosen oder spanischen Offizier , dämonisches Zugrunderichten aller Männer , die sich ihr näherten . Zuweilen schien ihr aber ein stilles Dasein auf dem Land , an der Seite eines tüchtigen Gutsbesitzers , das erstrebenswerteste Ziel ; und dann erblickte sie sich im Kreise von vielen Kindern , womöglich mit früh ergrautem Haar , ein mild resigniertes Lächeln auf den Lippen , an einfach gedecktem Tisch sitzen und ihrem ernsten Manne die Falten von der Stirne streichen . Georg aber fühlte immer , daß ihre Neigung zur Bequemlichkeit , die tiefer war , als sie selbst ahnte , sie vor jedem unbedachten Schritt schützen würde . Sie vertraute Georg mancherlei an , ohne jemals ganz ehrlich mit ihm zu sein ; denn am öftesten und ernstesten hegte sie den Wunsch , seine Frau zu werden . Georg wußte das wohl , aber nicht allein darum erschien ihm das neueste Gerücht von ihrer Verlobung mit Heinrich Bermann ziemlich unglaubwürdig . Dieser Bermann war ein hagerer , bartloser Mensch mit düstern Augen und etwas zu langem schlichten Haar , der sich in der letzten Zeit als Schriftsteller bekannt gemacht hatte , und dessen Gebaren und Aussehen Georg , er wußte selbst nicht warum , an einen fanatischen jüdischen Lehrer aus der Provinz erinnerten . Das war nichts , was Else besonders fesseln , oder nur angenehm berühren konnte . Allerdings , wenn man länger mit ihm sprach , änderte sich jener Eindruck . Eines Abends im vergangenen Frühjahr war Georg mit ihm zusammen von Ehrenbergs fortgegangen , und sie waren in eine so anregende Unterhaltung über musikalische Dinge geraten , daß sie bis drei Uhr früh auf einer Ringstraßenbank weitergeplaudert hatten . Es ist sonderbar , dachte Georg , wie vieles mir heute durch den Kopf geht , woran ich kaum mehr gedacht hatte . Und ihm war , als wenn er in dieser Herbstabendstunde allmählich aus der schmerzlich-dumpfen Versonnenheit vieler Wochen zum Tage emporgetaucht käme . Nun stand er vor dem Hause in der Paulanergasse , wo die Rosners wohnten . Er sah zum zweiten Stockwerk auf . Ein Fenster war offen , weiße Tüllvorhänge in der Mitte zusammengesteckt , bewegten sich im leichten Zuge des Windes . Rosners waren zu Hause . Das Stubenmädchen ließ Georg eintreten . Anna saß der Türe gegenüber , hielt die Kaffeetasse in der Hand und hatte die Augen auf den Eintretenden gerichtet . Der Vater , zu ihrer Rechten , las Zeitung und rauchte aus einer Pfeife . Er war glatt rasiert , nur an den Wangen liefen zwei schmale , ergraute Bartstreifen . Sein dünnes Haar von seltsam grünlichgrauer Färbung war an den Schläfen nach vorn gestrichen und sah aus wie eine schlecht gemachte Perücke . Seine Augen waren wasserhell und rot gerändert . Die beleibte Mutter , mit der wie von einer Erinnerung schönerer Jahre umwobenen Stirn , blickte vor sich hin ; ihre Hände , beschaulich ineinander verschlungen , ruhten auf dem Tisch . Anna stellte die Tasse langsam nieder , nickte und lächelte still . Die beiden Alten machten Miene aufzustehen , als Georg eintrat . » Aber bitte , sich doch nicht stören zu lassen , bitte sehr « , sagte Georg . Da krachte etwas an der Seitenwand . Josef , der Sohn des Hauses , erhob sich vom Diwan , auf dem er gelegen hatte . » Habe die Ehre , Herr Baron « , sagte er mit einer sehr tiefen Stimme und strich sein über den Hals hinaufgeschlagenes , gelbkariertes , etwas fleckiges Sacco zurecht . » Wie befinden sich immer , Herr Baron ? « fragte der Alte , stand hager und etwas gebückt da und wollte nicht wieder Platz nehmen , eh sich Georg niedergelassen hatte . Josef rückte einen Stuhl zwischen Vater und Schwester . Anna reichte dem Besucher die Hand . » Wir haben uns lange nicht gesehen « , sagte sie und trank einen Schluck aus ihrer Tasse . » Sie haben traurige Zeiten durchgemacht , Herr Baron « , bemerkte Frau Rosner teilnahmsvoll . » Jawohl « , fügte Herr Rosner hinzu . » Wir haben mit großem Bedauern von dem schweren Verluste gelesen ... Und der Herr Vater haben sich doch immer der besten Gesundheit erfreut , so viel uns bekannt war . « Er sprach sehr langsam , immer , als wenn noch etwas kommen sollte , strich sich manchmal mit der linken Hand über den Kopf und nickte , während er zuhörte . » Ja , es ist sehr unerwartet gekommen « , sagte Georg leise und blickte auf den dunkelroten , verschossenen Teppich zu seinen Füßen . » Also ein plötzlicher Tod , sozusagen « , bemerkte Herr Rosner , und alles ringsum schwieg . Georg nahm eine Zigarette aus seinem Etui und bot Josef eine an . » Küß die Hand « , sagte Josef , nahm die Zigarette und verbeugte sich , indem er ohne ersichtlichen Grund die Hacken aneinander schlug . Während er dem Baron Feuer gab , glaubte er dessen Blicke auf sein Sacco gerichtet und bemerkte entschuldigend und mit noch tieferer Stimme als gewöhnlich : » Bureaujanker . « » Bureaujanker kommt von Bureau « , sagte Anna einfach , ohne ihren Bruder anzusehen . » Fräulein belieben die ironische Walze eingehängt zu haben « , erwiderte Josef heiter ; doch war es dem gehaltenen Ton seiner Rede anzumerken , daß er sich unter andern Verhältnissen minder angenehm ausgedrückt hätte . » Die Teilnahme war ja eine allgemeine « , begann der alte Rosner wieder . » Ich habe den Nachruf in der Neuen Freien Presse gelesen über den Herrn Papa ... von Herrn Hofrat Kerner , wenn ich mich recht erinnere ; er war ja höchst ehrenvoll . Auch die Wissenschaft hat einen herben Verlust erlitten . « Georg nickte verlegen und blickte auf seine Hände nieder . Anna sprach von ihrem verflossenen Sommeraufenthalt . » In Weißenfeld war ' s wunderschön « , sagte sie . » Gleich hinter unserm Haus war der Wald , mit sehr guten ebenen Wegen ... nicht wahr , Papa ? Da hat man stundenlang spazierengehen können , ohne einem Menschen zu begegnen . « » Und haben Sie denn ein Klavier draußen gehabt ? « fragte Georg . » Auch das . « » Ein greulicher Klimperkasten « , bemerkte Herr Rosner . » So ein Ding , das Stein erweichen , Menschen rasend machen kann . « » Es war nicht so arg « , sagte Anna . » Für die kleine Graubinger gut genug « , fügte Frau Rosner hinzu . » Die kleine Graubinger ist nämlich die Tochter vom Kaufmann im Ort « , erklärte Anna , » und ich hab ihr die Anfangsgründe des Klavierspiels beigebracht . Ein hübsches , kleines Mäderl mit langen , blonden Zöpfen . « » Es war eine Gefälligkeit für den Kaufmann « , sagte Frau Rosner . » Ja , aber es muß bemerkt werden « , ergänzte Anna , » daß ich außerdem eine wirkliche , das heißt bezahlte Stunde gegeben habe . « » Wie , auch in Weißenfeld ? « fragte Georg . » Kinder , von einer Sommerpartie . Es ist übrigens schade , Herr Baron , daß Sie kein einziges Mal bei uns auf dem Lande waren . Es hätte Ihnen gewiß gut gefallen . « Georg erinnerte sich nun erst , daß er sich zu Anna beiläufig geäußert hatte , er würde sie im Sommer gelegentlich einer Radpartie vielleicht einmal besuchen . » Der Herr Baron hätte wohl in dieser Sommerfrische nicht alles zu seiner Zufriedenheit vorgefunden « , begann Herr Rosner . » Warum denn ? « fragte Georg . » Es ist dort nicht eben den Bedürfnissen verwöhnter Großstädter Rechnung getragen . « » O ich bin nicht verwöhnt « , sagte Georg . » ... Waren Sie auch nicht auf dem Auhof ? « wandte sich Anna an Georg . » O nein « , erwiderte dieser rasch . » Nein , ich war nicht dort « , setzte er minder lebhaft hinzu . » Man hat mich allerdings aufgefordert ... Frau Ehrenberg war so liebenswürdig . ... ich habe verschiedene Einladungen gehabt für den Sommer . Aber ich habe es vorgezogen , für mich allein in Wien zu bleiben . « » Es tut mir eigentlich leid « , sagte Anna , » daß ich Else beinah gar nicht mehr sehe . Sie wissen ja , daß wir im selben Institut waren . Es ist freilich schon lang her . Ich hab sie wirklich gern gehabt . Schade , daß man sich im Lauf der Zeit so voneinander entfernt . « » Wie kommt das nur ? « sagte Georg . » Ja , es liegt wohl daran , daß mir der ganze Kreis nicht besonders sympathisch ist . « » Mir auch nicht « , sagte Josef , der Ringe in die Luft blies . » Ich gehe seit Jahren nicht hin . Offen gestanden ... ich weiß ja nicht , wie Herr Baron zu dieser Frage Stellung nehmen ... ich bin den Israeliten nicht zugetan . « Herr Rosner blickte zu seinem Sohne auf . » Der Herr Baron verkehrt in diesem Haus , und es wird ihm ziemlich sonderbar erscheinen , lieber Josef ... « » Mir ? « sagte Georg verbindlich . » Ich stehe ja in keinerlei näheren Verbindungen mit dem Hause Ehrenberg , so gern ich mit den beiden Damen zu plaudern pflege . « Und fragend setzte er hinzu : » Aber haben Sie Else nicht im vorigen Jahr Singstunden gegeben , Fräulein Anna ? « » Ja . Vielmehr ... ich habe nur mit ihr korrepetiert . « » Das werden Sie heuer wohl wieder tun ? « » Ich weiß nicht . Sie hat bisher noch nichts von sich hören lassen . Vielleicht gibt sie ' s ganz auf . « » Sie glauben ? « » Es wäre beinah zu wünschen « , versetzte Anna sanft , » denn eigentlich hat sie immer mehr gepiepst , als gesungen . Übrigens « , und jetzt warf sie Georg einen Blick zu , der ihn gleichsam von neuem begrüßte , » die Lieder , die Sie mir geschickt haben , sind sehr hübsch . Soll ich sie Ihnen vorsingen ? « » Sie haben sich die Sachen schon angeschaut ? Das ist nett . « Anna hatte sich erhoben . Sie führte beide Hände an ihre Schläfen und strich wie ordnend , leicht über ihr gewolltes Haar . Sie trug es ziemlich hoch frisiert , wodurch ihre Gestalt noch größer erschien , als sie war . Eine schmale , goldene Uhrkette war zweimal um den freien Hals geschlungen , fiel über die Brust herab und verlor sich in dem grauledernen Gürtel . Durch eine fast unmerkliche Kopfbewegung forderte sie Georg auf , ihr zu folgen . Er stand auf und sagte : » Wenn ' s erlaubt ist ... « » Bitte sehr , bitte sehr , natürlich « , sagte Herr Rosner . » Herr Baron wollen so freundlich sein , mit meiner Tochter ein wenig zu musizieren . Sehr schön , sehr schön . « Anna war in das Nebenzimmer getreten . Georg folgte ihr und ließ die Tür offen stehen . Die weißen Tüllvorhänge vor dem geöffneten Fenster waren zusammengesteckt und bewegten sich leise . Georg setzte sich an das Pianino und griff ein paar Akkorde . Indes kniete Anna vor einer alten , schwarzen , teilweise vergoldeten Etagere und holte die Noten hervor . Georg modulierte in die Anfangsakkorde seines Liedes . Anna fiel ein , und zu Georgs Melodie sang sie die Goetheschen Worte . » Deinem Blick mich zu bequemen , Deinem Munde , deiner Brust , Deine Stimme zu vernehmen , War mir erst ' und letzte Lust . « Sie stand hinter ihm und schaute über seine Schulter in die Noten . Zuweilen beugte sie sich ein wenig vor , und dann fühlte er an der Schläfe den Hauch ihrer Lippen . Ihre Stimme war viel schöner , als seine Erinnerung sie bewahrt hatte . Im Nebenzimmer wurde etwas zu laut gesprochen . Ohne den Gesang zu unterbrechen , lehnte Anna die Türe zu . Josef war es gewesen , der sein Organ nicht länger hatte bändigen können . » Ich werde noch einen Sprung ins Kaffeehaus hinüber schauen « , sagte er . Man erwiderte nichts . Herr Rosner trommelte leise auf den Tisch , und seine Gattin nickte scheinbar gleichgültig . » Also adieu . « Bei der Tür wandte sich Josef wieder um und bemerkte mit mäßiger Festigkeit . » Mama , wenn du vielleicht einen Moment Zeit hast ... « » Ich hör schon « , sagte Frau Rosner , » es wird ja kein Geheimnis sein . « » Nein . Es ist ja nur , weil ich mit dir ja ohnedies in Verrechnung bin . « » Muß man ins Kaffeehaus gehen ? « fragte der alte Rosner einfach , ohne aufzublicken . » Also es handelt sich nicht ums Kaffeehaus . Es ist überhaupt ... Ihr könnt mir ' s glauben , daß es mir selber lieber wär , wenn ich euch nicht anpumpen müßt ' . Aber was soll der Mensch tun ? « » Arbeiten soll der Mensch « , sagte der alte Rosner leise und schmerzlich , und seine Augen röteten sich . Die Frau warf einen traurigen und strafenden Blick auf den Sohn . » Also « , sagte Josef , knöpfte den Bureaujanker auf und wieder zu , » das ist doch wirklich ... wegen jedem Guldenzettel ... « » Pst « , sagte Frau Rosner mit einem Blick gegen die angelehnte Tür , durch die jetzt , nachdem der Gesang Annas geendet , nur das gedämpfte Klavierspiel Georgs hereinklang . Josef beantwortete den Blick der Mutter mit einer wegwerfenden Handbewegung : » Arbeiten soll ich , sagt der Papa . Als ob ich ' s nicht schon bewiesen hätte , daß ich ' s kann . « Er sah zwei fragende Augenpaare auf sich gerichtet . » Jawohl hab ich ' s bewiesen , und wenn es nur auf meinen guten Willen ankäm , hätt ' ich überall mein Auskommen gehabt . Aber ich hab halt nicht das Temperament , mir was gefallen zu lassen , ich laß mich nicht ausschreien von meine Chefs , wenn ich mich einmal eine Viertelstunde verspäten tu ... oder so was . « » Die Geschichte kennen wir « , unterbrach ihn Herr Rosner müde . » Aber schließlich , weil wir schon davon sprechen , du wirst dich ja doch wieder um irgendwas umschauen müssen . « » Umschauen ... gut ... « , erwiderte Josef . » Aber zu einem Juden bringt mich keiner mehr ins Geschäft . Das würde mich bei meinen Bekannten ... jawohl in meinem ganzen Kreis würde mich das lächerlich machen . « » Dein Kreis ... « , sagte Frau Rosner , » wer ist denn dein Kreis ? Kaffeehausfreunderln . « » Also bitte , weil wir schon davon reden « , sagte Josef , » es hängt auch wieder mit dem Guldenzettel zusammen . Ich habe jetzt ein Rendezvous im Kaffeehaus mit dem jungen Jalaudek . Ich hätt ' s euch lieber erst gesagt , wenn die Sache perfekt wird ... aber ich seh schon , ich muß früher mit der Farb heraus . Also der Jalaudek , das is der Sohn von dem Stadtrat Jalaudek , von dem berühmten Papierhändler . Und der alte Jalaudek ist bekanntlich eine sehr einflußreiche Persönlichkeit in der Partei ... sehr intim mit dem Herausgeber vom » Christlichen Tagesboten « , Zelltinkel heißt er . Und beim » Tagesboten « da suchen sie jetzt junge Leute von gefälligen Umgangsformen , Christen natürlich , für das Inseratengeschäft . Und da hab ich heute mit dem Jalaudek Rendezvous im Kaffeehaus , weil er mir versprochen hat , sein Alter wird mich beim Zelltinkel empfehlen . Das wär etwas Ausgezeichnetes ... da bin ich aus ' m Wasser . Da kann ich in der kürzesten Zeit hundert oder auch hundertfünfzig Gulden im Monat verdienen . « » Ach Gott « , seufzte der alte Rosner . Draußen ging die Glocke . Rosner blickte auf . » Das wird der junge Doktor Stauber sein « , sagte Frau Rosner und warf einen besorgten Blick nach der Tür , durch die Georgs Klavierspiel noch leiser drang als früher . » Also Mama was is eigentlich ? « sagte Josef . Frau Rosner nahm ihre Geldbörse und reichte ihrem Sohn seufzend einen Silbergulden . » Küß die Hand « , sagte Josef und wandte sich zum Gehen . » Josef « , rief Herr Rosner . » Es ist doch einigermaßen unhöflich grade in dem Augenblick , wenn ein Besuch kommt ... « » Ah , ich dank schön , ich muß nicht von allem haben . « Es klopfte , Doktor Bertold Stauber trat ein . » Entschuldigen vielmals , Herr Doktor « , sagte Josef , » ich bin grad im Weggehen . « » Bitte « , erwiderte Doktor Stauber kühl , und Josef verschwand . Frau Rosner forderte den jungen Arzt auf , Platz zu nehmen . Er setzte sich auf den Divan und horchte nach der Seite hin , von wo das Klavierspiel kam . » Der Baron Wergenthin « , erklärte Frau Rosner etwas verlegen . » Der Komponist . Anna hat eben gesungen . « Und sie schickte sich an , ihre Tochter herein zu rufen . Doktor Berthold hielt sie ganz leicht am Arme fest und sagte freundlich . » Nein . Ich bitte Fräulein Anna nicht zu stören , absolut nicht . Ich habe nicht die geringste Eile . Es ist übrigens ein Abschiedsbesuch . « Der letzte Satz kam wie hervorgestoßen aus seiner Kehle ; doch lächelte Berthold zugleich verbindlich , lehnte sich bequem in die Ecke und strich mit der rechten Hand den kurzen Vollbart zurecht . Frau Rosner sah ihn förmlich erschreckt an . Herr Rosner fragte : » Ein Abschiedsbesuch ? Haben Herr Doktor Urlaub genommen ? Das Parlament ist doch erst vor kurzer Zeit zusammen getreten , wie man den Zeitungen entnehmen konnte . « » Ich habe mein Mandat niedergelegt « , sagte Berthold . » Wie ? « rief Herr Rosner aus . » Jawohl niedergelegt « , wiederholte Berthold und lächelte zerstreut . Das Klavierspiel hatte plötzlich aufgehört , die angelehnte Tür tat sich auf . Georg und Anna erschienen . » O Doktor Berthold « , sagte Anna und streckte ihm , der rasch aufgestanden war , die Hand entgegen . » Sind Sie schon lange da ? Haben Sie mich vielleicht singen gehört ? « » Nein , Fräulein Anna , das hab ich leider versäumt . Nur ein paar Töne auf dem Klavier hab ich vernommen . « » Der Baron Wergenthin « , sagte Anna , als wollte sie vorstellen . » Die Herren kennen sich doch ? « » Gewiß « , erwiderte Georg und reichte Berthold die Hand . » Der Doktor kommt uns einen Abschiedsbesuch machen « , sagte Frau Rosner . » Wie ? « rief Anna erstaunt aus . » Ich verreise nämlich « , sagte Berthold und schaute Anna ernst und undurchdringlich in die Augen . » Ich gebe meine politische Karriere auf « , setzte er dann wie spöttisch hinzu ... » besser gesagt , ich unterbreche sie auf eine Weile . « Georg lehnte im Fenster , die Arme über der Brust verkreuzt , und betrachtete Anna von der Seite . Sie hatte sich gesetzt und sah ruhig zu Berthold auf , der aufrecht dastand , die eine Hand auf die Lehne des Divans gestützt , als wenn er eine Rede halten wollte . » Und wohin reisen Sie ? « fragte Anna . » Nach Paris . Ich will im Pasteurschen Institut arbeiten . Ich kehre wieder zu meiner alten Liebe zurück , zur Bakteriologie . Es ist eine reinlichere Beschäftigung als die Politik . « Es war dunkler geworden . Die Gesichter verschwammen , nur die Stirne Bertholds , der gerade dem Fenster gegenüberstand , war noch in Helle getaucht . Es zuckte um seine Brauen . Eigentlich hat er seine besondere Art von Schönheit , dachte Georg , der regungslos in der Fensterecke lehnte und sich von einer angenehmen Ruhe durchflossen fühlte . Das Stubenmädchen brachte die brennende Lampe und hing sie über dem Tisch auf . » Aber die Journale « , sagte Herr Rosner , » brachten noch keinerlei Meldung , daß Herr Doktor Ihr Mandat zurückgelegt haben . « » Das wäre auch verfrüht « , erwiderte Berthold . » Meine Parteigenossen kennen wohl meine Absicht , aber die Sache ist noch nicht offiziell . « » Diese Nachricht « , sagte Herr Rosner , » wird nicht verfehlen , in den beteiligten Kreisen großes Aufsehen zu erregen . Besonders nach der bewegten Debatte von neulich , in die Herr Doktor mit solcher Entschiedenheit eingegriffen haben . Herr Baron haben wohl gelesen « , wandte er sich an Georg . » Ich muß gestehen « , erwiderte Georg , » ich verfolge die Parlamentsberichte nicht so regelmäßig , als man eigentlich müßte . « » Müßte « , wiederholte Berthold nachsichtig . » Man muß wahrhaftig nicht , obzwar die Sitzung neulich nicht uninteressant war . Wenigstens als Beweis dafür , wie tief das Niveau einer öffentlichen Körperschaft sinken kann . « » Es ist sehr hitzig zugegangen « , sagte Herr Rosner . » Hitzig ? ... Nun ja , was man bei uns in Österreich hitzig nennt . Man war innerlich gleichgültig und äußerlich grob . « » Um was hat es sich denn gehandelt ? « fragte Georg . » Es war die Debatte anläßlich der Interpellation über den Prozeß Golowski ... Therese Golowski . « » Therese Golowski ... « , wiederholte Georg . » Den Namen sollt ich kennen . « » Natürlich kennen Sie ihn « , sagte Anna . » Sie kennen ja Therese selbst . Wie Sie uns das letztemal besucht haben , ist sie eben von mir fortgegangen . « » Ach ja « , sagte Georg , » eine Freundin von Ihnen . « » Freundin möcht ich sie nicht nennen ; das setzt doch eine gewisse innere Übereinstimmung voraus , die nicht mehr so recht vorhanden ist . « » Sie werden Therese doch nicht verleugnen « , sagte Doktor Berthold lächelnd , aber herb . » O nein « , erwiderte Anna lebhaft , » das fällt mir wahrhaftig nicht ein . Ich bewundere sie sogar . Ich bewundere überhaupt alle Leute , die imstande sind , für etwas , was sie im Grunde nichts angeht , so viel zu riskieren . Und wenn das nun gar ein junges Mädchen tut , ein hübsches junges Mädchen wie Therese ... « , sie richtete die Worte an Georg , der gespannt zuhörte » so imponiert mir das noch mehr . Sie müssen nämlich wissen , daß Therese eine der Führerinnen der sozialdemokratischen Partei ist . « » Und wissen Sie , wofür ich sie gehalten habe ? « sagte Georg . » Für eine angehende Schauspielerin ! « » Herr Baron , Sie sind ein Menschenkenner « , sagte Berthold . » Sie wollte wirklich einmal zur Bühne gehen « , bestätigte Frau Rosner kühl . » Ich bitte Sie , gnädige Frau « , sagte Berthold , » welches junge Mädchen von einiger Phantasie , das überdies in engen Verhältnissen lebt , hat nicht in irgend einer Lebensepoche mit einer solchen Absicht wenigstens gespielt ? « » Es ist hübsch , daß Sie ihr verzeihen « , sagte Anna lächelnd . Berthold fiel es zu spät ein , daß er mit seiner Bemerkung eine noch empfindliche Stelle in Annas Gemüt berührt haben mochte . Aber um so bestimmter fuhr er fort : » Ich versichere Sie , Fräulein Anna , es wäre schade um Therese gewesen . Denn es ist gar nicht abzusehen , wieviel sie für die Partei noch leisten kann , wenn sie nicht irgendwie aus ihrer Bahn gerissen wird . « » Halten Sie das für möglich ? « fragte Anna . » Gewiß « , entgegnete Berthold . » Für Therese gibt es sogar zwei Gefahren : entweder redet sie sich einmal um den Kopf ... « » Oder ? « fragte Georg , der neugierig geworden war . » Oder sie heiratet einen Baron « , schloß Berthold kurz . » Das verstehe ich nicht ganz « , sagte Georg ablehnend . » Daß ich gerade Baron sagte , war natürlich ein Spaß . Setzen wir statt Baron Prinz , so wird die Sache klarer . « » Ach so ... Jetzt kann ich mir ungefähr denken , was Sie meinen , Herr Doktor ... Aber was für einen Anlaß hatte das Parlament , sich mit ihr zu beschäftigen ? « » Ach ja . Im vorigen Jahre zur Zeit des großen Kohlenstreikes hielt Therese Golowski in irgend einem böhmischen Nest eine Rede , die eine angeblich verletzende Äußerung gegen ein Mitglied des kaiserlichen Hauses enthielt . Sie wurde angeklagt und freigesprochen . Man könnte daraus vielleicht schließen , daß die Anschuldigung nicht besonders haltbar gewesen sein dürfte . Trotzdem meldete der Staatsanwalt die Berufung an , ein anderes Gericht wurde designiert und Therese zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt , die sie übrigens soeben absitzt . Und damit nicht genug , wurde der Richter , der sie in erster Instanz freisprach , versetzt ... irgendwohin an die russische Grenze , von wo es keine Wiederkehr gibt . Nun , über diesen Fall haben wir eine Interpellation eingebracht , sehr zahm meiner Ansicht nach . Der Minister erwiderte , ziemlich heuchlerisch , unter dem Jubel der sogenannten staatserhaltenden Parteien . Ich habe mir erlaubt , darauf zu replizieren , vielleicht etwas energischer , als man es bei uns gewohnt ist ; und da man von den gegnerischen Bänken aus nichts Sachliches erwidern konnte , hat man versucht , mich mit schreien und schimpfen tot zu machen . Und was das kräftigste Argument einer gewissen Sorte von Staatserhaltern gegen meine Ausführungen war , können Sie sich ja denken , Herr Baron . « » Nun ? « fragte Georg . » Jud halts Maul « , erwiderte Berthold mit schmal gewordenen Lippen . » O « , sagte Georg verlegen und schüttelte den Kopf . » Ruhig Jud ! Halts Maul ! Jud ! Jud ! Kusch ! « fuhr Berthold fort und schien in der Erinnerung zu schwelgen . Anna sah vor sich hin . Georg fand innerlich , es wäre nun genug . Ein kurzes , peinliches Schweigen entstand . » Also darum ? « fragte Anna langsam . » Wie meinen Sie ? « fragte Berthold . » Darum legen Sie das Mandat nieder ? « Berthold schüttelte den Kopf und lächelte . » Nein , nicht darum . « » Herr Doktor sind über diese rohen Insulte gewiß erhaben « , sagte Herr Rosner . » Das will ich nicht eben behaupten « , erwiderte Berthold . » Aber immerhin mußte man auf dergleichen gefaßt sein . Der Grund meiner Mandatsniederlegung ist ein anderer . « » Und darf man wissen ... ? « fragte Georg . Berthold sah ihn durchdringend und doch zerstreut an . Dann erwiderte er verbindlich : » Gewiß darf man . Nach meiner Rede begab ich mich ins Büfett . Dort begegnete ich unter andern einem der allerdümmsten und frechsten unserer freigewählten Volksvertreter , dem , der wie gewöhnlich , auch während meiner Rede , der Allerlauteste gewesen war ... dem Papierhändler Jalaudek . Ich kümmerte mich natürlich nicht um ihn . Er stellt eben sein geleertes Glas hin . Wie er mich sieht , lächelt er , nickt mir zu und grüßt heiter , als wäre nichts geschehen : » Habe die Ehre , Herr Doktor , auch eine kleine Erfrischung gefällig ? « » Unglaublich ! « rief Georg aus . » Unglaublich ? ... Nein , österreichisch . Bei uns ist ja die Entrüstung so wenig echt wie die Begeisterung . Nur die Schadenfreude und der Haß gegen das Talent , die sind echt bei uns . « » Nun , und was haben Sie dem Mann geantwortet ? « fragte Anna . » Was ich geantwortet habe ? Nichts , selbstverständlich . « » Und haben Ihr Mandat niedergelegt « , ergänzte Anna mit leisem Spott . Berthold lächelte . Zugleich aber zuckte es um seine Brauen wie gewöhnlich , wenn er unangenehm oder schmerzlich berührt war . Es war zu spät , ihr zu sagen , daß er eigentlich gekommen war , sie um Rat zu fragen wie in früherer Zeit . Und doch , das fühlte er , er hatte klug daran getan , sich gleich beim Eintritt jeden Rückzug abzuschneiden , seinen Verzicht auf das Mandat als bereits vollzogen , seine Reise nach Paris als unmittelbar bevorstehend anzukündigen . Denn nun wußte er ja , daß Anna ihm wieder einmal entglitten war ,