ich Dich gebeten ! William an Valerius . Freund ! Ich habe der verdrießlichen Geschichte halber nach Berlin geschrieben , und denke Dir bald Bescheid geben zu können . Ich mische mich übrigens sehr ungern in derlei Skandal , und nur die alten Freundschaftsverhältnisse aus unserm poetischen Vereine bewogen mich , der Polizei ins Handwerk zu greifen . Das sind die Folgen jener grauenhaften Lebensansichten , denen Du selbst nicht ganz fremd bist . Was ist Euer Bodensatz ? Die empörendste Eigenliebe . Das Ich allein soll sich auf jede Weise wohl befinden , mag nun um Euch herum alles darüber zugrunde gehen . Es ist die unchristlichste Subjektivität , die nur ersonnen werden konnte , und dabei wollen sich einige von Euch noch in die Mitte der demokratischen Zeitbewegung stellen , wollen sie loben und führen . Heißt das nicht den Bock zum Gärtner setzen ! Das Wesen dieser demokratischen Richtung ist Allgemeinheit , Zurückdrängen des individuellen Interesses , um das der Gesamtheit auf den Thron zu setzen . Gebärdet Ihr Euch nicht wie kleine Despoten , wenigstens Autokraten , die sich eben nur selbst Gesetz sind , die all ihren Launen den Zügel schießen lassen ? Und unsern Vereinigungspunkt , die Poesie anlangend , was hat uns da diese Richtung gebracht ? Eine schamlose Enthüllung des eigenen Körpers , mit dem die Poeten feilen Dirnen gleich kokettieren . Sie haben keinen andern Mittelpunkt mehr , als das persönliche , meist materielle Vergnügen , und je nachdem das nun groß oder klein oder gar nicht da ist , wird das Gedicht frivol oder abgeschmackt oder gottlos . Sie haben sich selbst auf den Thron des Höchsten gesetzt , darum haben sie eine so arme Welt , eine so jämmerliche Regierung derselben , einen so sündhaften schwachen Gott . Mit wieviel Heineschen Gedichten könnte ich Dir das belegen , und wie klar liegt der Ursprung alles dessen vor Augen . Unfähig sich durch großartige Zusammendrängung der neu entdeckten Gefühle und Gedankenkreise auszuzeichnen , etwas die allgemeine Aufmerksamkeit Überwältigendes zu liefern , aber doch gedrängt und gestachelt durch weibische Eitelkeit , enthüllten sie wie jener Mann in der Bibel die eigene Scham , brachten sie die ganze Rumpelkammer der früheren Poesie , die Hobelspäne der früheren Werke hervor , putzten sie mit modernen Kleidern auf , und gaben sie hin für Gedichte . Die faule Welt , die soviel Soziales zu tun hatte , daß ihr keine Zeit blieb für die Räume des besten inneren Menschen , nahm die Wechselbälge wohlgefällig hin , weil sie in ihrer bunten Tracht nur eines flüchtigen Blicks bedurften , und kein sorgfältiges Beschauen , keine Zeit , keine Tätigkeit in Anspruch nahmen . Das einmal Gebilligte war Regel geworden , und nächstens erwarte ich das Unanständigste , weil die heutige Welt doch erst auf der Spitze des Berges umkehren wird . Es ist wie mit dem Verdauungsprozeß - das ist ein Bild aus Eurer Schule - der kranke Magen fördert die halbrohen Speisen weiter , der gesunde zerteilt , zerlegt sie bis in die kleinsten Atome ; Eure Poeten packen die Situation , schleudern sie durch einige Verse , und das Gedicht ist fertig ; der wahre Poet läutert sie bis in die geheimsten Motive , und das Geistige daraus gibt er wieder in Tönen . Der wahre Poet fühlt die Situation durch bis an die Spitzen der Wurzeln und sein Gefühl davon ist die Poesie - der Eure flattert mit seinen Blicken durch das Laub , und was er gesehen , ist sein Gedicht . Es ist eine traurige Oberfläche , und ich weiß nicht , wo das hinaus soll , wenn die Opposition nicht lebhafter wird . Das Gedicht muß aus der Knospe des innersten Menschen brechen . Ihr pflückt es von den blinzenden Augenwimpern , dem zuckenden Munde . Was soll man zu diesen kleinen Darstellungen Heines sagen , die Du so verehrest , wo nichts beschrieben wird als ein Knabe , der im Kahne angelt und dazu pfeift , wo ein Mädchen im Lehnstuhl sitzt und schläft . Das ist ein Buhlen mit fremden Künsten , das gehört der Malerei und ins Gebiet der Fläche , die Poesie hat aber mehr Dimensionen , und die Höhe und Tiefe ist ihr Wesentliches . Ich entferne mich immer mehr von Euch - ich weiß nicht , was Euch halten soll , wenn Eure physische Spannkraft Euch verläßt , Ihr besteht ja doch nur wie künstliche Maschinen ; wenn Eure künstliche Tätigkeit aufhört , so fallt Ihr zusammen . Ihr seid isoliert von der Verbindungsstange der höheren Elektrizität , Ihr seid ohne Bezug zur Gottheit - eine Krankheit , die Eure geringe geistige Kommunikation mit ihr aufhebt , weil sie Eure geistige Tätigkeit aufhebt , wirft Euch zu den Tieren . Meine Religion ist die unzertrennbare Einigung mit dem Höchsten , sie besteht wie die Atmosphäre , auch wenn ich selbst unfähig bin , die geistigen Anknüpfungspunkte festzuhalten . Was soll ich zu Deinem theologischen Treiben sagen , das unsere Urkunden und die Worte der alten Glaubenshelden nur mit dem zersetzenden kritischen Auge ansieht und fertig zu sein hofft , wenn alles in Wasser aufgelöst ist . Ich bedaure Euch und gäbe viel darum , wärt Ihr anders . Ade . - Nachschrift . Eben erhalte ich Briefe von Berlin . Konstantin ist dort angekommen , hat ein Logis von mehreren Gemächern gemietet , ist wieder abgereist und hat seine Rückkehr mit einer Dame angekündigt . Die Adresse findest Du beigelegt , erlasse mir die Erforschung des Details dieser skandalösen Geschichte . Leb wohl ! Valerius an William . Daß Du nicht in der Nähe des Walter Scott gelebt , als er seine » Schwärmer « schrieb , bedaure ich lebhaft ; Du hättest ihm ja das beste Bild eines hartnäckigen und hartmäuligen Presbyterianers gegeben . O , über Euch schlimmen Menschen ! Weil Ihr nun einen Käfig zusammengesetzt , in dem Ihr Euch wohlbefindet , verlangt Ihr denn nun ungezogen tyrannisch , es solle alle Welt in diesen Käfig kriechen . Ihr habt Euerm innern und äußern Menschen ein Kleid zugeschnitten , und alle Welt soll nun hineinkriechen , es mag ihr zu eng oder zu weit sein . Erinnere Dich , Freund , daß ich Dich nie Deines Systems halber getadelt habe , wenn auch das System nicht das meine ist - ich bin ein Mann der Freiheit , und sitze zur Seite ihres holden Töchterleins mit den lieben , klaren Augen , der Toleranz . Du sprichst aber despotische Worte , und klagst doch wunderlich genug uns Leute der leichteren Moral des Despotismus an . Du berufst Dich zuerst auf die demokratische Tendenz unserer Zeit , der wir huldigen , und verlangst Zurückdrängen des einzelnen , damit die Allgemeinheit gedeihe . Das hat seine vollkommene Richtigkeit , und es ist niemand so sehr dafür als ich - ich hasse wie Du den Egoismus des Staates in Bevorzugung einzelner . Aber Freund , Du siehst die Sache schielend an , und das Endziel aller Bestrebungen - die Freiheit - entgeht Dir . Die einzelnen sollen nicht bevorzugt , aber jeder einzelne soll frei werden . Damit dies nun aber auf eine der Allgemeinheit ersprießliche Weise geschehe , predigen wir als höchste Blüte der Bildung : Abstreifen jeder Art von Egoismus , Humanität . Das sind nicht Gegensätze , wie Du zeichnest , sondern Stufen . Die Freiheit widerspricht aber jede Art von Formel , sie betreffe Moral oder sonst etwas - erreichten wir selbst durch solche Formeln das allgemeine Wohl , so bezahlten wir dies doch mit dem allgemeinen Wohl , d.h. mit dem Wohle der einzelnen , die von außen her nur gezwungen lebten , und nur in trostloser Gleichgewichtstheorie den allgemeinen Fall vermieden . So werden die Menschen beklagenswerte Negationen , und die Haupttugend wird wie in manchem melancholischen Christentume die Unterlassung , die Demut . Es ist aber ein größeres Ziel unserer Richtung , die Menschen selbständig zu veredeln , und die Veredelten Selbstherrscher werden zu lassen . - Die Millionen Selbstherrscher sind das äußerste Ziel der Zivilisation . Dieses Ende verschließt Deine Autoritätstheorie für immer , Dein Schluß muß eine starre Monarchie sein , der meine ist die fröhlichste , ungebundenste Allherrschaft , wo jede Individualität gilt , weil jede in sich gesetzmäßig ist und in ihrer Veredlung das neben ihr wandelnde Gesetz nicht stört . Zu diesem Ziele ist das Zurückdrängen des Individuums Weg , - bei Dir aber leider Endpunkt . Darum tadle auch ich es , wenn Konstantin jetzt , wo die große Epoche , des Demokratismus erst beginnt , ihre Vollendung für sich antizipiert , und nur sein persönliches Wohlsein im Auge habend , Unheil anrichtet . Er betrügt seine Umgebungen , die noch auf einer tiefern Stufe der Entwicklung stehen und in anderer Münze Zahlung erwarten , als er gewähren will . Unsere Ansichten verhalten sich zueinander wie zur Vereinigung zusammenlaufende und in endlose Weite auseinandergehende Linien . Du willst die Menschheit zu einer willenlosen Masse , zu einem Punkte zusammendrängen , ich will sie aus dem engen Raume der Formel ausbreiten in das unendliche Gebiet des unermessenen inneren Menschen . Darum bist Du Monarchist , ich Republikaner und mehr denn dies . Ich weiß , daß tausend solche Opfer , wie Konstantin eins vorbereitet , fallen müssen , eh ' der Tag siegreich alles erhellt ; in der unsichern Beleuchtung des dämmernden Morgens stolpern die meisten - aber ich weiß auch , daß dieser einleitende Nachteil Eurer großen Sklaverei vorzuziehen ist , welche den Menschen der Menschheit opfert . Mir ist der Staat des einzelnen wegen da , Dir der einzelne des Staates wegen . Darin ruht der große Unterschied . Ich opfere einzelne für den künftigen allgemeinen Gewinn , Du opferst alle für eine regelmäßige Maschine . Das Individuum soll allerdings mit seiner Persönlichkeit zurücktreten , um die Allgemeinheit zu fördern , aber dies soll das Ergebnis der Bildung , der überzeugten Resignation sein , ein Akt der Freiheit , und so rettet das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer . Das Opfer wird aber von Tage zu Tage geringer , da die Zahl der selbständigen Individuen größer wird und am Ende keines dem andern mehr in den Weg tritt - so wird endlich der einzelne und die Allgemeinheit frei : Dein einzelner bleibt aber ewig Sklave . Darum tadle ich es nicht einmal , wenn sich das Individuum glänzend geltend macht , ich tadle es nur , wenn ein anderes darunter leidet . Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen Ansichten über die Poesie . Sie ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln . Wenn das Individuum selbständig werden soll , so muß es sich erst verschönern , geltend machen . Daß nun die neuere Poesie , an deren Spitze sich Heine gestellt , die einzelne Figur mit Vorliebe heraushebt , und spielend an ihr herumgleitend , erst tändelnd an ihr hinabgleitend , mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem Gedanken sich begräbt - das alles ist Dir ein Greuel . Du willst keine Figur , willst nur die aus ihr abgezogene Formel , willst Sentenzen , Sätze usw. Darum verstehst Du auch die poetische Naturanschauung Heines nicht - es ist eine streng demokratische : er läßt nichts unbeachtet liegen , was einmal da ist ; Ihr esoterischen Sublimritter habt aber ein gewisses Register poetischer Gegenstände . Es ist alles poetisch oder nichts - es kommt nur auf das Glas an , womit man ' s betrachtet . Euch ist es unerhört , daß ein Knabe im Gedicht » angeln und pfeifen « kann ; Ihr habt eine prüde Poesie . Natürlich könnt Ihr auch die kleinen poetischen Gemälde nicht verstehen , weil Ihr keine Bilder ohne Unterschrift wollt . Konsequent setzt Ihr auch die schönen Uhlandschen Balladen und Romanzen den breit erklärenden Schillerschen nach . Ich tu natürlich das Gegenteil . Daß das Gedicht mitten im Klange aufhören und darum den höchsten Wert haben könne , wenn es auf eine schöne Weise die Saiten des Lesers tönend angeschlagen habe , begreift Ihr nicht . Wie es bebt und rauscht und klingt , nachdem Ihr das Gedicht zu Ende gelesen und seinen Flügelschlägen nachlauscht - das ist Euch zu unbefriedigend , Ihr wollt die Flügel so lange sehen , bis sie am Boden liegen . Ihr seid Philister . Alles Ende ist prosaisch - ein Gedicht , dessen Schluß den Raum des Gedichts offen läßt , entfaltet die meiste Poesie . Ihr platten Leute wollt eine tranchierende Sentenz am Ende , damit Euerm ängstlichen Gewissen geholfen werde , sonst werdet Ihr unruhig , unbehaglich , weil Ihr die peinliche Abgeschlossenheit liebt . Geht , geht , Ihr seid Rechenexempel . Von Konstantin hab ' ich Nachricht , will Dich aber nicht damit behelligen . 5. Leopold an Valerius . Kupido schreibt seinem lieben Zuverlässigen . Ich sehe Dich lächeln , Du ernster Gesell , denn Du vermutest sogleich ein Anliegen , ein Geschäft , sonst - meinst Du - kommt der Schmetterling nicht zum Schreiben . Ich werde Dich nächstens hassen , weil Du mir gegenüber immer recht hast . Du bist wirklich ein fataler Mensch mit Deiner Ruhe : wärst Du wenigstens ein Pedant wie William , so könnte man doch über Dich lachen , aber so wie Du bist , bist Du doch eigentlich gar nicht amüsant . Da ich einmal schreibe , so könnte es sich begeben , daß ich im Schusse die eigentliche Veranlassung vergäße - lächle nicht wieder , lieber Valerius , ich bitte Dich , es ist mir unbequem - ich will also gleich damit anfangen . Ich wohne hier auf einer reizenden Villa bei äußerst lieben Leuten ; der Graf Topf ist zwar , wie Du ' s nennst , ein eingefleischter Aristokrat , indessen weißt Du , daß mich das wenig kümmert ; er ist ein poetisches Gemüt . Wäre es nicht Dir gegenüber , so würde ich sagen , das sei mehr wert als alles andere . Still doch - ich hab ' es ja nicht gesagt , hinweg mit der Stirnrunzel ! Ein klein wenig Eitelkeit - mein Gott , wer ist nicht eitel - mag wohl auch teil dabei haben ; er spielt gern den Mäcen und da ich ihm von unserm poetischen Vereine erzählte , so besteht er darauf , die Mitglieder alle hier auf seinem Schlosse zu sehen und zu bewirten . Ich habe Dich kühlen Mann als einziges wahrscheinliches Hindernis genannt , deshalb tat er das Unerhörte und schrieb eine verbindliche Einladung an Dich . Du hältst sie als rosenfarbene Beilage meines Briefes in der Hand . Sei freundlich , teile die Aufforderung den andern mit , und kommt her in das Reich der Düfte und Töne , der süßeste Rausch wird über Euch kommen , ich lebe wie ein kleiner Liebesgott und habe Euren Beinamen nie besser verdient . Ich wiege mich von einer Seite der klingenden Tiekschen Gedichte auf die andere , ich schwebe auf Akkorden , ich bin wie entpuppt und säusle wie Psyche körperlos durch die Lüfte . Mein ganzes Wesen ist der liebenswürdigste Argus mit hundert Augen für eitel Schönheit , der alte kleine Leopold begegnet mir nur zuweilen und überrascht mich wie ein wiedergefundener Bekannter , ich bin durch und durch ein neuer Gedanke von Glück und Liebe . - Wie Du sanft lächelst ob meiner Überschwenglichkeit , nicht wie ein Mephisto , aber wie ein Weiser der kühlen Stoa - sieh , das macht Dich mir so liebenswert , daß ich immer wieder meine heiße Brust an Dein kühles Haupt lege : Du gewährst ja der Persönlichkeit ihr Recht . Ich lasse mich nur von Dir gern schelten . William dagegen erbittert mich . Nun horch , was mich hier so unsäglich beglückt . Der Graf hat eine Tochter , Alberta , schön wie Diana , spröde wie Diana , göttlich wie Diana - jeder Gedanke in mir liebt sie , und jeder Gedanke an sie ist Poesie . Ihr Kopf ist der einer Madonna , die ihre Verklärung ahnt , die noch nicht geliebt hat , aber auf den Lippen , auf den Augenwimpern die schalkhaften Liebesgötter hebt und wiegt , die ihr zuflüstern , daß sie unendlich lieben werde . Der Ausdruck ihrer Züge ist ein seliges , träumerisches Aufwachen , ihr wie ein Blumenkelch sich aufschließendes Ganze lispelt zauberisch : Ich fühl ' s , ich werde lieben . Wie über der Blume schimmert der Tau der Sehnsucht , der frische Morgen - ach es ist ein unbeschreiblich liebes Mädchenbild , und ich muß mir die Augen zuhalten , um ungestört mit ihr kosen zu können . Sie ist fein , aber rund und voll gewachsen . Trotz ihrer sonstigen Sanftmut trägt sie den Kopf keck und stolz und geht in einer sehr vornehmen Haltung einher . Ihr Haar ist rabenschwarz , sie trägt es glatt und ungelockt , meist verhüllt durch eine Art leichten Turbans , den sie mit großer Geschicklichkeit zu drapieren weiß , so daß er wie ein keckes Bürschchen herunterschaut . Die Stirn ist schön wie ein Marmortempel , die Augen - ach wenn ich Dir sagen könnte , was es mit diesen Augen , mit diesen lispelnden Mundwinkeln für eine Beschaffenheit hätte ! In den Augen und auf dem Munde ruht jene Sehnsucht des betauten Blumenkelchs . Das Auge ist groß und schwarz , aber nicht stechend schwarz , nein , weich wie Sammet und Seide , weich wie die Nachtluft im heißen Sommer , glänzend wie ein dunkler Wasserspiegel , der in ungestörter Ruhe zwischen den hohen Bergen Tirols lagert . In seinen Tiefen glaubt man bezauberndes Glockengeläut zu hören , Städte von fabelhafter Pracht und Herrlichkeit liegen zu sehen . Albertas Auge ist das Märchen von tausend und einer Nacht , und die langen dunkeln Wimpern beschatten es wie die träumerische Palme Arabiens zur Zeit der Dämmerung ; fein und schlank , fast unmerklich gebogen ist die Nase , aber die zarten Flügel zittern mitunter wie Lotosblätter , die Brahmas Odem durchbebt , und dann hebt sich so herausfordernd der kleine Mund mit seinen vollen Lippen , und um seine spielenden Winkel hüpfen kleine üppige Tänzerinnen . Sie geht immer schneeweiß gekleidet - Himmel , da kommt sie mit ihrer Freundin Kamilla , ich schreibe im Pavillon , kann nicht entrinnen und Kamillens zügelloser Neugier könnt ' es leicht einfallen , mir meinen Brief wegzunehmen , ich will - - Später . Wie ich befürchtete , geschah ' s. Eh ' ich meine Schreiberei verbergen konnte , waren sie bei mir . » Was schreiben Sie ? « » Den Einladungsbrief an Valerius , « schütte ich in meiner dummen Bestürztheit heraus . - » Sonst nichts ? « Und nun half kein Sträuben . Die leichtsinnige Kamilla bemächtigte sich des Briefes und las ihn in Albertas Gegenwart vor . Ich war einen Augenblick in großer Verlegenheit , indes Du kennst mich ja , und hast diese Art meiner Dreistigkeit oft besprochen ; ich faßte mich schnell , die Schönheit , der Zauber des Gegenstandes entflammte mich ; ich las den Brief selbst zu Ende . Mit dem Erfolge hab ' ich indes sehr wenig Ursache zufrieden zu sein ; die törichte Kamilla trieb nichts als Spott mit meinen sehr ernsthaften Dingen , und Alberta - ja Alberta sah so wunderlich drein , daß ich gar nicht aus ihr klug geworden bin . Ach , Valerius , wo ist das Tor , das zu diesem Paradiese führt ? Ich flattere an dem Gitterwerk herum und nasche , wie Du ' s nennst , von den herüberhangenden Zweigen , und träume im bloßen Anblick taumelnd umher ; - wär ' ich ein anderer , so wär ' ich unglücklich , da ich aber Ich bin , so bin ich trotzdem munter , und bis Ihr auf Grünschloß , des Grafen Gute , eingetroffen , hab ' ich alle Belagerungskunst erschöpft und empfange Euch als Herr und Meister der Festung . Die prosaische Kamilla ist mir sehr im Wege , sie besprüht meine Raketen stets mit kaltem spöttischen Wasser , und scheint doch neben diesem fatal platten Wesen eine Innigkeit zu besitzen , mit der sie Alberten unauflöslich fesselt , und die ich durchaus nicht verstehe , für die mir der Zugang zu fehlen scheint . Sie ist nicht schön , aber hübsch und bewundernswert gewachsen . Ich glaube , sie wird Dir behagen . Eben erhalte ich zwei Briefe von zwei früheren Geliebten , die in dem goldenen Wahne sind , ich hätte seit der Zeit meiner Abreise von ihnen nichts zu lieben gehabt als sie ; ich hätte ins Tränentüchlein geseufzt . Ich bin nur ein Siegwart des Augenblicks , ich liebe das Leben und nicht den Tod , Ferne und Vergangenheit sind aber Tod . Ich werde zwei Briefe an Alberten schreiben und sie den beiden guten Kindern schicken , ich hoffe , sie werden zufrieden sein . Meine Poesie fließt lustig , ich singe Tag und Nacht wie der Vogel , und in der Musik bade ich mich wie ein sommerheißer Schwan . Komm zu uns , komm und hilf uns glücklich sein - der Himmel ist blau , die Welt ist schön , man kann so unendlich viel lieben ! 6. Konstantin an Valerius . Berlin , den 2. Mai 1830 . Was hilft das Klagen ? Was soll das Zagen ? Nur keckes Wagen Macht uns gesund . Ich bin da , sie ist auch da - das weißt Du aus meinem letzten Billett - aber ich bin noch nicht da , wo ich sein möchte . Mit aller Kraft meiner Suada bewog ich Rosa , sich hieher entführen zu lassen . Ich weiß selbst nicht , warum sie ' s eigentlich tat , denn ihre Neigung zu mir scheint nicht eben groß zu sein ; ich glaube , sie wollte die alte Martha los werden und die Welt sehen . Ich hatte uns hier eine angenehme Wohnung gemietet , warm und bequem wie römische Thermen , sie schlug es bestimmt aus , mit mir zu wohnen , sie affektiert noch viel von Ruf und dergleichen ; schwache Weiber klammern sich an den Ruf wie Greise an den Stock - jedes Kind schlägt ihn weg . Ich mußte vorausreisen , und als ich ihr dann von hier aus entgegenfuhr , durft ' ich sie nur einige Stationen begleiten , sie wollte allein hier ankommen , hat sich in einem ganz anderen Stadtviertel eingemietet und bewirbt sich um ein Engagement an der Bühne . Sie ist freundlich , liebenswürdig , gut , lieb gegen mich , aber ich komme nicht von der Stelle ; es ist lächerlich , ich habe ihr erst einige Küsse gestohlen , aber noch nicht einen erhalten . Es ist eine großartige Koketterie , wenn es eine ist . Apoll senkt sein Gespann zum Schatten eines süßen Maiabends ; ich habe mehrere Tage mit Rosa geschmollt ; jetzt will ich zu ihr gehen , und küßt sie mich heut nicht , so küßt sie mich nie . Lustig ist ' s im Monat Mai , Weil sich die Erde kleidet neu ; Lustig ist ' s dann in Walladmors Haus , Weil die bösen Geister weichen hinaus . Den 3. Mai . Der Teufel hole den Mai ! Wer gut erzählen will , muß Hindernisse bringen - der Teufel hole die guten Erzählungen . Rosa war nicht zu Hause , oder was noch schlimmer wäre , ließ sich verleugnen . Ein Gardeoffizier ging in weiter Entfernung vor mir her und in das Haus hinein , ein Gardeoffizier machte seiner Lorgnette , meiner Rosa und mir neulich im Theater viel zu schaffen , ein Gardeoffizier folgte uns beim Nachhausegehen wie ein Schatten - der Teufel hole die Gardeoffiziere . Rosa , das kokette Mädchen , gestattet meine Begleitung stets nur bis an die Haustür , der Aff ' meint , es schicke sich nicht , so spät noch Besuche anzunehmen , wenn man allein wohne - ach , ich bin so bös , die Geschichte ist so garstig verfahren , und das dumme Zeug bringt mich so aus dem Gleichgewicht und verdient doch so wenig Aufmerksamkeit . Ich werde ganz bös werden und morgen mich hinter die Bücher setzen und die Wirtschaft ganz liegen lassen . Wahrhaftig das werd ' ich . - Ob sie wirklich so schnell hätte intrigieren können ? Valer , was meinst Du , Du kennst ja die Weiber ; ist ihr Teilnahmsgedächtnis wirklich solch Entengedärm ? - 7. Valerius an Konstantin . Grünschloß , Anfang Juni . Du wirst Dich wundern , wie ich aus meiner stillen Zelle plötzlich hieher gekommen bin , was mit mir vorgegangen ist . Ich gestehe Dir , daß mich die letzten Tage etwas übereilt und verwirrt haben , ihre Bewegung hat an meinem ruhigen Gleichgewichte gerüttelt ; es ist mir Erholung , Bedürfnis , mich ausführlich auszusprechen , mich selbst aufs Reine zu bringen . Wie einen ungeübten Novellenschreiber beunruhigt mich der Faktenstoff , der in der Hand herumspringt und Ort und Stelle und Ordnung erheischt . Wirst Du aber auch Zeit dazu haben , mein lieber Freund ? Du hast einen leichten Roman angesponnen und hast Dir die Kraft zugetraut , Held und Dichter und Publikum zugleich zu sein , Du hast versucht , Dir einen kleinen Freudenplaneten zu schaffen , in ihm zu genießen und von außen her ihn zu bewegen , zu regieren . Nach Deinem letzten Briefe ist Dir der Zepter schon klirrend an den Boden gefallen , der falsche griechische Kaiser hat nur seinen Ornat noch behalten , aber das Ansehen und die Macht verloren ; Dichter und Publikum sind lachend davongegangen , und der Held des Romans , der Passive , steht in den Mantel gehüllt tief in der Nacht vor des Mädchens Haus und schaut grollend und sehnsüchtig nach den Fenstern . Ja Freund , die Neigungen des Menschen sehen immer anfänglich wie kleine harmlose Mädchen aus , bei denen man einen Augenblick scherzend stehen bleibt , mit denen man spielt ; und unter den Spielen wachsen sie wunderbar schnell in die Höhe , und sie werden wunderbar schön , und das kleine Händchen ist eine weiche warme Hand geworden , die uns mit wunderbarem Zauber festhält . Dies geisterartige Wachsen der Neigung hätte etwas Unheimliches , wären nicht eben Blut und Wärme ihre Waffen , die da aufreizen , statt abzuschrecken . Schreibe mir , wie es Dir ergeht . Ratschläge sind lächerlich ; es sind friedliche Landesgesetze für eine eben vom Feinde eroberte Stadt , die unter dem Martialgesetz seufzt , - ich gebe Dir keine , Du kannst keine brauchen . Leopold schwärmte seit längerer Zeit hier auf Grünschloß , er hat den William und mich hieher gebracht . Ich hielt es für nötig , die Vorhänge meiner Einsamkeit endlich aufzurollen und mich einmal nach der Sonne umzusehen . Wie ein bleicher Mann trat ich hervor aus langer Kerkernacht in die bewegte Erde - was Wunder , daß ich ein wenig bestürzt war . Beinahe ein halbes Jahr ist es her , daß ich einsam auf meinem Gartenhause lebte , nur Euch sah ich zuweilen bei mir , nur der Abend sah mich manchmal bei Euch , sonst hat mich niemand , sonst hab ' ich niemand gesehen . Ihr hattet mich immer nur zurückgezogen gekannt ; solange wir zusammen lebten , war ich völlig aus dem Getümmel der Welt getreten . Ein Unterschied nur mußte Euch auffallen . Früher suchtet Ihr mich oft vergebens in meiner Behausung ; ich war oft nicht daheim . Ob Ihr es wißt , wo ich war , was mich beschäftigte , weiß ich nicht ; ich bin Euern Fragen ausgewichen , ich habe nie geforscht , ob Ihr geforscht . Wahrscheinlich indes ist ' s Dir nicht neu . Ich liebte , Freund , und war bei ihr , die mich wieder liebte . Nenn es eine Schwäche oder wie Du willst : das grelle Licht der Öffentlichkeit blendet meine Augen , wenn ich sie hineinsenken kann in das Auge der Liebe . All mein Tun gehört der offenen Welt , aber meine Liebe trag ' ich scheu in den dunkelsten Hain ; mein Herz erschrickt , wenn es plötzlich vor aller Welt erscheinen soll mit seiner großen Sehnsucht nach einem Weibe . Dazu kam , daß es eine glückliche Unglücksliebe war ; wir liebten uns über offenen Gräbern , wir wußten unseren Todestag , und da wollten wir keine Minute verlieren , und die Welt sollte uns mit ihrer Störung keinen Moment rauben . O meine süße Klara ! wie redlich haben wir mit der Zeit gegeizt ! Wie oft hab ' ich Euch bis ans Tor begleitet , wo Ihr nach Euerm Sammelplatze , jenem klassisch gewordenen Kaffeegarten , steuertet , und wenn Ihr mich drängtet mitzukommen , und ich den Kopf schüttelte und traurig lächelnd von Euch ging , um in die Felder hinauszustreifen , da harrte sie meiner schon in jener dichtbewachsenen Laube , wo uns niemand störte , da ging ich zu ihr und saß stundenlang zu ihren Füßen . Ach , die Welt ging da gemessen und harmonisch , es war alles so schön , denn ich liebte kindlich und kindisch wie ein fünfzehnjähriger Knabe . Mein demokratisches Glaubensbekenntnis sagt mir heut , daß man besser lieben könne , weiter , breiter , universeller - ich konnte in jener Laube einsam mit ihr sitzen , aber ich konnte die Welt mitbringen , die Welt der Ideen . Ich glaube es auch , ich würde heut reicher lieben . Aber damals war die Welt so arm , sie hatte noch keine Ideen , ich wußte wenigstens nichts davon , und meine modrige Wissenschaft paßte nicht dazu . Auf ihrem Schoße schrieb ich jene Lieder , die ich Euch im Vereine las