, ehe der Du wiederkam und versuchte , ob Caspar noch seinen Namen schreiben und die Worte aus dem Buch lesen konnte . Er verbarg nicht seine Verwunderung , als der Knabe dies mühelos vermochte . Er wies auf Dinge rings im Raum und nannte ihre Namen ; er redete langsam , Aug in Aug mit Caspar , und hielt ihn dabei an der Schulter fest ; durch seine Blicke , seine Gebärden , das Verzerren seiner Züge hindurch ahnte Caspar , was er sagte , und ihn schauderte , während seine stotternde Zunge dem Mann gehorsam war . In der folgenden Nacht wurde er aus dem Schlaf gerüttelt . Lange und mit Qual spürte er es und konnte doch nicht ganz erwachen . Als er endlich die Augen aufschlug , war die Mauer geöffnet , und ein purpurroter Schein floß in den Raum . Der Du war über ihn gebeugt und sprach leise , vielleicht um Caspars Furcht zu stillen . Er richtete ihn empor und bekleidete . ihn mit Hosen , mit einem Kittel und mit Stiefeln , dann stellte er ihn auf die Füße , lehnte ihn gegen die Wand und kehrte sich mit dem Rücken gegen ihn . Er umfaßte seine Beine , hob ihn auf , Caspar umschlang mit den Armen seinen Hals , und nun ging es hinauf , einen hohen Berg hinauf , so schien es Caspar ; in Wirklichkeit war es wahrscheinlich die Treppe des unterirdischen Verlieses . Furchtbar dröhnte der Atem des Mannes , etwas Kühles und Feuchtes schlug Caspar ins Gesicht , setzte sich in seinen Haaren fest , die sich von selbst zu bewegen anfingen , und klammerte sich an seine Haut . Plötzlich wich die Schwärze , sie rauschte auf den Boden nieder ; alles wurde weit , weich und blieb doch dunkel ; in der Tiefe , in der Ferne wuchteten fremde große Dinge ; von oben brach ein blauer Strahl und verlor sich wieder , das Schlüpfrig-Feuchte blähte die Falten der Kleider , durchdringende Gerüche wogten umher , Caspar begann zu weinen und schlief auf dem Rücken des Mannes ein . Beim Erwachen lag er auf dem Boden , das Gesicht zur Erde gekehrt , und von unten strömte Kälte in den Leib , Der Du richtete ihn auf . Die Luft brannte sonderbar , und ein unerträglich heller Schein flirrte vor den Augen . Der Du machte ihm begreiflich , daß er gehen lernen müsse ; er zeigte ihm , wie er gehen solle , er hielt ihn von hinten unter den Armen und stieß seinen Kopf gegen die Brust , ihm so befehlend , daß er auf den Boden sehen solle . Caspar gehorchte wankend und zitternd , die Luft und der Schein brannten ihm die Augenlider , die Gerüche machten ihn schwindeln , die Sinne vergingen . Er schlief wieder ; wie lange , das wußte er nicht . Auch wußte er nicht , wie oft er zu gehen probiert hatte , als es wieder dunkel wurde . Vielleicht glaubte er , es sei Nacht geworden , während sie sich nur in einem Wald befanden . Den Weg gewahrte er nicht , er konnte nicht sagen , ob es aufwärts oder abwärts ging . Ob Bäume oder Wiesen oder Häuser da waren , wußte er nicht . Bisweilen schien ihm alles ringsum in rote Glut getaucht , aber wenn das Weiche , Dunkle kam , dehnten sich Luft und Erde bläulich und grün . Ob Menschen vorübergingen , konnte er nicht sagen , er gewahrte nicht den Himmel , er sah nicht einmal das Gesicht des Mannes . Einmal fiel Wasser von der Höhe ; er dachte , der Du schütte ihn mit Wasser an , und beklagte sich , doch jener entgegnete , er schütte ihn nicht an , er deutete in die Luft und rief : » Regen ! Regen ! « Wie lange er so unterwegs gewesen , wußte er nicht . Ihm dünkte , jedesmal wenn er sich , erschöpft vom Gehen , zur Ruhe niedergelegt , sei ein Tag vergangen . Furcht zog ihn hin und bemeisterte seine Müdigkeit , sie spannte seine Gelenke und riß sein Haupt nach oben , indes die Augen unaufhörlich zur Tiefe starrten . Der Du gab ihm dasselbe Brot zu essen , das er im Kerker genossen , und ließ ihn Wasser aus einer Flasche trinken . Caspars Erschöpfung und seine Angst , wenn der Wind durch die Büsche sauste , oder wenn ein Tier schrie , oder wenn das Gras um seine Füße klirrte , suchte er durch das Versprechen schöner Pferdchen zu besiegen , und als Caspar endlich längere Zeit allein gehen konnte , sagte er , nun seien sie bald da . Er wies mit dem Arm in die Ferne und sagte : » Große Stadt . « Caspar sah nichts , taumelnd tappte er vorwärts ; nach einer Weile hielt ihn der Du bei den Armen zum Zeichen , daß er stehenbleiben solle , gab ihm einen Brief und sagte , den Mund nahe an Caspars Ohr : » Laß dich weisen , wo der Brief hingehört . « Caspar machte noch ein paar Schritte , und als er sich dann umsah , war der Du verschwunden . Er spürte plötzlich Steine unter den Füßen , er tastete nach allen Seiten , um sich zu halten , er sah Steinmauern , die im Sonnenlicht feurig lohten , aber Entsetzen packte ihn erst , als er Menschen gewahrte , erst einen , dann zwei , dann viele . Grauenhaft nah kamen sie heran , umstanden ihn , schrien ihm zu , einer ergriff ihn und schleppte ihn vorwärts , alles ringsumher war Lärm und Getöse ; er begehrte zu schlafen , sie verstanden ihn nicht ; er sprach von seinem Vater , von den Rossen , sie lachten und verstanden ihn nicht ; er jammerte über seine wunden Füße , sie verstanden ihn nicht ; er schlief im Stall des Rittmeisters , dann kamen wieder andre Gestalten , um , kaum daß sie sich gezeigt , mit unbegreiflicher Hast wieder zu fliehen , die Luft war schwer und kaum zu atmen , die gewaltigen Dinge , als welche ihm die Häuser erschienen , drängten sich an ihn an , und auf der Wachtstube erschreckten ihn die wilden Mienen und Gebärden der Leute so , daß er zu Tränen seine Zuflucht nahm . Wiederum schlief er lange , und danach wurde er auf den Turm gebracht . Der Mann , der ihn die große Stiege hinaufführte , sprach mit starker Stimme und öffnete eine Tür , die einen besonderen Hall von sich gab . Kaum hatte er sich auf dem Strohsack niedergelassen , so begann die Turmuhr zu schlagen , worüber Caspar in unermeßliches Erstaunen geriet . Er lauschte angestrengt , aber nach und nach hörte er nichts mehr , seine Aufmerksamkeit verlor sich , und er fühlte nur das Brennen seiner Füße . In den Augen hatte er keine Schmerzen , da es dunkel war . Er setzte sich auf und wollte nach dem Krüglein langen , um seinen Durst zu stillen . Er sah kein Wasser und kein Brot , anstatt dessen sah er einen Boden , der ganz anders beschaffen war als dort , wo er früher gewesen . Nun wollte er nach seinem Pferdchen greifen und mit ihm spielen , es war aber keines da , und er sagte : » Ich möcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater . « Das sollte heißen : Wo ist das Wasser hin und das Brot und das Pferdchen ? Er bemerkte den Strohsack , auf dem er lag , betrachtete ihn mit Verwunderung und wußte nicht , was es sei ; mit dem Finger darauf klopfend , vernahm er dasselbe Geräusch wie von dem Stroh , das sonst sein Lager gewesen . Dies erfüllte ihn mit Beruhigung , so daß er wieder einschlief und erst mitten in der Nacht vom oftmals wiederholten Ton der Glocke erwachte . Er lauschte lang , und als der Schall verklungen war , sah er den Ofen , der eine grüne Farbe hatte und einen Glanz von sich gab ( denn Caspar vermochte selbst in tiefer Dunkelheit die Farben zu unterscheiden ) . Er blickte sehr angespannt hinüber und murmelte wieder : » Ich möcht ein solcher Reiter . werden wie mein Vater . « Das sollte heißen : Was ist denn dieses , und wo bin ich denn ? Auch drückte er damit sein Verlangen nach dem glänzenden Ding aus . In der Frühe öffnete der Wärter die Fensterläden , das helle Tageslicht tat Caspars Augen wehe ; er fing zu weinen an und sagte : » Hinweisen , wo der Brief hingehört « , und damit wollte er sagen : Warum tun mir die Augen weh ? Tu es weg , was mich brennt , gib mir das Pferdchen zurück und plag mich nicht so . Denn er sprach im Geiste mit dem Du , von dem er glaubte , daß er Abhilfe schaffen könnte . Er hörte die Uhr wieder schlagen , das nahm ihm die Hälfte der Schmerzen , und indes er horchte , kam ein Mann und stellte allerhand Fragen , aber Caspar gab keine Antwort , weil seine Aufmerksamkeit auf den verhallenden Klang gerichtet war . Der Mann faßte ihn am Kinn , hob seinen Kopf in die Höhe und redete mit starker Stimme . Jetzt hörte Caspar zu und sagte all seine gelernten Worte her , aber der Mann verstand ihn nicht . Er ließ seinen Kopf los , setzte sich neben Caspar und fragte immerfort ; als nun die Uhr wieder tönte , sagte Caspar : » Ich möcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater . « Das sollte bedeuten : Gib mir das Ding , das so schön klingt . Der Mann verstand ihn nicht und redete weiter , da fing Caspar an zu weinen und sagte : » Roß geben « , womit er den Mann bat , er möge ihn nicht so quälen . Er saß dann lange Zeit allein . Aus weiter Ferne klang ein Trompetenschall aus der Kaiserstallung , und als ein andrer Mann eintrat , sagte Caspar die Redensart mit dem Brief ; das sollte heißen : Weißt du nicht , was das ist ? Der Mann brachte den Wasserkrug und ließ Caspar trinken , danach ward es ihm leicht zumute , und er sagte : » Möcht ein solcher Reiter werden wie mein Vater « . Das bedeutete Jetzt darfst du nicht mehr fortgehen , Wasser . Bald erklang wieder die Trompete , und Caspar lauschte freudig ; er dachte , wenn sein Pferdchen käme , würde er ihm erzählen , was er gehört . An diesem Tag aber begann schon die Peinigung , die er von den vielen Menschen auszustehen hatte . Eine hohe amtliche Person wird Zeuge eines Schattenspiels Natürlich hatte es wochenlang gedauert , bis Professor Daumer einen so vollständigen Einblick in die Vergangenheit des Jünglings gewonnen hatte . Dies alles ans Licht zu bringen , kündbar , greifbar , hatte Ähnlichkeit gehabt mit der Arbeit eines Brunnengräbers . Was anfangs ein Fiebertraum geschienen , besaß nun die Züge des Lebens . Daumer verfehlte nicht , der Behörde den Sachverhalt in einer gewissenhaften Niederschrift vorzulegen . Die Folge davon war , daß sich der Magistrat entschloß , die Bahn förmlicher Verhöre zu verlassen und in eine vertrautere Beziehung zu dem Unglücklichen zu treten . Die auffälligen Besonderheiten seines Wesens sollten noch einmal überprüft werden , hieß es in einer der gerichtlichen Noten , deshalb wurden Ärzte , Gelehrte , Polizeibeamte , scharfsinnige Juristen , kurz unzählige Personen , die an seinem Schicksal freien Anteil nahmen , zu ihm auf den Turm geschickt . Es war ein endloses Schnüffeln und Debattieren , Zweifeln und Staunen , doch die verschiedenen Erklärungen liefen alle auf eins hinaus , und die bloße Kraft des Augenscheins mußte den Daumerschen Bericht bestätigen . Wenige Tage später , gegen Anfang Juli , veröffentlichte der Bürgermeister einen Aufruf , der im ganzen Land Verwunderung und Beunruhigung erregte . Zunächst wurde darin das Erscheinen Caspar Hausers geschildert , und nachdem die eigne Erzählung des Jünglings mit tunlichster Ausführlichkeit wiedergegeben war , beschrieb der Verfasser diesen selbst . Er sprach von der alle Umgebung bezaubernden Sanftmut und Güte des Knaben , in der er anfangs immer nur mit Tränen und nun , im Gefühl der Erlösung , mit Innigkeit seines Unterdrückers gedenke ; von seiner rührenden Ergebenheit an diejenigen , die häufig mit ihm umgingen , von seiner unbedingten Willfährigkeit zum Guten , die mit der Ahnung dessen verbunden sei , was böse ist , ferner von seiner außerordentlichen Lernbegierde . » Alle diese Umstände « , fuhr der beredsame Erlaß fort , » geben in demselben Maß , indem sie die Erinnerungen des Jünglings bekräftigen , die Überzeugung , daß er mit herrlichen Anlagen des Geistes und des Herzens ausgestattet ist , und berechtigen zu dem Verdacht , daß sich an seine Kerkergefangenschaft ein schweres Verbrechen knüpft , wodurch er seiner Eltern , seiner Freiheit , seines Vermögens , vielleicht sogar der Vorzüge hoher Geburt , in jedem Fall aber der schönsten Freuden der Kindheit und höchsten Güter des Lebens verlustig geworden ist . « Eine kühne und folgenschwere Vermutung , die eher dem mitleidigen Gemüt und dem romantischen Geist als der behördlichen Vorsicht eines hohen Bürgermeisteramtes zur Ehre gereichte . » Zudem beweisen mancherlei Anzeichen « , hieß es weiter , » daß das Verbrechen zu einer Zeit verübt worden , wo der Jüngling der Sprache schon einmal mächtig gewesen und der Grund zu einer edeln Erziehung gelegt war , die gleich einem Stern in finsterer Nacht aus seinem Wesen hervorleuchtet . Es ergeht daher an die Justiz- , Polizei- , Zivil- und Militärbehörden und an jedermann , der ein menschliches Herz im Busen trägt , die dringende Aufforderung , alle , auch die unbedeutendsten Spuren und Verdachtsgründe bekanntzugeben . Und nicht etwa deswegen , um Caspar Hauser zu entfernen , denn die Gemeinde , die ihn in ihren Schoß aufgenommen , liebt ihn , betrachtet ihn als ein von der Vorsehung ihr zugeführtes Pfand der Liebe , das sie ohne gültigen Beweis der Ansprüche andrer nicht abtreten wird , sondern nur , um die Übeltat zu entdecken und den Bösewicht samt seinen Gehilfen der gerechten Sühne auszuliefern . « Wahrscheinlich wurden von den Urhebern große Hoffnungen an das Manifest geknüpft , aber die Sache nahm einen ganz unerwarteten Verlauf und bereitete den Nürnberger Herren mancherlei Verlegenheiten . Zunächst lief eine Menge unsinniger und verleumderischer Bezichtigungen ein , durch welche eine Reihe von adligen Familien und von intimen Vorgängen in aristokratischen Kreisen dem Gerede ausgesetzt wurden : Kindesmord , Kindesraub , Kindesunterschiebung waren nach Ansicht des gemeinen Volks Verbrechen , welche die vornehmen Leute täglich und zum Vergnügen begehen . Schlimmer war es , daß die magistratische Bekanntmachung dem Appellhof des Rezatkreises auf nichtamtlichem Weg zu Händen kam . Irgendein grimmiger Hofrat am selben Gerichtshof erließ alsogleich ein gepfeffertes Schreiben an die Kreisregierung in Ansbach , worin erstlich die Publikation des Nürnberger Bürgermeisters als vorschriftswidrig , zweitens als abenteuerlich bezeichnet wurde , und worin drittens der lebhafte Tadel darüber ausgedrückt war , daß durch das verfrühte Preisgeben wichtiger Umstände eine Kriminaluntersuchung wenn auch nicht vereitelt , so doch sehr erschwert worden sei . Der ergrimmte Hofrat ersuchte daher die Regierung , den Magistrat zu strenger Rechenschaft zu ziehen und zu befehlen , daß die den Fall behandelnden Polizeiakten unverzüglich anher zu senden seien . Die Regierung ließ sich das nicht zweimal sagen . Sie sendete ein Reskript an den Stadtkommissär von Nürnberg und äußerte sich dahin , daß die erzählte Lebensbeschreibung des Findlings so viele grobe Unwahrscheinlichkeiten enthalte , daß der Gedanke an eine ärgerliche Täuschung nicht abzuweisen sei . Gleichzeitig wurden die noch vorhandenen Exemplare des » Intelligenzblattes « und des » Friedens- und Kriegskuriers « , in welchen Zeitungen der Aufruf erschienen war , beschlagnahmt . Dies wurde dem Appellhof ordnungsgemäß mitgeteilt und die Erwägung daran geknüpft , ob die strafrechtliche Verfolgung des Häftlings einzuleiten sei oder nicht . Den Magistratsherren fuhr ein heilloser Schrecken in die Glieder . Schleunigst ließen sie die Aktenfaszikel zusammenpacken und schickten sie mit Eilpost nach Ansbach hinüber . Vielleicht wähnten sie , daß nun alles gut sei aber der grimme Hofrat dort selbst erhob alsbald wieder seine Stimme . » Die Verhöre mit dem Häftling und die Zeugnisse über ihn sind aktenmäßig nicht einwandfrei « , zeterte er ; » es sind keineswegs alle Personen , die zuerst mit ihm in Berührung getreten sind , polizeilich vernommen worden ; ferner hätte der Professor Daumer , um der öffentlichen Bekanntmachung des Magistrats eine rechtliche Basis zu geben , seine Gespräche mit dem Findling zu den Akten legen sollen . « Die Regierung , um ein übriges zu tun , warnte den Magistrat vor einseitigem Verfahren . Darauf erwiderte der Magistrat in einem Anfall von Trotz und Entrüstung : ja , aber in den Maßregeln , wie ihr sie verlangt , liegt Gefahr , die Entdeckung zu hemmen , welche Anklage die vorgesetzte Behörde mit zorniger Energie zurückwies . Holt eure Versäumnisse nach , diktierte sie , protokolliert Verhöre , schickt Akten , Akten , nichts als Akten . Mit innerer Wut hatte der Professor Daumer diese Vorgänge verfolgt . Er bezeichnete das Treiben der Ansbacher Behörde als widerwärtige Federfuchserei und hatte allen Ernstes die Absicht , seinem Unmut in einer geharnischten Epistel an die Regierung Luft zu machen . Mit Mühe hielten besonnene Freunde ihn davon zurück . » Aber es muß doch etwas geschehen ! « warf er ihnen voll Empörung entgegen , » man ist ja auf dem besten Weg , einen Justizmord zu begehen , und soll ich dazu die Hände in den Schoß legen ? « » Das ratsamste wäre « , antwortete der Freiherr von Tucher , der bei diesem Auftritt anwesend war , » sich persönlich an den Staatsrat Feuerbach zu wenden . « » Das hieße also , nach Ansbach reisen ? « » Gewiß . « » Aber nehmen Sie denn an , daß er , als Präsident des Appellgerichts , von den Maßnahmen seiner untergebenen Beamten nicht schon unterrichtet ist und sie etwa gar mißbillige ? « » Gleichviel , ich verspreche mir etwas von einer mündlichen Auseinandersetzung ; ich kenne Herrn von Feuerbach , er ist der letzte , der einer gerechten Sache sein Ohr verschließt . « Die Reise wurde beschlossen . Daumer und Herr von Tucher bei an den sich am andern Tag schon in Ansbach . Unglücklicherweise war der Präsident Feuerbach gerade auf einer Inspektionsreise durch den Bezirk , sollte erst am fünften Tag zurückkommen , und die beiden Herren , sofern sie das vorgesetzte Ziel erreichen wollten , mußten ihren Aufenthalt in der Kreishauptstadt über Gebühr verlängern . Mittlerweile hatte der Findling eine gar böse Zeit . Sein Turmgefängnis wurde das Ziel aller Müßiggänger und Neugierlinge der ganzen Stadt . Man lief hin wie zu der Ausstellung einer unterhaltsamen Rarität , denn der magistratische Erlaß hatte ihn zu einem öffentlichen Gegenstand gemacht . Seine bisherigen Beschützer waren ein wenig zurückhaltender geworden , denn man wußte ja nicht , wie die Geschichte enden würde und ob nicht ein hochweises Appellgericht ihn zum gewöhnlichen Schwindler stempeln würde . Der Turmwächter durfte der allgemeinen Volksbelustigung nicht steuern , der Bürgermeister selbst hatte die früheren Befehle aufgehoben , weil es zweckmäßig schien , daß möglichst viele Leute den Fremdling sahen . Oft erbarmte ihn der wehrlose Knabe , doch schmeichelte es anderseits seiner Eitelkeit , Herr über ein solches Wunderding zu sein , auch spazierte nebenbei mancher Groschen in den Beutel . Brach der Morgen an und Caspar Hauser erhob sich vom Schlaf , seltsam müde , mit den Augen das Licht meidend ; saß er traurig stumm in der Ecke , während Hill den Strohsack aufschüttelte und Wasser und Brot brachte , dann erschienen schon die ersten Besucher , die berufsmäßigen Frühaufsteher : Straßenkehrer , Dienstmägde , Bäckergesellen , Handwerker , die zur Arbeit gingen , auch Knaben , die auf dem Weg zur Schule einen ergötzlichen Abstecher machten , sogar einige höchst unbürgerliche Erscheinungen , die die Nacht im Stadtgraben oder in einer Scheune verbracht hatten . Mit dem Verlauf des Tages wurde die Gesellschaft vornehmer ; es kamen ganze Familien , der Herr Rendant mit Weib und Kind , der Herr Major a.D. , der Schneidermeister Bügelfleiß , Graf Rotstrumpf mit seinen Damen , Herr von Übel und Herr von Strübel , die ihre Morgenpromenade zum Zweck einer Besichtigung des kuriosen Untiers unterbrachen . Es war ein heiteres Treiben ; man konversierte , wisperte , lachte , spottete und tauschte Meinungen aus . Man war freigebig und brachte dem Jüngling allerlei Geschenke die er ansah wie ein Hund , der noch nicht apportieren gelernt hat , den fortgeworfenen Spazierstock seines Herrn ansieht . Man legte Eßwaren vor ihn hin , um seinen Appetit zu reizen ; so schleppte zum Beispiel die Kanzleirätin Zahnlos einmal eine ganze Schinkenkeule herauf , die allerdings am andern Tag verschwunden war - wohin , das wußte niemand ; doch zog man bedeutsame Schlüsse daraus . Vor allem hieß es : zeigt uns das Wunder , das angepriesene Wunder ! Aber da der schweigsame , sanftherzige Knabe nichts von alledem tat , was sie in ihrer lüsternen Erwartung sich eingebildet , so begannen sie entweder zu schimpfen , als ob sie Eintrittsgeld bezahlt hätten und darum betrogen worden wären , oder stellten die erstaunlichsten Torheiten an . Indem sie ihn fortwährend mit Fragen quälten , woher er komme , wie er heiße , wie alt er sei und ähnliches kamen sie sich sowohl witzig wie überlegen vor . Sein flehentliches Kopfschütteln , sein ungereimtes Nein oder Ja , das wie aus Kindermund frohbereitwillig und furchtsam zugleich klang , sein Gestotter , sein gläubiges Lauschen , alles das erregte ihr Behagen . Einige brachten ihr Gesicht ganz nah an seines und waren höchst vergnügt , wenn er vor ihren Starrblicken sichtlich bis ins Innerste erschrak . Sie befühlten seine Haare , seine Hände , seine Füße , zwangen ihn , durchs Zimmer zu spazieren , zeigten ihm Bilder , die er erklären sollte , und taten zärtlich mit ihm , während sie einander listig zuzwinkerten . Aber die Harmlosigkeit solcher Versuche ward den unternehmenderen Geistern bald überdrüssig . Man wollte sich doch überzeugen , ob es seine Richtigkeit damit hatte , daß der Gefangene jede Nahrung außer Brot und Wasser verschmähe . Man hielt ihm Fleisch und Wurst , Honig oder Butter , Milch oder Wein vor die Nase und amüsierte sich köstlich , wenn der Knabe vor Ekel förmlich außer sich geriet . » Ei , der Komödiant « , kreischten sie dann , » tut , als ob er unsre Leckerbissen verachte ! Hat sich wahrscheinlich mal in eines großen Herrn Küche überfressen ! « Einen Hauptspaß gabs , als einmal zwei junge Meister der Goldschlägerinnung Schnaps herbeibrachten und sich verabredeten , dem Hauser das Getränk mit Gewalt aufzunötigen . Der eine hielt ihn , der andre wollte ihm das volle Glas zwischen die Lippen schütten . Doch konnten sie ihren Plan nicht ausführen , weil ihr Opfer durch den bloßen Geruch , der aus dem Gefäß strömte , das Bewußtsein verloren hatte . Sie waren einigermaßen verdutzt und wußten mit dem Ohnmächtigen nichts anzufangen ; zum Glück sahen sie ihn atmen und hatten weiter keine Furcht . » Glaubt ihm doch seine Kniffe nicht « , meinte ein stutzerhaft gekleidetes Bürschlein , das bisher gelangweilt dabeigestanden , » ich will ihn schon wieder munter kriegen . « Sprachs , zog lächelnd die goldene Schnupftabaksdose und steckte eine volle Prise unter die Nase des vermeintlichen Simulanten , dessen Gesicht sogleich von heftigen Zuckungen bewegt wurde , worüber alle drei in Gelächter ausbrachen . Als dann der Wärter kam und sie derb zur Rede stellte , zogen sie schimpfend ab und räumten den Plan einem gravitätischen älteren Herrn , der den langsam zum Leben , zurückkehrenden Caspar von vorn und hinten beschnüffelte , den Finger an die Stirn legte , sich räusperte , den Kopf schüttelte , erst Französisch , dann Spanisch , dann Englisch auf den Jüngling einredete , mit dem Wärter tuschelte , kurz von Wichtigkeit förmlich barst . Caspar jedoch sah ihn immer nur an und sagte in jämmerlichem Ton : » Heimweisen . « » Warum spielst du nicht mit dem Rößlein ? « fragte , als die wichtige Person gegangen war , der Wärter . Man verständigte sich mit Caspar noch immer mehr durch Gesten als durch Worte , und er selbst las , was Worte ihm nicht mitteilen konnten , von den Augen und den Händen der Menschen ab . Er blickte auch Hill lange an und sagte : » Heimweisen . « » Heimweisen ? « antwortete der Wärter , halb verdrießlich , halb mitleidig . » Wohin denn heim ? Wo bist du denn daheim , du Unglückswurm ? In dem unterirdischen Loch vielleicht ? Nennst du , das daheim ? « » Der Du soll kommen « , sagte Caspar klar , langsam und hell . » Der wird sich hüten « , versetzte Hill , bärbeißig lachend . » Der Du kommt , bald kommt « , beharrte Caspar , und er schaute mit einem Ausdruck feierlicher Inbrunst gegen den abendlichen Himmel , als sei er überzeugt , daß der Du durch die Lüfte schreiten könne . Dann erhob er sich in seiner mühevollen Weise , nahm sein Spielpferdchen und versuchte es zu tragen , denn dies allein wollte er von den Gegenständen , die er geschenkt erhalten , mitnehmen , wenn der Du käme , sonst nichts . Hill begriff sein Vorhaben . » Nein , Caspar « , sagte er , » jetzt mußt du schon in dieser Welt bleiben . Daß sie dir nicht gefallen mag , versteh ich wohl . Mir gefällt sie auch nicht , aber dableiben mußt du . « Caspar , wenngleich er den Worten nicht ganz folgen konnte , erfaßte doch den unabänderlichen Beschluß , den sie enthielten . Er begann an allen Gliedern zu beben , laut weinend warf er sich zu Boden , aber auch später , als es dem bestürzten Hill gelungen war , ihn zu trösten , schien es , wie wenn er vor Kummer sein Herz verhauche . Die Traurigkeit seines Gemüts überflutete das kindhafte Gesicht wie ein dunkler Schleier , und am Morgen waren seine Lider durch die während des Schlummers vergossenen Tränen verklebt . Er wollte zum erstenmal nicht mehr mit dem Pferdchen spielen , sondern kauerte stundenlang ohne Regung auf einem Fleck . Bei jedem Krachen der Treppe schüttelte es ihn , und er schauderte , wenn sich wieder und wieder ein neues Gesicht über der Schwelle zeigte . Zitternd sah er die Menschen an , der Geruch ihres Atems war ihm eine Pein und unerträglich , wenn sie ihn berührten . Am meisten Furcht hatte er vor ihren Händen . Zuerst sah er immer die Hände an , merkte sich ihre verschiedene Gestalt und Farbe , und ehe er sie an seiner Haut spürte , erschrak er schon , denn sie erschienen ihm wie selbständige Geschöpfe , kriechende , klebrige , gefährliche Tiere , deren Tun von einem Augenblick zum andern gar nicht abzuschätzen war . Nur Daumers Hand , die einzige , deren Berührung angenehm war , war verschwunden . Warum ? dachte Caspar , warum war dies alles ? Warum das seltsame Getöse von früh bis spät ? Woher kamen die fremden Gestalten , warum so viele , und warum war ihr Mund und ihr Auge böse ? Das frische Wasser schmeckte ihm nicht mehr , auch hungerte ihn nicht mehr nachdem gewürzten Brot . In seiner Erschöpfung dünkte ihm mitten am Tage , es sei Nacht geworden , und das Heißgleißende , funkelnde , von dem man ihm gesagt , daß es der Schein der Sonne sei , wurde vor seinen müden Augen zu purpurnem Dunst . Es beängstigte ihn das Geräusch des Windes , denn er verwechselte es mit den Stimmen der Menschen . Er sehnte sich in die Einsamkeit seines Kerkers zurück ; heimweisen war sein einziger Gedanke . Es war ein Sonntag . Spätnachmittags waren Daumer und Herr von Tucher aus Ansbach wieder angelangt , und in ihrer Begleitung befand sich der Staatsrat von Feuerbach , der sich entschlossen hatte , den Findling selbst zu besuchen und womöglich Klarheit in das unfruchtbare Hinundher von Akten und Erlässen zu bringen . Nachdem er im Gasthof zum Lamm Quartier gemietet hatte , ließ sich der Präsident von den beiden Herren sogleich zur Burg und auf den Turm führen . Es hatte schon neun Uhr geschlagen , als sie dort ankamen . Groß war ihre Überraschung , als sie das Zimmer Caspars leer fanden ; die Frau des Wärters erklärte verlegen , ihr Mann sei mit Caspar ins Wirtshaus zum Krokodil gegangen . Der Rittmeister von Wessenig habe nämlich einigen seiner von auswärts zugereisten Freunde den Findling zu zeigen gewünscht , habe heraufgeschickt und befohlen , daß man Caspar bringe . Daumer war erbleicht und schaute , Schlimmes ahnend , finster zu Boden ; Herr von Tucher vermochte seinen Unwillen kaum zu bemeistern , und über die bartlosen Lippen des Präsidenten huschte ein halb mokantes , halb verächtliches Lächeln ; seine gebietende Haltung erinnerte an einen durch Pflichtversäumnisse vielfach beleidigten Fürsten , als er sich mit der schroffen Aufforderung zu seinen Begleitern wandte : » Führen Sie mich zu diesem Wirtshaus ! « Die Dunkelheit war eingebrochen , über dem Dach des Rathauses stand fahlleuchtend der Mond . Schweigend schritten die drei Männer den Berg hinab , und kaum waren sie , das winklige Gassengewirr verlassend , auf den Weinmarkt getreten , als Daumer stehenblieb und mit