Erdenleben . Sehr richtig ! Hören Sie . Also : Da ist ein hoffnungsvoller , junger Mann , er sieht gut aus , alter Adel , Geld , lernt was , schneidig , ein Schloß , eine schöne Frau . Gut ! Anfang der Vierziger sind ihm die Beine weg , rein weg , und so ' n Stück vom Rückenmark , sehen Sie , so ' n Stück , untauglich - zum Fortwerfen . Alles aus - finis - . Man lebt nur , um die Füße in die rote Decke zu wickeln , und auf Schmerzen zu warten . Ein Unsinn , so ' n Leben . Dafür all die Umstände mit dem Geborenwerden und Aufgezogenwerden . Aber , sagen Sie , Pastor , wo steht es geschrieben , daß das Leben einen Sinn haben muß ? Bitte , wo steht das ? Karola , Kind , was sagst du dazu ? « Karola reckte sich ein wenig in ihrem Sessel . » Ich ? « sagte sie mit müder Stimme . » Warum soll man nicht darauf hoffen , warten ? Man sieht eine Allee hinab , eine lange , lange Allee . Warum sollen wir uns da plötzlich eine schwarze Mauer denken ? Das lieb ich nicht . Ich will hinabsehn , weit - weit - , bis da , wo ich vor Helligkeit der Ferne nichts mehr unterscheide . « » Hm - ganz hübsch « , meinte der Baron . » Poesie , das ist was für die Gesunden . Liegt ihr mal im Bett und der Schlaf kommt nicht , und es zwackt und zieht an allen Nerven , da genügt die Poesie auch nicht . Nein , mein lieber Pastor , mit Ihrer Unsterblichkeit steht es schlecht . « Er war müde vom Sprechen , lehnte den Kopf zurück und schloß die Augen . Es wurde still im Zimmer . Deutlich hörte man hinter dem Getäfel die eifrige Arbeit einer Maus . » Da ist sie wieder « , sagte der Baron , ohne die Augen zu öffnen . » Nichts zu machen ! Der alte Kasten will zusammenfallen , fängt an zu sprechen wie ein altes Weib . Aber , es lohnt sich nicht , etwas dafür zu tun , es lohnt sich nicht mehr . « Langsam und eintönig sprach er vor sich hin . Es klang resigniert in die grüne Krankenstubendämmerung hinein . Der leise , hoffnungslose Seufzer des Kranken schien alle Tore des Lebens zu schließen . Werner sah zu Karola hinüber und begegnete ihrem Blick , dem seltsam schillernden Blick der schmalen , grauen Augen . Die Mundwinkel bogen sich hinauf , wie im Beginne eines Lächelns . Werner und Karola sahen sich ruhig an , wie um sich aus der bedrückenden Traurigkeit dieses Gemaches in das Leben zurück zu retten . Jakob brachte den Tee . Mit ihm erschien Karl Pichwit . Er verbeugte sich stumm und setzte sich . » Ah ! « rief der Baron . » Herr Pichwit der Page . Herr Pichwit der Troubadour ! « Pichwit verzog seinen zu kleinen kinderhaften Mund zu einem schiefen , hochmütigen Lächeln . Darin saß er stumm da und schaute sinnend auf Karolas Hände , die sich mit den Teetassen zu schaffen machten , schaute stetig und verträumt aus den runden , hellbraunen Augen , - blanke Melange hatte Karola von ihnen gesagt - , Augen , denen die blauen Schatten unter dem Augenlide etwas Kummervolles gaben . Der Baron kniff die Augen zusammen , sah Pichwit , dann Karola an , und lachte lautlos in sich hinein . » Ja , jeder auf seine Fasson « , meinte er und rührte in seinem Tee . » Kennen Sie den Baron Rast , Pastor , Behrent Rast , unseren Nachbarn ? « fragte er . Ja , Werner kannte den Baron Rast aus Sielen . » Na der « , fuhr Werland fort , » der gönnt sich Tag und Nacht keine Ruhe , nur um in sein Leben möglichst viel hineinzustopfen . Der hat Eile ! Und was kommt dabei heraus ? Der hat seine Duelle , der riskiert seinen Hals beim Rennen , der verführt die Frauen der anderen , der macht von sich reden . Gut ! Er arbeitet wie bezahlt . Warum ? Nur weil Behrent Rast zugleich in einer Loge sitzt und zuschaut , was Behrent Rast tut , und ruft - Behrent ist ein Teufelskerl ! und klatscht . Lohnt denn das bißchen Eitelkeit die ganze Geschichte ? « » Ich kenne den Baron zu wenig , um über ihn urteilen zu können « , sagte Werner ablehnend . » Sie werden ihn kennenlernen « , fuhr Werland fort . » Nehmen Sie die Schafe Ihrer Herde in acht , Pastor , Rast ist ein unmäßiger Weiberkonsument . « » Behrent Rast ist sehr unterhaltend « , bemerkte Karola . Der Baron lachte . » Ja , die Weiber lieben so was . Schauspieler in jeder Form . Merken Sie sich das , Herr Pichwit , wollen Sie einem Weibe gefallen , so müssen Sie ihr einbilden , daß Sie ganz speziell für sie eine Rolle spielen . « » Ist das so sicher ? « fragte Karola gelangweilt . » Ganz sicher « , beteuerte Werland . Plötzlich lehnte er sich in den Sessel zurück . » Da sind sie wieder , verdammte Kameraden , diese Schmerzen . Herr Pichwit , haben Sie Ihren Tee ausgetrunken ? Ja ? Dann , gute Nacht . « Pichwit errötete , er lächelte zwar hochmütig , aber die hellbraunen Augen bekamen einen feuchten Glanz . Er verbeugte sich stumm und ging . » Warum schickst du den armen Jungen fort ? Das kränkt ihn « , fragte Karola . Der Baron kicherte . » Wissen Sie , Pastor , Herr Pichwit ist nämlich in meine Frau verliebt , unsterblich verliebt , so wie man es in englischen Romanen ist . Na ja - natürlich - warum nicht ? Mir macht das großen Spaß . Die Honigaugen ! « » So laß ihn doch « , - warf Karola hin . » Ich lasse ihn ja « , - versicherte Werland . » Wie gesagt , es macht mir Spaß . Nur manche Abende fallen diese Augen mir auf die Nerven . Laß ihn nur auf sein Zimmer gehn . Heute ist so was wie Mondschein am Himmel . Da kann er ja dichten . Herr Pichwit dichtet nämlich . Honig in den Augen und Chinin im Herzen , bittersüß , das gibt bei diesen jungen Leuten jedesmal einen Lyriker . Oh ! Du verflucht ! « Er faßte sich an sein Bein . » Karola - Kind - komm , reib ' das Bein ein wenig . Sie müssen wissen , Pastor , die Frau hat so was wie magnetische Kraft in den Fingern . « Karola rückte ein niedriges Stühlchen an den Sessel ihres Mannes heran , setzte sich und begann sachte mit der Hand über die rote Decke hinzufahren , das Bein des Kranken zu streichen . Der Baron bog den Kopf zurück und schloß die Augen . Werner sah dieser Hand zu , wie sie langsam und stetig über die rote Decke hinglitt , schmal und weiß und voller Ringe . Im Schein des Feuers war die Hand ganz umflimmert von scharfen , bunten Lichtern . Der Kranke atmete jetzt tief und regelmäßig , zuweilen stöhnte er . » Sie sind geduldig « , sagte Werner leise . » Ich ? « Karola schaute erstaunt auf » Wie wissen Sie das ? « » Ich seh ' es . « » Gott ! was man sieht ! « Dann fragte sie halblaut : » Nicht wahr ? Sie waren in Ihrer Jugend ein wilder Junge ? « » Ah , man beging Torheiten « , erwiderte Werner . » Man kam sich interessant vor . Das Interessante war eben , daß man jung war . « » Sie waren früh verlobt ? « » Ja - als Student . « Die halblaute Unterhaltung tat beiden wohl . Es war gleich , was gesagt wurde , das Flüstern brachte sie einander nah . » Ach ja , « meinte Karola , » Theologen verloben sich immer früh . Sie sind natürlich sehr glücklich . « » Natürlich ? Warum ? « » Pastorenehen sind immer glücklich . « » Ja so ! « Beide lächelten . Der Kranke stöhnte heftiger . » Jakob soll ihn zu Bett bringen « , beschloß Karola . Werner erhob sich : » Ja - es ist spät . Ich gehe auch . « Karola begleitete ihn bis an die Flurtür . Sie stand an den Türpfosten gelehnt und schaute zu , wie er sich den Pelz anzog . » Sie freuen sich wohl , nach Hause zu kommen . Wenn Sie von hier kommen , ist ' s da wohl doppelt gemütlich ? « sagte sie . » Werden Sie noch etwas essen ? « » Ich weiß nicht - . « » Gewiß hat Ihre Frau auf Sie gewartet « , sie lächelte dabei ihr leicht spöttisches Lächeln . » Gute Nacht ! « Der Wind fegte über die Ebene . Der Schlitten glitt geräuschlos über den feuchten Schnee . Werner hieb unbarmherzig auf seinen Schecken ein : » Hü - hü - vorwärts . « - Tolle Bewegung hatte er jetzt nötig . Er wollte den Wind wie Peitschenhiebe im Gesicht fühlen . Drüben lag das Pastorat . Licht blinkte durch das Fenster . - Nein - dahin nicht ! » Dort wird es gemütlich sein « - wie sie das gesagt hatte mit dem Zucken der Mundwinkel , als wüßte sie , daß er dorthin - dorthin , wo es » so gemütlich « war , jetzt nicht konnte . Er bog in den dem Pastorat entgegengesetzten Weg ein , fuhr dem Walde zu . Nur vorwärts - vorwärts ! In den engen Waldwegen war es finster , über ihm rauschten die Föhren , ein leidenschaftliches Brausen , das nachließ , wieder anschwoll , wie der Atem einer Riesenbrust . Hier und da knarrte ein morscher Zweig durchdringend schrill , wie ein Schmerzenslaut . Das tat Werner wohl . Es war , als tobte und rief eine große Kraft über ihm sich aus - für ihn , tobte und rief hinaus , was in ihm hinaus wollte . » Hü - hü « - trieb er den Schecken an . Er mußte sich tief bücken , um unter den niederhängenden Zweigen durchzukommen , und wurde dann ganz mit Tropfen überschüttet . Krähen flogen lärmend aus den Wipfeln . Ein aufgescheuchtes Reh brach durch das Unterholz . Werner wußte nicht , wohin er fuhr , nur vorwärts - hinein in die Dunkelheit , in das Wehen und Brausen , in das Tropfen und Duften . Plötzlich hielt der Scheck . Er war am Moorkrug . » Willst nicht weiter , armer Racker « , sagte Werner . Das Tier schnaufte und blies . Werner stieg aus . Teufel , ja ! das Pferd war in Schaum ! Da war nichts zu machen . » He - Wirtschaft - Jost ! « Der Krüger erschien ; seine riesige Gestalt sehr tief bückend , um durch die Tür zu kommen . » Was , der Herr Pastor selber ? « » Ja - ja - wundern Sie sich nicht so lange . Führen Sie das Pferd in den Schuppen , trocknen Sie es ab . Und dann einen Grog - geschwind . « Werner trat in die Krugstube . Eine Lampe rauchte an der Wand . Ein Holzknecht saß am Tisch , hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schlief . Am Ofen , den Kopf auf sein Bündel gestützt , schlief ein Hausierer . Die beiden Schläfer riefen rauhe , schnarchende Gurgeltöne zueinander hinüber . Die Tür zum Nebenzimmer , zum » Herrenzimmer « , war angelehnt . Dort flüsterten Stimmen . Werner stieß sie auf . » Ah - da find ' ich Gesellschaft « , rief er . Da saßen der Organist Sahlit und der Lehrer Gröv bei einer schwelenden Lampe und tranken Grog . Sie blickten scheu zur Tür , erhoben sich von ihren Stühlen . » Die stillen Sünder « , sagte Werner . » Na , setzen Sie sich nur , wenn Sie jetzt Ihren Grog stehen lassen , das macht die Sache nicht besser . « » Nu - mal am Sonntag « , murmelte Sahlit , der schon betrunken war . » Gut , gut . « Werner warf sich auf einen Stuhl und knöpfte sich den Pelz auf Die tolle Fahrt hatte ihn erfrischt . Er lachte die beiden wunderlichen Gesichter sich gegenüber an . Sahlit mit dem blanken , kahlen Schädel , rote Flecken im Gesicht , und die Augen fromm und schwimmend . Der Lehrer sah sehr hochmütig aus , rote , hektische Flecken auf den eingefallenen Wangen , das rote Haar wirr über die bleiche Stirn gestrichen . » Wie In verzeichneter Schiller schaut der Kerl aus « , dachte Werner . » Sie , Sahlit « , sagte er , » Sie haben heute in der Kirche wieder gespielt wie In Schwein . Das kommt vom Saufen . « » Nein , Herr Pastor « , entschuldigte sich Sahlit , » die alte Orgel , das Luder , pariert nicht mehr . « » Wenn ich eine Orgel wäre , würde ich Ihnen auch nicht parieren « , fuhr Werner fort . » Und Sie , Gröv , kommen wegen der roten Marri her . Das ist für einen Lehrer unpassend . « » Ich tu die Woche über meine Pflicht « , erwiderte Gröv stolz , » für den Sonntag verantworte ich - für mich . « » So ! Da ist ja der Grog « , brach Werner das Gespräch ab . Marri , groß , rothaarig , seltsam rote Augenbrauen im weißen Gesicht , brachte den Grog , stellte sich dann an den Ofen und sah Werner unverwandt an . » Nun , Kinder , da wir einmal zusammen sind - « , sagte Werner und hob sein Glas . » Auf Ihr Wohl , Herr Pastor « , stammelte Sahlit unterwürfig . Werner streckte die Beine von sich . Das Getränk ging angenehm heiß in die Glieder . » Na , munter , Kinder . Wovon spracht ihr ? « » Ach « , berichtete Sahlit , » Gröv hat einen sehr stolzen Rausch . Wenn der getrunken hat , dann spricht er von großen Regierungssachen , nu , und dann weiß er alles besser . « » Ja , dazu trinkt man « , versetzte Werner , » Gröv weiß dann alles besser - und Sie , Sahlit , sind dann ein großer Musiker . Und beide werdet ' s ihr dann schon dem Pastor mal zeigen - nicht ? « » Was können wir zeigen « , murmelte Sahlit und sah den Lehrer scheu an . » Ja - dem Pastor es mal zeigen , davon spracht ihr . « Werner schlug mit der Hand auf den Tisch und lachte : » Ja , Kinder , zeigt ' s ihm mal ! Sie , Gröv , haben mit drei Glas Grog eine ganze Welt von Stolz und Mut heruntergetrunken . Das ist doch billig . « » Mein ist der Stolz und mein ist die Sünde « , sagte Gröv fest . » Gut , Gröv . « Werner trank ihm zu . » Sie nehmen es auf Ihre Kappe . Sie verantworten es , obgleich Sie sich einbilden , ein sehr großer , verwegener Sünder zu sein , der Marri wegen und des Grogs wegen . ja , das macht Sie stolz , so ' n ganz großer Sünder zu sein ? Da ist man doch mal was . « » Ich verantworte « , sagte Gröv wieder sehr entschlossen . » Sünder ist man - was kann man machen « , brummte Sahlit . Werner lachte : » Aber ihr seid ja gar keine großen Sünder ! Das bildet ihr euch ein , damit der Grog euch besser schmeckt . Ob Gröv morgen Kopfweh hat , und ob Sahlit Kater hat , das ist ja ganz gleichgültig . Arme Geschöpfe kriechen heimlich zusammen , wollen sich ein bißchen Mut und Hochmut antrinken , wollen ' s dein Pastor mal zeigen , na - und den anderen Tag zeigen sie ' s ihm nicht , und vom Hochmut und vom Mut ist auch nichts mehr da , nein ! das schreibt der Teufel sich nicht auf sein Gewinnkonto , - das ist nichts . « » Das Fleisch ist schwach « , lallte Sahlit mit gefalteten Händen , » und Reue und Buße sind lang . « » Katzenjammer - nicht Buße « , rief Werner ihn an . » Sie spielen morgen wieder falsch die Orgel , Gröv rechnet seinen Kindern falsch auf der Tafel vor , ihr kriecht so durch den Tag hin wie immer . Das ist nicht Buße , das ist was anderes . « Der Schullehrer hatte schweigend zugehört . Er hob den Kopf , sein Nacken wurde steif und sein Lächeln sehr überlegen . jetzt begann er zu sprechen , schnell und in hoher Stimmlage : » Vielleicht , Herr Pastor , sind die Sünden der vornehmen Herren nichts für uns . Wir sind arme kleine Leute . Wo sollen wir die großen Sünden hernehmen ? Die sind nichts für uns . Sowieso hat man nichts vom Leben , auch - auch von den Sünden nichts . Das ist mal so die Gerechtigkeit der Gesellschaft . Es ist möglich , daß der Herr Pastor sich mehr für die vornehmen Sünder interessiert , jeder streckt sich nach seiner Decke . Ich hab ' die Welt nicht gemacht . Ich möchte auch lieber eine Lampe , die nicht raucht , und einen Grog ohne Fusel und - und - « , er errötete . Der Mut seines Angriffes stieg ihm zu Kopfe - » und ' ne vornehme Dame . « » Bravo , Gröv ! « rief Werner . » Marri , noch ein Glas . Ihr Lehrer ist ein Mann . Sie wollen gleichmäßige Verteilung der Sünden ? Recht haben Sie , Mann . « » Das wird auch noch kommen « , prophezeite Gröv . » Gott geb ' s « , betete Sahlit verständnislos . Werner stützte den Kopf in die Hand und wurde nachdenklich . » Arme Racker ! « sagte er vor sich hin . » Müßt nachts hier hinaus kriechen , um bißchen hochmütig zu sein , um bißchen Sozialdemokrat zu sein , um zu sehen , ob Marri Zeit hat . Und dann morgen nichts - vorüber . « Er schaute auf , betrachtete nachdenklich die beiden wunderlichen Gesichter seiner Kameraden : » Nun , - wißt ihr - , euch wird viel vergeben werden , weil - weil ihr so furchtbar häßlich seid . « » Amen « , murmelte Sahlit . Eine dumpfe Müdigkeit , die ihn traurig machte , legte sich auf Werner . Die Luft war dick von dem Qualm der Lampe , dem Dampf des Grogs . Sahlit weinte jetzt . Grövs Stolz wurde gespenstischer , dabei warf er verliebte Blicke dem Mädchen am Ofen zu . Und dieses Mädchen , das Werner mit den runden , bleichen Augen stetig ansah , mit dem großen , weißen Gesichte , den nackten Armen , dem weichen Quellen des Busens , mit all dem weißen , lasterhaften Fleisch , es erregte Ekel in Werner , um so stärker , weil es in seinem Blute doch ein Brennen entzündete , das ihm unendlich zuwider war . Er stand auf . » Jetzt fahren wir . Und die Herren kommen mit mir . « » Danke , danke « , lallte Sahlit . Im Schlitten befahl Werner dein Krüger , die Decke fest zuzuknöpfen - » sonst verliere ich meine Gäste . Nur festhalten - es geht los « . Er trieb den Schecken an . Der Wind wühlte noch in den Föhrenwipfeln . Durch die Wolken schien auf Augenblicke der Mond , ein Licht , das kam und ging , als liefe jemand mit einer Kerze eine lange Fensterreihe entlang . Und alle Schatten unten kamen in Aufregung , fuhren zwischen den hohen Stämmen hin und her . » Gott sei uns gnädig « , betete Sahlit . » Hü - hü « - rief Werner . Dieses Blasen und Wehen badete ihn wieder rein . » Hü « - Sie flogen die kleinen Waldwege entlang . Das leichtgefrorene Moos knisterte unter den Hufen des Pferdes . » Haltet euch , Kinder « , kommandierte Werner . Der Scheck stutzte , aber Werner ließ die Peitsche sausen . » Vorwärts ! « - ein Ruck , und sie waren an der Galgenbrücke . Über eine tiefe Schlucht , einst vielleicht ein Steinbruch , in der Steine in einem schwarzen Wasser schliefen , war eine rohe Brücke geschlagen worden , einige Bretter auf einigen hohen Pfosten . Alles war jetzt morsch und faul , das Geländer fortgebrochen . Längst wagte keiner mehr diese Brücke zu befahren oder auch nur zu betreten . Der Rübensimon , der Säufer , hatte sich mitten auf der Brücke erhängt , die Beine über dem Abgrund , und als der Strick gerissen war , war der Rübensimon in das Wasser gefallen , und man hatte seine Leiche nie finden können , ein so tiefes Loch mußte dort unten in dem schwarzen Wasser sein ; so erzählten sich die Leute . » Herr Pastor ! « sagte Gröv heiser . » Gnade ! « wimmerte Sahlit . Aber der Scheck jagte hin . Er führte eine Art Tanz auf , um über die morschen Bretter hinüberzukommen . Hier war eine glatte Stelle , dort brach der Huf ihm in das faule Holz ein - , dort war ein Spalt . Hoch über dem Wasser glitt der Schlitten hin . Etwas Mondlicht fiel in die Tiefe . Werner lehnte sich in den Schlitten zurück . Eine starke Spannung straffte jeden Nerv in ihm an , eine atemlose Erwartung - , jeden Augenblick kann es kommen , das Neue , das Nieerlebte . Ein Rausch war es , der ihn wiegte , dazwischen darin ein ruhiger , beobachtender Gedanke : Also so ist ' s , wenn wir davor stehen , so ist ' s , wenn wir ' s erleben . Sahlit winselte leise vor sich hin wie ein Hund , der an einer geschlossenen Tür steht und hinaus will . Jetzt noch ein Ruck und der Schecke hatte festen Boden unter den Füßen . » So ! « sagte Werner und tat einen tiefen Atemzug . Er ließ die Leinen los . Der Schecke fand den Heimweg schon allein . Eine Ermüdung wie nach einer starken Anstrengung legte sich über Werner . Er sah seine Genossen an . Er fühlte eine Art Zärtlichkeit für sie . Der Küster hielt die Augen noch geschlossen und wimmerte . » Mann - , es ist vorüber ! « schrie Werner ihn an und schüttelte ihn . Sahlit öffnete die Augen , schaute um sich wie einer , der aus schwerem Traum erwacht . » Danke , danke , Herr Pastor « , stammelte er . Der Mond beschien einen Augenblick das Gesicht des Lehrers , ein geisterbleiches Gesicht . Über die spitzen Backenknochen mit den roten Flecken flossen Tränen , die ganz blank im Mondlicht wurden . » Sie weinen ja , Gröv ? « sagte Werner . » So ? « erwiderte er . » Ich weiß nicht . « Das tränenüberströmte Gesicht blieb regungslos und starr . » Sie haben sich gut gehalten , Gröv « , meinte Werner . Er wollte dem Manne etwas Angenehmes sagen . » Nicht meine Verantwortung « , versetzte der Lehrer eintönig und leise , wie einer im Schlafe spricht . » Der Herr Pastor wollte uns vielleicht strafen . Ob er das Recht dazu hatte , ist zweifelhaft . « » Nein , nein , dazu hatte er kein Recht « , sagte Werner . » Verzeihen Sie mir , Gröv . « » Ich - bitte , Herr Pastor « , warf Gröv nachlässig hin . Der Scheck trabte munter dem Pastorate zu . » Schlafen werden wir gut « , bemerkte Werner . Ja , schlafen wollte er . Auf eine lange , traumlose Ruhe freute er sich . Die Ebene , über die das flackernde Mondlicht hinstrich , erschien ihm schon Jetzt wie eine weite , stille Traumlandschaft . Es war spät am Nachmittag . Werner ging zu der alten Waldhäuslersmutter Gehda , die nicht sterben konnte . Ganz dürr und gelb , wie ein großes Heimchen , lag die Alte in ihrem Bett . Aus den tiefen Augenhöhlen lugten die trüben Augen geduldig und stetig hervor und warteten . Als der Pastor sich an ihr Bett setzte und fragte : » Wie geht es , Mutter Gehda ? « - schwieg sie , als verlohne es sich nicht , darauf zu antworten . Die Schwiegertochter , die Waldhäuslerin , antwortete redselig : » Ach , Herr Pastor , kein Atem , was ist das für ' n Leben ! Man is alt , man will sterben , nu ja ! Gestern haben wir ihr ein warmes Bad gemacht , haben sie gut abgeseift . Wird man nu sehn - wie ' s wird . « Werner sprach erbauliche Worte . jeder Augenblick , den Gott uns gibt , kann für unser Heil wichtig sein . Was bedeutet das bißchen Warten gegen eine Ewigkeit bei Ihm ! Da begann die Sterbende zu sprechen mit tiefer , mürrischer Stimme , als schelte sie jemanden : » Geplagt hat sich der Mensch beim Mistverstreuen und Unkrautjäten in dem Baumgarten . Nu will der Mensch seine Ruhe haben . Das kann er verlangen . Das heilige Abendmahl hat man genommen , alles ist fertig . Aber nein - und nein . « Werner schwieg . Was sollte er hierzu sagen ? Die Alte wußte es besser . Sie verlangte nach dem Tode als nach ihrem Recht . Hier brauchte er nicht zu trösten . Er stand auf : » Na , Mutter Gehda , - Gott wird helfen . Geduld müssen wir haben . « Er ging hinaus . Der Tag war kalt gewesen und mit leichtem Frost . Die Sonne ging rot hinter den bereiften Bäumen unter . Das » Man will seine Ruhe haben « der Alten klang Werner nach , während er durch den Wald ging , - beruhigend und friedlich . Dazu lebt man , um diese Sehnsucht nach tiefer Ruhe , diesen Durst nach der Wohltat des Todes zu haben . Was sollte er der alten Frau von einer ewigen Seligkeit , einem ewigen Leben sprechen . Sie verlangte nach ewiger Ruhe vom Mistzerstreuen und Unkrautjäten . Lustig waren der weiße Wald mit dem roten Sonnenschein und die klare Frostluft . Alles sah so geschmückt aus , als sollte hier etwas Gutes , etwas Festliches geschehen . Durch den Wald tönte Schellengeklingel , sehr hell , wie ein silbernes Lachen . Werner blieb stehen und horchte . Er kannte dieses Schellengeklingel wohl . Das war es , was in den festlichen , weißen Wald hineingehört hatte . Er lachte ein knabenhaft frohes Lachen vor sich hin . Das Schellengeklingel kam näher . Nun sah Werner schon den Schlitten , die beiden spitzgespannten schwarzen Pferde , des Kutschers Pelzmütze und braunrote Livree . Karola saß allein im Schlitten . » Pastor ! « rief sie , als sie Werner sah . » Fahren Sie mit ? Doch nein ! Peter - halt ! Ich steige aus . Peter wartet auf mich an der Allee . Ich geh ein Stück mit Ihnen . « Sie sprang aus dem Schlitten . Ihr Pelz und die Pelzmütze waren weiß bereift , ihre Wangen gerötet . Sie lachte über das ganze Gesicht , als sie Werner die Hand reichte . » Ist das schön , Pastor ! Der Wald und die rote Sonne ! Wie lauter Balldamen , auf die es Himbeersoße regnet ! « Sie ging neben ihm her , sprach erregt : » Einen Besuch hab ' ich gemacht bei der Baronin Huhn in Debschen . Oh ! war das langweilig ! Schon wenn ich die Zwiebäcke in Debschen sehe , macht es mich traurig . Alles riecht dort nach Zwiebäcken . Woher das wohl kommen mag ? Das Leben dort muß eine einzige , langweilige Kaffeestunde sein . Ich sehnte mich hinaus . Der Wald jetzt ist doch das Eleganteste , das es gibt . Wie fein der Schnee knirscht , wenn man darauf geht , wie Zucker . Das müßte man im Sommer machen , einen Weg mit Zucker bestreuen , und am Rande müßten ganz rote Tulpen stehen . Und wo waren Sie ? « Werner erzählte von der Mutter Gehda und wie sie den Tod nicht erwarten konnte . » Dieser Besuch hat Sie wohl traurig gemacht ? « fragte Karola und sah enttäuscht zu Werner auf » Nein « , meinte er . » So was beruhigt , dieses Haus , in dem man auf den Tod wartet , ärgerlich und ungeduldig , wie auf den Zug , der Verspätung hat . « » So . Dann fürchtet sie sich also nicht « , sagte Karola befriedigt . » Wenn die Leute leben wollen und nicht dürfen , das lieb ich nicht . « Sie traten aus dein Walde hinaus . Vor ihnen lag die Ebene , ganz übergossen von zentifolienfarbenem Licht . Die Sonne war im Untergehen . Um sie her