, und das schöne , sonngebräunte Volk in bunten Fetzen tanzte und flog in der Wiesenfläche . Einhart hatte gleich etwas empfunden , wie um sich selber gebracht . Er hatte das ganze Abendneigen schon erst in der Nähe gestanden , die grünen Planwagen , die im Rubinlicht ragten , umschlichen und die falben , struppigen Pferde angestaunt , die an den Wagenkästen knabberten oder das Gras am Boden nagten . Einhart hatte dann an der Böschung sich unter die Kinder der Armen und einige Arbeitsleute gemischt , die auch herumstanden und auf die seltsame Horde staunten . Eine junge Mutter , wie ein gelbes , ägyptisches Weib , stand mit dem Kind an der Brust im Freien . Während eine alte , großäugige Zigeunermutter im Wageninnern kochte , daß der Rauch unaufhörlich dick aus der kleinen Esse schlug . Weiße Ziegen weideten am Hange . Einhart stand - und starrte und starrte , als wenn rein nur das wäre , was sich vor seinen Blicken und Ohren begab . Wie nicht wirklich dünkte er sich und ihm diese Welt . Wie selbst verjagt hinziehend und doch in Tänzen und flüchtiger , lustiger Rast . Die Lust daran machte seine Augen wie verzehrt . Da waren auch zwei halbwüchsige Zigeunerdirnen , melancholisch und träge . Die trockenen Schwarzhaare hudelten um die Stirn , wie ihm . Die beiden kamen zu ihm nahe heran und lachten ihn gutmütig an . Sie nahmen seine Hände prüfend in ihre dünnen , harten Finger . Er mußte an sich halten , daß er nicht einen Sprung in die Lüfte tat , wie ein Bajazzo , oder wie ein junger , dummer Frühlingsfaun mit Nymphen , sich im tollen Wirbel drehend , als Pavos Geige eingesetzt . Ein Rausch ging in ihm , eine Selbstvergessenheit ohnegleichen , eine richtige Ohnmacht . Nicht , als wenn er die Sinne verlor . Durchaus nicht . Nur allen Willen , etwas anderes noch zu sein , als was ihn jetzt erfüllte . Die dunklen , lumpigen Dirnen konnten zudem ihr Lachen nicht lassen , ihr weiches , kindliches Locken . Weil er in seiner fiebernden Unruhe doch noch einmal zurückgetreten . Seine Blicke suchten ununterbrochen den jungen , schönen Zigeunerspieler . Die junge Mutter war unter die Arbeitsleute gekommen . Sie hatte das Kind in den Wagen zurückgetragen und drehte jetzt eine Zigarre in ihrem Munde . Ein Gesicht , wie das einer Koptin , gelbgrau , mit gebogener Nase , streng , knisterndes Zottelhaar um die Stirn , nicht voll , dürftig , und ein dürftiges Zöpfchen hinten , das ihr nachlässig , blau gebunden , im Nacken starrte . Die blaue Kattunjacke stand offen , daß man die knospenfrischen Brüste sah . Sie kam Schritt um Schritt , mit ihren Dunkelblicken lautlos und achtlos um Feuer bittend . Die Arbeiter machten ein paar gemeine Glossen und lachten . Einhart hörte es nicht . Es zog ihn und trieb ihn gleichzeitig . Der Gedanke an Rosa , und daß sie es sehen müßte , war in ihm erwacht . Der Sternenhimmel begann schon zu blinken . Immer wieder kamen die zwei stahlschlanken Dirnen , die seine Augen suchten , als hätten sie an ihm etwas Besonderes ausgefunden , und lachten über ihn kindlich schalkisch untereinander . Und die Geigentöne gingen jetzt schon im stillen Reigen . Der Mond ging auf und stieg stummgolden in den Raum , ferne über den schwarzen Wäldern . Von ferne hallte ein Kuckucksruf , unaufhörlich weich sich wiederholend . Es war eine Juninacht . Unermeßlich die silberne Blankheit des sanften Wasserspiegels , weil das Mondlicht ihn streichelte . Einhart hatte es nicht mehr ausgehalten . Er war wie sinnlos fortgeeilt , geirrt , weil noch immer zurückgebunden , und doch wie im Wirbel . Die heißen Geigentöne des braunen Zigeuners gingen mit ihm und die weiße Dunkelnacht , und die Mädchenblicke , und es schwirrte rings , wie von Dämonen in weicher Dämmerluft . So war er in Zwängen in die Wohnung der Geheimrätlichen zurückgerannt . Der Zufall wollte , daß nur Frau Selle und die Schwestern daheim waren . Der Herr Geheimrat selbst hatte im Amt eine Hinderung gehabt und hatte heimgeschickt , daß er auswärts äße . Er saß unterdessen in einer kleinen Weinstube mit einigen Herren seines Ressorts beim Glase , und man erzählte allerhand Postvorkommnisse , besprach auch einen Fall schwerer Defraudation genauer und ernstlich , ehe man wieder lachte und pokulierte . So war Einhart gut ins Haus gekommen . Aber sein Herz , so voll tollen Spaßes es war , sank jetzt wie demütig zusammen , daß er sein Fieber plötzlich niederpreßte und nur einfältig lächelnd dastand , als Frau Selle ihm die Strähne liebevoll aus der Stirn strich . Frau Selle hatte in einem losen Sommerkleide am Fenster gestanden . Auch sie lächelte nur gütig . Johanna und Katharina verstanden nicht recht , warum Einhart heut nicht redete . Dann waren die beiden mit Mutter auf den Balkon getreten . Auch für sie alle hatte sich jetzt der Silbermond in die Welt gehoben . Auf den Dächern lagen Spiegelscheine , und es umfloß alle Dinge mit Silberfäden . Johanna redete laut , wie glänzend der Mond im Äther schwämme . Sie machte einen Witz von Liebenden im Mondenschein . Einhart mußte hell hinauslachen . Er war im Zimmerdunkel zurückgeblieben . Auch Rosa , die gleich mit der feinen Witterung der Seele zu ahnen begonnen , daß in Einhart neugesponnene Träume sich rührten und laut werden wollten - nur für sie . Sie hatte ihn jetzt unter den Arm gefaßt und legte ihre Wange sanft an die seine . Da begann Einhart auch schon erregt zu flüstern . » Komm ! « sagte er ganz leise , » komm ! « - - - » Wohin ? « sagte Rosa . Und man hatte kaum draußen eine Weinranke am Balkon im Silberlichte wanken sehen . Und dann war Einhart nach einigen bestimmten , stummen Zeichen plötzlich gegangen . Er hatte sein Bett in einer Bodenkammer . Aber später , als alles schlief im Hause , und weil Herr Selle noch immer nicht nach Haus gekommen , huschten Einhart und Rosa in die Monddämmer hinaus und liefen hin in die brünstigen Tänze im Silberschein , unter die sich auch einige Dienstmädchen und junge Arbeitsleute mit eingelassen , daß nun , schon gegen Mitternacht , ein ewiger Reigen hin und her , von der monotonen , sehnsüchtig näselnden Weise der einsamen Geige hingeführt , im Mondlicht schwebte . Die Schatten tanzten mit unter dem wogenden und ringelnden , bleichlichten Fremdvolk auf der weißen Wiese . Eine stumme Inbrunst spann in der Nachtluft , dann und wann nur von Rufen oder einem jähen Schrei flüchtig unterbrochen . Eine lange Fackelflamme gaukelte in Rauch , die Insekten umschwirrten . Falter verflogen sich in Einharts Gesicht , daß er sie , flüchtig erweckt , dann doch achtlos nur wieder in der Hand hielt . In allen Gesichtern lag ein ewiges Lächeln . Auch in Einharts . Auch in Rosas . Einhart und Rosa hielten sich aneinander , langsam und scheu , und ganz erstaunt noch immer und nichts wagend , beide nur ganz diese klingende , treibende Rätseldämmerwelt , fiebernd von losgebundnen Trieben , ganz den seltsamen Dunkelleuten hingegeben . Und jetzt mit noch größeren Augen lachend , als der weiße Wiesenplan rein lag , alles erschöpft beiseite getreten , und nur die beiden Zigeunerdirnen herangeflogen , in der Leibesmitte sich greifend , ihre nackten Füße streckend und stampfend wie in wildem , taumelnden Einvernehmen , und sich lösten und auseinanderschwangen , stumm fast , ewig geneigt in schwebendem Gleichgewicht . Gar nicht mehr Lächeln , Feier in den heiß blickenden Mienen , dann und wann einen heiseren Schrei hinausgebend , wie ein Vogel schrillt , rasend so hin , inbrünstig , wie in Gottesdienst , daß die Menge ringsum wie im Mitleiden den Atem anhielt . Einhart hatte dann , er wußte nicht wie , eine der Dirnen umgriffen und hatte zu springen und zu tollen begonnen , weil sich auch Rosa gar nicht mehr eingehalten , im Taumel dem jungen Zigeuner im Arm gelegen und ohne Rückblicken den Geigenklängen der Nacht sich willenlos hingegeben . Aber sie war ebenso plötzlich geflohen . Der Zigeunerjüngling hatte sie unversehens hart um den Leib gegriffen , sie an sich gerissen und sie sinnlos zu liebkosen und ins Gesicht hinein zu küssen gewagt . Da war es wie eine Furie hinter ihr aufgesprungen , daß sie besinnungslos lief und lief , nicht mehr hinter sich sehend , und daß sie atemlos und gescheucht auch schon vor der Haustür stand , den Schlüssel im Schlosse zitternd umdrehend , und als wenn sie im nächsten Augenblicke zusammensinken und sterben gemußt . Aber da draußen spielte Pavo noch immer seine schmelzende Weise . Die alte Zigeunermutter wiegte ihre breiten Hüften und schlug die Hände . Wie eine Grimasse hielt das Lächeln alle Gesichter . Auch auf dem Gesicht der jungen Zigeunerfrau lag ein weiches Schmerzlachen , und Franziska glühte und kreischte , indem sie den tollen Einhart mit sich herumriß . Einhart erwachte erst , als er sich endlich nach Rosa einmal umgesehen und entdeckt hatte , daß sie nicht mehr unter den fahlen Nachtgesichtern zu finden war . Der Mond ging eben am Horizonte zur Rüste . Einhart lief nach Hause , die einsamen Straßen hastend entlang und stahl sich über die Mauer des Hofes und durch die verlassene Hintertür in seine Dachkammer . Aber weil Herr Selle selbst auch spät heimgekommen und deshalb nicht am Frühstückstisch der Familie erschien , war das Geheimnis dieser Nacht verborgen geblieben und blieb einstweilen ohne Folgen für Einhart . 5 Die Realschule der Stadt lag an einem im Mittel gebreiteten Geschäftsplatze . Ein dreistöckiges , rotes Gebäude , drohte sie mit mächtiger , langweiliger , fensterreicher Fassade , wenn Einhart , seinen bücherquellenden Tornister schief auf die Hüfte gestemmt , um die Ecke des kleinen Nebenweges von der Promenade her einbog . Drohen oder auch locken kann man sagen . Weil alle Dinge in der Welt , in der Einhart lebte , für ihn solchen Doppelsinn hatten . Diese breite , gespreizte , rote Hauswand machte ihn manchmal gerade so ferne lachen , als wie sein strähnhaariges , gelbgraues Gesicht ein plötzliches Lächeln nicht unterdrücken konnte , wenn der Herr Geheimrat mit ganzer Würde und Positur und mit allerlei ergründenden Abwandlungen ihm streng mahnend dieselbe Schlußzeile durch die Ohren zog wie den Putzer durch den Zylinder : » Werde etwas Tüchtiges ! - Der Mensch muß etwas Tüchtiges sein ! - Jeder muß ein würdiges Mitglied der Menschengesellschaft werden ! - Werde meinethalben Schuster oder Schneider . Das fände ich zwar nicht übermäßig ehrend in der Stellung , die ich erklommen . Aber trotzdem ! - Nur werde etwas Tüchtiges ! In jedem Amte und Berufe kann man seine Tüchtigkeit zeigen . Und das macht den Mann . « Einhart mußte dann , wie gesagt , oft unversehens lächeln . Es kam ihm plötzlich manchmal der alte Herr mit dem vollen , grauen Schnurrbart und dem strengbewegten Munde , mit der befehlenden Geste , die sofort in die ganze Steifheit des gehaltenen Ernstes zurücksank , wenn er im ratlosen Gefühle auf dem weichen Teppich auf- und abwogte , derart liebevoll komisch und Mitleid erregend vor , das , was der Vater würdiges Mitglied der Menschengesellschaft und ehrend nannte , so ungreifbar ferne und matt und grau , daß Einhart in seinem plötzlichen Zwang , womöglich rund hinauszulachen mit Zärtlichkeit , eine vollkommene Einfalt in seine Züge bekam , und Herr Selle dann jedesmal dachte , daß er es mit einem unheilbaren Toren zu tun hätte . Einhart stand dann oft ewig wie angewurzelt . Er drehte ohn ' Unterlaß an seinem Jackenzipfel herum . Das gutmütige Schalkslachen drückte die dunklen Brandaugen klein und gab ihnen eine seltsame Verschlagenheit , die sich den Tag über kaum noch löste . Daß auch Frau Selle selbst , wenn sie ihn endlich sanft weckte , sich flüchtig ärgern konnte über den schlauen Ausdruck , der durchaus nicht nach Reue aussah , nur mehr nach toller Laune , die unter der einfältigen Armensündergrimasse aufflammen gewollt und doch nur heimlich umgegangen war . Das machte Kopf und Auge und Ohr und das Blut und die Muskeln und die Nerven , die Einhart hießen . Zucken und Jucken tat manchmal das alles , gleichwie über sich selber hinwegzuspringen . Die Augen zudem , wenn sie sich schlossen , sanken sehend in Purpurfelder . Und in den Ohren klangen lustige Sprüche und Pfiffe . Nun gar jetzt , wo er dem flämischen Breitmaul Schule entgegenging und in die großen hundert Augen , in die Fenster , seine lustigen Blicke flüchtig hinaufwarf . Eben war man im Begriff , die Fenster allenthalben oben und unten zu schließen , weil Einhart , wie immer , im letzten Augenblick um die Ecke stob . Im ersten Stockwerk hockte ein blonder , großer Bengel im Fenster , der sich weit hinausbog und ihm winkte und zuschrie . Man sah auch , daß sich der Blonde wohllaunig in die Klasse zurückgewendet , und hatte ein Hallo verklingen hören , als sich das Fenster vollends schloß . Einhart war immer prickelnd erwartet . Ein rechter Faxenmacher unter den durcheinander lümmelnden Knabengesichtern , und wie ein Strohhalm manchmal , der im Winde herumhupft . In der Klasse konnte man ohne ihn mit den Freipausen nicht fertig werden . Wenn er am Türpfosten nach dem Korridor lehnte , hatte er gleich allerlei Zuhörer . Er erzählte die widersinnigsten Späße in wirren Märchenformen , wo er Väter und Alte in Bären oder Steine , und Kinder in weise Könige verwandelte durch Zaubermittel , und sich selber einen Narren nannte , dem alles in der Welt auf den Kopf gestellt deuchte . Einmal benahm er sich auch , als wenn er sich als ein richtiger Affe fühlte , langgliedrig und behende zugleich , so daß er seinen Schulgenossen dann ein ewiges Schauspiel Eines gab , der zum Klettern geboren wäre , allenthalben in hockender Stellung auf Fensterbrettern , Katheder oder gar Ofen saß und ihnen derart allerlei lockende Dinge von Urwäldern und Wanderungen an Schlingpflanzen und in den höchsten Wipfelräumen nachahmte . Dazu immer erzählend : » Etwas Tüchtiges ! Nur etwas Tüchtiges ! « sagte er dann . » Und wenn es ein Affe im Urwald ist , nur etwas Tüchtiges , das macht den Mann ! « Eine Korona Knaben sah nur schon seine pfiffigen Mienen und lachte . Einige der bedächtigeren Schüler gaben nur seine Worte weiter und erlustigten sich an seinen Einfällen . Und alle wußten , daß er daheim ganz und gar nichts lernte , und lachten schon heimlich in dem Gefühle , wie dieser dunkle Fuchs dann vor dem langen , scharfen und schneidenden Ordinarius würde in lächelnde Einfalt einsinken , als ob er schon nicht mehr wüßte , was ein weißes Schneeglöckchen im Frühling wäre oder die hellerlichte Sonne ? Aber es war doch auch des Geheimrates Sohn , eines Mannes , der bedeutende Karriere gemacht und sicherlich noch weiter zu Ehren aufging . Im Grunde saß man in der ganzen Lehrerschaft wie auf Kohlen . Nur gut , daß Einhart in der äußerlichen Körperlichkeit nicht zu sehr aus seiner Klasse herausgewachsen . Alle seine Mitschüler waren um Jahre jünger als er . Er hätte müssen wenigstens in Sekunda sein , und man erwartete jetzt nur vergeblich , ihn der Tertia einzuverleiben . Die Lehrer wünschten es dringend . Der Direktor war Herrn Selles Freund . Er erkundigte sich oft bei den Lehrern nach Einhart . Aber es war durchaus nie etwas anderes zu hören , als daß sie es mit einer unverbesserlichen Art Gaukelei und Trägheit , mit einer Verschlagenheit und Sanftheit gleichermaßen , die man gar nicht zu qualifizieren wußte , hier zu tun hätte . Der Geheimrat hatte es schon erfahren , daß man auch jetzt noch wieder an eine Versetzung nicht recht glauben konnte . Er hatte sich sogar alles schon zurechtgelegt : » Wenn es jetzt nicht wird , kommt er in die Lehre . Dienen wird er nicht brauchen bei seiner Schwächlichkeit . Nun also ! Da mag ihn ein strenger Handwerksmeister erziehen , wenn es in gebildeten Formen nicht gelingt , « hatte Herr Selle schon überlegt . Die Stimmung daheim war in diesen ganzen Wochen , solange Herr Geheimrat im Hause war , nicht übermäßig launig gewesen . Aber daß es so bunt kommen müßte , wie es jetzt kam , wäre niemand , weder dem Herrn Vater , noch den Lehrern je in die begriffsverblichenen , matten Sinne eingefahren . Schon als Einhart heute in die Schule kam , hatte er etwas an sich , das die Mitschüler nicht kannten . Er sah durchaus nicht einfältig aus . Er sah aus , als wenn er aus einem langen Schlafe unversehens munter geworden . » Laßt mich in Ruh mit Albernheiten ! « sagte er nur bestimmt , und seine Augen hatten ein strenges Feuer . In diesem Moment hätte man geradezu an den Blick des Geheimrats denken können . Obwohl aus dessen Blicken nie Zigeunertänze und schwüler Taumel auf Mondwiesen im heimlichen Schauen aufgeblitzt . Einhart war außerdem , als er kam , außermaßen bleichgelb , richtig verzehrt . In der Stunde , die der alte Mädchenschulrektor , der hier am Gymnasium Schreibunterricht gab , leitete , sank Einhart tief in Schlaf und sank seinem Nebenmanne , der ihn nur jedesmal lächerlich ein wenig puffte , immer wieder auf die Schulter . Der alte Walk achtete nicht genau und mochte auch keine Prozeduren . Manchmal schlief er selber auf dem Katheder ein , wenn alle fünfzig Federn leise kritzelten . Er sagte dann auch gutmütig und zu eigner und andrer Entschuldigung : » Wie es so geht manchmal im Leben , jeder ist nicht immer zu jedem aufgelegt ! « So schlief mancher noch mit . Auch Einhart schlief also heute . Aber seltsam auch , daß sein Nebenmann lange auf sein bleiches , sanftgewordenes Gesicht sehen und wie ein fernes Entzücken mit diesen schmalen , bleichen Zügen empfinden mußte . Wie ein ferner , froher Traum lag drin . Eine liebliche Miene , ein Lachen , stumm und versunken , unter dunkelrandigen , geschlossenen Lidern . Aber wie Einhart erwachte , versuchte er geschäftig zu blicken und kümmerte sich nicht um die Augen , die ihn rings komisch suchten . Eine fiebernde Unzufriedenheit regte sich in ihm . Schreiben jetzt war ihm unmöglich . Er malte Schnörkel auf die weiße Fläche , die er vor sich hatte , ohne Sinn . Aber dann drehte er den Bogen , daß der Nachbar gleich neugierig mit auf sein Blatt sah . Es war tiefe Stille in der Klassenstube , daß man nur manchmal ein einzelnes Aufatmen hörte in die Versunkenheit vor den kleinen , aus den Federn fließenden Tintenkringeln . Aber Einhart schrieb nicht . Er begann Gesichter mit Zottelhaaren hinzuzeichnen , einen ganzen , tollen Reigen , wilde , nackte Gestalten , daß der kleine Nebenmann , der ein blonder , sanfter Knabe war , wegsah und ein wenig errötete wider Willen . Einhart zeichnete mit schmutzigen Händen . Er war in die Schule gelaufen , noch ohne sich anders , als nur auf der Mutter Geheiß , eine reinliche Jacke anzuziehen . Durch die Haare war er sich ein paarmal mit den Fingern gefahren . Und er kümmerte sich um nichts , was vorging . Auch wie der Rektor dann eine lange , moralische Rede über die Schrift begann . » Daß man aus der Schrift die Seele des Menschen ablesen könnte , « meinte er , » wäre eine Fabel . Aber ein gesitteter Mensch könnte sich doch schon in der Reinlichkeit des Papiers bekunden , in der Ordnung der Zeilen , in der Klarheit der Schriftzüge . Die Achtung vor den Gesetzen und dem Herkommen zeigte sich in der Schrift nicht minder . Deshalb lehrte man die Schrift . Nicht , daß man da Sonderbarkeiten recht ausprägte , so unleserlich schriebe wie möglich . Derartiges gefiele nur eitlen Narren . Einer wie der andere müsse es aussehen . Darum nenne man das eine Schreibstunde . Und ich bin euer Schreiblehrer . « Er schrieb selbst wie gestochen , und man konnte wirklich nicht wissen , ob er oder ein Rektor in einer Seestadt oder ein Schulmeister in Kospeda es geschrieben . Einhart hörte nur mit halbem Lächeln hin und dachte an das schmutzige Gesindel auf dem Plane , daß der alte , schwerfällige Walk auf ihn sah und ihn fragte : » Nun , Herr Selle , warum so lächerlich ? « » Ich freue mich über Ihre Lehren , « sagte Einhart ganz wie nebenbei , daß ein tolles Gelächter ausbrach , und der Rektor gleich mit sanfter Gebärde stillen wollte . » Nur ruhig ! - nur ruhig ! « sagte er selber halblaut und erschrocken , weil es der Direktor leicht hören konnte . » Selle weiß immer eine gute Antwort , « sagte er dann versöhnlich , ein wenig eitel . Dabei hielt er die Hand mit dem Lineal wie einen Palmenzweig des Friedens ausgestreckt vom Katheder , damit höchstens noch ein kleines Aufwallungslachen folgen konnte , das seiner Seele wohltat . Aber dann , als die Schuluhr schrill die Stunde geschlagen , und Walk umständlich hinaus war , überkam es Einhart , daß er eilig aufs Katheder stieg , ins Klassenbuch sah , um welche Stunden es sich noch handelte , und dann plötzlich ein tiefleidendes Gesicht schnitt . » Laßt mich in Ruh , « sagte er . » Ich habe wahnsinniges Zahnweh . Ich kann es bei Gott nicht lange so aushalten . « Er saß in der Bank und begann sich richtig zu krümmen wie ein Wurm . Viele lachten noch immer . Andere dachten schon an Ernst . Jedenfalls machte Einharts Miene durchaus Eindruck . Der strenge Ordinarius , der die nächste Stunde gab , hatte sich beim Eintreten gar nicht umgesehen . Er begann mit dem Abhören der unregelmäßigen Verben . Dabei sah er wie zufällig , daß Einhart noch immer halb umgesunken in der Bank saß , und alle Blicke sich immer wieder dahin richteten . » Was ist denn da los ? Das ist wohl Selle ? ... Selle ! ... nun ? was ist denn los ? « Einhart antwortete noch immer nicht . Einige riefen : » Er ist krank . « Andere : » Er hat furchtbare Schmerzen . « » Selle ! « sagte der scharfe , schneidende Ton in einiger Weichheit mahnend . » Hast du mich gehört , Selle ? was ist dir denn nun ? du kannst doch so nicht sitzen , « sagte der gestrenge Herr fast schnarrend . » Entweder du bist fähig , dich aufrecht zu halten , oder du mußt einfach dich scheren . « Einhart versuchte gehorsam , sich eine Weile emporzurichten . Aber dann begannen wie feine Schmerzlaute neu anzuheben aus ihm . Es schien wirklich schlimm . » Wenn du derartige Gesichtsschmerzen hast , gehe nach Hause ! Das ist ja nicht auszuhalten , « sagte der Ordinarius unwillig . Aber wie dann Selle aufrecht stand , die Sachen packte und zur Türe ging , sah der Lehrer auch , wie bleich und verzehrt Einhart war . » Nun , da wünsche ich dir nur , daß du die Schmerzen bald los wirst ! Ich kenne das « ... sagte er in einer mitleidigen Anwandlung . » Das ist ja wirklich nicht sehr angenehm . « Und Einhart war draußen . 6 Einhart war eilig über den Platz vor der Schule gelaufen , wo einige Droschkenkutscher an der Ecke hielten , die ihm nachsahen , weil er noch immer den Kranken spielte . Er hatte den Tornister unter den Arm gekniffen und drückte ein zerknülltes , rotes Tuch an die Backe , so daß die bleichgraue Miene seines Gesichtes noch auffälliger wurde . Es lag Sonne im Wege . Es war nach elf Uhr , und die hohen Häuser warfen nur kurze Schatten . Einhart war innerlich belustigt , wie noch nie im Leben . Wie er so dahineilte , überlegte er nur , wohin sich am besten gleich wenden ? Er hastete , daß er ungleiche Schritte nahm , und man einige Augenblicke immer denken konnte , er hinke . Aber das innere Leben war wie außer Rand und Band sozusagen . Als er um das große Modenmagazin herum war , sah er sich noch einmal um , wie um zu prüfen . Er war ein schmächtiger , schlanker Bursche . Die braune Jacke , die er trug , sah anständiger aus , als gewöhnlich , und der Haarsträhn war jetzt doch unter dem flachen , schwarzen Hütchen verborgen , das schief auf dem Schlichthaar saß . Wer ihn jetzt sah , als er der Schule außer Sicht entronnen , hätte über die Augen und über den Mund und die feine Nase lachen müssen . Als wenn er Übles gewittert und hinter sich gelassen , lief er jetzt . Das Taschentuch war längst zu einer roten Fahne in der Hand geworden , die er nun vorwärts schwang . Seine Augen konnten vor Lust gar nicht gerade sehen . Nach allen Seiten auf und um gingen sie und hatten eine Pfiffigkeit im Blicken . Der Mund hatte Eile , sich Hoffnungen vorzumurmeln , und er stieß mitten auf dem Exerzierplatz , über den er mit springenden Schritten hupfte , einen grellen Pfiff aus , ehe er in die Promenade einbog . Er dachte gar nicht zurück . Oder wenn er zurückdachte mit zärtlicher Laune . » O du einziger , guter , dummer , scharfsichtiger Herr Oberlehrer , du dummes , einfältiges Vieh ! « sagte er und lachte er . » Der junge Herr Selle sollte mir schon kommen ! du ... ach , daß du auch gar nicht merktest , was diesem Herrn jetzt durch den Kopf ging ! « Und nun stand er wieder . » Dieser verfluchte Ranzen ! « sagte er vor sich hin . Er nahm seinen flachen Rundhut ab und warf den Ranzen samt dem Hute auf die Erde . Dann überlegte er und sah sich die ganze Welt ringsum und oben an . Eine Linde stand neben ihm , an der er nur bis zur Krone sah , und an deren Stamme Ameisen krochen . Das machte einen Augenblick ganz sich vergessen . » Weißt du nur , warum die Leute noch sitzen und in die Bänke sich zwängen ? - Du nettes Tierdel ! da ... komm ... nur ... einmal ... und bleibe bei mir « , sagte er zu einer Ameise und versuchte sie auf der Hand zu halten , die er drehte . Aber die Ameise merkte den Raubtierhauch der Menschenhand und warf sich kopfüber in einen Abgrund unter ihr , und Einharts Gedanken flogen sofort auch weiter . » Da ... ist ein Versteck für dich , « sprach er den Ranzen an , den er schon aufgenommen , indem er auch sogleich weitersprang . Am Wassergraben wußte er von der Eisbahn her ein Loch in der Mauer , das immer leer war . Dort hing eine volle Weide über , die sich jetzt wunderklar im Wasser spiegelte . Es lockte ihn , daß er auch hier über das eiserne Gitter lange sich bog , als wenn es ein Spiel für ihn gewesen wäre . Er sah auf den dunkelklaren Schattenspiegel und verfolgte , als wie ein Käfer , der an jedem Ästchen emporkriecht , die ganze , dunkle Verzweigung . Dann warf er erst Blättchen um Blättchen hinein , die immer in Kreisen spannen und das klare , scharfruhende , stumme Baumgeäst wie einen Augenblick in ein trübes , feines , rinnendes Bewegen lösten . Einhart ! mein lieber Tagedieb ! was staunst du und kannst nun alles andere vergessen ! Ein Blättchen nach dem andern fiel . Und Einharts Gesicht spannte und lächelte . Dann sprang er über die Eisengitter und schob rasch seinen Tornister in das Erdloch , sprang zurück und lief nun leicht in der Richtung nach dem See . Träumen ist eine Seligkeit und kann auch eine Krankheit sein . Träumen kann mit ewigem Enttäuschen kommen , wenn immer wieder eine graue Megäre Wirklichkeit Ohren findet , die es hören und glauben , daß wir ja nicht träumen dürfen , sondern leben müssen . Aber es kann auch ein Harnisch sein gegen all die leeren , grauen Gedanken von dem Leben , als wäre es in Stücke gerissen , dort ein Deckel , und hier die Dose . Dann ist der Ritter eines mit seinem Harnisch , und kein schales Meinen kann ihm diese seine Welt zertrümmern , die nicht leben hier und träumen dort , die auch nur Eines ist , was immer heimlich oder offen aus der Seele sich hebt und lebt wie ein einiger Brunnen , Kraft und Klarheit so ins Dasein , Sinn und Gestalt schaffend . Aber das wollten die Lehrer nicht anerkennen . Deshalb eilte jetzt Einhart hin . Dem Herrn Geheimrat hätte er jetzt auch nicht begegnen dürfen . » Dieser geliebte , steife Herr Vater , « wie Einharts Augen ihn flüchtig lächelnd sahen . Wenn Herr Selle jetzt leibhaftig erschienen wäre , wäre Einhart eine Ratlosigkeit angekommen . Nicht aus Furcht . Eine vollkommene Demutsmiene ging in dem gelbgrauen Schmalgesichte des Jungen auf , als auch nur von ferne solcher Gedanke sich regte . Durchaus nicht aus Furcht . Aus hellem Verzweifeln . Da hätte er wirklich das Leben , das er jetzt innig in Einem lebte , plötzlich wieder zersprungen gesehen , dort in farblos fahles Gesetzesbestimmen und hier in seinen entfliehenden Glanz , dort nur mürrisch grau , strenggeteilt wie ein Rübenbeet