eine Rauferei geben . Mein Mann weiß so nicht mehr wo aus , vor lauter Arbeit , und mit den jungen Gendarmen , die wir jetzt haben , ist ihm nicht viel geholfen . Gelt , Karl ? « » Jawoll , « sagte der Kommandant , welcher Karten spielte , » und warum gehen S ' denn nicht mit Ihrem Grasober drauf ? « fragte er , » ich hab doch Trumpf ang ' spielt ; wenn Sie draufgehen , haben wir ein ' Stich mehr . Das hamm Sie nicht gut g ' spielt , Herr Hilfslehrer . « » Jetzt kommt die Hofdam ' , « sagte der Förster von Pellheim , und warf die Schellenaß auf den Tisch . » Ham S ' no a Schell ' n ? Macht siebenundsechzig ; is schon g ' wonnen . « » Sie müssen doch mit dem Grasober draufgehen und Eichel nachbringen . Ich trumpf und bring noch den König heim . Was gibt ' s , Herr Wirt ? « » Es waar guat , wenn S ' a bissel raufschaueten , Herr Kommandant . Mit de Hochazeller Burschen hat ' s des Recht ' net . « » Gleich komm ich , « sagte der Kommandant und schnallte das Seitengewehr um . » Vielleicht gehen Sie mit , Herr Verwalter , weil Sie die Burschen kennen ? « Sie hörten schon auf der Stiege schreiende Stimmen . » Hoscht du net auf ins hertanzt ? « » Ös habt ' s überhaupts koa Recht ! Mir ham zahlt ! « Im Tanzsaal drängten sich die Burschen zusammen ; das Licht der Petroleumlampe glühte rötlich durch den Dunst , und der Kommandant konnte sich nicht gleich zurechtfinden . Mitten im Knäuel stand ein lang gewachsener Mensch , der auf den Hierangl Xaver einredete . » Bischt du vo Hochazell ? Hoscht du mitzahlt ? « » I tanz , bal i mag , « sagte Xaver . » G ' hörscht du zu die Hochazeller ? Hoscht du vielleicht an anders Recht ? « » Du Hanswurscht , du Dappiger ! « schrie ein anderer . Der Lange packte den Hierangl beim Rockkragen , die Hintenstehenden drängten vor . » Auslassen , sog i ! « schrie Xaver und suchte nach der Messertasche . » Nehmt ' s eahm ' s Messa ! « Der Kommandant sprang dazwischen . » Was gibt ' s da ? Auseinander da ! Lassen S ' sofort los ! « » Daß er ma ' s Messa nei ' rennt ! « schrie der Lange . » Nach ' n Messa hat a g ' langt ! « wiederholten die Burschen . » Das geben S ' einmal sofort her , Hierangl ! « Xaver wehrte sich noch immer wütend gegen den Langen und wollte sich losreißen . Ein anderer packte seinen Arm , und der Kommandant zog ihm das Messer aus der Tasche . » Im Griff feststehend , « sagte er ; » das werden wir noch kriegen . Und jetzt stellen S ' Ihnen ruhig hin , sonst verhaft ich Ihnen vom Platz weg ! Was hat ' s denn geben ? « fragte er den Langen . » Mir Hochazella ham ins oan aufspiel ' n lassen ; da tanzet er mit , und glei waar er auf mi herg ' rumpelt aa no und hätt mi ani g ' stessen . « » Nur nicht so schreien ! Das können Sie ja ruhiger auch sagen ! « » Is ja wohr ! Wia ' r i ihn g ' stellt hab , hätt ' er glei nach ' n Messa g ' langt ! « » Wie heißen Sie denn ? « » Joseph Heiß , Gütlerssohn von Hochazell . « » Mi san allsamt Zeugen , « schrien die Hohenzeller Burschen . » Ich brauch ' nicht so viel , « sagte der Kommandant und schrieb den Heiß in sein Notizbuch . » So , Hierangl , Sie verlassen jetzt sofort den Tanzboden und gehen ruhig heim ! « » I geh , bal i mag . « » Nicht so frech ! Gelt ? « Die Ursula drängte sich durch den Haufen . » Geh zua , Xaverl , dös hat koan Wert it ! « » Laß ma do du mei Ruah ! Mit dir will i gar nix z ' toa hamm . Jetzt gehn i , aba i kimm scho wida r ' amol z ' samm mit die Hochazeller . « » Is scho recht , « schrie der Lange , » und nimm da fei wieda a Messa mit ; du ko ' scht dir gar it gnua kaffa . « Alle lachten und höhnten hinter Xaver her , den seine Kameraden fortzogen . Die Musik spielte auf , die Mädel , welche sich auf Stühle und Bänke gestellt hatten , kamen herunter , und der Tanz ging weiter . Die Ursula tat nicht mehr mit . Sie ging die Stiege hinunter ins Freie . Beim Wirtsstadel standen die Erlbacher Burschen , und sie konnte im Mondlicht sehen , wie sich der Xaver von ihnen losmachen wollte . Sie hörte eine keuchende Stimme herüber . » Laßt ' s mi aus ! I muaß no amal eini . « » Dös gibt ' s gor it . Du gehscht jetzt hoam mit ins ! « » Oaner muaß no hi sei , von de Hochazeller ! « » Geh amol zua ! Du derfst nimma z ' ruck ! « Die Burschen hielten ihn fest , und er ging endlich mit ihnen . Zuweilen blieb er stehen und schimpfte . » ' s Messa bal s ' ma net g ' numma hätt ' n , nacha wurd i eahm was zoagt hamm . In aller Mitt ' hätt ' i ' n vonand g ' schnitten . « » Jetzt mach amal ! « Die Stimmen verloren sich in der Ferne . Da machte sich die Ursula auf den Weg und ging hinterdrein . Im Nebenzimmer erhob sich der Lehrer von Aufhausen und nahm seinen Hut vom Nagel . » Wir haben einen Weg bis zum Feldkreuz , « sagte Stegmüller , » da gehen der Herr Mang und ich mit . « Es war eine kühle Nacht . Der Herbstnebel zog über die Felder hin und sah sich im Mondlicht an wie ein silberner Schleier . Vom Weblinger Holze herüber wehte ein frischer Wind . Da zitterten die Blätter an den Bäumen , als käme sie ein Frösteln an , und die Schatten , welche sie über die helle Straße warfen , kamen in Bewegung . » Es ist etwas Poetisches , so eine Mondnacht , « sagte Mang . Er kämpfte mit einem harten Entschlusse . Er wollte etwas unternehmen , was er noch nie getan hatte ; er traute sich ' s zu , und er verzagte wieder . Und dann gab er sich einen festen Ruck . » Fräulein Sporner ... wenn Sie erlauben ... darf ich Ihnen meinen Arm anbieten ? « Er hatte einen Augenblick geglaubt , daß sie weglaufen und ihn beschämt stehen lassen , oder daß sie ihn streng zurechtweisen würde . Aber sie lief nicht weg , und sie tadelte ihn nicht . Sie sagte überhaupt nichts , sondern schob ihren runden Arm in den seinigen . Und da merkte er , daß es auch poetisch ist , neben einem jungen Mädchen zu wandeln . Sie gingen schweigend miteinander . Er wollte ein Gespräch beginnen und besann sich lange . Aber es fiel ihm nichts ein ; darum sagte er wieder : » Es ist prachtvoll , so eine Mondnacht . « Und Fräulein Gertraud sagte : » Wunderbar ; besonders im Herbst . « Beim Feldkreuze trennten sich ihre Wege ; die beiden Alten , welche vor ihnen gingen , blieben stehen ; Mang gab den Arm des Mädchens frei und verbeugte sich mehrmals und schüttelte dem Fräulein Sporner immer wieder die Hand , wenn er vorher dem Onkel gute Nacht gesagt hatte . » Also am Sonntag zum Hochamt , « mahnte der Lehrer von Aufhausen . » Gewiß ; Sie können sich darauf verlassen . « » Und pünktlich um acht Uhr . Gute Nacht , Herr Mang . « » Recht gute Nacht , Herr Lehrer ! Angenehme Ruhe , Fräulein Sporner ! « Er sah den beiden nach ; da fiel ihm ein , daß sie ein schönes Lied gelobt hatte ; und er vergaß alle Bedenken , welche der Rektor von Freising dagegen hatte . Mit wohlklingender Stimme setzte er ein : » Das Meer erglänzte weit hinaus ... « Als er schwieg , tönte von drüben eine freundliche Mädchenstimme : » Gute Nacht ! « Er holte mit raschen Schritten den alten Lehrer ein . Herr Stegmüller überdachte seine Reden , die er im Wirtshaus gehalten hatte . Es kam ihm so vor , als wär er zu stark ins Schwärmen geraten ; die kühle Nachtluft ernüchterte ihn . Und er sagte : » Sie müssen nicht glauben , Herr Mang , daß ich vielleicht etwas habe gegen die Geistlichkeit . Ich redete bloß so von der Kunst , weil Sie einen schönen Tenor haben und überhaupt . Natürlich haben Sie ganz recht , mit Ihrem Beruf . Er ist schon wirklich ideal . « » Ja , ja , « erwiderte Sylvester ; » Herr Lehrer , wie lang bleibt eigentlich Fräulein Sporner in Aufhausen ? « Drittes Kapitel Die nächsten Wochen brachten viel Arbeit . Nach der Trockenheit war ein guter Regen gekommen , und der Pflug faßte wieder an . Auf allen Höhen sah man Menschen und Pferde sich langsam bewegen , und hinter ihnen fraßen sich dunkle Furchen in die Stoppelfelder ein . Vom Dorfe hinauf bis zum Walde zogen sich gerade Linien ; die lustigen Farben verschwanden , und die Gegend hatte ein ernstes Aussehen . Der Schuller war fleißig hinter den Knechten her und hatte selber die Hand am Pfluge , den ganzen Tag . Es traf ihn viel , weil sein Ältester als Soldat in Ingolstadt diente , und wenn er des Mittags heimkam , streckte er die Füße schwerfällig unter den Tisch . Und wenn er heimkam , war noch ein müder Mensch in der Stube ; müde von einem langen Leben , in dem es kein Ausrasten gibt . Das war die Mutter des Schullerbauern . Sie zählte noch nicht siebzig Jahre , und in der Stadt gibt es viele , die in dem Alter noch aufrecht gehen . Aber Bauernarbeit bricht vorzeitig die Kraft . Die Alte saß auf der Ofenbank und schaute vor sich hin . Die runzligen Hände faltete sie im Schoß und fand kaum die Kraft , zudringliche Fliegen abzuwehren . » Was is ' s denn mit da Muatta ? « fragte der Schuller seine Frau . » Sie is schlecht beinand ; seit gestern kummt sie arg von da Kraft , « erwiderte die Bäuerin . Die Alte nickte müde mit dem Kopfe und bewegte den zahnlosen Mund . » Was hat sie g ' sagt ? « fragte der Bauer . » I ho ' s it verstanna . Was hoscht g ' sagt , Muatta ? « Die Schullerin schaute die alte Mutter prüfend an . Ruhig wie ein Mensch , der über ein Sache ins reine kommen will . » Was hoscht g ' sagt , Muatta ? « fragte sie noch einmal . Die Alte begegnete ihrem Blick ; in ihren glanzlosen Augen war nichts von Angst und Sorge zu lesen . Nur Müdigkeit . » I treib ' s nimmer lang , « sagte sie . » Sie moant , sie muaß sterb ' n , « wiederholte die Schullerin mit lauter Stimme . Der Bauer schnitt bedachtsam den Brotlaib an und brockte kleine Stücke in seine Suppe . » Sie is halt scho guat bei die Jahr , « sagte er , » wie alt bischt denn jetzt , Muatta ? « Die Alte gab keine Antwort ; sie schaute wieder vor sich hin , und ihr Kopf sank herunter . » An achtasechz ' g Jahr ' werd sie sei , und g ' arbet hat sie viel , « sagte der Sohn . » Ja , g ' arbet hat sie viel , und acht Kinder hat sie bracht ; des setzt oan zua . Sie g ' fallt mi aba gar net ; sollt ' st dennerst an Pfarra hol ' n , Bauer . « » In Pfarrhof geh ' i net . Dös muaßt ' s scho selm toa ; oder schick umi ! « » Na geh ' n i selm , bal i abg ' spült hab . « Die Alte bewegte wieder die Lippen . » Wos hascht g ' sagt , Muatta ? « Die Schullerin ging zur Ofenbank und horchte aufmerksam . » Ja , ja , Muatta ! Hoscht scho recht . Sie sagt , sie is froh , bal ' s gar is . A so hat ' s koan Wert nimma , sagt sie . « Der Bauer legte den Löffel weg und ging in den Hof hinaus . » Andrä ! « » Wos geit ' s ? « » I nimm jetzt de zwoa Braun ' , und du spannst an Ochsen ei ! « Der Knecht führte zwei stattliche Pferde aus dem Stall ; der Schuller nahm das Leitseil und ging hinter ihnen her . Am unteren Ende des Dorfes holte er den Geitner ein . » ' ß Good , Schuller ! « » ' ß Good ! « » Wo geahscht hi ? « » An Schmidlacker ; Habern vorbaun . « » Wo ' s d ' an Klee g ' habt hoscht ? « » Ja . « » Jetzt geht ' s ja leicht mit ' n bau ' n , weil ' s nimma so trucka is . « » Es tuat ' s. « » Beim Kramer ham s ' g ' sagt , daß dei Muatta schlecht dro is ? « » Ja , sie hat ' s kloa beinand . Oan Tag oder zwoa , länger werd s ' kaam mehr leb ' n. « » Wia ' s halt is . Die Junga könna sterb ' n , und de Alt ' n müassen sterb ' n. « » Da ko ' scht nix macha . « » Hoscht du nix g ' hört , Schuller , wann de Bürgermoasterwahl is ? « » Na , koa Tag is no net g ' setzt , wia ' r i woaß . Im November werd s ' halt sei . « » Dösmal werst as du , Schuller . « » I reiß mi net drum . Mir werd ' s liaba an anderner . « » Wer denn ? Da Kloiber mag nimma . « » Vielleicht sagt er grad a so . « » Na , dös woaß i g ' wiß . Da Kloiber steht z ' ruck . « » Nacha könnt ' s ja an Hierangl nehma . « » I glaab it , daß ' s der werd . Er hat it viel Leut ' auf da Seiten ; bloß de , wo eahm was schuldi san . « » Aba da Pfarrer möcht ' n. « » Ja , weil er moant , daß er eahm helfat mit sein ' Turm , und weil er überhaupts allaweil z ' sammspinnt damit . Aba ' r auf ' n Pfarrer passen mir it auf . « » I sag ' da ' s schnurgrad , Geitner , mi freut ' s gar it . Bal i Burgermoasta waar , gang da Verdruß nimmer aus . Garaus mit ' n Pfarra . Er ko mi net schmecka , dös woaßt ja . Und z ' Erlbach san gnua , de wo zu eahm halt ' n ; nacha gab ' s allawei Zwidrigkeiten . Nehmt ' s an Hierangl , dös is viel g ' scheiter . « » Mi hamm ja no Zeit , Schuller ; aba dös derfst glaab ' n ; bal ' s mir nachgeht , werst as du . I bin auf deiner Seiten ; dös derfst g ' wiß glaab ' n. « » Is scho recht . ' ß Good ! « Der Schuller ging vom Weg ab zu seinem Acker ; wie er die Gäule am Pflug vorspannte , sah er dem Geitner nach und sagte vor sich hin : » Hättst mi gern ausg ' fragt , gel , Tropf schei ' heiliga ? Di kenn i guat . Wiah ! « Die Gäule zogen an ; unter der blinkenden Pflugschar wellten sich die Schollen . Daheim saß die alte Mutter noch immer unbeweglich in der Ofenecke und sah der Schwiegerin zu , welche die Stube aufräumte . Das ging flink mit rüstigen Armen . So hatte die Alte auch einmal gearbeitet und geschaltet im Hause . Dann waren langweilige Tage gekommen , und sie hatte gespürt , wie unnütz ein Leben ohne Arbeit ist . Hohes Alter ist kein Segen . » Du sollst dein Brot verdienen im Schweiße deines Angesichts . « Das ist für die Bauernleute geschrieben , denen die Hände schwer werden beim Rasten . Und die Alte fürchtete sich nicht vor dem Sterben ; das hatte sie sich oft gewunschen , nicht aus Verzweiflung oder aus Trübsinn , sondern weil es recht ist , zu gehen , wenn das Bleiben keinen Wert hat . Der jüngste Bub der Schullerin kam lärmend herein . Die Bäuerin wehrte ihm ab . » Geh aussi , Xaverl , du hoscht do herin nix z ' toa . Siegscht it , daß d ' Großmuatta krank is ? « » Muaß sie sterb ' n ? « » Ja , sie muaß bald sterb ' n. Aba jetzt geh zua ! Du gehst uns do im Weg um . « Der Kleine sah mit neugierigen Augen nach der Alten hin , und als er die Stube verlassen hatte , stellte er sich draußen an das Fenster und preßte das Gesicht an die Scheiben . Die Schullerin wollte in den Stall gehen ; da kam der Kooperator über den Hof , und sie blieb unter der Türe stehen . » Es ist eine kranke Person im Hause , welche des geistlichen Trostes bedarf ? « » Ja , Hochwürden , d ' Muatta is schlecht beinand . Seit Mittag kimmt s ' ganz von da Kraft . « » Wo ist sie ? « » Bitt schön . Hochwürden , da herin . « Der junge Herr trat in die Stube . Ein Blick auf die Alte zeigte ihm , daß hier nur mehr die Seele , nicht aber der Körper zu retten sei , und er ging berufsfreudig an sein Werk . » Warum habt Ihr so lange gewartet ? « fragte er die Schullerin . » Ich fürchte , sie versteht meine Worte nicht mehr . « » Es is so schnell ganga , Hochwürden . Aba sie is no beim Vastand ; sie hört no ganz guat , bloß müad is sie halt . « » Dann laßt uns jetzt allein ! « Die Bäuerin ging hinaus , und der junge Mann setzte sich vor die Kranke hin . Er zog ein dickes Gebetbuch aus der Tasche und fragte mit lauter Stimme : » Hört Ihr meine Worte ? « Zwei müde Augen schauten ihn an ; es lag darin mit dem Aufbieten der letzten Kraft der Ausdruck von Ehrerbietung , und die Alte versuchte mit zitternder Hand das Zeichen des Kreuzes zu machen . Ein minder frommer Mensch wäre gerührt worden durch diese schlichte Ergebung und hätte sich demütig gebeugt vor der Würde der sterbenden Greisin . Aber Herrn Sitzberger konnte nichts Irdisches überwältigen ; er fühlte sich nicht klein in dieser Stunde , sondern es erhob ihn der Besitz der geistlichen Gewalt über diese Seele . Und er sprach wieder so laut , daß ihn die Alte hören mußte : » Anastasia Vöst , Ihr seid nun an das Kreuz geheftet , und Ihr sehet der bitteren Todesstunde entgegen . Ihr müßt bedenken , daß der liebreichste Jesus für Euch ebenfalls Krankheiten getragen und Schmerzen auf sich geladen hat . Bittet ihn , daß er Euch wahre Geduld verleihe , und opfert ihm alle Glieder Eures Leibes auf , daß er sie strafen möge nach seinem göttlichen Wohlgefallen ! « Die Alte verstand nicht alle Worte , aber sie fühlte dunkel , daß sie die Tröstungen der Religion bildeten , in welcher sie lange und gläubig gelebt hatte . Darum hob sie mühsam den Kopf und versuchte kurze Zeit , ihre Augen offenzuhalten . Herr Sitzberger fuhr eifrig weiter . » Ihr sollt nicht mehr an dieser Welt hängen und Euch das Scheiden von derselben schwer fallen lassen . Ihr sollt im Gegenteil von einem innigen Verlangen nach den Wohnungen des Himmels erfüllt sein . Ihr sollt sagen , daß Eure Seele dürstet und seufzt nach den Vorhöfen des Herrn . Wenn auch immerhin die Furcht vor dem Gerichte die Vorstellungskraft beängstigt und der Anblick Eurer Sünden Euren Geist in tödliche Traurigkeit versenkt . « Die Kranke bewegte die Lippen , und der Kooperator fragte : » Was wollet Ihr sagen ? « Sie sprach kaum vernehmbar vor sich hin : » I hab allawei gern g ' arbet . Es is mir it leicht an Arbet z ' viel g ' wen . « Dabei hielt die Alte die mageren Hände vor sich hin , als wollte sie die Ehrenmale der Arbeit zeigen ; und ein freundliches Lächeln ging über ihr verwelktes Gesicht . Ja , wäre der liebe Gott in der Stube gesessen , dann wären ihm vielleicht die Augen naß geworden , und er hätte gesagt : » Das sind zwei ehrliche Hände , Anastasia Vöst , die du aufweisen kannst , und sie erzählen von nützlicher Arbeit . Die haben Gutes gewirkt im Leben , und mehr braucht es nicht für den Himmel . « So hätte der liebe Gott reden müssen , aber sein Stellvertreter meinte es anders . Er zeigte Ungeduld , oder größeren Eifer , und verstärkte die Stimme . » Ihr müßt Eure Gedanken gänzlich vom Irdischen abwenden , indem die sinnliche Welt Euch bald verschwunden sein wird . Und wenn Ihr in den Bedrängnissen des Todeskampfes erseufzet , müßt Ihr Gott bitten , daß er diese Seufzer als Wirkungen einer heiligen Ungeduld , zu ihm zu gelangen , aufnimmt . Versteht Ihr meine Worte ? « Anastasia Vöst verstand sie nicht , sie hielt noch immer ihre Hände vor sich ausgestreckt und schaute sie lächelnd an . Da stand Herr Sitzberger auf und zuckte die Achseln . Er sagte zur Schullerin , welche still hereintrat : » Ihr hättet mich früher rufen sollen , so lange sie noch bei vollem Verstande war . Ich fürchte sehr , sie hat meine Worte nicht mehr erfaßt . « » Sie fallt so schnell z ' samm , daß ' s gar it zum glauben is , Hochwürden . Vor an anderthalb Stunden is sie no viel frischer g ' wen . Mir wer ' n Zeit hamm , daß ma s ' no ins Bett einitragen . Und wann i bitten durft , daß Sie ' s versehg ' n , Hochwürden . « » Ich werde gleich zurückkommen , mit den heiligen Sakramenten , « sagte der Kooperator und ging schnell aus dem Hause . Der Xaverl stand noch immer am Fenster , aber er sollte doch nicht sehen , wie es ist , wenn ein Mensch stirbt . Denn die Schullerin und die Ursula trugen die Alte behutsam in ihr Austragszimmer und schlossen die Fensterläden . Darauf zündeten sie zu Häupten des Bettes zwei Kerzen an und begannen zu beten . In der Dorfgasse wurde es lebhaft ; es war Feierabend . Die Leute kamen heim vom Acker ; da blieb ein Nachbar beim andern stehen und redete davon , was man diesen Tag geschafft hatte , und was man vom nächsten erwarte . Beim Schmied wurde noch fleißig gehämmert ; ein Gaul vom Bartlbauer brauchte neue Eisen , und der Weßbrunner ließ seinen Pflug schärfen . Einige Leute standen vor der Werkstätte und schauten zu ; sie lobten das Pferd und sagten , der Bartlbauer hätte beim Kaufen eine glückliche Hand gehabt . Da kam der Mesner um das Eck herum , hinterdrein der Kooperator mit dem Allerheiligsten . Alle zogen den Hut , und der Schmied hielt mit der Arbeit ein . » Wer werd denn versehg ' n ? « fragte einer . » An Schuller sei Muatta . « » De alt Vöstin ? Um de is schad , « sagte der Zwerger und schaute dem Kooperator nach . Einige Weiber schlossen sich dem traurigen Zug an . Als der Priester beim Schuller angekommen war , wandte er sich um und hob den Kelch mit der heiligen Wegzehrung in die Höhe . Die Leute knieten nieder und bekreuzten sich andächtig . Und die Bäcker Ulrich Marie betete mit lauter Stimme das Vaterunser vor . Viertes Kapitel Lieber Josepf ! Ich deile Dir zum wiesen mit , das mir vor acht Dag die Muder eingraben ham . Mir haben nichts gemeint , indem es so schnell gangen ist . Aber der Vadder ist anderst zornig , weil die Muder ein Desdament gmacht hat und schenkt der Kirch finfhundert March fier den neien Durm . Beim Notari is das Desdament gwest und mir ham nichts gewußd . Lieber Josepf , wie get es Dir ? Hofendlich get es Dir gut und darfst auf Weinachd heraus . Dem Brückl sein Fux hat umgschmiesen und eine Haksen brochen und hat ihn stechen müsen . Beim Elfinger und der Haslinger ham Schtraf zalen müsen , weil die Schaf reidig warn und habens nicht angezeichd . Es kost jeden dreisig March und is der Tirarzd nicht dabei . Da kost es noch mer . Das ist fiel Geld . Unsere Scheck hat die voring Woch ein Kalb kriegt ; es ist siebsich Fund schwer und gesund . Der Woaz is gut hereinkomen , aber der Vadder schimbft wegen das Desdament . Lieber Josepf , hofendlich get es Dir gut und schreib bald . Es grießt Dich Deine Muther Diesen Brief erhielt der Soldat Josef Vöst vom 12. Infanterieregiment , und er konnte daraus sehen , daß sich daheim Gutes und Böses begab . Er dachte über beides nicht lange nach und war so wenig bekümmert wie andere junge Leute . Aber seinem Vater ging es im Kopfe herum , von der Früh bis zum Abend . Er war alleweil gut mit der Mutter gefahren und hatte ihr kein böses Wort gegeben . Sie war zufrieden mit dem Austrag , und wenn sie vom Sterben redete , sagte sie oft , daß ihr ausgemachtes Vermögen beim Anwesen bleibe . Bloß etliche hundert Mark für Seelenmessen sollten davon abgehen , und so war es auch geschrieben im ersten Testament . Aber ein paar Monate vor ihrem Tode machte sie den Nachtrag und verschrieb fünfhundert Mark für die Erbauung eines neuen Turmes . Das war ihm unverhofft gekommen , und er hätte nicht daran gedacht . Jetzt freilich fiel ihm manches ein , was er zuvor nicht beachtet hatte . Daß die Mutter im Sommer nach Nußbach fuhr , mitten in der Woche , als er keine Zeit hatte zum Begleiten und die Bäuerin im Bett lag . Und daß sie ihm keine rechte Antwort geben wollte , wenn er sie fragte , ob alles in Ordnung sei . Daß sein Bruder Lenz hinterher nicht halbpart verlangen könne , weil sie ihm doch das Ganze versprochen hatte . Da sagte sie immer , es sei alles recht gemacht , und wie es gemacht sei , wäre es recht . Wie der Amtsrichter das Testament vorlas , stand am Schlusse , diese Spende hätte die Mutter wohl überlegt , und die Erben sollten für sie beten anstatt verfluchen und verwünschen . Sie hatte schon gewußt , daß sie Verdruß damit aufhebe . Den Schuller dauerte das schöne Geld , aber das hätte er leichter verschmerzt wie den peinlichen Spott von den Leuten . Er war der Wortführer gewesen gegen den Pfarrer , und er hatte seine Meinung durchgesetzt bei der Gemeinde . Derweil galt sie nichts in seinem eigenen Haus , und der Pfarrer hatte seine Mutter gerade so gut überreden können wie den Linnersteffel . Selbigesmal hatte er gesagt , daß es nicht recht sei , wenn man alte Leute zu solchen Vermächtnissen berede , und jetzt war es bei ihm das nämliche . Der Pfarrer konnte lachen . Was brauchte er sich um die Gemeinde zu kümmern , wenn er das Geld sogar von seinen Widersachern kriegte ? Da muß einer für dumm gelten , wenn er Streit anfängt mit der Geistlichkeit , und hinterher zahlt er selber so viel von der Zeche . Der Schuller versteckte seinen Zorn nicht ; er sagte den Freunden , daß er gegen die Heimlichkeiten nicht ankönne . Er habe öffentlich widerredet nach seiner Pflicht ; aber wenn der Pfarrer von schwachsinnigen Weibern das Geld nehme , was ihm die Männer verweigern , hernach sei gleich ausgestritten . Da könne er sich was darauf einbilden , wenn der Turm auf diese Weis ' zusammengebettelt sei . Und das wäre auch noch eine besondere Kunst , ein altes Leut vor dem Sterben herumzukriegen . Solche Reden wurden weitergetragen , und der Pfarrer hörte sie bald . Daß sie ihn nicht freuten , darf jeder glauben , aber er schimpfte nicht , und auch seine Vertrauten wußten nicht