er auf dem Tisch ein Brieflein , welches , nach den Naturgesetzen zu schließen , vermutlich schon geraume Weile dort gelegen hatte . Von Frau Steinbach . » Sie böser Mensch ! Frau Direktor Wyß braucht vor niemand die Augen niederzuschlagen . Augenblicklich kommen Sie zu mir , damit ich Sie schelte . « Gefaßt , in trotziger Stimmung , gehorchte er der Aufforderung . » Ich wußte gar nicht , daß Sie solch ein unangenehmer Mensch sein können ! « - überfiel sie ihn - » Da ! setzen Sie sich auf die Anklagebank , und lassen Sie sich verhören . Was haben Sie Frau Direktor Wyß vorzuwerfen ? « » Den Ehebruch . « » Was heißt das , in vernünftige Sprache übersetzt ? « » Das heißt in vernünftiger Sprache - eine Übersetzung braucht es nicht - , daß sie die Ehe gebrochen hat . « » Jetzt aber , mein Herr , muß ich ernst und scharf mit Ihnen reden ; denn es geht um die Ehre einer unbescholtenen Frau . Ich rufe Ihre Wahrhaftigkeit an , der ich fest vertraue , und frage Sie auf Ihr Gewissen : Hat zwischen Ihnen und Theuda Neukomm ein Verlöbnis bestanden ? « Heftig wehrte er ab : » Wohin denken Sie ! « » Oder dann wenigstens etwas , was einem Verlöbnis gleichkam , was Sie zu der Annahme berechtigte - ein Liebesgeständnis ? ein bindendes Wort oder Zeichen ? ein Kuß ? was weiß ich ? « Wiederum verwahrte er sich eifrig : » Nein , nein , nein ! Sie sind auf ganz falscher Fährte ; es wurden nur wenige und völlig bedeutungslose Worte gewechselt . Ich saß bei Tische neben ihr , wir taten zusammen ein paar Gänge durch den Garten , dann hat sie mir im Saal ein Lied vorgesungen . Weiter nichts . « » Dann also Briefe ? « » Warum nicht gar ! Dazu war ich viel zu ehrfürchtig , auch zu gewissenhaft ; sie wiederum zu vorsichtig . Frauen vergessen sich ja nicht schriftlich , das wissen Sie wohl . « » Ja , was denn ? Bitte helfen Sie meinem armen Verstande . « Da verwandelte sich plötzlich sein Gesicht zu fremdem , tiefernstem Ausdruck , als ob er ein Gespenst erblickte . » Eine persönliche Zusammenkunft in der fernen Stadt « - bebte seine Stimme . » Verzeihen Sie , daß ich Ihnen rund widerspreche : Ich weiß das Gegenteil von Frau Direktor , und Frau Direktor Wyß lügt nicht . « » Ich ebenfalls nicht ! Wenn ich daher sage : eine persönliche Zusammenkunft , so meine ich natürlich keine körperliche . « Unwillkürlich rückte sie mit dem Stuhle und starrte ihn an . » Keine körperliche ? Sie werden doch hoffentlich nicht etwa - oder wie soll ich das verstehn ? « » Sie verstehen richtig , es handelt sich um eine Zusammenkunft von Seele zu Seele . - Beruhigen Sie sich ; ich bin bei gesundem Verstande und gewahre die äußeren Dinge so scharf wie irgendein anderer . Warum machen Sie so ein ungläubiges Gesicht ? Meinen Sie vielleicht , man sähe aus einem möblierten Hause minder deutlich als aus einem leeren ? Wenn ich daher von einer Erscheinung rede - « » Sie glauben an Erscheinungen ? « - klagte sie . » Wie jedermann , wie zum Beispiel auch Sie . Oder ein Traum , eine Erinnerung , der Nachglanz eines geliebten Antlitzes , das Aufleuchten einer Vision in der Seele eines Künstlers , sind das etwa keine Erscheinungen ? « » Bitte , keine sophistischen Kunststücklein ! sprechen wir ernsthaft . Denn bei einer Erinnerung , bei einer künstlerischen Offenbarung bleibt man sich eben bewußt , daß es sich um ein bloßes Phantasiebild handelt . « » Dessen bleibe ich mir auch bewußt . « » Gottlob , Sie heilen mich ; ich atme auf Sie hatten sich nämlich vorhin so ausgedrückt , daß ich einen Augenblick meinte , Sie wollten ihrer sogenannten Erscheinung bestimmenden Einfluß auf Ihr wirkliches Leben , auf Ihre Handlungen einräumen . « » Das tue ich auch in der Tat . « » Nein , das tun Sie nicht ! « rief sie verbieterisch , » das können Sie nicht tun ! « Er verbeugte sich - » Verzeihen Sie mir , daß ich mir erlaube , es doch zu tun . « » Aber das ist ja Wahnsinn ! « schrie sie auf . Er lächelte : » Was soll Wahnsinn sein , bitte was ? Daß ich innere Erlebnisse so hoch werte wie äußere ? oder vielmehr unendlich höher ? Oder daß ich mich von ihnen bestimmen lasse ? - Und das Gewissen ? und Gott ? Ist es etwa auch Wahnsinn , wenn einer sich von seinem Gewissen oder von seinem Gott in seinen Handlungen beeinflussen läßt ? « Sie stutzte einen Augenblick , betroffen , um Antwort verlegen . Er aber fuhr fort : » Der einzige Unterschied ist der , daß die andern sich mit undeutlichen Erscheinungen begnügen , während ich sie klar sehen muß , wie der Maler Mariens Himmelfahrt . Finger Gottes , Auge Gottes , Stimme der Natur , Wink des Schicksals - was tue ich mit diesem anatomischen Museum ? Ich will immer das ganze Gesicht sehen . « Mutlos seufzte sie : » Im spitzfindigen Denken sind Sie ja natürlich meinem schwachen Weibesgehirn hundertmal überlegen ; auf dieses Gebiet will ich mich indessen gar nicht begeben . Ich kann nur noch bedauern und trauern . « Da legte er die Hand auf ihre Schulter : » Edle Freundin , nicht wahr , Sie haben niemals begriffen , weshalb ich Ihren wohlgemeinten Wink , mir Theuda durch ein bindendes Verlöbnis zu sichern , unbeachtet ließ ? Gestehen Sie , Sie waren und sind der Ansicht , ich hätte mein Lebensglück albernerweise aus gemeiner Ehefeigheit verscherzt . Sehen Sie , Sie nicken . « » Sagen wir Unentschlossenheit « , milderte sie . » Nein , sagen wir Feigheit ; denn Unentschlossenheit ist auch eine Feigheit : Willensfeigheit . Ich aber ertrage es nicht länger , vor Ihrem Urteil in unrichtigem Lichte dazustehen . Ich will Ihnen deshalb meine Gründe mitteilen . Sind Sie bereit zu hören ? « » Ich bin zu allem bereit « , flüsterte sie und senkte den Kopf , » obschon ich Ihnen nicht verhehle , daß mir dieses Thema peinlich ist , und daß ich nicht einsehe , was das Aufrühren veralteter Geschichten nützen soll . Indessen , wenn Sie wollen - « » Nicht , wenn ich will « - verbesserte er - » sondern , wenn ich muß ! « Und mit veränderter Stimme , in gehobenem Tone fing er an : » Nein , nicht aus feiger Unentschlossenheit , nicht aus alberner Torheit habe ich nicht zugegriffen , als leisen Schrittes das heilige Glück mir nahte , mich mit seinen klaren Augen anschauend und mir zuflüsternd : Nimm mich ! , sondern wissend , was ich tat , wertend , was ich von mir wies , nach schwerer , reifer Wahl habe ich mit männlichem Entschluß entschieden . Und nun will ich Ihnen meine Entscheidungsstunde erzählen . « Nach diesen Worten machte er eine Pause , wie um Atem zu schöpfen . Als jedoch die Pause nicht enden wollte , schaute sie auf . Da stand er bebend vor ihr , von inneren Stürmen geschüttelt , die Lippen gewaltsam schließend . » Ich kann es Ihnen doch nicht erzählen « - brachte er mühsam hervor - » es geht zu tief « - und stemmte sich aufs Klavier . Geschwind sprang sie auf , um ihn nötigenfalls zu stützen . Doch er hatte sich bereits wieder aufgerichtet . » Ich habe recht entschieden ! « - rief er - » ich weiß , ich habe recht entschieden ! Und stände ich nochmals vor der Wahl , ich würde nicht anders entscheiden ! « Dann nahm er seinen Hut , verbeugte sich und küßte ihr die Hand . » Ich werde es Ihnen aufschreiben « , sagte er . Tief ergriffen begleitete sie ihn bis zur Haustür . » Gut « , sagte sie , nur um etwas zu reden , und zwang ihre Stimme zu unbefangenem Ton : » Gut , schreiben Sie mirs auf . Sie wissen , daß alles , was Sie bewegt , auch mir nahegeht ; und glauben Sie mir , ob ich Sie schon nicht jederzeit verstand und auch jetzt nicht verstehe , so habe ich doch niemals , auch nur einen Augenblick , an der Lauterkeit und Vornehmheit Ihrer Beweggründe gezweifelt . « » Dank ! treue edle Freundin ! « rief er leidenschaftlich , sie mit beiden Händen stürmisch ergreifend . » Sie heilen mich ; es tut so weh , so unerträglich weh , wenn jemand an der Vornehmheit meines Charakters zweifelt . « » Wer hat das jemals getan ? « rief sie heftig , fast zornig . Er erstaunte . » Jedermann « , antwortete er zaudernd , » das heißt - eigentlich niemand Bestimmtes . « Unterdessen hatte sie sich ihm entwunden und flüchtlings einige Stufen nach oben zurückgezogen . » Und eins noch : nicht wahr , Sie sind nicht ungerecht ? Sie tun ihr nichts zuleide ? « Er lächelte : » Ich tue keinem Menschen etwas zuleide als höchstens mir selber . « Damit verließ er das Haus . » Sind Sie ein gefährlicher , ein unerlaubter Mensch ! « - seufzte sie ihm nach und warf sich erschöpft in den Lehnstuhl , um sich von der Anstrengung zu erholen . Er aber eilte auf sein Zimmer , das Bekenntnis niederzuschreiben , das er ihr mündlich schuldig geblieben . Und siehe da , während ihn sonst das Schreiben wie Krötengift anwiderte , verspürte er jetzt , nachdem ihm durch das Verhör die Erinnerung aufgewühlt worden war , ein gieriges Verlangen , die Entscheidungsstunde seines Lebens einmal leslich festzubannen , damit sein erhabenes Geheimnis auch außer ihm dastände , unabhängig von seinem Gedächtnis , als feste Wahrheit . So schrieb er denn , knirschend zwar und gegen den Zwang der nüchternen Denkgesetze schäumend , aber in einem einzigen Zuge , in fieberhafter Eile : An Frau Martha Steinbach Fluch und Schmach der kahlen Prosa zuvor , denn sie entweiht ! Also , ich erzähle und entweihe : Meine Stunde Ihr Brief mit Theudas Bild war am Morgen angekommen , jener Brief , in welchem Sie mir andeuteten , daß ein klares Wort von mir erwartet werde , daß dem Wort eine holde Antwort gewiß wäre , daß dagegen längeres Zaudern als Verzicht ausgelegt würde . Ich verstand : eine Mahnung , verstärkt durch eine Warnung , und ich begriff : dieser Tag ist ernst ; heute gilt die Entscheidung . Ich betrachtete das Bild ; tausend wonnige Werte schauten mir daraus entgegen ; die Reinheit einer auserlesenen , durch Schönheit , Tugend und Erziehung hervorragenden Jungfrau - die Erinnerung an gemeinsam verlebte Stunden , zwar von nichtigem Ereignisgehalt , doch von ewigem Poesiewerte ( Parusie nenne ich jene Stunden für mich ) - der innige Blick der seelenvollen Augen , die zu mir sprachen : » Dein denkt meine Hoffnung « - die Verheißung einer Unsumme von Seligkeiten jenem , der sie zu erwerben wissen werde . Unter dem Bilde stand in unsichtbarer Schrift zu lesen : » Dies ist der höchste Preis « , und die Worte Ihres Briefes flüsterten : » Der Preis ist dein . « Solange des Tages Unruhe meine Sinne beschäftigte , behielt ich das Bild im verborgenen , nur flüchtig daran naschend , sei es , um in die wundersamen Rätsel der tiefsinnigen Augen zu tauchen , sei es , um die unerschöpflichen Wunder der weiblichen Schönheit zu kosten . So weidete ich im verstohlenen mein Herz an dem lieben Bilde . Am späten Abend jedoch , während ich einsam im dunklen Zimmer saß , stellte ich das Bild vor mich auf den Tisch , andächtig nach ihm schauend , ob ich es schon in der Finsternis nicht sehen konnte . Durch das Schweigen der weiten Wohnung , in welcher sämtliche Türen offenstanden , tönten melodische Laute : das weiche Gurren eines Turteltaubenpaares aus dem nachtschwarzen Speisezimmer und drüben , vom kronleuchtererhellten Saale das träumerische Trillerschwirren eines Kanarienvogels , von jenen , welche beim künstlichen Lichte singen . Da saß ich nun und wog mein Schicksal . Wie zweierlei Odem aus entgegengesetzten Weltgegenden umschauerte es mich ; in der Mitte aber drohte die Frage : » Darfst du ? Sprießt der Größe mit dem Glück ein Vergleich ? « - Traurig vernahm ich die Frage , ahnend , daß die Antwort verneinend ausfallen müsse , sonst hätte ja die Frage nicht verlautet . Mein Herz aber , die Gefahr spürend , begann zu toben : » Deine Größe « - schrie es - » der du mich opfern willst , wo ist sie ? Zeig her , beweise deine Werke ! - Zukunftsgröße ? Ei , wer bürgt dir denn , daß du sie nur erlebst , die Zukunft ? Es gibt Krankheiten , es gibt einen Tod . Oder wähnst du dich etwa den Nöten der Natur enthoben ? Doch gesetzt , du bleibest leben , woher beziehst du es , das Märlein deiner künftigen Größe ? Bitte , sage , woher ? Aus deinem Selbstbewußtsein ? O Jammer ! o Fastnacht ! Nimm mirs nicht übel , laß mich lachen . Nach Zehntausenden zählt man sie , die Jünglinge , die großwichtig von ruhmwürdigen Taten träumen ; mit einem Selbstbewußtsein , so riesig , daß sie zur Weltkugel aufschwellen . Und was wird später aus ihnen ? Schau hin : unnütze Wichte , Nullen , mit Bitterkeit gefüllt und mit Selbstkrieg behaftet . Oder meinst du etwa , dein Selbstbewußtsein wäre von besserem Karat ? Weswegen ? Woher ? Weil es größer ist ? Um so schlimmer , um so gewisser , daß du ein Tropf bist ! Größenwahn , mein Teuerster ! gemeiner germanischer Schulbubengrößenwahn ! Nur , daß die andern , weniger unbescheiden , weniger verbohrt als du , den bübischen Blast mit dem Staatsexamen abzuwerfen pflegen . Viktor , ich sage dir , dein sogenannter Beruf mitsamt deiner eingebildeten künftigen Größe ist eitel Wunsch und Wind ; das köstliche Geschenk dagegen , das dir die Gunst des Schicksals heute anbietet , ist haltbare , weltwirkliche Seligkeit . Lächerlichkeit über dich und Reue , lebenslängliche höllische Reue , lässest du für ein gaukelndes Irrlicht der Eitelkeit dein Liebes- , dein Lebensglück entgleiten . Nicht einmal Mitleid wird man dir zollen , wenn du elendiglich verendest , sondern statt des erhofften Nachruhms wird über deinem Grabe der Gedenkspruch warnen : Hier platzte eine Blase . « Da lernte ich zum ersten Male in meinem Leben den Zweifel . Unsicher erwiderte ich : » Du weißt doch , oh mein Herz , daß ich meinen Beruf , meinen Glauben , mein Selbstbewußtsein nicht aus mir selber beziehe , sondern - « » Sondern von wem ? « - höhnte das Herz - » gelt , du verstummst ? gelt , du schämst dich vor deinem Verstande , deine Torheit mit deutlichen Worten auszusprechen ? Weil du , ob du dirs schon nicht gestehst , in deinem Innersten spürst , daß du einen kindischen Götzendienst züchtest , an Stelle eines anständigen , namhaften , weltschöpferischen Gottes ein wesenloses , selbstgeschaffenes Gespenst anbetend , ein luftiges Spiegelbild deiner eigenen Seele , das du mittels Phantasie-Kunststücklein außer dich setzest , in der albernen Hoffnung , daran über dich selber emporzuklettern wie Münchhausen an seinem Zopf . Nicht einmal den Namen deines Götzen wagst du ja ohne Erröten zu bekennen . Was ist das , deine geheimnisvolle Herrin deines Lebens , die Strenge Frau , der du mit fanatischer Hingebung dienst wie ein Prophet seinem Jehova ? Ich will dir sagen , wer deine Strenge Frau ist ! Jeder Student kennt sie , jeder Pfuscher , jeder Polterabenddichter , jeder Zuckerbäcker : Die Muse ist es , verjährten Angedenkens ; die alte abgeschmackte Allegorientante , die Patin der Leblosigkeit , die Schutzpatronin des Nichtkönnens . Und solch einem verstaubten , von der Landstraße aufgelesenen Lehrbegriff soll ich mich von dir Narren verkaufen lassen ? Wegen dieses Schulstubentrödels wagst dus und willst meine Seligkeit verschachern ? Was schäumst du , was entrüstest du dich ? Daß ich deine Strenge Frau gemeinhin eine Muse nenne ? - Wäre sie nur wenigstens eine Muse ! - Aber sie ist ja nicht einmal das ! Eine Muse lehrt doch einen Gymnasiasten zwei Verse wohl oder übel zusammenleimen . Kannst du das ? Und was kannst du denn sonst , du dreißigjähriger Bube ? Gar nichts kannst du , nicht einmal einen gerechten Satz auf ein Stück Papier schreiben ! Eine Null warst du , eine Null bist du , und eine Null wirst du bleiben ; ungefähr wie die übrigen , nur noch um eine Nummer unbedeutender . Die übrigen aber bescheiden sich , und zum Lohne dafür dürfen sie glücklich sein . Bescheide dich , und du darfst es gleichfalls ! « In dieser Not flüchtete ich zu ihr selber , der Herrin meines Lebens , der Strengen Frau : » Siehe , mein Herz versucht mich schwaches Menschenkind ; mit Reue mich bedrohend , deinen heiligen Ursprung leugnend , dich eine gemeine Muse schmähend . Darum höre : Ich , der dir ohne Murren alle Hündlein meines Herzens dahingegeben , damit du sie erwürgest , ich heische heute , ehe ich dir das letzte , schwerste Opfer bringe , von dir ein Zeichen , daß du kein täuschend Trugbild bist , ein Pfand , daß du Gewalt und Macht hast , tauglich , mich ans Ziel zu geleiten . Gib mir das Pfand , gewähre mir das Zeichen , und ich gehorche . Wo nicht , verlange nicht von einem schwachen Menschenkinde , daß es sein süßes , seliges Glück für ein Geflüster ohne Unterschrift dahintausche . « Die strenge Antwort kam : » Ich gewähre weder Pfand noch Zeichen . Willst du mir dienen , so diene mir blindgläubig bis ans Ende ! « » So vergönne mir wenigstens deutlichen Befehl . Befiehl entsage ! , so entsage ich . Nur befiehl deutlich und erlöse mich vom Zweifel . « Die strenge Antwort kam : » Ich weigere den Befehl . Dein ist der Zweifel , dein ist die Wahl ! denn am Scheideweg des Schicksals richtig wählen , ist die Beglaubigung der Größe ; doch wäg es wohl , denn wählst du falsch , lohnt dir mein Fluch ! « Zur Linken die Reue , zur Rechten der Fluch ! Bekümmert starrte mein Zweifel auf das Zünglein der schlimmen Waage . Da keimte es in den Tiefen meiner bangen Seele , und in die Not der Gegenwart herüber wuchs die Erinnerung an die weihevolle Stunde , da ich zum ersten Male der Strengen Herrin Flüsterhauch vernahm und die inhaltschweren Bilder ihrer überirdischen Sage schaute : die Forderung der kranken Kreatur , als Löwe durch die Felsenkluft dem Erdental entsteigend , das Himmelsvolk erschreckend und den Schöpfer aus den stolzen Hallen seines herrlichen Palastes scheuchend - und was sich alles sonst im Himmelreiche mit dem Löwen außerdem begeben . Diese Stunde schaute ich wieder , und Sehnsucht stärkte meinen Glauben . » Wohlan , es sei ! So nimm denn auch dies letzte , größte Opfer . Ein Bettler , steh ich dann auf Erden ; ist nichts mein eigen als du und deines Odems flüsternde Verheißung . « Ich riefs und lud mit gramerfülltem Mut den Willen zum entsagenden Entschluß . Da tat mein Herz einen letzten verzweifelten Ansprung : » Und sie selber , die auf dich hofft und wartet ? Willst du sie gleichfalls opfern ? Darf , kann das deine Menschlichkeit ? Erlaubt das dein Gewissen ? « Kleinmütig spannte ich den Willen wieder ab . Das Herz aber fuhr eifrig fort : » Was wird sie fühlen ? was muß sie von dir denken ? welch ein Urteil über dich fällen , wenn du sie verschmähst ? Sie wird dich für einen zaudernden Schwächling halten , zugleich für einen albernen Toren , unfähig , ihren Wert zu erkennen . Das muß sie von dir denken ; und also denkend , wird sie dich verachten . « Unerträgliche Vorstellung ! Das Opfer konnt ich leisten , nicht aber die schimpfliche Mißdeutung des Opfers ertragen , nicht ihre Verachtung auf mich laden . Nun wußte ich nicht mehr aus und ein , denn erschöpft versagte mein müder Geist den schlichtenden Gedanken . Da geschah mir die Erscheinung . Sie selbst erschien mir , Theuda , ihre Seele . Ähnlich wie sie mir einst leiblich in der Parusie erschienen war , nur reifer , ernster , mit tiefsinnigen Augen , so wie sie aus dem neuen Bilde blickte . Aus der Finsternis des Speisezimmers trat sie , von dorther , wo die Turteltauben gurrten , blieb auf der Schwelle stehen und sah mich mit traurigen Augen vorwurfsvoll an : » Warum unterschätzest du mich ? « sprach sie . » Ich ! dich unterschätzen « - schrie ich - » oh , wenn du wüßtest ! « » Doch , du unterschätzest mich « - sagte sie . » Indem du mir eine so kleinliche Gesinnung zutraust , ich wäre fähig , als Hindernis zwischen dich und deinen erhabenen Beruf treten zu wollen . Ja , meinst du denn , nur du allein könnest groß fühlen ? Nur du wärest edel genug , um deines Herzens Opfer zu bringen ? Glaubst du , ich spüre nicht ebensogut wie du den Odem deiner Strengen Frau ? ich vermöchte nicht die stolze Auszeichnung zu würdigen , von ihrem auserwählten Hauptmann zum Sinnbild erhöht zu werden ? ich begriffe und fehlte nicht , daß es unendlich ehrenvoller und beglückender ist , deine gläubige Begleiterin auf der kühnen Bergstraße des Ruhmes zu sein , als deine geschäftige Gattin und Kinderfrau ? Komm , laß uns gemeinsam unsere Herzenswünsche zu den Füßen der Strengen Frau niederlegen , einen edleren Bund vor ihrem Antlitz schließend als den gemeinen Geschlechterbund vor dem Altar der Menschen , den Bund der Schönheit mit der Größe ! Ich will dein Glaube , deine Liebe und dein Trost sein , und du sollst mein Stolz und mein Ruhm sein , der mich erbärmliches vergängliches Geschöpf zum Symbol verklärt , in die Unsterblichkeit hinüberrettet . « - So sprach sie , und voll jubelnden Dankes grüßte ich den Adel ihrer Größe . Darauf taten wir wie beschlossen . Wir legten unsere Herzenswünsche zu unsern Füßen nieder , dann nahm ich den Brautkranz von ihrem Haupt , hernach streifte sie den Ring von meinem Finger , und wir legten es zu dem übrigen . Und als wir nun leer und kahl dastanden , wie zwei Bäume , die sich selbst entblättert hatten , ohne einen anderen Schmuck als die Hoheit der Seele , da rief ich : » Herrin meines Lebens , du meine Strenge Frau ; es ist geschehen ! Schau her , das Opfer , das du heischest , ist vollzogen . « Ihr Odem erschien , und vor dem Schauer ihres Schattens sank meine Geliebte auf die Knie und vergrub zagend ihr Gesicht in meinen Händen . » Wohl dir « , begann die Strenge Frau , » o mein getreuer Hauptmann , daß du recht entschieden ; nimm drum zum Lohne meinen Segen . Dies ist mein Segen : Mit Pathos bist du nun geprägt und mit Größe gestempelt ; ausgezeichnet vor allen , die ohne das schwarze Siegel meiner Berufung ihre Tage dahinstümpern . Ich befehle dir ein Selbstgefühl , das dich in Irrtum und Narrheit , in Schimpf und Mißachtung nicht verläßt , und ich verbiete dir , jemals in deinem Leben unglücklich zu sein . Denn nicht du bist es , den du fortan in dir fühlst , sondern mich fühlst du in dir ; also daß , wenn du nicht hochmütig fühlst , du mich beleidigst . - Doch wer ist jene , die an deiner Seite kniet ? « Ich antwortete : » Dies ist meine edle Freundin , deine gläubige Magd , die gleich mir die Wünsche ihres Herzens zum Opfer dir gebracht . Nimm sie an , wie du mich selber angenommen . « » Steh auf « - befahl meiner Freundin die Strenge Frau - » und zeige mir dein Angesicht ! Dein Angesicht ist schön und wahr ; wohlan , ich nehme dich an , nicht als meine Magd , sondern als meine Tochter . Neige dein Haupt , o meine Tochter , damit ich dich taufe ! « Da neigte meine Freundin ihr Haupt , und meine Herrin taufte sie mit dem Namen Imago . » Und nun « , schloß die Strenge Frau , » reicht euch die Hände , damit ich euern Bund segne . « Nachdem wir uns die Hände gereicht , sprach sie den Segen : » Im Namen des Geistes , der da höher ist als die Ordnung der Natur , im Namen der Ewigkeit , die heiliger ist als das vergängliche Gesetz der Menschen , erkläre ich euch hiermit als Braut und Bräutigam verbunden , lebenslänglich , untrennbar , durch Glück und Unglück , mit der Seele in steter Hochzeit beieinander wohnend . Du sollst ihr Ruhm und ihre Herrlichkeit sein , und sie soll deine Wonne und deine Süßigkeit sein . « - Nach diesen Worten verschwand die Strenge Frau , und wir waren wieder zu zweien allein . » Ward dir das Opfer schwer ? « lächelte Imago . Ich jauchzte : » O Krönung meines Lebens , o Verschwendung der Gnade ! « Darauf grüßte Imago den Abschied : » Du bist nun müde , und ich habe einen weiten Weg ; doch morgen kehre ich zurück , denn wir weilen ja nun in ewiger Hochzeit täglich beisammen . « Nach diesen Worten schieden wir in Hoheit und Seligkeit . Aber noch lange blieb ich , dem schweren Nachhall des Ereignisses lauschend , am dunklen Schreibtisch gebannt ; denn wie ein Ozean rauschte es durch meinen Geist , und ein feierlicher Gesang umtönte mich wie nach einem Gottesdienste . Und am folgenden Morgen begann in Wahrheit , wie uns verkündet worden , unser stetes Beisammensein . Eine fliegende Hochzeit , ein jauchzendes Duett , mit vereintem Siegesmunde gesungen . Doch ihre Stimme klang höher als die meinige , so daß ich öfter innehielt , um ihrem Gesang zu lauschen . Wenn ich an ihrer Seite über die Hügel der Erde in das Reich meiner Strengen Frau sprengte , welches reiner ist als das Reich der Wirklichkeit , aber wesenhafter als das Reich der Träume , also daß die Wirklichkeit sich zu ihm verhält wie das Getier zum Menschen , aber der Traum zu ihm sich verhält wie der Geruch zur Blume , und welches sich bis zu den Gefilden der Erinnerungen und Ahnungen erstreckt , da jubelte Imago : » O mein Geliebter , in was für neue , weite Welten führst du mich die Straße ? mein überraschtes Auge nennt sie fremd , doch mein beglücktes Herz begrüßt sie Heimat . « - Und gute Völker , freundlicher als der Menschen Völker , hießen an den Pforten der Täler uns brüderlich willkommen . Wenn ich unter sorgenschwerer Arbeit , während welcher sie bescheiden ihre Gegenwart verhehlte , hin und wieder rastete und seufzend aufschaute , traf mich Imagos andächtiger Blick : » Wie beglückt mich der Stolz « - erwiderte ihr Blick - » mich von einem solchen geliebt zu wissen . « Wenn ich nach redlich erworbenem Ruherecht mit ihr in das Außenleben hinunterstieg , mit ihr scherzend wie mit einer menschlichen Ehefrau , sie mit törichten Kosenamen nennend , ihr beim Essen einen Teller und ein Besteck hinstellend , als säße sie körperlich neben mir , lachte Imago vergnügt : » Was sind wir Kinder ! Wie aber vollbringst du Tiefer das Wunder , daß du mich so fröhlich lachen lässest , wie ich nie zuvor so fröhlich lachen konnte ? « Darüber wurde ich reich und freundlich , so daß die Menschen verwundert zu mir sprachen : » Angenehm ; wie hast du dich lieblich verwandelt . « Wie ein Baum auf freier , sonniger Wiese , der den Wipfel nach allen Seiten entfalten darf und dem die Früchte sämtlich reifen . Und das währte so weiter , eine unendliche Seligkeit , jenseits von Zeit und Raum , bis zu dem Tage , da die Schnauze des Verrates in die goldige Wonne hereinfuhr wie ein Wildschwein durch eine Tapete . Eine gedruckte Verlobungsanzeige mit einem Fremden ; ohne ein Wort der Freundschaft , ohne ein Zeichen der Erinnerung ; nichts als die rohe Tatsache . Das Ganze eine stumme Frechheit ! Verächtlich warf ich den Wisch in den Winkel . Nicht der mindeste Schmerz , bloß Empörung über den Verrat , gemischt mit Trauer über die Offenbarung ungeahnter Kleinheit . Etwa so , wie wenn man berauschenden Herzens ein herrliches Klavierstück spielt und plötzlich läge vor einem an Stelle der Noten eine Kröte . Es ist also menschenmöglich , daß ein weibliches Geschöpf , dem das Schicksal die Gunst anbot , als Liebesgenossin eines Berufenen Ewigkeitsluft zu atmen , vorzieht , mit dem ersten besten Bärtling in den Sumpf der Familie zu waten . Verblüfft staunte ich dem wunderlichen Phänomen der Kleinheit nach , wie einst in der Kinderzeit , als ich einen Krebs betrachtete . » Wie kann man ein Krebs sein ! « hatte ich damals gerufen . Heute rief ich : » Wie kann jemand nicht groß sein ! « Und durch ihren schmählichen Abfall soll jetzt meine schöne Seligkeit elendiglich verwesen ? Plötzlich lachte