seines geliebten Zöglings . An dem Abend des Tages versammelte sich eine auserwählte Gesellschaft in dem alten Palast des Herzogs von Santomara . Die prunkvollen Säle strahlten von Licht , in denen eine Anzahl der schönsten Frauen in reichem Schmuck , Kardinäle und Prälaten , auswärtige Gesandte , Künstler und Dichter durcheinanderwogten und mit Spannung die angekündigte Abendunterhaltung erwarteten . Die damalige aristokratische Gesellschaft war durchaus nicht so abgeschlossen , wie sie es nachher wurde , und besonders ließ es die Herzogin von Santomara sich angelegen sein , Leute , die sich durch Geist und Bildung auszeichneten , Dichter und Künstler , in ihren Kreis hereinzuziehen und der Geselligkeit in ihrem Hause dadurch einen höheren Reiz zu verleihen . Sie war selbst fein gebildet und voll geistiger Interessen , wie zu jener Zeit überhaupt viele römische Frauen der Aristokratie . Prinz Waldemar mit seinen zwei Begleitern war eben erschienen und von Donna Giulia mit besonderer Liebenswürdigkeit , vom Herzog mit kalter Höflichkeit empfangen worden . Erst seit kurzem in Rom , hatte er noch nicht Zeit gehabt , sich näher mit einzelnen Persönlichkeiten der Gesellschaft zu befreunden , und seine noch etwas schüchterne , fein prüfende Zurückhaltung war bis jetzt erst dem lebhaften Entgegenkommen der schönen Herzogin gewichen . Sie war jetzt zu sehr mit dem Empfang ihrer Gäste beschäftigt , um sich ihm besonders zu widmen , und so erging er sich , den Professor im Gespräch mit römischen Gelehrten und Raden in Unterhaltung mit einer schönen Mailänderin , die sehr gut deutsch sprach , zurücklassend , in den weitläufigen Prunkgemächern , in denen einzelne Kunstgegenstände seine Aufmerksamkeit fesselten . So kam er endlich an ein kleineres Zimmer , das ihm bereits als das eigentliche Boudoir oder besondere Lieblingszimmer der Donna Giulia bekannt war und in dem sich weniger Pracht als das Gepräge der feinen Bildung und des künstlerischen Sinnes der Bewohnerin zeigte . Er wollte vorübergehen , da sah er eine schlanke weibliche Gestalt in weißem Kleid , die in dem Dämmerlicht , das eine rosa Ampel , verbreitete , die von der Decke des Zimmers hing und die einzige Beleuchtung dieses auserlesen poetischen Raumes bildete , wie eine Feengestalt seiner Phantasie entstiegen schien . Er erkannte in ihr die junge Improvisatrice , deren holde Erscheinung ihm schon am Abend vorher einen so anmutigen Eindruck gemacht hatte . Ohne zu überlegen , trat er über die Schwelle des Kabinetts und begrüßte sie , indem er fragte , wie es komme , daß sie hier allein verweile . Zugleich bemerkte er , daß das junge Mädchen nicht allein war , sondern daß eine ältere Frau da war , die sich tief vor ihm verneigte . » Dies ist die Signora Amadei , meine einzige lebende Verwandte und Begleiterin , « sagte Rosa und fuhr fort , während die andere sich fortwährend verbeugte und Anstalten machte , das Wort zu nehmen : » Ich bin hier auf den Wunsch der Herzogin , die dachte , es sei mir lieber , hier ruhig zu bleiben , bis die Gesellschaft sich versammelt habe und es möglich sei , Stille und Aufmerksamkeit zu erlangen . « » Würde es Sie dann stören , wenn ich ein wenig hier verweile , da es mir auch lieber ist , wenn sich dort das Gewoge ein wenig beruhigt « sagte der Prinz . » Nein , gewiß nicht , « erwiderte Rosa mit ihrem anmutigen Lächeln ; » es ist ja nichts Vorbereitetes in mir , wenn ich improvisiere , es ist das Resultat augenblicklicher Anregung und bedarf weiter keiner vorhergehenden Sammlung . « » Wollen Hoheit nicht Platz nehmen ? « fiel die Amadei ein , indem sie dem Prinzen einen Armstuhl hinschob . » Kind , du vergissest ganz , mit wem du die hohe Ehre hast , zu reden ! Seine Hoheit der Prinz von Deutschland , wenn ich nicht irre , « setzte sie hinzu , indem sie sich abermals tief verbeugte . » Ach ja , ich wußte nicht - ich sah so viele Menschen gestern abends - ich bitte um Vergebung ... « brachte Rosa verlegen hervor . » O , seien Sie unbesorgt ; ich bin hier ein einfacher Tourist , nichts anderes , und freue mich , wenn ich , aller Etikette ledig , einfach menschlich mit Menschen verkehren kann , « sagte der Prinz lachend . Er hatte neben Rosa Platz genommen und auch die Amadei mit freundlicher Handbewegung eingeladen , sich zu setzen . Er fragte nun mit großem Interesse nach der Art , wie und zu welcher Zeit sie sich ihrer großen Begabung bewußt geworden sei und ob sie viele Studien gemacht habe über Versifikation und die verschiedenen Formen des poetischen Ausdrucks , da das doch unmöglich auch angeboren sein könne . » Mein Vater war ein Deutscher , ein hochgebildeter Mann , den nur äußerste Armut gezwungen hatte , ein kleines , dürftiges Amt in Venedig anzunehmen , wo er sich mit meiner Mutter verheiratet hatte und wo er bereits für die Existenz einer Familie zu sorgen hatte , denn es waren schon zwei Kinder vor mir da , die aber früh starben , « erzählte Rosa . » Ihn freute es so , als ich schon als kleines Mädchen bei jedem Anlaß meinen Ausdruck in gebundener Rede fand , kindisch , unvollkommen , aber doch ein inneres Bedürfnis und eine Begabung verratend . Nun fing er an , mich zu unterrichten und mir das Verständnis für alles zu geben , was meine natürliche Anlage , die sonst immer unvollkommen geblieben wäre , unterstützen und veredeln konnte . Dann starb er , als ich kaum erwachsen war , gleich nach ihm auch die Mutter . Ich blieb mittellos und allein zurück , da kam diese Kusine meiner Mutter ( auf die Amadei zeigend ) und erbot sich mir zur Beschützerin und Begleiterin . « » O ja , ich habe Mutterstelle an der armen Waise vertreten , « fiel ihr die Amadei ins Wort , » und auf den Rat mehrerer hochgestellter Männer in Venedig erfand ich nun , daß sie ihre Existenz auf ihr Talent baue , und das gelingt ja nun auch gottlob recht gut . « Rosa , offenbar unangenehm von dieser Erklärung berührt , sah zur Erde und schwieg ; der Prinz , mit zartem Verständnis , nahm das Wort und führte ein heiteres Gespräch herbei , dem Rosa sich mit Grazie und Verstand anschloß , und so verging eine kleine Weile in freundlichem Verkehr , von beiden Seiten jugendlich unbefangen und harmlos . Unterbrochen wurde das Gespräch durch die Ankunft der Herzogin , die rasch in ihrer strahlenden Schönheit , in reicher geschmackvoller Kleidung wie eine Königin kam , ein friedliches Menschenidyll zu stören . Sie hielt den Ausruf des Erstaunens nicht zurück , als sie den Prinzen erblickte : » Sie hier , Hoheit ! « rief sie . » Ich suchte Sie überall , weil die alte Herzogin von Torla , jetzt die tonangebende Dame der Gesellschaft , durchaus Ihre Bekanntschaft machen will . Ich habe sogar Herrn von Raden ausgeschickt , Sie zu suchen , und nun haben Sie am Ende sich hier privatim improvisieren lassen und uns die erste Frucht der Begeisterung unserer Dichterin vorweg genommen . « Es klang etwas wie Spott und wie Gereiztheit in ihrer Stimme , aber Waldemar sagte ruhig : » Nein , so unbescheiden bin ich nicht ; der Zufall führte mich hierher , und da ich das Fräulein hier fand , leistete ich ihr etwas Gesellschaft . « » Nun , ich komme Sie zu holen , meine Liebe , « versetzte Donna Giulia , indem Sie sich zu Rosa wendete ; » das Publikum ist versammelt und harrt des Augenblicks , Sie zu hören und zu bewundern . Kommen Sie , mein Kind , und möge die Poesie ihre goldnen Flügel entfalten und Sie ins Wunderland führen . « Der Prinz bot ihr den Arm , sie nahm Rosa bei der Hand , und so schritten sie dem großen Saale zu , wo die Gesellschaft Platz genommen hatte , gefolgt von der Amadei , die sich einen Sitz in der Menge suchte . Die Herzogin hatte mit künstlerischem Sinn einen von herrlichen Pflanzen umgebenen Platz für Rosa bereitet , wo sie , in ihrem weißen Kleid , wie eine Lichtfee aus einem Blumenmärchen stand und schon bei ihrem Erscheinen , von Donna Giulia selbst zum Platz geleitet , von einem beifälligen Gemurmel in dem glänzenden Kreis , dem sie sich gegenüber befand , empfangen wurde . Einen Augenblick lang standen die beiden weiblichen Wesen da nebeneinander , während die Herzogin die silberne Schale vom Tisch nahm , um sie dem Publikum mit zu beschreibenden Blättern zu reichen ; es war eine Gruppe , wie sie das schaffende Genie des Künstlers kaum je hat träumen können : die Herzogin , das vollendete Weib , in einer Schönheit , die hinriß zu glühender , sinnbetörender Bewunderung ; die andere das Bild der Jungfrau in reinster Natürlichkeit und unschuldsvoller Anmut , anziehend und fesselnd mit stillem Zauber . Die Aufgaben , die Rosa zu lösen bekam , waren der verschiedensten Art und wurden von ihr , die in glücklichster Stimmung war , so überraschend gut gelöst , daß der Beifall , der ihr gezollt wurde , kein Ende nehmen wollte und sie alsbald zum Mittelpunkt der Gesellschaft machte . Sie wurde mit Einladungen überhäuft , die Amadei kam in Tätigkeit , um Namen und Adressen aufzuschreiben , und die Herzogin sagte lächelnd zu Waldemar : » Nun ist unsere junge Dichterin auf gutem Wege ; morgen wird man von nichts anderem sprechen als von ihrem Talent und sie wird Mode sein . Aber sie ist ein anmutiges Geschöpf und verdient es , finden Sie nicht auch ? « Dabei richtete sie einen jener Blicke aus den wundervollen dunklen Augen auf Waldemar , denen kaum ein Mann zu widerstehen vermochte und der sein Herz in eine ihm neue , stürmische Bewegung brachte . Etwas verwirrt , zum erstenmal der feinen , ihm eigenen Gesellschaftsformen vergessend , sagte er rasch : » Sie ist wie ein freundliches Licht , das man vergißt , wenn die Sonne leuchtet , « und ergriff die Hand der Herzogin , zog sie an seine Lippen und drückte einen feurigen Kuß darauf . » Und diese Sonne möchte nur Ihnen leuchten , immer - Waldemar , « flüsterte Giulia , indem ein bezauberndes Lächeln ihr Antlitz überflog . In dem Augenblick aber nahten verschiedene Personen , die sie zu ihren Pflichten als Wirtin zurückführten und sie ließ den Prinzen in einem Zustand von Aufregung zurück , die ihn selbst überraschte , und gewohnt , wie er es durch Holbergs Erziehung war , sich selbst Rechenschaft von seinen intimen Erlebnissen zu geben , drängte es ihn fort aus der gleichgültigen Menge ; er mußte allein sein , und als er Raden gefunden hatte , eilte er nach Haus . Am anderen Morgen , als der Prinz wie gewöhnlich seinen einsamen Morgenritt machte , kam Raden in das Zimmer des Professors , zu sehen , wie es ihm ging , da er leichten Unwohlseins halber am Abend zuvor nicht mit in der Gesellschaft gewesen war . Er fand ihn gemütlich im Lehnstuhl sitzend , die Brille auf der Nase und einen Haufen Klassiker vor sich auf dem Tisch , von denen er einen in der Hand hielt und darin las . Auf Radens Frage nach seinem Befinden erwiderte er , daß es ihm wieder gut gehe und fügte hinzu : » Ich habe den Abend mit meinen Klassikern verbracht und das hat mir wohlgetan . Ich sage Ihnen , Raden , es ist ein wahrer Genuß , den Horaz hier in Rom zu lesen ; wie anders wirkt dann alles noch so an Ort und Stelle auf demselben Boden , wo diese Gefühle gefühlt , diese Gedanken empfangen wurden . Horaz hat recht : der Mensch als Einzelwesen bleibt immer derselbe , was er empfand , empfinden wir noch , nur die Phasen des Zusammenlebens erfahren die Veränderungen und bilden die Geschichte . Welch ein Abstand zwischen dem römischen Reich und dem heutigen Kirchenstaat ! Beide wollten ein Weltreich gründen und beherrschen , aber jenes realistisch , durch die Macht ungeheurer Kräfte und den Eroberungstrieb angehender Zivilisation , dieser durch eine beschränkte und beschränkende Idee . « » Ja , wahrlich , wenn man den heutigen Kirchenstaat betrachtet , « versetzte Raden , » so kann man nichts mehr von einer großen , weltbewegenden Idee entdecken . Er ist eine Organisation einzig in ihrer Art und darin liegt noch seine Macht . Es hat ja wohl Momente gegeben , wo ein paar gewaltige Persönlichkeiten unter den Päpsten einen Traum von Weltherrschaft träumten , aber jetzt ist das alles ein kleines , meskines Treiben der Politik , wie überall , geworden . Ich habe gerade gestern abend bei der Herzogin wieder von wohlunterrichteten Leuten gehört , wie man hier die Politik betreibt ; liberal tuend und liebäugelnd am Tag mit den Franzosen und der liberalen Partei und am Abend sarkastische Bemerkungen und bitteres Lächeln über dieselben im Kreise seiner reaktionären Verbündeten , der Österreicher . Und auch was die moralische Seite der beiden geschichtlichen Epochen betrifft , bleibt der Vorzug der heidnischen . Die Korruption im römischen Kaiserreich war haarsträubend , aber wenigstens ehrlich und offen , wie etwas zu der Tagesordnung Gehöriges , und die römischen Hetären gaben den griechischen vielleicht nur wenig nach , an deren Spitze eine Aspasia stand , die es wert war , von Perikles geliebt und verteidigt zu werden . Aber die Moral hier unter dem Szepter des Heiligen Vaters , mit dem ganzen Olymp der Kardinäle und Prälaten als Vorbilder , die doch eigentlich halbe Heilige sein sollten , und mit einer das ganze Leben regelnden Kirche - nein , lieber Professor , Sie haben keine Ahnung , was da alles vor sich geht . Und eben nicht offen und wild-natürlich wie im römischen Reich , sondern heuchlerisch bedeckt mit dem verführerischen Schein der Zivilisation und der Schönheit und im Schutze der alleinseligmachenden Kirche . Alle diese glänzenden , hinreißend verführerisch schönen Frauen haben ihren Amante , oft auch nur nach materiellen Vorzügen , erwählt , neben sich , und manche beschränken sich nicht auf den einen . Man hat mir eben gestern wieder Geschichten erzählt , vor denen denn doch unsere deutsche Sitte erschreckt zurückfährt . Unter dem entsetzlich reaktionären Pontifikat Leos XII. , des verstorbenen Papstes , der am liebsten alles in die Nacht des Mittelalters zurückgeführt hätte , was blieb der lebensfrohen Gesellschaft anderes übrig , als sich in eitlen Festen zu vergnügen ? Ausgeschlossen von dem geistigen Weltverkehr , Journale verboten , Rom aufs neue die Stadt der Pilgerscharen zu kirchlichen Festen , weniger von Fremden besucht , hatte in der Gesellschaft das Vergnügen den Herrschersitz eingenommen . Jetzt , gottlob , nach dem Tode dieses della Genga , ein sonderbarer Typus übrigens , mischen sich wieder neue Elemente in dies äußerlich so glänzende , innerlich so verfaulte Bereich aller Schönheit , alles Luxus , aller Verderbtheit , und man darf hoffen , daß edlere Keime auch wieder neue edlere Blüten tragen werden . Was mich aber ungeheuer freut , das ist , daß unsere Herzogin von Santomara , diese Schönste der Schönen , ganz rein und unbefleckt in all der sie umgebenden , zum Teil sehr verdorbenen Gesellschaft dasteht . Ich habe es einstimmig von den verschiedenen Seiten versichern hören . Zwar fügt man hinzu , daß Don Camillo auch so eifersüchtig sei , daß er wie ein wahrer Cerberus den Weg zu ihr bewache und im gegebenen Falle vor keinem Mittel beleidigter Ehemänner zurückschrecken würde , aber man gesteht auch , daß Donna Giulia ihm bis jetzt nicht den geringsten Anlaß zum Verdacht gegeben hat , obgleich sich alle wundern , daß sie den hochmütigen , so viel älteren , anmaßend stolzen Gatten sollte lieben können . Sicher ist aber , daß sie bis jetzt noch keinen Amante hat . « Raden hielt einen Augenblick inne , dann fuhr er zögernd fort : » Doch scheint es fast , als ob von ihrer Seite eine Gefahr der Art drohe , denn , denken Sie nur , gestern abend sagte mir einer der hervorragendsten unter den vornehmen jungen Leuten hier , dem sich wohl alle Schönen huldvoll neigen würden - Ihr Prinz , sagte er , hat schon viele Neider ; wir alle sind eifersüchtig auf ihn , denn er , ein Fremder , ein Ausländer , wird von der Herzogin von Santomara so ausgezeichnet , wie es noch niemandem widerfahren ist . Nun habe ich allerdings auch gestern abend bemerkt , daß sie , mit aller Natürlichkeit der südlichen Naturen , ihr Wohlgefallen an unserem Waldemar unverhohlen zeigt ; ich beobachtete sie , als sie mit ihm in ein längeres Zwiegespräch vertieft war ; nie habe ich ein solches Liebeswerben so wunderbarer Augen gesehen . « Der Professor hatte bei der letzten Wendung der Rede Radens die Brille abgenommen , seinen Horaz auf den Tisch gelegt und starrte nun mit besorgter Miene in Radens Gesicht , ferneren Bericht erwartend . » Nun , bis jetzt scheint mir der Prinz nur überrascht und geblendet und das ist wahrlich kein Wunder ; ein alter Praktikus wie ich verlöre da die Besinnung und nun gar ein solcher idealistischer Neuling . Aber was mich sehr freut und beruhigt , ist , daß Waldemar , als echter deutscher Jüngling , sich fast mehr von der zarten jungfräulichen Improvisatrice angezogen fühlt . Ich sah ihn mehrere Male gestern abend auf sie zugehen und lange und freundlich mit ihr plaudern . Sie ist aber auch ein reizendes Geschöpf , so fein , so bescheiden und so voller Poesie ; ein schönes Gemisch von italienisch und deutsch , wie sie es ja auch ihrer Geburt nach ist , und wenn der Prinz sie öfter sieht , so bin ich überzeugt , wird dieser liebliche Abendstern jener Glanzsonne das Gleichgewicht halten . « » Na , Raden , Sie sind ein Beobachter wie wenige , « versetzte der Professor mit einem Seufzer der Erleichterung , » und es ist mir eine Beruhigung , Sie in dem geselligen Treiben in seiner Nähe zu wissen ; denn da hört meine Tätigkeit auf . Ich war auch einmal jung , lebte aber da in so bescheidenen Verhältnissen , daß das , was ich von Gesellschaft sah , etwas ganz anderes war und nicht zu vergleichen ist mit dem glanzvollen Leben hier . Und selbst als ich daheim meinen Platz an der Universität errungen und dann , durch das Vertrauen der Fürstin-Mutter , zum Lehrer dieses ihres Lieblingssohnes gewählt wurde , blieb ich dem eigentlichen Hof- und Gesellschaftsleben fern . Ich verstehe mich nicht auf diese Ansprache und wünsche nur das eine , daß keine unnütze leidenschaftliche Erregung das schöne Resultat wissenschaftlicher und künstlerischer Bildung störe , das ich von dieser Reise für ihn erhoffte . « Die Herzogin von Santomara hatte recht gehabt : Rosa , die Improvisatrice , war geradezu Mode geworden . Diese vergnügungssüchtige römische Gesellschaft von damals , die aber doch den Reiz von Bildung und Poesie zu schätzen wußte , wenn er dem Vergnügen zu Hilfe kam , war wie bezaubert durch die seltene Gabe des jungen Mädchens , die durch die Grundlage einer sorgfältigen Erziehung und die Anmut der Erscheinung noch unterstützt wurde . Es gab keine Vereinigung , zu der sie nicht eingeladen worden wäre , die geselligen Abende der Arkadia waren gar nicht mehr denkbar ohne eine Improvisation von ihr , und die sonderbare Protektion , deren der geistvolle Kardinal Palombi sie würdigte , bannte auch den ganzen Kreis der vornehmen Prälaten , die einen Hauptteil der Gesellschaft bildeten , in ihren Zauberkreis . Eine minder edle und reine Natur wie die ihre würde unausbleiblich der Eitelkeit und der Koketterie anheimgefallen sein , denn es fehlte auch nicht an bloß persönlichen Huldigungen , die ihrem Liebreiz zuteil wurden , aber sie schwebte , beinahe wie in einer höheren Atmosphäre lebend , über dem allen . Und es war auch so , es war ein unbekanntes Etwas über sie gekommen , das sie sich selbst nicht erklären konnte , das sie aber mit Glück erfüllte und in ihrer Poesie ausströmte . Sie hatte niemanden , der ihr nahestand , dem sie die tiefsten Erregungen ihrer Seele hätte mitteilen können , denn die Amadei war ihr innerlich völlig fremd , ja sie litt oft unter der Vulgarität dieser Natur , aber sie mußte sie dulden , denn sie konnte nach italienischer Sitte bei ihrer Jugend nicht allein bleiben und sie überließ ihr die Besorgung ihrer materiellen Verhältnisse , der nicht unbedeutenden Einnahmen , die ihr mit ihrem wachsenden Ruhme reichlich zuflossen , die sie beinahe wie etwas Unedles , Beschämendes bedrückten , von der Amadei aber mit Eifer empfangen und verwaltet wurden . Durch die Erziehung ihres Vaters war sie an einsames Studium gewöhnt und ihr wissensdurstiger Geist trieb sie fortwährend , für sich zu arbeiten und ihre Bildung zu vervollständigen , somit auch , durch das immer vielseitiger werdende Wissen ihren Improvisationen reicheren Inhalt zu sichern . Aber nach liebevoller Teilnahme und natürlichem Verständnis des Gefühlslebens hatte sie oft tiefe Sehnsucht und es war ganz erklärlich , daß sich nach und nach ein herzliches Verhältnis zwischen ihr und einer Frau bildete , die nicht in ihren Lebenskreis gehörte , aber jenen Instinkt des Herzens besaß , der so oft in den einfachsten Naturen reichlich ersetzt , was höhere Lebensstellung und äußere Vorzüge ihnen versagten . Es war dies jene Vittoria , der wir zu Anfang dieser Erzählung begegneten , eine einfache Frau aus dem Volke , die einen Gemüse- und Fruchtladen unten in demselben Haus , in dem Rosa wohnte , besaß , dem sie allein vorstand , da sie Witwe und kinderlos war . Ihr Laden war , wie sie noch heute häufig sind und damals allgemein waren , ein nach der Straße zu offener kellerartiger Raum , an dessen Eingang die Umrahmung durch das geschmackvolle , fast künstlerische Aufhängen von Gemüsen , Früchten usw. einen überaus anmutigen Straßenschmuck bildet . Rosa kaufte die kleinen Bedürfnisse ihres Haushaltes bei der Witwe unten und diese ließ es sich nicht nehmen , die holde Dichterin mit schönen Blumen zu erfreuen . Sie hatte auch mehrmals Rosa kleine Dienstleistungen und Gefälligkeiten erwiesen und diese hatte Gelegenheit gehabt , den ehrenwerten Charakter der Witwe und ihr allem Schönen zugängliches Gemüt kennenzulernen , so daß sich nach und nach ein beinahe freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen gebildet hatte , das der Amadei oft Anlaß zu spöttischen Bemerkungen gab . Aber Rosa , mutterlos und ohne ein Herz , an das sie sich vertrauend hätte legen können , fand in der einfachen Frau aus dem Volke ein so herzliches Verstehen , wie es oft in den reinen , nicht durch Fremdenverkehr verdorbenen Naturen des italienischen Volkes vorkommt , und so wie schon ihr Äußeres , ihr echt römischer ernster , schöner Typus , sie zur sympathischen Erscheinung machte , so war sie auch gerade für Rosa doppelt anziehend durch das lebendige spontane Empfinden für Poesie , was bei dem Volk in Italien nicht selten ist . Sie hatte mehrere Male Gelegenheit gehabt durch Rosas Vermittlung , diese improvisieren zu hören und empfand eine Begeisterung für das junge Mädchen , die sie zu jedem Opfer bereit gemacht hätte . Mit Stolz sah sie , wie Rosa geehrt und gefeiert wurde und nichts schien ihr zu gut für das vergötterte Wesen . Aber ihre größte Seligkeit bestand darin , daß Rosa ihr erlaubte , ein Abendstündchen bei ihr zuzubringen , wenn sie zu Hause geblieben war , während die Amadei , immer gierig nach Zerstreuungen und Vergnügen haschend , allein in irgendein vulgäres Theater oder zu ähnlicher Unterhaltung gegangen war , und Rosa fühlte sich tausendmal wohler in der Gesellschaft dieser einfachen , edlen Natur , die sie mit der hingebenden Liebe und Sorge einer Mutter umgab , als bei dem nur seichten , oberflächlichen Dingen zugewendeten Geplauder ihrer Begleiterin . So saßen sie auch eines Abends in Abwesenheit der Amadei zusammen und Viktoria half der Dichterin an einem Kleide nähen , das diese , an Sparsamkeit gewöhnt und sie bedürfend , sich selbst verfertigte . Die Rede kam auf die Herzogin von Santomara und ihre wunderbare Schönheit . » Ja , und dabei ist sie auch so liebenswürdig und klug , « sagte Rosa voll inniger Bewunderung . » Und gut , wirklich sehr gut , « fügte Vittoria hinzu . » Ich weiß so viel von all dem Guten , das sie in der Stille tut , denn der Herzog ist kein freigebiger Mann und weist die Armut von der Tür ; aber sie gibt gern und viel . Ich weiß das alles , weil mein Bruder Beppo amore macht mit der Marietta , der Kammerjungfer der Herzogin . Die erzählt ihm alles aus dem Haus , und er kommt dann , es mir zu erzählen . « » Ach , liebe Vittoria , sag doch nicht dies häßliche far amore , « sagte Rosa , » ich kann den Ausdruck in unserer sonst so poesiereichen Sprache nicht leiden . Far amore - es ist gerade , als ob man mit dem heiligsten der Gefühle Handel triebe , als ob die Liebe ein Produkt des Willens sei , das man beliebig hervorbringen und wieder abtun könne , während sie doch - so denk ich es mir , - die schönste , unmittelbarste Gabe des Himmels ist , ein Etwas aus unbekannten Regionen , das plötzlich bei einem bestimmten Gegenstand erwacht und unser Herz zu einem Tempel macht , den ein Bild in reiner Andacht ausfüllt . « » Ja , so denken Sie , meine Signorina , « versetzte Vittoria , indem sie voll Rührung auf das Mädchen sah ; » bei Ihnen ist alles anders , rein und schön , aber so im gewöhnlichen , bei unseren Burschen und Mädchen , da ist es fast wie ein Geschäft ; im gegebenen Alter muß amore gemacht werden und wie es sich denn gerade trifft , so macht sich ' s , mit dem einen oder der einen , und ist die Sache nicht dauerhaft gewesen , wie meistenteils , so bricht man ab und fängt mit anderen an . Das hindert nicht , daß man sich deshalb unglücklich macht , sich Coltellaten gibt , sich umbringt und aus Kummer stirbt , wenn der eine oder andere untreu wird , denn es kommen ja auch tiefere Gefühle vor , die einen ernsteren Charakter haben ; aber im ganzen ist es ein auf die untergeordneten natürlichen Triebe gegründetes willkürliches Verfahren , und daher mag denn auch der Ausdruck gekommen sein . « » Es kann sein , daß du recht hast , Vittoria , « versetzte Rosa nachdenklich . » Was sagt denn aber die Marietta von der Herzogin ? Mir scheint , daß eine so ausgezeichnete , schöne , liebenswürdige Frau den älteren , stolzen , immer kalt und spöttisch aussehenden Mann nicht lieben könne . « » Ach nein , das tut sie auch gewiß nicht , « erwiderte Vittoria ; » ganz jung ist sie so verheiratet worden , ohne zu wissen , was es sei , und bisher hat sie so gelebt in Reichtum und Glanz , bewundert und gefeiert , aber geliebt hat sie wohl noch nicht ; jetzt aber ... « Vittoria hielt inne . » Was denn jetzt , gute Vittoria ? « fragte Rosa rasch ; » sag mir doch alles , ich liebe die Herzogin sehr und möchte , daß sie glücklich wäre . « » Nun , die Marietta meint , ihr schiene , ihre Herrin habe eine heftige Neigung für den fremden jungen Prinzen gefaßt , der so viel in den Palazzo kommt ; aber das kann auch nur dummes Geschwätz von der Marietta sein ; solche Mädchen , die immer um die Herrin sind , sind neugierig , passen auf alles auf , wissen oft mehr , als die Dame ahnt , irren sich dann aber auch oft , weil sie die Dinge sich nach sich selbst auslegen und die Marietta ist leichtsinnig ; und was sie selbst tun würde , traut sie auch den anderen zu . « Rosa erwiderte nichts , sie war betroffen und fühlte ein unerklärtes Weh , das sie für den Augenblick stumm machte und in sich selbst blicken ließ , um die Ursache davon zu suchen . Auch wurde die Unterhaltung abgebrochen , denn die Amadei kam zurück und Vittoria verschwand augenblicklich . An demselben Abend befand sich im Palast Santomara nur ein kleiner Kreis meist älterer Herren , unter denen der Kardinal Palombi und mehrere andere Prälaten , aber auch Prinz Waldemar mit seinen zwei Begleitern zugegen waren . Das Gespräch hatte einen beinahe politischen Charakter bekommen , indem einige der geistlichen Herren sehr günstig für Österreich , die anderen aber , besonders Kardinal Palombi , durchaus französisch liberal gestimmt waren . Es waren dies die zwei Strömungen , die die damalige römische Gesellschaft teilten . Der Wiener Kongreß 1815 hatte den von der Napoleonischen Zeit her überwiegenden französischen Einfluß gebrochen und Italien wieder dem finsteren Druck österreichischer Jesuitenherrschaft anheimgegeben . Dann , unter Papst Pius VII. , hatte der edle Kardinal Consalvi eine Reihe kultureller Reformen angefangen , die aber abgeschnitten wurden durch die Wahl des Kardinals della Genga zum Papst unter dem Namen Leo XII. Er war von dem strengen Geiste des mittelalterlichen Papsttums erfüllt und hätte am liebsten den Kirchenstaat ein paar Jahrhunderte zurückgeführt und für immer jedem Licht der Aufklärung , des freien Gedankens , der fördernden Wissenschaft verschlossen . Sein Pontifikat dauerte zum Glück nur fünf Jahre , doch schon zu lange für den Zustand des römischen Staates , in dem nun geheim die ewig treibenden Kräfte