gar , gar nichts anderes mit ? « » Schwärmereien ! « antwortete er überlegen . » Das sind nun die Folgen meiner Schwäche , deine Lektüre nicht strenger zu überwachen . Die Gestalten aus Tausend und eine Nacht und anderen Büchern spuken in dir ; du bist noch ein Kind ; ich aber bin ein Mann ; ich darf nicht schwärmen wie du , denn ich habe ernste Pflichten zu erfüllen . Denke an meine Wette mit Reverend Burton in London , im Laufe des ersten Jahres fünfzig erwachsene Chinesen zu bekehren und ihm die Beweise darüber vorzulegen ! « » Was diese Wette betrifft , Vater , so wünschte ich , du wärst sie nicht eingegangen . Ich habe das Gefühl , daß es eine Entheiligung ist , die Seligkeit Anderer zum Gegenstande einer Wette zu machen . « » Nicht über diese Seligkeit , sondern über meinen Erfolg haben wir gewettet , Kind ! Und ich werde gewinnen , weil mir die Gabe der überzeugenden Rede verliehen ist . Ich begreife nicht , wie ein Mensch einen anderen Glauben haben kann als den meinigen , welcher doch der einzig richtige , der einzig wahre ist . Schau dir da den Eselsjungen an ! Sein Allah ist ein falscher Gott und sein Muhammed ein Lügner . So viele Türme da unten ragen , in so viele Moscheen möchte ich treten , um laut auszurufen , daß es kein anderes Heil als das unsere gibt . Warum werden so wenig Heiden bekehrt ? Weil uns der Mut fehlt . Ich werde in China keinen Tempel betreten , ohne mich offen hinzustellen und den Ungläubigen zu sagen , daß sie Heiden sind , denen die ewige Verdammnis sicher ist , wenn sie sich nicht bekehren . Ich werde - - - doch , sieh hin ! Was tut dieser Mensch ? « Er hatte sich mitten in der Rede unterbrochen und zeigte auf Sejjid Omar , welcher jetzt Etwas tat , was die Aufmerksamkeit des Amerikaners auf sich zog , weil er es noch nie gesehen hatte . Der Eseltreiber schickte sich nämlich an , sein muhammedanisches Gebet zu verrichten . Es war zwar jetzt nicht eigentlich Betenszeit , denn das Asr war schon vorüber , und das Moghreb soll erst beim Untergang der Sonne gebetet werden ; da aber die Zeit des einen Gebetes bis zum Beginn des nächsten reicht , so kann man die vorgeschriebene Pflicht , wenn man an ihrer Erfüllung verhindert wurde , bis zum Anfang der nächsten Periode nachholen . Sejjid Omar hatte aus irgend einem Grunde das Asr nicht beten können , und da sich ihm hier oben die Gelegenheit bot , seinen religiösen Verpflichtungen völlig ungestört nachzukommen , so tat er dies , ohne sich um den Glauben und die Meinung der Anwesenden zu kümmern . Er nahm seinen Zeuggürtel ab , faltete ihn auseinander und breitete ihn als Gebetsteppich auf die Erde aus . Nachdem er sich gegen Osten , mit dem Gesicht nach Mekka , gerichtet hatte , hob er die offenen Hände zu beiden Seiten des Gesichts empor , berührte mit den Spitzen der Daumen die Ohrläppchen und sagte : » Allahu akbar - Gott ist sehr groß ! « Dieser Ruf war es , welcher die Aufmerksamkeit des Amerikaners auf ihn gelenkt hatte . Hierauf ließ er die Hände sinken , legte die linke in die rechte , richtete den Blick auf die Stelle des Teppichs , wo sein Kopf beim späteren Niederwerfen ihn berühren sollte und fuhr fort : » Lob und Preis sei Gott , dem Weltenherrn , dem Allerbarmer , der da herrscht am Tage des Gerichts . Dir wollen wir dienen , und zu dir wollen wir flehen , auf daß du uns führest den rechten Weg , den Weg derer , die deiner Gnade sich erfreuen , nicht aber den derer , über welche du zürnest , und nicht den Weg der Irrenden . « Das war die heilige Fatcha , das erste Kapitel des Korans , welches jedem Gebete vorauszugehen hat . Dann folgte das kurze 112 . Kapitel , welches lautet : » Sprich : Gott ist der einzige und ewige Gott . Er zeugt nicht und ist nicht erzeugt , und kein Wesen ist ihm gleich ! « Hierauf legte er die Hände auf die Kniee , neigte den Kopf , verbeugte sich dreimal und sagte : » Allahu akbar ! Ich preise die Vollkommenheit meines Herrn , des Großen . Gott erhöre den , der zu ihm betete . Preis sei dir , o Herr ! « Nachdem er Kopf und Körper wieder aufgerichtet hatte , kniete er langsam nieder , legte seine Hände vor den Knieen auf den Boden und berührte mit Nase und Stirn die zwischen den Händen liegende Stelle . Dann hob er den Körper wieder empor , wobei aber die Knie sich nicht vom Boden trennten , sank rückwärts auf die Fersen und legte die Hände auf die Schenkel . Während dieser streng und genau vorgeschriebenen Bewegungen betete er : » Allahu akbar ! Ich preise die Vollkommenheiten meines Herrn , welcher der Allerhöchste ist . Gott ist sehr groß . « Nun erhob er sich ganz , um stehend fortzufahren , kam aber nicht dazu , denn der Amerikaner sprang jetzt auf und zu ihm hin , zog ihn beim Arme vom Teppich zurück und rief dem Dolmetscher fragend zu : » Dieser Mensch betet wohl ? « » Ja , « antwortete der Gefragte . » Muhammedanisch ? « » Ja . « » Sagen Sie ihm , daß ich das nicht dulde ! Sagen Sie ihm , daß ich ein Christ bin , ein Missionar , welcher zu den Heiden geht , um sie zu bekehren . Ich kann und darf nicht dulden , daß in meiner Gegenwart anders als christlich gebetet wird . Er hat sofort aufzuhören , sofort ! « Es gilt bei den Muhammedanern schon für eine Sünde , an einem Betenden nahe vorüber zu gehen . Ihn mit Worten zu unterbrechen , ist gar nicht denkbar . Ihn aber in der Weise zu stören , wie der Yankee es tat , das würde man nur einem Wahnsinnigen oder einem Todfeinde zutrauen , welcher eine Beleidigung plant , die nur mit Blut abzuwischen ist . Dabei ist es ganz gleich , wes Standes der Betende ist . Beim Besuche der Moschee und auch während der Gebete außerhalb derselben wird der niedrigste dem höchsten und umgekehrt dieser jenem vollständig gleich geachtet . Sejjid Omar war zunächst starr vor Erstaunen , doch seine Augen blitzten . Dann fragte er den Dolmetscher , was der Fremde ihm gesagt habe . Der Levantiner berichtete es ihm mit hämischer Genauigkeit . Da hob Omar die Arme , um den Beleidiger anzufassen , beherrschte sich aber schnell , ließ sie wieder sinken , trat einen Schritt zurück , maß den Amerikaner mit einem unaussprechlichen , halb verächtlichen , halb mitleidigen Blick , warf die Hand leer in die Luft , was ein Zeichen der größten Geringschätzung ist , und richtete an den Dolmetscher die Worte : » Ich wollte ihn hier vom Felsen hinunterwerfen , und sein Widerstand wäre gegen die Kraft meiner Arme nichts gewesen ; aber ich bin Sejjid Omar und will mich nicht durch die Berührung mit einem so großen Schmutz besudeln . Jeder Heide hat mehr Verstand als dieser Nasrani3 ; sage ihm das . Wehe Jedem , der zu dem Glauben und zu den Sitten eines so rücksichtslosen Verächters und Störers des Gebetes übertritt ! Ich habe nichts mehr mit ihm zu schaffen . Das Geld für meinen Esel schenke ich ihm . Ich mag es nicht berühren ! « Er hob den Teppichgürtel auf , schwang sich auf sein Grautier und ritt im Trabe davon , indem er den Gürtel in vielsagender Weise hinter sich her ausschüttelte . Dem Levantiner war es ein Vergnügen , die Worte Omars in einer Weise zu übersetzen , welche an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ . Als die Tochter , welche von ihrem Platze aufgestanden war , das hörte , rief sie dem Vater vorwurfsvoll zu : » Was hast du getan ! Ich wollte dich zurückhalten ; du warst mir aber zu schnell . Dieser Araber gefiel mir so sehr ! Er war so ernst , so still und so bescheiden . Sein Gebet rührte mich . Hieltest du dich wirklich für verpflichtet , es zu unterbrechen ? « » Natürlich ! « antwortete er . » Du sollst keine andern Götter haben neben mir , gebietet die heilige Schrift . Elias hat die Pfaffen Baals geschlachtet . Sein Eifer soll ein Vorbild sein für jeden , der als Glaubensbote zu den Heiden geht ! « » Meinst du nicht , daß unser Gott und Allah ganz derselbe sei ? « » Wer einen anderen Glauben hat , hat auch einen andern Gott ! Und andere Götter zu haben , ist verboten ; das hast du ja gehört ! « » Aber die Liebe , von welcher ihr predigen sollt , macht es euch doch - - - « » Sei still mit dieser Liebe , von der du nichts verstehst ! « unterbrach er sie schnarrend . » Erst glaube ich ; dann liebe ich . Wir haben hinaus in alle Welt zu gehen und alle Völker zu belehren . Von dem Worte aber , welches wir verkünden , sagt die Bibel , daß es ein Hammer sei , der Felsen zerschmettert . Nur dadurch , daß wir diese Macht des Wortes zeigen , können wir den Heiden imponieren . Und dann , wenn sie die Unseren geworden sind , werden wir ihnen unsere Liebe schenken . Wir haben endlich eingesehen , wie weit man mit der Liebe allein kommt . Es ist erwiesen , daß in neuerer Zeit der Islam mehr Fortschritte macht als das Christentum . Das Heidentum wird dem gehören , der es zum Gehorsam zwingt ! « Das klang so entschieden und so hart , daß sie es vorzog , still zu sein . Sie setzte sich wieder nieder , schien sich aber vergeblich zu bemühen , die frühere Stimmung zurückzurufen . Das , was sie vorher begeistert hatte , war ihr gleichgültig geworden , und da der Vater sich übel gelaunt und wortkarg zeigte , so bat sie ihn schließlich , aufzubrechen . » Sehr gern ! « stimmte er ihr bei . » Es ist eine drückende Hitze hier oben , und wie du es neben der qualmenden Zigarre dieses ungebildeten , rücksichtslosen Menschen aushalten konntest , habe ich mir nicht erklären können . « » Es ist freilich nichts so widerwärtig wie der Tabaksgeruch ; für ihn aber scheint es ein Genuß zu sein ; ich habe nicht darauf geachtet . « Dieser Ausdruck der Herzensgüte und Selbstüberwindung ließ es mich bereuen , daß ich mich nicht so verhalten hatte , wie ich nun wünschte , es getan zu haben . Später fand ich eine erfreuliche Veranlassung , mich an diese ihre jetzigen Worte lebhaft zu erinnern . Sie ritten fort , wie sie gekommen waren : ohne mir irgend eine Beachtung zu schenken . Der Levantiner mußte laufen , da nun nur noch die beiden Esel da waren , die er besorgt hatte . Es tat mir um der Dame willen leid , daß sie nicht länger blieben , denn die Sonne stand bereits dem Horizonte nahe , und ich hätte den Anblick ihres heutigen Unterganges dem lieben , freundlichen Wesen herzlich gern gegönnt . Ich war seinetwegen hierher gekommen , hatte mich auf ihn gefreut und machte aber dann , als er eintrat , die Bemerkung , daß ich heut nicht fähig sei , ihn so , wie früher stets , auf mich wirken zu lassen . Die häßliche Szene , deren Zuschauer ich gewesen war , hatte mein Inneres auch überschattet . Das Vorgefallene machte es mir unmöglich , mich dem Eindrucke des herrlichen Naturschauspieles frei und gänzlich hinzugeben . Der Amerikaner hatte einige Aeußerungen getan , welche geistig unterzubringen oder zu überwinden ich mir erfolglos Mühe gab . So oft ich mich hier auf dieser Höhe befand , sah ich zwei Welten vor mir liegen , die aber in ihrem Zusammenhange doch nur eine einzige waren , und ebenso sah ich zwei Zeiten , welche durch Jahrtausende getrennt zu sein scheinen , im jetzigen Augenblicke zu einer wunderbaren , ergreifenden Vereinigung zusammenfließen . Die Gegenwart ist unsere Vergangenheit gewesen und wird auch unsere Zukunft sein . Wer das begreift , der hat nicht nötig , das Innere der Pyramiden zu durchforschen , und braucht auch nicht vor den Rätseln der Sphinx zu bangen , deren Lösung er klar und deutlich in seinem Herzen trägt . Die Menschheit gleicht der Zeit . Beide schreiten unaufhaltsam vorwärts , und wie keiner einzelnen Stunde ein besonderer Vorzug gegeben worden ist , so kann auch kein Mensch , kein Stand , kein Volk sich rühmen , von Gott mit irgend einer speziellen Auszeichnung begnadet worden zu sein . Eine hervorragende Periode ist nur das Produkt vorangegangener Zeiten , und es gibt in der Entwicklung des Menschengeschlechtes keine Geistesrichtung oder Geistestat , welche aus sich selbst heraus entstanden wäre und der Vergangenheit nicht Dank zu zollen hätte . Die Weltgeschichte , welche wir ja das Weltgericht nennen , hat bisher noch jedes Kapitel der Selbstüberhebung mit einem bestrafenden Schluß versehen und diesen Akt der Gerechtigkeit zur Warnung für spätere Generationen in der ernsten , eindringlichen Sprache der Ruinen aufbewahrt . Und diese sprechenden , ja predigenden Ruinen haben uns die Lehre zu erteilen , daß , was im Oriente für uns gestorben ist , im Abendlande für ihn wieder auferstehen soll . Das war ganz derselbe Gedanke , dem die Tochter des Amerikaners nur einen andern Ausdruck gegeben hatte , als sie von dem schlafenden Prinzen sprach , welchen eine abendländische Jungfrau aufzuwecken habe . Und wie einverstanden war ich mit ihrer Frage : » Was bringe ich mit ? « Wollen wir ehrlich sein , so müssen wir zugestehen : Wer nach dem Morgenlande kommt , der will ihm nicht etwa dankbar sein , sondern noch mehr , immer mehr von ihm haben , als er schon von ihm bekommen hat . Der Osten hat gegeben , so lange und so viel er geben konnte . Wir haben uns an ihm bereichert fort und fort ; er ist der Vater , der für und an uns arm geworden ist . Denken wir doch endlich nun an unsere Pflicht ! Wir ahnen gar nicht , welche geistigen Summen wir ihm schuldig sind . Wir werden sie ihm , und zwar mit Zinsen , zurückzahlen müssen , gleichviel , ob wir wollen oder nicht . Die Vorsehung ist gerecht . Sie gibt Kredit , doch nicht für ungezählte Generationen oder gar für Ewigkeiten , und wird weder die Backschischgaben zudringlicher Touristenströme noch die Kurspapiere europäischer Geldgeschäfte , am allerwenigsten aber die aus unseren sogenannten Interessensphären erhofften materiellen Werte als gültige Zahlung anerkennen . Was haben wir dem Orient bis heute gebracht ? Was für Schätze glauben wir überhaupt ihm bringen zu können ? » Ich bringe ihm meine Liebe , meine ganze , ganze , volle Liebe , « hatte die Amerikanerin gesagt , ohne sich dabei bewußt zu sein , daß nur und grad diese Liebe die erlösende Jungfrau ist , welche den schlafenden Prinzen zu neuem Leben zu erwecken hat . - - Die Sonne war untergegangen ; es drohte , schnell dunkel zu werden , und der Weg nach dem Bab el Karafe hinab ist kein angenehmer zu nennen . Darum trat ich nun auch den Heimweg an , der mich durch die Scharia Mohammed Ali und die Tahir-Straße nach dem Hotel führte . Die öffentlichen Laternen brannten ; die Hitze begann , sich zu mildern , und so hatten die Straßen sich belebt . Auf dem Platze Ibrahim Pascha erklang schrille , arabische Musik . Von der Wallfahrt nach Mekka zurückgekehrte Pilger hielten einen Umzug durch die Stadt . Je weiter entfernt von Kairo die Heimat dieser Leute ist , desto lieber geht man ihnen aus dem Weg . Sie haben sich , oder werden auch , in eine fanatische Erregung hineingearbeitet , durch welche sie für Andersgläubige gefährlich werden können . Ich hütete mich also , mich quer durch diesen Zug zu drängen , und wartete lieber , bis er vorüber war . Später am Abende war zu hören , daß am Meidan Abdin einige nicht so vorsichtige Europäer von diesen Leuten halb totgeschlagen worden seien . Ich erwähne das , weil ich noch Weiteres von ihnen zu berichten habe . Als der Gong die Gäste des Hotels zum Abendessen rief , fand ich den bisher leer stehenden Tisch zu meiner linken Hand besetzt . Der Amerikaner hatte mit seiner Tochter daran Platz genommen . Als ich mich setzte , hörte ich ihn in deutscher Sprache sagen : » Da ist der unangenehme Mensch ja wieder ! Glücklicherweise darf hier nicht geraucht werden ! « » Aber , Vater , ist es nicht möglich , daß er deutsch versteht ? « warnte Mary . » Das fällt ihm gar nicht ein . Der Dolmetscher sagte doch , als wir vom Mokkatam herunterritten , daß der Fremde , der da oben saß , ein Franzose sei , und einem Franzosen kommt es bekanntlich gar nicht in den Sinn , deutsch zu lernen . « » Ich würde mich aber doch lieber bei dem Kellner erkundigen . Du weißt ja , wie wenig man sich auf das , was dieser Dolmetscher sagt , verlassen kann . Ich möchte nicht , daß der Fremde von uns beleidigt wird . « » Hast du eine Schwachheit für ihn ? « » Nein ; aber man hat überhaupt mit jedem Menschen möglichst gut zu sein , und dieser hier im besonderen hat ein so - so - so - ich finde den passenden Ausdruck nicht und will daher sagen , er hat ein so loyales Aussehen , daß es mir leid tun würde , wenn er sich durch uns gekränkt fühlen sollte . « » Ich finde , daß du heut ungewöhnlich zart und ängstlich bist . Daran ist vielleicht der Khamsin schuld , auf den wir leider zu spät aufmerksam geworden sind . Doch , da ist die Suppe ! « Es wurde ihnen serviert und dann auch mir . Während ich das Menu studierte und also auf die Karte sah , hörte ich , daß der Missionar einen Ausruf des Erstaunens ausstieß : » Heavens ! Ein Chinese ! Noch einer ! Zwei Chinesen , zwei ächte , wirkliche Chinesen , hier in Kairo , in Aegypten ! Wer hätte das gedacht ! Wo werden sie Platz nehmen ? « » Monsieur Fu « und » Monsieur Tsi « kamen langsam durch den Saal gegangen und schritten ihrem Tische zu . Zwei Kellner eilten herbei , um ihnen die Stühle bequem zu rücken ; der eine von ihnen ging dann nach dem Tische der Amerikaner , um dort die leer gewordenen Suppenteller wegzunehmen . Das benutzte der Missionar zu der Erkundigung : » Sind das dort Chinesen oder vielleicht nur Japaner ? « » Chinesen , « lautete die Antwort . » Woher ? « » Aus China . « » Das ist nicht sehr geistreich von Ihnen . Ich meine natürlich , aus welcher Stadt . « » Aus Canton . « » Sind Ihnen vielleicht die Namen bekannt ? « » Monsieur Fu und Monsieur Tsi . « » Fu heißt Mann , auch Mensch , auch Vater . Tsi ist Abkömmling , auch die Folge von Etwas . Sonderbar ! Kennen Sie den Stand ? « » Kaufleute . Onkel und Neffe . Sind in Paris gewesen . Machen in Chinawaren . « » Es ist dort Platz für vier Personen . Wir werden uns zu ihnen hinübersetzen . Hier ist meine Karte , die Sie ihnen hinübertragen ! « » Hm ! Ich weiß nicht , ob ich darf ! « » Darf ? Warum nicht ? « » Sie wollen allein sein , ganz ungestört speisen . « » Das geht mich nichts an ! Ich bin Missionar , gehe nach China und werde die Gelegenheit natürlich sofort ergreifen , diese für mich hochinteressante Bekanntschaft zu machen . Also ich bitte , geben Sie meine Karte ab ! « Der Kellner bewegte den Kopf bedenklich hin und her , überlegte ein Weilchen und entschied dann : » Ich kann das nicht auf mich nehmen und werde Ihnen also den Herrn Direktor schicken . « Als er sich entfernt hatte , hörte ich , daß die Tochter im Tone der Besorgnis fragte : » Aber , Vater , ist das nicht vielleicht ein gesellschaftlicher faux-pas von dir ? « » Wieso faux-pas ? « erwiderte er . » Ist es ein Fehler , Jemand kennen lernen zu wollen ? « » Aber auf diese ungewöhnliche Weise ! Das ist schon bei uns und in Europa verboten , und in China soll man in Beziehung auf neue Bekanntschaften noch viel strenger sein ! « » Du vergissest , daß wir nicht in China , sondern in Kairo sind . Hier gelten die Regeln aller und also eigentlich keiner Welt . Ferner bin ich Missionar , und sie sind Heiden . Ich denke an meine Wette mit Reverend Burton . Welch ein Erfolg , ihm schon von hier aus berichten zu können , daß ich zwei Chinesen bekehrt habe , noch ehe ich in China angekommen bin ! « » Aber , wir sitzen hier so gut , so allein , so ungestört . Ich bitte dich ! « » Die Unterhaltung mit ihnen steht mir höher als unser Alleinsein ! « » Aber ich , was werde ich sagen , die ich kaum hundert Worte chinesisch kenne ? « » Du wirst schweigen , was für euch Damen bekanntlich das Allerbeste ist . « » Ich befürchte doch , daß wir zudringlich sind ! « » Zudringlich ? Pshaw ! Sie sind Kaufleute , handeln mit Chinawaren . Es ist also eine Ehre für sie , wenn wir uns zu ihnen setzen . « Der Direktor kam . Das Verlangen des Amerikaners schien auch ihm ungelegen zu kommen , doch nahm er schließlich die Karte , um sie dem älteren Chinesen zu geben . Dieser las den Namen , hörte das , was der Direktor ihm sagte , an , ohne eine Miene zu verziehen , und gab dann seine Einwilligung durch ein kurzes Neigen seines Kopfes zu erkennen . Das hatte ich nicht erwartet . Doch als er hierauf seine beiden kleinen , seinen Hände an den tief herabhängenden Spitzen seines Bartes herniedergleiten ließ , leuchtete aus seinen Augen ein kurzer , fast unbemerkbarer Blick zu seinem Sohne hinüber , den dieser mit einer leisen , zitternden Bewegung seines Fächers erwiderte . Ostasien kam dem Wunsch der Vereinigten Staaten jovial entgegen . Der Direktor überbrachte die Antwort . Mary erhob sich , wie sie nicht verbergen konnte , nur höchst ungern von ihrem Platze ; ihr Vater aber schritt einem Sieger gleich mit ihr an meinem Tisch vorüber , den Chinesen zu , welche langsam und feierlich aufstanden und ohne irgend eine Bewegung der Höflichkeit ihnen stumm entgegenblickten . Der Missionar verbeugte sich vor ihnen und redete sie in einer Sprache an , welche er wahrscheinlich für gutes Chinesisch hielt . So sehr ich aufpaßte , so verstand ich nur den Namen Waller , welcher jedenfalls der seinige war , und dann noch das Wort tschui , welches » sich an Jemand anschließen « bedeutet . Als er geendet hatte , schienen die Chinesen grad auch so viel oder so wenig verstanden zu haben , denn sie gaben zunächst keine Antwort , sondern Fu deutete an Stelle derselben auf die beiden Stühle , welche Vater und Tochter einnehmen sollten . Sie setzten sich , Mary in außerordentlicher Verlegenheit . Da die Chinesen beharrlich schwiegen und unbeweglich wie Statuen saßen , so begann der Missionar , eine zweite Rede zu halten , deren Wirkung keine andere als die der ersten war , denn als er mit ihr zu Ende war , fragte Fu in einem weit besseren als dem gewöhnlichen Canton-Englisch : » Bitte , mir zu sagen , in welcher Sprache Sie soeben zu uns gesprochen haben ! « » Es ist ja chinesisch ! « antwortete der Gefragte , ganz erstaunt über diesen unvermuteten Erfolg seiner Sprachfertigkeit . » Ich habe gehört , daß Sie Chinesen sind , und hoffe sehr , daß man mich nicht falsch berichtet hat ! « » Ja , wir sind aus China ; aber dieses Land ist ungeheuer groß . Wir haben es noch nicht in allen seinen Teilen bereist und sind also wohl noch nicht in der Gegend gewesen , wo man den Dialekt spricht , den Sie sich angeeignet haben . Darf ich fragen , in welchem Teile des Landes diese Gegend liegt ? « Im ersten Teile dieser Rede war Fu so rücksichtsvoll gewesen , für die Unkenntnis des Amerikaners nach einem Grunde der Entschuldigung zu suchen . Aus seiner letzten Frage aber sprach der Schalk . Ohne dies zu bemerken , antwortete der Missionar : » Ich bin noch nicht in China gewesen und reise jetzt zum ersten Male hin . « » So haben Sie sich diesen Dialekt auf einer Universität der Vereinigten Staaten angeeignet ? « » Nein , sondern auf eine viel leichtere und bequemere Art. Sie wissen wahrscheinlich wohl , daß wir Amerikaner praktisch sind , und es ist Ihnen auch nicht unbekannt , daß sehr viele Chinesen , fast mehr , als uns lieb ist , in unseren Staaten wohnen . In meinem Hause waren zwei beschäftigt , der eine als Wäscher und der andere als Barbier . Der Wäscher stammte aus Nord- und der Barbier aus Südchina , und da ich nicht wünschte , in Beziehung auf die Sprache einseitig ausgebildet zu sein , habe ich von Beiden Unterricht genommen . « Hierauf trat eine momentane Stille , ja , eine Mäuschenstille ein . Die Gesichtszüge der Chinesen blieben vollständig unbewegt ; aber Mary errötete bis an die Stirn hinauf . Sie ahnte wohl , wie unsterblich sich ihr Vater soeben blamiert hatte ; dieser aber wendete sich ganz heiter und unbefangen dem Kellner zu , welcher ihm jetzt den nach der Suppe folgenden Gang servierte . » Sie sind also Missionar , wie ich auf Ihrer Karte gelesen habe ? « fragte Fu nach einer Weile . » Allerdings « , antwortete der Gefragte . » Ich hoffe , daß Sie wissen , was das heißt ! « » Das heißt , Sie kommen zu uns , um unsere Religion zu studieren und sie dann in den Vereinigten Staaten zu verbreiten ? « Da legte Waller - denn dies war allerdings der Name der Missionars - schnell das Messer und die Gabel weg , warf einen Blick der Ueberraschung auf den Sprecher und antwortete : » Ich gestehe , daß ich noch nie in meinem Leben eine so unbegreifliche Frage gehört habe ! Ich bin ein Christ und habe also denjenigen Glauben , welcher der einzig wahre und richtige ist . Sie aber , der Sie sehr wahrscheinlich Confucianer sind , sollten dem Ihrigen , der ein falscher ist , entsagen und sich entschließen , ein Christ zu werden ! « » Ich bin ja Christ , « antwortete der Chinese , indem über sein Gesicht ein ungemein höfliches , ja verbindliches Lächeln glitt . » Sie - - sind - - - Christ - - - ? ! « wiederholte der Amerikaner die Worte des Andern mit dem Ausdrucke des Erstaunens . » So sind Sie also schon bekehrt ? « » Bekehrt ? O nein ! Wozu das ? Eine Aenderung des Glaubens würde vollständig überflüssig sein . Wer etwas tut , was gar nicht nötig ist , der verdient , ein Tor genannt zu werden . « » Ich verstehe Sie nicht . Sie sind nicht bekehrt , also noch Confucianer , und behaupten doch , ein Christ zu sein . Wollen Sie mir dieses Rätsel lösen ! « » Es ist kein Rätsel , sondern eine Sache , welche in China Jedermann schon längst begriffen hat . Ich bitte Sie , mir die Summe des christlichen Glaubens zu nennen ! « Mr. Waller setzte sich auf seinem Stuhle zurecht und begann zunächst , vom Sündenfalle zu sprechen . Während dessen brachte der Kellner den Chinesen die Suppe . Fu wies sie mit der kurzen Bemerkung zurück , daß er mit seinem Begleiter später oben im Zimmer speisen würde . Dann wendete er seine Aufmerksamkeit dem Yankee wieder zu . Er ließ ihn eine lange , lange Zeit sprechen , ohne ihn zu unterbrechen , und erst dann , als sich nach der Verheißung Abrahams eine Pause einstellte , sagte er : » Ich bat Sie nicht um eine ausführliche Geschichte , sondern um die kurze Summierung Ihres Glaubens ! « » Aber Sie kennen doch unseren Glauben nicht ; Sie würden mich also nicht verstehen , wenn ich Ihnen anstatt seiner ganzen Entwicklung nur eine kurze Aphorisme brächte ! « » O bitte ! Was deutlich ist , kann vielleicht auch wohl von einem Chinesen begriffen werden . Christus ist der Gründer Ihres Glaubens , und Petrus wurde mir als derjenige Apostel bezeichnet , welchem die größte Macht des Christentums , das Amt der Schlüssel , übergeben wurde ; Sie werden also das , was diese Beiden sagen , anerkennen . Christus gibt uns die Summe im Evangelium Johannes , wo er sagt , daß das ganze Gesetz und die Propheten in dem Gebote enthalten seien : Liebe Gott , und liebe deinen Nächsten ! Und Petrus befiehlt