der Menschen bedachte , denn alle unsre Gedanken kannte ja Gott ; dieses war auch der Grund , weshalb wir um ein reines Herz beten , weil wir uns nicht gern schämen , wenn Gott in uns hineinsieht . Einmal hatte Hans gemerkt , wie Gott in ihn hineinsah , aber da hatte er gerade ein reines Herz , und das machte ihn sehr froh , und es war ihm , als müßte es sich innerlich ganz ausbreiten vor Gott , wie ein Buch mit der ersten Seite aufgeschlagen hingelegt wird ; er war im Walde und in einer sehr großen Stille . Wir haben seltene Augenblicke im Leben , wo uns unser inneres Wesen symbolisch gezeigt wird , wie wir ja auch im Traum , statt Begriffe zu denken , Symbole sehen . In einem solchen Augenblick , da er zudem auf der äußersten Spitze seines Lebens stand und sich in solcher Schicksalsstunde für immer nach links wenden mußte oder nach rechts , hatte er in seinem späteren Leben einmal ein schnell vorüberhuschendes Schattenbild eines hohen und ernsten Tannenwaldes , und sein Gefühl war wie Glockenklang . Da entschied er sich nach der rechten Seite ; und dann wurde ihm klar , daß der Wald ein treuer Lehrer seiner Jugend gewesen war ; und er wußte genau , daß er ein andrer Mensch geworden wäre , wenn er unter Buchen oder Eichen aufgewachsen , statt unter Tannen . Ein treuer Lehrer war ihm auch Dorrel , das Dienstmädchen . Er war bei ihr im Stall , wo das trübe Licht in der großen alten Laterne brannte , und Dorrel melkte , gleichmäßig und in langen Zügen , indes die Kuh behaglich ihr Kleeheu aus der Krippe zupfte ; ein ganz besonderer Ton war in dem Melken , der nach Ordnung , Ehrbarkeit und Fleiß klang ; auch die Kuh steht bei einer faulen und hochmütigen Melkerin nicht so ruhig und behaglich , denn das liebe Vieh merkt wohl den Unterschied im Wesen der Menschen und benimmt sich danach . Dorrel hatte eine besondere Kunst ; sie konnte Schutzkrausen aus buntem Papier für Talglichter machen ; die schnitt sie zuerst mit der Schere zurecht , und dann drehte sie mit der Schürze sie so , daß sie schöne Falten bekamen . Wenn sie dem kleinen Hans etwas ganz besonders Gutes antun wollte , so versprach sie ihm , daß sie ihm eine solche Krause machen wolle , und dann freute er sich sehr . Sehr oft nahm sie ihn mit , wenn sie aufs Feld ging , und besonders wenn sie im Herbst aus der Eisgrube Kartoffeln holte . Da zog sie den Schubkarren aus der Scheune , legte den Sack auf und ließ dann den kleinen Hans sich setzen ; der saß da mit geknickten Beinen und sah glücklich in Dorrels rotes , strahlendes Gesicht , die den Sielen über die Schulter geworfen hatte und rüstig den Karren vor sich hinschob . Denn auch für sie war es eine große Freude , wenn sie Kartoffeln herausholte . Während sie schob , gab sie ihm Rätsel auf , alte Rätsel , die sie selbst als Kind von ihrer Großmutter gelernt : Es ging ein Männchen über die Brücke , Es hatt ' ein Körbchen auf dem Rücken ; Hatte drinne Sich sich , Hatte drinne Stich stich , Hatte drinne Weißgewaschen , Ohne Seif ' und ohne Wasser . Das wußte Hans natürlich nicht , was das war , nämlich : Spiegel , Nadeln und Eier . Sehr merkwürdig war das . Auch das war ein schweres Rätsel : Der König von Ägypten , Der hatt ' ein Ding , das wippte , Er konnt ' es nicht verkaufen , Er mußt ' es selber brauchen . Das war nämlich seine Zunge . Und in der Elsgrube war in der Mitte ein rundes Wasser , das war ohne Grund . Vor vielen Jahren hatten die Leute einmal drei Heuseile aneinandergeknüpft und unten einen schweren Stein angebunden und den hinabgelassen , aber sie konnten keinen Boden finden . Hier hatte früher das Schloß des Grafen gestanden , das untergegangen war , als der treue Diener von der weißen Schlange gegessen ; jetzt aber lagen hier die Äcker , die zum Forsthaus gehörten . Dorrel machte dem kleinen Hans eine Schleuder , indem sie eine schwibbe Rute von einer Weide abschnitt und die vorn zuspitzte . Auf die Spitze steckte Hans die Kartoffeläpfel und schleuderte sie in die Luft ; so hoch flogen sie , daß er sie beinahe nicht mehr sehen konnte . Ein anderer hätte gedacht , sie flögen in den Himmel , aber Hans wußte aus seinem Lesebuch , daß der Himmel unendlich hoch über uns ist , denn es gab Sterne , deren Licht brauchte viele tausend Jahre , ehe es zu uns kam , so hoch standen die ; und der Himmel mußte doch natürlich noch höher sein ; aber das glaubte Dorrel ihm nicht , denn die meinte , es würde viel Unsinn gedruckt , und man müßte nicht alles glauben , was in den Büchern steht . Während er spielte , machte Dorrel Kartoffeln aus ; und fast über jeden Busch freute sie sich , daß er so viele Knollen hatte , und meinte immer , das sei doch ein sichtbares Zeichen von Gottes Güte , daß man eine einzige Kartoffel steckt , und nachher sind so viele da ; wenn sie einen besonders großen Busch fand , so rief sie den kleinen Hans , und dann suchten sie zusammen die Knollen aus der Erde und zählten sie . Bei jedem Busch war sie immer von neuem gespannt , und Hans stand dann wohl neben ihr , und sie rieten vorher , wieviel Knollen der wohl hätte ; dabei behauptete Hans dann etwa , er müsse hundert haben oder zweihundert , und wollte nicht glauben , daß das gar nicht möglich war ; wenn er dann ärgerlich wurde , so gab sie ihm ein neues Rätsel auf : Ule , Ule , Er saß bei mir auf dem Stuhle , Er winkte mir , ich wehrte mich , Er winkte mir so süße , Daß ich vergaß die Augen und die Füße . Da mußte Hans wieder betteln , denn er wußte nicht , was das war und war doch recht neugierig . Dorrel aber ließ ihn lange zappeln , bis sie ihm zuletzt sagte : das ist der Schlaf . Die fromme und treue Magd sprach nur aus ihrem braven und rechten Gemüt . Sie wußte , daß es nicht gut ist für ein Kind , wenn man ihm Zeit läßt , ärgerlich und ungezogen zu werden , auch wenn man es alsdann straft , sondern es ist besser , wenn man seine Gedanken ablenkt durch etwas Neues , daß es seinen Ärger vergißt ; denn leicht hinterläßt ein häßliches Benehmen Spuren in der Seele eines jungen Kindes . Der kleine Hans wachte an einem Morgen auf , weil die Vögel auf den Ziegeln gerade über seinem Bett ein großes Klabastern und Schreien anstellten . Ein Stückchen Kalk vom Verputz war ihm auf die Bettdecke gefallen . Die Morgensonne schien durch das Fenster , und die Blüten des Spalierapfels waren aufgebrochen . Ein vollbesetzter Zweig zog sich schräg vor den Scheiben hin . Hans dachte , wenn die alle ansetzten , dann würde es eine Menge Äpfel geben , und sehr bequem waren sie vom Fenster aus zu pflücken . Indessen aber lag er in seinem warmen Bett und hielt die Augen behaglich geschlossen . Auf dem Dach waren jetzt auch Tauben , das hörte man am Gurren und an dem Trippeln . Die warteten , daß Hans in die Haustür trat und ihnen das Futter streute ; sie kannten ihn ganz genau und ließen sich nicht irre machen , wenn ein andrer kam und sie anführen wollte . Von den Äpfeln konnte er übrigens im Herbst , wenn sie reif waren , immer jeden Abend einen mit ins Bett nehmen ; dann zog er die Decke über die Ohren und aß ihn heimlich für sich . Die Sorte war auch gut . Jetzt hörte er Schritte auf der Treppe : ganz geschwind kniff er die Augen zu , aber sein Gesicht lachte . Die Mutter trat ein , warf ihm ein Kissen aufs Gesicht , faßte ihn darunter und hielt ihn fest ; dazu sang sie : Hab ' ein Vögelchen gefangen Im Federbett , Hab ' s in ' n Arm ' nein genommen , Hab ' s lieb gehätt ! Hans strampelte und lachte , die Mutter aber hob ihn aus dem Bett , schwenkte ihn und sang : Quibus , quabus , Die Enten gehen barfuß , Die Gäns ' haben keine Schuh , Was sagen denn die lieben Hühner dazu ? Dann küßte sie ihn recht herzlich , und er wischte sich den Mund ab und rutschte aus ihrem Arme auf die Erde . Ob er heute den Tauben wohl Erbsen streuen durfte ? Aber es war ein ganz besonderer Tag . Die Mutter kriegte ihn vor und wusch ihn außergewöhnlich gründlich , daß er mit den Zähnen klapperte über das nasse Wasser und ganz blankgescheuerte Backen bekam . Dann kämmte sie ihm das Haar glatt , das ihm sonst borstig und hell in die Höhe stand ; erst bearbeitete sie es mit Wasser , nachher mit Pomade . Hans fragte mit großer Neugierde , was denn heute geschehen werde ; aber die Mutter lachte nur und antwortete ihm nicht . Sie holte den guten Anzug aus dem Schrank , und auch seinen Kragen und die Manschetten kriegte er ; die waren zwar recht ausgewaschen , und einem verwöhnten Stadtkind wären sie nicht mehr ganz anständig erschienen , für Hans aber waren sie eitel Prunk und Herrlichkeit . Und wie er nun so fein angezogen war , ermahnte ihn die Mutter , daß er sich fromm in die Stube setzen sollte und ein Buch vornehmen , damit er den guten Anzug schonte und sich nicht unordentlich machte . Da holte er seine Lesebücher zusammen : den Preußischen Kinderfreund , drei Bände Spinnstube und die Bibel und begann für sich zu lesen ; denn eigentlich war ihm das Lesen doch das Liebste , und vollends , wenn der Vater nicht da war , der immer wollte , daß er etwas Nützliches studierte ; die Mutter aber meinte , es sei alles nützlich und gut , was in seinen Büchern stand . So las er im Kinderfreund seine Lieblingsgeschichten von der gnädigen Frau von Paretz , und das Gedicht : Als Kaiser Friedrich lobesam ins heil ' ge Land gezogen kam ( bei dem er immer meinte , lobesam müsse mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben werden , weil es doch der Nachname Kaiser Friedrichs sei ) ; und in der Spinnstube las er die Geschichte von Wittington und seiner Katze , der dreimal Bürgermeister von London wurde , welche Stadt anderthalb Meilen lang und fast eine Meile breit ist , achttausendeinhundertundeinundneunzig Straßen hat , hundert freie Plätze von großer Ausdehnung , zweimalhundertundfünfzigtausend Häuser , und zwei Millionen Einwohner . Das war einmal eine Stadt ! Zuletzt sagte die Mutter dem Hans , was bevorstand , denn der Herr Graf mit seiner Gemahlin und den Kindern wollten eine Lustfahrt durch den Wald machen und dabei im Forsthause einsprechen . Denn es waren noch nicht die Zeiten , die im vorigen Kapitel geschildert sind , und die bösen Zustände im gräflichen Hause wurden noch nicht äußerlich bemerkt . Da kam der erste Wagen , der von stolzen Pferden gezogen wurde , welche die Beine tänzelnd hoben und den Kopf hochhielten ; nachher , wie sie standen , spielten sie mutwillig mit dem Gebiß ; man sah es ihnen wohl an , daß sie in Herrendienst waren und in Wohlleben . Der Kutscher trug eine sehr stolze Livree und saß hochmütig auf dem Bock , als gehe ihn die ganze Welt nichts an ; und die Frau Gräfin mit der kleinen Komtesse lehnten im Wagen und sahen gar nicht so stolz aus wie der Kutscher und lächelten beide freundlich , indem die Mutter den Schlag aufmachte . Hans hörte , wie die Frau Gräfin immer lobte und sagte : » Schön , sehr schön , ausgezeichnet , liebe Frau Werther . « Er mußte eine Verbeugung machen , die ihm die Mutter vorher eingeübt hatte , und war sehr verlegen ; am liebsten wäre er ganz weit weg gewesen . Da die Frau Gräfin ihm auftrug , daß er der kleinen Komtesse alles zeigen sollte , was zu sehen wäre , so faßte er die bei der Hand und ging mit ihr aus der Stube ; sie war wohl ein Jahr jünger wie er , aber er war fest entschlossen , sie mit » Sie « anzureden ; solange es ging , wollte er sich indessen um die Anrede drücken , weil er doch nicht wußte , ob es nicht komisch war , wenn er » Sie « sagte . Sie sprach zuerst und erzählte , daß sie ihr weißes Kleid nicht schmutzig machen dürfe . Sie hatte ein weißes Kleid , das war ganz aus Spitzen , wie aus Luft , und in der Mitte war ein blauseidenes Band . Er wußte nicht recht , was er antworten sollte , da fielen ihm seine Manschetten ein , die zog er von den Händen und zeigte sie ihr ; das war ihr sehr merkwürdig , und sie sagte , daß bei ihren Brüdern die Manschetten aus einem Stück seien mit den Hemden , aber so , wie er es habe , sei es gewiß viel vernünftiger , weil man sich dann nicht so schrecklich viel umzuziehen brauche . Nun führte er sie in den Stall , die Treppe hinauf , zum Heuboden . Hier hatte er im Heu sich einen langen Gang gegraben , und am Ende hatte er eine Höhle , deren Decke war mit Brettern gestützt , daß sie nicht einstürzte . Eigentlich war das eine Höhle der alten Deutschen , aber man konnte hier auch Mann und Frau spielen , dann war die Höhle der Raum , wo die Frau blieb und Mittagessen kochte oder flickte , und der Mann kam nach Hause aus dem Wald . Die Komtesse war einverstanden , daß sie so spielen wollten . Deshalb kroch er erst in den Gang hinein , und wie er hinten in der Höhle saß , rief er ihr , daß sie nachkommen sollte , damit er ihr das Innere zeigte , das war freilich ganz dunkel . Sie kroch auch ganz tapfer nach , wie sie aber in der Mitte des Ganges steckte , hielt sie plötzlich still und fing ganz jämmerlich an zu weinen , weil sie mit einem Male Angst kriegte . Er tröstete sie und sagte , die Mädchen hätten immer Angst , und sie solle nur weiter kriechen , dann käme sie zu ihm ; aber sie weinte immer lauter und rief nach ihrer Mama . Da kroch er zurück , und sie schob sich auch rückwärts aus dem Gange , und wie sie draußen standen , sahen sie recht unordentlich aus und waren voller Heu . Dann wurde beschlossen , sie sollte den Mann vor dem Hause erwarten , denn es müßte Sommer sein , und in der Stube müßte es heiß sein . Deshalb ging er fort , die Treppe hinunter , aber mit dem Kopf durfte er nicht verschwinden , sonst wollte sie wieder weinen , dann kam er wieder , trampelte laut mit den Füßen , rief : » Kusch , Pollux ! « und sagte : » Guten Tag , Frau , was macht der Junge ? « Sie antwortete : » Er ist artig gewesen , darum muß er auch einen Kuß kriegen . « Diese Antwort brachte ihn aus dem Konzept , weil sie ihm ungewohnt war , deshalb fragte er weiter : » Hast du auch was Gutes gekocht ? « - » Nein , « sagte sie , ich habe in der Semaine des Enfants gelesen . « Nun wußte er wieder nicht weiter , deshalb sagte er : » Ach , das ist ein dummes Spiel , wenn du nicht so eine Heulliese wärst , so könnten wir jetzt durch die Heuluke durchklettern in die Kuhkrippe . « Da versprach sie ihm , daß sie auch ganz gewiß nicht wieder weinen wollte , und dann machte er die Heuluke auf , sie legten sich auf den Boden und sahen , wie unten die Kuh in die Höhe guckte , mit den Lippen bettelte und durch die Nasenlöcher pustete . Das war so komisch , daß sie lachen mußte . Hans zeigte ihr , wie man sich durch die Luke in die Krippe niederlassen konnte ; die Kuh pustete neugierig und leckte mit der Zunge ihn an , weil sie dachte , er sei ein Heubündel ; das war noch komischer wie das andre ; aber mit in die Krippe steigen mochte die Komtesse doch nicht . Unten bei der Kuh waren Hansens Kaninchen . Die wollte die kleine Komtesse gern sehen . Sie gingen hinunter , und die Komtesse bewunderte den langen , kleinen Gang an der Wand , der aus Brettern gezimmert war , und das Schlupfloch , das ein Arbeiter schön blau und rot bemalt hatte . Hans fing ein ganz weißes Kaninchen und reichte es ihr an den Ohren hin ; es hielt ganz still , wie sie streichelte , und plötzlich fing es stark an zu zappeln , daß sie zuerst erschrak ; nachher mußte sie aber selber lachen über ihre Furcht , wie sie die niedlichen roten Augen sah . Dann nahm Hans das Brett am Ende des Laufganges weg , wo das Nest war ; da lagen sechs kleine Kaninchen bei ihrer Mutter , die waren ganz zahm und ließen sich auf die Hand nehmen , und ihre Mutter machte ein Männchen und schnupperte nach oben . Über das alles war sie so entzückt , daß Hans zuletzt strahlte vor Stolz und Freude ; und nachdem er sich lange überlegt , ob er wohl nicht Zanke bekäme von der Mutter , wenn er ihr ein Geschenk anböte , fragte er , ob sie ein Pärchen haben wolle . Da war sie ganz glücklich , und mit immer neuem Vergnügen suchte sie sich zwei von den kleinen Tieren aus , nahm sie in ihr Kleid und sprang zu ihrer Mutter in der Stube . Die sagte mehrmals , die Tiere seien sehr schön , aber als das Kind sie bat , ob es sie mitnehmen dürfe , antwortete sie , daß es doch zu Hause keinen Raum hätte , wo es sie lassen könne ; und die Kleine , die schon wußte , daß auch noch eine leichtere Ablehnung endgültig war , gab dem Hans mit Tränen in den Augen und ohne Worte die Tierchen wieder zurück und setzte sich dann still ans Fenster . Die Frau Gräfin sagte dann , sie sei wohl recht wild gewesen , und sie müsse jetzt artig sein , ihre Brüder würden bald kommen . Hans stand da mit den beiden kleinen Kaninchen , eins in jeder Hand , und wußte nicht , wo er hingehen sollte ; in seiner Verlegenheit bot er sie der Komtesse noch einmal stumm an ; die schüttelte das Köpfchen und sah durchs Fenster . Seine Mutter stand auf , öffnete die Tür , schob ihn hinaus und sagte ihm , er solle die Kaninchen wieder in den Stall bringen ; das tat er auch ; und weil er nicht recht wußte , wie er wieder in die Stube gehen solle , so blieb er draußen unter der Toreinfahrt , steckte die Hände in die Hosentaschen und pfiff mit erkünsteltem Gleichmut ein Lied . Ganz wohl war ihm nicht , denn er hatte wohl gesehen , wie die Frau Gräfin böse geworden war , nur daß sie es nicht so zeigte , wie seine Mutter es pflegte . Nach einer Weile aber kam die kleine Komtesse wieder heraus , trat neben ihn hin und sagte : » Ich danke dir auch schön , und du mußt nicht böse sein ; wenn wir einen Raum hätten für die Kaninchen , so hätte ich sie nehmen dürfen . « Dann zog sie ein Albumbildchen hervor , das stellte Dornröschen dar , wie der Prinz es gerade wachküßt , das schenkte sie ihm . Er steckte das Bild gleichmütig in die Tasche . Sie sagte dazu : » Ich hätte es gerne selber behalten , unser Küchenmädchen hat es mir geschenkt , aber dir will ich es geben . « Indem sie noch so sprachen , fuhr ein andrer Wagen vor , in dem saßen der Graf und die beiden Jungen , die ungefähr in dem Alter waren wie Hans ; und auch der Förster saß im Wagen . Der Vater sprang schnell heraus und war der Herrschaft behilflich beim Aussteigen . Der Herr Graf faßte die kleine Komtesse beim Zöpfchen , sie warf sich ihm in die Arme und hätte wohl gern noch einmal gebeten wegen der Kaninchen , wenn sie gewagt hätte . Nun trat die Frau Gräfin aus dem Haus und gab der Försterin freundlich die Hand . Die kleine Komtesse umfaßte ihren Rock und bat : der kleine Hans soll mitfahren . Sie bat so herzlich , daß die Frau Gräfin fragte , ob die Eltern das erlaubten ; die sagten natürlich ja , die Mutter zupfte Hans noch einmal zurecht , und dann stiegen alle ein . Die Kinder durften in dem einen Wagen für sich bleiben , nachdem sie dem Kutscher auf die Seele gebunden waren , der Graf war mit seiner Gemahlin in dem andern , und nun ging die Fahrt fort in den Wald . Dem Hans war sehr befangen zumute , denn er hatte das Gefühl , daß er ganz anders saß und sich bewegte und sprach wie die jungen Grafen ; die sahen so aus , als dachten sie gar nicht an ihre Bewegungen , und er meinte , daß sie wohl heimlich über ihn lachen möchten . Das Mädchen erzählte von den Kaninchen , und wie reizend die gewesen seien ; da sprachen die beiden Brüder geringschätzig und meinten , Kaninchen seien gar nichts Besonderes , und wenn sie nur wollten , könnten sie Hunderte haben ; und wie die Kleine erzählte , daß sie die beiden geschenkten Jungen nicht hatte mitnehmen dürfen , da lachten sie und sagten , sie verstehe das nicht , wie man seinen Willen erreiche ; da müsse man so lange heulen , bis einem erlaubt werde , was man wolle . Hans kriegte runde Augen über diese Ansichten und sagte zwar nichts ; die Brüder aber merkten wohl , daß ihm ihre Reden unrecht vorkamen , deshalb machten sie sich gefaßt , ihren Spaß mit ihm zu treiben , denn sie hielten ihn für einen Duckmäuser . Sie sagten nicht » Vater « und » Mutter « , sondern der » Alte « und die » Alte « und rühmten , welche Taten sie mit ihrer Schnappschleuder begingen , wie sie da den Bauern die Fensterscheiben entzweischossen , ohne daß jemand merkte , von wem der Schuß kam . Noch nahmen sie scheinbar keine Notiz von Hans , weil sie keine rechte Anknüpfung hatten , aber sie knufften sich heimlich , um sich auf ihn aufmerksam zu machen , wie er dasaß mit seinen hellen Augen in dem blankgescheuerten Gesicht . Wie ihre Schwester von den Manschetten erzählte , prusteten sie los mit Lachen und sagten , das seien Sparröllchen , wie sie Herr Müller trägt , der Hofmeister ; gestern hatten sie gehört , wie ihre Mutter zum Vater gesagt hatte , Herr Müller mit seinen Sparröllchen sei doch zu unterirdisch . Hans wurde feuerrot und schämte sich sehr und hätte fast angefangen zu weinen ; aber er bezwang sich noch . Der älteste von den Brüdern fragte ihn : » Kannst du auch schon reiten ? Wir haben jeder einen Pony , auf dem lernen wir reiten , ich darf schon allein . « Hans schüttelte den Kopf ; dann erzählte er , daß ihre Elsbeth einmal wochenlang jeden Tag zweiundzwanzig Liter Milch gegeben habe . Da prusteten die Brüder wieder los , das kleine Mädchen aber sagte zu ihm : » Du mußt dich nicht ärgern über sie , das sind dumme Jungen . « Ihm aber war , als ob sie im Einverständnis sei mit den beiden , die ihn auslachten , und das kränkte ihn am meisten ; aber er wußte nicht , was er antworten sollte . Indessen erzählten die andern weiter , wie sie schon geraucht hatten und sich Geld borgten von den Leuten ; und wie den einen der Vater einmal zur Rede gestellt , hätte er einfach alles abgestritten , und der Vater hätte gelacht und gesagt , er könne sich gut herauslügen , aber er , der Vater , merke doch die Wahrheit ; aber getan hätte er ihm nichts . Dann fragten sie Hans , ob sein Vater seiner Mutter auch zuweilen etwas vorlog . Er schüttelte mit dem Kopf . Sie antworteten , er sei noch zu dumm , da merke er das nicht . Da kam ihm plötzlich ein neues Gefühl in die Bewunderung der Ruhmredigkeit der andern , die Stimmung von Zuhause und der Stolz , den er gegenüber den Tagelöhnerkindern hatte , und er sagte : » So einen Vater wie ich hat auch keiner . « Der älteste von den beiden antwortete überlegen : » Das denkt man immer , solange man noch klein ist . « Dann fragten sie , ob sein Vater ihn schlug , und Hans erzählte , daß er eine Peitsche hatte mit neun Riemen , das war die neunschwänzige Katze , mit der kriegte er , wenn er ungezogen gewesen war . Da kam ihm wieder vor , als sei bei ihm zu Hause alles dumm , und er selbst sei ganz dumm , und die beiden erschienen ihm wieder hoffnungslos überlegen . Die Wagen fuhren zu einer Waldblöße , die war von allen Seiten eingeschlossen durch die hohen Tannen , und war der Boden etwas abhängig und mit braunem Gras bedeckt von vorigem Jahr ; schon kamen die ersten grünen Grasspitzen aber hervor , und die Primeln blühten . Auf dem untern Teil hatten sich einige Birken angesiedelt , die etwa mannshoch waren ; über denen schwebte eben ein hellgrüner Hauch . Aber an der trockensten und sonnigsten Stelle lag ein großer flacher Stein . Auf diesem deckten die Leute , denn die Herrschaften wollten im Freien vespern . Die Kinder durften im Walde spielen . Hans war aus Schüchternheit ungeschickt ; weil er bei dem kleinen Mädchen die einzige Zuneigung verspürte , so hielt er sich immer zu dieser , wiewohl er dadurch das Spiel oft störte . So versteckten sie sich hinter den Bäumen , und es war in seiner Nähe kein starker Baum , und er blieb hinter einem ganz dünnen stehen , obwohl er selbst wußte , daß ihn die andern gleich sehen mußten . Wie er selbst suchen sollte , war er zu schüchtern , die Jungen zu fangen , die er fand , und ließ sie entkommen , wiewohl er sich heftig ärgerte über diese Schüchternheit ; hinter dem kleinen Mädchen dagegen lief er sehr eifrig her . Über alles dieses wurden die Jungen ärgerlich und zankten mit ihm ; er aber lächelte bloß entschuldigend und konnte sich nicht verteidigen , und die beiden kamen zu dem Schluß , er sei dumm . Daß er sich immer an ihre Schwester heftete , merkten sie bald , und da verspotteten sie diese , sie habe einen Verehrer bekommen , der Dumme sei in sie verliebt . Darüber wurde die ärgerlich und war kurz gegen Hans ; und wie der , obgleich er das merkte , doch nicht abließ von seiner Art , sagte sie ihm endlich ganz grob , er solle sie in Ruhe lassen , er sei dumm . Da stand er traurig für sich allein da und sah zu , wie die andern spielten , und mußte mit aller Gewalt die Tränen zurückhalten . Mit einem Male aber kam es über ihn , nämlich plötzlich , bei einer ganz geringen Gelegenheit , als es ihm schien , der ältere Bruder sehe spöttisch nach ihm hin , da lief er wütend auf den zu , packte ihn bei den Haaren und schlug kräftig auf ihn ein ; der jüngere Bruder eilte herbei und griff Hans an , aber der ließ sich nicht irre machen : fühlte wohl gar nichts von seinem Angreifer . Endlich kamen die Kutscher und trennten die drei . Wie sie vor die Herrschaft gebracht waren , klagten die Brüder mit geläufigen Worten über Hans , der habe das Spiel schon von Anfang an gestört , dann sei er brummig zur Seite geblieben , und endlich habe er ohne Grund sie überfallen . Hans stand niedergeschlagen da , denn das war alles richtig , was die sagten , und er wußte selbst nicht , weshalb er plötzlich so wütend geworden war . Der Herr Graf sagte zu seinen Söhnen , sie würden gewiß schuld haben , aber wenn sie denn nun einmal keinen Frieden untereinander halten könnten , so solle der Försterjunge nach Hause gehen . Nun dachte Hans , daß er sich wohl erst bedanken müsse ; aber das konnte er nicht ; deshalb drehte er sich um und ging langsam einige Schritte ; und wie er dachte , daß er weit genug sei , lief er aus Leibeskräften , bis er atemlos nach Hause kam . Hier fand er nur die Großmutter vor ; er ging zu ihr in die Stube und weinte in ihren Schoß . Wie der Vater nach Hause zurückkehrte ,