aus in die dunkeln , gewölbten Keller einstieg - in alle verstohlenen Winkel von Schloß und Garten , von denen sie Besitz ergriffen hatten und jeder seinen Namen und seine Geschichte besaß . Geerd war entzückt von alledem , die drei Kinder schlossen sich immer feuriger zusammen und kamen schließlich auf die Idee , ihre Freundschaft durch einen Blutbund zu besiegeln . Ein Abend , wo die Eltern in Gesellschaft waren , wurde dazu ausersehen , denn diese heilige Handlung konnte nur ganz im geheimen , bei Nacht und Nebel vor sich gehen . Als der Wagen aus dem Hof rollte , stürmten sie rasch in die Kinderstube , wickelten sich in phantastische Gewänder aus weißen Bettüchern , zündeten die heimlich erbeuteten Wachskerzen an und wallfahrteten mit dumpfem Gemurmel , in dem immer wieder das Wort » Blut ! « vorkam , durch den Rittersaal , durch die weiten , dunkeln Bodenräume , die sich über das ganze Schloß hinzogen , und dann die schmale Wendeltreppe hinab in die frühere Kapelle . Unwillkürlich hörten sie auf zu murmeln , auf dem glatten Fliesenboden hallte jeder Schritt laut wider , und die tiefen Nischen rings an der Wand waren unheimlich dunkel . An der Stelle , wo der Altar gestanden , war noch eine viereckig aufgemauerte Erhöhung , da stellten sie ihre Lichter hin . Keines von ihnen sprach ein Wort , während sie sich mit einem stumpfen Messer Arme und Beine ritzten und das Blut in einem Glase sammelten . Weil es nicht genug war , kam noch etwas Wasser dazu , dann tranken sie es aus , schwuren sich ewige Treue und furchtbare Rache dem , der zum Verräter würde . Als das geschehen war , wurde die Stimmung etwas leichter . Geerd , der über Taschengeld verfügte , hatte Kuchen und eine Flasche Wein beschafft , und sie lagerten sich zum Mahl um den Altar . Verspätet und mit erhitzten Köpfen erschienen die drei an diesem Abend im Eßzimmer , und während sie bei Tisch saßen , gingen immer wieder geheimnisvolle Blicke und Anspielungen zwischen ihnen hin und her . Wenn es irgend anging , feierten sie jetzt jeden Sonntagabend ein heimliches Bundesmahl in der Kapelle , im Keller oder auf dem Turmboden - aber dunkel mußte es sein , und niemand durfte darum wissen , sonst wäre alles entweiht gewesen . Als aber der Winter zu Ende und es draußen wieder schön und trocken war , fanden sie , daß nun etwas Neues kommen müsse . Anfang April , an einem warmen , lichten Tage , durchstreiften sie den ganzen Garten , diese unerschöpfliche Märchenwelt von Abhängen , Gebüschen und halbverwachsenen Wegen , wo man immer wieder etwas entdeckte : Plätze , wo sie noch nie gewesen waren , Pflanzen , die sie nicht kannten , Ameisenhaufen , Vogelnester und so vieles andere . Besonders war es der breite Schloßgraben , der sie anzog , mit seinem geheimnisvollen , grünen Wasser , auf dem sonderbare große Spinnen wie auf Schlittschuhen hinglitten . An den Abhängen blühten schon die weißen Sternblumen und die Weidenzweige hingen tief herunter . Zuletzt kamen sie in die verwilderte Schlucht , die zwischen Garten und Koppel lag , mit einem schmalen Fußweg mitten durch und ein paar krummen Holunderbäumen . Geerd ging wie immer zwischen den beiden andern , die sich so ähnlich sahen , daß man sie in gleichen Kleidern fast für Zwillinge halten konnte . Trotz der zwei Jahre , die zwischen ihnen lagen , waren sie fast gleich groß , beide mit kurzem , blondem Haar und den scharfen Olestjerneschen Familienzügen . Ellen war im Lauf der Jahre kräftig und gesund geworden und stolz darauf , daß sie es mit jedem gleichaltrigen Jungen aufnehmen konnte . Es war Bundestag heute , und sie ratschlagten gewaltige Pläne , gingen ernst prüfend umher und maßen die Schlucht mit den Augen . Dann wurde Geerd das Wort zuerteilt , und er schwang sich in einen Baum , um seiner Rede mehr Nachdruck zu verleihen : » Bundesgenossen , hier wollen wir unser Reich gründen - unser Königtum - , von hier aus soll es wachsen , sich ausbreiten und die Nebenreiche verschlingen , wo jetzt noch unsere Feindin , die grimme Fürstin Anna Juliane , herrscht . Wir wollen sie entthronen und uns zinsbar machen . « Die beiden andern stimmten ein furchtbares Kriegsgeheul an und schwangen ihre hölzernen Speere . Von früh bis spät waren sie jetzt draußen an der Arbeit , rammten Pfähle in die Erde , schleppten Tannenzweige und Moos herbei und bauten Hütten . Mit vieler Mühe hatten sie sich die Erlaubnis errungen . Die Mutter wollte erst nichts davon wissen , aber Detlev hörte nicht auf , sie zu bestürmen , und schließlich erfuhr der Vater von der Sache und kam ihnen zu Hilfe . Er nahm sogar lebhaftes Interesse daran und ging selbst mit hinaus , um ihnen die Grenzen ihres Gebietes anzuweisen . Das Königreich wuchs nun rasch empor , es wurden Straßen gelegt , Felder und Bauplätze abgemessen . Auf dem freien Platz in der Mitte erhob sich eine große Hütte aus Brettern und Backsteinen , das war der Tempel , denn sie hatten sich heimlich vom Christentum losgesagt und eine neue Religion erdacht . Im Tempel stand die Bundeslade , in der geraubte Schätze verborgen wurden , und ein unförmlicher Götze aus Holz , den hatten sie selbst in vielen mühsamen Stunden geschnitzt und angemalt . Er hieß der Mohu und wurde mit Opfern , Gesängen und wilden Tänzen gefeiert . Vier Wochen lang hatten sie unermüdlich geschafft , da kam plötzlich ein Blitz aus heiterem Himmel - Ellen und Detlev wurden eines Morgens zu Mama gerufen : im Wohnzimmer saß eine blasse Dame mit schwarzem , glattem Haar . Die Geschwister sahen sich erschrocken an , das konnte nur die neue Gouvernante sein , an die sie schon längst nicht mehr geglaubt hatten . Sie mußten ihr guten Tag sagen und erfuhren , daß sie Cläre Huhn hieß ; darüber wären sie beinah ins Lachen geraten und vermieden ängstlich , sich anzusehen . Fräulein Huhn war sehr freundlich und hatte feuchtkalte Hände . » Nicht wahr , wir wollen jetzt recht fleißig zusammen sein ? Ihr müßt mich aber auch etwas lieb haben und mich du nennen . « Dann wurden sie wieder entlassen . Zum Draußenarbeiten hatten sie heute die Lust verloren , und als Geerd am Nachmittag kam , fand er die beiden melancholisch neben einer angefangenen Hütte sitzen . Ellen war verzweifelt : nun sollte das Jammerleben wieder anfangen - Stunden - Schelte - Nachsitzen , und hinter all diesen Schrecknissen stand Mama und die Ecke im Wohnzimmer , wo sie stricken mußte . Geerd versuchte sie mit Bonbons zu trösten , und allmählich wurde der Schmerz etwas milder . Dann schlug er einen Trauergottesdienst vor , - alle drei rauften sich die Haare und schlugen sich an die Brust , während sie den Mohu umtanzten und seinen Fluch auf Cläre Huhn herabriefen . Sie sollte ihm zu Ehren geschlachtet und verbrannt werden , wenn er seinen treuen Dienern zu Hilfe kam . Danach lag jeder vor seiner Hütte , und sie pflogen Rat , was jetzt zu tun sei . Alle drei waren in kriegerischer Stimmung und verlangten danach , sie auszutoben . Detlev kroch vorsichtig den Abhang hinauf , um zu sehen , ob nicht etwa wieder die Dorfkinder zum Blumenpflücken in die Koppel eingebrochen wären . Und richtig , da war eine ganze Rotte , raufte Feldblumen und trat das Gras nieder . Nun erhoben sich auch die beiden andern , sie schlichen geduckt am Wall entlang und umzingelten den Feind . Bald war eine wütende Prügelei im Gang , die Bundesgenossen trugen trotz ihrer geringen Zahl den Sieg davon und machten ein paar Gefangene , die übrigen entflohen unter zornigen Drohreden . Nun hielten sie Gericht : den Mädchen banden sie mit Taschentüchern die Augen zu und stürzten sie vom Wall herab . Ein Junge , der sich heftig zur Wehr setzte , sollte mit in ihre Stadt geschleppt werden . Sie warfen ihn nieder , zogen ihn an Armen und Beinen über das Gras hin zu den Hütten , wo er dann noch ein paarmal hin- und hergeschwenkt und in einen großen Brennesselbusch geworfen wurde . Damit war ihr Blutdurst gestillt , und der Gerichtete durfte mit ziemlich zerrissenen Kleidern heimgehen , während das Geschwisterpaar mit seinem Freunde frohlockend den Mohu umtanzte . Nach diesem stolzen Tage fing das Schulleben für Ellen und Detlev wieder an . Es war wenigstens ein Glück , daß die neue Lehrerin nicht im Hause wohnte und nur zu den Stunden kam . Die Kinder wußten bald , daß mit ihr nicht so leicht fertig zu werden war wie mit der früheren , die sie jetzt in der Erinnerung mit einem förmlichen Nimbus umgaben . Die Mutter hatte eingehend mit ihr über Ellen gesprochen , und das Fräulein nahm sich vor , das unmögliche Kind mit gütiger Strenge zu zähmen . Dadurch hatte sie von vornherein verloren ; Ellen wand sich geradezu vor diesen eindringlichen Blicken und feuchten , ermahnenden Händedrücken , die an ihre Seele heranwollten . - Draußen blühte der Sommer , der Rasen vor dem Fenster wuchs immer höher empor , so daß man gerade in das bunte Gewoge von Gras und Blumen hineinsah . Dahinter breiteten die Kastanienbäume ihre grünen Gewölbe mit den weißen Blütenkerzen bis auf den Boden nieder . - Ellen und Detlev saßen sich gelangweilt gegenüber , platzten manchmal zur Unzeit in Gelächter aus und widerstrebten aus tiefstem Herzen jedem Wort , das die schwarze , glattgescheitelte Lehrerin sagte . Kaum war die Stunde zu Ende , so rannten sie wie kopflos davon und mußten zehnmal zurückgerufen werden , um das Tintenfaß , ihre Bücher oder sonst etwas wegzuräumen . Dann stürzten sie zu den Hütten und warteten auf Geerd . Jeder Tag brachte neue Gedanken , neue Pläne und Taten . Sie gruben Kanäle , legten Inseln drunten im Graben an und befuhren das schlammige , grüne Wasser in einem alten Backtrog oder auf Bretterflößen . Das war die stolze Flotte , die von fernen Gestaden unermeßliche Schätze brachte und mehr wie einmal strandete . Jeden Monat wurden die Ämter und Würden neu verteilt , so waren sie abwechselnd Könige , Minister und hohe Kirchenfürsten in prunkvollen Gewändern aus farbigem Glanzkattun , mit Kronen und Bischofsmützen aus Goldpapier . Dann legten sie sich Namen und Wappen bei , und jeder erdachte sich eine verwickelte Sage über die Abstammung seines Geschlechtes , die mit gemalten Anfangsbuchstaben und absonderlichen Ungeheuern geschmückt , niedergeschrieben und in der Bundeslade aufbewahrt wurde , neben den langen Papierrollen mit Gesetzen . Dann ging der Sommer herum , das Moos an den Hütten vermoderte , und draußen mußte die Arbeit ruhen . Dafür gab es nun Reichstage , Kunstausstellungen von selbstgemalten Bildern , glänzende Mohufeste mit Prozessionen durch das ganze Schloß und Turniere im Rittersaal . Grüngestrichene , hölzerne Gartenstühle waren die stolzen Rosse , die sich hoch aufbäumten , während die Recken sich mit höhnischen Reden zum Kampf herausforderten und mit eingelegter Lanze aus dem Sattel zu heben suchten . An einem Sonntagabend im Winter saßen die drei Kinder allein im Eßzimmer . Es war heute nichts Rechtes mehr anzufangen , Ellen mußte noch für morgen lernen , und Geerd sprach ein paarmal davon , jetzt nach Hause zu gehen . Aber jedesmal suchte Detlev wieder etwas Neues hervor , um ihn festzuhalten . Schließlich wühlte er den ganzen Bücherschrank durch und kam mit einem Stoß von alten Bilderbüchern wieder , die von irgendeiner Großmutter stammten . Sie blätterten darin herum und sahen gelangweilt auf all die ausländischen Tiere , Pflanzen und Völkertrachten . » Jetzt kommen Eingeweide und Gerippe « , kündigte Geerd an . Ellen sah über ihre biblische Geschichte weg : » Was ist das für ein Buch , das haben wir noch nie gesehen , glaube ich ? « » Es lag auch ganz zuunterst « , sagte Detlev . » Eure Mutter hat es wohl vor euch versteckt , da sind Sachen drin , die ihr noch nicht sehen dürft . « Geerd wollte das Buch zumachen , aber nun fielen die beiden darüber her . » Was dürfen wir nicht sehen ? - Gib doch her . - Was ist denn das , ein Embryo ? - Weißt du das , Geerd ? « » Ja , ich weiß schon - das ist ein Kind , ehe es geboren wird . Du bist auch mal einer gewesen . « Die Geschwister sahen die Illustrationen an und versanken in staunendes Schweigen . Dann wollten sie sich totlachen . » Gibt es denn schon Kinder , ehe sie geboren sind ? « » Seid doch nicht so albern « , sagte Geerd und fing an , ihnen mit wissenschaftlichem Ernst den Zusammenhang zu erklären . Die Kinder hörten auf zu lachen , es erwachte zum erstenmal die Ahnung in ihnen , daß das Leben auch drohende , dunkle Tiefen barg , und es schien ihnen seltsam und entsetzlich . Von diesem Abend an drehten sich ihre Gedanken und Gespräche fast ausschließlich um das große Geheimnis , das sie zu begreifen suchten und doch nicht ganz begriffen . Sie nahmen es alle drei sehr ernst - die ganze Welt verwandelte sich ihnen in einen Abgrund von unausdenkbaren Greueln , sie schämten sich ihrer Mitmenschen und verachteten sie . » Wie waren die nur imstande - fast alle Erwachsenen « , sagte Geerd - » sich mit solchen sinnlosen Widerwärtigkeiten abzugeben ? Die Verheirateten , um Kinder zu bekommen , das ging ja wohl nicht anders , aber die übrigen ? Zum bloßen Vergnügen ? - Aber wie konnte ihnen das Vergnügen machen ? Und warum bekamen die keine Kinder ? « So drängte sich ihnen Rätsel auf Rätsel , und alle wußte Geerd auch nicht zu lösen . » Woher weißt du eigentlich das alles ? « fragten sie einmal . » Von meiner Mutter - sie sagt mir alles , was ich wissen will . « Ellen und Detlev waren sehr erstaunt und beneideten ihn um seine Mutter . Bei ihnen war das ganz anders , sie gingen beinah schuldbewußt herum , seit sie so viel erfahren hatten , und zitterten , daß die Eltern es merken könnten . Das Königreich geriet darüber mehr und mehr in Vergessenheit , wenigstens waren sie nicht mehr mit demselben Eifer dabei wie früher , und als die schöne Zeit wiederkam , machten sie lieber weite Spaziergänge miteinander . Der Mutter war es ein Dorn im Auge , daß Ellen immer nur mit den Jungen zusammen sein wollte , aber Geerd und Detlev ließen nicht nach , bis sie mitdurfte . » Meinetwegen diesen einen Sommer noch « , sagte sie schließlich , » aber dann hat es ein Ende . Dann muß sie wirklich einmal anfangen , ein vernünftiges Mädchen zu werden . « Davon war bis jetzt noch wenig zu merken , immer war es gerade Ellen , die mit zerrissenen Kleidern , mit Schrammen und Beulen heimkam oder schlammbedeckt und bis an den Hals durchnäßt . Woher hatte das Kind nur diese unbändige Wildheit im Leibe ? Kein Baum war ihr zu hoch , kein Graben zu breit , und wurde sie dafür gescholten , so brach sie jedesmal in schmerzliche Verwünschungen aus , daß sie kein Junge war . Trotz all dieser Bitternisse war es noch ein wunderbar schöner Sommer , den die drei Freunde zusammen verlebten . Lange Nachmittage lagen sie draußen am Strand in dem kurzen , harten Deichgras , wenn die Luft so klar war , daß man die Inseln deutlich sehen konnte und weitum nichts hörte , wie den langgezogenen , sehnsüchtigen Schrei der Seevögel . Und der Rückweg durch den grünen Koog , wo es große Gefahren und Hindernisse mit Gräben und losgerissenen Bullen gab . Oder sie gingen weit in die Heide hinein zum » Galgenberg « . - Vor vierzig Jahren sollte dort die letzte Hinrichtung gewesen sein , jetzt stand nur noch ein einziger alter Pfosten da . Die Kinder saßen im roten Heidekraut und schauderten , wenn eine Krähe aufflog . Oft sprachen sie dann von ihrem späteren Leben - Geerd sollte zum Herbst auf eine andere Schule , und das war ein furchtbarer Schlag für sie alle . Wie sollten sie ohne einander fortleben , bis sie groß waren und tun konnten , was sie wollten . Denn dann wollten sie wieder zusammenkommen , das stand fest . » Ja , und du wirst wohl auch später einmal heiraten müssen , Ellen , und Kinder kriegen « , sagte Geerd manchmal . Ellen sträubte sich wütend dagegen , es war ein schrecklicher Gedanke , daß sie eine Frau werden sollte , sie suchte sich dann durch doppelte Kraftleistungen hervorzutun und redete wilde Zukunftspläne . Sie dachte immer noch daran , einmal fortzulaufen zu den Zigeunern , hatte sich heimlich beim Tischler Kniestelzen machen lassen und übte sich in Purzelbäumen , um bereit zu sein , wenn der Augenblick kam . Ach , und dann im grünen Wagen von Jahrmarkt zu Jahrmarkt , konnte es wohl etwas Schöneres geben ? Oder wenn das nicht ging , als Schiffsjunge verkleidet zur See gehen ; kein Mensch hielt sie für ein Mädchen , wenn sie Detlevs Kleider anhatte . » Ellens Vogelbauer « , sagte der Bruder überlegen , wenn sie so sprach , und dann lachten die beiden Jungen sie aus . Ellen arbeitete nun schon seit mindestens zwei Jahren daran , einen ungeheuren Käfig für ihre Kanarienvögel zu bauen , der immer wieder mißlang , und jedesmal versuchte sie es dann auf andere Weise . Einmal hatte sie schon einen zustande gebracht aus zerspaltenen Zigarrenkisten , aber es war so dunkel darin , daß die Vögel melancholisch wurden und nicht mehr sangen . Und nun hatte sie natürlich wieder einen neuen angefangen . » Du hast gut reden « , sagte Ellen geärgert , denn Detlev wollte Philosoph werden und große Werke schreiben . Das war in ihren Augen kein Kunststück , und sie fand es sehr langwellig . Die Herbsttage kamen , im Garten wurde es feucht , alles versank in welken Blättern , und der Sturm riß große Äste von den Bäumen . Die Kinder gingen nur noch engumschlungen und waren traurig - ihnen war zumut , als ob eines von ihnen sterben sollte . An Geerds letztem Tage rissen sie die Hütten und den Mohutempel nieder und versenkten ihren Götzen in den Graben - mit bittrer Wehmut - was sollte das alles jetzt noch ? Und dabei kam es ihnen vor , als ob sie seit dem letzten Jahr unendlich viel älter geworden wären . Gegen Abend gingen sie zusammen hinauf , um Geerds Sachen aus der Kinderstube zu holen . Während Detlev noch im Zimmer kramte , standen die beiden andern Hand in Hand auf der Diele neben der großen Stehuhr , die immer so unheimlich laut tickte und beim Schlagen wie ein Uhu heulte . Es war schon halbdunkel . Ellen sah nur Geerds weißen Strohhut und seine weiten , schwarzen Augen , sie sehnte sich heimlich danach , ihm um den Hals zu fallen und ihn viele Male zu küssen , fand aber nicht den Mut dazu . Dann kam Detlev , und sie begleiteten ihren Freund zum letztenmal durch den dunklen Rittersaal , die Treppe hinunter und über den Hof bis zur ersten Laterne . Die Geschwister wohnten nebeneinander und die Tür zwischen ihren Zimmern stand immer offen . Wenn sie im Bett waren , kam die Mutter herauf und betete mit ihnen . An diesem Abend konnte Ellen kaum ein Wort herausbringen und war in Todesangst , daß Mama böse würde . Die sagte aber nur : » Ich finde es auch schade , daß Geerd fort ist , aber nun muß das viele Herumtoben wirklich aufhören . « Mama fand es auch schade - das rührte Ellen so , daß sie sich nur mit Mühe beherrschte . Als die Mutter wieder hinunterging , schlich sie sich leise zu Detlev hinein und setzte sich auf sein Bett . Sie umarmten sich immer wieder und weinten zusammen , dann sprachen sie noch lange von Geerd und wie nun alles verödet war ohne ihn . Seit Geerd fortging , war für Ellens Kinderzeit die beste Freude verloschen , und sie suchte mit tiefem Verlangen nach etwas , das ihr Leben wieder so ausfüllen sollte . Detlev kam nun auch aufs Gymnasium , er fand neue Freunde , die meistens rasch wechselten ; die alte Kameradschaft zu dreien kam mit keinem mehr recht zustande . Die Mutter schränkte Ellens Freiheit auch immer mehr ein , sie fand jetzt mit einemmal , daß sie sich früher zu wenig um das Mädchen gekümmert hatte , und zwang sie , viele von den schönen freien Nachmittagen mit einer Näharbeit im Wohnzimmer zu sitzen . Und Ellen haßte diese Art von Beschäftigung mit verzweifelter Unlust , es war fast noch schlimmer wie Lernen . Ihr ganzer Tag bestand aus immer neuen Versuchen , diesen beiden Übeln zu entrinnen . Wo sie nur konnte , stahl sie sich fort auf die Koppel hinaus , wo der Wind durch die mächtigen Baumkronen strich . Da hörte sie nicht , wenn die Mutter sie rief , und fühlte sich eine kurze Weile sicher vor ihr . Und ihre Seele klammerte sich leidenschaftlich an diese ganze Heimatswelt , die in tausend vertrauten Tönen zu ihr sprach ; sie dachte an all die langen Sommerstunden , wo sie hier gespielt hatten mit soviel Freude und Mut , weil jeder Tag und jede Jahreszeit immer wieder etwas brachte , daß Geerd kam , oder bald Ferien waren , oder das Obst reif wurde . So unendlich viel hatten sie immer vorgehabt und sich ausgemalt für die nächsten Jahre und für später , als ob überall große Schätze und Reichtümer lägen , die man nur zu heben brauchte . Aber auch durch all diese frohen Zeiten ging doch immer ein bittrer Grundton - Mama ! Seit sie denken konnte , fühlte Ellen sich wie verfolgt von ihr und warum ? Warum bekamen Mamas Augen immer diesen sonderbaren , bösen Blick und ihre Stimme den zornigen , fast pfeifenden Ton , wenn Ellen nur zur Tür hereinkam ? War sie allein mit der Mutter im Zimmer , so wehte es sie eisig an , als ob jeden Augenblick etwas Furchtbares geschehen könnte , und nachts träumte sie manchmal , daß die Mutter mit der großen Schere hinter ihr herlief und sie umbringen wollte . Sie hatte sich ja beinahe daran gewöhnt , wie an ein Gebrechen , mit dem man geboren wird und weiß , daß es auf Lebzeiten nicht wieder abzuschütteln ist . Aber woher die Kraft nehmen , es zu tragen ? Ellen fing an , wieder fromm zu werden - der liebe Gott war der Einzige , der ihr helfen konnte , aber er war so weit weg . Sie versuchte es förmlich mit Sturm , ihm wieder nah zu kommen . Es war ihr nicht mehr genug , jeden Sonntag zur Kirche zu gehen , sie betete beim Aufstehen und beim Schlafengehen alles , was sie auswendig wußte , lange Gesänge , Katechismusstücke , und immer auf den Knien . Das bloße Dasitzen mit gefalteten Händen , wie bei der Hausandacht , war ihr nicht feierlich genug . Oft stand sie auch nachts wieder auf , zog den Vorhang in die Höhe , um die Sterne zu sehen , und hielt ihren einsamen Gottesdienst . Oder bei Tage , wenn sie sich ungestört wußte , errichtete sie eine Art Altar , um davor zu beten , stellte ihren liebsten Kanarienvogel mit seinem Käfig auf einen Stuhl und Blumen ringsherum . Nach solchen Stunden fühlte sie einen fanatischen Mut , alles zu ertragen , und es konnte ihr dann beinah Freude machen , wenn sie ungerecht gescholten wurde . Als Ellen vierzehn Jahre alt war , kam wieder etwas Abwechslung in ihr Dasein : sie sollte Tanzstunde bekommen . Das gehörte ebenso unabänderlich in das Erziehungsprogramm wie längere Kleider und reine Hände , die jetzt von ihr verlangt wurden . Es war ihr ganz neu und zuerst etwas beängstigend , mit so vielen Kindern zusammenzukommen . Aber wenn der langbeinige , immer etwas angetrunkene Tanzmeister mit seiner Geige mitten im Saal stand und die ganze Schar um ihn herumwirbelte , kam es wie ein Rausch über sie , und sie vergaß , daß das Leben sonst so schwer war . Den andern Mädchen gegenüber fühlte sie sich etwas zurückgeblieben , vor allem war es unangenehm , als Schloßfräulein so schlecht angezogen zu sein . Dafür hatte ihre Mutter gar keinen Sinn - jahraus , jahrein dieselben alten Kleider , die immer wieder ausgebessert , verlängert oder gewendet wurden und niemals nach der Mode . Ellen hatte sich bisher nicht viel darum gekümmert , aber jetzt konnte sie stundenlang vor dem Spiegel stehen und über ihr Äußeres nachdenken . Wenn Mama sie dabei ertappte , gab es wieder ein Donnerwetter : » Gib dir nur Mühe ordentlich auszusehen und nicht alles zu zerreißen . Das andere ist Nebensache . « Aber das war nicht der einzige Punkt , in dem die Stadtkinder ihr überlegen waren : sie hatten Liebesgeschichten , Rendezvous , gingen mit den Schülern spazieren und zum Konditor . Alle diese lustigen Dinge , von denen Ellen jetzt immer erzählen hörte , schienen ihr so verlockend und begehrenswert , daß sie Detlev verleitete , mitzumachen . Sie erfanden immer neue Vorwände , um in die Stadt zu kommen , und gingen dann mit den andern bummeln . So wundervoll sündig kam man sich vor bei diesen heimlichen Streifzügen unter Lärm und Gelächter , oder in dem dunklen Hinterzimmer der kleinen Konditorei , bei all den Neckereien und Anspielungen , die da hin und her flogen , - bei all dem Herzklopfen vor Entdeckung und den hinterlistigen Verabredungen während der Tanzstunde unter Mamas Augen . Es bekam alles eine andere Perspektive . Ellen hatte bis dahin nur in sich selbst hineingelebt in dem engen Kreise , den man um sie zog . Jetzt fing die Welt an , sich zu weiten , sie sah : es gab noch ein Leben , das jenseits der Mauer lag , das rascher pulsierte und reich an lockenden Erregungen war . Am Ende dieses bewegten Sommers verreisten die Eltern auf längere Zeit . Ellen genoß die Septembertage im Gefühl eines großen Triumphs , denn Cläre Huhn war krank geworden , und das empfand sie als ihr Werk . Vier Jahre hindurch hatten sie sich Tag für Tag an dem großen runden Schultisch gegenübergesessen , und vier Jahre hindurch hatte Ellen das arme , bleichsüchtige Geschöpf buchstäblich gemartert mit allen Schikanen , die der rücksichtslose Haß eines Kindes ersinnen kann . Sie ließ sich kein Lächeln , keinen Fleiß , kein Eingehen auf irgend etwas abgewinnen , begegnete aller Freundlichkeit und aller Strenge mit derselben steinernen , ablehnenden Hartnäckigkeit und betete allabendlich , daß Gott Cläre Huhn mit seinem Zorn treffen möge . Als die Nachricht kam , daß sie erkrankt war , lag Ellen in ihrem Zimmer auf den Knien und dankte Gott . Am Fenster sangen ihre Kanarienvögel , die Sonne lachte , und sie brauchte nicht in die Stunde . Das Werkzeug ihrer Qual war verstummt und unterlegen . Nun kam eine Reihe von Festtagen . Marianne regierte mit Milde und fand , daß die Kinder sich dann auch viel besser lenken ließen . Sie war sich immer gleich geblieben als die sanfte , ruhige Älteste , zu der alle mit ihren Anliegen kamen . Und sie hatte nicht immer einen leichten Stand dabei - die Mutter war hitzig und parteiisch , Papa konnte keinen Ärger vertragen , und die junge Meute stürmte fortwährend dagegen an , mit allen ihren Forderungen , Wünschen und Unbotmäßigkeiten . Jetzt ging jeder seinen Weg und dabei war Frieden . Ellen und Detlev saßen halbe Tage in den Obstbäumen oder lagen im Gras und lasen verbotene Bücher . Sie deklamierten sich gegenseitig die Räuber vor und stritten darum , wer den Faust besser verstände . Hier und da mußten sie auch alle der Schwester bei Gartenarbeiten helfen , und manche Vorübergehende blieben am Gitter stehen und sahen hinein , denn war das heranwachsende Geschlecht der Olestjernes vollzählig beisammen , so konnte man jederzeit ein stürmisches , weithinschallendes Gelächter hören , besonders wenn die » jungen Leute « , wie sie in liebevoller Respektlosigkeit ihre Eltern nannten , nicht dabei waren . In dieser Zeit gab es für Ellen viel Gelegenheit , unbemerkt zu entkommen , und das Herumtreiben hatte jetzt noch einen besonderen Hintergrund . Denn Ellen liebte , und alle ihre Gedanken gingen darauf hin , einem rothaarigen Primaner zu begegnen - an den nebelverschleierten Herbsttagen , wenn die junge Welt in den dämmerigen Gassen oder im Stadtpark auf- und abging . Ellen wußte , daß ihre Liebe unglücklich und hoffnungslos war , denn er stand auf der fernen , unerreichbaren Höhe des Erwachsenseins . Aber es war schon lähmende Seligkeit , ihn nur zu sehen , von ihm gegrüßt zu werden und dann abends an ihn zu denken , wenn sie im Bett lag . In der kleinen Stadt blieb nichts verborgen . Bald nachdem die Freifrau zurückgekehrt war , wurde sie von wohlmeinenden Bekannten darauf aufmerksam gemacht , daß ihre beiden Jüngsten sich eines schlimmen Rufes erfreuten . Nicht einmal Ladenklingeln und Fensterscheiben waren sicher vor ihnen , und was das Ärgste war , Ellen trieb sich mit Jungen in der Stadt herum . Nun wurde Ellen plötzlich aus allen Himmeln geschleudert ; aber diesmal fand sie den Mut zu offener Auflehnung , und es gab eine heiße Szene zwischen ihr und