fortan suchen gingst . Du fandest ihn , den gleißnerischen , falschen . Man rief dir Hosiannah zu , obgleich es nur ein Esel war , auf welchem du durch die schreiende Menge rittest . Er trat mit seinen Hufen die Palmenzweige deines Ruhmes nieder . Sie waren es auch wert ! Denn schon begannen Stimmen hinter dir das Kreuzige zu rufen - - - « » Effendi ! « unterbrach er mich erstaunt . » Du weißt es , was geschah ? Wie kannst denn du es wissen ? ! « » Nur ich ? Das weiß doch jedermann ! Wer nach der Wahrheit strebt , hat durch den Jubel sogenannter Freunde hinauf nach Golgatha zu steigen , um von ihnen verlassen , von den Feinden aber gezwungen zu werden , seinen Geist aufzugeben . « » Seinen - - Geist - - aufzugeben ! « wiederholte er . » Wie wahr , wie wahr das ist ! Sage mir : Hat man es zu thun ? Muß man es thun ? « » Warum fragst du mich , den Sterblichen ? Frage den , der uns noch heut dadurch erlöst , daß er uns vorangestorben ist ! Vater , in deine Hände befehle ich meinen Geist ! so rief er aus , indem er von seinen Leiden Abschied nahm . Sag mir , o Ustad , hast du dieses sein Beispiel befolgt ? Hast du , als man dich deines Geistes wegen marterte , ihn so , wie er den seinen , dem Herrn befohlen ? Hier liegt die Leiche ; so sagtest du . Wohin aber ist ihr Geist gegangen ? Hast du dich zwingen lassen , ihn aufzugeben ? Hättest du ihn in die Hände seines Herrn gelegt , so würde er in diesem seinem Leibe wieder auferstehen können , wie einst Isa Ben Marryam in ganz demselben Leibe auferstanden ist ! « Da setzte der Herr des » hohen Hauses « die Lampe langsam , langsam wieder auf den Tisch . » Warte , Effendi ! « sagte er . Dann ging er hinaus ins Freie , Schritt um Schritt , als ob er plötzlich eine schwere Last zu tragen habe . Als er schon draußen war , drehte er sich noch einmal um . » Glaubst du an eine Auferstehung solcher Toten ? « fragte er . » Ja ! « antwortete ich . » Wirklich ? « » Ich glaube nicht nur an sie , sondern ich kenne sie sogar ! « » Du ? « » Ja , ich ! « » So wollte ich , ich wäre du ! « » Du kannst und darfst es sein ; du brauchst es nur zu wollen ! « » Effendi , Effendi ! Für wen wurde hier diese Lampe wieder angebrannt ? Für dich ? Für mich ? Für uns beide ? Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken , und meine Wege sind nicht eure Wege . So spricht der Herr ! Warte ! Laß mir Zeit ! « Während er nun draußen vor der Thür verschwand , nahm ich das noch offen vor mir liegende Manuskript , um es zuzuschlagen . Es fiel mir der Titel in die Augen . » Geist und Wahrheit « lautete er . Da setzte ich mich nieder , das Buch in der Hand behaltend . Es war mir , als sei ich plötzlich müd , sehr müd geworden . War es eine wirkliche , körperliche Schwäche , die mich überkommen hatte , oder mußte ich mich unter der intellektuellen Wucht dieser beiden Worte niedersetzen ? Wer ist der Mensch daß er es wagt , trotz allem , was ihm dazu fehlt , an eine solche Arbeit zu treten ? ! Dieses Buch war ganz gewiß in jener Zeit der Jugend begonnen worden , für welche das Land der Möglichkeit fast ohne Grenzen ist . Wenn dann das Alter alles , was unter größter Kraftanstrengung für die Unmöglichkeit geleistet wurde , als unbrauchbar vernichten soll , so geschieht dies fast nie , sondern es wird in allen Winkeln aufgestapelt , um dann irgend einem infallibeln Pessimisten als Beweis dafür zu dienen , daß auf der Erde alles , alles eitel sei . Es verlangte mich , dieses Manuskript lesen zu dürfen , und doch wäre ich wohl kaum mit Lust an diese Arbeit gegangen , weil ich mir ja sagen mußte , daß ich nicht damit einverstanden sein könne . So saß ich lange Zeit in beinahe trüben Gedanken da , bis der Ustad wieder hereinkam und mich abermals bat , mit ihm in die Bibliothek zu gehen . Ich stand auf und ließ unwillkürlich einen forschenden Blick an seiner Gestalt niedergleiten . War er ein anderer geworden ? Es hatte sich weder an seiner Figur noch überhaupt an seinem sichtbaren Menschen etwas verändert . Und doch war es mir , als ob er nicht mehr so vor mir stehe , wie er mir unten an meinem Lager erschienen war . Es wollte mich eine Art von Beschämung über diese meine Undankbarkeit beschleichen ; aber gegen dieses Gefühl stand in mir etwas auf , was mächtiger und , wie ich jetzt weiß , auch richtiger und gerechter war und mich aufforderte : » Schmeichle nicht dir selbst , indem du ihn zu schonen scheinst . Die Sonde , welche du an ihn legst , muß dich so wie ihn schmerzen ! « Er sah diesen meinen Blick auf sich ruhen und fragte mich : » Du schaust mich an . Du hast mein Werk da in der Hand . Lasest du vielleicht darin . « » Nur den Titel ? « » Und darum dieser dein Blick ? « » Ja . « » Ich verstehe dich . Geist und Wahrheit ! Vielleicht hätte es besser geheißen : Geist oder Wahrheit ! « » Auch das nicht . « » Also weder und noch oder ! « » Glaubtest du , dem Geiste , der Wahrheit durch Konjunktionen oder zufällige Konjunkturen nahetreten zu können ? Indem du diesen Titel schriebst , hattest du das Werk geschrieben . Du brauchtest es gar nicht zu beginnen . Es mußte unvollendet bleiben . Aber der Geist , der sich an diese Aufgabe wagte , durfte trotz Kaiphas und Pilatus nicht von dir aufgegeben werden . Ich bin überzeugt , daß er Besseres , Edleres und Höheres erreicht hätte als alles , alles das , was hier auf diesen beschriebenen Blättern zu lesen ist . Möchte er doch nicht gestorben sein , sondern nur schlafen , um wieder erwachen zu können ! « » Ob er tot ist oder nur schläft , das wünsche ich , jetzt mit dir erfahren zu können . Ich will dir erzählen , wie er entstand und wie er von mir ging . Es wird keine lustige Geschichte sein . « » Geschichte ? Auf keinen Fall ! Ist er tot , so hältst du seine Leichenrede . Gleicht er aber jenem Nichtverstorbenen , von welchem Christus sagte : unser Freund schläft , so wird es keine Erzählung , sondern eine Auferweckung sein . Da stehen wir vor der Thür des Raumes , in welchem du erzählen willst . Mir ist , als ob in mir jene Stimme klinge , welcher im Besitze des Höchsten , der da lebte , die Macht über den Tod gegeben war : Lazare , komm heraus ! « Da legte er seinen linken Arm um meine Schulter und drückte mich an sich . Ich schlang meinen rechten warm um ihn , und so traten wir beide hinein , innig vereint , als ob wir eine und dieselbe Person bedeuteten . Er stellte die Lampe auf den großen Tisch , führte mich zu einem Sitze , auf den ich mich niederließ , schob die beiden Hände in die Gürtelschnur und ging dann eine ganze Weile schweigend auf und ab . Hierauf lehnte er sich mit dem Rücken an den Tisch , so daß der Lichtschein sein Gesicht nicht traf , und sagte : » Höre meine Einleitung , Effendi ! « Ich nickte . Da begann er : » Die Geschichte einer jeden Anbetungsform hat eine Zeit des Martyriums , der Verfolgung um des Glaubens willen , aufzuweisen . Ich meine hier die Verfolgung mit der Todeswaffe . Wenn dem Religionshasse diese Waffe entzogen worden ist , zieht er sich , rachsüchtig grollend , in den Schutz seiner Lehrsätze zurück , um aus ihnen heraus , die er für uneinnehmbare Mauern hält , auch fernerhin die Andersgläubigen nach Möglichkeit zu schädigen . Es giebt wohl nur wenige Breitengrade der festen Gotteserde , welche nicht die Spuren davon tragen , daß der Mensch keine andere Verehrung Gottes , als nur die seinige dulden will , obgleich es doch wohl allein Gottes Sache wäre , zu bestimmen , in welcher Weise der Mensch zu ihm zu sprechen habe . Dieser aber ist so verwegen , dem Herrn vorzuschreiben , was er zu dulden oder nicht zu dulden habe , und wenn die Berechtigung zu dieser Vorschrift von irgend einem andern angezweifelt wird , so ist man schleunigst mit der Behauptung da , daß sie ja Gottes eigene Offenbarung sei . Im Besitze dieser Offenbarung gebärdet man sich , als ob man den Himmel mit seiner ganzen Seligkeit in Pacht genommen habe und nun ganz nach eigenem Gutdünken am Eingange zu demselben eine Warnungstafel anbringen müsse , auf welcher in den drohendsten Worten zu lesen ist : Der Zutritt ist nur solchen bevorzugten Personen gestattet , welche mit einer eigenhändig unterschriebenen Erlaubniskarte seiner Pächterlichen Hochgnaden versehen sind . Wer ohne diese Bescheinigung hier einzudringen wagt , der wird augenblicklich mit dem leiblichen , geistlichen und ewigen Tode bestraft ! - - - Hast du gegen diese meine Ausführung etwas einzuwenden , Effendi ? « » Soll ich aufrichtig sein ? « fragte ich . » Ich fordere es von dir ! « » So wisse : Du stehst als Personifikation deines Lebens , von dem du jetzt erzählen willst , vor mir . Es ist ein individuelles Leben . Deine Ansichten sind die Ergebnisse desselben . Ich habe sie also als individuelle Meinungen zu betrachten , nicht aber als Gottesbotschaften , die für mich maßgebend sein sollen . Ich bin , wie ich hoffe , ein vernünftiger Mensch . Als solcher habe ich nicht nur den ernsten Fleiß zu achten , mit welchem du nach Erkenntnis strebtest , sondern auch die Früchte dieses Fleißes , die du so aufrichtig bist , mir vorzulegen . Ich weiß , daß du mich nicht zwingen willst , sie zu genießen , und habe also nicht den geringsten Grund zu einem Lobe oder Tadel . Sprich also ruhig weiter ! « Wahrscheinlich hatte er eine andere Antwort erwartet . Er sagte es aber nicht , sondern fuhr gleich fort : » Hast du vielleicht einen solchen angeblich von Gott gepachteten Himmel kennen gelernt ? Ich nicht nur mehrere , sondern viele . Wie sonderbar , daß sie einander alle so außerordentlich ähnlich sind ! Und weißt du , was so ein allgewaltiger Vertreter Gottes für den Pacht bezahlt ? Was von dem ihm gebrachten Weihrauche übrig bleibt , das schickt er dem Herrn hinauf . Weiter nichts ! Und nachdem er sämtliche Verneigungen und Verbeugungen für sich hingenommen hat , ist er so gütig , nun auch seinerseits Gott einen Knicks zu machen . Weiter nichts ! Denn dieser Gott ist so ganz ewige Liebe , Gnade , Geduld und Gutmütigkeit , daß der Usurpator seines Himmels gar nicht an einen Tag der Abrechnung zu denken hat , an welchem er sicher der erste aller derer ist , die hinausgeworfen werden ! Da wirst du mich fragen , wie es sich mit der ewigen Gerechtigkeit verträgt , solchen übermütigen Himmelspächter so lange , lange Zeit im Paradiese sitzen zu lassen . Mein Freund , es ist ja gar nicht der Himmel , in dem er sich festgesetzt hat , sondern jene einstige , herrliche , nun aber zur Wüste gewordene Gedankenwelt , in welcher jedes folgende Kameel genau in die Stapfen des vorangehenden zu treten hat , wenn es nicht von dem Führer gezwungen werden will , auf die Vorderbeine zu fallen , um die Peitsche zu bekommen . « Ich wollte hier eine berichtigende oder wenigstens mildernde Bemerkung machen . Er wies sie aber durch eine rasche und energische Bewegung seiner Hand zurück und sprach weiter : » Ich weiß alles , was du sagen willst , alles ! Du hast gemeint , ich wolle als Personifikation meines Lebens vor dir stehen , als Individuum . Nun lasse es mich auch sein ! Ich hatte die Absicht , anders zu sprechen . Ich wollte mit der Stimme der Menschheit reden . Du aber hast mich darauf gebracht , als Einzelwesen mich jener Zunge zu bedienen , mit welcher mich Haß und Neid aus den Straßen des Lebens hierher in diese meine Einsamkeit verwiesen . Ich danke dir , daß du mir dies ermöglicht hast ! Ich werde nicht die Unwahrheit sagen , auch nicht übertreiben , sondern alles bei dem rechten Namen nennen . Aber fordere nicht von mir , zu schweigen oder gar zu beschönigen und mißzuloben , wo man gegen mich nicht einmal Nachsicht hatte . Der Gemarterte hat keine andern Töne als die , welche ihm der Schmerz erpreßt . Und wenn ich jetzt in der Erinnerung von meinen Bergen aus zurück nach jenen Gegenden steige , in denen ich die größten Qualen erduldete , die ein Mensch erleiden kann , so wundere dich nicht , daß ich nicht im Tone eines Mannes erzähle , der seine Feinde vergessen hat ! « » Ich würde es dennoch thun ! « warf ich ein . » Du ? Wirklich ? « » Ja . « » Ich glaube es dir . Christus sprach ja : Liebet eure Feinde ! Aber er war de Gottmensch , und du hast mich auf das Individuum , auf meine spezielle Persönlichkeit zurückgeführt , und so soll sie es sein , welche ich jetzt sprechen lasse . Ich fordere dich auf , dich als die Gesamtheit meiner Feinde zu betrachten . Zu ihr will ich weiter reden , nicht zu dir , dem das Leben nur Sonnenschein und die Menschheit gewiß nur freundschaftliche Anerkennung gegeben hat ! « Da war ich still ! Ich sagte kein Wort , kein einziges ! Aber mein Gesicht schien nicht ganz so verschwiegen zu sein , wie ich es wünschte , denn er fragte : » Was hast du für ein eigenartiges Lächeln , Effendi ? Gilt es mir ? « » Nein . Bitte , sprich weiter ! Du sagtest , daß du viele jener gepachteten Himmel kennen gelernt habest ? « » Ja . Indem ich dir einen von ihnen beschreibe , lernst du mit ihm auch alle anderen kennen . Also höre ! Ich kam auf meinem Pferde Imtichat2 vom Dschebel Din3 herab in ebenliegendes Menschenland . Da kehrte ich ein und erfuhr , daß hier der Weg zum nahen Paradiese sei . Ich ließ mir diesen Weg zeigen und folgte ihm . Die Leute , welche mir begegneten , schienen alle sehr fromm zu sein . Sie hielten die Hände gefaltet und schlugen die Augen ganz anders auf , als man für gewöhnlich thut . Bewohnte Zelte und Häuser gab es gar nicht mehr , dafür aber lauter Gebäude , welche Allah geweiht waren , wenn auch unter anderen Namen . Ich sah Moscheen neben hochfensterigen Bauten , an denen Türme standen , indische Tempel und chinesische Pagoden , malayische Götterhäuser und amerikanische Medizinzelte , hottentottische Götzenhütten und die in die Erde gegrabenen Andachtslöcher der Australen . Viele , viele Menschen strömten vor mir her . Sie alle wollten in den Himmel . Aber fast ebenso viele kamen traurig zurück , weil sie nicht hineingedurft hatten . Ich fragte sie , warum , und erfuhr , daß sie nicht im Besitze von Erlaubnisscheinen gewesen seien . Da ritt ich weiter . Das Gewühl wurde immer größer , bis ich das Thor des Himmels vor mir sah . Da hielt die Menge an , weil sich quer über den Weg das Chabl el Milal4 spannte . Ich war nicht da , um schon jetzt in den Himmel zu kommen und dort zu bleiben , sondern nur , um ihn zu prüfen . Darum ging mich dieses Seil nichts an . Ich spornte mein Pferd , und es sprang darüber weg . Nun befand ich mich auf dem freien Platze vor dem Thore des Paradieses . An der sehr , sehr hohen Mauer standen herrliche Palmen , Bäume und Sträucher , welche prächtig zu blühen schienen . Aber da ich keinen Duft bemerkte , schaute ich schärfer hin , und da sah ich denn , daß es keine wirklichen , sondern nur gemalte waren . Nur ein einziger von allen war ein wirklicher Baum , aber ein höchst sonderbarer . Er war sehr niedrig , doch unendlich breit . Blüten und Früchte trug er nicht , aber tausende von eigentümlichen Blättern , welche die Form menschlicher Köpfe hatten , die lebendig zu sein schienen , denn sie bewegten die Augen immerfort , wobei sie mit den nie schweigenden Lippen plapperten . Ich drehte mich um und fragte einen der Dastehenden , was das für eine seltsame Pflanze sei . « » Das ist der Baum El Dscharanil , « wurde mir geantwortet . » Kennst du ihn nicht ? Er wurde hierher gepflanzt , weil der Baum der Erkenntnis , der einst mitten im Paradiese stand , abgestorben ist . Seitdem muß man die Blätter des El Dscharanil fragen , wenn man wissen will , ob man das Wohlgefallen Allahs besitze oder nicht . Denn nur sie allein sind es , denen er alle Geheimnisse seines Ratschlusses anvertraut , sonst niemandem weiter auf der ganzen Erde . « Kaum hatte ich dies erfahren , so wurde ich von einigen der Blätter gesehen . Es erhob sich erst ein unverständliches Flüstern . Dieses wurde immer lauter , je mehr Augen sich auf mich richteten , bis sich endlich alle Lippen bewegten , und meinen Namen riefen . Infolge dieses vereinten Geschreies thaten sich alle in der Nähe liegenden Thüren auf , und über mich ergoß sich eine Menge von Gestalten , von denen ich erdrückt worden wäre , wenn ich nicht hoch auf dem Pferde gesessen hätte . Ich spornte es zu einigen Seitensprüngen an , so daß ich freien Raum gewann , und fragte , was man wolle . Die Antwort erklang in allen Sprachen , die es auf der Erde giebt . Die mich Umringenden waren ja auch in die Trachten aller Völker gekleidet . Jeder von ihnen hatte etwas in der Hand , was er sein » heiliges Buch « nannte , und jeder von ihnen versicherte , daß er der einzig und allein berechtigte Aussteller der hier vorzuzeigenden Erlaubniskarte sei . Ich aber machte kurzen Prozeß mit ihnen allen und verlangte die Unterschrift dessen zu sehen , von dem man diesen Himmel gepachtet habe . Das hatte noch niemand gethan , und darum waren sie von dieser meiner Forderung so verblüfft , daß sie alle wieder in ihren Thüren verschwanden . Ich konnte also ungehindert durch das Thor des Paradieses reiten . Doch als ich an dem Baum der Neugierde und Geschwätzigkeit El Dscharanil vorüberkam , riefen alle seine Köpfe in einem und demselben Tone : » Er kommt zwar hinein , doch niemals wieder heraus . Wer dieses Himmelreich betritt , der ist verloren . Dafür haben wir gesorgt , wir , die Gottesstimmen ! « Hier machte der Ustad eine Pause . Welch ein Bild er mir da vor die Augen stellte ! Fremdartig , aber nicht ganz unwahr . Was ich als gerechtdenkender Beobachter dagegen zu sagen hatte , das hob ich mir für später auf , weil sein Gedankengang zu interessant war , als daß ich ihn in demselben hätte stören mögen . Er sprach auch sehr bald weiter : » Sobald ich das Thor hinter mir hatte , blieb ich , mich umschauend , halten . Wie groß war mein Erstaunen , als ich nichts , aber auch gar nichts zu entdecken vermochte , was ich hätte himmlisch oder paradiesisch nennen können ! Ich befand mich in einer unbeschreiblich kahlen , öden , leblosen Traurigkeit . Man hatte es nicht einmal für der Mühe wert gehalten , die Innenseite der Mauer ebenso zu bemalen wie die äußere . Die Malereien da draußen waren angebracht worden , durch die mit ihnen bezweckte Täuschung die kurzsichtigen und vertrauensseligen Gläubigen anzulocken . Da man aber keinen , der das Chabl el Milal hinter sich hatte , wieder zurückkehren ließ , so hielt man es nicht für nötig , diese Beschönigungen dann im Paradiese fortzusetzen . Ich sah weder Baum noch Strauch . Kein Wasser floß . Kein Weg war zu erkennen . Nichts als verwehte Spuren im ausgetrockneten , unfruchtbaren Sande , so lag vor meinen Augen das sogenannte Eden , von welchem die Erleuchteten des Herrn in hundert Zungen der Verzückung sprachen ! Es mußte jedem Fuße grauen , einen Vorwärtsschritt in diese wüste Hoffnungslosigkeit zu wagen . Und doch schien man es für ganz selbstverständlich zu halten , daß jeder Angekommene diese ihn ganz unvermeidlich packende Angst zu überwinden habe . Es war dafür gesorgt , daß kein am Eingang Stehengebliebener den Nachfolgenden diese seine Bangigkeit verraten konnte . Es gab hier schnellbereite Wesen , welche ihn sofort wegzuschaffen hatten . Sie standen zu beiden Seiten des Thores , um , hinter der Mauer versteckt , bei jeder neuen Ankunft als vorzüglich auf den Mann dressirte Kameele und Esel schnell herbeizueilen , damit niemand Zeit finde , bedenklich zu werden . Auch als ich erschien , rührten sie augenblicklich die Beine . Da aber sahen sie mein Pferd . Das war genug für sie , mir fern zu bleiben . Wie bei den Menschen alles Unedle von dem Edlen abgestoßen wird , so auch hier bei diesen Tieren . Ich nahm mir Zeit , sie zu betrachten . Die Esel waren alle von tiefdunkelster Farbe , klein , fast winzig , doch mit so hochgehendem Sattelgestell , daß der Hinaufgekletterte sich wohl sehr erhaben vorkommen konnte . Anstatt des gebräuchlichen Riemenzeuges gab es nur eine kurze Aufsatzleine , welche das Maul des Esels so in die Höhe zog , daß die Augen nichts mehr von der Erde , sondern nur noch den Himmel sehen konnten . Das war so tierquälerisch , daß ich den Kopf über den Unverstand schütteln mußte , der zu dem Naturzwange , zu allem immer nur Ja sagen zu müssen , auch noch diese Köpfe-hoch-Dressur zu fügen weiß ! Aber dieses Zuviel für das Tier hatte man durch ein Zuwenig für den Reiter ausgleichen zu müssen gemeint : Es gab für ihn keinen Zügel , um den Esel zu lenken . Er mußte einfach dorthin , wohin der Letztere abgerichtet worden war . « Der Ustad hatte während dieser Beschreibung mit gebeugtem Kopfe nur in sich hineingeschaut . Jetzt sah er mich an und fragte : » Hast du mich verstanden , Effendi ? « » Ja , « nickte ich . » Willst du etwas dazu bemerken ? « » Jetzt nicht , sondern später , wenn du fertig bist . Ich könnte ja nicht ganz und voll antworten , wenn ich dich nur halb sprechen ließe . Also bitte , weiter ! « » Ja weiter : die Kamele ! Du kennst die edlen , herrlichen Bischarihn-Hedschihn , welche für Geld fast nie zu haben sind . Ihre Vornehmheit wird durch Stammbäume nachgewiesen . Du kennst auch das unvergleichlich nützliche bucharische oder turkistanische Kamel , ohne welches es in jenen Gegenden der Erde weder Leben noch Bewegung geben könnte . Doch , kennst du auch jene tief verkommene Art des Kameles , welche bei euch in ungesunden , lichtlosen Ställen gezogen wird , um in Gesellschaft von Bären , Stachelschweinen und Murmeltieren dressierte Affen durch die Welt zu tragen ? Als ich noch Knabe war , fand ich sie sehr belustigend . Seitdem ich aber edle Rasse kenne , thut mir der Anblick solcher Tiere wehe . Man sagt , daß diese Zucht vorzugsweise von Italien ausgehe . Wenigstens pflegen die Führer solcher Sehenswürdigkeiten , welche fast immer Virtuosen auf der Sackpfeife sind , nach welcher Bär und Affe tanzen müssen , meist italienischen Geblütes zu sein . Nun denke dir ein solches , im tiefsten Schmutze geborenes und mit der Peitsche erzogenes Kamel , mit Dornen und Disteln gefüttert und mit schmutzigem Wasser getränkt , nie vom Ungeziefer gereinigt , ein vom Hunger und Elend gefügig gemachtes Skelett mit haarlos geschundener Haut und wundem Gehufe , so hast du ein Bild der Kamele , die hier in dem Himmelreich standen , von fettreichen Pächtern entmagert , für die sie die Qualen zu dulden und sich schweigend zu opfern hatten ! Ihre tiefhängenden Köpfe waren mit Dopplstricken an beide Kniee gefesselt , so daß sie nie den Himmel , sondern nur die Erde in den Augen hatten . Zum Kniebeugen reichten diese Stricke aus , doch nicht dazu , das Haupt emporzuheben . Und einen weiten , freien Schritt zu thun , auch das litt diese ihre Fessel nicht . Sie konnten nur behutsam vorwärtsschleichen und hatten nichts zu thun als das , was die Dressur befahl . An ihren Mäulern hingen Lippenkörbe , damit sie gegen Züchtigungen sich ja nicht wehren könnten und ja nicht von den giftigen Kräutern fräßen , an denen zwar sogar Kameele sterben , die aber für die Zwecke solcher Paradiese besonders wertvoll sind . Die Sättel waren hohe Throngestelle , mit farbenreichem Teppichwerk belegt , mit Fransen- und mit Federschmuck behangen , sodaß der Reiter , falls es ihm gelang , sich auf der stolzen Höhe festzusetzen , und wenn er jene Phantasie besaß , die leidenschaftlich gern auf Höckern reitet , sich leicht als Allahs Liebling dünken konnte . - - - Hast du auch dieses Bild verstanden , Sihdi ? « » Ja , « antwortete ich . » Es ist ja deutlicher , als ich es geben möchte . Ich bitte dich , dein Pferd nun abzuwenden ! « » Ich habe es gethan . Ich ritt davon , mit offenem Auge in dieses vielgerühmte Himmelreich hinein . Fragst du mich vielleicht , wie lange es dauerte , bis ich es kennen gelernt hatte ? Ein ganzes , ganzes Menschenelend lang ! Soll ich beschreiben , was ich sah , was ich entdeckte ? Wer kann Unbeschreibliches beschreiben ! Schon gleich am ersten Tage blieb ich nicht allein . Der Menschheitsjammer kam zu mir und weinte mir aus tiefen Augenhöhlen zu . Er hat mich nicht verlassen bis zum letzten Schritt . Das Erdenweh gesellte sich zu mir . Es kroch zu mir aufs Pferd und schlang die Arme fest um meine Hüften . Des Lebens Elend faßte meinen Bügel und schleppte sich an meiner Seite weiter . Es kam die Not gerannt und griff in die Kanthare , um mich in meiner Richtung zu beirren . Wenn sich die Dämmerung senkte , tanzten die Schatten des Verbrechens vor mir her , und in der stillen Nacht begannen Schuld und Strafe hinter mir zu heulen . Ich ritt wochenlang durch Trümmerstätten , in denen mich der hohnlachende Menschenwahn als Gespenst der Vernichtung begrüßte . Ich kam über schier endlose Gräberfelder , aus deren Höhlen das irre Gekicher der Unduldsamkeit schrillte . Ich sah Tempelruinen , in denen der Unverstand im tiefsten Stumpfsinne hockte . Um die zerbrochenen Säulen einstiger Heiligtümer schlug die Narrheit ihre widerlichen Capriolen . An ausgetrockneten Quellen träumte die Gleichgültigkeit in Lumpen , die ihre Blöße kaum bedecken konnten . Die Scheinheiligkeit andächtelte vor eingestürzten Kapellen , für deren Erhaltung sie keine Hand gerührt hatte . Zuweilen tauchte am Horizonte einer jener Reiter auf , welche Einlaßkarten besessen hatten ; aber sein Tier wendete sich sofort zur Flucht , sobald es sah , daß ich kein Kamel und keinen Esel ritt . Und wenn sich irgendwo noch ein anderes Wesen in diesem starren Himmelreiche zeigte , so hatte ich entweder einen listigen Fennek5 gesehen , der mit Lammesaugenaufschlag schnell verschwand , oder es war ein fraßgieriger Dibb6 , welcher mit eingezogenem Schwanze und heuchlerisch gesenktem Kopfe von weitem an mir vorüberschlich . « Hier ließ der Ustad eine weitere Pause eintreten . Ich war ihm mit großem Interesse gefolgt . Nun fühlte ich eine Lücke in seiner Darstellung . Darum fragte ich : » Aber alle die Unzähligen , welche Einlaß bekommen haben ? Sie können dir doch nicht so einzeln erschienen und gleich wieder verschwunden sein ! « » Nein , « antwortete er . » Ich kann sie dir leider nicht ersparen . Meinst du vielleicht , dieses Paradies sei von einer himmlisch friedfertigen , sich gegenseitig liebenden und stützenden Bevölkerung bewohnt ? Glaubst du , dort einen Hirten und eine Herde zu finden ? Ich kenne so gut wie du das verheißende Wort : Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gekommen ist , das wird von Gott bereitet denen , die ihn lieben . Welche unbeschreiblichen Glückseligkeiten aber waren es , welche ich zu sehen und zu hören bekam ? Höre und staune ! Hast du schon einmal vernommen , daß es unter den wilden Tieren welche giebt , die sich von ihresgleichen zurückgezogen haben und sie so grimmig hassen , daß sie jedes , welches in ihren Bereich kommt , sofort zerreißen oder sonst vernichten ? « » Ja . Dies ist besonders bei den Elefanten , Nashörnern , Löwen , Tigern und andern Raubtieren der Fall . Man pflegt solche Exemplare Einsiedler zu nennen . « » Nun , so wisse , daß es