der von hohen Felsen umgeben ist . Warum er gerade mit diesem Namen bedacht worden ist , konnte ich nicht ergründen . In allen Ländern kommt aber diese Benennung so häufig vor , dass man unwillkürlich annehmen muss , der Glaube an die Allgegenwart des Teufels sei weit mehr als derjenige an eine andere Allgegenwart im tiefinnersten Bewusstsein der Menschen lebendig . Der Glaube an Gespenster , an böse Geister , anders auch Teufel genannt , ist ja sicherlich älter als der eigentliche Gottesglauben , denn aus der Angst vor bösen , unerklärlichen Mächten ist aller Kultus entstanden ; er diente anfänglich immer dazu , Unheil von den armen Menschen abzuwenden , die von den bösen Geistern verfolgt wurden : die ursprünglichen Kultformen sind immer abwehrender Art und vielen , vielleicht den meisten Menschen , erscheint ihre Gottheit auch heute ja noch als ein erzürntes Wesen , das versöhnt werden muss . Dieser kanadische Teufelssee erinnerte mich sehr an einen kleinen See in den Pyrenäen , den ich vor Jahren einmal sah . Dort steht auf einem Felsen ein kleines Kreuz , und der baskische Führer zog das breite wollene Barett ab , bekreuzigte sich und sagte , an der Stelle sei ein Liebespaar ertrunken . Jung , wie ich damals war , rührte mich das sehr . Als ich aber bis zu dem Kreuz geklettert war , las ich eine so alte Jahreszahl , dass das Liebespaar , wenn es statt zu ertrinken , alt und grau geworden wäre , und Urenkel erlebt hätte , unter allen Umständen doch längst hätte tot sein müssen . Das dämpfte meine Rührung . So oder so - ein Kreuzchen wäre doch schon längst das Ende - vielleicht war ' s besser so . 6 Banff , September 1899 . Lieber Freund ! Die Welt ist hier so schön , dass ich Ihnen gleich wieder schreiben muss ! Ich fürchte , dieser Briefanfang ist nicht sehr logisch - aber Sie werden ihn doch verstehen , Sie haben ja immer alles verstanden - Gesprochenes und Unausgesprochenes . Wir haben uns in einem Lande gekannt , das wohl niemand als besonders schön bezeichnen würde , im Gegenteil , es war oft recht öde und hässlich , und über all unseren gemeinsamen Erinnerungen liegt es wie ein Schleier von Wehmut . Und doch , seitdem ich von dort fort bin , fühle ich mich Ihnen niemals näher , als gerade , wenn ich etwas wirklich Schönes sehe . Nach den drei Jahren in Peking , wo mir das Schöne so selten durch die Natur offenbart wurde , sondern wo ich es nur in eines Menschen Herz und Seele fand , ist es mir wie eine Offenbarung , zu sehen , wie köstlich die übrige Welt doch ist . Jetzt beim Anblick dieser herrlichen Berge , wenn die Sonne auf die Gletscher scheint und die Bäche von den Felswänden herabstürzen in einen tiefgrünen See , wenn ich die harzige Luft einatme und an den hohen Stämmen hinauf schaue , die hier standen , lang ehe der weisse Mann das Land betrat - da frag ich mich oftmals : ist dies dieselbe Welt ? Hat das alles so gerauscht , geleuchtet , gefunkelt , geduftet , während der drei letzten , grauen Jahre , die ich in jener fernen Stadt verlebt , wo alles so unendlich fremd war und sich mir das Herz oft zusammenzog in beklemmender Angst , wie vor unheimlichem , unabwendbarem Schicksal ? Es ist so schön , wieder etwas schön finden zu können , plötzlich zu fühlen , dass die Jugend und die Begeisterungsfähigkeit nur schlummerten , dass sie aber noch da sind und bloss warteten , wieder aufleben zu dürfen . Es ist so schön , lieber Freund , sich noch einmal freuen zu können - ohne besonderen Wunsch , ohne irgend welche eigennützigen Gedanken , die ganz eigene , harmonische Freude zu empfinden , die die Natur in uns erweckt , die klärt und beruhigt , und durch die das Sorgen , Fürchten und Trauern für ein Weilchen wie in fernem Nebel verschwimmen . In solchen Augenblicken kommt es uns zum Bewusstsein , dass wir selbst eben auch ein Stückchen Natur sind , trotz alles Künstlichen und Gequälten , das uns die Erbschaft von Hunderten von Generationen auferlegt hat , und für einen kurzen Augenblick scheint es uns möglich , zu werden , wie die Lilien auf dem Felde . - Für eine kleine Spanne Zeit vermag das Schöne uns von der Last des Erlebten , des Gewollten , des nie Erreichten zu befreien . Wir atmen einmal frei auf , möchten vergessen und verweilen - aber schon müssen wir wieder hinein in die Mühe und die Qual , die uns Leben sind . - Doch auch für die kurze Rast sei diesen Wäldern Dank ! 7 Banff , September 1899 . In der hiesigen Waldesstille , die so beruhigend auf uns Weitgewanderte wirkt , denke ich oft staunend an das Hasten und Ringen zurück , in dem wir in Peking gelebt haben . Dort schien Streben und Kämpfen , andere verdrängen und sich selbst einen Platz erobern der einzige Zweck des Daseins zu sein . Ich glaube , dass Sie , lieber Freund , verstehen werden , welche Erquickung dieser weltabgeschiedene Frieden mir gewährt . Denn oft , wenn ich Sie in Peking reden hörte , hatte ich die Empfindung , dass Sie das ganze dortige Treiben und Drängen wie von einer Höhe aus betrachteten , zu der all die kleinlichen Motive nicht heranreichten , dass Sie mit Ihren Gedanken in einer Stadt lebten , die allem Niedrigen wirklich eine » verbotene « war . Sie dachten und fühlten ja sogar für die Chinesen , deren Wünsche und Anschauungen allen anderen als eine quantité négligeable erschienen , und die nur dazu da waren , um mit Gewalt in sogenannte Fortschritte getrieben zu werden , die dafür gestraft wurden , dass sie sich von dem einen hatten berauben lassen , indem der andere sie noch mehr beraubte . Ein jeder stachelte die Chinesen dazu an , gegen die Forderungen des anderen scharf aufzutreten und ihm nichts zuzugestehen , aber im entscheidenden Moment liess man die Chinesen stets im Stich , es wurde ihnen nie wirklich geholfen , sondern man überliess sie der Gnade des anderen und stellte dann das Gleichgewicht wieder her , indem man selbst mit neuen Forderungen kam . Ich habe nirgends so sehr wie in Peking den Erfolg verachten gelernt , weil ich einmal ganz aus der Nähe gesehen habe , womit er erreicht wurde , von den einen durch Bestechung , von den anderen durch Drohen mit roher Gewalt . Die armen Chinesen sind nun einmal gegen Geld und Kanonen , innerlich und äusserlich , widerstandslos . Setzen sie sich aber einmal zur Wehr , so steckt immer eine andere Macht dahinter , die eben mehr bestochen , oder mehr gedroht hat , von der mehr zu gewinnen oder mehr zu fürchten war . Ich erinnere mich sehr gut , wie Ihr Freund Li Hung Tschang sich ein paarmal fremden Forderungen widersetzte und auch wirklich nicht nachgab . Das war eben , weil hinter ihm eine andere fremde Macht stand , vor der er noch mehr Angst hatte als vor den Fordernden . Und die ganze europäische Erbärmlichkeit kam dann zutage , indem man wohl über Li Hung Tschang herfiel , die fremde Macht aber unerwähnt liess - weil man vor der eben selbst auch Furcht hatte . Die Pekinger Luft hat nun einmal einen ganz besonderen Einfluss auf die weissen Männer : entweder sie werden dort chinesischer als die Chinesen und zu leidenschaftlichen Freunden und Verteidigern Chinas , wie die meisten Dolmetscher , Zollbeamten und Diplomaten der alten Schule , oder , und das sind die Jüngeren , sie werden von einem Taumel des Übermenschtums erfasst , der in einer grenzenlosen Verachtung alles Chinesischen wurzelt . Sie predigen , man solle zugreifen , sich nehmen , was man brauche , einzig das tun , was die eigene Herrenmoral fordere , denn so allein könnten Nationen und einzelne gross werden . Der Kern der Sache ist , sie trachten danach , einem anderen unrechtmässigerweise etwas fortzunehmen . Dazu werden die grossen Worte » Patriotismus , Expansion , neue Absatzgebiete , Stützpunkte « ausgekramt - und dazu drapieren sich ganz harmlose Bureaukratenseelen als Cesar Borgias , als Schüler Macchiavellis und Nietzsches . Aber das Herrentum lässt sich nur improvisieren , so lange man ausschliesslich mit Chinesen zu tun hat ; wird die Lage ernster , stehen hinter dem Chinesen Mächtigere , dann tritt eine sehr unherrenmässige Nervosität an die Stelle der Kraftmenschpose . - Trotz allem , was darüber gesagt wird , sind wir eben keine Generation der Übermenschen . Wir sind Zweifler , Spötter , Unzufriedene - zum Übermenschtum fehlt uns das Zeug . Dazu müssten wir vor allem an uns selbst glauben - und wer tut das heute noch ? - Sind wir ehrlich , so haben wir uns doch alle als armselige Blechgötzen erkannt - vielleicht imponieren wir noch den Wilden , uns selbst aber doch sicherlich nicht . 8 Im Eisenbahnzuge , Oktober 1899 . Lieber Freund , wir haben das reizende Banff verlassen . Die Bergketten , die tiefen grünen Wälder liegen längst hinter uns . Einen ganzen Tag schon fahren wir durch die weite Ebene . Wir haben zum Fenster hinaus geschaut , haben hier und da ein paar Seiten eines Buches gelesen und die anderen Reisenden beobachtet . Nun wird es Abend , die Schatten werden länger , und im fernen purpurnen Westen neigt sich die Sonne anderen Welten zu . Mir ist , als ob graue Wesen aus der Erde aufsteigen , die mich stumm anblicken und in deren toten Augen ich die Frage lese : » Was hast Du aus uns gemacht ? « Es sind Pläne und Hoffnungen , Träume , Wünsche und Ideale - lauter Dinge , mit denen wir vor langen Zeiten , am frühen Morgen des Lebens , die Fahrt begannen , die wir damals hüteten , als das kostbarste , was wir mit uns nahmen , als unseren höchsten Besitz . Es war , als gehörten uns seltene , goldige Samenkörner , aus denen ein märchenhafter Garten erstehen sollte , voll schöner , noch nie dagewesener Blumen . Aber statt einen Garten anlegen zu können , haben wir im Laufe der Reise die Samenkörner alle allmählich am Wege verloren , die einen früh , die anderen spät . Manche sind verschwunden , ohne dass wir es selbst recht merkten , wie Träume , die beim Erwachen verweht sind , niemand weiss wohin , die Erinnerung an sie sogar ist tot . Um andere haben wir gekämpft und wollten sie durchaus festhalten , sie sollten ja zum stolzesten oder liebsten Schmuck des künftigen Gartens werden - und wir haben sie doch hingeben müssen , haben auch sie verloren , in bitterem , alle Freude vernichtendem Schmerz . In den Mühen und Sorgen des täglichen Lebens , die uns wie Opium vom Schicksal gegeben werden , um die grösseren Leiden zu vergessen , denken wir kaum all des vielen Verlorenen . Aber an den Abenden langer Reisetage , wenn das Buch der Hand entgleitet und wir müde aus dem Fenster hinausstarren , wenn der Zug durch weite Ebenen braust und sein Schatten , riesengross verlängert , über der wehenden Grasfläche neben uns dahineilt , wenn überall um uns die festen Formen sich auflösen und verschwimmen in dämmerigem Grau - dann greifen uns unsichtbare Hände kalt ans Herz , unendliche Wehmut , vergebliches Sehnen , bitteres Erinnern erfüllen uns ganz . Das ist die Stunde , wo Verlorenes , Totes aufersteht , wo wir plötzlich gewahr werden , wie arm wir geworden . Der geträumte Märchengarten liegt plötzlich wieder vor uns , so schön , so beglückend , wie wir ihn einst geplant , in jener Zeit , da wir das felsenfeste Bewusstsein hatten , zu ganz Besonderem berufen zu sein ; aber statt der damaligen Zuversicht , statt des Glaubens an uns und unsere Bestimmung , erfüllt uns heute nur bitteres Weh ; wir wissen ja , dass wir all die goldigen Blumensaaten verloren haben , die einen erstarrten in Eis und Schnee , die anderen verbrannten in sengender Glut - nimmer werden sie keimen und blühen . Mit Nichtigkeiten und Eitelkeiten sind die Jahre verstrichen , wir haben sie vergeudet in der Jagd nach dem Unwesentlichen und vertrauert in den Sümpfen der Entmutigung - und darüber ist das Höchste und Beste in uns gestorben , das Kostbarste ist verloren gegangen . Und nun ist es zu spät ! - Wir möchten die Zeit anhalten , zurückeilen , nochmals anfangen und alles so ganz anders und besser beginnen ! Aber nie können die Räder der Zeit sich für uns rückwärts drehen , und der Zug braust unaufhaltsam über die Ebene weiter ; wie ein Ungeheuer breitet sich sein Schatten über die Fläche , wie ein Ungeheuer führt uns das Schicksal eilend weiter . Willenlos müssen wir ihm folgen , die wir nicht stark genug waren , selbst Schicksal zu werden , die wir die Jahre vergeudet und dann vertrauert . Und die ganze Fahrt - wohin ? wozu ? - Selig , wer sich aus der Kette der Verluste , als Opium letzter Stunde , den Glauben an ein Ziel gerettet . 9 New York , Oktober 1899 . Lieber Freund ! Nach viertägiger Fahrt sind wir endlich hier eingetroffen . Müde und verstaubt kamen wir gestern Abend an und fuhren gleich nach dem Waldorf Astoria . Ich wartete in der grossen Halle des Hotels , während mein Bruder sich nach unseren Zimmern bei den Direktoren erkundigte , die wie Kronjuwelen oder Verbrecher hinter Gittern sitzen . Während ich so wartete , bildete sich allmählich ein Gedränge um mich , das ich mir nicht zu erklären wusste , da ich mich weder schön noch abschreckend genug fühlte , um ein derartiges Interesse bei meinen Mitmenschen zu erregen . Das Rätsel löste sich aber bald . Nicht ich , sondern unser chinesischer Diener Ta-kwan-li war der Gegenstand allgemeiner Aufmerksamkeit . Während er gleichmütig neben mir stand , in jeder Hand eine Reisetasche , auf seinem guten runden Gesicht den Ausdruck vollkommenster Indifferenz , und die kleinen geschlitzten Augen so zugekniffen hielt , als lohne es sich gar nicht , sie zu öffnen , um diese ganz neue Welt zu betrachten , standen Herren und Damen um ihn herum , riefen andere herbei , ihn auch zu begaffen , und tauschten allerhand Bemerkungen über sein Äusseres aus . Der Orientale , dem doch alles so gänzlich neu und befremdend sein musste , war dem westlichen Menschen mal wieder ganz überlegen durch seine angeborene und anerzogene Ruhe . Er zeigte weder Erstaunen noch Neugier und sagte nur : » Wenn sie mich genug betrachtet haben , werden sie wohl aufhören . « Die unmittelbare Folge von Tas Aufsehen erregender Anwesenheit war , dass sich sofort Reporter der verschiedensten Zeitungen bei uns melden liessen . Sie waren voller Neugier , China und besonders die alte Kaiserin betreffend , über die sich nach dem Staatsstreich offenbar wahre Sagenkreise gebildet haben . » Ob wir an den Fortbestand Chinas glaubten ? Ob es zu einer Aufteilung kommen würde ? Ob Li Hung Tschang wirklich in russischem Solde stände ? Welchen Mächten die Kaiserin zuneige ? « Wir suchten uns aus all den verfänglichen Fragen herauszuziehen , indem wir wiederholten , dass wir ja keine Diplomaten , sondern einfache Privatleute seien - aber es war schwer , diese professionellen Frager los zu werden . Schliesslich liessen wir durch Ta jedem neuen Besucher sagen , dass wir von der Reise sehr müde seien und niemand mehr sehen könnten . Da hörten wir denn durch die Tür , wie sie nun mit Ta ein Kreuzverhör anstellten . Besonders wollten sie wissen , wie ihm New York gefalle , was ja immer die erste Frage ist , die Amerikaner stellen . Ta entwickelte wieder die grösste Ruhe und würdevolle Zurückhaltung , indem er antwortete , er sei ja eben erst bei Nacht angelangt und habe noch nichts erblicken können , es schiene ihm aber , dass die Amerikaner noch nicht viel Leute aus fremden Ländern gesehen hätten . Heute Morgen stand ich ganz früh auf , setzte mich ans Fenster und sah die grosse Stadt erwachen . Wir wohnen im achten Stock , die Menschen unten in der Avenue sehen wie Ameisen aus , und dabei sind wir noch nicht auf der halben Höhe des Hotels . Über seinem letzten Stockwerk ist eine Terrasse angelegt , ein sogenannter Dachgarten , wo man in den heissen Sommernächten Musik hören , kalte Getränke einnehmen und ein bisschen kühle Brise einatmen kann . Auf mehreren der höchsten Gebäude der Stadt , den achtzehn , zwanzig und noch mehr Stockwerke hohen Himmelskratzern , sind solche Vergnügungslokale errichtet - hell erleuchtet , scheinen sie nachts wie unbewegliche Ballons im dunkeln Himmel zu hängen . Von unsern Fenstern aus haben wir einen schönen weiten Blick auf die Fünfte Avenue und die Dreiunddreissigste Strasse , bis auf das Wasser des East River , auf dem früh noch nächtlicher Nebel lagert . Das Astorsche Haus , uns unmittelbar gegenüber , das ich vor Jahren so massiv und prächtig fand , ist längst überflügelt durch die neuesten Riesenbauten . Aus dem bläulichen Morgendunst tauchen sie auf wie Werke eines neuen Geschlechts , voll noch ungeahnter Möglichkeiten , wie die Schlösser künftiger Märchen , gigantisch , himmelstürmend und schön in ihrer Art , weil sie so vollkommen zweckentsprechend sind . Das erste , was ich heute tat , war , mich mit der Ausschmückung meines äusseren Menschen zu beschäftigen , denn ach , im Sonnenlicht westlichster Zivilisation besehen , erscheint meine chinesische Garderobe doch nicht ganz up to date . Ich fürchte , ich werde die Werke Tientais , dieses einzigsten Pekinger Schneiders , der für die Europäer alles fabrizierte , von Fracks bis zu Maskenkostümen , Ballkleidern und Layetten , nur noch als Reliquien vergangener Zeiten bewahren . Als ich heute in die Salons eines grossen Schneidergeschäfts trat und unwahrscheinlich schlanke Damen mit kunstvoll frisiertem rotgoldenen Haar die letzten Modeschöpfungen anlegten und darin vor mir zwischen langen Spiegelreihen auf und ab stolzierten , musste ich lächeln im Gedanken an das letzte Schneideratelier , in dem ich vor wenigen Wochen noch gewesen - das Atelier Tientais . - Ein paar Schritte von der englischen Gesandtschaft lag es , dicht an der Brücke , die über den Kanal führt . Aus dem Sumpf und den Löchern der Strasse konnte man sich auf die Karikatur eines Trottoirs retten , das auch nur aus ein paar übereinander geworfenen Steinen bestand . Schaute man durch die offene Tür in die Schneiderhütte , so sah man ein niedriges Zimmerchen , dessen Wände mit Modebildern besteckt waren ; mehrere Chinesen sassen darin , eifrig nähend an Herren- und Damenkleidern ; in einem Winkel lag ein Haufen englischer Stoffe , die zu » Nummer-Eins « -Kostümen verarbeitet , von der Pekinger europäischen jeunesse dorée bei den Frühlings- oder Herbst-Rennen eingeweiht wurden . Andre Städtchen ! andre Mädchen ! Wie würde Tientai staunen , wenn er hörte , dass die Säle mit den Spiegelscheiben , vor denen die blonden Houris auf und ab paradieren , die Behausung eines amerikanischen Tientais sind . Als ich meinen Namen und meine Adresse angab , ertönten kleine Schreie freudigen Erstaunens von der Direktrice , den Verkäuferinnen und den schönen Probiermamsells : » Was , Sie sind die Dame , die gestern aus Peking angekommen ist ? « » Wir haben es alles in den Morgenblättern gelesen . « » Sie wohnen im Waldorf und haben einen Chinesen mitgebracht . « Alle wollten mich nun bedienen , und jede hatte eine andere Frage über China und vor allem über die alte Kaiserin ; die Existenz anderer Kunden schien vergessen . Aber die Direktrice , Madame Blanche , führte mich in einen kleinen Nebensalon , und während ich die ausgewählten Kleider anprobierte , schwirrten Fragen an mich und Weisungen an die Rock- und Taillenarbeiterinnen wirr durcheinander . » Und ist die alte Kaiserin wirklich eine so böse Frau ? « ( » Miss Caroline , bitte die Taille etwas enger . « ) » Wir haben so viel Sympathie für den armen kleinen Kaiser . « ( » Miss Harriet , bitte , straff über den Hüften und von den Knieen an weit und faltig . « ) » Ist es wahr , dass sie ihn auf einer kleinen Insel gefangen hält ? « ( » Recht weit über die Büste , Miss Caroline , das Fichu voll drapiert , du flou toujours du flou . « ) » Was kann man aber auch von einer Heidin erwarten ! « ( » Miss Harriet , den Rock recht lang , das gibt etwas schwebendes . « ) » Und hat der Kaiser wirklich dreihundert Frauen ? « ( » Die Ärmel enger , Miss Caroline . « ) » Natürlich haben Sie die Kaiserin gesehen ! Wie interessant muss das gewesen sein ! Aber von Toilette haben die Damen des Pekinger Hofes wohl nur wenig Idee ? « ( » Mehr Grazie im Faltenwurf , Miss Harriet , soignez la ligne . « ) » Sass die Kaiserin wirklich auf einem goldenen Drachen ? « ( » Miss Caroline , il faut avantager madame . « ) » Nein , es geht doch nichts über reisen und fremde Völker sehen . Aber man darf sie natürlich nicht wie uns beurteilen - es sind ja nur arme Heiden ! « ( » Miss Harriet , nehmen Sie noch einmal genau die Masse . « ) » Seien Sie versichert , dass wir alles aufs beste für Sie liefern werden . Wir interessieren uns ausserordentlich für Sie . Wir haben noch nie eine Kundin gehabt , die bei der Kaiserin von China gewesen ist . « Und so verdanke ich es denn der Kaiserin von China , wenn meine New Yorker Kleider wirklich ganz besonders schön ausfallen ! 10 New York , Oktober 1899 . Lieber Freund ! Haben Sie je von Charles William O ' Doyle gehört ? anders auch » Chinalack-O ' Doyle « genannt ? Dieser 50fache Millionär , der heute an der Spitze der grössten Eisenbahnen steht , der Bergwerke , Schiffe und Ländereien , gross wie ein Königreich , besitzt , hat seine Laufbahn vor Jahren als Apothekergehilfe in San Francisco begonnen . Wie er dahin gekommen , wer seine Eltern waren , erzählt er heute wahrscheinlich niemandem - aber Geduld , die nächste Generation der O ' Doyles wird gewiss entdecken , dass die Vorfahren von Charles W. einst angesehene Grossgrundbesitzer in Irland gewesen , unter Cromwell ihres katholischen Glaubens halber verfolgt wurden , verarmten und , vom grünen Eiland vertrieben , nach Amerika auswandern mussten . In Amerika wird jetzt alles fabriziert , wie in Europa - auch Stammbäume ! Charles W. legte den Grund zu seinem Vermögen durch einen wahrhaft genialen Einfall . Er hatte in San Francisco Gelegenheit , die Chinesen zu beobachten , die damals noch massenweise frei nach Kalifornien einwandern durften und ebenso massenweise nach ihrem Tode in grossen schweren Holzsärgen nach Kanton zurückbefördert wurden . Chinesen glauben ja nun einmal nur im eigenen Lande regelrecht begraben werden zu können . Aber die schweren Holzsärge und der teure Transport verschlangen oft alles , was sich der Tote während Jahren erspart hatte , zum grossen Ärger der bezopften Erben . Da erfand Charles W. einen eigenen Lack , den er zuerst an allerhand toten Tieren ausprobierte . Damit bestrichen , konserviert sich jeder Tote monate- , ja jahrelang ; er dörrt vollkommen aus , wird hart wie Stein und erscheint , als sei er mit einer gelben Lederhaut überzogen . Charles W. nahm ein Patent auf seinen » Chinalack « und damit bestrichen legten nun Tausende toter Chinesen den Weg nach Kanton zurück . Die teuren , nach chinesischem Muster in San Francisco verfertigten Holzsärge waren erspart und der Preis der Überfahrt bedeutend verringert , denn man konnte nunmehr die toten Chinesen wie Sardinen in irgend einen Schiffswinkel fest aufeinander pressen und unterstauen , und sie kamen vollkommen unversehrt daheim an , den hart gedörrten gelben Enten ähnlich , die als grosse Delikatesse im San Franciscoer Chinesenviertel feilgeboten werden . Dies war die Grundlage der O ' Doyleschen Millionen ! Seitdem macht Charles W. Geschäfte in allen Ländern der Welt , er ist längst aus San Francisco fortgezogen und nach New York übergesiedelt , aber er ist mit China stets in besonderen Beziehungen geblieben . Es wird gemunkelt , dass er , abgesehen von seinen grossen chinesischen Bank- und Bahninteressen , durch die Dankbarkeit seiner ersten chinesischen Klienten , denen sein Chinalack manch kleine Erbschaft erhalten , Anteile an kantonesischen Pfandinstituten , Teehäusern und Blumenbooten erworben hat . Mein Bruder kannte ihn schon lange , hat auch von Peking aus Geschäfte mit ihm gemacht , und so war denn Charles W. O ' Doyle einer unserer ersten Besucher im Waldorf-Astoria , und gestern Abend waren wir zum Diner bei ihm . Sein Haus liegt dicht am Central-Park . Es hat hohe Türme und eine breite Bogen-Loggia , von der aus man in die herbstlich gefärbten Bäume des Parks und auf den fortwährenden Strom der vorbeifahrenden Equipagen blickt . Auf dem mit blitzenden Kupferplatten belegten Dach stehen zwei grosse Bronzereiter , ähnlich wie die auf dem deutschen Reichstagsgebäude , bei denen man sich auch immer staunend fragt , wie sie wohl da hinaufgeraten sind . Die Haustür ist massiv geschnitzt und entstammt einem alten befestigten Hause bei Golconda ; sie ist mit weit vorspringenden eisernen Spitzen versehen , die einst dazu dienten , den Anprall feindlicher Elefantenreiterei aufzuhalten . Durch diese Tür tritt man in eine weite , weissgoldene Halle . Zwei ägyptische Mumienkasten , reich bemalt und vergoldet , mit Deckeln , deren obere Enden Sperberköpfe darstellen , stehen aufrecht , wie Schildwachen zu beiden Seiten einer wunderbaren Malachittreppe , die zu den oberen Stockwerken führt . Es ist eine weltbekannte Treppe , über die die Lebemänner zweier Kontinente geschritten ; führten ihre Stufen doch einst zu jener berühmten Aspasia des zweiten Kaiserreiches , der sie ein russischer Grossfürst geschenkt . In der grossen débacle , die das Kaiserreich verschlang , verschwand auch jene Dame . Ihr mit Schätzen gefülltes Haus ward während der Belagerung von Paris durch feindliche Kugeln zerlöchert und dann von Kommunarden geplündert . Ein armenischer Antiquar , der mit richtiger Witterung guter Gelegenheiten in Paris in einem Keller versteckt geblieben war , erwarb in jenen Tagen für ein Spottgeld die Malachittreppe , und von ihm hat sie der jetzige Besitzer erstanden . Gepuderte Diener mit respektablen englischen Gesichtern standen sich auf den Treppenabsätzen stumm gegenüber . » Als der Herzog von Hardup neulich verkrachte « , erklärte mir Charles W. O ' Doyle , » habe ich nach London telegraphiert und seine ganze Dienerschaft rüberkommen lassen - so war ich doch sicher , Leute zu haben , die in einem anständigen Hause trainiert worden sind . « O ' Doyle ist ein breitschultriger , stämmiger Mann . Sein rotes glattrasiertes Gesicht ist unter dem Kinn bis zu den Ohren von einem kurzen Bart umgeben , der einer Halskrause ähnlich sieht . Grosse Perlen prangen auf dem Hemde , eine Kette mit allerhand seltenen Berlocks hängt ihm quer über dem Magen . Mit dem spitzen vorspringenden Bauche , über dem sich die breiten haarigen Hände von kostbaren Ringen funkelnd kreuzen , mit dem gutmütigen , halb irischen , halb Yankeedialekt , in dem er fortwährend von seinen verschiedenen Kunstschätzen und ihrem Ursprung spricht , hält man ihn zuerst für einen eingebildeten , aber harmlosen Narren , bis sich unter den buschigen Augenbrauen einmal die schläfrig gesenkten Lider heben und man eine Sekunde lang in die seltsamen Augen blickt ; kalt und lauernd sind sie , wassergrün mit kleinen dunkeln Flecken , wie die gesprenkelte Schale von Kiebitzeiern - ; hat man einmal in sie hineingeschaut , so glaubt man gern eine jede der vielen Geschichten , die über O ' Doyles Skrupellosigkeit im Gelderwerb kursieren . Mrs. O ' Doyle merkt man es auf den ersten Blick an , dass sie aus der früheren Lebensepoche ihres Mannes stammt , und dass sie sich unter ihrer Perlenlast und zwischen den gepuderten Dienern nicht recht wohl fühlt . Von Zeit zu Zeit schaut sie ängstlich nach ihrem Mann , wenn sie sich einer besonderen gesellschaftlichen Schwierigkeit gegenüber sieht , oder wenn sie fürchtet , eine Dummheit gesagt zu haben . Ihr ängstliches , um Vergebung flehendes Benehmen und die kalten , lauernden Augen von O ' Doyle - welche Faktoren für eine jener häuslichen Tragödien , die sich täglich neben uns abspielen , ohne dass wir es ahnen ! Die arme Frau hat es nicht einmal fertig gebracht , dem Hause O ' Doyle Erben zu schenken - und Charles W. hat deshalb einen Neffen und eine Nichte an Kindesstatt angenommen . Der Sohn war nicht anwesend , dagegen die Tochter , Prinzessin von Armenfelde , die zur Zeit mit ihrem Manne in Scheidung liegt , weil Charles W. den stets von neuem verschuldeten Schwiegersohn nicht zum viertenmal von seinen Gläubigern retten will . So muss sich denn die Prinzessin scheiden lassen , ob sie selbst will oder nicht . Sie wird den Namen ihres Mannes behalten , und Charles W. findet , dass er ihn allmählich teuer genug bezahlt hat . Es war übrigens amüsant zu beobachten , wie sehr die » Prinzess « der ganzen Familie imponiert , obschon sie doch vor ein paar Jahren auch noch eine einfache Miss O ' Doyle war , die aus einer Anzahl armer Verwandten zur Adoption ausgesucht wurde . Zwei entfernte junge Vettern von Mrs. O ' Doyle waren auch anwesend . Der