jedes Blatt seines Lebens kennte ? « » Halt du ! Hast schon vorhin so etwas gesagt ! « Plattner war aufgestanden , Zornröte schoß ihm über die Wangen . » Ich verbitt mir , daß du so mit mir redest ! « Die Hände auf dem Rücken , lief er im Zimmer hin und her , kopfschüttelnd , unbehaglich über alle Maßen , von hilflosem Mitleid gequält für dies eigensinnige Kind , das sich in allem Elend so selbständig , so unbeugsam zeigte . » Ich bin so weit , « sagte Josy , ins Leere sprechend , » daß für mich alles aus ist . Achtung vor den Menschen ? Pah ! Glauben an die Menschen ? Noch viel haltloser . Heute denk ich so , morgen wieder anders , und alle Leute so , einfach . Wir sind wie Buchstaben , ins Wasser geschrieben ! Launische Kranke ! Armselige Verrückte , wir alle ! « » Widerspricht sich bei jedem Wort und weiß es selber nicht ! « zürnte Plattner . » Widersprech ich mir ? « - Josy errötete flüchtig - » nun , vielleicht auch . Warum nicht , wo alles ringsum sich widerspricht ? Aber ich weiß doch nicht , warum wir nicht aneinander hängen sollten , coûte que coûte . Glauben hab ich nicht , Hoffnung hab ich nicht , aber dies - dies bißchen Liebe - das ist etwas so menschliches - so natürliches - « Sie brach in ein heftiges Schluchzen aus . Der kleine Uli kam herangestolpert , ahnungsvollen Kummer in seinem dreijährigen Gesichtchen und bereit , auch zu schreien . Plattner drückte ihn an sich und faßte Josys Hand . » Gut , gut ; ich sage nichts mehr . Die kleine Zeit , wo ich noch hier bin , soll Friede sein . Von mir aus . « Seine Augen wanderten , und plötzlich rief er : » Aber ich bitte dich , Josy , warum hast du nicht wenigstens das Bild da weggetan ? ' s ist doch entsetzlich , wenn jemand - « Er stockte und zog Uli auf seine Knie . Der unselige Georges ! wie er den Eindringling , den Verderber , den Teufel haßte ! Drei Tage blieb Plattner bei seiner Tochter und all die drei Tage stieß er Stunde um Stunde mit dem Gespenst zusammen , das hier im Hause » Zum grauen Ackerstein « bei hellichter Sonne , bei Amselsang und Kinderlachen in allen Zimmern spukte und aus seinen verschleierten Augen mit stillem Hohnlachen auf all die blühende Wirklichkeit sah . Im Balkonzimmer die große Photographie des jungen Ehepaares - Josefine und Georges mit dem damals einjährigen Hermann auf den Knien - verdarb dem Vater das Frühstück und ließ ihn mitten im Satz innehalten , so oft seine Augen widerwillig über die Wand streiften . Auf dem Flur das Porzellanschild an der Tür mit der Aufschrift » Wartezimmer . Sprechstunden von 7 bis 9 und von 3 bis 5 Uhr « stach ihm belästigend in die Augen , wenn er aus dem einen Raum in den anderen ging . Im Eßzimmer wieder ein Bild : Georges mit seiner Schwester Licile , sie im weißen Konfirmandenkleid und Schleier , er halbwüchsig , mit langen blaßblonden . Locken über einem goldbraunen Sammetrock , schmachtend und glatt , die fatale Unterlippe ohne alle Form und Zeichnung schon gerade so schlaff wie jetzt beim Erwachsenen . Eine talentlose Malerei , eine süßlich fade Auffassung ; für Plattner eine tägliche Herausforderung , dies Geschwisterpaar . Schon damals hat er nicht getaugt , der freche lüsterne Bengel ! dachte er bei sich und ballte heimlich die Faust . Und der hat meine Josy bekommen , mein bestes , tüchtigstes Kind ! Wo hab ich alter Esel meine Augen gehabt ? Wir sind alle blind gewesen , sagte er sich ingrimmig . Im Schlafzimmer , Doktor Georges Geyers ehemaligem Schlafzimmer , derselbe Georges Geyer als Student , in einer Gruppe , irgend einer Verbindung in Wichs . Hier unter den übrigen , ziemlich unbedeutenden Köpfen sieht er gleichwohl nach etwas aus . Ein feines Gesicht , bis auf den Mund . Und den versteckt der Bart. Was man so einen » schönen Mann « nennt . Der Teufel hol ihn . Und Plattner nahm allabendlich die Photographie von der Wand , um besser schlafen zu können . Aber er schlief trotzdem schlecht . Warum konnte er nicht sein tapferes armes Kind herausziehen aus alledem ? Warum nicht sie in die Arme nehmen , samt ihren Kleinen und fort , fort in reine Luft ? Er hätte ihr befehlen mögen : Denk nie mehr an ihn ! vergiß sein Gesicht , seine Stimme , euer achtjähriges Zusammenleben ! vergiß das kurze Glück , vergiß die lange Schmach ! es soll alles sein , als wäre es nie gewesen ! Wenn er abwesend war von ihr , im anderen Zimmer nur , dann erschien sie ihm so jung , so hilflos , so unendlich mitleidsbedürftig . Seine Lider wurden heiß und feucht , seine starken Hände wanden und krampften sich in verzweifeltem Harm . Wie ein kleines Kind war sie ihm dann , das in dunklen Wellen um sein Leben kämpfte . Und wenn er sie dann wieder vor sich sah in der Dornenkrone ihres Leides , in der ernsten Würde der Gefaßtheit , unnahbar in ihrem heißen Gram , unnahbar in ihrer leidenschaftlichen Parteinahme für den Verurteilten - dann stand er stumm , dann sagte er sich bitter und schmerzlich : nie mehr kommen wir recht zu einander . Der verfluchte Schuft steht zwischen uns . Und er haßte ihn tiefer jeden Tag , und er fluchte ihm mit jedem Gedanken und jedem Wort , und seine Tochter fühlte den Haß wie eine feindselige Atmosphäre um den geliebten Vater , die sie nicht durchbrechen konnte ; sie hörte die Flüche , obgleich sie nicht ausgesprochen wurden , und Weh und Trotz kämpften in ihrem Herzen . Plattner lag nachts und grübelte : Sie sagt , der Schuft ist wie alle ! Allmächtiger Gott , was meint sie ? Hat er ihr zu allem übrigen noch das moralische Gefühl geraubt ? Ist sie auch schon verdorben ? Er sah Josy wieder und atmete auf : Sie ist so unschuldig - sie versteht nicht einmal , was der schuftige Patron angestellt hat ! Der Abschied war unsäglich traurig . Gerade beim Verlassen der Wohnung sieht er noch die Messingtafel an der Glastür . Auf dem Namen » Doktor Georges Geyer , praktischer Arzt « funkelt gelb die Sonne . Neben Plattner steht Josy , wie immer in Schwarz , mit bleichem , schmalem Gesicht , mit ungeduldigen Augen , denn bis zum letzten Moment fürchtet sie einen jähen Zusammenstoß . » Adieu ! adieu ! « rufen die älteren Kinder . Den dreijährigen Uli , die einjährige Nina nimmt der Großvater mit ; das Mädchen ist mit ihnen voraus auf den Bahnhof , wird sie auch während der Eisenbahnfahrt versorgen . Rot vor Zorn deutet Plattner auf die sonnenglitzernde Namentafel . » Und das soll auch bleiben ? « » Ja , « macht Josy herausfordernd . » Aber ' s ist ja nicht wahr ! Er wohnt ja ganz wo anders ! « ruft Plattner . Ein Blick auf die Kinder macht ihn still . Er erschrickt . Fast hätten sie sich gezankt , harte Worte gesagt , hier an der Schwelle der Trennung . Auch Josefine besinnt sich . » Nein , so sollst du nicht gehen , Vater ! Wir kommen mit . Holt eure Hüte , Kinder . « Als sie gerüstet da standen , und Plattner sie stumm und trübe musterte , blitzte ihr ein plötzlicher Argwohn auf . » Ich trage keinen Schleier . Soll ich einen Schleier umbinden , Vater ? Du scheust dich vielleicht , mit mir so über die Straße zu gehen ? « » Komm , komm ! « sagte Plattner müde . » Aber du wirst angestarrt werden , Vater . Sie werden dich alle sehen wollen . Ich kenne diese grausame Neugier , « rief sie schneidend . Ohne zu antworten , ergriff Plattner das kleine Rösli an der Hand und ging mit ihm hinunter . In Josys Augen spielten grünliche Funken . Sie wollte ihren Hut wieder abnehmen . » Komm , komm , Mama ! Der Zug fährt weg ! « drängte Hermann . So kamen sie dann auf die Straße . Aber nur gleichgültige Worte wurden gewechselt , und ein gespannter argwöhnischer Zug wich nicht aus den Gesichtern . Erst als sie die Bahnhofshalle betraten , unter dem Kohlendampf und dem Pfeifen der Züge sich durch den Menschenstrom arbeiteten , schob sich Josefine an ihres Vaters Seite . » Aber das ist alles dummes Zeug , nicht wahr ? alles dummes Zeug . « Sie sprach hastig , sie überstürzte sich im Reden . » Ich habe dir noch nichts von meinen Plänen gesagt . Man muß natürlich Pläne machen . Mit dem dummen Zeug , dem Kummer und so weiter verliert man alle Zeit und Kraft . Und nun reist du fort ! O , wie schade ! Ich habe einen Plan , weißt du , einen Hauptplan - du schickst mir Laure Anaise , nicht wahr ? Und dann , wenn ich sehe , daß es geht , schreib ich dir . Du hilfst mir ja doch , gelt ? Ach , es ist eigentlich keine Minute zu verlieren , und nun haben wir diese drei Tage - O , schon einsteigen ? Kaum , daß ich die Kinder noch küssen kann ! « Noch aus dem Fenster rief Plattner seiner Tochter zu : » Das Türschild ist absolut unnötig , führt nur irre ! « Das letzte , was er sah , war ihr hartnäckiges Kopfschütteln . Dann kamen große , graue Dampfwolken und legten sich zwischen die Abschiednehmenden , und die geschwenkten Taschentücher wurden unsichtbar ... Josefine weinte viel auf dem Rückwege . Stumm und gedrückt gingen die Kinder neben ihr . Einmal blieb sie stehen : » Kinder , nun ist der liebe , liebe Großvater fort ! Aber wir danken es ihm tausend- , tausendmal , daß er zu uns gekommen ist . « » Tausendmal , « sagten die Kleinen mechanisch . Und den ganzen Nachmittag , während sie sich in der verödeten Wohnung bewegten , das nötigste besorgten , ohne fremde Hilfe , ward Josy nicht müde , den beiden von dem lieben Großvater zu erzählen , und daß man ihm tausendmal danken müsse . » Er hat uns aber nichts mitgebracht , « sagte Hermann blinzelnd . » Und Uli und Nina ? « fragte Röslis unsicheres Stimmchen , » sind sie nicht lieb ? Wollen wir sie nicht mehr haben , Mama ? « » Nein , aber ich möchte wissen , in welchem Spital Papa ist ! « flüsterte der Bub seinem Schwesterchen zu . » Es ist sicher , daß Mama ihn gar nicht lieb hat , sonst würde sie ihn doch besuchen . Und ich geh dann einmal , ich gehe von Tür zu Tür und frage : Ist mein Pappe nicht hier ? « » Ich geh auch , « flüsterte Rösli mit großen Augen . » Nein , du nicht , das ist nur was für Männer , « er stieß sie vertraulich an . » Weißt , Rösli , der Pappe ist überhaupt schon lang tot , die Mama will ' s nur nicht sagen . Er ist ausgegangen und nicht heimgekommen , einmal am frühen Morgen ; wir haben noch geschlafen . Er ist gewiß ermordet . Man muß sein Grab suchen . Ich will ihm einen Kranz hinlegen von Efeu und Immergrün . Das ist für die Toten . « » Und weiße Rosen sind auch für die Toten . Und ich will auch , « sagte Rösli , ängstlich an den Bruder geschmiegt . » Nein , du nicht . Du bist zu klein . Du bist eine dumme Gans . Der Pappe ist ermordet ! « Er spitzte den Mund und machte starre Augen . Rösli wurde es heiß vor Angst . » Das lügst du , « flüsterte sie empört , » das sag ich der Mama . « » Ach , du Dumme ! Warum trägt sie immer Schwarz ? Schwarz ist Trauer ! Da siehst es ! « Rösli zitterte vor Aufregung . » Kriegen wir jetzt einen neuen Papa ? « » Ho , die redet ! neuen Papa , sagt sie . So sagt man nicht , man sagt Stiefvater ! Dann kriegst du aber Wichs ! « Der Bub lachte höhnisch auf ; dann stockte er . Die Kinder sahen sich erschrocken an . » Was habt ihr beiden vor ? Warum flüstert ihr ? sprecht laut ! « rief Josefine aus dem anstoßenden Raum . » Wir sprechen etwas , Mama , « sagte Rösli kleinlaut . » Vom Christkindli , Mama ! « rief Hermann und ließ seine Finger knacken . Er lächelte dreist der Kleinen zu . » Vom Christkind ? schon jetzt ? « Josy seufzte erleichtert . » Wohl , ' s ist ganz recht , sprecht nur vom Christkindli . Vergeßt auch den Großpapa nicht . « Und die Geschwister nickten sich zu und steckten die Köpfe dicht zusammen und spannen weiter an ihrem phantastischen Gewebe wie zwei der kleinen roten Spinnentierchen , die blitzgeschwind über schwarze Spalten und unheimliche Klüfte ihre silbernen Fädchen ziehen und daran durch die Luft fliegen , heimlich und lautlos , fast ohne Bewegung , daß man meint , sie schliefen nur , die schlauen kleinwinzigen Spinnlein . Josefine hatte nicht mehr geglaubt , daß ihre Schwestern zu ihr kommen würden , aber eines Abends , in der Dämmerung , kamen sie doch zu ihr . Hübsch , jung und elegant , von einer Wolke zarten Parfüms umhüllt , mit dem Knistern seidener Unterkleider , traten sie in das Zimmer . In Hüten und Schleiern saßen sie , nahe der Tür , als Josefine , aus dem Schlafraum der Kinder kommend , sie begrüßte . Josefines Herz wallte hoch auf , als sie die Schwestern sah . Sie konnte nicht sprechen . Sie trug die Sonnenschirme , die sie ihnen abgenommen , aus einer Zimmerecke in die andere . Die hübschen Frauen saßen da wie das böse Gewissen . Schweigend bewegten sie die Taschentücher . Die Balkontür war halb geschlossen , es regnete schwer . Durch das Prasseln der Tropfen in das dichte , harte Kastanienlaub tönte das Kreischen und Klingeln des Trams . Der Wind schüttelte die Balkontür . Die Besucherinnen seufzten und schnäuzten sich abwechselnd . Adele , die schlanke Älteste mit der gebogenen Nase und dem Zwicker am Bande , blickte Josefine prüfend an . » Du trägst also Schwarz ! ja , ja , ja ! « sagte sie in kondolierendem Ton . » Ihr trinkt doch eine Tasse Tee mit mir , « machte Josefine aufstehend . Marie hielt sie zurück . Ihr kleines verweintes Gesicht unter dem toupierten hellen Blondhaar verzog sich kummervoll . » Nicht dazu sind wir hergekommen , Fifi ; ist es denn wahr , daß du dich nicht scheiden läßt ? « » Ja , das ist ganz wahr , « nickte Josefine , den Blick abwendend . » Aber , mon dieu ! mon dieu ! was werden sie sagen ! « Adele zog die Handschuhe ab und begann die Hände zu ringen . » Wer ? « machte Josefine zerstreut . » Die Leute , Fifi , alle Leute ! « » Ja , ich kann mich doch darum nicht kümmern ! « Josefines Gesicht ward immer finsterer . » Sie sagen , dir fehlen die moralischen Begriffe ! « schrie Marie auf . » Ich habe meine eigenen Begriffe , Mia . « » Aber das verzeiht dir ja kein Mensch , Josefine . « » Auch ihr nicht ? « forschte Josefine in seltsam leichtem Ton . Adele richtete sich gerade auf . » Wir sind deine Schwestern . Mit uns ist es ja anders . Wir kennen dich . « » Bin ich eure Schwester ? Kennt ihr mich ? « stammelte Josefine mit verzerrtem , schmerzhaftem Lächeln . Sie fühlte Stiche am Herzen und atmete mühsam . » Mein guter Mann - « begann Marie . » Mein Léon - « fiel Adele ein . » Ja , ihr seid die Glücklichen , « flüsterte Josefine . » Aber das ist doch nicht unsere Schuld ! « riefen die Schwestern gleichzeitig . » Nein , es ist euer Verdienst , « versetzte Josefine sehr bitter . Schmollend blickten die Besucherinnen einander an . » Wir haben ' s ja gewußt , wie du uns aufnehmen würdest ! « sagte Adele gekränkt , » aber gekommen sind wir in Gottesnamen doch . « » Arme Fifi ! du bist natürlich furchtbar verbittert , « schluchzte Marie und fächelte mit dem feuchten Taschentuch ihre Augen . » Wir , das heißt unsere Männer und wir , meinen es ja so gut mit dir ! « Josefine sah die Sprecherin mit einem langen , trüben Blick an . Dann glitt der Blick zur Seite und fiel auf den Boden , matt und leblos . » Warum seid ihr gekommen ? « hauchte sie in sich hinein . » Wenn du es nur nicht falsch auffassen möchtest - « sagte Marie und legte mit einer ihr eigentümlichen weich koketten Bewegung den Kopf auf die rechte Schulter . Adele rückte sich zurecht . » Das beste ist und bleibt doch , daß du von Zürich fortziehst , liebe Josefine , von dem Orte , wo - nun , wir wissen ja alle , wie schrecklich dir diese Stadt jetzt sein muß ! Zum Vater - das wäre natürlich sehr schön , jedoch in seiner Stellung - als Direktor der landwirtschaftlichen Schule - ist es ja begreiflich . - - Nein , aber irgendwo aufs Land . Es ist auch wegen der Kinder . Weil sie dort frische Luft haben . Sehr viel besser ist ja die Luft auf dem Lande als in der Stadt . « » Keimfrei , Fifi , das ist nicht zu unterschätzen , « fiel Marie ein . Adele nickte . » Ganz recht . Und dann , wenn du dich dann recht bald zur Scheidung entschließen wolltest - nein , hör doch erst , was ich dir sagen soll - Léon und der Vater und vielleicht auch Albert , wenn seine Geschäfte so weitergehen , werden jeder jährlich tausend Franken hergeben , damit du die Kinder recht erziehen und selber ziemlich bequem leben kannst . Auf dem Lande , wo alles billiger ist , der Hauszins und so weiter , wirst du mit dreitausend Franken - aber Léon wird sogar noch fünfhundert zulegen , wenn du ja sagst , denn der Plan , weißt du , ist von Léon , und der Vater weiß noch nichts davon . « » Vater war hier , « unterbrach sie Josefine . » Hier ? Bei dir und nicht bei uns ? Wie lange denn ? « » Drei Tage . « » Drei Tage ? « Die Schwestern blickten sich fragend an . » Und zu uns ist er nicht gekommen ? In schöner Gemütsverfassung mag er gewesen sein . « Sie schwiegen wieder . Marie seufzte oft und schüttelte den kleinen Kopf . » Nun , Fifi , was sagst du zu Léons Vorschlag ? « Josefine hielt die Augen gesenkt . Sie drehte eine welke Rose in den Fingern , die aus der Schale auf dem Tische herausgefallen war . » Ich begreife , daß es euch unangenehm ist , wenn ich hier bleibe , und euren Männern erst recht , « sagte sie mit schwerer Zunge , » und ich danke euch für eure Fürsorge , auch der Kinder wegen . Die zwei kleinsten hat der Vater mitgenommen , die alte Nina ist noch beim Vater . Ich habe vorläufig nur die Sorge für zwei . « Die Schwestern hatten mit angehaltenem Atem gehorcht . » Das wußten wir ja gar nicht , « sagte Adele verwundert . » Wir sind immer die letzten , die etwas erfahren . Übrigens - Léons Plan wird ja dadurch nicht alteriert . Er hängt wirklich sehr an dem Plan . Sogar einen Ort hat er schon in Aussicht genommen . Es ist nämlich in Tessin , bei Morcote , weißt du , an dem reizenden Luganersee . Man bekommt selber gleich Lust , gelt Mia ? « Adeles Jovialität brach durch den Nebel der Unbehaglichkeit und des bösen Gewissens plötzlich siegreich hervor . » Also , Fifi , nämlich . Léon ist - er weiß selbst nicht wie - an ein Häuschen in Morcote gekommen , ein reizendes Chalet . Von einem verkrachten Geschäftsfreund , sagt er . Es ist mit immergrünen Rosen berankt , von oben bis unten . Diese kleinen gelben immergrünen Rosen , weißt du - sie blühen so merkwürdig früh . Auch Garten dabei ; Kamellien im Freien - alles tadellos . Und das Chalet gibt Léon dir kostenfrei für dich und die Kinder zum Bewohnen ! Onkel Birrli sagt : Potztausend , da möcht ich auch hin ! Mit diesen Worten . Das einzige ist - - etwas einsam ! Sozusagen weltabgeschieden ! Aber das ist ja gut , nicht ? Du mußt ja vergessen , arme Fifi ! Dort kannst du vergessen . Die Rosen ! Die Kinder ! Die Kamellien - - « Josefine schwieg . Ihr Atem ging hörbar laut . Sie drehte die entblätterte Rose immer schneller zwischen den Fingern . Marie fiel ein : » Einsam ist gut , aber ich hätte doch Angst so allein . Ich habe gleich gesagt : Fifi muß einen großen Hund haben ! Und den schenk ich dir , liebste Fifi - ohne Hund laß ich dich nicht in das abgelegene Häuschen ziehen . In Rapperswil hab ich einen prachtvollen Wurf echter Bernhardiner besehen . Ich nehme nämlich auch einen , Albert ist so oft auf Reisen jetzt . Sie sind braun , ein wunderhübsches Braun mit weißen Flecken . Die Mutter ist auf den Mann dressiert . Der Vater ein Prachttier ! So hoch . Schon zweimal prämiiert ! « Marie griff nach Josefines kalter Hand und war zum erstenmal , seit sie in die Tür getreten , unbefangen und natürlich . Josefine blickte auf . » Und was noch ? « machte sie mit seltsamem Lächeln . Ganz ernüchtert sahen die Besucherinnen sich an . Sie verstanden nichts . » Möchtest du nicht an den Luganer - « stammelte Marie erschrocken . Ein schneidendes Lachen antwortete ihr . Josefine warf die Rose hin und sprang auf . » Warum nicht nach Afrika ? Warum nicht auf eine Südseeinsel ? Das wäre doch noch weiter ! Mit einem zahmen Panther zur Unterhaltung und mit dem Geld meiner großmütigen Schwäger beladen ! Man kann nur lachen ! Als ob ich ein Kind wäre ! ein Kind ! eine Null ! ein Nichts ! Wie groß ist der Bernhardiner , Mia , zeig noch mal ! Und was schenkst du mir , Adele , um mich zu beschützen ? Eine Dynamitpatrone ? Albert handelt ja mit Dynamit ! Ach ! « schrie sie und lachte immer wilder , » wie gütig ihr doch seid ! Wie zwei fremde Damen gegen eine arme - so zum Verzweifeln großmütig ! zum Verrücktwerden gütig . Aber seht mal « - sie setzte sich dicht zu den entsetzten Schwestern und flammte sie mit ihren großen Leidensaugen an - » es geht nicht . Der Bernhardiner frißt zu viel ! Und die Rosen sind zu rot ! Und der Luganersee ist zu blau ! Haha ! ich weiß , wie blau der ist . Das ist etwas für Leute , wie ihr seid ! nicht für mich . Warum machst du solch ein dummes Gesicht , liebe Mia ? Von geschenktem Gelde leben - in meiner Lage - und tun , als wäre es mir ums Tanzen - ? Denken , wie ich mir einen guten Tag mache ? Ach , Kinder , Kinder ! « - - Marie war zusammengeknickt . » Mir ist fast ohnmächtig . Gib mir ein Glas Wasser ! « stöhnte sie , » diese Aufregung ! Dafür bin ich nicht gemacht . « Josy ging hinaus . » Was hat sie vor ? « flüsterte Marie . » Was sie vor hat ? Gott mag wissen . Irgend etwas Unsinniges ! Du kennst doch Josefine . Ach , ich fürchte - wir werden nicht sobald wieder hierher kommen . « Marie weinte . » Sie ist nicht zurechnungsfähig . Man wird hier ganz nervös . Was für ein Zustand . Und solche Hartnäckigkeit . Wie öde hier ! Schrecklich ! Man sieht es den Zimmern an . « » Gottlob , Josefine hat Nerven von Stahl . Vater scheint auch in Unfrieden von ihr gegangen zu sein , « überlegte Adele . Dann kam Josy und brachte Himbeerlimonade . » Wir müssen leiser sprechen , « bat sie , » die Kinder wachen schon wieder . Sie sind so unruhig geworden - « Der Lampenschein , leicht gedämpft durch einen zartblauen Schleier , der die Gesichter blaß machte , beleuchtete die drei Schwestern , die ungleichen Schwestern . Sie tranken , und dabei musterten sie einander wie fremde Leute . Hastig , sprudelnd , wie es ihre Art war , wenn sie einmal ihre natürliche Zurückhaltung durchbrach , begann Josy zu sprechen : » Was ich tun will ? O , vielerlei . Erstlich kommt zu mir Laure Anaise von Chur , Vater hat mir heut telegraphiert . « » Ach , die Kleine von der alten Nina ? « sagte Marie verwundert . » Ja , die . Sie ist achtzehn Jahr , frisch , naiv . Nach der hab ich Sehnsucht . « » Merkwürdig ! « machte Adele . » Laure Anaise - das ist wie ein Feldblumenstrauß ; die Kinder brauchen sie auch . Dann - die Wohnung ist zu groß und zu teuer . Ich vermiete zwei Zimmer und die Mansarde . « » Fifi , aber nein ! nein ! Das ist doch nun wahrlich nicht nötig , « jammerte Marie . » Nicht ? Ich weiß wohl , was nötig ist ! Viel ist nötig . Alles ist nötig . Die Hauptsache kommt noch . Ich werde Medizin studieren und meines Mannes Praxis übernehmen . « Adele lachte schrill auf . » Du machst dich lustig ! Das ist nicht schön von dir , Fifi , wir sind in guten Treuen zu dir gekommen ! « » Und ich spreche zu euch in guten Treuen . Seit ich den Entschluß gefaßt habe , bin ich wieder ein Mensch . Ich lebe wieder ! Ich habe ja diese Zeit nicht gelebt . « Marie streichelte mitleidig Josys schmale Wange . » Arme Josy ! Ich bin furchtbar erschrocken . « Josefine fing die Hand der Schwester und drückte sie zwischen ihren fiebernden , heißen . » Arme Marie ! Arme Adele ! Verzeiht ! Ich muß hier bleiben . Wo sonst sollt ich so bequem studieren , so bequem Pensionäre finden . Ich werde bald hineinkommen . Hab ihm ja oft geholfen . Bei den Operationen , wißt ihr . « Adele saß wie erstarrt in kühler Würde . Sie vergaß , mit dem Zwicker zu spielen . » Ja , ob aber Albert und Léon zu einem solchen Experiment Geld hergeben - - « Marie seufzte tief auf . » Wohl , « sagte Josy nach langer Pause , » das glaub ich gern . Ich hab auch nicht auf eure Hilfe gerechnet , Kinder . Wir kennen uns ja . Eure Wege sind nicht meine Wege , und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken . Que faire ? « Marie beobachtete sie , diese vergrämten Züge mit den tiefliegenden Augen , die einen seltsam erschrockenen entsetzten Blick bekommen hatten . Ein schwesterliches Gefühl wallte auf . » Es ist mir unbeschreiblich traurig zu Mute . Dieses viele Schwere willst du auf dich nehmen , meine arme Fifi ! Weißt du , was du brauchst ? Ruhe und Erholung , sonst nichts ! Wenn ich dich so ansehe - ach , kein Mensch würde denken , daß du von uns allen die jüngste bist . « » Das größte Unglück ! « lachte Josefine . » Ich seh wohl schrecklich aus ? « Sie sprang auf . » Das macht das Herumsitzen , das Zuwarten . Man wird fast verrückt davon . Nein , so kann es nicht weitergehen . Ich muß etwas tun , ich muß einen Beruf haben , sonst geh ich zu Grunde . Nur nicht denken ! Denken macht verrückt ! Tun ! Arbeiten ! Irgend etwas ! « Die Schwestern gingen bald . Es war kein Wort mehr über das Geldanerbieten gefallen . » Besinne dich , Fifi ! « hieß es noch beim Abschied . » Stärke dich ! erhole dich ! « rief Marie , während sie Josefine küßte . Aber als sie fort waren , hatte Josefine einen Weinkrampf . Hermannli erwachte davon ; er rief Rösli zu : » Hörst du ' s ? Mama weint wieder ! Merkst du jetzt , daß der Papa tot ist ? « Die Antwort des Vaters kam umgehend . Sie lautete ! Mein gutes Kind Josefine ! Du bist von den Menschen , die sich selbst helfen wollen und denen anderer Hilfe nichts nützt . Ich billige deinen Entschluß nicht , ich billige vor allem nicht , daß du die Scheidung hinausschiebst . Denn ich bleibe dabei , sie ist nur hinausgeschoben , und spätestens nach