Dir hinüber ... Bitte , setz Dich hierher auf das Sofa ... und laß mich ... so , auf diesen Schemel ... « Und Sylvia ließ sich zu ihrer Mutter Füßen nieder und legte den Kopf auf deren Schoß . Martha strich liebkosend über des jungen Mädchens Scheitel : » Das ist ja unsere Märchenerzähl-Stellung , « sagte sie lächelnd , » nur sind die Rollen getauscht : jetzt mußt Du mir erzählen . Wie ist das gekommen ? ... Morgen will Delnitzky um Deine Hand bei mir anhalten .... Werde ich - werden wir ja sagen ? Bist Du mit Dir im Reinen ? « » Glücklich bin ich , glücklich ... « » Die Frage ist , ob Du glücklich wirst ... Auf die Dauer , meine ich ... für ein Leben ... Paßt Ihr auch für einander ? ... Kennst Du ihn als einen Mann , zu dem Du vertrauensvoll aufblicken kannst , von dessen Verstand , dessen Güte , dessen Übereinstimmung mit Deinem Wesen Du überzeugt bist ? ... « » Das sagte ich ihm vor ein paar Stunden selber : Wir kennen uns nicht . So wie Du , Mama , empfand auch ich halbe Zweifel ... aber jetzt ist das verscheucht ... Liebe kann nicht so täuschen - und ist Liebe nicht schon an und für sich Gewähr für Glück ? Ob fürs ganze Leben ? ... wer wird gleich so viel verlangen ? Ist es nicht schon Erfüllung genug , daß man diese goldene Frucht - das Glück - überhaupt pflücken und die Seele damit laben darf ? ... Erinnerst Du Dich , Mama - Du hast mir nicht nur Märchen , Du hast mir auch Geschichten aus Deinem Leben erzählt - erinnerst Du Dich , wie Du Deine Ehe mit Rudolfs Vater eingegangen ? Ein Kotillon auf einem Kasinoball - und sein und Dein Schicksal war besiegelt . Warst Du nicht glücklich mit ihm ? ... Freilich auch nicht fürs Leben - denn nach einem kurzen Jahr ist er Dir entrissen worden ... aber war dieses Jahr nicht schön ? « » Mein Kind , das ist etwas anderes ... ich war damals so jung , so unausgewachsen an Vernunft und Charakter - während Du , Sylvia - « » Ich bin doch auch jung - « » Doch schon zweiundzwanzig ... Ich war damals siebzehn Jahre alt . Aber nicht die Jahre machen es - Du bist ein ernstes Mädchen , ein selbständig denkendes Weib - Du stellst große Ansprüche an die Menschen - « » Ja , dasselbe habe ich heute meinem Bräutigam gesagt ... dieselben Zweifel ausgedrückt ... « » Siehst Du ? « » Ausgedrückt habe ich sie , aber ich empfinde sie nicht - wenigstens jetzt nicht . Das Glück , das mich erfüllt , ist stärker als alles - alles andere - ich begreife es ja nicht ... « » Du hast schon so viele Körbe gegeben und unter Deinen abgewiesenen Freiern waren solche , die ich höher einschätze als Delnitzky , Du aber konntest nicht genug zu erwägen , zu tadeln finden . Der war nicht genug universell gebildet , der nicht hochherzig genug - dem mangelte es an funkelndem Geist , dem an edler Milde - kurz , man hätte glauben sollen , Du wolltest Deine Zukunft nur einem Ideal von Vollkommenheit anvertrauen , und jetzt - « » Und jetzt habe ich das Gefühl , daß es auf der ganzen Welt keinen anderen Menschen gibt , dem ich angehören könnte , als Delnitzky . Märchen sollte ich Dir erzählen , Mama ? Da hast Du eins ! Ein lichtes Wunder , ganz losgelöst von allem vernünftigen Warum ? und Wozu . Es hat keine Erklärung und braucht keine . Ich bin so glücklich und mir ist , als wäre alles verzaubert , und ich selber bin eine andere , als die ich war . Was ich früher gedacht , überlegt , erwogen - das ist alles zerflattert , zerstoben , etwas Neues umgibt , durchdringt mich , hebt mich empor - « » Kind , Kind - Du sprichst wie im Rausch - « » Ja , Mama . Aber nicht der Champagner ist mir zu Kopf gestiegen - ich weiß jetzt , was das Wort Glücksrausch bedeutet . « » Du bist mir aber noch die Erzählung schuldig . Wie ist es gekommen ? « » Auf dem Wege von der Kirche hat er sich erklärt . « » Nein - ich frage , wie ist es gekommen , daß er Dein Herz erobert ? Allmählich ? Plötzlich ? - Welche besondere Eigenschaft hast Du an ihm entdeckt ? « » Eine besondere Eigenschaft ? Irgend eine wahrgenommene Tugend , die mich zu dem überlegten Entschluß veranlaßt hätte : Dieser Mensch ist liebenswert - ich will ihn lieben ? So etwas ist nicht geschehen . Zwar hatte ich das stets so erwartet . Da bisher alle meine Bekannten und alle meine eifrigsten Courmacher mich kalt gelassen , sagte ich mir : es hat eben noch keiner so liebenswerte Eigenschaften gezeigt , wie ich sie von meinem künftigen Gatten fordere ; wenn sich einer so offenbaren wird , wie mein Ideal beschaffen ist , dann werde ich ihm meine Liebe schenken . Als ob ein solches Geschenk ein willkürlicher Akt wäre ! ... Jetzt habe ich erfahren , daß Liebe von jeglicher Willenslenkung unabhängig ist - ebenso gut könnte man aus freiem Entschluß ein Nervenfieber bekommen , wie - « » Wie ein Liebesfieber ? Als eine Krankheit betrachtet meine Sylvia ihr schicksalsentscheidendes Gefühl ? « » Als eine süße , betäubende , gefährliche Krankheit - « » Warum gefährlich ? « » Weil ich sterben müßte , wenn etwa jetzt ein Hindernis - « » Oh , man stirbt nicht so leicht an Schicksalsschlägen und an Seelenschmerz - davon bin ich ein Beispiel . Doch jetzt will ich Dich allein lassen , mein geliebtes Kind ... geh zur Ruhe - ein tüchtiger , langer , fester Jugendschlaf wird Dich erfrischen und beruhigen - Du bist jetzt so erregt ... ich will Dich gar nicht mit weiteren Ausforschungen plagen . Morgen früh wirst Du mir besser erzählen können , was ich noch wissen will . Gute Nacht , mein Kind . « Martha beugte sich über ihre Tochter und strich ihr mit der einen Hand zärtlich über das Haar , während Sylvia die andere an ihre Lippen zog : » Gute Nacht , Mutter , Freundin - einzige , gute , liebste Mama , ich bin so glücklich ... « Nachdem sie allein geblieben , ging Sylvia wieder zum offenen Fenster und , an die Fensterwand gelehnt , den Kopf auf den zurückgelegten Arm gestützt , schaute sie zum Nachthimmel auf . Jetzt stand der Mond schon hoch am Firmament und goß ein sanftes , blauweißes Licht auf die Büsche und auf die Kieswege des Gartens . Die leise bewegte Luft war von Rosen und Jasmindüften durchweht . Diese Nachtluft und diese Düfte : wie oft hatte Sylvia deren Zauber empfunden ; doch während solcher Zauber sonst eine Verheißung war - heute war er Erfüllung . Ja , das Leben ist schön ... ja , der Lenz mit seinen Blütenschätzen , mit dem geheimnisvollen Glanz seiner Mondnächte , ist Verkünder und ist Spender liebeatmender Entzückung ... » Wie es gekommen ? « Das zog jetzt an Sylvias Geist vorüber . Vor vierzehn Tagen im Prater - damals blühte noch der Flieder und es war auch so eine laue , helle Frühlingsnacht gewesen - da war im Sacher-Saale ein » Junge-Herren-Ball « veranstaltet worden . Von allen jungen Herren der Gesellschaft galt Delnitzky als der hübscheste und eleganteste . Wenigstens zehn Komtessen schwärmten für ihn und fast alle Mütter wünschten im stillen , daß ihre Töchter ihn erobern mögen - denn er war eine der ersten » Partien « des Landes . Auf den drei oder vier vorhergehenden Bällen , die Sylvia mitgemacht , hatte der junge Mann besonders auffallend ihr gehuldigt , wodurch sie sich - nicht ohne eine gewisse Genugtuung - als der Gegenstand vielseitigen Neides fühlte . Dann aber , in einer Soiree bei der französischen Gesandtschaft - am Vorabend jenes Praterballes - hatte er sich von Sylvia ganz fern gehalten und in ziemlich ostentativer Weise der jungen Gattin eines alten Diplomaten den Hof gemacht . Eine gemischte Empfindung von Kränkung und Ärger klärte Sylvia darüber auf , daß ihr Delnitzky nicht gleichgültig war . Am liebsten hätte sie auf den » Junge-Herren-Ball « - den letzten der Saison - verzichtet . Delnitzky unter solchen Umständen wiederzusehen , würde ihr nur Qual bereiten . Es kam aber anders . Gleich bei ihrem Eintritt in den Saal eilte der junge Mann auf sie zu und bat um den Kotillon . Einen Augenblick war sie versucht , zu erwidern , daß sie vergeben sei , aber ehe sie noch darüber entschied , hatte sie schon unwillkürlich ja gesagt . Jene junge Frau war auch anwesend , doch wechselte Delnitzky diesmal keine zehn Worte mit ihr . Während einer Tanzpause kam eine ihrer Freundinnen auf Sylvia zu und hängte sich in sie ein : » Komm , laß uns ein wenig auf und ab gehen - ich habe Dir etwas zu erzählen - « » Das wäre ? « » Ich bin vorhin von einem Verliebten zur Vertrauten erkoren worden . Zwar kein gar lustiges Amt - man ist in solchen Angelegenheiten lieber der Gegenstand ... aber , da es sich um Dich handelt - von der man weiß , daß Du meine liebste Freundin bist ... kurz , ich bin nicht neidisch . Hast Du gesehen , mit wem ich die letzte Quadrille getanzt ? ... « » Ja , mit Delnitzky ... und ich sah ihn eifrig mit Dir sprechen - « » Was er mir so eifrig sagte , war , daß er sterblich in Dich verliebt ist ; daß er Dich aber für kalt und ablehnend hält . Gestern habe er - in seiner Verzweiflung - versucht , einer anderen den Hof zu machen ... er hatte sich vorgenommen , Dich zu meiden - doch heute war dieses Vorhaben wieder umgestoßen ; er hielte es nicht aus ... Und er bat mich , Dich auszuforschen - klug und unmerklich auszuforschen , ob er hoffen dürfte . Ich entledige mich dieses Auftrags ... freilich nicht gar klug und unmerklich - wozu auch ? Du wirst auf jeden Fall aufrichtig mit mir sein ? Nun ? « Sylvia zögerte mit der Antwort . Da fiel das Orchester mit einer rauschenden Walzermelodie ein und mehrere junge Leute traten mit auffordernder Verbeugung vor beide Mädchen hin . » Freut euch des Lebens , « hieß der Walzer - und wahrlich : diesem von Meister Strauß in Dreivierteltakt erlassenen Gebot gehorchte Sylvia aus vollem Herzen , als sie sich nun von ihrem Tänzer durch den Saal wirbeln ließ . Der Kotillon , die Krönung der schönen Ballnacht , brachte zwar keine förmliche Erklärung , aber ein durch Blick und Tonfall sich unzähligemal wiederholendes Bewerben und Gewähren . Auf einen Heiratsantrag hätte Sylvia sich Bedenkzeit erbeten , denn sie war durchaus nicht entschlossen , Delnitzkys Frau zu werden - dazu mußte sie ihn doch erst besser kennen lernen - , aber auf die stummen , lieberglühten Blicke gaben ihre Augen , ohne daß sie es hindern konnte , zärtliche Antwort , und seine leidenschaftszitternde Stimme , auch indem er die gleichgültigsten Dinge redete , weckte ein Echo in ihrer befangenen Gegenrede . Nach dem Kotillon das Souper an seiner Seite - und dann der Aufbruch in den dämmernden Frühlingsmorgen hinaus ; er war es , der sie in ihren Mantel hüllte , der ihr das Spitzentuch um den Kopf wand , der sie zum Wagen führte und ihr einsteigen half - mit langem , bebendem Händedruck . An all das dachte Sylvia zurück . Jetzt war alles besiegelt , er hatte ihre Hand begehrt und sie hatte ja gesagt ; er hatte sie geküßt und sie hatte seinen Kuß erwidert ... Und so war es denn Sylvia ergangen , wie dem ersten besten » Komtessel « , dessen ganzer geistiger Horizont von den Begriffen : Ball , Courmacher , » Passion « , » glänzende Partie « umgrenzt ist . Und doch wie ganz anders war sie geartet . Ihre Interessen umfaßten eine ganze Welt von Ideen , Kenntnissen und Zeitfragen ; an den Bestrebungen und Plänen ihrer Mutter und ihres Bruders hatte sie stets ernsten Anteil genommen . Obwohl von diesen beiden nicht zur tätigen Mitarbeit herangezogen , war ihr doch Einblick in deren Denken und Fühlen gegeben , und auch sie war ein ernstes , von hohen Idealen erfülltes Menschenkind geworden . Und wenn sie von ihrer Zukunft träumte , so pflegte sie sich an der Seite irgend eines bedeutenden Mannes - Gelehrter oder Staatsmann - zu sehen , der seiner Zeit seinen Stempel aufdrücken würde , und der befähigt wäre , diesen Stempel so zu formen , daß den Zeitgenossen wieder um eine Stufe herauf verholfen würde , auf der Skala der Veredlung und Beglückung . Und jetzt ? Jetzt war sie bereit und entschlossen , ihr Leben mit einem Mann zu teilen , von dessen Charakter sie eigentlich nichts , gar nichts wußte ; von dem ihr keinerlei Bürgschaft geboten war , daß er ihre Träume erfüllen , daß ihm jemals eine hervorragende und einflußübende Rolle zufallen würde , daß er überhaupt ein - Edelmensch sei . Dieses von Tilling geprägte Wort war im Hause geläufig geblieben . Und an ihrem Bruder besaß Sylvia das Urbild aller Eigenschaften , die zu jenem Titel berechtigen ; von Toni Delnitzkys Eigenschaften kannte sie eigentlich nur die , daß er ihr Herz in seliger Unruhe pochen gemacht , daß er rasend verliebt schien , und daß er der eine Mann , der einzige auf Erden war , nach dessen Kuß ihre Lippen sich sehnten . Sie war aber nicht verblendet , sie dichtete ihm nicht alle Tugenden an , wie das naiv Verliebten sonst Brauch ist . Sie gab sich Rechenschaft darüber , daß sie dem Bann einer Leidenschaft verfallen war . Es war aber ein so starker und so süßer Bann , daß sie gar nicht versuchen wollte , dagegen anzukämpfen . Wozu auch ? Es band sie keine andere Pflicht , sie brach niemandem die Treue ; - sie setzte nur eines aufs Spiel : ihr eigenes Glück . Das Glück späterer Jahre . Nun , diesen Einsatz konnte sie wagen ; war ihr das Glück der gegenwärtigen Stunde und der nächsten Zukunft sicher und fühlte sie doch , daß sie höchstes Glück gewährte , daß sie dem geliebten Freier mit ihrem » Ja « eine beseligende Gabe gereicht , während ihr » Nein « ihm schier unerträgliches Leid zugefügt hätte . Sie empfand , daß sie durch diese Verlobung aus der Alltäglichkeit in ein ungeahntes Fest - in eine Lebens-Sonntagsstimmung gehoben war , aus der sie nicht willkürlich sich herausreißen konnte , ehe die Festnummern absolviert waren , die auf dem rosa Programm prangten ... Lange noch stand Sylvia am offenen Fenster und sog die balsamische Nachtluft ein . Jeder Atemzug Freude , jeder Pulsschlag Lebensgenuß . III Martha hatte ihren Sohn bitten lassen , auf ihr Zimmer zu kommen , sie habe mit ihm zu sprechen . Rudolf folgte dem abgesandten Diener auf dem Fuße : » Was steht zu Befehl , Mutter ? « Baronin Tilling saß in einem an ihr Schreibzimmer anstoßenden runden Erker . Der kleine Raum enthielt nur ein Miniatursofa an der linken Wand und einen niedern Schrank an der rechten . In der Mitte , dem Eingang gegenüber , Marthas Fauteuil , davor ein drehbarer Lesetisch , und rechts daneben ein zweites Tischchen . Auf diesem die Tageszeitungen , ein Arbeitskorb , Fächer , Flacon , Blumenvase und ein Photographierahmen mit Tillings verblaßtem Bild . An den Wänden hingen noch mehrere Bilder des verlorenen Gatten in verschiedenen Aufnahmen und Größen . Darunter auch ein gemaltes lebensgroßes Kniestück , von der Hand eines berühmten französischen Künstlers . Dieses Porträt war aber unvollendet . Begonnen im Sommer 1870 , einige Wochen vor Ausbruch des Krieges , konnte es nicht ausgeführt werden , weil sich der Maler zu den Fahnen stellen mußte . Dennoch , so wie es war , zeigte es schon die sprechendste Ähnlichkeit . Der niedere Schrank , kunstvoll aus Ebenholz geschnitzt und mit Elfenbein eingelegt , war mit Andenken an Tilling bedeckt und angefüllt . Da standen zwei Kassetten aus oxidiertem Silber mit den gravierten Jahreszahlen 1864 und 1866 . Es waren die Briefe , welche Tilling von den dänischen und den böhmischen Schlachtfeldern an seine Frau geschrieben , und in einem kleinen goldenen Kästchen lag der erste Brief , den sie überhaupt von ihm bekommen - geschrieben am Sterbelager seiner Mutter . In dem Schranke waren auch die blauen Hefte aufbewahrt , das sogenannte » Protokoll « , worin die Gatten im Verein die Chronik der Friedensidee eingetragen hatten . In diesem Winkelchen hielt sich Martha täglich mehrere Stunden auf ; hier las sie ihre Bücher und Zeitungen , oder zog die Fäden einer Stickerei , dabei an den Verlorenen denkend . Mit den Worten : » Was steht zu Befehl ? « küßte Rudolf seiner Mutter die Hand . Dann setzte er sich auf das kleine Sofa . Wohlgefällig blickte Martha auf ihren Sohn - ein Bild männlicher Jugendfrische und Vornehmheit . Er trug einen lichten , sommerlichen Morgenanzug , der seine sonngebräunte Hautfarbe noch dunkler erscheinen ließ . Tiefschwarz das kurzgeschorene , in drei Zacken in die Stirn gepflanzte Haar ; schwarz der schmale Schnurrbart , der den schöngezeichneten Mund frei läßt , schwarz auch und leicht gekräuselt der spanisch zugestutzte Kinnbart . Nur die dicht bewimperten Augen unter den dunklen Brauen sind blau . Edelgeformt das Profil ; die Gestalt geschmeidig und schlank und beinahe sechs Fuß hoch , aristokratische Hände und Füße . - Mit Recht galt Rudolf Dotzky als einer der hübschesten Männer des an schönen Männererscheinungen nicht armen österreichischen Hochadels . So ungefähr hatte auch der junge Husar ausgesehen , der das Herz der siebzehnjährigen Martha Althaus im Fluge erobert hatte . Die Züge waren jedenfalls ähnlich , jedoch viel durchgeistigter . Und in Sprache und Tonfall hatte Rudolf vieles von seinem Stiefvater angenommen , so waren ihm manche seiner Bewegungen , seine Art zu lachen und ein paar norddeutsch anklingende Redewendungen hängen geblieben . » Ich wollte mit Dir über zwei wichtige Dinge sprechen , Rudolf . « » Auch ich will Dir eine Mitteilung machen . Doch nachher ... Zuerst Du ... « » Also , erstens : Delnitzky hat um Sylvias Hand angehalten . « » Habe mir ' s gedacht . « » Sie liebt ihn und ist entschlossen , ihn zu nehmen . Zwar habe ich mir meinen künftigen Schwiegersohn anders geträumt - was ist Deine Ansicht ? « » Mein Gott , ich kenne den Toni nur wenig ... Ich könnte nichts Übles von ihm sagen , habe auch nie Übles über ihn gehört ... Und wenn sie ihn gern hat - « » Ich halte ihn für oberflächlich , für unfähig , auf die Ideen und Gesinnungen einzugehen , die meine Kinder hegen . « » Vielleicht wird Sylvia ihn beeinflussen - « » Das dacht ' ich im ersten Augenblick auch ... Daß sie für einander schwärmten , bemerkte ich schon lang - besonders seit jenem Jungen-Herren-Ball ... Und Delnitzky ist ja ein lieber , guter Mensch , ein Gentleman ...... Aber seit die Entscheidung gefallen , steigen mir die Zweifel auf ... Meines unvergleichlichen Friedrich Kind ... das gönne ich keinem , der nicht so ist wie er gewesen . ... Aber gibt es einen solchen ? ... Und verlieren werden wir sie ... « » Ich glaube nicht , daß unsere Sylvia sich uns entfremden wird . Wir drei sind mit zu vielen Herzens-und Geistesfasern mit einander verwachsen , als daß uns etwas auseinander reißen könnte . Auch die Ehe nicht ... Sieh mich , zum Beispiel ... « » Ja Du , mein Rudolf ! ... Reden wir jetzt von Dir . Das ist der zweite Gegenstand , den ich auf dem Herzen hatte . Du hast gestern , beim Tauffest , Worte gesprochen , die tiefen Eindruck auf mich gemacht haben - die klangen wie eine geliebte , längstverstummte Stimme - « » Und darum brachst Du in Tränen aus ? ... Was sagte ich ? Ich erinnere mich nicht - « » Desto genauer erinnere ich mich - jedes Wort hat sich mir eingeprägt ... So lange wir uns an die Vergangenheit klammern , werden wir Wilde bleiben - sagtest Du - Aber schon stehen wir an der Pforte einer neuen Zeit - die Blicke sind nach vorwärts gerichtet , alles drängt mächtig zu anderer , zu höherer Gestaltung - schon dämmert die Erkenntnis , daß die Gerechtigkeit als Grundlage alles sozialen Lebens dienen soll und aus dieser Erkenntnis wird die Menschlichkeit erblühen - die Edelmenschlichkeit ... Aber , Rudolf , die Zukunft wird nur eine andere , wenn die Gegenwart zu vorbereitender Handlung ausgenützt wird . Willst Du nicht handeln ? « » Ja , ich will . Das war es eben , was ich Dir mitzuteilen hatte . Was ich vor mir sehe , ist dies : ein Sitz im Abgeordnetenhause . Die Schaffung - vielleicht die Führerschaft einer neuen Partei . Daneben publizistische Tätigkeit ... In Bressers Blatt wird mir allwöchentlich eine Spalte offen stehen - « » Und da wirst Du die Friedens- und Abrüstungsidee vertreten ? Wie mich das beglückt ! Du weißt ja , daß sich eine interparlamentarische Union gebildet hat - da könntest Du im österreichischen Parlament auch eine Gruppe zu bilden trachten - « » Ich habe ein umfassenderes Programm im Sinn . Damit eine große Wandlung angebahnt werden könne , müssen zehn andere große Wandlungen gleichzeitig angestrebt werden . « Martha schüttelte den Kopf . » Gewiß , « sagte sie , » jede Wandlung ist von anderen bedingt , und zieht andere mit sich - ob aber ein Mensch zugleich nach allen verzweigten Richtungen streben soll ? Wo bleibt da die Arbeitsteilung ? « » Es gibt Dinge , die sich nicht teilen lassen , die ein großes Ganzes sind - z.B. eine Weltanschauung . Je mehr ich mich umsehe im ganzen öffentlichen Leben , je deutlicher erkenne ich , daß das , was not tut , eben dies ist : eine neue Weltanschauung - eine neue Orientierung . Nicht Schrauben und Masten sind an dem Schiffe zu ändern , auf daß es besser segele - der Kurs muß ein anderer werden . Denn in seiner jetzigen Richtung gleitet es nach einem Maelstrom , der es in die Tiefe ziehen wird - « » Und Du allein , mein Sohn , willst der Lotse sein , der solche Kurswendung erreicht ? Dein Ehrgeiz ist hoch . « » Ehrgeiz ? « - Rudolf machte eine wegwerfende Handbewegung - » Nein , den hab ' ich nicht . Ich weiß ganz gut , daß das , was man unter Ehren und Würden versteht , nicht auf Pfaden zu holen ist , die man erst aushauen muß - « » Und aus welchem Anlaß hast Du Dich gerade jetzt zum Handeln entschlossen ? « » Mein dreißigstes Jahr ist vollendet - die Lehrlingszeit ist vorüber - und dann , vielleicht auch die gestrige Feier ... Als ich es aussprach , daß wir uns der Söhne und Enkel würdig zeigen müssen , da mahnte mich das Gewissen , daß ich selber noch nichts dazu getan . Wie soll ich hoffen , daß mein Sohn einst meine Arbeit fortsetzt , wenn ich die Aufgabe nicht erfüllt hätte , die ich von meinem Vater übernommen - « » Von Deinem Vater ? - « » Ach , verzeih - meinen wirklichen Vater habe ich ja nicht gekannt und in meinem Herzen habe ich stets diesen « - er zeigte auf das Bild an der Wand - » so genannt . « » Das hat er auch verdient ... « » Und billigst Du meinen Entschluß ? « » Ich sagte schon : er beglückt mich . Nur das eine fürchte ich : - daß Du ein zu weites Feld bebauen willst , und dadurch vielleicht gerade die Pflanze vernachlässigen wirst , deren Pflege er « mit einem Blick auf das Bild - » uns hinterlassen hat . Ich meine jene ganz bestimmte , umgrenzte Bewegung - - « » Ich weiß , was Du meinst : Schiedsgericht - Weltfrieden - - und das nennst Du umgrenzt ? Es bedeutet nichts geringeres als die Umwälzung aller landläufigen Erziehung , Politik , Moral , Gesellschaftsordnung - - kurz , eine ganze Revolution . Und bemerkst Du nicht , daß wir in einer Zeit leben , in welcher auch wirklich auf allen Gebieten revolutioniert wird ? Seit zehn Jahren etwa ist in Deutschland eine Revolution der Literatur ausgebrochen ; die bildende Kunst nennt ihren Aufstand Sezession ; die Frauen heißen den ihrigen Emanzipation und die Proletarier - Sozialdemokratie , und so nach allen Seiten - - « » Nicht jeder , der eine neue Zeit ersehnt , braucht aber auf allen Seiten mitzuarbeiten . Jeder hilft dem andern am besten , wenn er die eigene Aufgabe gut erfüllt . « » Du , Mutter , interessierst Dich eben nur für die eine Frage - und nicht für den Umschwung in Literatur und Kunst - nicht für die Frauen- noch Arbeiterbewegung ? « » Interessieren ? Doch ! Wer am Wandel der Zeit Anteil nimmt , der horcht und blickt überall mit Spannung hin ... aber kämpfen und wirken , das möchte ich nur in einer Richtung - und wie Du weißt , so weit meine Kräfte reichen , habe ich ' s ja durch die Niederschrift meiner Lebensgeschichte auch versucht ... In anderer Richtung fehlt mir das Verständnis - die Auffassungskraft . So gestehe ich Dir , daß mich die neue Kunst vielfach abschreckt ... daß ich noch an allem hänge , was ich in meiner Jugend als schön bewunderte und als gut kennen gelernt ... Ich habe nicht versucht , aus Sylvia eine neue Frau zu machen ; ich bin zu alt , um zu - « » Vielleicht ist das der Unterschied zwischen uns , « unterbrach Rudolf . » Ich bin jung ... Ich bin aufgewachsen in der gährenden Atmosphäre , in dem Sturm der Moderne ... Freilich wehte mich dieser Sturm zumeist nur aus Büchern und Zeitungen an , - denn die Menschen , mit denen wir verkehren , die leben noch so sehr in den alten Anschauungen und Gewohnheiten , die wissen gar nicht , daß die Welt sich bewegt . Höchstens fühlen sie , daß ein miserabler Plebs an der schönen alten Ordnung zerren will - und das wehren sie verächtlich ab . Bis auf den alten Grafen Kolnos kenne ich aus unseren Kreisen gar keinen Menschen mit modernen Ideen . Es gibt deren gewiß ein paar Dutzend , aber ich kenne sie eben nicht . « » Von Kolnos habe ich heute einen lieben Brief bekommen , « sagte Martha . » Der ist wirklich ein merkwürdiger und herrlicher Typus . Aber nicht , was ich unter modern verstehe : nichts von Dekadententum , nichts von raffiniertem Übermenschentum , nichts von tempelschänderischen Gelüsten . « » Du mußt nicht gerade die krankhaften Erscheinungen des modernen Geistes ins Auge fassen , Mutter - « » Freilich , Du hast recht ; die meisten Mißverständnisse kommen auch daher : jedes Ding hat so verschiedene Aspekte - und zwei Menschen , die im Grunde eigentlich gleicher Meinung wären , streiten über eine Sache , für die sie nur einen Namen haben , die sie aber von zwei ganz verschiedenen Seiten betrachten ... Wovon sprachen wir eigentlich ? « » Von Kolnos - « » Ja , richtig ... Wo habe ich seinen Brief ? - Ah , da ... er hat mir sein neuestes Gedicht geschickt ... da lies : er kennt meine schwache Seite , wie Du siehst , sein Lied ist gegen die Kanonen gerichtet . « Rudolf nahm das Blatt und überflog es . Das dreizehn Strophen umfassende Gedicht , betitelt : » Nach X-tausend Jahren « , schildert eine Szene der fernen Zukunft , da man in dem vergletschert gewesenen Europa alte Funde ausgräbt und darüber Forschungen anstellt , um den Lauf der Kulturentwicklung zu erkunden : Gelehrte schreiben dicke Bücher Und streiten sich wie heute auch , Um Wert und Schönheit der Antike Und ihrer Werke Nutzgebrauch . Nun findet man ein rätselhaftes Instrument , über dessen Bestimmung man sich die weisen Köpfe zerbricht . Es ist ein dickes Metallrohr . Sollte es eine Riesenorgelpfeife , ein prähistorisches Flötenstück oder ein Trinkhorn für Giganten gewesen sein ? Oder ein mystisches Symbol - sogar in finsteren Zeiten der Gläubigen Götze ? Endlich ward ein Stein entziffert , worin die Erklärung eingegraben war . Darauf wäre man freilich von selber nie gekommen : man brauchte das Rohr zum Massenmorde , euphemistisch Krieg genannt : Und weil der Totschlag gut kanonisch , ( Das Mittel heiligte den Zweck ) So nannte man das Ding Kanone Und blies damit die Gegner weg . Robert gab das Blatt zurück . » Nun , ich sag ' s ja : ein moderner Mensch , dieser hohe Sechziger . Denn sein Blick ist nach der Zukunft gerichtet . Er weiß , daß wir in Wandlung begriffen sind . Er schaut erkennend und sehnend nach vorwärts , während meine verehrten Genossen , wenn sie schon Ideale haben , sie immer nur in der Vergangenheit sehen . Die meisten sehen überhaupt nicht weiter als ihre Nase . « » Dabei sind aber diese Menschen ihrer Anlage nach vielleicht gerade so gescheit wie Du