Stockwerke hoch , so dass der blassblaue Oktoberhimmel breit und hell hineinsehen konnte . In einen Winkel gedrückt stand sogar noch ein alter Nussbaum da , und breitete sein noch völlig grünes Blätterdach über die sauberen Pflastersteine . Vor den meisten der Fenster waren grüne Blumenbretter , dicht mit bunt blühenden Herbstpflanzen bestellt , angebracht . Hinter den Scheiben blinkten schlichte aber durchaus saubere Vorhänge . Nirgend lärmten schmutzige verwahrloste Kinder , alles machte einen gediegenen freundlichen Eindruck , der weit mehr an kleinstädtisches Behagen , als an das wüste Durcheinander grossstädtischer Mietskasernen gemahnte . Lotte fühlte sich wohl hier , noch ehe sie die im Hinterhaus zu vermietende Wohnung angesehen hatte . Hier würde sie , das war ihr im ersten Augenblicke klar , arbeiten und etwas leisten können . Die grossen hohen Häuser mit den engen dunklen Höfen hatten sie von Anfang an erschreckt und geängstigt , wenn sie sich auch in ihrem ausgesprochenen Pflichtgefühl überwunden haben und jedes einigermassen passende Quartier , ohne Rücksicht auf ihre besonderen Liebhabereien , gemietet haben würde . Lena war nicht im gleichen Masse begeistert . Sie fand das ganze Anwesen grenzenlos kleinbürgerlich , so gar nicht ein bischen » Berlin « . Aber am Ende gestand sie seufzend , dass sie ja vorerst nicht in der Lage seien , grosse Sprünge zu machen . Also zugegriffen , wenn die Wohnung einigermassen taugte . Eine schmale , sehr steile Treppe führte zu dem zweiten Stockwerk hinauf . Die Wohnung bestand aus einer Küche , einem grossen , freundlichen zweifenstrigen und zwei kleinen einfenstrigen Zimmern und kostete 400 Mark . Sämtliche Räume gingen in einander . Der einzige Uebelstand war der , dass die Küche zunächst an der Treppe lag , so dass Lottes zukünftige Kundschaft diese Küche würde passieren müssen . Aber auch darin sah die kleine Enthusiastin keinen Hinderungsgrund . Man konnte mittels einer Gardine einen ganz netten Durchgang herstellen , der von dem dahinter liegenden Wirtschaftsapparat nichts ahnen liess . Mit dem Wirt , einem der Ladenbesitzer des Vorderhauses , wurde ein coulanter Vertrag auf zwei Jahre abgeschlossen . Ganz stolz darauf , Besitzerinnen einer eigenen Wohnung in Berlin zu sein , verliessen die Schwestern das Haus . Auf der Strasse drückte Lotte zärtlich Lenas Arm . » Wenn Muttchen das erlebt hätte , Lena , wie glücklich würde sie gewesen sein ! « Lena nickte nur und zog Lotte rasch zu einem Schaufenster , in dem Einrichtungsgegenstände ausgestellt waren . Hatte man die Wohnung einmal , sollte es nun auch rasch ans Möblieren gehen . Die Einrichtung , die beiden Schwestern gleichen Spass machte , hatte aber auch eine böse Schattenseite ; sie riss ein weit grösseres Loch in das mütterliche Erbteil , als sie irgend vermutet hatten . Erst jetzt sahen sie , dass das , was sie von Haus mitgebracht hatten , kaum für das Notwendigste ausreichte . Gardinen für sämtliche Fenster , Vorhangstoff , um den künstlichen Korridor herzustellen , ein Sofa und ein paar Sessel für die Kundschaft , ein grosser Arbeitstisch , ein Glasschrank für die Auslage der fertigen Hüte , eine bescheidene Kücheneinrichtung und tausend andere Dinge mehr mussten beschafft werden . Das erste grosse Zimmer wurde als Verkaufs- und Empfangsraum eingerichtet , Lotte nannte es ihr » Atelier « , das erste kleine zum Arbeits- , Ess- und Wohnraum , in dem dritten noch kleineren schliefen die Schwestern . Es war gerade für die Betten und ein Waschtischchen darin Platz . Während Lena noch mit der Einrichtung beschäftigt war , begann Lotte mit den Einkäufen für ihr Geschäft . Zwei grosse Kaufhäuser waren ihr genannt worden , in denen sie alles Notwendige geliefert erhalten würde . Für den Einkauf von rohen Hüten das Engros- und Exportgeschäft von Ehlermann in der Leipziger Strasse , für den laufenden Bedarf an Band , Federn und Blumen , Seiden- , Gaze- und Futterstoffen das Konfektionshaus von Levin am Hausvogteiplatz . In dies luxuriös , im grossen Stil eingerichtete Geschäftshaus einzutreten , hatte Lotte das erste Mal eine heftige Ueberwindung gekostet . Das prächtige Haus mit den eleganten Schaufensterauslagen , die hochherrschaftlichen Equipagen , die vor der Thür hielten und denen Damen in den elegantesten und modernsten Herbsttoiletten entstiegen , der galonierte Diener , der die breiten Glasthüren aufstiess , das alles hatte sie derartig eingeschüchtert , dass sie eigentlich gar nicht gewagt hätte , dies Geschäftshaus zu betreten , wenn nicht Fräulein Weber sowohl als auch die Hôtelwirtin sie vorher ausdrücklich versichert hätten , dass aus diesem grossen prächtigen Hause viele Hunderte von jungen Mädchen in gleicher Lage wie sie ihren Bedarf bezögen . Nach einiger Zeit fasste sie sich endlich ein Herz , trat ein und begann zu den sechs verschiedenen Hüten , die sie bei Ehlermann erstanden hatte , Bänder , Blumen und Sammet , ja sogar ein paar billige Federn auszusuchen . Der Einkauf ging sehr langsam und umständlich von statten . Aber da der junge Mann , der Lotte bediente , auf den ersten Blick sah , dass er einen Neuling aus der Provinz vor sich hatte , übte er Geduld . Das Genre kannte er . Ueberdies war die Kleine weit hübscher und hatte trotz ihrer Schüchternheit bedeutend bessere Manieren als andere ihres Schlages . Heut , als beim ersten Einkauf , musste Lotte sämtliche Waren baar bezahlen , aber es wurde ihr gleichzeitig mitgeteilt , dass ihr von ihrem nächsten Einkauf ab schon ein Monatskredit auf Buch eröffnet werden würde . Bei regelmässigen monatlichen Zahlungen erhalte sie vier Prozent Vergütung . Ueber Lottes feines , blasses Gesichtchen zog ein frohes , dankbares Lächeln . Wie freundlich und entgegenkommend man in Berlin doch war ! Wenn sie nur wüsste , warum man sie und Lena so sehr vor Berlin gewarnt hatte ! Vor allem Franz Krieger . Wenn er auch nicht viel darüber gesprochen hatte , so war doch sein ganzes Wesen eine einzige grosse stumme Warnung gewesen . Ob er am Ende nur so schwarz gesehen , weil er sie gern hatte ? Sie wusste es längst , aber immer hatte sie sich gescheut , es ihn merken zu lassen . Sie mochte ihn auch gern , gewiss , aber in anderer Art , und alles in allem hatte Lena viel mehr für ihn übrig . Lena mit ihrem frischen , lustigen , fröhlichen Wesen passte ja auch viel besser zu ihm , denn er war im Grunde auch lustig und heiter und nur immer so schrecklich verlegen ihr und Vater gegenüber . Es that ihr ja von Herzen leid , aber wahrhaftig , sie konnte nicht anders . Sie hatte ganz andere Zukunftspläne , als die Frau eines Mannes zu werden , mit dem sie schon von Kindheit an gut Freund gewesen war . Hinaufarbeiten wollte sie sich , wie so viele in Berlin es vor ihr gethan hatten . All ' ihren Fleiss wollte sie zusammen nehmen , bis sie es zu einem feinen Geschäft mit einem grossen , prachtvollen Laden gebracht hatte , wie sie hier so viele sah . Dann sollten Vater und Schwester bei ihr wohnen und es so recht von Herzen gut bei ihr haben und dann , ja dann , wenn dann ein Mann bei ihr anklopfte , den sie lieb hatte mehr als alles auf der Welt , dann sollte er sie haben , ob er arm oder reich war , und herrlich und in Freuden wollten sie miteinander leben . So ganz in Gedanken versunken , bis an das Kinn bepackt , war Lotte zu Hause angelangt . Als sie über den Hof schritt , hörte sie von ihrer Wohnung her , in der alle Fenster offen standen , um die köstlich warme Sonne einzulassen , eilfertige kurze Hammerschläge , die indess verstummten , während sie die Treppen hinaufstieg . Die Thür zur Küche war halb geöffnet . An dieser Thür aber prangte etwas , was Lotte noch nie gesehen und was ihr die Röte der Freude bis unter das goldbraune Stirnhaar trieb : ein grosses weisses Porzellanschild mit der weithin leserlichen schwarzen Inschrift : » Charlotte Weiss , Putzmacherin « . Hinter der Thür aber lachte Lena vor Freude über ihre gelungene Ueberraschung . - Bei Tisch - die Herrichtung eines einfachen Mittagsbrodes hatte Lena bis zur ihrer Anstellung übernommen - rechneten die Mädchen und kamen zu dem betrübenden Resultat , dass von den 1500 Mark Kapital seit ihrer Abreise von der Heimat bereits über 500 Mark für Reise , Hôtel , Miete praenumerando , Einrichtung und Lottes heutige Einkäufe verausgabt waren . Lotte meinte zwar , dass damit die Ausgaben ja nun auch überstanden seien , und es jetzt ans Verdienen ginge , Lena aber , die wieder sehr praktisch geworden war , seitdem ihr erster Berliner Rausch verflogen , sah die Dinge weniger optimistisch an . Was fingen sie an , wenn ihre Einberufung nicht binnen Wochenfrist erfolgte und Lotte nicht gleich verdiente ? Selbst im günstigten Fall würde bis zu ihrer Anstellung als Telephonistin noch immer Zeit genug vergehen . Aerztliche Untersuchung , Aufnahmeprüfung , vier bis sechs Wochen unentgeltlicher Dienst , das neue Jahr würde herankommen , ehe sie würde mitverdienen helfen können ! Lena wurde plötzlich sehr niedergeschlagen und fing an , sich Vorwürfe darüber zu machen , dass sie für sich selbst nicht an eine interimistische Thätigkeit gedacht hatte . Welche ? Da wäre freilich guter Rat teuer gewesen . Lotte durfte von dieser Depression beileibe nichts merken . Lena dankte Gott , dass sie den Kopf so hübsch oben trug , und ganz Hoffnung , ganz glückliche Arbeitsstimmung war . Um doch wenigstens selbst auch gleich etwas zu thun , machte sie sich daran , ihre Kenntnisse in Geographie , Aufsatz und Rechnen für die Aufnahmeprüfung wieder aufzufrischen . Lotte nahm indess selbstverständlich zuerst den bestellten Hut für Marie Weber in Arbeit . Ob es daran lag , dass sie ganz etwas besonders gutes machen wollte , ob ihr von den vielen Modellen , die sie täglich in den Schaufenstern sah , zu vielerlei verschiedene Arrangements vorschwebten und sie verwirrten , kurz und gut , was ihr nie vordem begegnet war , sie konnte mit dem Hut nicht zustande kommen . Immer wieder hatte sie die Form anders besteckt . Einmal mit Schleifen und Blumen , dann mit Federn , schliesslich nur mit Band . Eine ganze Menge Material war schon beschädigt und unansehnlich gemacht worden , und noch immer wollte es nicht das Richtige werden . Kein Wunder , dass das endlich fertig gestellte Machwerk Marie Weber nicht zusagte . Das junge Mädchen war rücksichtsvoll genug , sich nicht weiter darüber zu äussern , bezahlte auch den ausgemachten Preis , aber die Schwestern sahen es ihr an , dass sie keine zweite Bestellung machen würde , und auch auf ihre Weiterempfehlung schwerlich zu rechnen sei . An diesem Abend weinte Lotte bitterliche Thränen , die ersten heissen seit dem Abschied von der Mutter Grab . Ihr Selbstvertrauen war tief herabgedrückt , ihre Hoffnungsfreudigkeit auf Null gesunken . Ein besonderer Glücksumstand war es , dass gerade an einem der folgenden Tage Lenas Einberufung eintraf . Nun gab es Neues zu denken und mitzusorgen , und auf Tage hinaus stand für die gutherzige , zärtliche Lotte nichts anderes als Lenas nächste Zukunft auf dem Spiel . Trotzdem die Schwester kerngesund war , erwartete Lottchen sie mit Herzklopfen von der Untersuchung bei dem Kassenarzt zurück . Würden Lenas Seh- und Hörkraft , ihre Lunge und die Blutzusammensetzung auch Gnade vor des Gestrengen Augen finden ? Nachdem die kleine schwerblütige Grüblerin über diese Sorge glücklich hinaus war , kam Lenas Aufnahmeprüfung an die Reihe . Bis in den grauenden Morgen des Prüfungstages hatte Lotte die Schwester examiniert und schweren Herzens sich und Lena immer wieder die Frage vorgelegt , ob Lena auch gut bestehen werde . Da der prüfende Postsekretär der Kandidatin selbst keine gar zu ängstliche Herzbeklemmung verursachte , war Lena endlich über Lottes Fragen fest eingeschlafen und die kleine Aufgeregte hatte die grösste Mühe gehabt , die Schwester morgens rechtzeitig aus dem Bett zu bekommen . Desto grösser war die Freude , als Lena mit dem Uebermut eines Schulknaben , der wieder ' mal eine mit Hangen und Bangen erwartete Versetzung hinter sich hat , heimkam . Aufnahmeprüfung , Vereidigung , alles war glücklich überstanden , und nun gings mit beiden Füssen zugleich hinein in ein neues Leben . Täglich von 8-12 Uhr Vormittags oder von 2-8 Uhr Nachmittags - zuweilen verschoben sich die Stunden auch - hatte Lena Dienst , der während ihrer Ausbildung in zwei Teile zerfiel : In den praktischen Dienst unter Leitung einer Aufsichtsdame , in dem das Stadt- und Ferngespräch erlernt wurde , und in den Instruktionsunterricht bei einem Aufsichtsbeamten , der die Anfängerin über das Verhalten in und ausser dem Dienst und die Vorsichtsmassregeln bei Gewitter- und Feuersgefahr unterwies . Lena mit ihrem anschlägigen Kopf erlernte das alles spielend . Ihr frisches , munteres Wesen trug das seine dazu bei sie beliebt und angenehm zu machen , und ohne allzu optimistisch zu sein , durfte sie ihre Anstellung um Anfang Dezember erwarten . Dann gabs für eine siebenstündige Arbeitszeit durch zwei Jahre 2 Mark 25 Tagegelder . Davon liess sich schon leben , sobald Lotte das ihre dazu verdiente . Wie ein Kind freute sich Lena auf die Zeit , da sie in ihrer schmucken Uniform , der blauen Leinenjacke mit den rot abgesteppten Nähten und den goldenen Knöpfen , die zu dem glatten schwarzen Rock so nett passte , in Reih und Glied mit den anderen Kolleginnen würde arbeiten dürfen . Es war eine Zusammengehörigkeitsaussicht , die ihr ungemein verlockend erschien . Während Lena so hoffnungsfreudig in die Zukunft sah , geriet Lottchen in eine immer gedrücktere Stimmung . Ihr anfangs so guter Mut wollte sich nicht wieder heben . Die Stunden , in denen Lena im Dienst war , dünkten ihr endlos lang zu sein , und immer trüber wurden die Gedanken , an denen sie in diesen einsamen Stunden spann . Sie war dies Alleinsein von Haus her so gar nicht gewöhnt . Dort war sie besonders während der letzten Jahre stets an der Seite der Mutter gewesen . Wenn es noch viel zu thun gegeben hätte ! Aber die Kundschaft stellte sich nur sehr spärlich ein und war recht wenig nach Lottchens Sinn . Zu Haus hatten die Frau Apothekenbesitzer , die Frau Doktorin , wenn nicht für sich , so doch für ihre zahlreichen Kinder , die Frau Steuereinnehmer , die Frau Kalkulator neue Hüte bei ihr bestellt , oder alte aufarbeiten lassen . Hier musste sie schon dankbar sein , wenn ein paar Mädchen aus den Nachbargeschäften kamen . Meist fanden sich indess nur Dienstmädchen bei ihr ein , die gegen Abend , während sie Einkäufe für ihre Herrschaft machen sollten , vorsprachen . Es handelte sich da beinahe stets um denselben Auftrag : der vorjährige Winterhut sollte bis zum nächsten Ausgehsonntag neu aufgearbeitet werden . Das waren Aufgaben , die in wenigen Stunden ausgeführt waren und im besten Fall etwa eine Mark für den Hut einbrachten . Was hätte Lotte für eine einzige Kundin mit ausgiebigen Aufträgen gegeben ! Für eine Kundin aus besseren Kreisen mit der die Unterhandlung keine moralische Pein war , die sich bei dem feinfühligen Mädchen oft bis zum physischen Unbehagen steigerte . Die Sehnsucht nach der toten Mutter wuchs wieder mächtig in ihr auf . Nur einmal während der vielen totstillen Stunden ihr Grab aufsuchen dürfen , ein paar armselige Blumen darauf niederlegen , über dem kahlen Hügel beten und weinen ! Und nicht allein zu der Toten , auch zu den Lebendigen trieb sie ' s zurück . Sie wollte sichs nicht eingestehen und doch war es so , jetzt schon , nach wenigen Wochen , hatte das Heimweh sie gepackt . Nach dem Vater , nach den wenigen Bekannten , nach den engen , vertrauten Gassen sehnte sie sich zurück . Mehr als je zuvor musste sie auch an Franz Krieger denken . Wenn er am Ende doch recht gehabt und sie und Lena im Unrecht gewesen wären ! Ein herzbeklemmendes Gefühl war es jedenfalls , allein und fremd zu sein unter Millionen von Menschen . Niemals ein bekanntes Gesicht zu sehen , einen freundlichen Gruss zu bieten oder zu empfangen . Die Freude würde sie überwältigt haben , wenn ihr eines Tages nur irgend ein gleichgiltiger Mensch aus der Heimat begegnet wäre . Nur einmal etwas anderes sehen als fremde Gesichter . Wie viel besser hatte es doch Lena ! Von ganzer Seele gönnte sie ihr das glücklichere Los , das sie gezogen hatte , aber dem Vergleich konnte sie sich nicht entziehen . Während die Schwester mit einer Schar von Kolleginnen , die alle die gleichen Interessen verbanden , zusammen arbeiten durfte , angestrengt arbeiten , ohne rechts und links zu sehen , sass sie allein , oft ohne jede genügende Beschäftigung , und ihre Augen suchten und fanden nichts als einen stillen , engbegrenzten Raum . Was ihr in den sonnigen Herbsttagen so gefallen , die abgeschlossene kleinstädtische Ruhe des mauerumfriedeten Hofes , schien ihr jetzt , wo der Herbstzauber dahin war , nur noch ein ödes totes Einerlei . Grau , blätterlos , halbverschneit stand der Nussbaum da . Die Fenster der Nachbarn , die im Oktober einen so freundlichen Einblick in das Innere der Wohnungen gewährt hatten , waren fest verschlossen . Vor den Fenstern blühten keine Blumen mehr , und der breite , in das Mauerwerk hinein lugende Himmel war grau und schwer , wie alles in der engen Nachbarschaft . In den Stunden , zu denen Lena da war , liess sich freilich alles ganz anders an . Trotzdem sie meist totmüde nach Haus kam , wusste sie doch immer von allerhand lustigen und interessanten Dingen zu erzählen . War der Dienst auch noch so streng und geregelt , die Aufsichtsdame noch so unnachsichtig , ein paar Augenblicke , um mit den Nachbarinnen zu plaudern , fanden sich doch immer . Und dann die grosse , fast einhalbstündige Erholungspause ! Wie die Bienen schwärmten sie dann aus , die luftigen , sauber gehaltenen Steintreppen herunter in das kleine Paradies hinein , das die jungen Mädchen auf eigene Kosten begründet hatten und aus eigener Tasche erhielten . Da gab es guten Kaffee und Bier und belegte Brödchen , vor allem aber einen Schwatz , wie er lustiger bei keinem Kaffeekränzchen gedacht werden konnte . Was man da alles erfuhr und lernte ! Unter den hundert Telephonistinnen in Lenas Saal waren neben den Töchtern aus einfachen Familien auch junge Mädchen aus den besten Kreisen vertreten . Ja drei wirkliche adelige , zwei Oberstleutnantstöchter und eine Majorstochter a.D. , waren darunter . Sie waren weder hübsch noch so chic in ihren Strassenkostümen , wie die meisten der andern Mädchen , aber vornehm waren sie , kolossal . Im Hause des Oberstleutnants von Strehsen hatte Prinz Leopold bei einem der vielen Brüder Pathe gestanden . Jetzt waren die jungen Herren längst alle Kadetten oder standen als Leutnants in der Armee , und die Schwestern mussten mit verdienen helfen , damit die Offiziere nur einigermassen standesgemäss leben konnten . Warum die Brüder alle zum Militär gingen , wenn kein Geld dazu da war , auf diese etwas naseweise Frage Lenas hatte das älteste Fräulein von Strehsen , das sonst sehr nett mit ihr zu sein pflegte , freilich keine Antwort mehr gegeben , sondern ihr achselzuckend den Rücken gedreht . Aber das würde sich schon wieder geben . Sie war im Grunde nicht stolz , das Fräulein Clementine und für ein » Fräulein von « eine gutmütige Person . Auch über die Arbeit selbst sprach Lena sich dauernd sehr befriedigt aus . Die Handgriffe wurden ihr spielend leicht . Nach acht Tagen schon hatte sie alle Verbindungen herzustellen verstanden . Auch sprach sie deutlich und hörte scharf . Förmlich gelehrte und von technischen Ausdrücken wimmelnde Vorträge über die sinnreiche Einrichtung der Schränke , über den Sprach- und Hörapparat , über das Arbeiten mit den Klinken wusste sie Lotte zu halten . Und wie sauber , ja förmlich appetitlich alles gehalten wurde , es war eine wahre Lust . Lenas Enthusiasmus für ihren neuen Beruf kannte keine Grenzen . Er umfasste das kleinste und das grösste mit gleicher Liebe . So ganz eingenommen war Lena von ihren eigenen Interessen , dass sie es völlig übersah , wie blass und abgespannt Lotte war . Als sie dann eines Tages das trübselige , niedergeschlagene Wesen der Schwester zu bemerken begann , fing sie in ihrer frischen energischen Art heftig zu schelten an . » Wo soll denn das hin , Lotte ? Wie siehst Du denn aus ? Das kommt von dem ewigen Stillsitzen und Alleinsein . Du wirst noch krank werden und dann haben wir ' s ! Das muss anders werden . Zerstreuung und Bewegung musst Du haben . Hol ' mich doch heut ' mal abends vom Amt ab . Es ist solch ' ein amüsanter Weg nach dem Westen heraus . Ich hab ' Dir das schon so oft vorgeschlagen . Ich zeige Dir die drei Offiziersfräuleins . Wir sind immer in derselben Tour . Auf dem Rückwege bummeln wir dann noch ein bischen vor den Läden herum , es sind noch immer eine ganze Menge auf . « Aber Lotte wollte nicht . Sie ging ungern allein weite Wege und hielt sich lieber in der Nachbarschaft , wo sie leicht wieder nach Hause konnte . Es war ihr unerträglich , sich anstarren zu lassen , oder gar dreiste Worte mit anhören zu sollen , die ihr die Röte der Scham in die Wangen trieben . Mehrmals war es ihr schon so ergangen , ohne dass sie in ihrer stillen Art jemals davon gesprochen hatte . » Wenn Du mich nicht abholen willst , so hol ' Dir wenigstens ein Buch aus der Leihbibliothek und vertreibe Dir damit die einsamen Stunden . Du liest ja so gern . « » Bücher leihen kostet Geld . « » Puh ! Sind wir so klamm , dass es auf ein paar Groschen ankommt ? « » Ich fürchte , Lena . « Lena küsste die Schwester . » Du , mach blos kein so trauriges Gesicht . Ich kann das nicht sehen . Pass auf , in vierzehn Tagen habe ich meine Anstellung in der Tasche , und Du so viel Weihnachtsbestellungen , dass Du vor Arbeit nicht weisst , wo aus noch ein . Dann leben wir im künftigen Jahr wie die Götter und geniessen das schöne , himmlische Berlin . « Lotte lachte . Wenn Lena so sprach , war sie unwiderstehlich . » Siehst Du , da lachst Du schon . Es war aber auch höchste Zeit , denn ich muss gleich in den Dienst . Vorher aber musst Du mir versprechen , dass sobald Du den Hut für Gutmanns Köchin fertig hast , den noblen , weisst Du , für eine Mark , Du heruntergehst und Dir von nebenan ein hübsches Buch holst . Die paar Groschen für Dein Vergnügen werden wir uns wohl noch absparen können . Du - und Lotte - nimm ja nichts Rührendes . Ich will Dich heute abend nicht wieder mit verweinten Augen sehen ! « Lotte sah ihr lächelnd nach . Wie fröhlich , wie hübsch , wie lustig die Lena war ! Wie schnell sie sich in das neue Leben eingewöhnt hatte ! Ja , der konnte es nicht fehlen in Berlin ! Um fünf Uhr war Lotte mit ihrem Hut fertig . Einkäufe hatte sie heute nicht mehr zu machen . Das wenige , was sie zum Abend brauchten , war im Hause . Auch ihre Materialvorräte reichten bei den knappen Bestellungen noch auf ein Weilchen aus . Sie genierte sich ordentlich , bei Levin so wenig Gebrauch von dem ihr seit dem 1. November eröffneten Konto zu machen . Aber vielleicht hatte Lena recht , und es wurde für den Weihnachtsmonat besser mit den Bestellungen . Mit diesen Gedanken ging sie die Treppe hinunter , auf der eine einzige kaum zur Hälfte aufgedrehte Gasflamme brannte . Bis zu der kleinen Leihbibliothek waren es nur ein paar Schritte , als Lotte aber fühlte , dass die rauhe , frische Luft ihr gut that , legte sie ihre Scheu vor dem Alleingehen ab und schritt eiligst die Strasse ein paarmal auf und nieder . Plötzlich sah sie wieder alles mit heitereren , lebensfroheren Augen an . Lena hatte recht , sie durfte sich wirklich nicht einsperren wie eine Gefangene . Ein einziger Blick in die Aussenwelt liess gleich alles anders erscheinen . Ordentlich fröhlich schritt sie so einher und blieb sogar ganz wider ihre sonstige Gewohnheit zuweilen stehen , um einen Blick auf die hellerleuchteten Schaufensterauslagen zu werfen . So manches Geschäft hatte schon für Weihnachten gerüstet . Lotte überlegte , ohne diesmal an das leidige Geld zu denken , was sie Lena und dem Vater würde geben können . Aus dem grossen Bierrestaurant an der nächsten Ecke , das sie sonst in weitem Bogen ängstlich zu umkreisen pflegte , seitdem sie einmal gegen Abend an der Ausgangsthür von zwei jungen Leuten angesprochen worden war , trat eine heitere Menschengruppe . Junge Männer und ein paar Damen . Sie trugen Schlittschuhe in der Hand oder über den Arm gehängt , und sprachen lachend davon , wie gut der heisse Grog nach der rauhen Luft auf der Eisbahn ihnen gethan . Ein frischer , natürlicher Hauch ging von ihnen aus , etwas ursprüngliches , das Lottes krankem Gemüt wohlthat . Wer weiss , ob diese Menschen nicht auch ihre Sorgen hatten und konnten doch auf Stunden vergnügt sein . Warum sollte sie allein ihr Leben vertrauern , weil nicht gleich alles so ging , wie es hätte gehen sollen ? Konnte sich denn nicht alles mit einem Schlage ändern ? Konnte das , was sie vor zwei Monaten erträumt , als sie nach Berlin gekommen war , nicht dennoch Wahrheit werden ? Wo so viele , viele tausende einen sicheren Hafen fanden , weshalb sollte sie gerade scheitern ? Lotte richtete sich ein wenig straffer in den Schultern auf und ging mit festen Schritten vorwärts . Vor ihr trippelten drei kleine acht- bis zehnjährige Mädchen . Sie waren sehr ärmlich gekleidet und gegen die rauhe Luft nur mit verschlissenen Sommerjäckchen oder einem kreuzweis über die Brust geschlungenen Tuch geschützt . Arm in Arm spazierten sie fröhlich vor Lotte her und sangen dazu in einem schrillen Discant einen Gassenhauer , von dem Lotte nur den Refrain verstand : » Ich kenn ' die Welt genau , Ich lass mich nicht verführen , Dazu bin ich zu schlau . « Lotte wurde rot bis unter das goldbraune Stirnhaar . Mein Gott , was diese Berliner Kinder alles daherredeten , es war schrecklich ! Ganz dunkel gings ihr dabei durch den Sinn , dass die Armut am Ende einer so düsteren Vorschule bedürfe , die schon in der Kindheit vor nichts zurückschrecken macht , um sich mit Erfolg durchs Leben zu schlagen . Die unklaren Vorstellungen , die sich an das hässliche Lied knüpften , hatten Lotte wieder traurig gemacht , und mit dem melancholisch resignierten Lächeln , das jetzt schon in ihrem lieblichen Gesichtchen förmlich festgewachsen zu sein schien , trat sie endlich in den kleinen Buchladen ein . Der enge Raum war nur notdürftig erhellt , so dass Lotte anfangs nichts unterscheiden konnte , als ein paar hohe Bücherregale und die Platte des Ladentisches . Die schmale Glasthür zu einem Nebenzimmer in gleicher Flucht mit dem Laden stand offen . Auf einem breiten , altmodischen schwarzen Rosshaarsofa sass da ein junger Mann , eifrig über eine Papierlage gebückt und schrieb . Er schien das leise Anschlagen der Ladenthürklingel völlig überhört zu haben . Erst ein kleines Geräusch , das Lotte absichtlich machte , um seine Aufmerksamkeit zu erregen , liess ihn nervös von seiner Arbeit auffahren . Unwillig sprang er auf und trat durch die Glasthür hinter den Ladentisch . Zunächst mochten seine Gedanken noch bei der Arbeit sein , die er dort drinnen verlassen hatte , denn er gab auf Lottes bescheidene Fragen sehr konfuse Antworten . Dann plötzlich erhellte sich sein anfangs unmutig verzogenes Gesicht . Er drehte die Gasflamme über dem Ladentisch heller und beugte sich etwas zu Lotte hinüber , um seine Zerstreutheit zu entschuldigen . Während er ihr einige Bücher zur Auswahl vorlegte , bemerkte sie , dass er ein sehr brünetter , schlank aufgeschossener , ungewöhnlich hübscher junger Mensch war . Lotte blätterte , jetzt selber etwas zerstreut , in den ihr vorgelegten Romanbänden . Dann plötzlich sah sie zu dem jungen Mann auf und gerade in seine graublauen Augen , die er , wie sie jetzt fühlte , unentwegt auf sie gerichtet gehalten hatte . In tötlicher Verlegenheit stotterte sie etwas von Preisen , die sie erst kennen müsse , bevor sie eine Wahl träfe . Er nahm ein kleines vergilbtes Oktavblatt von einem erhöhten Pult hinter dem Ladentisch und händigte es ihr ein . Zerstreut überblickte sie die Abonnements-Bedingungen und sagte dann zögernd : » Also für ein Buch sind zehn Pfennige zu entrichten ? « » Für einen bis drei Tage , ja . Aber ich würde Ihnen vorschlagen , Fräulein , ein Abonnement zu nehmen . « Als sie einen Einwand erheben wollte , dessen Grund er ahnte , fiel er ihr rasch in die kaum begonnene Rede . » Eine Mark monatlich für ein Buch , Fräulein , und wenn Sie die Güte haben wollten , mir Namen und Adresse aufzuschreiben , würde das Pfand ganz fortfallen . « Nach einem , von Seiten des jungen Mannes dringenden , von Lottes Seite zögernd verlegenen Hin und Her wurde der Handel abgeschlossen . Trotz der Gegenwehr des jungen Mannes legte Lotte eine Mark auf den Ladentisch . Sie wusste von zu Haus , wo sie die armselige Leihbibliothek viel benutzt hatte , dass Leihgebühren