Beste , was dort hingelegt und an den Wänden aufgehängt worden ist , herauszufinden ! Ich wähle die glänzendsten Worte , die prächtigsten Ausdrücke und füge sie für dich mit einem so tiefen Verständnisse , mit einer so bewundernswerten Sachkenntnis zusammen , wie der Dschauhardschi16 die seltensten Edelsteine und die köstlichsten Perlen zu einer Halskette zusammensetzt ! Ich überreiche dir dieses unübertreffliche Geschenk , indem ich es dir mit meinem eigenen Munde mühsam diktiere ! Und nun du es empfangen hast , was thust du ? Du drehst es in deinen Gedanken und in deinen Händen unzufrieden hin und her ; du wirfst die Nichtwohlgewogenheit deiner unfreundlichen Blicke darauf und beleidigst den Hintergrund meiner Seele und den Vordergrund meines Herzens durch die schreiende Ungerechtigkeit des unsachgemäßen Vorwurfes , daß diese Juwelenkette , dieses ganz unzahlbare Geschmeide , diese geradezu diamantene Freundschafts- und Ehrengabe länger und auch besser sein könne ! Wenn das nicht eine Undankbarkeit ist , die dich um meine ganze Achtung und Gegenliebe bringen muß , so habe ich noch nie gewußt , was überhaupt Undank ist ! Du hast mit der Hacke deiner Unerkenntlichkeit und mit der Schaufel deiner habsüchtigen Unzufriedenheit zwischen mir und dir einen tiefen Abgrund gegraben , dessen Breite ich nicht überspringen könnte , wenn ich hinüberwollte . Das Schicksal hat unsere Trennung beschlossen ; das Fatum reißt uns für ewig auseinander , und wir werden , ich hüben und du drüben , von jetzt an einsam durch das Leben gehen und beide für alle Zeit auf dich verzichten ! Lebewohl , Sihdi , lebewohl ! « Er verließ das Zelt , und ich prägte mir in größter Seelenruhe den Namen ein ; ich wußte ja , wie es kommen würde ! Und es kam wirklich so ! Nach vielleicht einer Viertelstunde zog er den Vorhang , welcher den Eingang bildete , auseinander und steckte den Kopf herein . » Sihdi ! « sagte er . » Was ? « fragte ich . » Ich war bei Hanneh , der trauten Krone aller Weiber ! « » So ! « » Ich habe es ihr erzählt ! « » So ! « » Weißt du , was sie machte ? « » Ja . « » Was ? « » Sie lachte dich aus ! « » Nein , nicht ausgelacht , sondern sie lächelte nur . Dann gab sie mir einen Rat . « » Welchen ? « » Den allerbesten , den es geben kann , denn du mußt wissen , daß Hanneh , mein Stern im Wachen und im Träumen , stets nur den besten Rat zu finden weiß . Sie fand den Namen nämlich auch für dich zu kurz . « » Das war klug von ihr ! « » Und sagte , ich solle noch den Großvater deiner Urgroßmutter hinten anhängen . « » Schön ! Hast du den gekannt ? « » Nein ; aber nimm das Papier , und schreib ihn noch hin ! Sein Name war Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram . « Ich schrieb die Worte , welche in deutscher Uebersetzung » Sohn des Hadschi Fromm , Vater der Güte , der Ehrwürdige « heißen . » Hast du nun den ganzen Namen ? « fragte Halef jetzt . » Ja . « » Lies ihn einmal vor ! « » Hadschi Akil Schakir el Magarrib Ben Hadschi Alim Schadschi er Rani Hadschi Dajim Maschhur el Azami Ben Hadschi Taki Abu Fadl el Mukarram . « » Schön ! Was sagst du nun dazu ? « » Er gefällt mir außerordentlich . « » Du bist also nun zufrieden ? « » Sehr . « » Du bist also einverstanden , daß wir dich so heißen ? « » Ja . « Da hellte sich sein Gesicht schnell und vollständig wieder auf , und er sagte im frohen Tone : » Hamdulillah ! Allah sei Lob und Dank gesagt , daß es mir gelungen ist , diesen deinen Abgrund wieder zuzuschaufeln ! Nun sind wir die alten Freunde und können wieder , wie vorher , in Wonne miteinander verkehren . Ich sage dir , daß ich es hüben auf meiner Seite nicht ausgehalten hätte , wenn du immer hättest drüben bleiben müssen ! Ich werde es mir aber zur Warnung dienen lassen und nie in meinem Leben wieder so unvorsichtig sein , die Namen von verstorbenen Personen zu entdecken , die gar nicht gelebt haben ! Jetzt bitte ich dich , mit herauszukommen ! Die Dschemmah17 tritt zusammen , um darüber zu beraten , wer und in welcher Weise er während meiner Abwesenheit den Stamm regieren soll . Da mußt du auch dabei sein , denn so oft und so lange du bei uns bist , giltst du genau so , wie wir alle als mitten zwischen unsern Herden geborenes Mitglied der Haddedihn vom großen , berühmten Stamme der Schammar . « Das war richtig . Ich mußte , wenn ich mich bei diesen guten Leuten befand , an allen ihren Beratungen teilnehmen und wußte die Ehre , welche mir dadurch erwiesen wurde , gar wohl zu schätzen . Die Schammar haben ihren Namen von dem in Arabien südlich von der Wüste Nefuhd liegenden Dschebel18 Schammar , den sie als Mittelpunkt ihres ausgedehnten Gebietes betrachten . Als Angehörige dieses Stammes hätten wir eigentlich jetzt dorthin reiten sollen , zumal der nächste und auch beste Weg nach Mekka über den Dschebel Schammar führte ; aber ich war mit Halef und seinem Sohne dort gewesen ; man kannte mich als Christ , und es wäre gar nicht zu verheimlichen gewesen , daß ich auch mit nach Mekka wollte . Das hätte sehr wahrscheinlich nicht nur zu Verdrießlichkeiten , sondern sogar zu ernsten Auftritten Veranlassung gegeben , welche zu vermeiden , wir lieber einen Umweg machen und den Dschebel Schammar gar nicht berühren wollten . Leicht war das freilich nicht , besonders der uns unbekannten Wasserverhältnisse wegen . Fünfzig Mann mit Pferden und Kamelen wollen trinken , und in der arabischen Wüste , die nicht weniger schrecklich als die Sahara ist , kann der Wassermangel leicht verderblich werden . Glücklicherweise hatte ein Krieger vom Beduinenstamme der Beni Harb sich eines Haddedihnmädchens wegen , welches er liebte aber nicht dazu bewegen konnte , ihm zu seinem Stamme zu folgen , in den ihrigen aufnehmen lassen . Er war ein ernster , gewandter , sehr erfahrener und zuverlässiger junger Mann , der die Gegend , durch welche wir reiten mußten , sehr genau kannte . Dieser behauptete , genug Bijar19 und Ujun20 zu kennen , wo wir Wasser finden würden ; er werde unser Führer sein , und wir könnten ihm getrost unser Vertrauen schenken . Wir beschlossen , uns an diese seine Versicherung zu halten , worauf er nicht wenig stolz war , und haben es auch dann nicht zu bereuen gehabt . Für Hanneh wurde ein großer Tachtirwan bestimmt , den zwei Kamele zu tragen hatten . Er war sehr geräumig und bequem ; sie konnte sitzen oder liegen , wie sie wollte , und sogar auf den Kissen sich ganz ausstrecken . Ein Dach aus bunten , reichgestickten Stoffen bot ihr genügenden Schutz vor den Sonnenstrahlen . Da unser Weg durch die Wüste führte und wir fünfzig Krieger zählten , mußten wir darauf verzichten , diese Leute mit Pferden beritten zu machen , welche täglich trinken müssen . Die Haddedihn sind berühmt wegen ihrer Zucht vortrefflicher Reitkamele ; sie besitzen große Herden dieser Tiere , und so konnten wir also eine gute Auswahl treffen . Das Reitkamel wird Hedschihn genannt , während das Lastkamel Dschemal heißt . Die besten Reitkamele sah man früher beim Stamme der Bischari , weshalb sie Bischarihnhedschihns genannt wurden . Der Plural lautet Hudschuhn . Die Schammar und also auch die Haddedihn sind so klug gewesen , sich dieses vorzügliche Material zu erwerben , und züchten nun Reitkamele , welche denen der Bischari wenigstens gleichkommen , aber meiner Ansicht nach sie sogar übertreffen . Also solche Hudschuhn wollten wir reiten . Die mausgrau gefärbten hält man für die besten und ausdauerndsten Renner . Halef suchte deren mehrere für sich und mich und auch als Reserve aus . Außerdem war es uns beiden , aber auch nur uns , keinem andern Haddedihn , gestattet , unsere Pferde mitzunehmen . Der Hadschi behauptete , daß dies zu Repräsentationszwecken notwendig sei . Da er der berühmte Scheik der Haddedihn sei und ich der ebenso berühmte Gelehrte Hadschi Akil Schatir el Megarrib aus dem fernen Wadi Draha , so gehe es gar nicht anders , als daß wir in der heiligen Stadt und deren Umgebung und auch sonst bei wichtigen oder festlichen Gelegenheiten vorzügliche Pferde von reinstem Blute reiten müßten . Sein Rappe hieß Barkh21 und war ein ganz vorzüglicher Nedjedihengst . Mein Pferd , auch ein Rapphengst , war Assil22 Ben Rih , ein gleichwertiger Sohn meines herrlichen Rih , welcher unter mir erschossen wurde . Die Kugel , welche ihn traf , hatte eigentlich meinem Herzen gegolten . Zahllose Briefe meiner Leserinnen und Leser sprechen von den Thränen , welche beim Lesen seines Todes vergossen worden sind23 . Man braucht sich ihrer nicht zu schämen . Mir selbst werden noch heut die Augen naß , wenn ich an diese traurige , ergreifende Scene denke . Jetzt ritt ich , wie bereits gesagt , Assil , seinen ebenbürtigen Sohn , der mich schon mit hohen Ehren durch ganz Persien getragen hatte und ein hochedles Pferd war , auf welches ich mich in jeder Beziehung verlassen konnte . Er war mir lieber als Halefs Barkh . Noch kurz vor unserm Aufbruche konnte Halef den dringenden Bitten seines Sohnes , doch auch für ihn ein Pferd mitzunehmen , nicht mehr widerstehen . Es wurde für ihn die herrliche Schimmelstute Kawamah 24 bestimmt , eine Tochter von jener weißen , berühmten Stute , welche das Pferd Muhammed Emins , des früheren Scheikes der Haddedihn , gewesen war . Als wir dann unterwegs waren , bildeten wir mit den Kamelen , welche die Wasserschläuche und andere notwendige Sachen zu tragen hatten , eine ganz hübsche und , wie Halef sich stolz ausdrückte , » wie das Eigentum eines Königs aussehende « Kavalkade . Selbst bei Kamelen sehen Rassetiere eben ganz anders aus als gewöhnliche , vielleicht gar abgenutzte Exemplare ! Hierbei will ich die vielleicht nicht ganz unnötige Bemerkung machen , daß man die Unwahrheit sagt , wenn man behauptet , das Kamel könne über eine Woche lang dürsten , und es komme vor , daß die Wüstenreisenden dadurch vor dem Tode des Verschmachtens gerettet werden , daß sie ein Kamel erstechen und das in dem Magen desselben befindliche Wasser trinken . Die Wahrheit ist , daß das Kamel in Beziehung auf das Futter genügsam ist und mit dornigen und stacheligen Gewächsen fürlieb nimmt , welche kein Pferd fressen würde ; es zeigt sich auch in dieser Hinsicht als brauchbares Wüstentier . Sodann kann es infolge seines weiten Magens eine ungewöhnliche Menge Wasser zu sich nehmen , welche länger reicht als bei dem Pferde ; aber schon am zweiten Tage hat es wieder Durst ; am dritten wird es schwach und am vierten hinfällig , wenn es Lasten zu tragen hat . Es kommt ja auch auf die Leistungen an , welche man von ihm verlangt . Ich bin mit einem vorher tüchtig getränkten Bischarihnhedschihn , welches nach deutschem Gelde wohl 8000 Mark wert war , in drei Tagen und drei Nächten 450 Kilometer geritten ; dann aber konnte es vor Durst nicht weiter . Und daß das Magenwasser genießbar sei , ist auch eine alte , ganz unbegründete Fabel . Ich habe viele Kamele kurz und auch später nach dem Tränken schlachten sehen , denn das Fleisch wird ja ganz gern gegessen ; aber schon zwei Stunden nach der Annahme des Wassers hatte es das Aussehen von Urin und einen geradezu widerstrebenden Magengeruch . Dann wird es schnell dicker und dunkler , bis es nach kurzer Zeit das Aussehen und auch den Gestank von Jauche hat . Ich würde selbst im höchsten Grade des Durstes keinen Schluck von diesem Mistwasser trinken können , wenn ich auch wollte , und ich würde auch gar nicht wollen , weil ich überzeugt wäre , daß ich an dieser Jauche noch eher als infolge des Durstes sterben müßte . Leider wird die alte , wie es scheint , unausrottbare Fabel noch heut in Schul- und anderen Büchern weiter verbreitet ! Unser eigentlicher Weg wäre bei Hit über den Euphrat und dann in gerader Linie durch die Wüste nach Djof und von da nach Haïl , dem Hauptorte des Dschebel Schammar , gegangen . Eine südlichere Linie geht von Hilleh aus um den Nedschef-See herum und später über den Dschebel Daharah direkt nach Haïl . Wir hielten die Mitte zwischen beiden ein , gingen an dem Daharah weit vorüber und suchten das berühmte Wadi Rumem zu gewinnen . Wadi heißt Flußbette und kann nach den dortigen Verhältnissen ein fließendes Wasser , aber auch eine ganz ausgetrocknete Mulde bedeuten . Hier , also südlich vom Dschebel Daharah war es , wo ich mit Halef voranritt und das am Anfange dieses Kapitels erwähnte Gespräch über die abendländischen Eisenbahnen mit ihm hatte . Ich hatte ihm , wie von so vielen unserer Einrichtungen , auch schon wiederholt von unseren Eisenbahnen erzählt ; ich hatte sie ihm beschrieben und ihm ausführlich erklärt , welchen Segen sie bringen und daß sie gar nicht zu entbehren seien . Ich hatte , um ihm das an einem Beispiele zu verdeutlichen , ihn auf die Pferdebahn hingewiesen , welche der so viel und so unschuldig verkannte Midhat-Pascha in Bagdad gebaut hatte , doch das alles vergeblich ! Er , der sonst so kluge und einsichtsvolle kleine Mann , konnte sich aus seinem orientalischen Gesichtskreise nicht herausfinden und hielt alles für unpraktisch oder gar für verwerflich , was nicht mit seinen Gewohnheiten und Erfahrungen übereinstimmte . So war es heut seinem orientalischen Gewissen gradezu als Sünde erschienen , daß es bei uns im Bahnwagen den beiden Geschlechtern erlaubt ist , bei einander zu sitzen . Das war doch ein Verbrechen gegen die allererste und oberste Haremsregel ! Die Sache an sich verurteilte er bloß ; sie brachte ihn nicht in Aufregung ; aber daß ich sie guthieß und mich selbst an dieser Sünde beteiligt hatte , das erregte seinen Zorn und trieb ihn fort von mir ! Ich ließ ihn ohne Sorge zu seiner Hanneh gehen , der er , wie ich wußte , nun sein Herz ausschüttete . Sie pflegte ihm den Turban wieder auf die richtige Stelle zu rücken . Als ich mich einmal umdrehte , sah ich , daß er , neben dem Tachtirwan reitend , sehr angelegentlich mit ihr sprach . Seine Gesten waren dabei äußerst lebhaft ; er schien seinen Standpunkt verteidigen zu müssen , also war anzunehmen , daß sie zu meinen Gunsten sprach . Nach einiger Zeit lenkte er sein Hedschihn wieder an die Seite des meinigen , doch sagte er noch nicht gleich etwas , denn die Strafpredigt , welche er mir vorhin gehalten hatte , war so energisch gewesen , daß es ihm jetzt nicht leicht wurde , in Freundlichkeit wieder einzulenken . Er hustete ; er räusperte sich wiederholt ; endlich begann er : » Sihdi , denkst du noch an eure Eisenbahnen ? « » Nein , « antwortete ich . » Aber du scheinst doch so tief in Gedanken zu stecken . Darf ich erfahren , was für welche es sind ? « » Ich denke an die Unzuverlässigkeit der Freundschaft . « » Das geht natürlich auf mich ? « » Ja . « » Meine Freundschaft ist gar nicht unzuverlässig ; aber sie kann sich nicht gut an die Wagen bei euch gewöhnen , in denen Frauen , Mädchen und fremde Männer beisammensitzen . Das Allerschlimmste ist , daß du selbst auch mit dabeigesessen hast ! « » Glaubst du , daß mir das geschadet hat ? « » Dir ? O nein , gewiß nicht ! « » Oder den Frauen und Mädchen ? « » Denen ? Gewiß auch nicht , denn du bist ein feiner , ein vornehmer Effendi , der sehr gut weiß , wie er sich zu benehmen hat . « » Nun , wenn es weder ihnen noch mir etwas geschadet hat , warum bist du da so erzürnt darüber ? « » Weil - - hm ! - - weil - - weil es sich nicht schickt ! « » Wer behauptet das ? « » Ich ! « » Du ? Das genügt mir nicht . Wer noch ? « » Jeder vernünftige Mann ! « » So ? Ich behaupte aber das Gegenteil , bin also ein unvernünftiger Mensch . Ich danke dir , Halef ! « » Sihdi , so - - so habe ich es nicht gemeint ; so darfst du es nicht nehmen ! Ich kenne dich ja und ich weiß also , daß grad du so viel Vernunft besitzest , daß sie für zehn andere Personen mehr als ausreichen würde . Dich habe ich am wenigsten beleidigen wollen ! « » Nun , wenn ich eine so bedeutende Portion von Vernunft besitze , so bin ich wohl auch befähigt , über unsere Eisenbahnen zu urteilen . Ich nehme an , daß du mit Hanneh darüber gesprochen hast ? « » Ja . « » Was sagte sie ? « » Ich erzählte ihr , was ich über eure Eisenbahnen von dir gehört hatte , und fragte sie nach ihrer Meinung . « » Nun ? Wie lautete diese ? « » Sihdi , ich kann dir fast nicht wiedersagen , was ich aus dem Munde meiner Hanneh hörte , welche doch der Inbegriff der Zusammenfassung aller weiblichen Klugheit ist . Sie gab dir nämlich recht ! « » Das dachte ich ! « » Wirklich ? Du dachtest es ? Warum ? Ich dachte es nicht ! « » So scheine ich deine Hanneh besser zu kennen als du . Sie will nicht , wie andere Frauen des Orientes , nur die willenlose Spielpuppe ihres Mannes sein , die er vor andern Leuten nicht sehen läßt ! « » Spielpuppe ! Sonderbar ! Ganz genau dasselbe sagte sie auch ! Sie fragte mich , ob sie nur mein Dschidschi25 oder meine Kukla26 sei , die kein Mensch sehen dürfe als ich allein . Ja , denke dir , sie drohte mir , nach unserer Rückkehr ein Männerzelt , ein männliches Harem zu bauen und mich da einzusperren , damit mich keine andere Frau betrachten dürfe . Dann sprach sie sogar von einer ganz armseligen Haremswirtschaft , welche eine große und ganz unverzeihliche Beleidigung aller Frauen sei ! « » Da hat sie recht ! « » Recht ? Sihdi , willst du haben , daß Hanneh eine Revolution gegen mich unternimmt ? « » Nein ; ich gebe ihr nur recht ; was sie macht , das ist ihre Sache . « » Ich wollte das , was sie eine Beleidigung aller Frauen nannte , nicht einsehen ; da erklärte sie es mir . « » Und dann begriffst du es ? « » Du scheinst wieder einmal alles vorherzuwissen , ehe ich es dir sage ! Und es ist ja auch wahr : Hanneh , die schönste Blume im Garten meiner Glückseligkeit , hat eine ganz eigene , eine ganz besondere Weise des Erklärens ; sie bringt nämlich keine anderen Gründe , als solche , denen man nicht widerstehen kann . So brachte sie mir auch jetzt zwei Beispiele , mit denen sie mich so überwältigte , daß ich wirklich nicht wußte , was ich weiter sagen sollte . « » Darf ich erfahren , was für Beispiele das waren ? « » Es war die Rose und die Retschina fena27 ; denke dir ! « Ich mußte über diesen kräftigen Vergleich der guten Hanneh unwillkürlich lachen ; da fiel er schnell ein : » Warum lachst du da ? Etwa über mich ? Ich kann doch nicht dafür , daß Hanneh , die Wonne meiner Augen , grad auf diese stinkende Retschina fena gekommen ist ! Sie fragte mich , ob man jemandem eine Rose zeigen dürfe , und ich mußte dies natürlich bejahen . Hierauf wollte sie wissen , ob es die Höflichkeit gestatte , jemandem ein Stück Retschina fena vor die Nase zu halten , und ich verneinte es . Kaum hatte ich das gethan , so warf sie mir vor , daß sie von mir nicht wie eine duftende Rose sondern wie stinkende Retschina fena behandelt werde . Sie behauptete , die Frauen des Orientes würden von ihren Männern genau so eingewickelt , wie man die Retschina fena einwickelt , damit keine Nase von ihr beleidigt werde ; das sei die größte Kränkung , die es geben könne ; das müsse anders werden , denn so eine Entwürdigung des weiblichen Geschlechtes könne unmöglich länger geduldet werden ! Ich sage dir , sie verlangte in ihrem Zorne auch Eisenbahnen und auch Lokomotiven hierher zu uns ; sie wolle sich nicht länger als Retschina fena behandeln lassen sondern auch im Wagen sitzen wie die Frauen des Abendlandes , die keine Puppen sondern Herrinnen seien und ganz dieselben Rechte wie ihre Männer hätten ! Denke dir , Rechte ! Meine Hanneh , die schönste , die ruhigste , die sanfteste , die geduldigste , die liebenswürdigste aller Liebenswürdigkeiten , sprach von Rechten , von denselben Rechten , wie die Männer haben ! Ist das nicht unerhört ? « » Nein . « » Nicht ? Wie denn ? « » Ich halte es für selbstverständlich , nicht für unerhört . « » Aber was soll daraus werden , wenn die Frauen nicht mehr so zurückgehalten werden , wie es jetzt geschieht ? « » Zurückhalten ? Meinst du vielleicht , daß sie dann wie wilde Tiere über uns herfallen , um uns zu verschlingen ? « » Nein ; du mußt nicht gleich das Allerschlimmste sagen . Ich war aber der Ansicht , daß man ihnen sehr enge Grenzen ziehen muß . « » Welche Grenzen zum Beispiel ? « » Es muß ihnen verboten sein , auszugehen , sobald es dunkel ist ! « » Gut ; weiter ! « » Sie müssen es vermeiden , mit einem Manne , der nicht ihr Mann ist , allein zu sein . « » Das verlangst du im vollen Ernste ? « » Jawohl ! In dieser Beziehung verstehe ich keinen Spaß . Gegen eine Frau , welche diese Gesetze übertritt , muß man sich genau so wie der Padischah gegen seinen Harem verhalten ! « » Wie ? « » Er läßt solche Frauen in einen Sack binden und in das tiefste Wasser werfen . « » Wirklich ? « » Ja , das thut er , und ich sage , daß dies ganz richtig von ihm ist ! « » Lieber Halef , hast du vielleicht einen Sack mit ? « » Ja , mehrere , für die Pferdedatteln . « » Sind sie groß genug , eine Frau hineinzustecken ? « » Nein . « » Schade , jammerschade ! « » Warum ? « » Wir hätten deine Hanneh in einen solchen Sack gesteckt und in das erste Wasser geworfen , welches wir antreffen . « » Meine Hanneh ? Die allernotwendigste Notwendigkeit zum Glücke meines Erdenlebens ? « fragte er erstaunt . » Leider ! « nickte ich sehr ernst . » Sie in einen Sack stecken ? « » Ja . « » Und in das Wasser werfen ? « » In die tiefste Stelle sogar ! « » Warum ? Sag schnell , warum ? « » Weil sie gegen die beiden Gesetze gehandelt hat , welche du vorhin aufstelltest . « » Du scherzest , Effendi , du scherzest ! « » Nein . Ich bin Zeuge , daß sie es gethan hat ! « » Sihdi , mach mich nicht unglücklich ! Meine Hanneh wäre mit einem Manne , der ich nicht war , allein gewesen ? « » Ja ; sogar in tiefer Dunkelheit , beim Neumonde , ganz hinter den Zelten eures Lagers . « » Ich sterbe ! Ja , ich sterbe vor Trauer , obgleich ich es für vollständig unmöglich halte , daß sie dieses größte aller Verbrechen begangen haben kann ! Aber du sagst es , Effendi , du , der mein erster und bester Freund ist und mir so etwas nicht mitteilen wird , ohne es beweisen zu können ! « » Ich habe dir schon gesagt , daß ich Zeuge bin , und ich teile dir jetzt mit , daß es noch einen zweiten Zeugen giebt . « » Noch einen ? Der es gesehen hat ? « » Ja . « » Wer ist das ? Sage es ! Heraus damit ! Diesen Halunken bringe ich augenblicklich um , weil er es mir verschwiegen hat ! « » Lieber Halef , das würde Selbstmord sein ! « » Selbst - - - - ? « » Ja , denn du selbst bist dieser zweite Zeuge . « » Ich - - - ich - - - ich selber ? ! « » Ja . « » Effendi , du wirst mir immer unbegreiflicher ! « » Du scheinst es vergessen zu haben ; darum will ich deinem Gedächtnisse zu Hilfe kommen . Erinnerst du dich jener Neumondsnacht vor unserem Aufbrauche nach dem Tigris , als wir unsere Reise nach Persien antraten ? « » Ja . « » Da hat , nach Mitternacht sogar , deine Hanneh mit einem Manne , der nicht Hadschi Halef war , eine ziemlich lange Zeit hinter euern Zelten gesteckt28 . « Da warf er beide Arme freudig empor und rief , indem er tief und wie von einer großen Last befreit Atem holte , in frohem Tone aus : » Hamdulillah ! Da wird mir ja das Herz gleich wieder leicht ! O Sihdi , was für eine außerordentliche Bangigkeit hast du in meine Seele gelegt ! Es war , als ob mir das ganze Glück meines Lebens zerrissen und zertrümmert werden solle . Hätte ein anderer so zu mir gesprochen wie du , gleich wäre ihm mein Messer in den Leib gefahren , zur Strafe dafür , daß er es wagte , Hanneh , das köstliche Ebenbild der reinen Sonne , mit seinen Verdächtigungen zu beschmutzen . Da du es aber warst , der also sprach , so konnten die Worte , welche mir so tiefen Schmerz bereiteten , doch keine Lüge sein ; sie mußten Wahrheit enthalten . Darum fühlte ich mich niedergeschmettert wie ein kleiner Käfer , auf welchen ein großer Berg herabgefallen ist . Nun ich aber höre , daß du jene Nacht vor unserem Aufbruche meinst , ist dieser Berg wieder verschwunden , und der Käfer zappelt lustig weiter , denn ich weiß , daß du selbst der fremde Mann gewesen bist , der damals mit ihr gesprochen hat ! « » Und das macht dich nicht unglücklich ? « » Unglücklich ? Fällt mir gar nicht ein ! Und wenn ich tausend Hannehs hätte , die alle so schön und so unvergleichlich wären , wie diese eine , einzige , dir könnte ich sie alle , alle anvertrauen ! « » Ich glaube es dir . Aber weißt du , was du mit dieser für mich so ehrenvollen Versicherung gethan hast ? « » Ja . « » Nun , was ? « » Ich habe dir ein ungeheures Lob gespendet , ein geradezu beispielloses Vertrauen erwiesen ! « » Allerdings ; aber zugleich hast du noch etwas anderes gethan . « » Von diesem etwas anderem habe ich keine Ahnung . Was ist es ? « » Du hast deine Anklage gegen das Abendland zurückgezogen und dich mit unseren Eisenbahnen einverstanden erklärt . « » Ist mir gar nicht in den Sinn gekommen , Sihdi ! Eure Eisenbahnen haben es mit mir verdorben , vollständig verdorben . Es fällt mir gar nicht ein , nicht einmal im Traume , mich mit ihnen auszusöhnen ! « » Du hast es aber doch gethan , und zwar nicht im Traume , sondern soeben jetzt , im vollständig wachen Zustande ! « » Wieso ? « » Paß auf ! Ich frage dich : Du hältst es für verboten , daß Frauen mit anderen Männern im Wagen der Eisenbahn beisammensitzen ? « » Ja , streng verboten ! Davon gehe ich nicht ab ! « » Du hältst es ferner für verboten , daß Frauen mit anderen Männern , zumal in der Nacht und hinter den Zelten , beisammenstehen ? « » Eigentlich ja ; aber wenn du es bist , so ist es erlaubt . « » Warum da ? « » Weil ich weiß , daß ich sie dir anvertrauen kann . « » Gut ! Im Wagen der Eisenbahn sitzen unsere Frauen auch nur in der Nähe von Männern , denen wir sie anvertrauen können ! Andere Männer würden von den Beamten sofort hinausgeworfen oder gar arretiert und bestraft werden ! « » Wirklich ? Das finde ich allerdings sehr lobenswert ! « » Wenn aber zum Beispiel du dich in einem solchen Wagen befändest , dann würde jeder Mann seiner Frau oder seiner Tochter erlauben , sich in deine Nähe zu setzen . « » Meinst du ? « fragte er geschmeichelt . » Ja . « » Wirklich ? « » Ja , denn man sieht dir die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit ja gleich beim ersten Blicke an ! « » Hm ! Würde ich auch mit ihr sprechen dürfen ? « » Sie würde es dir ganz gern erlauben . « » Ihr guten Rat geben , wenn sie welchen braucht ? « » Natürlich ! « » Ihr sogar helfen