- blitzschnell verstand ich die Vision , die dies Entsetzen hervorgerufen , und ich sah sie auch ! Es war ja ein Scheiterhaufen , auf dem sich die qualvoll gekrümmte Gestalt einer Hexe am Marterpfahl wand , umjubelt von einer fanatisierten , irregeleiteten Menge . Rote , schwindelerregende Nebel glitten über meine Augen , ich mußte sie schließen , ich mußte mich festhalten . - - Als ich mich wiederfand , war ein Name auf meinen Lippen . » Lilie Halmschlag ? « Ja , sie war es gewesen , deren erschrockene Augen ich da vor mir gesehn , die mir die seltsame Suggestion gegeben hatte . Dann besann ich mich . Nein , - - ich hatte mich geirrt . Das Gesicht , das mich an Lilie gemahnt , war zwar schon hinter andern verschwunden , aber soviel hatte ich doch noch von ihm erhascht , daß ich nun einsah : dieser bloße Kopf , dies schlichte Wollentuch um die Schultern konnte keiner Studentin gehört haben . Eine Aehnlichkeit hatte mich getäuscht , zugleich aber traurig und dringend an die so lange nicht Gesehene gemahnt . Das fast zärtliche Interesse für das eigentümliche Mädchen , das ganz in den Hintergrund gedrängt worden durch soviel laute , grelle , heftige Eindrücke , wachte wieder auf , und schon am Tage nach dem » Sechseläuten « machte ich mich auf den Weg in ihre Wohnung . Eine Mansarde im dritten Stock der Universitätsstraße - - dort sollte sie wohnen , laut jener alten Adresse . Ich klopfte an viele Thüren , - es gab eine ganze Reihe Mansarden in dem bezeichneten Hause , aber man kannte sie nirgend . Von den Hausleuten des zweiten Stocks erfuhr ich endlich , daß einmal ein Fräulein droben gewohnt habe , schon vor Weihnachten aber ausgezogen sei . Ob der Name stimme ? Sie wußten es nicht . Die Familie , die jenes Dachzimmer vermietet , hatte auch schon die Wohnung gewechselt . Etwas bekümmert kam ich nach Hause und erzählte meiner Wirtin , wie schnell auch in Zürich über einen Menschen Gras wachsen könne , da sagte sie auf einmal : ja nun falle es ihr bei , vierzehn Tage nach meiner Abreise sei an einem Abend spät ein Frauenzimmer hereingekommen und habe mir nachgefragt . Der Name möchte wohl der gleiche sein . Aus ihrer Beschreibung der Fremden war nichts Sicheres zu entnehmen ; rote Augen habe sie gehabt , wie vom Weinen , und über eine halbe Stunde habe sie , ohne ein Wort zu reden , auf einem Stuhl im Flur gesessen und ganz blöd und dumm vor sich hingestarrt . » Warum haben Sie mir nicht geschrieben ? « sagte ich , tief erschrocken über den Bericht . Die Wirtin meinte achselzuckend , sie habe anderes zu thun , habe auch gedacht , das Frauenzimmer werde selbst schreiben , wenn es etwas von mir wolle . Sie hab ' s ihr auch geraten , soweit sie sich entsinne , aber wer keine Antwort gegeben , das sei das Frauenzimmer gewesen , und so habe sie denn endlich die Lampe wieder in die Küche genommen und es im Dunkeln sitzen lassen , bis es schließlich weggegangen sei . Sie habe dann nur noch geschwind mit der Lampe hinter ihr drein » gezündet « , um zu sehen , daß sie nichts mitgenommen ! - - Ich ging auf die Universitätskanzlei . » Fräulein Lilie Halmschlag aus Hamburg ? « sagte der Pedell , im Verzeichnis blätternd , » ja , die ist abgereist ; bereits Ende Februar hat sie ihre Schriften abgeholt . « » Ist sie zeitweilig fort oder für immer ? « » Es scheint , daß sie ganz fort ist , da sie ihre Ausweisschriften zurückverlangt hat . « Ich fragte , ob sie Exmatrikel genommen , der Pedell verneinte . » So hat sie nicht gesagt , daß sie an eine andre Universität gehn wolle ? « Der Mann wiederholte , daß er keine Auskunft geben könne . » Aber vielleicht hat Fräulein Halmschlag sich persönlich beim Rektor abgemeldet ? « Der Beamte schüttelte den Kopf . » Eben nicht . Sie hat hier gefragt , ob ' s notwendig sei , und da ' s nicht notwendig war , hat sie ' s halt unterlassen . « So erbat ich mir nur noch ihre letzte Adresse . » Vogelsangweg siebenzehn , « hieß es , » aber es nutzt Ihnen nicht , sie ist nimmer da , sie ist fort von Zürich ! Heimgereist , so scheint ' s , « fügte er hinzu und wandte sich zu einem neuen Frager . Ich dankte ; niedergeschlagen ging ich . Eine Welt von Traurigkeit lag , so schien mir , in der Nachricht , daß Lilie Halmschlag fort von Zürich , wohl gar heimgereist sei . » Mein Studium , das ist mein Leben , « klang mir die zarte warme Stimme im Ohr . Und dann wieder , die letzte Spur , zeigte sie mir verweint und ratlos vor meiner eigenen verschlossenen Thür sitzend . Das konnte nichts Gutes sein , das konnte nichts Kleines bedeuten ! Ich ging nach dem Vogelsangweg Nummer 17. Eine einfache , derbe Frau , die mich auf dem Flur abfertigen wollte , da sie gerade beim Zimmerputzen war , trat mir entgegen . » Ich komme wegen der Fräulein Halmschlag , die hier gewohnt hat , « sagte ich . » Ach , « rief die Frau , mich gespannt ansehend , » vom Fräulein Halmschlag ! Händ Sie B ' richt von ihr ? « Und eilig die Hände abtrocknend , lud sie mich in die Stube , wo zwei kleine Kinder auf dem Boden spielten . » ' s ischt zum Bedure mit der Fräulein Halmschlag ! « sagte die Frau , sobald ich sie über mein Anliegen verständigt hatte , » sie ischt gar übel dra gsi . « » Ja , wieso denn ? war sie krank ? « » Seb auch ! seb ' schon auf d ' letschte Ziet vor lauter Kummer und Sorg ' . Manche Nacht , wann i erwachet bin , han i ' s g ' hört , wie ' s geschraue hat ! « » Das Fräulein Halmschlag ? Ja , aber um Gotteswillen , warum denn ? « Die Frau begann sich die Augen zu wischen . » ' s ischt gewißlich wahr , e liebs Fräulein isch es g ' si , aber daheim ihre Eltere hänt nüd von ihr wisse wölle . Ganz grusam hat sie sich ' chränkt . « » Worüber denn ? « rief ich entsetzt . Die Frau starrte mich in aufrichtigem Erstaunen an . » Ja , wisset Sie ' s nüd ? sind Sie nüd bikannt mit ' m Fräulein Halmschlag ? Wenn eins so schüli arm ischt u dabei schtudire Tag und Nacht - ' s ischt ja fascht ' s halbi Jahr kei Rappen mehr cho von daheim - « Mir wurde eisig kalt und weh ums Herz , kaum konnte ich weiter hören . » Wovon hat sie denn gelebt ? « flüsterte ich . Die Frau zuckte die Achseln . » Sie hat so e Charakter g ' ha , sie hat nüd chlagt , gar nie und nie . Aber i han ' s g ' seh , wie ihre Lippe zitteret hat , wann s ' mi g ' fraget hat , jede Tag drümal : kein Brief für mi , Frau Laubi ? kein Brief aus Hamburg ? « Die Frau riß die Thür auf und zeigte in ein enges Kämmerchen mit weißgetünchten Wänden . » Da hat sie g ' wohnt , drei Monat , und hat g ' litte , was nur e Mensch leide cha ' von Sorg und Aengschten . « » Hat Not gelitten ? « - Das Sprechen war mir fast unmöglich . Wieder zuckte Frau Laubi die Achseln . » I han ihr gebe , wo sie kei Centime mehr g ' ha hat , Brot und Milch alli Tag , und ' s Chaffi und auch Eier , wann i ' s g ' ha han . Aber Sie begriefet schon , i bin halt selber arm , - i han e Mann , aber er schaffet halt nüd ; ' s Wirtshus , wisset Sie , ' s Wirtshus ischt ihm näher , als seine Familie ; - manche Tag hat ' s fascht nüd angerührt , ' s Fräulein Halmschlag . Frau Laubi , hat sie g ' sait , ich habe keinen Hunger , nehmen Sie es nur wieder hinaus . I han ' s bittet : Esset Sie nur , Fräulein , i weiß , daß Sie mir ' s zahlet , wann Sie emal Geld überkömmet . « Ich drückte die hartgearbeitete gute Hand der Frau . Was wäre die Welt ohne das Mitgefühl der Armen ! Frau Laubi nickte ernsthaft . » I han ' s ja g ' wißt ; Fräulein Halmschlag wird mir ' s zahle , und wenn sie Schtrümpf und Schuh verkaufe mueß , han i zu mi ' m Mann g ' sait . Und selb isch wahr gsi , sie ischt mir nüd schuldig blibe ; jede Rappe hätt sie bizahlt . « Auf meinen fragenden Blick erklärte sie weiter : » I han ' s nüd wolle verliede , aber sie hat ebe alles und alles verchauft : ihre gute Chleider und Hüet , und auf d ' letscht ' Tag ihre Bücher - no hänt mir aber alli zwei briegget , sie drinne und i dusse in der Kuchi . « Es dauerte eine Weile , bis wir uns wieder gefaßt hatten ; ich sah ' s , die Frau litt noch heut bei der Erinnerung an die traurigen Tage , und ich - von mir will ich lieber nicht reden . » Und niemals kam ein Brief von Hamburg ! « sagte ich . » Wohl ! « unterbrach Frau Laubi , » endlich ischt er cho ' , der Unglücksbrief , wo d ' letscht ' Hoffnung zertrümmeret hat ! Er ischt von der Schtadt gsi , Fräulein Halmschlag hat scheint ' s an d ' Schtadtbihörde g ' schriebe . Do ischt d ' Antwort cho ' : für Frauezimmer chönnt mer nüd mache , ' s gäb Schtipendie g ' nueg , aber nüd für Frauezimmer zum Schtudiere . Do hat sie ihre Bücher verchauft ... Und ischt furtgange . « - - - - - » Wohin ? « » I weiß es jo nüd . I han denkt , Sie bringet mir B ' richt von dem Fräulein Halmschlag . De ganz Tag , wo der Unglücksbrief cho ' ischt , hät ' s murmelet : Brechen ! brechen , mit allem brechen , nüd mehr . Sie hat kei Bissen gessen und ischt fascht nüd bei sich gsi , wisset Sie . Und in der Nacht hat ' s g ' schraue , i han nüd chönne schlafe , präzis nüd . Und am Morge schiebt sie mir de Choffi z ' rück und packt mi am Arm , - do ! und sait : Frau Laubi , wir Frauen haben kein Vaterland ! So hat sie g ' sait . Z ' erscht han i ' s nüd verschtande , no hat sie mir ' s erklärt , und i han ' s gut verschtande . « » Wir Frauen haben kein Vaterland ! « » ' s ischt trurig gsi , präzis trurig von so eme Fräulein . « - - - - » Und dann ? « » Und dann ischt sie furt , hat nüd wölle sage .... Und i han d ' Angscht übercho ' , und min Mann und i und der ältescht ' Bub mir hänt ' s g ' suchet - drü Tag , am See - wisset Sie - sie ischt halt schüli drunte gsi , das gueti liebi Fräulein . « Ich raffte mich mühsam zu der Frage auf , ob sie denn je die Absicht ausgesprochen , sich - Wieder kam das vielsagende Achselzucken . » G ' sait hät sie ' s nüd , aber ' s wär nüd zum Verwundere . Sie hat so e Charakter g ' ha , sie hät nüd und Niemert chönne säge . Und manchesmal ischt sie noch fröhlich gsi und hät mi tröschtet , wenn min Mann - Ja , Herr Gott und Vater ! Hingege wo ihre Bücher emol furt gsi sind , do ischt sie ganz schtill worde und bleich und hat kei ' s Wörtli g ' redet . Und so ischt sie furt . - Drü Täg hänt mir g ' suchet , aber nüd g ' funde . Do isch mir ' s in d ' Sinn cho ' , daß sie emol g ' sait hät : Frau Laubi , ich habe zwei Hände ! an dem han i mi dann ' s bitzli beruhiget , wisset Sie ! - - I hät ' s nimme denkt , daß es emol de Weg ging mit ' m Fräulein Halmschlag ! « - - - - - - - - - - - - Grausames , grausames Leben ! Am Tage ging es noch , da trat soviel Gegenwärtiges zwischen mich und die quälenden Bilder , die der Bericht der Frau heraufbeschworen . Aber Nachts glaubte ich immer , wenn ich erwachte , nebenan ein Schluchzen zu vernehmen , und zuweilen fuhr ich auf , - ich hatte einen grellen Hilfeschrei gehört . Das schreckliche Wort » geschraue « verfolgte mich . - - - - Grausames , grausames Leben ! - So geht man blöd und hilflos an einander vorüber . Und nun liegen vor mir ihre Gedanken ! - - Gestern ist das Packet gekommen , aber nicht mit der Post . Ein junger Mensch hat es mir gebracht . Sie lebt also . Sie lebt ! Und hier ! Aber er konnte mir nichts von ihr sagen , er kannte die Absenderin nicht , wußte nicht ihre Adresse . Er solle dies da mir übergeben , in meine Hände , weiter sprach er nichts Vielleicht wollte er nicht . Sein kluges ernstes Gesicht widersprach seiner Behauptung , daß er » nur einen Botengang « gemacht . Es glühte förmlich auf , als ich den Namen Fräulein Halmschlag nannte . Aber er sagte nein , er kenne sie leider nicht . Leider , sagte er . Ich hatte nämlich das Packet vor seinen Augen geöffnet und meiner Freude , meiner überraschten Freude lauten Ausdruck gegeben , als ich sah , von wem es kam . Ich drückte dem jungen Manne fest die Hand , ich war ihm so dankbar ! Und herzhaft erwiederte er den Druck , obgleich er anfangs , seiner beschmutzten Stiefel und seiner Arbeiterkleidung wegen , nicht ins Zimmer gewollt . An der Hausthür schon hatte er kehrt gemacht . Nun saß er hier drinnen ganz unbefangen , als kennten wir uns längst . » Ich kann Ihnen also keine Antwort mitgeben ? « fragte ich . Er verneinte , aber diesmal errötete er tief . Seine Lippen bewegten sich , als ob er etwas sagen müsse . Aber dann , mit einem unwillkürlichen feinen Lächeln stand er auf und ging . Ich begleitete ihn bis an die Treppe ; er flößte so viel Vertrauen ein , daß ich ihm noch einmal sagen mußte , wie sehr das unerhoffte Lebenszeichen mich erfreut hatte . Und gleich mit einem Sprung an meinen Schreibtisch zurück , zurück an das Heft , das er mir gebracht . Oben an der rechten Ecke hatte ich ' s gesehn : Lilie Halmschlag , Zürich , Oktober 1887 . Heute schrieben wir den 20. September 1892 ; im Winter 1889 war Lilie Halmschlag verschollen . Ein altes Heft von ihr also ! Was wollte das alte Heft mir sagen ? Ich wog es ängstlich in der Hand . Dann , als ich es aufschlagen wollte , fiel mir ein Briefchen entgegen , ohne Couvert , ohne Datum , aber an meinen Namen . Ich las : » Sie sind mir neulich begegnet und haben mich nicht erkannt . Es ist sehr natürlich , und doch quält es mich . Nicht wahr , Sie hätten mich gegrüßt , wenn Sie mich erkannt hätten ? Unter allen Umständen ? Obgleich ich untergetaucht bin , untergetaucht in die große namenlose Menge ? Ja , ich bin untergetaucht , aber untergegangen bin ich nicht . Mehr kann ich Ihnen heut nicht sagen . Vielleicht - vielleicht begegnen wir uns noch einmal - vielleicht trage ich eine Fahne - - Wollen Sie mich grüßen , welche Fahne ich auch trage ? Wollen Sie meine Gedanken lesen ? Es sind die Gedanken einer Einsamen : als ich zehn Jahr alt war , verlor ich meine Mutter , aber ich konnte es niemals fassen , daß sie tot sei , und ich schrieb ihr Briefe , sagte ihr alles , was mich quälte und freute . Die Gewohnheit ist mit mir gewachsen . Ich hatte sie , sie , mein geduldiges Ohr , das liebevolle Ohr der Einsamkeit , was brauchte ich die Menschen ! Sie hörte alles an , was ich ihr sagte , und durch die Jahre alle ist sie treulich mit mir gewandert und hat sich gewandelt wie ich selbst . Nun werden Sie verstehn , wer die ist , die ich Mutter nenne . Außerdem hab ' ich noch eine Mama ; sie ist meine Stiefmutter und kam zu uns zwei Jahre - später , ich war damals zwölf . Dann ist Papa da . - - - - Nein , nein , Niemand ist da ! Niemand ! schon lange , lange nicht mehr . Niemand ist da , als die Menschheit , und die schwarzen Gewitterwolken , die dicht über ihr hängen . Ich höre sie donnern . Wollen Sie mich grüßen , gleichviel welche Fahne ich trage ? « Welche Fahne ? murmelte ich unwillkürlich , indeß ich das Briefblatt mit den schönen schwungvollen Schriftzügen aus der Hand legte , um mit Spannung und Herzklopfen nach dem Heft zu greifen . Etwas Heißes , Bewegtes quoll mir aus den knisternden Blättern entgegen , die Tinte schimmerte wie eingetrocknetes Blut . Und dann las ich : 18. Oktober 1887 . In Zürich ! wahrlich und wahrhaftig in Zürich ! Mir sagt es dieser warme Sonnenschein , die Berge , der See . Mit vollen Zügen trink ' ich diese Luft ; ist es nicht die Luft der Freiheit ? Alles so heiter , so freundlich , so verheißungsvoll ! Endlich , endlich hab ' ich sie , fass ' ich sie , die heiß ersehnte Zukunft ! O daß es Wahrheit geworden ! Daß solch ein glücklicher Tag noch für mich aufgehoben war . Ich möchte ihn auftrinken , diesen Sonnenschein , möchte all das Grau vergessen , all den trüben Nebel , der hinter mir liegt ! Ach , sollt es mir denn nicht glücken ? Aber dies ist ja schon Glück ! 19. Oktober . Nein , gestern wußte ich noch nicht , was Glück ist , aber heut ' weiß ich ' s ! Ich war in der Universität . In der Universität ! ich ! - Sie liegt so schön . Ueber der Stadt , über dem Rauch der Herde , über dem Dunst der Straßen , über dem Wagengerassel und dem Arbeitslärm liegt sie ruhig und groß auf einem Berge , die Burg der Wissenschaft , das denkende Hirn von Zürich ! In freudiger Aufregung bin ich rundum gelaufen , ein paarmal - und dann , dann hab ' ich mich schüchternen Fußes hineingetraut . Es sind noch Ferien , ich durfte ruhig hineingehen über die breiten Sandsteinstufen . Die Thür war offen , - alles frei und offen auch für mich ! Sogar die offne Thür war mir ein Symbol , das mich entzückte . Hier war ich einmal kein Frauenzimmer , vor dem man den Schlüssel umdreht , hier war ich ganz einfach ein Mensch ! Ich atmete tief auf vor Freude ; ach wie gehoben , wie gewachsen komm ' ich mir vor , seit ich in Zürich bin ! Und dann ging ich glückselig durch all die langen hallenden Corridore und Treppen auf und ab . Die Ehrfurcht nahm mir fast den Atem . » Hier wohnt die Wissenschaft , die lebendige , grüne ! « dachte ich die ganze Zeit . Ein paar Thüren standen offen , niemand war in den Hörsälen . Ich ging leise hinein . Es war ganz schmucklos drinnen und wie ein Schulzimmer , aber über der Thür stand : » Juristisches Seminar « . Neugierig blickte ich mich um und errötete heiß , als ich daran dachte , daß ich hier sitzen würde , auf einer dieser Bänke , ein Mensch wie ein anderer , wie ein Student . Mir traten Thränen in die Augen . Aber da standest du neben mir , meine Mutter und sahst mich groß und freudig an . Ich sah ' s , du glühtest mit mir vor Entzücken , du hattest keine Furcht . Da wurde mir auf einmal ganz mutig . Ich ging auf das Katheder und sah hinunter , und plötzlich war es mir , als hätte ich etwas zu sagen , viel zu sagen ! Und die Bänke füllten sich , und Köpfe blickten mit emporgewandten Augen nach der Stelle , wo ich stand . Es war wie eine Vision , die mein Herz fast stillstehn und dann schlagen machte , rasend , zum Zerspringen . - - - Dann bin ich an das große Fenster gegangen und hab ' hinuntergeblickt auf den Sonnennebel , in dem die Stadt lag und Berge und See . All das hat mir solch einen unauslöschlichen Eindruck gemacht . Ich dachte : Dort unten rennt und treibt das Leben , und wenn sie von dort emporsehn , so steht hier , thronend über allem , die geistige Arbeit . Und wiederum die Wissenschaft - wohin blickt sie ? sie blickt hinab in das Leben und sucht seine Wege zu ergründen , die sich verschlingen , wie dort die Straßen vor meinen Augen . Und wie schön war alles von dieser Höhe ! Die Hast , der Kampf , der wilde Drang ausgelöscht durch die Entfernung . Und - Ausruhpunkte für das Auge - so viele , viele grüne Bäume . 19. Oktober . Ein Zimmer hab ' ich auch gefunden , ein ganz kleines Zimmerchen , für zwanzig Franken . Eigentlich zu teuer für mich , - vielleicht kann ich später wechseln . Es ist nur Bett , Waschkommode , Bücherbort , Tisch und Stuhl darin ; die Wirtin sagte mir , mehr als einen Stuhl könne sie mir nicht geben , denn Besuch dürfe ich nicht annehmen . Ich habe sie mit Lachen beruhigt ! Glaubt sie , daß ich hierhergekommen bin , um meine Zeit mit Besuchen zu vergeuden ? Als ich ihr das sagte , wurde sie freundlicher und erzählte , die Studentinnen seien alle sehr fleißig . Das glaub ich , sagte ich , wir danken Gott , daß wir endlich arbeiten dürfen , wozu es uns treibt . » Ja , es gefällt allen hier , « meinte sie und wurde immer zutraulicher . Sie wird mir auch die Kost geben . Für siebzig Franken . Es ist fast zuviel für mich , - ich habe ja so nötig zu sparen . Ich habe gerechnet und gerechnet . Ich werd ' es schwer haben ; hundert Franken will Mama mir monatlich zu schicken suchen , - davon müssen auch die Kollegiengelder und die Bücher bezahlt werden , - neunzig Franken für Zimmer und Kost ist also jedenfalls zuviel . Warum bin ich nur darauf eingegangen ? Ach du grauer Nebel , der du hinter mir liegst - kommst du mir gleich wieder nachgekrochen , legst dich trüb und drohend um meinen Horizont ? Ich wußt ' es ja ! ich wußt ' es ja gut , daß es schwer gehn würde . Im besten Fall , also wenn Mama regelmäßig schickt , und - darf ich das hoffen ? Und ich hoffe doch ! Nein , morgen muß ich das rückgängig machen mit der Wirtin ; neunzig Franken sind viel zu viel . 20. Oktober . Die Wirtin will nicht zurück . Sie besteht darauf , daß ich wenigstens einen Monat bleibe unter den abgemachten Bedingungen . Ich bin also gleich wieder kopflos in eine Klemme gerannt . Ich hätte vorher überlegen sollen , aber das ist so schwer zu lernen ! Hast du es gekonnt , Mutter ? Ach , warum dann hast du mir nichts vererbt von deiner Einsicht , deiner Vernunft ? Siehst du denn nicht , daß ich unverbesserlich bin ? Lieber Gott ! ich sollte jetzt reuig über meinen Leichtsinn nachgrübeln , und statt dessen fühl ' ich mich wie auf Flügeln , denn - ! » Ich bin ja heut beim Rektor gewesen ! « Mutter , hast du es gehört ? Hast du es gehört ? Ach , was frag ' ich viel , ich sah dich ja bei mir stehn , als ich bei ihm im Zimmer war . Und er so gütig ! So einzig freundlich und ermunternd . Er nimmt mich unbesehn ! Er nimmt mich unbesehn ! Das heißt vorläufig , auf mein Examenzeugnis als Lehrerin . Im Laufe der ersten Semester muß ich dann die Matura machen . Und wie gern ! Als er hörte , daß ich Jus studieren wolle , ward er ein wenig ernsthaft . » So , so ! ja , das ist ja vortrefflich ! Aber wie steht es denn mit Ihrem Latein ? « Als ich » nicht ganz schlecht « sagte , atmete er auf und wiederholte dasselbe wohlwollende : » Das ist ja vortrefflich . « In zwei Tagen ist die Immatrikulation . Mir ist so feierlich zu Mute , wie einer armen Seele , die in den Kreis der Unsterblichen geführt werden soll . Der Rektor hat mir solch einen kleinen Vorschmack von allem gegeben ; Tag und Nacht denke ich nichts andres . Sogar im Spiegel hab ' ich mich schon drauf angesehen : » Du , eine Studentin ! eine wirkliche Studentin ! « Ich trete gar nicht mehr auf den Boden , ich bin eigentlich immer da oben , wo es blau ist , zwischen den weißen Wolken ! Da treib ' ich mich herum und bin ein kleiner , kleiner Vogel mit weitausgespannten Flügeln und schwimme , schwimme , stumm vor Freude ! 21. Oktober . Ein Traum . Zu mir in die Stube kommt ein kleines grau und unscheinbar gekleidetes Mädchen und bittet mich , ob es sich nicht ein bißchen bei mir ausruhen dürfe . Darauf kauert es am Feuer . » Wer bist du eigentlich ? « frag ich sie , denn sie kommt mir so bekannt vor . Da sagt sie : » Ich bin eine Lerche . « » Eine Lerche ? da kannst du wohl schön singen ? « Da wurde sie traurig und sagte : » Ach nein , das ist es ja gerade ! « Und dann flüsterte sie : » Ich bin gefangen gewesen , hab ' lange Jahre im Käfig gesessen . Die Leute hatten mich gekauft , als sie von der Hochzeitsreise kamen , und ich habe viel Geld gekostet , aber nachher konnt ' ich doch nicht singen . « Dabei liefen ihr immer die Thränen herunter . » Und zuletzt ? « fragte ich . Da sagte sie noch leiser : » Zuletzt haben sie mich absichtlich fliegen lassen , damit ich umkommen soll . « Und ich fühlte , wie sie sich schämte , daß sie so nichtsnutzig war , und in diesem Augenblicke erkannte ich mich selbst , mein Gesicht und meine eignen Thränen , - ich wachte auf , und mein Kissen war naßgeweint . - Ich mußte mich erst lange besinnen , eh ' ich wußte , daß ich in Zürich bin . 23. Oktober . Die Immatrikulation ist vorüber , ich bin also jetzt akademische Bürgerin ! Sehr feierlich und schön war des Rektors kurze Rede bei der Aufnahme . Wir mußten versprechen , unsern Studien fleißig obzuliegen , die Satzungen zu halten , nichts zum Schaden oder zur Unehre der Universität zu unternehmen . Ich habe mit Begeisterung mein Handgelübde abgelegt . Der Rektor sah mich lächelnd an , ich glaube , ich habe ihm zu fest die Hand gedrückt . Solche Ungeschicklichkeiten mach ' ich immer . Ich müßte viel , viel ruhiger werden ! Die andern waren es freilich auch nicht : die Studentinnen , die mit mir aufgenommen wurden , sieben Mädchen , schienen alle aufgeregt . Die Männer sahen ganz unbefangen und vergnügt aus , - für sie ist es aber auch nicht die große Sache , wie für uns ! Oh , ich will eine treue Jüngerin der Wissenschaft , eine unerschrockene Kämpferin für das Recht werden ! Ich habe ja dich , meinen unsichtbaren Schutzgeist , neben mir , dich mit den weißen Rosen im blonden Haar . Immer seh ' ich dich so , nickend , lächelnd , ermutigend , tröstend ! Oh , meine geliebte Mutter , du wirst meine Mitstreiterin sein ! 24. Oktober . Heut bin ich in aller Frühe auf den Zürichberg hinauf . Wie wonnig es dort war ! Ein voller Sommertag . Der Himmel lacht durch die zitternden Zweige der Birken und in tieferem Blau durch die Lücken der schwärzlichen Fichten . Der frische Morgenwind schnellt den Thau von den bebenden Halmen , im Grase leuchten noch Blumen , blaßlila