, mit unsrer natürlich . Ich weiß noch gar nicht , daß sie hier sind . Schon seit einer Viertelstunde . Er ist allein da und hat mich schon nach Dir gefragt . Bitte , komm ' gleich mit ! Er hatte ihr den Arm geboten , den sie ihm willig reichte . Excellenz war einer ihrer wärmsten Verehrer , und von Excellenz allein hing es ab , ob Viktors Ernennung zum Regierungsrat bereits zu Neujahr , oder erst zu Ostern erfolgte . Du kannst ihm auch sagen , flüsterte Viktor , während sie sich durch die Menge drängten , daß ich die halben Nächte über den Akten sitze . Laß mich nur machen , flüsterte Klotilde zurück , und bei sich sagte sie : meinetwegen die ganzen . Es mußte für diesmal bei ihrem guten Willen bleiben . Als sie endlich bis in die Nähe des allmächtigen Mannes gelangten , fanden sie ihn in einer , wie es schien , sehr eifrigen Unterhaltung mit dem Kollegen vom Kriegsministerium , einem andern hohen Offizier und dem Wirt des Hauses . Für den Augenblick war an eine Annäherung nicht zu denken . Dann aber unter allen Umständen nach Tisch , sagte Viktor ärgerlich . Wirst Du tanzen ? Sonderbare Frage ! Ich wollte nur sagen : richte es so ein , daß Du für einen , oder ein paar Tänze frei bleibst . Nach Tisch ist er immer am zugänglichsten . Nachgerade weiß ich wirklich , was ich zu thun habe . Ich wäre der Letzte , der daran zweifelte . Also ! - Wollten Sie etwas von mir , liebe Stephanie ? Etwas sehr Dringendes . Bitte , Herr von Sorbitz ! Viktor war mit einer Verbeugung zurückgetreten ; Stephanie hatte die Freundin unter den Arm gefaßt und ein paar Schritte seitwärts aus dem Schwarm in eine leere Fensternische geführt . Um was handelt es sich ? fragte Klotilde . Liebes Herz , Du kannst mir aus einer großen Verlegenheit helfen . Wie ich eben die Tische revidiere , sehe ich , daß Franz neben anderm Unsinn - man kann dem Jungen wirklich nichts überlassen - einen Gast , den wir heute zum erstenmale hier haben , ganz falsch placiert hat . Meinen Cousin Meerheim ? Den habe ich für mich genommen . Nein ! Aber Klotilde , nun kannst Du einmal wirklich zeigen , daß Du mich lieb hast . Mein Gott , das klingt ja ganz feierlich . Feierliches ist nun schon gar nicht dabei . Aber Franz hatte Dir Fernau gegeben , und ich weiß , daß Du ihn gern hast . In allen Ehren . Aber , Schatz , das versteht sich doch von selbst ! Er soll jetzt Deine Cousine führen . Ich habe eben Franz zu ihm geschickt : er habe Euch beide verwechselt . Fernau wird entzückt sein . Das gerade nicht , obgleich die kleine Dame wirklich ganz allerliebst ist , trotz ihres mindestens dreimal neu garnierten Kleides . Für Dich nur , Du armes Opferlamm - Ich bin auf alles gefaßt . Das heißt : so schrecklich ist er gar nicht - im Gegenteil ! ich kann mir denken , daß es Damen giebt , die für ihn schwärmen , ebenso wie seine Jungen . Gott sei Dank ! nun ist es heraus ! Es ist also der Ordinarius von Oskars Klasse , der sich Oskars sehr annimmt . Und Papa , der sehr große Stücke auf ihn hält - was Du ja schon daraus sehen kannst , daß er heute abend eingeladen ist - hat mir auf die Seele gebunden , ihn auf irgend eine Weise auszuzeichnen . Nun , Schatz , wie könnte ich das besser , als wenn Du die kolossale Liebenswürdigkeit hättest - Ich habe die kolossale Liebenswürdigkeit . Her mit dem Mann ! Wo ist er ? Er ist eben erst gekommen - diese Leute denken , es ist vornehm , wenn man spät kommt - und spricht - oder sprach vorhin nebenan mit Mama . Ich hole ihn Dir . Noch eins ! Wie heißt er ? Winter . Doktor Winter , oder Professor . Ich weiß nicht . Finde ich Dich hier wieder ? Stephanie war davongeeilt . Adieu ! te quitter c ' est mourir , sagte hinter Klotilde , nicht eben weit von ihrem Ohr , eine leise Stimme . Aber es muß doch nicht gleich sein , rief Klotilde , sich lachend wendend . Auf der Stelle , erwiderte Fernau . Hélas , madame ! - un présage terrible Doit livrer mon coeur à l ' effroi : J ' ai cru voir dans un songe horrible Un échafaud dressé pour moi . Sollte das nicht etwas zu spät kommen ? Mir scheint , Sie haben Ihren Kopf bereits verloren . Wer ihn über gewisse Dinge nicht verliert , hat keinen zu verlieren . Also : Adieu , charmant pays de France ! Adieu , Sie Unverbesserlicher ! Sie - Klotilde kam nicht weiter ; die Stimme versagte ihr und das Blut schoß ihr in die Wangen : neben ihr stand Stephanie mit einem Herrn , der sich eben tief verbeugte , und in welchem sie trotz der veränderten Kleidung und der andern Beleuchtung sofort jenen Passagier in der entgegengesetzten Ecke des Pferdebahnwagens erkannte . Hier , liebe Klotilde , bringe ich Dir Herrn Professor Albrecht Winter , der glücklich ist , Deine Bekanntschaft zu machen . Herr Professor Winter - Herr Legationsrat von Fernau . Ich habe die Reisebriefe des Herrn Legationsrats durch die südlichen Provinzen Frankreichs mit Entzücken gelesen , sagte Albrecht verbindlich . Sehr obligiert , Herr Professor . Die Tage des seligen Thümnel mit ihrem sentimentalen Posthornschall und lustigem Peitschenknall sind leider vorüber . Was wir an Sentimentalität und Humor verloren , haben wir an der scharfen Beobachtung von Land und Leuten reichlich gewonnen . Und so weiter - nach Tisch ! rief Stephanie . Herr Professor , Sie wissen , daß Ihnen das große Los zugefallen ist , die gnädige Frau zu führen . Da kommen die älteren Herrschaften schon . Schließen Sie sich , bitte , hernach an ! Machen Sie , daß Sie zu Ihrer Dame gelangen , Herr von Fernau ! Ich muß auch nach meinem Herrn sehen . Stephanie hatte Fernau mit sich genommen . Da das große Los nun einmal auf mich Unwürdigen gefallen - sagte Albrecht , Klotilde den Arm bietend . Ich glaube , ich bin verrückt , sagte Klotilde bei sich , als sie fühlte , daß die Hand , die sie auf ihres Begleiters Arm legte , zitterte . Sie hörte auch kaum etwas von dem , was der Professor sagte , während sie so auf den Moment warteten , wo sie sich dem paarweisen Zuge , der aus den Nebenzimmern nach dem Speisesaale strömte , anschließen konnten . Das Geschwirr der Stimmen , welches vorhin die Räume sinnverwirrend erfüllt hatte , konnte nicht schuld daran sein : es herrschte eben jetzt eine fast lautlose Stille . Aber auf ihrer Seele lag es wie eine Betäubung , die ihr sonst völlig fremd war , und für die sie vergebens nach einer Erklärung suchte . Diese so unerwartete Wiederbegegnung noch an demselben Tage war ja überraschend , nur daß sie für Überraschungen eine große Vorliebe hatte ; und die verblüffte Miene von Fernau bei der Vorstellung dessen , der ihn aus dem » charmant pays « verdrängte - das war eigentlich furchtbar komisch gewesen . Weshalb dann also dies alberne Herzklopfen und diese bängliche Empfindung , wie vor einer hereindrohenden Gefahr ? Es war positiv lächerlich , und der Herr Professor mußte wirklich glauben , sie sei ein Gänschen von Buchenau , das zum erstenmal von Sterne und sentimental yourney reden hörte . Sie wollte , wenn sie erst einmal saßen , schnell ein Glas Sekt trinken . Das würde ihr den Kopf schon wieder in Ordnung bringen . Als die letzten der jüngeren Herrschaften , zu denen Klotilde und ihr Begleiter gehörten , den Speisesaal betraten , hatten die älteren bereits in dessen kleinerem , nur durch ein paar Säulen von dem größeren vorderen getrennten Teil ihre Plätze eingenommen . Der gewaltige , von dem blendenden Licht der Kronenleuchter und der zahlreichen Wandkandelaber durchflutete Raum bot einen zauberhaften Anblick , zumal als alle nun in ihren schmucken Uniformen , tadellosen Gesellschaftstoiletten , lichten Gewändern , um die vielen , reich servierten , blumengeschmückten Tische gruppiert , lachend und plaudernd saßen , und die Menge der Diener in schmuckhaften Livreen lautlos geschäftig die Schüsseln präsentierte und die Gläser füllte . Albrechts Herz schwoll . Da war doch einmal einer seiner Träume zur Wirklichkeit geworden ! Er in diesem fürstlichen Saal , inmitten der besten Gesellschaft der Residenz , an der Seite einer schönen Frau ! Da würden ja vielleicht auch die andern nicht immer Träume bleiben ! sich ihm die Pforten des königlichen Schauspielhauses öffnen , an die er nun bereits seit zwei Jahren vergebens ungeduldig pochte ! Und die kaiserliche Loge , in die ihn der General-Intendant führte , huldreiche Worte über sein gelungenes Werk aus allerhöchstem Munde zu vernehmen ! Evoe , Bakche ! evoe ! rief es in ihm , während er den Schaum von seinem Champagnerglase schlürfte und dabei in die prachtvollen Augen seiner reizenden Nachbarin blickte . Viertes Kapitel Klotilde hatte gefürchtet , sie würde mit dem Herrn Professor ein schauderhaft gelehrtes Gespräch zu führen haben , und sah sich aufs angenehmste überrascht , als ihr diese Pein durchaus erspart blieb . Nicht , daß von den Lippen des Herrn nicht hin und wieder eine Anspielung auf irgend einen wissenschaftlichen Gegenstand , oder etwas , das ihr wenigstens so erschien , gekommen wäre ! Aber immer doch nur eine Anspielung , die seiner Unterhaltung sogar einen gewissen originellen Reiz gab und ihr schmeichelte , da er doch jedenfalls annahm , daß sie für diese Winke nach höheren Regionen das volle Verständnis besaß . Im übrigen war , was er vorbrachte - und er brachte viel , sehr viel vor - er schien unerschöpflich - doch nur eine Plauderei , die ihr allerdings um einen beträchtlichen Grad geistreicher schien als die , an welche sie in ihrer Gesellschaft gewöhnt war . Zu der er , wollte sie ihn nur nach seinen Manieren und seinem Aeußeren beurteilen , am Ende auch gehörte . Einer eleganteren Toilette konnte sich keiner der Herren in Civil rühmen ; Frack und Weste waren nach dem neuesten Schnitt , das feine Vorhemd von blendender Weiße , die Krawatte saß tadellos . War ihr doch schon heute nachmittag in dem Pferdebahnwagen die Sorgfalt , mit der er sich kleidete , aufgefallen ! Und jetzt in seiner unmittelbaren Nähe konnte sie sich überzeugen , daß sie auch sonst seine Erscheinung richtig taxiert hatte . Mit seinen regelmäßigen Zügen , der feingewölbten Stirn , den großen , ausdrucksvollen blauen Augen , dem prächtigen blonden Vollbart , der stattlichen , breitschulterigen , hochbrustigen Figur , mußte sie ihn wirklich für einen schönen Mann gelten lassen , trotzdem sie eigentlich an Blondins nicht leicht Geschmack fand , und in Fernau mit seinem blauschwarzen Haar und Bart und dem südlichen Oliventeint ihr Ideal sah . Das Einzige , was ihr an dem schönen Manne unangenehm auffiel , waren seine großen , knochigen , allzu roten Hände . In den Augen der Dame aus uralt freiherrlichem Geschlecht durfte ein Mann , den sie als ihresgleichen nehmen sollte , solche Hände nicht haben . Las der Mann in ihren heimlichen Gedanken ? Sie waren auf die landwirtschaftlichen Reize der deutschen Mittelgebirge , zuletzt auf die des Harzes zu sprechen gekommen . Aber Sie kennen den Harz wohl nicht ? sagte sie , als sie bemerkte , daß er stiller geworden war und sie schließlich nur noch allein sprach . Meine Heimat ! erwiderte er mit einem melancholischen Lächeln . Da wären wir ja Landsleute ! rief Klotilde und nannte das Städtchen am Fuß eines der Ausläufer des Gebirges , in dessen Nähe das Stammgut ihrer Familie lag . Ich bin in der Wahl meines Geburtsortes weniger vorsichtig gewesen , sagte er mit demselben trüben Ausdruck . Es ist ein armseliges , hoch oben zwischen kahlen Bergen eingeklemmtes Dorf . Meine Eltern waren blutarme Bergleute . Der Vater wurde , als ich sechs Jahre zählte , in einem zusammenstürzenden Schacht verschüttet ; meine Mutter starb ein Jahr darauf . Die Gemeinde , der ich zur Last gefallen war , machte mich zu ihrem Gänsejungen , von dem ich zum Schafhirten avancierte ; und ich hätte es sicher bei meiner entschiedenen Veranlagung zu dem Berufe noch zum Kuhhirten gebracht , nur daß sich der alte , kinderlose Pastor unseres Dorfes meiner annahm . Er hatte in der Konfirmationsstunde Wohlgefallen an mir gefunden ; glaubte ein zukünftiges Kirchenlicht entdeckt zu haben ; ließ mich studieren , adoptierte mich später sogar und vermachte mir , als er starb , sein bißchen Hab und Gut . Nun , ich Undankbarer habe die Hoffnungen des guten Mannes nicht erfüllt ; es nicht einmal über den Schafhirten hinausgebracht , als der sich so ein armseliger Schulmeister , wenn die Jungen einmal wieder durchaus nichts begreifen können , oft genug vorkommt . Die kleine , in halb elegischem , halb satirischen Ton vorgetragene Geschichte , hatte einen starken Eindruck auf Klotilde gemacht ; und während der Professor mit seinem Gegenüber , dem Hauptmann von Luckow , in ein Gespräch geraten war , hatte sie Muße , sich diesen Eindruck zurecht zu legen . Ein Gänsejunge da oben auf den Bergen , der es immerhin so weit bringt - das war doch einmal etwas anderes als das ewige Einerlei der Offizier- und Beamtencarriere ; das war doch sehr interessant , sehr romantisch ! Und wie hübsch von ihm , daß er sich frank und frei zu seiner plebejischen Herkunft bekannte , die Leute der Art sonst nach Möglichkeit zu verschleiern suchen ! Und je tiefer er geboren war , um so großartiger war es doch von ihr , wenn sie sich zu ihm herabließ ! Adieu , plaisant pays de France ! Maria Stuart und Rizzio ! Gewiß war Rizzio auch ein armer Junge gewesen , der sich von den sonnigen Gassen irgend einer italienischen Stadt bis nach Schottland und in die königlichen Hallen und in das Herz der schönen Königin gesungen hatte . Mein Gott , so ein bißchen unschuldige Liebelei muß doch einer gelangweilten Königin erlaubt sein , wenn auch Graf Boswell-Fernau drüben am dritten Tische fortwährend wütende Blicke herüberschleudert . Das macht die Geschichte nur pikanter . Welche denn ? Eine Episode , die ein paar Abendstunden währt und dann definitiv zu Ende geht , ist doch noch lange keine Geschichte , wie sie das Verhältnis mit Fernau allerdings bereits zu werden drohte . Hier war nach keiner Seite auch nur die mindeste Gefahr . Und während diese Gedanken durch ihr erregtes Gehirn zuckten , überlegte sie schon , wie es wohl aufzufangen sein möchte , daß die Episode keine Episode bliebe ; wie der interessante Mann wohl in ihren Kreis einzuführen , in ihrem Kreise festzuhalten wäre . Viktor mit seiner hochmütigen Verachtung alles Plebejischen und aller Plebejer mußte schon aus der Rechnung fallen . Aber das wäre nicht das erste Mal gewesen ! Adele ! sie war so grundgutmütig und hing an ihrer Schleppe . Es würde ihr ein Leichtes sein , Adele für den Professor zu begeistern . Und Elimar - natürlich ! Er war ein halber Gelehrter . Wie sollte der nicht Geschmack an ihm finden ! Und Luckow da drüben , der eben in seiner Eigenschaft als Lehrer an der Kadettenschule ihn seinen Kollegen nannte ! Der Hauptmann war freilich Junggesell , aber , als Intimer des Kreises , immerhin ein Stein mehr im Brett . Hier im Hause erschien der Professor , so wie so , völlig akkreditiert . Die Sache würde sich machen , mußte sich machen . Sie hatte schon schwierigere Dinge siegreich zustande gebracht . Da , in dem Moment , als der Professor sich aus der Unterhaltung mit Luckow wieder zu ihr wandte , wurde die Tafel aufgehoben . Bereits kamen die Excellenzen und andere Hochwürdenträger mit ihren Damen durch den Saal ; die jüngeren Herrschaften standen nur noch an ihren Plätzen , jene vorüberzulassen und sich ihnen dann anzuschließen . Der Professor hatte ihr wieder den Arm gereicht . Ihre Hand zitterte jetzt nicht mehr ; eine freudig sieghafte Empfindung füllte ihr Herz und ließ sie mit einem ihrer vollen Blicke , deren Gewalt über Männerherzen sie nun schon so oft erprobt hatte , zu ihrem Begleiter aufschauen und die Lider nicht senken vor dem Feuer der Bewunderung , das aus seinen großen Augen auf sie herabflammte . Gott segne Sie , gnädige Frau , für die selige Stunde , die Sie einem Unglücklichen bereitet haben ; sagte er so leise , daß nur eben sie es verstehen konnte . Es war eben auch für mich eine liebe Stunde , gab sie ebenso leise zurück . Und Sie thun unrecht , mir die freundliche Erinnerung durch solche schmerzlichen Worte zu trüben . Wenn ich das Glück hätte , näher von Ihnen gekannt zu sein , würden Sie in Ihrem schönen Herzen nicht mehr den Mut finden , mir den Titel eines Unglücklichen zu bestreiten . Es klang in dem Flüstertone so herzbeklemmend - Klotilde mußte nun doch die Wimpern niederschlagen , aber nur , weil sie fühlte , daß ihre Augen brannten , und fürchtete , sie könnte die unsägliche Thorheit begehen und in Thränen ausbrechen . Ich bin positiv verrückt , sagte sie bei sich . Man war in die Vorderzimmer gelangt . Er hatte sich mit einer tiefen Verbeugung von ihr verabschiedet und war alsbald in dem Gedränge verschwunden , das jetzt noch größer war als vor Tisch . In dem Lärm der durcheinander schwirrenden , weinlauten Stimmen konnte man das eigene Wort kaum noch verstehen . Klotilde kam es gelegen ; sie war sich bewußt , zu den Herren , die sie umringten und alle zugleich auf sie einsprachen , ganz tolles Zeug zu reden . Denn urplötzlich hatte sie im stärksten Grade eine jener übermütigen Launen gepackt , die man an ihr kannte und in diesen Kreisen entzückend fand . In witzigen und neckischen Wendungen verteidigte sie gegen den Ansturm von einem halben Dutzend Aspiranten die beiden freien Tänze , die sie noch auf ihrer Karte hatte . Sie habe , während man diese Tänze tanze , eine hohe diplomatische Mission zu erfüllen ; sie müsse unterdessen den Staat retten . Dabei war ihre freudige Hoffnung , die » Courschneiderei « bei Excellenz , zu der sie ihr Mann verpflichtet , werde nur ein paar Minuten dauern und sie so wenigstens einen Tanz für den Professor herausbringen , der ja unmittelbar vor dem Souper gekommen war , und sich sicher in diesem ihm fremden Kreise nicht engagiert hatte . Vorausgesetzt , daß er überhaupt tanzte . Aber warum sollte er nicht ? Er tanzte sogar zweifellos vorzüglich . Ein lustiges Wort , das sie eben dem Hauptmann von Luckow erwidern wollte , erstarb ihr auf den Lippen . Sie sah den Professor auf sich zukommen mit einer Dame am Arm , die sie nicht kannte - einer kleinen untersetzten Dame , deren unmodische Frisur und einfache dunkle Toilette so gar nicht in diesen Kreis paßten , daß ihr erster Gedanke war : » wie um Himmelswillen kommt denn die hierher ? « Zu einem zweiten Gedanken blieb ihr keine Zeit , denn jetzt war , während die anderen Herren etwas zurückwichen , der Professor an sie herangetreten und sagte , die Dame vom Arm lassend : Ich wollte nicht aus der Gesellschaft scheiden , ohne der gnädigen Frau meine Frau vorgestellt zu haben . Klotilde war aufs heftigste erschrocken ; kaum daß sie die etwas linkische Verneigung der Frau Professor mit dem nötigen gesellschaftlichen Anstand erwidern konnte . Das Blut mußte ihr aus den Wangen geschwunden sein - sie fühlte es deutlich , und wie es im nächsten Moment gewaltsam zurückschoß . Dann aber hatte sie die angewohnte Selbstbeherrschung zurückgewonnen . Aber wie unrecht , gnädige Frau , sagte sie mit einem Lächeln , das vielleicht noch etwas gewaltsam war ; so spät kommen und die Gesellschaft dann , wenn ich Ihren Herrn Gemahl recht verstanden habe , so früh verlassen wollen ! Ich habe drei Kinder zu Haus , erwiderte die Dame , und das jüngste ist erst acht Wochen alt . Da hat man nicht viel Zeit für Gesellschaften übrig . Nein , gewiß nicht , sagte Klotilde höflich . Besonders wenn man selbst stillt , fügte die Dame hinzu . Dann besonders nicht , sagte Klotilde . Ihr Blick hatte unwillkürlich den Professor gestreift ; sie hätte beinahe laut aufgelacht . Welch ein verlegen albernes Gesicht der Mann machte ! Er mochte es selber empfinden , denn er sagte mit hörbarer Ungeduld : Wir dürfen die gnädige Frau der Gesellschaft nicht länger entziehen , liebe Klara . Gnädige Frau , meine gehorsamste Empfehlung . Es hat mich sehr gefreut , sagte Klotilde , der Frau Professor die Hand reichend , während der Professor sich mit einem gnädigen Kpofnicken begnügen mußte . Dann hatte sie sich schnell zu den andern Herren gewandt , die sofort wieder herangetreten waren , die meisten mit lächelnden Mienen . Um Himmelswillen , gnädige Frau , rief der Lieutenant von Sperber ; wer war denn diese höchst eigentümliche Erscheinung ? Darüber kann ich genaue Auskunft geben , erwiderte anstatt Klotildes der Assessor von Visselbach . Mir ward die völlig unverdiente Ehre , die Dame zu Tisch zu führen . Bei Gott ! nach zehn Minuten hätte ich glauben können , mich in einer Kleinkinderbewahranstalt zu befinden . Schade ! sagte der Hauptmann von Luckow . Der Professor ist wirklich ein sehr unterrichteter , sehr charmanter Mann . Habe ich nicht recht , gnädige Frau ? Klotilde brauchte nicht zu antworten : Viktor kam , sie zu seinem hohen Chef zu führen , der aufbrechen wollte . Es war keine Minute zu verlieren . Sie hätte nicht sagen können , was sie dann mit seiner Excellenz gesprochen . Aber sie mußte wohl das Rechte getroffen haben ; Excellenz waren die Liebenswürdigkeit und Güte selbst gewesen ; Viktor , der in decenter Nähe dabei gestanden , hatte wiederholt zufrieden gelächelt und sagte , als die Unterredung zu Ende war , ihren Arm in den seinen nehmend und ordentlich zärtlich drückend : Das hast Du einmal wieder superb gedeichselt , Klotilde ! In so etwas ist Dir doch keine über . - Und in allem andern auch nicht , hatte er mit schneller Höflichkeit hinzugefügt . Frau Ministerial-Direktor war gewohnt , daß man ihre Gesellschaften reizend fand . So oft wie an diesem Abend war es ihr noch nicht gesagt worden . Es war nur eine Stimme darüber . Und ebenso über das zweite , daß die Königin des Festes die entzückende Frau von Sorbitz sei . Einige wollten freilich die Fahne der neuesten Acquisition aufwerfen ; aber wenn auch jetzt noch » die Oase « nicht nur gelten ließ , sondern sie » ganz charmant « fand , und daß sie » ein fideler Kamerad « und ein » höllisch netter Käfer « sei , - gegen ihre prachtvolle Cousine komme sie doch nicht auf , und sie ihr gar vorziehen wollen , sei » einfach lachhaft « . Er wurde für Klotilde in ihrem an Triumphen derart nicht armen Leben der glänzendste , den sie bis jetzt gefeiert hatte . Unter der Menge der Bettler um eine Extratour kam es manchmal fast zu unliebsamen Scenen ; in dem Blumenwalzer häuften sich die Bouquets um sie zu Bergen . Und mit vollen Zügen sog sie den berauschenden Duft dieser Huldigungen ein . Ihre großen , blaugrauen Augen strahlten , während um die halbgeöffneten feinen Lippen beständig ein Lächeln schwebte , das , wie zauberhaft immer , doch stolz , ja hochmütig war und sagen zu wollen schien : dies alles kommt mir von rechtswegen zu ! mir , eurer Königin ! Als die unermüdlichen Wirte ihre Intimen , die sie nach dem Balle noch zu einem Plauderstündchen beisammen behalten hatten , endlich entließen und Viktor mit Klotilden nach Hause fahren konnte , war es drei Uhr geworden . Viktor war über den Sieg seiner Gattin so entzückt , als hätte er ihn selbst erfochten . Mit leuchtenden Farben malte er sich ihre beiderseitige Zukunft aus . Mit einer solchen Frau zur Seite , rief er , in einer Aufwallung von Stolz und Zärtlichkeit den Arm um ihre Schulter legend . Und wenn man selbst so Hervorragendes leistet , sekundierte Klotilde gefällig . Müßte es doch sonderbar zugehen - Brächte man es nicht zum Minister . Seit manchen Wochen war die Einigkeit zwischen den beiden Gatten nicht so groß gewesen . Fünftes Kapitel Für Albrecht Winter rollten die nächsten Tage in dem gewohnten ausgefahrenen Geleise eben so fort . Lektionen abhalten , griechische , lateinische Exercitia , deutsche Aufsätze korrigieren , sich von seinen Sekundanern anstaunen lassen , mit den Kollegen in den Zwischenviertelstunden und in den Konferenzen » fachsimpeln « - die alte Leier , deren hohler Ton ihn manchmal zur Verzweiflung bringen wollte , mochte er andern noch so wohlgefällig in das anspruchslose Ohr klingen ! An den Abend bei dem Ministerial-Direktor dachte er mit sehr gemischten Gefühlen . Wenn er es recht überlegte , waren die Hoffnungen , in denen er sich während jener paar Stunden gewiegt , bunte Seifenblasen gewesen . Weshalb hatte man ihn eingeladen ? Doch um seiner selbst willen wahrhaftig nicht . Doch nur , damit er sich des faulen Schlingels , des Oskar Sudenburg , annehme , der , die richtige Berliner Treibhauspflanze , eines Mentors freilich auch sehr dringend bedurfte . Man würde ihn sich in derselben Absicht noch ein- oder zweimal kommen lassen - natürlich nur zu den großen routs , wo er in der Menge verschwinden konnte - bis er den Jungen nach Prima gelotst hatte , wo denn anstatt seiner der Kollege in Prima an die Reihe kam . Was war man denn diesen Aristokraten anderes als ein Werkzeug ! Hatte es seinen Dienst gethan , warf man es zu dem alten Eisen . Die Socialdemokraten hatten ganz recht : jedes Zugeständnis , das sie unsereinem machen , wird ihnen durch die Not und die Furcht abgepreßt . Ganz vergebene Mühe , ihnen zu schmeicheln , um ihre Gunst zu buhlen ! Den Fuß muß man ihnen auf den steifen Nacken setzen ; ihre Herrlichkeit vor die Füße werfen - ihre freche , zusammengelogene und gestohlene , brutale Herrlichkeit ! Ah , ein Luther ! ein Luther ! Nicht der Reformator der Kirche , die doch zerbröckelt und an der nichts mehr zu halten ist ! Nein , der die eisernen Fessel sprengt , mit denen die Junker und ihre Spießgesellen ein mündig gewordenes Volk noch immer einzwängen ! die schandbaren Fessel , an welchen sie in den Bauernkriegen schon gerüttelt haben , die Armen und Elenden - meine Ahnen ! Deren Söhnen einzig und allein noch frisches , kraftvolles Blut durch die Adern rollt ! einzig und allein noch der Funke der Freiheit die Herzen erglühen macht ! Und während Albrecht so in der Phantasie die Welt in Trümmer schlug , raunte ihm eine leise Stimme ins Ohr : möchte sie doch bestehen und bleiben , wie sie ist , könntest Du einmal , nur einmal von ihren Lippen die Worte hören : ich liebe Dich ! Er durfte sich sagen , und sagte es sich diese Tage wieder und wieder , daß er es für seine Verhältnisse erfreulich weit in seinem Berufe gebracht habe , und nach menschlicher Berechnung noch ein gut Stück weiter bringen werde . Und hatte sich auch der Lorbeer des Dichters noch immer nicht auf seine Stirn senken wollen , über kurz oder lang mußte es doch geschehen : nannte man die besten Namen , würde man auch den seinen nennen . Aber die Anerkennung des Gelehrten , den Ruhm des Dichters und alles hätte er freudig hingegeben für die Erfüllung des großen Traumes seines Lebens : geliebt zu werden von einer Frau , wie - wie - nun ja , beim Himmel ! wie die , an deren Seite er an jenem Abend gesessen hatte ! Das wäre sein Adelsdiplom gewesen ! Die Bürgschaft dafür , daß er , der arme Bergmannssohn , ebenbürtig war den Hoch- und Höchstgeborenen ! Daß nicht , was er mit andern teilte : sein bißchen Wissen und Können , ihm zum Siege verholfen bei des Lebens olympischen Spielen , sondern das Beste , was der Mensch ist und hat und das er mit niemand teilen kann und worauf er für sein Teil deshalb von jeher den höchsten , ja , einzig und allein Wert gelegt hatte : seine Persönlichkeit . Eine Stunde lang hatte er sich in diesem holden Traum gewiegt . Sein Ideal , das nur immer , eine goldene Morgen- und Abendwolke , in unerreichbarer Ferne vor seines Geistes Aug ' dahingeschwebt war - hier hatte es in wonnesamster Leibhaftigkeit vor ihm gestanden : die hohe , schlanke Gestalt , die feinen , aristokratischen Züge , die großen , stolzen Augen , das reiche , weiche , dunkle Haar , der königliche Anstand , die lässige Anmut jeder , auch der kleinsten Bewegung , die etwas tiefe , metallische Stimme selbst - er hatte sich in jener seligen Stunde immer wieder gefragt : ist es denn möglich ? kann es denn sein ? hat denn wirklich endlich der Himmel Barmherzigkeit geübt und will den brennenden Durst löschen des Verschmachtenden in der Wüste ? Und er hatte an dem labenden Quell getrunken mit vollen , gierigen Zügen ! ihr holdseliges Wesen in sich gesogen mit dem süßen Duft , der von ihrem Haar auszuströmen schien und sie umwitterte wie