meisten zum Sammeln verleitet , eine so große Rolle unter uns . Aber wir haben noch gar kein Recht zum Sammeln . Ans Sammeln darf man erst denken , wenn man eine Unmenge erforscht , entdeckt und begriffen hat . Wir haben aber noch lange nicht so viel wissenschaftlich feststehende Tatsachen erkannt , um die jetzt schon sammeln zu können . Du fragtest mich vorhin nach der Mondfinsternis . Siehst Du sie schon ? Sie müßte nach meinen Berechnungen da sein - und sie ist noch nicht da . Ich habe genau gerechnet - und die Mondfinsternis ist doch nicht da . Ich stehe als Astronom immer vor unzähligen Fragen , die ich nicht beantworten kann - und trotzdem soll ich sammeln ? Was denn ? Etwa meine Fragen ? « Und unter den kräftigen Armbewegungen zitterte der ganze Leib des Astronomen . Der Halbmond stand unglaublich ruhig da , ohne sich zu verfinstern . Nur der große Al Battany verfinsterte sich . Jakuby allerdings glich eher in seiner Ruhe dem Halbmonde , wenn auch sein spitzes Gesicht durchaus nichts Mondartiges an sich hatte . Mit dem Gleichmut eines unüberwindlichen Siegers bemerkte er mit seiner hellen Fistelstimme so von oben herab : » Du magst sagen , was Du willst ! Die Geographen und Astronomen sind dennoch die größten Gelehrten , die man sich denken kann . Wir wollen eine ganze Welt kennenlernen , eine ganze Welt wissenschaftlich in uns aufnehmen . Wir stehen vor der größten Aufgabe , die man sich denken kann . Und wir werden diese Aufgabe überwältigen - wir haben sie bereits zum größten Teil überwältigt . Ich erinnere Dich nur an mein Buch der Länder ... « » Hör auf ! « schreit Battany dazwischen , » Du bist und bleibst beneidenswert . Aber Du bist auch ein Kind . Du weißt garnicht , was in der Welt vorgeht . Du hast von der Welt keine Ahnung . Du willst eine Welt begreifen ? Lächerlich ! Albern ! Was man nicht Alles wollen kann ! Ein Prahlhans bist Du mit Deinem Wollen . Du erinnerst mich an einen Vielfraß , den unser Dichter Safur sehr schöne Verse sprechen ließ . Paß mal auf ! Der Vielfraß sagt , als er hungrig zwar , doch so prahlerisch wie ein echter arabischer Gelehrter in eine große Gesellschaft kommt , die mit der Mahlzeit beinahe fertig ist , also : Weiß Allah , wann Ich mich mal verschnauf ! Ich aß heut schon hundert Hammel auf , Verdaute sie gleich im Dauerlauf Und löschte den Durst mit dem ganzen Nil ; Mir stak mang den Zähnen manch Krokodil ; Ihr nennt das doch hoffentlich nicht zuviel - Mehr kann ich trotzdem noch essen . « Und der Astronom steht breitbeinig da und brummt . Jakuby macht ein verblüfftes Gesicht und versteht nicht , was Battany sagen will . Der indessen erklärt gleich , indem er fortfährt : » Du mußt eben nicht vergessen , daß unserm Können denn doch so manche Grenzen gezogen sind . Daß wir uns oft verrechnen - das ist noch nicht das Schlimmste . Du willst die ganze Welt kennenlernen . Nun sag aber mal - ganz leise - unter uns ! Ist Dir das auch von unserm Chalifen ausdrücklich erlaubt ? Darfst Du das ? Wir hier in Bagdad wissen sehr genau , daß der Chalif uns garnicht erlauben will , der Wissenschaft so obzuliegen , wie wir möchten ; denken und schreiben sollen wir eigentlich nicht . Wenn wir aber das nicht mal sollen , sind wir dann noch die größten Gelehrten ? « Und nun streiten die Beiden nicht mehr über Sammeln und Forschen - sie flüstern nur noch ganz leise , zischeln sich immer wieder was ins Ohr - was von der Chalifenburg , von der Verfolgung der freien Wissenschaft und ähnlichen , halb heiteren , halb traurigen Dingen . Der Schreiber Osman sitzt währenddem im Empfangssaal auf einem großen persischen Teppich mit untergeschlagenen Beinen finster brütend wie ein chinesischer Bonze da . Seine dünnen braunen baumwollenen Beinkleider hängen schlaff um die wulstigen Kniegelenke . Wie eine dicke Tonne steht der breite Fettleib des Schreibers auf dem Teppich . Ein ganz kurzes braunes Jäckchen ohne Ärmel umspannt des Schreibers breite Brust , auf der ein schneeweißes Leinenhemd vorschimmert . Die weiten Ärmel des Hemdes sind auch sehr sauber - der weiße Leinenturban ebenfalls . Das glatte braune Gesicht mit den dicken Pustbacken ist rund und voll . Die kleinen Augen starren auf die roten und blauen Muster des Teppichs , der geheimnisvoll wie ein Sterndeuterbuch aussieht und fast den ganzen Boden bedeckt . Osmans Stirn zeigt dicke Falten . Der Empfangssaal ist eine offene Halle . Unter den zackig geschwungenen Säulenbogen sieht man den dunkelblauen Himmel mit den Sternen . Durch die offenen Säulenbogen geht es zum fünfeckigen Altan hinaus , auf dem Battany und Jakuby eifrig flüstern . Ein großer Himmelsglobus aus Kupfer thront vorn an der einen Seite des Saales . Hinten in den beiden Ecknischen der mit roten und silbernen Querstreifen bemalten Wände brennt in zwei Kohlenbecken duftiges arabisches Räucherwerk . Die leichten wirbelnden Rauchwolken schweben durch das ganze Gemach in langen bläulichen Fäden dahin . Osman sitzt mitten auf dem Teppich mit der Stirn dem Himmel zu und grübelt ... Neben dem dicken Schreiber Osman rechts auf einem kleinen fünfeckigen Ebenholztische dampft heißer chinesischer Tee in feiner Porzellanschale . Der Schreiber Osman ist kein gewöhnlicher Schreiber , er läßt seine Gehilfen schreiben ; er handelt nur mit den Büchern der großen Gelehrten , die ihre Schriften ihm zur Vervielfältigung und Verbreitung übergeben . Der Buchhändler hat schwere geschäftliche Sorgen , er sitzt und rechnet und brütet und nickt dabei zuweilen mit dem dicken Kopf langsam bedächtig wie ein Bonze beim Chalifen von Peking . Bücherrollen liegen auf dem Teppich kreuz und quer . Dem Globus gegenüber in einer Alabasternische funkelt ein kupfernes Waschbecken - fein getriebene Arbeit ; das Gestell besteht aus drei schweren reich verzierten Eisenfüßen , die sich unten auf dem schwarzen Fliesenboden schneckenartig umkrümmen ... Von der zierlichen Decke oben , über die sich geometrische Figuren in blauen und grünen Linien auf goldnem Grunde durcheinander spinnen , hängen an eisernen Ketten bunte maurische Lampen hernieder . Sie beleuchten das braune Fettgesicht des dicken Schreibers und lassen auch eine indische sitzende Götterfigur mitten im Hintergrunde sichtbar werden . Der Götze sitzt aber höher als der Schreiber ... Im Empfangssaal ist es ganz still . Nur die glühenden Kohlen knistern ein bißchen . Die duftigen blauen Räucherwolken wirbeln zur zierlichen Decke , ziehen in langen Fäden langsam durch die Säulenbogen in die Mondnacht hinaus . Zu Osman in die Empfangshalle kommen nun mit dem gelehrten Kodama die beiden Dichter Suleiman und Safur . Kodamas wohltönende Stimme wird von Osman schon von fern , als die Drei noch unten auf der Treppe waren , gehört . Kodama ist auch ein Geograph , aber er läßt sich nicht gern so nennen , weil er nicht gern reisen mag ... er ist zu dick . Osman blickt die Kommenden traurig an . Kodama schmunzelt so recht inniglich vergnügt , er ist fast ebenso dick wie der dicke Schreiber . Osmans Mondgesicht glänzt , des Geographen Mondgesicht glänzt auch . Dessen gelbseidener Turban ist sehr schön . Ach - Kodamas kurzer schwarzer Sammetrock ist auch sehr schön , und gar seine breiten schwarzseidenen Hosen - die sind die schönsten Pluderhosen in ganz Bagdad . » Aber Osman , warum bist Du denn so traurig ? « ruft der Geograph , und er schüttelt sich vor Lachen , daß ihm die hellen Tränen über die rasierten braunen Wangen rollen . Osman schweigt , und seine Miene wird noch kummervoller . Safur betrachtet das indische Götzenbild . Suleiman wärmt sich die Hände vor dem einen Kohlenbecken . Kodama streichelt den runden kupfernen Himmelsglobus und wendet sich plötzlich ganz ernst zum jungen Safur und sagt sehr wohltönend : » Sieh nur , mein Teurer , hier kannst Du was lernen . So rund wie diese Kugel ist auch unsre Erde - ja ! ja ! Hast Du denn schon meine kleine Schrift über die Kugelgestalt der Erde zu Ende gelesen ? Nein ? Ich kann Dir nur raten - lies , was ich da geschrieben . Das könnte Dich auch dichterisch anregen . Glaubst Du nicht , daß der Mensch auch so rund wie eine Kugel werden könnte ? Ich sage Dir : möglich ist das . Zum mindesten sollten wir immer bestrebt sein , runder zu werden . Dürfte nicht mein Leib noch schöner aussehen , wenn er noch runder würde ? Bist Du auch rund ? Nein ? Warum nicht ? « Safur lacht laut auf und geht hinaus auf den Altan , wendet sich aber gleich zur Linken und schreitet eilig über die Brücke zum Mittelturm ; seinen Freund Abu Maschar , der noch immer oben auf dem Turme wie eine Bildsäule dasteht , will er besuchen . Indessen - Kodama setzt sich behaglich neben Osman auf den persischen Teppich und fragt den traurigen Schreiber ; » Na , was hast Du denn ? « Kodama bekommt leider keine Antwort . Battany und Jakuby treten grade - immer noch flüsternd - mit mürrischen Gesichtern in den Empfangssaal . Sie sehen Bagdads dickste Freunde merkwürdig steif auf dem Teppich sitzen . Suleiman wärmt sich noch immer die Hände an dem einen Kohlenbecken . Man begrüßt sich , indem man schweigend leicht das Haupt nach vorne beugt , was sehr drollig aussieht ... Es ist einen Augenblick wieder still . Dann jedoch knarren die Treppenstufen , und herein stürmt wie ein Wilder der große Philosoph Abu Hischam . Malerisch schlottert ihm sein alter Kittel um die dürren Beine , die armenische Pelzmütze sitzt ihm schief auf den lockigen braunen Haaren , sein zottiger Bart zittert ihm , und die großen braunen Augen rollen ihm im Kopfe . Abu Hischam haut mit der Faust auf den Globus und stampft mit dem rechten Fuß auf den Boden . Kodama springt empor . Suleiman , Battany und Jakuby kommen erschrocken näher . » Was ist denn los ? « schreit der dicke Kodama . Doch der Philosoph reckt die Faust zum Himmel auf und fragt heiser : » Wißt Ihr noch nichts ? « » Ich weiß Alles ! « ruft traurig der dicke Schreiber . Die Andern aber wollen nun wissen , was los ist . Und Abu Hischam erzählt wirr und erregt : » Was wir immer gefürchtet , ist geschehn . Der Chalif Mutadid - dieser Hund - er hats gewagt - er hat ein neues Gesetz erlassen . Er hat verboten - man höre nur ! - Bücher herauszugeben , die einen philosophischen oder politischen Inhalt haben . Das heißt : wir dürfen überhaupt keine Bücher mehr herausgeben . Ist das nicht stark ? Weder Philosophisches noch Politisches soll ins Volk dringen - das heißt : wissenschaftliche Bücher sollen nicht mehr geschrieben werden . Was sagt Ihr nun ? Er hats gewagt ! Der Hund ! Der Hund ! Dieses verfluchte Aas ! « Und alle Sechs werden fürchterlich wütend - sie schreien gellend durcheinander . Battanys Toga fliegt umher wie ein Segel im Sturm . Jakuby fuchtelt mit dem rechten Zeigefinger vor seiner Nase herum . Kodama schlägt sich immerfort mit den Fäusten vor die Brust . Suleiman ringt die Hände . Osman stöhnt . Der Philosoph Abu Hischam brüllt wie ein Stier , schimpft wie ein Kameltreiber und hält , wie sich der Lärm ein wenig gelegt , eine Rede : » Freunde ! « ruft er , » was ich schon immer empfahl , das empfehle ich jetzt noch einmal - das muß jetzt endlich zur Tat werden . Wir müssen einen Geheimbund gründen und unsre Bücher unter uns herausgeben - nicht fürs Volk . Was haben wir davon , wenn unsre Bücher gekauft und gelesen werden von Leuten , die uns garnicht verstehen können ? Bilden wir lieber endlich eine abgeschlossene gelehrte Gesellschaft , die ihre Bücher nur unter ihre Mitglieder verteilt . Wir Gelehrte schreiben doch nur für die andren Gelehrten - laßt uns drum einen Bund schließen , wie ichs schon öfters empfohlen habe . Wir brauchen unsre Bücher garnicht öffentlich herauszugeben . Fürs Volk schreiben wir ja doch nicht . Wir versenden unsre Bücher nur an die einzelnen Mitglieder des zu uns gehörenden Gelehrtenbundes und pfeifen dann auf die Gesetze des dummen Mutadid , der besser täte , wenn er in den Wallgräben Bagdads die Schweine hütete . « Nach dieser unerwarteten Rede springt auch endlich der Schreiber Osman auf , der bis dahin still auf dem persischen Teppich saß und chinesischen Tee trank . Osman erhob sich furchtbar schnell , was so aussah , als wenn ein Gummiball einen Klaps bekommen . » Ihr habt ja kein Geld ! « schreit der Schreiber , » wollt Ihr Eure Bücher verschenken ? « Und es entsteht ein neuer Lärm - der ist noch wüster als der erste . Jakuby bemüht sich vergeblich , das Gespräch auf die bevorstehende Mondfinsternis , die garnicht erscheinen will , zu lenken . Schließlich reden Alle zugleich , sie schreien die Worte mit versengendem Glutblick einander zu . Niemand versteht , was sie so heftig sagen ... - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Safur aber oben auf dem Mittelturm schwärmt dem großen Sterndeuter Abu Maschar von Himmelsgeistern und herrlichen Huris , von den alten Göttern und von den alten Gespenstern begeistert etwas vor - er sagt : » Wenn ich so im tiefen unendlichen Blau die strahlenden Himmelsblüten schaue , dann fühlt sich meine Seele oft so mächtig bewegt , und ich träume mir dann da oben eine Welt zusammen , in der Götter hausen , übermenschliche Wesen , die noch viel feiner empfinden können als die besten Dichter der Erde . Oh , Abu Maschar , muß es nicht dort oben in den freien Weltalllüften viel wundervoller sein als hier bei uns ? « Abu Maschar erwidert mit ganz leiser Stimme : » Kein Ort der Erde ist wirklich schöner als der andre . Wir können überall glücklich sein . Die Zustände sind überall gleich gut und gleich schlecht , wie man gerade sagen will . Und in andren Welten kanns eigentlich auch nicht anders sein . Sieh , Safur , das ist eigentlich das Geheimnis meiner Prophetengabe , daß ich nirgendwo und auch nirgendwann einen besseren Zustand vermute als den , welchen ich grad in den einzelnen Augenblicken meines Lebens empfinde . Die Zukunft ist für uns kein verschlossenes Buch . Zu allen Zeiten war es im Grunde genauso gut und genauso schlecht um die Menschen bestellt als zu unsrer Zeit hier in Bagdad . Daß ich fest daran glaube , die Welt wird weder besser noch schlechter , eine wirklich wesentliche Weiterentwicklung der Menschen gibt es garnicht - dieser Glaube hält mich grade , macht mich sicher , stolz , fest und bewußt - das macht mich zum Propheten ... wie mich die Gelehrten in der Moschee spöttisch nennen . Ja , Safur , ich bin ein Prophet ; wenn ich in die Sterne schaue , so sehe ich die Zukunft - - - unsre Welt ist ebensowenig veränderlich wie der Sternenhimmel . Scheinbar nur bietet sich uns ein ewiger Wechsel dar . Die Zukunft wird ebenso aussehen wie die Gegenwart . Dieses Wort vergiß nicht , Safur ! Was ich sonst noch prophezeie , ist im Grunde leerer bedeutungsloser Scherz . Die Welt bleibt - wie sie ist . Werde so ruhig wie dieser Sternenhimmel und hoffe nicht auf andre oder bessere Zeiten . « Ein duftender Blütenwind weht durch Abu Maschars weißes Beduinengewand . Safur schaut mit trunkenen Blicken zum schwarzen Saturn ... Der Dichter versteht den Propheten . Der Lärm in der Empfangshalle dringt jetzt schwächer zum Mittelturm empor . Ruhig steht der Halbmond - glänzend - ohne jeden Schatten über der alten Sternwarte , die einst der gebildete Chalif Mamun für seine Himmelsfreunde erbauen ließ . Safur und Abu Maschar schauen schweigend in die Sterne , die verblassen , da der Mond zu hell ist . Doch jetzt klopft es leise . Ein schwarzer Sklave steigt langsam die letzten Stufen der Treppe hinauf und sagt ganz behutsam , um nicht zu stören : » Der Herr Battany will aufm Boot im Tigris hin-und herfahren - läßt bitten , mitzukommen . « » Eine Kahnfahrt ? « ruft Safur . » Was gibt die Veranlassung ? « fragt Abu Maschar . » Der Mond scheint dem Herrn Battany zu hell « , erwidert ernst der schwarze Sklave . Die beiden Freunde schauen sich an und - lächeln . Schmunzelnd folgen sie dem Schwarzen , der hurtig die Treppe hinunterstolpert . Unten zügeln die beiden Mongolen ihre schäumenden Rosse . Die Sklaven rennen treppauf und treppab . Alles ist in Bewegung - auf der Sternwarte . Der Halbmond steht ruhig am Himmel - und glänzt . Drittes Kapitel Lange feine Lichtfäden glitzern auf den lustigen kleinen Wellen des Tigris ; das Licht von vielen Booten und das Licht von den helleren Sternen spiegelt sich in der lauen Flut . Battany steht auf der äußersten Spitze des großen Bretterstegs , an dem die Lustbarken Bagdads zu landen pflegen , und starrt hinein in den großen breiten Strom , auf dessen Wellen die langen Lichtfäden glitzern . Der Astronom atmet tief auf . Er ist einen Augenblick allein . Die kleinen Wellen plätschern um den Brettersteg . Ein kühler Wind weht sacht übers Wasser dahin . Der Tigris ist groß und breit . Die Rechte hat Battany fest aufs Herz gepreßt . Sein Hals reckt sich sehnig nach vorn . Seine Stirn ist von tiefen Falten durchfurcht . Und seine Augen brennen . Er murmelt : » Jakuby ist beneidenswert ! Jakuby ist beneidenswert ! « Dem großen Gelehrten treten Wuttränen ins Auge . Er stöhnt laut - erschrickt dann und spricht zu sich selbst - leise - mit knirschenden Zähnen : » Jetzt werden sie kommen und mich höhnen ! Der Mond ist hell - er steht hinter mir - hinter den Bäumen und lacht ! Bei Allah ! Ich verstehs nicht ! Ich versteh nichts ! Wir können - garnichts ! Nur die Esel bilden sich ein , was zu können ! Wenn ich nur Etwas vollbracht hätte - nur Etwas ! Aber - mir ward es versagt ! Ich habe gearbeitet wie ein Steinträger und nichts dafür errungen - nichts ! Ich bin nur einsam geworden . Kein Freund tröstet mich - kein Freund ! Ich hab allein meine Qual zu tragen - allein ! « Und er stöhnt wieder und atmet hastig - mit der Linken fährt er sich über die nassen Augen . Er blickt nach rechts - er wartet auf seine Barke . Doch die Barke kommt nicht . » Heute kommt garnichts « , murmelt er Zähne knirschend . Seine schwarzen Sklaven stehen mit Pechfackeln am Strande . Das Schilf wird grell beleuchtet . Von der Seite , von der Battanys Barke kommen soll , kommt nichts . Aber auf der andren Seite werden nun vier grüne Lampen sichtbar - es nahen sehr rasch vier große Boote , auf denen sehr laut gelärmt wird . Battany horcht und will zum Ufer zurück - er kennt die Stimmen , die da in den vier Booten lärmen . Die Tofailys nahen . Doch Battany besinnt sich und bleibt trotzig stehen . Die Tofailys sind tolles Volk - sie bilden Bagdads berüchtigte Prassergilde . Schlemmer sind die Tofailys . Aber sie schlemmen nicht auf eigene Kosten - sie lassen sich immer einladen . Geld besitzen die Tofailys fast niemals - aber betrunken sind die Tofailys fast immer - auch jetzt . Battany stampft zornig mit dem Fuß auf , daß der Brettersteg poltert und wackelt , denn am Ufer erscheinen grade seine sieben Freunde - Kodama und Abu Maschar an der Spitze . Ein Zusammenstoß mit den Tofailys ist unvermeidlich . Auf dem größten der vier Boote steht der alte bucklige Dichter Al Rumy - der hat den Al Battany schon gesehen , ruft ihm gleich höhnisch zu : » Mondprophet ! Die Halbmonde wollen ja nicht so , wie Du willst ! Laß den Glanz Deiner Goldstücke heller strahlen , dann werden die Halbmonde sich eher verdunkeln lassen ! Halbmondprophet ! Du Lichtfeind ! « Da - im Handumdrehen - blitzt Battanys krummer Säbel drohend über seiner indischen Mütze . Und - wie natürlich - blitzen auf den Booten der Tofailys sofort ebenfalls die Säbel . Der bucklige Al Rumy holt sein grades Schwert langsam und lachend hervor und deutet mit der Spitze des graden Schwertes tückisch auf den Astronomen . Die Tofailys sind nur noch wenige Schritte vom Brettersteg entfernt . Die Zahl der auf den vier Booten aufleuchtenden Klingen ist nicht allzu groß ; die meisten Tofailys haben ihre Säbel in den Weinkneipen der Stadt als Pfand hinterlassen - versetzt - was in Bagdad sehr häufig vorzukommen pflegt . Indeß - Battany ist fast allein . Die schwarzen Sklaven mit ihren Pechfackeln schreien nur , sind nicht sehr tapfer . Battanys Freunde sind gleichfalls ihrer Tapferkeit wegen nicht berühmt - nur Safur läuft auf den Steg , zieht seinen langen Dolch und hält diesen wie einen kleinen Speer wurfbereit . Der Kampf erscheint unvermeidlich . Doch da - plötzlich - spritzt das Wasser am Ufer hoch auf . Unverständliche Flüche schallen durch die Luft - und zwei schnaubende schwarze Hengste schäumen in den Tigris hinein . Auf den Hengsten sitzen die beiden Mongolen ; wild funkeln ihre Augen . Die Spitzen der langen Lanzen blitzen im grellen Fackellicht - ganz hoch in der Luft . Und im selben Nu verschwinden die Säbel der Tofailys . Die betrunkenen Prasser springen danach lachend , als wenn garnichts los wäre , aus den Booten raus , patschen durchs Wasser zum Ufer - oder klettern auf den Brettersteg . Torkelnd und johlend ziehen die Betrunknen die Kähne ans Land . Die Mongolen senken die Lanzen und sehen zu - reiten dann gemächlich an den Strand zurück . Die Tofailys sind nicht Bagdads Dummköpfe - im Gegenteil - Gelehrte und Dichter sinds zumeist . Der junge Geograph Hamadany ist zum Beispiel ein sehr gescheiter Mann - und dennoch hat er wieder viel zuviel getrunken ; bewußtlos liegt er in dem einen Kahn , sein Kopf hängt laut schnarchend hintenüber . Die Schiffer haben große Mühe , die schlaffen Glieder des Trunkenbolds ans Land zu schleppen . Die Weinschläuche der Tofailys sind fast sämtlich leer . Ein paar jüngere Weinhändler zanken sich deshalb - denn sie wollen voneinander erfahren , wer von ihnen die fernerhin noch für die Gesellschaft nötigen Schläuche beschaffen wird . Ein derartiger Zank dauert immer sehr lange . Währenddem höhnt ein Krämer den Safur , meint so leichthin : » Na , Freundchen ! Hat Dir auch Deine Tarub , Bagdads berühmte Köchin , wieder ein paar Pasteten in die Tasche gesteckt ? Gib mir was ab ! Ich hab Hunger ! « Safur dreht sich um - nach der andren Seite . Battanys Barke ist endlich angekommen . Osman und Kodama sind die Ersten , die in den schönen langen Kahn steigen . Jakuby und Suleiman folgen gleich dem Beispiel der Dicken - sind aber nicht so sicher wie diese in den Arm- und Beinbewegungen . Abu Hischam und Abu Maschar sprechen so eifrig , daß sie erst von Safur zum Einsteigen aufgefordert werden müssen . Wie diese letzten Drei im Kahne Platz gefunden , überreichen die schwarzen Sklaven die Fackeln den Ruderern , heben den Battany sehr gewandt auch ins Boot und stoßen das Fahrzeug in den Strom hinein . Die Tofailys lärmen wieder lauter . Der Dichter Buchtury rennt jetzt mit einem halben Dutzend verrufener Tänzerinnen auf den Brettersteg und ruft den Abfahrenden noch einige Bosheiten nach - die versteht man aber nicht mehr . Battanys Barke wird sacht in die Mitte des Stroms hineingerudert - dort stößt heftig der Wind in die Segel . Und fort gehts stromabwärts . Die Pechfackeln knistern , flammen , lodern und werfen lange rote Farbenbündel , die immerfort wackeln , ins Wasser . Die Wellen klingen plätschernd um die Planken der langen Barke ... sie brodeln und murmeln vorn um den weißen Holzschwan , der die Spitze des Schiffes verziert ... Die eine Pechfackel hängt - vorn an einer Stange befestigt - hoch über dem langen Schwanenhals , ragt aber noch weiter vor als dieser ... in den dunkelblauen Himmel hinein . Hinter dem Schwan sitzt Abu Maschar in seinem weißen Beduinengewande und streichelt mit seinen langen braunen Fingern seinen langen schwarzen Bart. Neben dem Propheten sitzt Safur . Der steckt jetzt seine rechte Hand vorsichtig in die laue Flut , und die Wasser wirbeln schäumend um seine braunen Finger . Der Dichter fühlt , wie der Tigris wohlig um seine Handfläche strudelt , wieder und wieder durch die Finger gleitet und so weich die Gedanken belebt - auch so voll sich anpackt wie flüssiger Schlamm . Kitzelnd spülen die Wogen um die Fingerspitzen des Dichters . Jasminduft weht vom Strande herüber . Battany und seine Freunde heben lächelnd die Nasen höher - Suleiman besonders - der spricht dabei zu Jakuby von Narzissen und Lilien , von Wasserrosen und Riesenveilchen ... Die Gärten Bagdads liegen an den Ufern des Tigris wie schlafende Jungfrauen , und ihre überreiche Blütenpracht schwellt vollen Wohlgeruch auf den breiten Strom hinaus ... Prachtvoll ist die Nacht . Die Sterne funkeln , die Fackeln flackern , und die Wellen klingen plätschernd gegen die Barke an . Der Astronom ist leider noch immer nicht heiter - in dieser herrlichen Nacht , in der selbst Indiens verwöhnte Götter selig lächeln würden . Die Stimmung ist auf der Barke ein bißchen gedrückt . Osman - der Schreiber - ist entschieden der Traurigste . Kodama unter seinem gelben Turban scheint am lustigsten zu sein . Von den Fackeln werden grell beleuchtet - die Dichter , die Gelehrten und die Sklaven . Dem Philosophen Abu Hischam wird die Pelzmütze zu warm , er nimmt sie ab . Battany wundert sich darüber - - - er sieht den Osman unter dem weißen neben Kodama unter dem gelben Turban , Jakuby unter dem lila gefärbten neben Suleiman unter dem schmutzigen Turban ganz schweigend dasitzen . Auch Safur und Abu Maschar in ihren Beduinengewändern sitzen vorn ganz schweigend da ... Und der Astronom erinnert sich plötzlich , daß er seine Freunde zu einer » Vergnügungsfahrt « einlud . Und er flüstert einem älteren Sklaven einen kurzen Befehl zu . Und gleich darauf packen die gehorsamen Diener geschäftig die Wein- und Eßkörbe aus . Das verbessert die Stimmung . Der große Goldpokal wird mit Scherbett , dem berühmten würzigen Eiswein , gefüllt . Bald geht der Pokal von Hand zu Hand . Alle trinken schmunzelnd mit der Zunge schnalzend das eiskalte duftende Getränk ... Alsdann werden Datteln und Bananen , Feigen und Kirschen , Äpfel und Mandeln , Weintrauben , Pfirsiche , Nüsse , Oliven , Erdbeeren und kleine ovale Honigkuchen in fein getriebenen Metallschalen herumgereicht ... Kodama knackt eine Nuß und fragt den Safur , der in der Linken den Pokal und die Rechte noch immer im Wasser hält : » Sage mal , lieber Freund , Du siehst so träumerisch mich an - denkst Du an Deine Tarub ? Wie geht es denn Deiner berühmten Köchin ? Wird sie nicht bald wieder eine neue Torte backen ? - mit Zucker , Citronen und - und frischen Kräutern oder so was weich Zerfließendes ? Hm ? « » Frag sie doch selber « , gibt Safur zurück , » warum soll ich jetzt an die Tarub denken ? Die Nacht ist so prächtig , und ich fühle nur , wie wohlig sich das Wasser anfassen läßt . Die Empfindungen der Hand scheinen mir augenblicklich noch viel feinsinniger als dieser Eiswein . Trink Du , Abu Maschar ! Und wenn Du mir einen Apfel schälen wolltest , würd ich Dir dankbar sein . Hier ist mein Dolch . « Abu Maschar nickt , nimmt den Dolch und schält den Apfel . Kodama wendet sich an Osman und versucht , ihn wieder zu trösten . Osman lächelt schwach und meint : » Die Luft ist sehr erquickend . Wenn jetzt ein Dichter Obstverse vortrüge , würd ich mich sehr freuen . « Dabei lächelt der Dicke schon ganz behaglich , ißt eine rote Kirsche nach der andern - und fühlt sich allmählich immer wohler - vergißt sein Geschäft und seine Sorgen . Die Kirschen sind gut . Safur , der sonst für jede Speise , für alles Süße und für alles Saure prickelnde Vierzeiler aus seinem Beduinengewande herauszuschütteln pflegt , schweigt - schweigt hartnäckig . Suleiman , der am Maste sitzt , beugt sich daher bedächtig zu den beiden Dicken hinüber und spricht laut mit emporgezogenen Augenbrauen : » Ich sah im Traume eine Apfelkrone , Und die stülpt ich mir behutsam auf den kahlen Kopf . Doch Osman schenkte stöhnend mir zum Hohne Einen Kirschenszepter , tragen sollt ich den als Zopf . « Alle lachen nun sehr laut . Suleiman muß seine Verse wiederholen . Selbst Battany muß lachen . Nur Osman lacht nicht . Der nimmt behutsam seinen weißen reinen Turban ab und reicht ihn dem alten Dichter , der kopfnickend für den neuen seinen alten gibt . Jetzt wirds gemütlich . Wieder geht der Goldpokal mit dem köstlichen Scherbett von Hand zu Hand . Der Wind bläst noch kräftiger in die Segel . Die Wellen klingen hell plätschernd um die Planken . Die Sterne funkeln . Die Barke schaukelt . - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -