aufs Beste bedienen . « » Ist sie wirklich gut ? « fragte Hildegard schüchtern . » Sie sieht « - Fräulein Schulze lachte . » Sie ist häßlich . Aber auf das Äußere darf man nie gehn . Sehen Sie , mein Bräutigam ist auch kein Adonis , und doch ist er ein vorzüglicher Mensch . Anna ist die Aufopferung selbst . Denken Sie , einmal als ich schwer krank war , hat sie mich acht Wochen lang allein gepflegt . Sie ist kolossal ehrlich . Das bischen Häßlichkeit , na , das vergißt man in Anbetracht ihrer sonstigen Eigenschaften . Früher schlief sie nicht hier . Aber seit ich so elend war , bin ich froh , daß sie selbst gewünscht hat , hier nachts über zu bleiben . Sie erspart sich Schlafgeld , und ich weiß , daß Jemand da ist , wenn ich nach Hause komme . « Sie plauderten noch eine Weile , dann trennten sie sich mit einem freundlichen Gutenacht . Hildegard kroch in das große Bett hinter dem dunklen Vorhang . Das Fenster stand weit offen . » Lassen Sie ' s geöffnet , damit Luft hereinkommt « hatte Fräulein Schulze gesagt . Hildegard horchte anfangs auf jedes Geräusch ; sie hatte sich hier ebenso wenig wie im Vorderzimmer einschließen können ; beide Thürschlösser waren schadhaft . Aber endlich versank sie in Schlummer . Hier rückwärts wars wirklich ruhig , drückend ruhig . Das Geräusch der Stadt drang wie fernes Wogenrauschen herein , einschläfernd , müde machend . - - - - - Hildegard wußte nicht , was vorgegangen war . Ihre Lider hatten sich plötzlich geöffnet , und ein Schauern rann ihren Leib hinab . Sie starrte mühsam vor sich hin ins Dunkel , ohne jedoch die schwarze Finsternis durchdringen zu können . Es war etwas da , unfehlbar war etwas da , hier innen im Zimmer , ein Körper , etwas Fremdes , etwas Athmendes .... Die junge Frau blickte angestrengt auf den Vorhang ; da teilte er sich , eine Hand glitt herein , strich über das Nachtkästchen neben dem Bett und zog sich zögernd zurück . Hildegard vermochte sich nicht zu regen ; die Sinne vergingen ihr . Als sie erwachte , war heller Tag . Sie blieb eine Zeitlang liegen und ließ das Ereignis der Nacht an ihrem Geiste vorüberziehen . Wie , wenn sie nur geträumt hätte ! Wenn nur der Genuß des starken Thees an dieser Hallucination schuld war . Oder ihr dummes Grauen vor dem dunklen Bettvorhang ! Wenn , wenn aber nicht ? Wenn es keine Wahnvorstellung , kein Traum war ? An allen Gliedern zerschlagen , erhob sie sich und kleidete sich an . Sie wußte noch nicht , was sie thun sollte . Ob sie sich Fräulein Schulze mitteilen sollte oder nicht ? Sie verließ das Zimmer , um zum Frühstück zu gehen . » Juten Morjen , Frau Wallner . Jut jeschlafen im neuen Bett ? Heut is zeitijer als jestern . Na is et da hinten ruhijer ? « Das Dienstmädchen näherte sich ihr freundlich . Hildegard wollte zuerst nicht antworten , dann bezwang sie sich . » Ja , ich habe besser geschlafen . « » Na sehn Se woll . Nu wern Se immer so schlafen . « Die graugrünen , von hellen Wimpern beschatteten Augen folgten der jungen Frau zum Ausgang . 3 Hildegard hatte durch das Adreßbuch die Wohnung von Frau von Werdern erfahren . Dorthin lenkte sie jetzt ihre Schritte . Die Dame wohnte in der Charlottenstraße ; bald war ihr Haus erreicht . Mit Herzklopfen klingelte die junge Frau an einer Thür des zweiten Stockwerks und gab ihre Karte dem öffnenden Mädchen . Gleich darauf wurde sie in einen Salon geführt , in dem ihr eine ältere Dame entgegentrat . Was ihr die Ehre verschaffe ? Sie wies leicht auf einen der herumstehenden Sessel und ließ sich selbst nieder . Hildegard stotterte zuerst einige Phrasen , dann sagte sie : » Es ist eigentlich kühn von mir , Sie , gnädige Frau , zu belästigen . Ich bin fremd hier , kenne keinen Menschen , und wollte Sie bitten , mir gütigst die Adresse von Frau Blatt mitzuteilen . « » Ah « , Frau von Werdern zuckte bedauernd die Schultern , » das thut mir leid . Meine Freundin ist heute Morgen abgereist . « Hildegard erblaßte . » Abgereist ? Nach Frankfurt ? « » Ja , nach Frankfurt . Sind Sie bekannt mit ihr ? « » Wir schrieben einander ab und zu . Sie war so liebenswürdig , mir ihre Schriften zuzuschicken , nachdem ich ihr einmal mitgeteilt hatte , wie sehr ich mich für sie und die Richtung ihrer Thätigkeit interessiere . « » Das freut mich sehr . Je mehr Freunde wir uns gewinnen , um so sicherer wird die Aussicht , unsere große Aufgabe zum Sieg zu führen . Es wäre an der Zeit . « » Ja , es wäre an der Zeit « bestätigte Hildegard . » Das Verhältnis , das die Frau gezwungener Weise zur Gegenwart , zu all den neuen herrlichen Fortschritten einnimmt , ist ein geradezu unerhörtes . « Frau von Werdern nickte zustimmend . Ihre grauen Augen blickten mit erwachendem Interesse auf Hildegard . » Sie sprechen wohl aus - Erfahrung . « Die junge Frau errötete leicht . » Gewiß gnädige Frau . Ich habe ein Leben der Bequemlichkeit , der Sorglosigkeit hinter mir gelassen , um mich ganz in den Dienst der großen Aufgabe zu stellen , die uns Frauen zugefallen ist . « » Ja es ist eine große Aufgabe , und wir werden siegen . Sie sind verheiratet ? « » Ich war es . « » Hm , ich verstehe . Lebt Ihr Mann ? « » Oja , er ist kaum älter als ich . « Frau von Werdern wollte offenbar nicht als neugierig erscheinen und lenkte das Gespräch auf anderes . Was Frau Wallner eigentlich von Eugenie Blatt gewünscht habe . Ob es nur ein Besuch sein sollte . » O , viel mehr « antwortete Hildegard . » Ich wollte Frau Blatt bitten - ich habe , wie gesagt , alles hingegeben um der Sache willen - ich wollte sie bitten , mir irgend eine Beschäftigung zu nennen , durch die ich mir die notwendigsten Mittel zum Leben erwerben könnte . Ich möchte nämlich nicht gerne die Unterstützung meines Mannes in Anspruch nehmen . Ich selbst bin vermögenslos . « » Was ist Ihr Mann ? « » Maler . « » Ah , Künstler . Und über welche Kenntnisse verfügen Sie , wenn ich so fragen darf ? « » Ich spreche englisch und französisch , zeichne ein wenig - « » Hm , hm ! « Frau von Werdern nickte gedankenvoll mit dem Kopfe . » Es ist ein so starker Andrang ; wir können kaum noch jemand beschäftigen . Damen aus den ersten Kreisen stellen sich uns kostenlos zur Verfügung . Sie wohnen im Hotel ? « » Nein , ich habe mir ein Zimmer für einen Monat gemietet . Aber ich würde es sofort aufgeben - - « » Nein , nein , das hätte ja keinen Zweck « meinte Frau von Werdern . » Bleiben Sie nur ruhig dort wohnen , bis Sie ein sicheres Unterkommen gefunden haben . Und ganz in Stellung möchten Sie nicht , ich meine etwa als Gesellschafterin , Hausrepräsentantin oder Ähnliches ? « » Nein , nein , das möchte ich nicht . « Hildegards Stimme zitterte leicht . » Eine solche Unterordnung unter fremden Willen wäre mir unmöglich . Ich bin an Freiheit gewöhnt . Ich that immer , was ich wollte . « Frau von Werdern lächelte ein wenig . » Was haben Sie sich eigentlich vorgestellt , als Sie hierher kamen ? « » Vorgestellt ? O gnädige Frau , nur das Schönste . Ich hoffte , ich würde eine Stellung finden , die - ich habe übrigens über diesen Punkt wenig nachgegrübelt « setzte sie in leichter Verlegenheit hinzu . » Eines Tages , als es mir zu unerträglich zu Hause wurde , sagte ich einfach meinem Manne : Nun möchte ich fort , und er antwortete : Thue , was Du nicht lassen kannst « . » Er gehört wohl zu den Murgerschen Künstlergestalten ? « Hildegard lachte . » Im Gegenteil . Er ist ein sehr ernster Mensch , Pedant sogar . Was mich - aber ich weiß nicht , ob es Sie interessiert , die Schicksale einer Ihnen fremden Frau - « » O bitte sehr « wandte Frau von Werdern ein , » mich interessieren die Schicksale eines jeden Menschen , und die natürlich ganz besonders , die Eine der Unseren betreffen . « Hildegard verneigte sich leicht . » Auch habe ich zufällig noch eine Viertelstunde frei « , die Vorsteherin warf einen Blick auf ihr Uhrarmband , » und wenn Sie mich Ihres Vertrauens - « » Nun , es ist nichts Spannendes , gnädige Frau , das ich Ihnen erzählen will . Es ist ein , wie ich glaube , uralter Zwist . Künstler , insbesondere Maler , dürften nie heiraten . Mein Mann beschäftigte sich viel mit Aktstudien und war stunden- und tagelang mit seinen Modellen zusammen . Die erste Zeit schwieg ich und duldete stumm . Dann ertrug ich es nicht länger . Ich machte ihm Vorstellungen . Er lachte mich aus . Das gehöre zu seinem Beruf und so weiter . Was es mit unserer Liebe zu thun hätte ? Aber ich konnte nicht darüber hinwegkommen . Je reifer ich wurde , desto verabscheuungswürdiger erschien mir diese Seite seiner künstlerischen Thätigkeit . Ich verbot ihm einfach , Modelle zu empfangen . Er bewies mir , daß dies ein unmögliches Verlangen wäre , erinnerte mich an den guten Namen , den er sich bereits mit seinen Bildern erworben hätte , und ob ich durch meine Launen seine ganze Zukunft vernichten wolle . Ich verschloß mir die Ohren vor seinen Argumenten , ich wußte , was mir als Gattin zukam . Und nun « - Hildegard hielt inne , und errötete stark , » nun kommt das Ärgste . Wissen Sie , was er mir eines Tages sagte ? Gut , sagte er , wenn ich die Anderen abschaffen soll , dann sei Du mir Modell . Ich wollte damals in meiner begreiflichen Entrüstung sofort das Haus verlassen ; nur den Anstrengungen meiner Freunde gelang es , mich zurückzuhalten . Aber von diesem Tage an war eine große Kälte über mein Herz gekommen . Ein Mann der so etwas von seiner Frau fordern kann , ist kein anständiger Mensch , sagte ich mir . Nachdem meine Empörung ihm genugsam die Augen über die Frivolität seiner Forderung geöffnet hatte , redete er kein Wort mehr von dieser Sache . Er verreiste für einige Zeit ins Hochgebirge . Als er wieder zurückkam , kündigte er das Atelier , unsere hübsche , große Wohnung , und mietete eine viel kleinere . Auf meine erstaunte Frage , was dies zu bedeuten habe , sagte er mir kurz , er brauche kein Atelier mehr , er hätte die Malerei aufgegeben . Und was wirst Du thun ? fragte ich entrüstet - denn da wir nicht wohlhabend sind , war es sein Verdienst , der unsere Lebensbedürfnisse deckte . Wenn er ihn aufgab ? Ich werde Theetassen für eine Porzellanfabrik malen beruhigte er mich in einem Ton , von dem ich nicht wußte , war er bitter oder höhnisch . Und richtig : er begann auf Porzellan zu malen und fertigte Stoffmuster an , die eine Kattunfabrik bei ihm bestellte . Wir zogen in die kleine Wohnung . Es begann ein ödes Leben . Ich befand mich in den engen Verhältnissen gar nicht wohl und verschonte Einhart nicht mit Vorwürfen . Was meinen Sie , was er mir entgegnete ? Nichts . Er schwieg . Kann es eine empörendere Antwort geben ? Zuletzt schwieg auch ich , und wir sprachen fast gar nicht mehr miteinander . In dieser Zeit kamen mir zufällig Bücher , die die Frauenfrage behandelten , in die Hände . Ich verschlang sie . Ja , das wars . Die Frau muß den Launen des Mannes gegenüber sichergestellt werden . Es müssen ihm darüber die Augen geöffnet werden , daß sie das Recht hat , von ihm eine Behandlung zu fordern , wie er sie Seinesgleichen zuteil werden läßt . Ich hatte meinen Boden gefunden . Ich schrieb an Eugenie Blatt , an Karoline Weigel , und an viele andere , die an der Spitze dieser herrlichen Bewegung stehen . Auch Ihren Namen , gnädige Frau , verfolgte ich mit Bewunderung . Eines Tages bemerkte ich meinem Mann ruhig , daß ich mich nach neuen Verhältnissen sehne , und daß ich nach Berlin reisen wolle , um dort an dem großen Werke der Frauenbefreiung mitzuthun ! Er schwieg lange ; dann meinte er , ich möge thun , was ich für gut hielte ; nur eins solle ich ihm gestatten : mich die ersten Monate hindurch mit dem notwendigsten Geld zu versehen . Anfänglich war ich geärgert über diese merkwürdige Zumutung - unsere Scheidung ist noch nicht eingeleitet , wird es aber bald - dann erklärte ich mich bereit , für die erste Zeit seine Unterstützung anzunehmen . Und so bin ich hier . « » Hm , hm . « Frau von Werdern sah mit unverhohlenem Interesse in das schöne vom Sprechen gerötete Gesicht der jungen Frau . » Unverstanden ! Das ist eben die Tragik des Weibes ! « » Sie haben das rechte Wort gefunden « rief Hildegard . Dann schwiegen beide . Frau von Werdern blickte auf ihre Uhr und erhob sich . » Entschuldigen Sie mich , ich muß fortgehen . Die feste Aussicht auf eine Stellung kann ich Ihnen nicht geben , liebe Frau Wallner , aber was ich thun kann , werde ich für Sie thun , des seien Sie versichert . Vor der Hand bleiben Sie ruhig in der Wohnung , die Sie haben , verzagen Sie nicht , und lassen Sie ohne Gewissensbisse Ihren Gatten Ihre Rechnungen bezahlen . Man muß die Schwäche ausnützen , da man sie nicht bewundern kann , und Ihr Mann ist schwach , wie mir aus allem hervorzugehen scheint . Haben Sie einen Erwerb gefunden , der Ihnen Geld einbringt , gut , dann können Sie Herrn Wallner ja alles zurückerstatten . Sonnabend Nachmittag empfange ich . Es wird mich freuen , Sie meinen bekannten Damen vorstellen zu können . « Hildegard drückte ihr die Hand . » Vielen Dank , und wenn ich bitten darf , meine Grüße an Frau Blatt . « » Gerne . « Die beiden Frauen nickten einander zu , dann entfernte sich Hildegard . Sie lächelte froh , als sie die Treppen hinabstieg . Die Hoffnung , die sie zu verlassen gedroht hatte , faßte wieder festere Wurzeln in ihr . Peinlich war ' s ja , noch Geld von Einhart annehmen zu sollen , aber wenns nicht anders ging ? Das einzig Tröstliche dabei war die komische Seite , die seine Güte besaß . Er unterstützte sie im Krieg gegen die Männer , also gegen sich selbst . Er gab ihr die Mittel an die Hand , sich von ihm zu befreien . Wie einfältig ist doch ein Mann , dachte sie ; niemals würde sich eine Frau so mißbrauchen lassen . Und sie lächelte vor sich hin , trat in eine Restauration , und bestellte sich ein Mittagessen . Plötzlich mitten in ihrem sonnigen Behagen fiel ihr ihr Zimmer unter den Linden ein . Das schreckliche Zimmer ! Ob alles nur ein Traum war ? O wenn sie doch mehr Geld besessen hätte ! Sofort würde sie ausziehen . 4 Diese Nacht wars besser gegangen . Der dunkle Bettvorhang hatte sich nicht geregt . Einmal hatte sie wohl vermeint , das leise Knarren einer Thüre zu hören , aber das durfte in einem so großen Hause mit vielen Mietern nicht wundern . Am Morgen sah sie lange in den feuchten Schacht hinab , der den Hof vorstellte . Die Fenster aller Korridore des Hauses mündeten hinein . Wenn nur die häßlichen langen Leitern nicht in der einen Ecke gestanden hätten ! Sie zog schauernd den Kopf zurück . Lieber nicht hinsehen . Sie konnte die Vorstellung nicht loswerden , daß in diesem Hause etwas Unheimliches vorging . Als sie das Fenster schloß , erblickte sie drüben ein fahles Gesicht . Gott bewahre mich , dachte sie , diese Magd wird mich noch durch ihre Häßlichkeit verrückt machen . Und schnell zog sie sich an und ging fort . Sie frühstückte und machte dann einen längeren Spaziergang . Jetzt , da sie frischen Mut gefaßt hatte , gefiel ihr die Stadt , gefielen ihr die Menschen besser . Bloß das ewige Angestarrtwerden war ihr widerlich . Im Innern wunderte sie sich über sich selbst . Wie kams eigentlich , daß sie , die stolzeste Befürworterin der Frauenfreiheit , unter den Blicken wildfremder sie fixierender Männer in Verlegenheit geriet ? daß sie wie närrisch zu laufen begann , wenn es ihr schien , als verfolgten sie die Schritte eines Bewunderers ? Stand sie denn nicht über all diesen Äußerungen einer braven Kleinbürgerin ? Sie , die kühne Verächterin des anderen Geschlechts ? Indem sie sich diese Fragen vorlegte , erkannte sie gemach , daß sie nichts weniger als selbstbewußt , mutig , sich selbst genügend war . Im Gegenteil . Sie mußte sich gestehen , daß sie eine größere Philisterin sei als die Frauen , die ruhig an ihrem häuslichen Herde walteten . Die hatten nämlich ein breites unaufgeschrecktes Gewissen , und wenn sich ihnen ein Galanter näherte , konnten sie ihm im Gefühl ihrer unantastbaren Würde ruhig ins Gesicht lachen . Was aber hatte sie der Kühnheit der Männer entgegenzusetzen ? Ihre Persönlichkeit ? Ihren Willen ? Aber die ließen sie aus Angst vor der bloßen Zumutung eines Unrechts schmählich im Stiche . Wie kams nur , daß eine Frau allein - Thaten sich die Damen der Frauenbefreiung deshalb auch immer in Rudeln zusammen , weil sie das Alleingehen , -Stehen , -Handeln fürchteten ? Mit Vor- und Nachtrab war es sicherer , für eine Idee zu kämpfen . Hildegard lief unter den Bäumen des Tiergartens dahin , als ihr diese Gedanken kamen . Jetzt , wo sie keinen Haushalt zu versorgen hatte , und nicht mehr das stumme Gesicht ihres Mannes vor sich sah , das so laut redete , wo keine Freundinnen ihr die Zeit zu stehlen kamen , mußte sie notwendigerweise auf allerlei Ideen kommen , die ihr früher ferne gelegen hatten . Ihre hauptsächliche Sehnsucht ging jetzt dahin , eine Gesinnungsgenossin zu finden , mit der sie zusammen wohnen konnte , um des trübseligen Alleinstehens , all der Verantwortlichkeiten enthoben zu sein , die eine für sich gehende Frau auf sich nimmt . Nun , es würde sich hoffentlich noch alles nach ihrem Wunsche fügen . War es doch bisher auch so gewesen . Viel ruhiger , als die Tage vorher , ging sie diesen Abend nach Hause . Sie wachte sogar noch , als Fräulein Schulze heimkam , und sagte ihr guten Abend . Sie hatte das Bedürfnis , auf das viele Grübeln und Denken mit einem Menschen ein paar Worte zu reden . » Das ist nett « sagte die Directrice und schüttelte ihr die Hand , » na , schon etwas gefunden ? « » Noch nicht , aber bald « meinte Hildegard . » Ja wenn Sie praktisch wären , aber - na . Sie sind jung und schön und mit der Stellung ist es Ihnen wohl nicht so bitterer Ernst ? « Hildegard fühlte heißes Rot ihre Wangen bedecken . Sie wollte ein hochfahrendes Wort erwidern , besann sich aber . Weshalb hatte sie sich mit dieser Dame in solche Vertraulichkeiten eingelassen , nun durfte sie darüber nicht erzürnen . » Was meinen Sie denn , was ich thun sollte , wenn ich praktisch wäre ? « fragte sie mit leiser Ironie . Fräulein Schulze tupfte sich etwas Puder auf ihre rötliche Nase . » Vor allem würde ich mir an Ihrer Stelle ein Unterkommen in einem großen Konfektionshause suchen . Da sieht man und wird gesehen . Da macht man Bekanntschaften , und niemand kann einen Stein auf einen werfen , denn man hat ja eine Stellung . Na - wenn Sie mich nicht verstehn , thut ' s mir leid . Ich bin praktisch . War ' s all meiner Lebtage . Ich bitte Sie , wer hilft denn einer Frau , wenn sie alt ist ? Keiner . Deshalb muß man , so lange man jung ist , zuschauen , sich etwas zurückzulegen . Ich jedenfalls bin immer fürs Praktische . « Hildegard lächelte etwas gezwungen zu diesen ihr nicht ganz klaren Auseinandersetzungen und zog sich bald zurück . Es ist ja wahr , dachte sie bei sich , eine Frau , die sich allein ernährt , verdient alle Achtung , aber ob Fräulein Schulze das wirklich that ? War sie wirklich so praktisch ? Hildegard wußte nicht recht was , aber etwas in dem grauen gutmütigen Gesichte ihrer Hauswirtin ließ sie nicht recht an deren praktischen Sinn glauben . Es lag irgendwo in ihren Zügen ein Leichtsinn versteckt , ein über vieles Hinweggleiten , das Hildegard nicht gefiel . Sie schlief gut , von dem frohen Gedanken eingewiegt , daß in zwei Tagen Sonnabend war , an dem sie mit angenehmen Menschen zusammenkommen würde . 5 Obwohl Hildegard sehr sparsam lebte und unnötige Geldausgaben scheute , entdeckte sie doch bald eine bedenkliche Ebbe in ihrer Börse . Das Essen in den Restaurationen kostete viel , das oftmalige Pferdebahnfahren verschlang auch täglich ein Sümmchen . Ein leises Angstgefühl beschlich sie . Was thun , wenn das letzte Geldstück verausgabt war ? Ihren Mann konnte sie doch nicht mitten im Monat um Geld schreiben . War es ihr doch schon bitter genug , am Ersten wieder seine Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen . Nun , Frau von Werdern mußte um jeden Preis Rat schaffen . Sie mußte . War es doch auch ihre eigene Sache , die Hildegard vertrat . Sonnabend Abend klingelte sie nicht ohne Herzklopfen bei der Vorsitzenden an . Sie wurde in einen Salon geführt , in dem schon einige Damen anwesend waren . Frau von Werdern nahm sie freundlich an der Hand und stellte sie ihren Bekannten vor . Man war sehr liebenswürdig gegen sie . Einige Damen begannen gleichzeitig ein Gespräch mit ihr , so daß sie bald links , bald rechts antworten mußte und schließlich in Verwirrung geriet . Dann wurde Thee herumgereicht . Frau von Werdern verlas einige Briefe von auswärtigen Gesinnungsgenossinnen , die mit großem Jubel von der Gesellschaft aufgenommen wurden . Man sprach von Frau X. und Frau Y. , die Hildegard unbekannt waren . Dann begann ein allgemeines Durcheinanderreden . In Frau Wallner begann sich leise Ungeduld zu regen . Wozu war sie eigentlich hergekommen ? Die Fragen , die man vorhin an sie gerichtet hatte , waren nur Fragen der Neugierde gewesen . » Sie sind aus Konstanz ? « » Ist ' s schön in Konstanz ? « » Gefällt es Ihnen in Berlin ? « » Haben Sie eine gute Wohnung gefunden ? « und so weiter . Wirkliche Teilnahme hatte aus keiner geklungen . Und gerade ihrer bedurfte Hildegard so sehr . Aber abgesehen davon , auch ihre ganze Lage ließ keine große Wartezeit zu . Frau von Werdern war von einem Ring hastig auf sie einredender Frauen umgeben . Mit ihr war heute wohl nicht zu reden . So wandte sich Hildegard mit einer beiläufigen Frage an die neben ihr sitzende Dame . » Verzeihen Sie , gnädige Frau , « begann sie , » giebts hier nicht ein Leseinstitut , in dem man für nicht zu hohen Entgelt Eintritt hätte ? « Die Angeredete lächelte verbindlich . » Ich bin unverheiratet , Frau Walker - « Hildegard verbesserte sie - » meine Name ist Kampfmann , Lehrerin an der Elisabethenschule . Ja , was Sie sagten wegen des Lesekabinets - gewiß giebts das . In der Kronenstraße 60 , famos eingerichtet . Man läßt sich vorher in die Schriftstellergenossenschaft aufnehmen - « » Aber ich bin ja keine Schriftstellerin . « - » Das thut nicht das geringste , - und genießt da allerlei Vorteile . Zum Beispiel steht Ihnen ein Rechtsanwalt unentgeltlich zur Verfügung , Sie dürfen täglich nach Herzenslust hundert Zeitungen durchstöbern und last not least , man macht eine Menge netter Bekanntschaften . Wir alle gehen da aus und ein . « » Es ist sehr verlockend , was Sie mir da erzählen , aber - wie teuer kommt - « » Ah bah , ein für alle mal fünfzig Mark und jährlich zwölf Lesegebühr ; doch wahrhaftig nicht zu viel für das Gebotene . « » Das nicht , aber - « Die Lehrerin mit den etwas männlichen Zügen und den starken , kohlschwarzen Augenbrauen sah sie verständnisvoll an . » Mein Gott , ja , das kenne ich . Man ist manchmal ausgebeutelt . Jeder Pfennig ist da zu viel . Connu , connu . Aber sagen Sie , besitzen Sie denn niemand , der für Sie etwas thut , der für Sie sorgt ? « Gott sei dank , dachte Hildegard , endlich ein menschliches Wesen , mit dem man reden konnte . Die ehrlichen dunklen Augen Fräulein Kampfmanns veranlaßten Hildegard , offenherzig zu sein . Bald befanden sich die beiden in tiefem Gespräch miteinander . Vertrauen fordert Vertrauen . Auf den Wangen des Fräuleins glühten zwei rote Flecke auf . » Ich habe mich Ihnen als Lehrerin vorgestellt , aber ich bin nur äußerlich Lehrerin . Mein Beruf ist die Kunst ; das Zeichnen , das ich den Kindern beibringe , ist mir nur Mittel zum Gelderwerb . Sehen Sie , ich bin mit großen malerischen Anlagen zur Welt gekommen . Aus mir hätte ein Genie werden können . Schon mit acht Jahren porträtierte ich meine Eltern . Aber was glauben Sie ? Meinen Sie , ich hätte Aufnahme auf einer Akademie gefunden ? Mit nichten . Abgewiesen hat man mich . In München , in Dresden , in Berlin . Die Akademien wären nur für Männer da , wurde mir geantwortet . Ich arbeitete hierauf in verschiedenen Ateliers , aber selbstverständlich ohne es zu etwas rechtem zu bringen . Ich möchte Lenbach oder Grützner ohne ihre Akademie-Lehrjahre sehen . Aber die Frau natürlich , für die ist die Fortbildungsanstalt der männlichen Geniusse zu gut . Die kann ja auch hinterm Ofen vermittels Inspirationen etwas lernen . « » Glauben Sie nicht , « wandte Hildegard ein , » daß ein wirklich starkes , großes Talent sich doch Bahn bricht , wenn es auch nur einer Frau angehört ? « » Niemals , meine Liebe ; wie sollte es auch , wenn ihm ununterbrochen Hindernisse in den Weg gelegt werden . Beständige Entmutigung lähmt auch die robusteste Kraft . Und sehen Sie , diese Unterdrückung , diese himmelschreiende Ungerechtigkeit hat mich der Frauenbewegung zugeführt . Gebt Raum den Frauen , öffnet ihnen die öffentlichen Bildungsanstalten ! Zu Hauf werden sie kommen und euch beweisen , daß das Weib gleich befähigt mit dem Manne ist . « » Fräulein Kampfmann macht wieder ihrem Namen Ehre . « Eine große schlanke Dame neigte sich zu der erregten Sprecherin und legte ihr die Hand auf die Schulter . » Machen Sie unsere neue Genossin nur nicht gar zu kühn , sonst verknallt sie ihr Pulver an unrechter Stelle . « Hildegard lachte . » Denken Sie denn anders als das Fräulein ? « » In manchem ja , in manchem nein . Ich finde vor allem Fräulein Kampfmann zu heftig . Durch Leidenschaft erreichen wir nichts . Unsere wirksamste Waffe ist die Ironie . Die Männer von heute bieten ein so klägliches Bild , daß nichts besser zu ihrer Änderung beitragen kann , als ihnen dies Bild vor Augen zu halten . « Hildegard betrachtete interessiert die hübsche noch junge Frau , der das schwarzseidene , mit Perlen besetzte Kleid vortrefflich stand . » Sie haben leicht reden « sagte Fräulein Kampfmann über die Schulter . Die schöne Frau machte eine abwehrende Handbewegung und trat zu einer Gruppe plaudernder Damen . » Wer ist sie ? « fragte Hildegard . » Melanie Langenwang ? Vor allem eine schlaue Dame , mit viel Verstand - das glaubte sie nämlich - und wenig Herz . Aber ihr großartiger Verstand hat sie doch sitzen lassen . Sie hat sich nämlich mit einem halb blödsinnigen Mann verheiratet , in der Hoffnung , daß er nach der Hochzeit noch etwas blödsinniger würde , und sie dann die Verwaltung seines beträchtlichen Vermögens in die Hände bekäme . Aber sie hat sich schmählig getäuscht . Der Staat hat ihrem Mann einen Vormund gegeben , und sie hat nur einen Teil ihrer Zinsen zur Disposition bekommen . Seither ist sie Anhängerin der Frauenemancipation geworden . Sie möchte den Paragraphen im bürgerlichen Gesetzbuch , der von der Verwaltung des Vermögens der Frau handelt , umgeändert wissen . « In diesem Augenblick entstand einiges Gedränge an der Thür . Mehrere Frauen brachen auf und verabschiedeten sich in stürmischer Weise von Frau von Werdern . Hildegard erhob sich . » Mein Gott , es ist spät geworden . Ihre interessante Gesellschaft hat mich die Zeit vergessen lassen . « Auch Fräulein Kampfmann stand auf . » Ich habe noch fünfzig Hefte zu korrigieren , kann auch mir nicht schaden , wenn ich gehe . Haben Sie denselben Weg wie ich ? Ich wohne Schiffbauerdamm . « » Ich unter den Linden . « » Also ein Stück gehen wir jedenfalls miteinander «