Häkchen krümmen will , wäre günstig , aber ich möchte dem Leser auch etwas zu thun geben und überlaß es also ihm , nachzumessen . Nur bitte ich , sich nicht gleich ein Schema zu machen . Des Menschen Seele ist manchmal schwankender als der Gang eines Betrunkenen durch einen Sturzacker . Aber : wie Sie wollen ! An mir ist es , weiter zu erzählen und zu sagen , daß Jung-Stilpe allmählich aus dem Stande eines Battlings in den nächst höheren eines Quarks emporrückte . Das heißt : Er wurde nun nicht mehr bloß geschunden ; er durfte auch selber ein bischen mitschinden . Es wäre nur menschlich gewesen , wenn er sich in diesem Zustande wohler befunden hätte , als in dem vorigen . Aber es war nicht so . Am Selberschinden fand er wenig Geschmack , und so entging ihm die tröstliche Genugthuung , die nicht blos im Freimaurerinstitut in Dresden-Friedrichstadt den meisten Menschen das Geschundenwerden erträglicher macht . Er hatte keinen Sinn für das Wohlthuende , das in der Möglichkeit liegt , von oben empfangene Püffe nach unten weiter zu geben . Es thut mir leid , aber ich muß es feststellen : Er dokumentierte damit einen betrüblichen Mangel an Begabung für realistischen Lebensverstand . Die Strafe für diesen Defekt konnte nicht ausbleiben : Er fühlte sich jetzt elender als früher . Denn , während er sich die jetzt offenstehende Gelegenheit der Ableitung nach unten entgehen ließ , verringerte sich doch nicht seine Empfindlichkeit für die Stöße von oben . Im Gegenteil : Er empfand sie viel peinlicher . Denn er hatte an Kritik zugenommen . Die Großen standen ihm jetzt näher , und so erkannte er , daß allerlei Dinge an ihnen waren , die sie eigentlich nicht berechtigten , die Kleinen stolz und schlecht zu behandeln . Er sah , daß es keineswegs alle Helden waren wie der gepriesene Mio , es entging ihm vielmehr nicht , daß es unter ihnen Burschen von unzweifelhaft gemeinen Qualitäten gab . Von diesen sich schinden zu lassen , das hielt schwer und that ungemein weh . Es kam für Jung-Stilpe die Zeit der ersten Zweifel an der zweckmäßigen und gerechten Einrichtung dieser Welt . Zehn Jahre erst alt , und schon mußte er an allerlei Warums nagen . Warum darf mich Börner knuffen , da er doch unter den Großen als Feigling verachtet ist ? Warum darf mich Roscher Dummer Quark nennen , da es doch allgemein bekannt ist , daß er der Dümmste in seiner Klasse ist ? Warum darf ich den Bodemann nicht wieder ohrfeigen , da er doch schwächer ist , als ich ? Alles blos , weil ich noch ein Quark bin ? Ja , zum Teufel , warum thun sich die Quarks nicht zusammen und wehren sich ? Wenn sie alle zusammenstünden und vielleicht noch die Battlinge herangezögen , so müßten sie die Großen , die ja viel weniger sind , unterkriegen ! Aber auf dieses Warum wußte er die Antwort . Die Quarks waren , bis auf wenige , zu denen er gehörte , Memmen , Gesindel . Sie machten es mit den Battlingen nicht besser , als die Großen mit ihnen , und untereinander knufften und pufften sie sich noch mehr , als sie von den Großen geknufft und gepufft wurden . Ganz sicher , wenn er es sich etwa einfallen ließe , gegen die Großen aufzumucken : Die meisten Keile würde er von den Quarks kriegen . Das war eine böse Situation für den kleinen Stilpe , um so böser , als Mio ins Land seiner Väter zurückgekehrt war . Die Umstände , unter denen sich dieses Ereignis vollzogen hatte , waren nicht ganz normaler Natur : Herr Mio war geschaßt worden . Warum ? Der kleine Stilpe hörte was läuten , aber nicht zusammenschlagen . Es ging ein Munkeln durch die Jungens , als ob ganz Unerhörtes sich begeben hätte . Mio hatte etwas völlig Unsagbares gethan , etwas , wofür den Quarks und gar den Battlingen die Begriffe fehlten . Gewiß etwas Großartiges , dachte sich Stilpe , und sein Held erschien ihm nun im Zauber des Geheimnisvollen noch gewaltiger . Ihn selber hatte er wohl gefragt , aber es war ihm wieder die Anwort vom Monde geworden : - Die Pauker wollen nicht , daß man auf dem Mond spazieren geht und vorzüglich nicht mit ihren Töchtern . Mit ihren Töchtern ? Auf dem Monde ? Welche furchtbaren Geheimnisse ! Dem kleinen Stilpe rollte es gruselig , aber warm übers Rückenmark . Er fühlte : Der Mond war blos ein Symbol , so wie der Herr Jesus Christ als Mittagsgast , aber die Töchter der Pauker , die waren reell gemeint . Himmel , wer das Symbol vom Monde ergründen könnte ? Eine Paukerstochter fragen ? Pfui , wer wird sich mit Mädchen einlassen ! Jung-Stilpe war noch im Alter des Jungenstolzes , der im Mädchen etwas befleckend untergeordnetes sieht . Mädchen ! Das kam noch weit hinter den Battlingen . Was das für jämmerliche Dinger sind ! Höchst feige Geschöpfe . Also kein standesgemäßer Umgang für ritterliche Enkel der alten Germanen . Aber Mio war trotzdem mit solchen Dingern » auf dem Mond spazieren gegangen « ? Konnte Mio , der Held , etwas Unritterliches thun ? Nie ! Es mußte vielmehr etwas höchst Ritterliches gewesen sein . Wer weiß : Vielleicht war eben das Spazierengehen auf dem Monde das einzig Ritterliche , das man mit diesen Wesen thun konnte . Wenn man nur erst wüßte , was es wäre ! Mio hatte , als der kleine Willibald durchaus wissen wollte , was unter dem Mondspazierengehen zu verstehen sei , die Schonung seines Schnurrbartes gestrichen und mit einem sonderbaren Lächeln gesagt : Williwitsch , wenn ich dir das erkläre , schassen sie dich auch . Warte noch , bis dir so was wächst , und dann wirst du ' s von selber erfahren . Mein Gott , wie geheimnisvoll ! Es hing also mit dem Schnurrbart zusammen ! Für Quarks war demnach der Mond durchaus unerreichbar , denn ein Quark mit einem Schnurrbart war undenkbar . Man mußte mindestens ein Strunk werden . Aber auch unter den Strunks war ein Schnurrbart , d.h. die erste Andeutung eines Anfluges davon , ein unerhörtes Wunder . Fliczek war der einzige unter den Strunks , der so etwas wie einen Flaum auf der Oberlippe hatte . So wurde Fliczek das Idol . Willibald machte sich an ihn heran . Er opferte Hekatomben von mütterlichen Pfannkuchen , ihn zu gewinnen . Schließlich gelang es ihm mit einem Osterfladen . Aber Fliczek war kein Held , kein Mio. Er aß den Osterfladen und würdigte Willibald seines Umgangs , aber es stellte sich heraus , daß dieser schnurrbärtige Strunk vom Monde einstweilen nicht viel mehr wußte als der schnurrbartlose Quark . Also hing es vom Schnurrbart allein nicht ab . Da wurde Willibald selber ein Strunk . Zwölf Jahre war er nun alt . Die Periode der wesentlich körperlichen Schindung mit Ohrenlangziehen , Andenhaarenreißen , Schellenkriegen war im allgemeinen vorüber . Die Drangsale fingen an , hauptsächlich seelischer Natur zu werden . Die Strunks , die nur die Großen noch über sich hatten , wurden von diesen nicht geprügelt , sondern verhöhnt . So ein Strunk , das ist wohl was ! Bildet sich vielleicht ein , daß er schon ein Großer ist ? So ein Jämmerling ! Hat noch kurze Hosen an und thut sich dicke ! Vielleicht , weil er Selektaner ist ? Weil er seinen Namen mit griechischen Buchstaben in alle Bücher schreibt ? Ist was Rechtes ! Ist doch noch ein kleiner Junge , mit dem man lange noch nicht über Alles reden kann . Aber immerhin kamen die Selektaner unter den Strunks schon mit den Großen in einige Berührung . Da sie mehr Schularbeiten zu machen hatten , als die übrigen , durften sie mit den Großen eine Stunde länger aufbleiben . Diese Arbeitsstunde wurde , da die Inspektoren im Schlafsaal sein mußten , nicht ständig überwacht . Es kam nur zuweilen der Direktor , um nachzusehen , ob die Stunde nicht etwa ausgedehnt wurde , und um nachzuriechen , ob nicht geraucht worden war . Aber , wenn der Direktor Kegelabend hatte , war man sicher . Dann rauchte alles , auch die Strunks . Es gab sogar eine Wasserpfeife ! Und wer gut turnen konnte , kletterte die Mauer hinan , ließ sich auf den Briefkasten hinab , sprang auf die Straße , lief ins Böhmische Brauhaus und holte Bier . Ha , was für Gelage ! Richtige , große Deckelgläser schwang man , und Lagerbier war drin ! Da wurden die Großen vertraulicher . Aber Alles durften die Strunks doch nicht mitmachen . So , wenn ein Nachtscheuern war und die Dienstmädchen in den Corridors herumkicherten . Dann kicherten die Großen draußen mit , aber die Strunks mußten im Hofe und Garten Posten stehen . Zweifellos : Das hing mit dem Monde zusammen . Freilich nicht im hohen Sinne des Miokowitsch ! Der hätte nie mit Dienstmädchen gekichert , die den Scheuerlappen in Händen hatten . So kam Jung-Stilpe ins dreizehnte Jahr , und seine Sehnsucht war vergeblich hinter dem Monde her und was dessen tiefster Sinn eigentlich wäre . In der Schule ging alles passabel , bis aufs Rechnen ; seine Mitstrunks achteten ihn als einen , der alles Verbotene kühn und heiter mitmachte und nie petzte , aber enge Freunde hatte er keine , weil er , wie die andern sagten , zu eingebildet war . In der That hielt er sich für reichlich dreimal so gescheid wie alle übrigen , wenn auch nicht gerade in den Fächern , die auf dem Stundenplane standen . Daß er sich auch in die spezifische geheimkunst der Knabeninstitute einführen ließ , bedarf nicht besonderer Erwähnung . Er übte sie aber noch ohne jene Perspektive , die erst aus der Erkenntnis vom Wesensunterschiede der Geschlechter erwächst . Indessen : Es liegt in der Natur dieser bedenklichen Kunst , daß sie den Hunger nach jener bedenklichen Erkenntis weckt . Oh , die Augen Willibalds damals ! Was wollten sie nur , daß sie zuweilen so weit offen und starr waren , glühten und glosten , flackerten und sich weiteten ... ? Wirklich , meine werten Herren Pädagogen , es genügt nicht , mensa abzufragen und den Jungens auf den Zahn zu fühlen , ob der peloponnesische Krieg fest sitzt , - Sie müßten ihnen auch manchmal in die Augen sehen . Sie , die Sie mit unfehlbarer Sicherheit jedes Jota subscriptum aufstöbern , das zuviel geschrieben wird , sehen Sie denn nicht , daß da unten in diesem Auge ein häßlicher Wurm sitzt ? Umgotteswillen , rotten Sie diesen Wurm aus , Herr Professor , er ist viel bedenklicher als zehn falsche Jota subscripta . Aber es ist mehr dazu nötig , als rote Tinte , und der Rohrstock thuts freilich nicht . Denken Sie blos an sich , und was alles Ihnen der Wurm weggefressen hat ! Wie ? Sie verbitten sich diese Verdächtigung ? Ja , dann freilich ! Jung-Stilpe also , dreizehn Jahre alt , war bereits wurmstichig . Werden wir uns wundern , daß er in puncto puncti frühreif ward ? Nun , es giebt viele solche Wunderkinder . Wir wollen uns nicht anstellen , als fänden wir das so verwunderlich . Oder wollen wir doch ? Schön , wem es würdig dünkt , der thue seinem Herzen keinen Zwang an und entrüste sich . Hier stehe ich mit meiner ganzen Breitseite ; es haben viele faule Äpfel Platz . Also : Jung-Stilpe suchte mit sonderbaren Blicken nach jener Perspektive , die ihm noch fehlte . Da kam das , was wir den Zufall nennen , und was unsre Vorvordern den Teufel genannt haben , riß den Nebel entzwei und sagte leise und mit infam linder Stimme : Bitte , da ! Es kam so : Der Direktor hatte wieder einmal Kegelabend , und die Selektaner thaten sich gütlich an Alkohol und Nikotin . Sie waren alle bei einander , nur Einer fehlte , der mit dem Schnurrbart , Wenzel Fliczek . Sie sitzen alle recht sorglos und im süßen Genusse des Verbotenen bei einander , da thut sich die Thüre auf und Fliczek schreit herein : Fenster auf ! Lichter aus ! Der Alte kommt übern Hof ! Dann , wie die Lichter ausgelöscht sind , flüstert er leise zu jemand Unsichtbarem hinter ihm : Schnell , da ' nein , unters Katheder ! Willibald war gerade daran , als Letzter zum Fenster hinauszuspringen . Da , aber , wie eigen das war , drehte es ihn um . Was denn nur ? Unters Katheder ! Er duckte sich dort in die Ecke . Da , wie es raschelt ! Und neben ihm , hart neben ihm drückt sich was Weiches . Gott oh Gott ! Was mag das sein ! Wie warm ! oh , und wenn tausend Direktoren kämen ! Die süße Angst ! - Wer bist denn Du ? - Sei doch stille ! Der Direktor ... ! Herrgott , wie weich und warm ! - Rem ! Hm ! Rem ! - Es kommt den Gang herauf . Die Thüre schlägt . - Rem ! Hm ! Rem ! - Jetzt ist er wohl im Zimmer ? Ja , man hört ihn ja schnaufen . Willibald fühlte zwei Arme an seinem Hals und an seiner Seite ein drängendes Klopfen . Gott , was ist das ! Was ist das ! Er kann nicht anders , er muß seinen Mund darauf drücken . Oh , ist das schön ! - Rem ! Rem ! Hm ! Rem ! - Die Thüre wieder zu . Schritte ... fort ... Das Warme neben ihm bewegt sich . Die Arme lassen ihn los . - Wer bist Du denn ? - Wer bist denn Du ? - Ich bin Stilpe aus der dritten Klasse . - Laß mich doch los ! - Nein . Wer bist Du denn ? - So laß mich doch ! - Nein . Wer bist Du denn ? - Die Josephine . - Buschkleppern seine ? - Ja doch ! Laß mich doch ! - Du ! Du ! Und er hängt sich fest an sie , und es ist ihm , als wenn er schwerer und größer würde . - Aber so laß mich doch , ich muß fort . Nein , er kann nicht loslassen . Er wühlt sich mit seinem Kopf in all das Weiche , Warme , was um ihn ist . Da , jetzt hat er ihren Kopf in den Händen und drückt ihn mit aller Kraft . - Du , das thut ja weh ! Aber sie geht nicht . Sie läßt sich noch eine Weile so halten . Dann kommen auch ihre Hände an seinen Kopf , und nun fühlt er ihr Gesicht an seinem . Ach , wie die Lippen weich sind . - Du beißt mich ja ! Himmel was ist das ! Sie küßt ihn . Gott ! Gott ! Gott ! Jetzt ist sie fort . Noch eine Weile liegt er unterm Katheder . Dann taumelt er auf und rennt in den Schlafsaal . In seinem Bette weint er . Und stammelt ihren Namen . Schläft , naß von Thränen , ein . Wie er am Morgen aufwacht , ist alles verändert um ihn herum . Er möchte vor Gefühl . Josephine ! Josephine ! Das ist der Mond ! Das ist er ! Dann wird ihm angst . Er möchte fort . Ausreißen . Nach Hause . Sich verstecken . Gottlob , daß Sonntag ist . Er singt in der Kirche so laut , daß der Inspektor ihn anrüffelt . In sein Gesangbuch , auf seinen Kirchenplatz , überall hin schreibt er Josephine . Und das Wort schiebt sich in ihm hin und her , und nach dem Schema von Nun danket alle Gott schreibt er in unbeholfenen Versen die Erlebnisse dieser Nacht . Das war die erste Regung . Denn von nun ab wollte er - ein Dichter werden . Fünftes Kapitel So ein kleiner Junge , der Dichter werden will , ist ein merkwürdiges Phänomen . Es verlohnt sich wohl , es näher zu betrachten . Es ist keineswegs dasselbe , wie wenn etwa Einer in Prima anfängt , die Papierleyer zu schlagen . Da pflegt meist Nachahmungstrieb und Ehrgeiz der Hauptgrund zu sein , und die Fälle sind selten bemerkenswert . Schon , weil sie , selbst in unsrer Zeit noch , gar zu häufig sind . Aber wenn die Verse so früh flügge werden , wie bei unserm Stilpe , dann liegt die Sache tief und verdient Beachtung . Bloß Nachahmung ist es nicht , Ehrgeiz steckt gar nicht dahinter , - was also ist es wohl ? Es wird das Beste sein , wir studieren die wunderliche Erscheinung an dem Knaben Willibald . Zuerst die Bemerkung , daß vor der Szene unter dem Katheder sich nichts in ihm geregt hat , was als Hinweis auf das plötzliche Verswesen ausgelegt werden könnte . Höchstens , daß er sehr gerne im Gesangbuch las , ohne daß ihn Frömmigkeit dazu veranlaßt hätte . Er las , weil es ihm gut klang . Aber es kam ihm dabei durchaus nicht der Gedanke , auch mal so was Klingendes zu machen . Er dachte überhaupt nicht daran , daß das etwas gemachtes sei . Er nahm es wie eine Blume , wie einen Baum und freute sich dran . Und nun , nicht wahr , es ist doch sonderbar : Kaum , daß er eine kleine Josephine neben sich gefühlt hat , setzt er sich hin und schreibt Verse . Und nicht dies blos , er empfindet plötzlich , wenn auch verworren und wie aus drängenden Nebeln : Dies , das Verseschreiben , ist ein unerhörtes Glück , ein Ziel über allen Zielen . Etwas Schwillendes ist in ihm , etwas , das sich nur mit diesem unsagbaren Gefühle unterm Katheder vergleichen läßt . Und er hütet das Geheimnis dieses Schwillens mit demselben Gefühle von Scham , wie das Geheimnis seines Abenteuers mit Josephine . Vielleicht sind diese beiden Geheimnisse nur eines ? Vielleicht ist es nur der Biß in den verbotenen Apfel der Erkenntnis ? Aber er hat an diesem Apfel doch fürs erste nur geleckt , wenn auch zugegeben werden muß , daß er eine unbestimmte Lust empfindet , nun auch hineinzubeißen . Nein , man kann nicht sagen daß Josephine und die Verse ein und dasselbe sind . Es sind zwei Offenbarungen auf einmal , von denen die eine die andre mit sich gebracht hat , und sie sind , obwohl sie scheinbar dieselben Erscheinungen zur Folge haben , doch verschieden von einander . Daß sie einander auch feindlich sein können , wird gerade dieses Leben Stilpes beweisen . Der Teufel zieht gerne Unterröcke an . Das wissen wir aus der Geschichte mancher heiligen Männer . Manchmal hat er aber auch ein » hölzin Röcklin « an und » liegt beim Wirt im Keller « . Es giebt ein paar lehrreiche Seiten der Literaturgeschichte , wo sich Belege dafür finden . Heilige und Dichter haben mehr mit dem Teufel zu thun , als gute Christen und schwärmerische junge Mädchen glauben . Wer nicht mit allerhand Teufeln den Tanz bestanden hat , kann weder ein Gloriole noch den Lorbeerkranz erhalten . Und die Teufel , die allerhand Teufel , - es ist erstaunlich , was sie tanzen können . Zu Anfang wissen sie so sanfte zu walzen , und es geht lieblich dahin mit ihnen , aber auf einmal ist der Wirbel da , der in den Höllentrichter fegt . Guter Gott , ich schreibe doch keine Dämonologie ! Aber mein Held will ( oh Willibald ! ) Dichter werden . Der kleine Willibald schied sich jetzt von seinen Kameraden noch mehr ab , als früher . Einesteils fühlte er sich hoch erhaben über sie , und andernteils hatte er Furcht vor ihnen . Er empfand , daß es keinen unter ihnen gäbe , dem er seine Geheimnisse verraten dürfte , ohne furchtbar ausgelacht zu werden , und er hätte auch keinen für würdig gehalten , sein Mitwisser zu sein . Auch war er viel zu sehr mit sich beschäftigt , als daß er Lust hätte haben können , sich an sie anzuschließen . Er fing an , mit sich zu phantasieren . In den Schul-und Arbeitsstunden sowohl wie in der freien Zeit ließ er seine Gedanken nach unbekannten Dingen fliegen und machte groteske Ungetüme von Versen daraus . Nebstbei fing er auch an , auf alles Gedruckte zu fahnden , was kein Schulbuch war . Der Hauptinhalt all seiner Phantasien war aber Buschkleppers Josephine . Er trug die Wärme von ihr , die er unterm Katheder gefühlt hatte , mit sich herum , und zuweilen war es ihm , wie wenn er in einer lauen Wolke ginge . Manchmal mußte er die Augen zumachen , so stark überkam es ihn . Wenn er sie nur einmal sehen könnte , ihr ein Zeichen geben , dachte er sich . Aber es schien , als ob sie gar nicht mehr da wäre . Jede Minute , die er allein sein konnte , verwandte er darauf , ihr aufzulauern . Es war im Herbst , und so durfte er hoffen , sie einmal im Lehrergarten zu sehen , der , in verschiedene Parzellen geteilt , für jeden Lehrer ein Sondergärtchen enthielt . Aber immer war es nur der alte Buschklepper in seinem grauen Ziegenbarte , den er botanisierend dort wandeln sah , oder die Frau Buschklepperin , von der unter den Jungen die Rede ging , sie prügele ihren Mann jede Woche mindestens einmal . Das machte sie unter den Jungens zwar sehr beliebt , aber für Willibalds Zwecke genügte es doch nicht . Etwa vier Wochen lang lauerte Willibald auf Josephine , da kam wieder so ein Selektanerabend , der mit des Direktors Kegelvergnügen zusammenfiel . Diesmal waren Alkohol und Nikotin in den Hintergrund gedrängt durch ein großes und heroisches Unternehmen . Einer von den Großen hatte sich den Schlüssel zur Küche verschafft , neben der ein Keller voll Äpfel lag . Und es war die Losung verteilt worden , daß jeder Selektaner seinen Reisekoffer bereit halten sollte zu einem Raubzuge auf diese Äpfel . Nur ein paar Strunks waren ausgewählt , Postendienste zu leisten . Es war ein Beweis für das Vertrauen , das man Willibald entgegenbrachte , daß auch er der Vorpostenkette eingereiht wurde . Der Postenkommandant aber war Fliczek . Er hatte sich zwar dagegen gewehrt und das verantwortungsvolle Amt durchaus nicht annehmen wollen , aber die übrigen Großen hatten ihn beim Ehrenpunkte gefaßt und erklärt , er , als der Schlaueste , müsse unbedingt die Posten leiten , wenn er nicht für einen elenden Feigling gehalten sein wollte . So rückten die Posten , Fliczek an der Spitze , aus . Leise , auf den Zehenspitzen , obwohl dies eigentlich nicht nötig war , schlich man durch die langen dunkeln Corridore , dann ging es eine enge Treppe hinunter in das Souterrain , und von hier aus sollte der Küchenbau umstellt und eine Spähspitze bis vor an das Direktorhaus gesandt werden . Fliczek verteilte die Posten , Willibald behielt er zurück . - Du mußt bis ans Direktorhaus , Stilpe . Ich gehe an Buschkleppern seins . Wenn alles ruhig ist , pfeifst Du , daß Rille in die Classe läuft und die Andern ruft . Wenn der Direktor kommt , klatschst Du und reißt aus . - Was willst Du denn an Buschkleppern sei ' m Haus ? Da kommt doch niemand her ! ? Halt ' n Rand und mach , was ich Dir gesagt habe . Willibald ging über den Hof geradeaus und hörte , wie sich Fliczek nach links entfernte . Was wollte der zum Teufel denn dort ? Willibald begriff durchaus nicht , weshalb man sich gegen den alten Buschklepper durch einen Hauptposten schützen wollte , vor diesem alten Mann , der ganz gewiß nicht in der Nacht revidierte . Aber er ging , doch ein wenig stolz darauf , daß er den gefährlichsten Posten erhalten hatte , bis zum Direktorhause und dachte einstweilen nur an seine Pflicht . Als er aber den vorschriftsmäßigen Pfiff gethan hatte und ringsum nichts Verdächtiges zu bemerken war , da kam ihm plötzlich der Gedanke an Josephine . Wenn ich durch den Lehrergarten hinten herumginge , dachte er sich , so käme ich an die Hinterthüre von Buschkleppers Hause . Dort wird mich Fliczek nicht merken , der natürlich an der Vorderthüre aufpaßt . Vielleicht ist hinten noch Licht , und ich sehe sie . Kaum , daß er sich das gedacht hatte , war er auch schon auf dem Wege . Der war zwar unbequem , denn er mußte immer über die Zäune steigen , die zwischen den einzelnen Lehrergärtchen waren , auch stieß er sich bald an einen Baum , bald kam er in ein Gebüsch , bald sank er in ein Beet , aber er wäre ja durch Meere geschwommen , um in Josephinens Nähe zu kommen . Er zählte die Stackete ab . Fünf hatte er nun , nach dem sechsten war er in Buschkleppers Garten . Herrgott , wie ihm das Herz schlug ! Da , eben , als er übersteigen wollte , hörte er was flüstern . Himmel ! Wer ist das ! Er schlich sich nahe an das Stacket , um genau zu hören , wo das Geflüster herkam . Rechts hinten wars , drüben in der Laube . Er schlich das Stacket entlang nach rechts , der Laube zu . Das Geflüster wurde vernehmlicher . Plötzlich hörte er : - Pscht ! - Was denn ? - Da knackte was ! - Ä , nee ! Willibald wurde es siedendheiß . War das nicht ... ? Aber er ging näher . Und er hörte : - Bleib doch noch e bißl ! - Nein , nein , ich muß zu den andern , sonst merken sie ' s. - Ach , Du ! Da , an diesem Ach Du ! merkte Willibald , daß die eine Stimme Josephinens war , und mit einem Male wußte er , daß die andre die Fliczeks sein mußte . Eine jagende Wut überkam den kleinen Burschen . Mit einem Sprunge war er übers Stacket , mitten in die Finsternis hinein . Ein Aufschrei rechts vor ihm . Nur ein paar Schritte . Noch ehe Fliczek davon konnte , war Willibald dort und drasch auf den Fliehenden mit seinen kleinen Fäusten wie rasend los . Dann wandte er sich um und blieb vor Josephine stehen : - Du , Du , Du Luder , Du , Du Luder ! - Ja , Du , was willst denn Du hier ? - Ich , ich , ich ... Und nun heulte der arme Junge los , daß das Mädchen seinen Schreck und seinen Zorn vergaß und ihn tröstete . Er war ganz besinnungslos und legte seine Hände auf ihre Achseln und lehnte seinen Kopf darauf und schluchzte : Du ... mußt ... mir ... nicht böse sein , ich , ich ... ach ... Und er heulte wieder . - Nein , nein , ich bin Dir ja nicht böse , ich ... ich bin Dir wirklich nicht böse ... nein , aber nu geh doch , geh ! Da war der kleine Junge wieder ganz selig und fiel dem Mädel um den Hals und drückte sie , preßte sie , quetschte sie , daß sie ihre Not hatte , ihn von sich abzustreifen . Ihr Gesicht war ganz naß von seinen Thränen , und die offenen Haare hingen ihr über die Brust vor . Sie sahen einander nicht , aber ihre Blicken hingen ineinander . Schließlich versetzte ihr Willibald einen Kuß , so laut und schallend , daß sie nun , ob auch ungern , es für unumgänglich nötig hielt , ein Ende zu machen . - Nu geh , Du , mach , sonst kommt noch jemand . Aber so geh doch ! Willibald ließ sie nicht los . - Du , ich schreie nu aber ! Und wenn mei Vater kommt ! Der Gedanke an den alten Buschklepper brachte Willibald zur Besinnung . - Ja , ja , aber nicht mehr mit Fliczek ' n ! - Nee , nee , geh nur ! Willibald ließ sie los und lief davon . Er lief , als hätte er keinerlei Ursache , leise und vorsichtig aufzutreten , er sprang quer über den Hof , nach dem Classenzimmer zu . Plötzlich zwang ihn etwas , stehen zu bleiben . Herrgott , wenn jetzt die Andern geklappt sind ! Und ich bin schuld daran ! Ich ? Nee : Ficzek ! Und jetzt kam die Wut nochmals über ihn , und statt durch die Thüre zu gehn , sprang er durchs Fenster in den Corridor . Da roch es wundergut nach Äpfeln . Das besänftigte ihn . Leise schlich er sich hinauf in den Schlafsaal . Nr. 172 , auch ein Selektaner , lag noch wach und kaute an einem Apfel : - Was kommst Du denn so späte ? - Ich hab , ich hab gedacht , ich muß noch Posten stehn . - I , Unsinn . Wir sind schon lange oben . Deine Äppel und Fliczek ' n seine hat der lange Ayrich . Willst Du een ' ? Ich habs ganze Bette voll . - Gieb nur ! Und auch der Apfel schmeckte gut . Sechstes Kapitel Als Willibald am nächsten Morgen erwachte , war sein erster Gedanke Josephine , sein zweiter Fliczek . Bei dem ersten war ihm linde und gut zu Mute , bei dem zweiten ballte er die Fäuste . Er hatte die Empfindung , daß er sich heute