gerade da , wo die beiden Arme derselben sich kreuzten , einen ziemlich geräumigen Podest mit Säulchengalerie bildete . Zwischen den Säulchen aber , und zwar mit Blick auf den Flur , war eine Rokokouhr angebracht , mit einem Zeitgott darüber , der eine Hippe führte . Czako wies darauf hin und sagte leise zu Rex : » Ein bißchen graulich « - ein Gefühl , drin er sich bestärkt sah , als man bis auf den mit ungeheurer Raumverschwendung angelegten Oberflur gekommen war . Über einer nach hinten zu gelegenen Saaltür hing eine Holztafel mit der Inschrift : » Museum « , während hüben und drüben , an den Flurwänden links und rechts , mächtige Birkenmaser- und Ebenholzschränke standen , wahre Prachtstücke , mit zwei großen Bildern dazwischen , eines eine Burg mit dicken Backsteintürmen , das andre ein überlebensgroßer Ritter , augenscheinlich aus der Frundsbergzeit , wo das bunt Landsknechtliche schon die Rüstung zu drapieren begann . » Is wohl ein Ahn ? « fragte Czako . » Ja , Herr Hauptmann . Und er ist auch unten in der Kirche . « » Auch so wie hier ? « » Nein , bloß Grabstein und schon etwas abgetreten . Aber man sieht doch noch , daß es derselbe ist . « Czako nickte . Dabei waren sie bis an ein Eckzimmer gekommen , das mit der einen Seite nach dem Flur , mit der andern Seite nach einem schmalen Gang hin lag . Hier war auch die Tür . Engelke , vorangehend , öffnete und hing die beiden Plaidrollen an die Haken eines hier gleich an der Tür stehenden Kleiderständers . Unmittelbar daneben war ein Klingelzug mit einer grünen , etwas ausgefransten Puschel daran . Engelke wies darauf hin und sagte : » Wenn die Herren noch was wünschen ... Und um sieben ... Zweimal wird angeschlagen . « Und damit ging er , die beiden ihrer Bequemlichkeit überlassend . Es waren zwei nebeneinandergelegene Zimmer , in denen man Rex und Czako untergebracht hatte , das vordere größer und mit etwas mehr Aufwand eingerichtet , mit Stehspiegel und Toilette , der Spiegel sogar zum Kippen . Das Bett in diesem vorderen Zimmer hatte einen kleinen Himmel und daneben eine Etagere , auf deren oberem Brettchen eine Meißner Figur stand , ihr ohnehin kurzes Röckchen lüpfend , während auf dem unteren Brett ein Neues Testament lag , mit Kelch und Kreuz und einem Palmenzweig auf dem Deckel . Czako nahm das Meißner Püppchen und sagte : » Wenn nicht unser Freund Woldemar bei diesem Arrangement seine Hand mit im Spiele gehabt hat , so haben wir hier in bezug auf Requisiten ein Ahnungsvermögen , wie ' s nicht größer gedacht werden kann . Das Püppchen pour moi , das Testament pour vous . « » Czako , wenn Sie doch bloß das Necken lassen könnten ! « » Ach , sagen Sie doch so was nicht , Rex ; Sie lieben mich ja bloß um meiner Neckereien willen . « Und nun traten sie , von dem Vorderzimmer her , in den etwas kleineren Wohnraum , in dem Spiegel und Toilette fehlten . Dafür aber war ein Rokokosofa da , mit hellblauem Atlas und weißen Blumen darauf . » Ja , Rex « , sagte Czako , » wie teilen wir nun ? Ich denke , Sie nehmen nebenan den Himmel , und ich nehme das Rokokosofa , noch dazu mit weißen Blumen , vielleicht Lilien . Ich wette , das kleine Ding von Sofa hat eine Geschichte . « » Rokoko hat immer eine Geschichte « , bestätigte Rex . » Aber hundert Jahr zurück . Was jetzt hier haust , sieht mir , Gott sei Dank , nicht danach aus . Ein bißchen Spuk trau ich diesem alten Kasten allerdings schon zu ; aber keine Rokokogeschichte . Rokoko ist doch immer unsittlich . Wie gefällt Ihnen übrigens der Alte ? « » Vorzüglich . Ich hätte nicht gedacht , daß unser Freund Woldemar solchen famosen Alten haben könnte . « » Das klingt ja beinah « , sagte Rex , » wie wenn Sie gegen unsern Stechlin etwas hätten . « » Was durchaus nicht der Fall ist . Unser Stechlin ist der beste Kerl von der Welt , und wenn ich das verdammte Wort nicht haßte , würd ich ihn sogar einen perfekten Gentleman nennen müssen . Aber ... « » Nun ... « » Aber er paßt doch nicht recht an seine Stelle . « » An welche ? « » In sein Regiment . « » Aber , Czako , ich verstehe Sie nicht . Er ist ja brillant angeschrieben . Liebling bei jedem . Der Oberst hält große Stücke von ihm , und die Prinzen machen ihm beinah den Hof ... « » Ja , das ist es ja eben . Die Prinzen , die Prinzen . « » Was denn , wie denn ? « » Ach , das ist eine lange Geschichte , viel zu lang , um sie hier vor Tisch noch auszukramen . Denn es ist bereits halb , und wir müssen uns eilen . Übrigens trifft es viele , nicht bloß unsern Stechlin . « » Immer dunkler , immer rätselvoller « , sagte Rex . » Nun , vielleicht daß ich Ihnen das Rätsel löse . Schließlich kann man ja Toilette machen und noch seinen Diskurs daneben haben . Die Prinzen machen ihm den Hof , so geruhten Sie zu bemerken , und ich antwortete : Ja , das ist es eben . Und diese Worte kann ich Ihnen nur wiederholen . Die Prinzen - ja , damit hängt es zusammen und noch mehr damit , daß die feinen Regimenter immer feiner werden . Kucken Sie sich mal die alten Ranglisten an , das heißt wirklich alte , voriges Jahrhundert und dann so bis Anno sechs . Da finden Sie bei Regiment Garde du Corps oder bei Regiment Gensdarmes unsere guten alten Namen : Marwitz , Wakenitz , Kracht , Löschebrand , Bredow , Rochow , höchstens daß sich mal ein höher betitelter Schlesischer mit hinein verirrt . Natürlich gab es auch Prinzen damals , aber der Adel gab den Ton an , und die paar Prinzen mußten noch froh sein , wenn sie nicht störten . Damit ist es nun aber , seit wir Kaiser und Reich sind , total vorbei . Natürlich sprech ich nicht von der Provinz , nicht von Litauen und Masuren , sondern von der Garde , von den Regimentern unter den Augen Seiner Majestät . Und nun gar erst diese Gardedragoner ! Die waren immer pik , aber seit sie , pour combler le bonheur , auch noch Königin von Großbritannien und Irland sind , wird es immer mehr davon , und je piker sie werden , desto mehr Prinzen kommen hinein , von denen übrigens auch jetzt schon mehr da sind , als es so obenhin aussieht , denn manche sind eigentlich welche und dürfen es bloß nicht sagen . Und wenn man dann gar noch die alten mitrechnet , die bloß à la suite stehn , aber doch immer noch mit dabei sind , wenn irgendwas los ist , so haben wir , wenn der Kreis geschlossen wird , zwar kein Parkett von Königen , aber doch einen Zirkus von Prinzen . Und da hinein ist nun unser guter Stechlin gestellt . Natürlich tut er , was er kann , und macht so gewisse Luxusse mit , Gefühlsluxusse , Gesinnungsluxusse und , wenn es sein muß , auch Freiheitsluxusse . So ' nen Schimmer von Sozialdemokratie . Das ist aber auf die Dauer schwierig . Richtige Prinzen können sich das leisten , die verbebeln nicht leicht . Aber Stechlin ! Stechlin ist ein reizender Kerl , aber er ist doch bloß ein Mensch . « » Und das sagen Sie , Czako , gerade Sie , der Sie das Menschliche stets betonen ? « » Ja , Rex , das tu ich . Heut wie immer . Aber eines schickt sich nicht für alle . Der eine darf ' s , der andre nicht . Wenn unser Freund Stechlin sich in diese seine alte Schloßkate zurückzieht , so darf er Mensch sein , soviel er will , aber als Gardedragoner kommt er damit nicht aus . Vom alten Adam will ich nicht sprechen , das hat immer noch so ' ne Nebenbedeutung . « Während Rex und Czako Toilette machten und abwechselnd über den alten und den jungen Stechlin verhandelten , schritten die , die den Gegenstand dieser Unterhaltung bildeten , Vater und Sohn , im Garten auf und ab und hatten auch ihrerseits ihr Gespräch . » Ich bin dir dankbar , daß du mir deine Freunde mitgebracht hast . Hoffentlich kommen sie auf ihre Kosten . Mein Leben verläuft ein bißchen zu einsam , und es wird ohnehin gut sein , wenn ich mich wieder an Menschen gewöhne . Du wirst gelesen haben , daß unser guter alter Kortschädel gestorben ist , und in etwa vierzehn Tagen haben wir hier ' ne Neuwahl . Da muß ich dann ran und mich populär machen . Die Konservativen wollen mich haben und keinen andern . Eigentlich mag ich nicht , aber ich soll , und da paßt es mir denn , daß du mir Leute bringst , an denen ich mich für die Welt sozusagen wieder wie einüben kann . Sind sie denn ausgiebig und plauderhaft ? « » O sehr , Papa , vielleicht zu sehr . Wenigstens der eine . « » Das is gewiß der Czako . Sonderbar , die von Alexander reden alle gern . Aber ich bin sehr dafür ; Schweigen kleidt nicht jeden . Und dann sollen wir uns ja auch durch die Sprache vom Tier unterscheiden . Also wer am meisten redt , ist der reinste Mensch . Und diesem Czako , dem hab ich es gleich angesehn . Aber der Rex . Du sagst Ministerialassessor . Ist er denn von der frommen Familie ? « » Nein , Papa . Du machst dieselbe Verwechslung , die beinah alle machen . Die fromme Familie , das sind die Reckes , gräflich und sehr vornehm . Die Rex natürlich auch , aber doch nicht so hoch hinaus und auch nicht so fromm . Allerdings nimmt mein Freund , der Ministerialassessor , einen Anlauf dazu , die Reckes womöglich einzuholen . « » Dann hab ich also doch recht gesehn . Er hat so die Figur , die so was vermuten läßt , ein bißchen wenig Fleisch und so glattrasiert . Habt ihr denn beim Rasieren in Cremmen gleich einen gefunden ? « » Er hat alles immer bei sich ; lauter englische . Von Solingen oder Suhl will er nichts wissen . « » Und muß man ihn denn vorsichtig anfassen , wenn das Gespräch auf kirchliche Dinge kommt ? Ich bin ja , wie du weißt , eigentlich kirchlich , wenigstens kirchlicher als mein guter Pastor ( es wird immer schlimmer mit ihm ) , aber ich bin so im Ausdruck mitunter ungenierter , als man vielleicht sein soll , und bei niedergefahren zur Hölle kann mir ' s passieren , daß ich nolens volens ein bißchen tolles Zeug rede . Wie steht es denn da mit ihm ? Muß ich mich in acht nehmen ? Oder macht er bloß so mit ? « » Das will ich nicht geradezu behaupten . Ich denke mir , er steht so , wie die meisten stehn ; das heißt , er weiß es nicht recht . « » Ja , ja , den Zustand kenn ich . « » Und weil er es nicht recht weiß , hat er sozusagen die Auswahl und wählt das , was gerade gilt und nach oben hin empfiehlt . Ich kann das auch so schlimm nicht finden . Einige nennen ihn einen Streber . Aber wenn er es ist , ist er jedenfalls keiner von den schlimmsten . Er hat eigentlich einen guten Charakter , und im cercle intime kann er reizend sein . Er verändert sich dann nicht in dem , was er sagt , oder doch nur ganz wenig , aber ich möchte sagen , er verändert sich in der Art , wie er zuhört . Czako meint , unser Freund Rex halte sich mit dem Ohr für das schadlos , was er mit dem Munde versäumt . Czako wird überhaupt am besten mit ihm fertig ; er schraubt ihn beständig , und Rex , was ich reizend finde , läßt sich diese Schraubereien gefallen . Daran siehst du schon , daß sich mit ihm leben läßt . Seine Frömmigkeit ist keine Lüge , bloß Erziehung , Angewohnheit , und so schließlich seine zweite Natur geworden . Ich werde ihn bei Tisch neben Lorenzen setzen ; die mögen dann beide sehn , wie sie miteinander fertig werden . Vielleicht erleben wir ' ne Bekehrung . Das heißt , Rex den Pastor . Aber da höre ich eine Kutsche die Dorfstraße raufkommen . Das sind natürlich Gundermanns ; die kommen immer zu früh . Der arme Kerl hat mal was von der Höflichkeit der Könige gehört und macht jetzt einen zu weitgehenden Gebrauch davon . Autodidakten übertreiben immer . Ich bin selber einer und kann also mitreden . Nun , wir sprechen morgen früh weiter ; heute wird es nichts mehr . Du wirst dich auch noch ein bißchen striegeln müssen , und ich will mir ' nen schwarzen Rock anziehn . Das bin ich der guten Frau von Gundermann doch schuldig ; sie putzt sich übrigens nach wie vor wie ' n Schlittenpferd und hat immer noch den merkwürdigen Federbusch in ihrem Zopf - das heißt , wenn ' s ihrer ist . « Drittes Kapitel Engelke schlug unten im Flur zweimal an einen alten , als Tamtam fungierenden Schild , der an einem der zwei vorspringenden und zugleich die ganze Treppe tragenden Pfeiler hing . Eben diese zwei Pfeiler bildeten denn auch mit dem Podest und der in Front desselben angebrachten Rokokouhr einen zum Gartensalon , diesem Hauptzimmer des Erdgeschosses , führenden , ziemlich pittoresken Portikus , von dem ein auf Besuch anwesender hauptstädtischer Architekt mal gesagt hatte : sämtliche Bausünden von Schloß Stechlin würden durch diesen verdrehten , aber malerischen Einfall wiedergutgemacht . Die Uhr mit dem Hippenmann schlug gerade sieben , als Rex und Czako die Treppe herunterkamen und , eine Biegung machend , auf den von berufener Seite so glimpflich beurteilten sonderbaren Vorbau zusteuerten . Als die Freunde diesen passierten , sahen sie - die Türflügel waren schon geöffnet - in aller Bequemlichkeit in den Salon hinein und nahmen hier wahr , daß etliche , ihnen zu Ehren geladene Gäste bereits erschienen waren . Dubslav , in dunkelm Überrock und die Bändchenrosette sowohl des preußischen wie des wendischen Kronenordens im Knopfloch , ging den Eintretenden entgegen , begrüßte sie nochmals mit der ihm eignen Herzlichkeit , und beide Herren gleich danach in den Kreis der schon Versammelten einführend , sagte er : » Bitte die Herrschaften miteinander bekannt machen zu dürfen : Herr und Frau von Gundermann auf Siebenmühlen , Pastor Lorenzen , Oberförster Katzler « , und dann , nach links sich wendend , » Ministerialassessor von Rex , Hauptmann von Czako vom Regiment Alexander . « Man verneigte sich gegenseitig , worauf Dubslav zwischen Rex und Pastor Lorenzen , Woldemar aber , als Adlatus seines Vaters , zwischen Czako und Katzler eine Verbindung herzustellen suchte , was auch ohne weiteres gelang , weil es hüben und drüben weder an gesellschaftlicher Gewandtheit noch an gutem Willen gebrach . Nur konnte Rex nicht umhin , die Siebenmühlener etwas eindringlich zu mustern , trotzdem Herr von Gundermann in Frack und weißer Binde , Frau von Gundermann aber in geblümtem Atlas , mit Marabufächer , erschienen war - er augenscheinlich Parvenu , sie Berlinerin aus einem nordöstlichen Vorstadtgebiet . Rex sah das alles . Er kam aber nicht in die Lage , sich lange damit zu beschäftigen , weil Dubslav eben jetzt den Arm der Frau von Gundermann nahm und dadurch das Zeichen zum Aufbruch zu der im Nebenzimmer gedeckten Tafel gab . Alle folgten paarweise , wie sie sich vorher zusammengefunden , kamen aber durch die von seiten Dubslavs schon vorher festgesetzte Tafelordnung wieder auseinander . Die beiden Stechlins , Vater und Sohn , placierten sich an den beiden Schmalseiten einander gegenüber , während zur Rechten und Linken von Dubslav Herr und Frau von Gundermann , rechts und links von Woldemar aber Rex und Lorenzen saßen . Die Mittelplätze hatten Katzler und Czako inne . Neben einem großen alten Eichenbüfett , ganz in Nähe der Tür , standen Engelke und Martin , Engelke in seiner sandfarbenen Livree mit den großen Knöpfen , Martin , dem nur oblag , mit der Küche Verbindung zu halten , einfach in schwarzem Rock und Stulpstiefeln . Der alte Dubslav war in bester Laune , stieß gleich nach den ersten Löffeln Suppe mit Frau von Gundermann vertraulich an , dankte für ihr Erscheinen und entschuldigte sich wegen der späten Einladung : » Aber erst um zwölf kam Woldemars Telegramm . Es ist das mit dem Telegraphieren solche Sache , manches wird besser , aber manches wird auch schlechter , und die feinere Sitte leidet nun schon ganz gewiß . Schon die Form , die Abfassung . Kürze soll eine Tugend sein , aber sich kurz fassen heißt meistens auch , sich grob fassen . Jede Spur von Verbindlichkeit fällt fort , und das Wort Herr ist beispielsweise gar nicht mehr anzutreffen . Ich hatte mal einen Freund , der ganz ernsthaft versicherte : Der häßlichste Mops sei der schönste ; so läßt sich jetzt beinahe sagen , das gröbste Telegramm ist das feinste . Wenigstens das in seiner Art vollendetste . Jeder , der wieder eine neue Fünfpfennigersparnis herausdoktert , ist ein Genie . « Diese Worte Dubslavs hatten sich anfänglich an die Frau von Gundermann , sehr bald aber mehr an Gundermann selbst gerichtet , weshalb dieser letztere denn auch antwortete : » Ja , Herr von Stechlin , alles Zeichen der Zeit . Und ganz bezeichnend , daß gerade das Wort Herr , wie Sie schon hervorzuheben die Güte hatten , so gut wie abgeschafft ist . Herr ist Unsinn geworden , Herr paßt den Herren nicht mehr - ich meine natürlich die , die jetzt die Welt regieren wollen . Aber es ist auch danach . Alle diese Neuerungen , an denen sich leider auch der Staat beteiligt , was sind sie ? Begünstigungen der Unbotmäßigkeit , also Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokratie . Weiter nichts . Und niemand da , der Lust und Kraft hätte , dies Wasser abzustellen . Aber trotzdem , Herr von Stechlin - ich würde nicht widersprechen , wenn mich das Tatsächliche nicht dazu zwänge - , trotzdem geht es nicht ohne Telegraphie , gerade hier in unsrer Einsamkeit . Und dabei das beständige Schwanken der Kurse . Namentlich auch in der Mühlen- und Brettschneidebranche ... « » Versteht sich , lieber Gundermann . Was ich da gesagt habe ... Wenn ich das Gegenteil gesagt hätte , wäre es ebenso richtig . Der Teufel is nich so schwarz , wie er gemalt wird , und die Telegraphie auch nicht , und wir auch nicht . Schließlich ist es doch was Großes , diese Naturwissenschaften , dieser elektrische Strom , tipp , tipp , tipp , und wenn uns daran läge ( aber uns liegt nichts daran ) , so könnten wir den Kaiser von China wissen lassen , daß wir hier versammelt sind und seiner gedacht haben . Und dabei diese merkwürdigen Verschiebungen in Zeit und Stunde . Beinahe komisch . Als Anno siebzig die Pariser Septemberrevolution ausbrach , wußte man ' s in Amerika drüben um ein paar Stunden früher , als die Revolution überhaupt da war . Ich sagte : Septemberrevolution . Es kann aber auch ' ne andre gewesen sein ; sie haben da so viele , daß man sie leicht verwechselt . Eine war im Juni , ' ne andre war im Juli - wer nich ein Bombengedächtnis hat , muß da notwendig reinfallen ... Engelke , präsentiere der gnäd ' gen Frau den Fisch noch mal . Und vielleicht nimmt auch Herr von Czako ... « » Gewiß , Herr von Stechlin « , sagte Czako . » Erstlich aus reiner Gourmandise , dann aber auch aus Forschertrieb oder Fortschrittsbedürfnis . Man will doch an dem , was gerade gilt oder überhaupt Menschheitsentwickelung bedeutet , auch seinerseits nach Möglichkeit teilnehmen , und da steht denn Fischnahrung jetzt obenan . Fische sollen außerdem viel Phosphor enthalten , und Phosphor , so heißt es , macht helle . « » Gewiß « , kicherte Frau von Gundermann , die sich bei dem Wort » helle « wie persönlich getroffen fühlte . » Phosphor war ja auch schon , eh die Schwedischen aufkamen . « » Oh , lange vorher « , bestätigte Czako . » Was mich aber « , fuhr er , sich an Dubslav wendend , fort , » an diesen Karpfen noch ganz besonders fesselt - beiläufig ein Prachtexemplar - , das ist das , daß er doch höchstwahrscheinlich aus Ihrem berühmten See stammt , über den ich durch Woldemar , Ihren Herrn Sohn , bereits unterrichtet bin . Dieser merkwürdige See , dieser Stechlin ! Und da frag ich mich denn unwillkürlich ( denn Karpfen werden alt ; daher beispielsweise die Mooskarpfen ) , welche Revolutionen sind an diesem hervorragenden Exemplar seiner Gattung wohl schon vorübergegangen ? Ich weiß nicht , ob ich ihn auf hundertfünfzig Jahre taxieren darf , wenn aber , so würde er als Jüngling die Lissaboner Aktion und als Urgreis den neuerlichen Ausbruch des Krakatowa mitgemacht haben . Und all das erwogen , drängt sich mir die Frage auf ... « Dubslav lächelte zustimmend . » ... Und all das erwogen , drängt sich mir die Frage auf , wenn ' s nun in Ihrem Stechlinsee zu brodeln beginnt oder gar die große Trichterbildung anhebt , aus der dann und wann , wenn ich recht gehört habe , der krähende Hahn aufsteigt , wie verhält sich da der Stechlinkarpfen , dieser doch offenbar Nächstbeteiligte , bei dem Anpochen derartiger Weltereignisse ? Beneidet er den Hahn , dem es vergönnt ist , in die Ruppiner Lande hineinzukrähen , oder ist er umgekehrt ein Feigling , der sich in seinem Moorgrund verkriecht , also ein Bourgeois , der am andern Morgen fragt : Schießen sie noch ? « » Mein lieber Herr von Czako , die Beantwortung Ihrer Frage hat selbst für einen Anwohner des Stechlin seine Schwierigkeiten . Ins Innere der Natur dringt kein erschaffener Geist . Und zu dem innerlichsten und verschlossensten zählt der Karpfen ; er ist nämlich sehr dumm . Aber nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung wird er sich beim Eintreten der großen Eruption wohl verkrochen haben . Wir verkriechen uns nämlich alle . Heldentum ist Ausnahmezustand und meist Produkt einer Zwangslage . Sie brauchen mir übrigens nicht zuzustimmen , denn Sie sind noch im Dienst . « » Bitte , bitte « , sagte Czako . Sehr , sehr anders ging das Gespräch an der entgegengesetzten Seite der Tafel . Rex , der , wenn er dienstlich oder außerdienstlich aufs Land kam , immer eine Neigung spürte , sozialen Fragen nachzuhängen , und beispielsweise jedesmal mit Vorliebe darauf aus war , an das Zahlenverhältnis der in und außer der Ehe geborenen Kinder alle möglichen , teils dem Gemeinwohl , teils der Sittlichkeit zugute kommende Betrachtungen zu knüpfen , hatte sich auch heute wieder in einem mit Pastor Lorenzen angeknüpften Zwiegespräch seinem Lieblingsthema zugewandt , war aber , weil Dubslav durch eine Zwischenfrage den Faden abschnitt , in die Lage gekommen , sich vorübergehend statt mit Lorenzen mit Katzler beschäftigen zu müssen , von dem er zufällig in Erfahrung gebracht hatte , daß er früher Feldjäger gewesen sei . Das gab ihm einen guten Gesprächsstoff und ließ ihn fragen , ob der Herr Oberförster nicht mitunter schmerzlich den zwischen seiner Vergangenheit und seiner Gegenwart liegenden Gegensatz empfinde - sein früherer Feldjägerberuf , so nehme er an , habe ihn in die weite Welt hinausgeführt , während er jetzt » stabiliert « sei . » Stabilierung « zählte zu Rex ' Lieblingswendungen und entstammte jenem sorglich ausgewählten Fremdwörterschatz , den er sich - er hatte diese Dinge dienstlich zu bearbeiten gehabt - aus den Erlassen König Friedrich Wilhelms I. angeeignet und mit in sein Aktendeutsch herübergenommen hatte . Katzler , ein vorzüglicher Herr , aber auf dem Gebiete der Konversation doch nur von einer oft unausreichenden Orientierungsfähigkeit , fand sich in des Ministerialassessors etwas gedrechseltem Gedankengange nicht gleich zurecht und war froh , als ihm der hellhörige , mittlerweile wieder frei gewordene Pastor in der durch Rex aufgeworfenen Frage zu Hilfe kam . » Ich glaube herauszuhören « , sagte Lorenzen , » daß Herr von Rex geneigt ist , dem Leben draußen in der Welt vor dem in unsrer stillen Grafschaft den Vorzug zu geben . Ich weiß aber nicht , ob wir ihm darin folgen können , ich nun schon gewiß nicht ; aber auch unser Herr Oberförster wird mutmaßlich froh sein , seine vordem im Eisenbahncoupé verbrachten Feldjägertage hinter sich zu haben . Es heißt freilich , im engen Kreis verengert sich der Sinn , und in den meisten Fällen mag es zutreffen . Aber doch nicht immer , und jedenfalls hat das Weltfremde bestimmte große Vorzüge . « » Sie sprechen mir durchaus aus der Seele , Herr Pastor Lorenzen « , sagte Rex . » Wenn es einen Augenblick vielleicht so klang , als ob der Globetrotter mein Ideal sei , so bin ich sehr geneigt , mit mir handeln zu lassen . Aber etwas hat es doch mit dem Auch-draußen-zu-Hause-Sein auf sich , und wenn Sie trotzdem für Einsamkeit und Stille plädieren , so plädieren Sie wohl in eigner Sache . Denn wie sich der Herr Oberförster aus der Welt zurückgezogen hat , so wohl auch Sie . Sie sind beide darin , ganz individuell , einem Herzenszuge gefolgt , und vielleicht , daß meine persönliche Neigung dieselben Wege ginge . Dennoch wird es andre geben , die von einem solchen Sichzurückziehen aus der Welt nichts wissen wollen , die vielleicht umgekehrt , statt in einem Sichhingeben an den einzelnen , in der Beschäftigung mit einer Vielheit ihre Bestimmung finden . Ich glaube durch Freund Stechlin zu wissen , welche Fragen Sie seit lange beschäftigen , und bitte , Sie dazu beglückwünschen zu dürfen . Sie stehen in der christlich-sozialen Bewegung . Aber nehmen Sie deren Schöpfer , der Ihnen persönlich vielleicht nahesteht , er und sein Tun sprechen doch recht eigentlich für mich ; sein Feld ist nicht einzelne Seelsorge , nicht eine Landgemeinde , sondern eine Weltstadt . Stoeckers Auftreten und seine Mission sind eine Widerlegung davon , daß das Schaffen im Engen und Umgrenzten notwendig das Segensreichere sein müsse . « Lorenzen war daran gewöhnt , sei ' s zu Lob , sei ' s zu Tadel , sich mit dem ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in Parallele gestellt zu sehen , und empfand dies jedesmal als eine Huldigung . Aber nicht minder empfand er dabei regelmäßig den tiefen Unterschied , der zwischen dem großen Agitator und seiner stillen Weise lag . » Ich glaube , Herr von Rex « , nahm er wieder das Wort , » daß Sie den Vater der Berliner Bewegung sehr richtig geschildert haben , vielleicht sogar zur Zufriedenheit des Geschilderten selbst , was , wie man sagt , nicht eben leicht sein soll . Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem Siegeszeichen ; hüben und drüben hat er Wurzel geschlagen und sieht sich geliebt und gehuldigt , nicht nur seitens derer , denen er mildtätig die Schuhe schneidet , sondern beinah mehr noch im Lager derer , denen er das Leder zu den Schuhen nimmt . Er hat schon so viele Beinamen , und der des heiligen Krispin wäre nicht der schlimmste . Viele wird es geben , die sein Tun im guten Sinne beneiden . Aber ich fürchte , der Tag ist nahe , wo der so Ruhige und zugleich so Mutige , der seine Ziele so weit steckte , sich in die Enge des Daseins zurücksehnen wird . Er besitzt , wenn ich recht berichtet bin , ein kleines Bauerngut irgendwo in Franken , und wohl möglich , ja , mir persönlich geradezu wahrscheinlich , daß ihm an jener stillen Stelle früher oder später ein echteres Glück erblüht , als er es jetzt hat . Es heißt wohl : Gehet hin und lehret alle Heiden , aber schöner ist es doch , wenn die Welt , uns suchend , an uns herankommt . Und die Welt kommt schon , wenn die richtige Persönlichkeit sich ihr auftut . Da ist dieser Wörishofener Pfarrer - er sucht nicht die Menschen , die Menschen suchen ihn . Und wenn sie kommen , so heilt er sie , heilt sie mit dem Einfachsten und Natürlichsten . Übertragen Sie das vom Äußern aufs Innere , so haben Sie mein Ideal . Einen Brunnen graben just an der Stelle , wo man gerade steht . Innere Mission in nächster Nähe , sei ' s mit dem Alten , sei ' s mit etwas Neuem . « » Also mit dem Neuen « , sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer die Hand . Aber dieser antwortete : » Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen . Lieber mit dem Alten , soweit es irgend geht , und mit dem Neuen nur , soweit es muß . « Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem Gange angelangt , der eine Spezialität von Schloß Stechlin war und jedesmal die Bewunderung seiner Gäste : losgelöste Krammetsvögelbrüste , mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet , die , wenn die