, die sie neben sich aufs Sopha gezogen hatte und freundlich mit ihr sprach . Frau Wewerka , eine Vierzigerin mit blassem Teint und verschleierten melancholischen Augen , einem schmalen Mund , der das Verschweigen gewohnt schien , war eine nicht unsympathische Person . Ihre Kleidung mochte als nachlässig gelten , nach Johannes Begriffen schien sie sehr elegant . » Meine Schwägerin hat sehr recht gethan , Sie an uns zu adressieren « sagte sie , » wir werden unser Möglichstes für Sie thun . Morgen gleich wollen wir nach dem Fröbelhaus gehn , wo die jungen Mädchen im Unterricht unterwiesen werden . Ich freue mich sehr , Sie bei uns zu haben , ich liebe die jungen Mädchen sehr , bin selbst ziemlich vereinsamt , wir besitzen keine Kinder ; jedenfalls hoffe ich , daß wir manch angenehmes Plauderstündchen miteinander zubringen werden , nichtwahr ? « Durch so viel Freundlichkeit thaute endlich Johannes Verlegenheit hinweg und sie fand einige herzliche Worte . Sie sprach von Sienenthal und wie glühend sie sich hierhergesehnt habe , daß Betty ihr soviel Herrliches von » Ninive « erzählt habe u.s.w. Als bei dem Worte : Ninive Frau Wewerka fragende Augen machte , teilte ihr Johanne mit , wie sie der großen Stadt um ihrer schönen Gärten und Anlagen , um der herrlichen Bauwerke willen , die sich da befinden sollten , den Namen beigelegt habe . » Ich glaube , meine Schwägerin hat sehr übertrieben « lächelte mit ihrem müden Munde Frau Wewerka , » übrigens : Ninive ist gut und - bezeichnend . Wir wollen den Namen beibehalten . Und nun will ich Sie aber in Ihr Stübchen führen , damit Sie sich waschen und umkleiden können « . Sie durchschritten eine Stube , in der viel Schriften und ganze Ballen Papier herumlagen . Ein riesiger Schreibtisch , einige Regale von Büchern vollgepfropft , ein hoher Wandschirm , der irgend etwas verbergen sollte , vervollständigte die Einrichtung dieses Zimmers . Dann folgte ein kleines Gemach , eine Art Eßstube mit Tisch , Stühlen , Büffet , einer Nähmaschine , einem Pianino und endlich das Johanne zugedachte Zimmerchen . » Sehr hübsch « rief das junge Mädchen und sah sich freudig um . Die Wirtin lächelte . » Gefällt es Ihnen ? Das freut mich . Nun machen Sie sichs bequem . In einer Stunde klopfe ich . Wir essen um drei . Ja richtig , Ihren Koffer - « » Der Portier bringt ihn eben « sagte ein älteres Dienstmädchen und öffnete dem unter seiner Last keuchenden Mann die Thür . » Ist das alles ? « fragte Frau Wewerka , während die Magd mit geringschätzigem Blick den alten Holzkoffer musterte . Johanne nickte . » Ja alles « . » Nun dann , auf Wiedersehen « . Das junge Mädchen trat an das schäbig aussehende Eisengestell mit dem Waschservice , wusch sich , brachte ihr Haar in Ordnung und kauerte sich nieder , den Koffer auszupacken . Sie öffnete die Laden der Kommode . In der einen befanden sich etliche Herrenhemden , doch die andern waren leer . Ihre zwei Kleider hing sie in eine Ecke , vor die ein Vorhang gezogen war , um die Garderobe vor Staub zu schützen . Ein Tisch mit einer verschossenen roten Sammetdecke , zwei Stühle , ein grüner Plüschfauteuil , ein Bett , über das eine bunte Kattundecke gebreitet lag , bildeten das Innere der Stube . Bis gestern hatte es den Gatten als Schlafzimmer gedient , nun hatten sie ihre Betten hinter den Wandschirm in Herrn Wewerkas Arbeitszimmer gestellt , um dieses hier vermieten zu können . Johanne bewunderte die kleinen Gipsbüsten des Kaisers und der Kaiserin an der Wand , erfreute sich an zwei Oeldrucken , die Rotkäppchen und Schneewittchens Abenteuer darstellten , und fand die Aussicht aus der vier Stock hoch gelegenen Wohnung in die breite endlos sich hinziehende graue Straße bewundernswert . Als sie so im Anschauen des ihr fremden Lebens vertieft am Fenster lag , klopfte es . Frau Wewerka und ein Herr traten herein . » Mein Mann möchte Sie gerne begrüßen , Fräulein « . Er schüttelte dem verlegenen jungen Mädchen die Hand und bot ihm den Arm . » Herzlich willkommen . Darf ich Sie zu Tisch führen ? Wir haben nicht weit zu gehen , unsere Wohnung ist klein wie ein Taubenschlag . Hier bitte ! « Er rückte ihr im Nebenzimmer einen Stuhl zwischen sich und seiner Frau zurecht . Das Dienstmädchen stellte mit unfreundlichem Gesicht eine Suppenterrine auf den Tisch . Johanne war sehr verlegen und brannte sich den Mund mit der heißen Suppe . Die Hausfrau gewahrte die Unsicherheit der Kleinen , wandte sich an ihren Mann und begann mit diesem zu plaudern . » Nun und was wars heute ? Wird Lohringer kommen ? « Herr Wewerka , der hastig in seinem Teller herumlöffelte , wischte sich den Mund mit der nicht sehr sauberen Serviette . » Keine Rede . Ich sagte dir ja , er hat wieder den Spleen . Seit einer Woche läßt er Niemanden vor ; die leeren Flaschen , die die Dienerin jeden Morgen aus seinem Zimmer nimmt , geben vielleicht die Erklärung dazu « . Die Frau schüttelte den Kopf und warf etliche Worte des Bedauerns über den wunderlichen Menschen hin . Währenddessen betrachtete Johanne Wewerka von der Seite . Er stand ungefähr im gleichen Alter wie seine Gattin . Sein Gesicht war wie tättowiert von hundert Falten und Fältchen , die sich um Augen und Mund zogen . Das fahlblonde Haar , an den Schläfen schon spärlich , fiel glatt aus der hohen , hügeligen Stirn . Seine Mundwinkel waren etwas schlapp und erzählten mancherlei . Er sah Betty Wewerka nicht im geringsten ähnlich . » Sagen Sie mal , Fräulein Grün « wandte er sich plötzlich an seine Beobachterin , » wie findet sich meine Schwester eigentlich in die Rolle einer Kaffee-und Zuckerverkäuferin ? Macht sie Geschäfte oder bleibt man ihr alles schuldig ? « Er lachte , und Johanne bemerkte seine bräunlichen Zähne , die von starkem Nikotingenuß zeugten . » O sie ist nicht gern in Sienenthal , sie - « » Essen Sie zuerst und erzählen Sie dann « . Frau Wewerka legte ihr etwas Gemüse und zwei dünne Scheibchen Hammelfleisch auf den Teller . Johanne aß einige Bissen , dann sagte sie schüchtern : » Fräulein Betty will ja auch bald hierherkommen ; nur eine gewisse Summe müßte sie beisammen haben , meint sie « . Das Ehepaar warf sich einen Blick zu . » Es war eine Thorheit « meinte Wewerka , » daß sie das Geschäft nicht gleich verkaufte . Ihr und uns wäre mit dem Gelde gedient gewesen , so hat keiner etwas . Was für ein Mensch war denn eigentlich der alte Nehring , der Besitzer des Geschäfts ? « » O der war ja schon achtzig Jahr alt « versetzte Johanne . Wewerka lächelte . » Das weiß ich . Er hatte einen Sohn , dieser war mit meiner Schwester verlobt . Sie hatten einander schrecklich gerne ; der Alte widersetzte sich aber ihrer Verbindung . Eines Tages gingen die verrückten Liebesleute in den Wald , und er schoß zuerst ihr , dann sich eine Kugel in den Kopf . Er blieb auf der Stelle tot , sie wurde gerettet ; doch trug sie eine große Gedächtnisschwäche davon . Sie lag monatelang im Spital , verlor natürlich ihre Stellung ; sie war Leiterin eines großen Putzgeschäftes hier gewesen . Nun - es war ein Elend « - der Sprecher nahm einen Schluck Wasser aus dem Glase vor sich , » ein Elend . Später wandten wir uns wiederholt an den Alten , daß er doch für das arme Geschöpf etwas thun möge ; zwingen konnte man ihn ja zu nichts . Er setzte aber allen Vorstellungen ein taubes Ohr entgegen . Erst als er starb - Verwandte besaß er nicht - erinnerte er sich der unglücklichen Kreatur , die durch seine Härte um ihr Lebensglück und ihre Gesundheit gekommen war . Ihre verlorene Jugend und ihren gesunden Verstand hat er ihr aber doch nicht zurückgeben können « . Johanne saß stumm da . Frau Wewerka seufzte und bat dann , fertig zu essen ; das Mädchen müßte sich etwas beeilen , weil heute Waschtag sei . Nach dem Hammelfleisch gabs nichts mehr , als einige Stückchen Konfekt von dem billigen , das arme Leute für die Christbäume ihrer Kinder kaufen . Herr Wewerka plauderte noch ein wenig mit Johanne , dann erhob man sich . Nachmittags wollten sie dem jungen Mädchen die Stadt zeigen . Da sie weder einen Wagen noch eine Pferdebahn benutzten , ermüdete Frau Wewerka bald , überließ Johanne ihrem Mann und kehrte nach Hause zurück . Als die beiden auf ihrem Streifzug eben vor einem glänzenden Schaufenster standen und er meinte , sie schwelge in der Pracht der ausgestellten Juwelen , sagte sie plötzlich , ihm ins Gesicht blickend : » Die Geschichte , die Sie mir heute erzählt haben , ist sehr traurig . Ich kann sie gar nicht loswerden . Nur eins verstehe ich nicht . Wenn Ihre Schwester ihn so lieb hatte , wie kams , daß sie ihn überlebte ? « Er sah überrascht in die großen , warmen Kinderaugen , die sich auf ihn gerichtet hatten . » Wie meinen Sie das , Fräulein ? « » Mein Gott , wenn - wenn man einen so lieb hat und man weiß , daß er - fort ist , für immer - ich hätte mich gleich aus dem Fenster gestürzt « ..... Er lächelte in ihr erregtes Gesicht . » Das sagt man , aber man tötet sich nicht so leicht « . » Aber er thats doch « . Sie gingen ein Stückchen weiter . » Zum Glück giebts nicht viele so entschiedene Naturen da würde die Welt ja nach drei Tagen in Trümmer geschlagen « . Johanne hatte ein Wort auf den Lippen , doch sie sprach es nicht aus . Später zog anderes ihre Aufmerksamkeit auf sich . Abends war sie müde und ging bald nach dem Nachtmahl , das noch etwas kärglicher als das Mittagessen war , auf ihr Zimmer . Aber Ninive war doch herrlich , trotz allem ! Am andern Tage machte Frau Wewerka verschiedene Gänge mit ihr , zur Vorsteherin und zu den Lehrerinnen des Fröbelhauses , denen sie das junge Mädchen sehr warm empfahl . Johanne erregte in ihrer geschmacklosen , plumpen Kleidung , mit ihrer bäuerlichen Schüchternheit in der Anstalt weder Interesse noch besondere Teilnahme . Man ließ sie ein kleines Aufnahmeexamen machen , in dem sie nur ihre Lese-und Schreibekünste bekunden sollte , und steckte sie dann in die Klasse zu den andern Schülerinnen . Sie verbrachte täglich fünf Stunden in der Anstalt , und die Vorsteherin versprach ihr , wenn sie sich brav zeige , binnen einem Jahre eine Stellung , wenn auch für den Anfang eine sehr bescheidene . Es galt also ein Jahr tapfer auszuhalten . Johanne schrieb ihrem Vormund , und legte einige Zeilen Wewerkas bei . Ritter antwortete ihr , er würde ihr die nötigen Mittel für ein Jahr geben , damit sie den Kursus absolvieren könne . Dann freilich müßte sie für sich selbst sorgen , denn das Häuschen zu verkaufen liege ihm fern . Das könne sie einmal thun , wenns ihr beliebe und sie volljährig sei . Die Stunden , die Johanne nicht im Fröbelhaus verbrachte , war sie zu Hause . Herr Wewerka arbeitete viel auf seiner Stube , indeß seine Frau mit dem Dienstmädchen den kleinen Haushalt besorgte . Dann und wann empfingen sie Besuche . Meist von Herren . Dann wurde laut debattiert , geschrieen , manchmal auch deklamiert . Es waren wohl Kunstangehörige , die so lebhaft sich bejahten . Aber sie gingen nicht in goldenen Gewändern , trugen keine Kränze auf dem Haupt , rochen nicht nach den Gärten der Semiramis . Meist waren sie sogar sehr nachlässig gekleidet und nichts weniger als berückend . Einmal erzählte Johanne bei Tisch , wie sie sich früher Dichter vorstellte . Da brach das Ehepaar in ein nicht endenwollendes Gelächter aus . » Du Cajetan in einem weißen Kleide mit einem Kranz aus Rosen in den üppigen Locken ! « . » Nein , Sie dachte ich mir nie so « meinte Johanne zu Wewerka , » ich weiß nicht , warum « . » Oho « protestierte er scherzend , » das fasse ich als Beleidigung auf , Sie zweifeln an meiner höheren Veranlagung . Heute haben Sie ja recht . Ich bin der Redakteur einer kleinen volkswirtschaftlichen Zeitung , der meist über billige Rapskuchenfabrikation , über Molkerei , Pferdeställe und ähnliches schreibt . Aber einst war es anders . Da machte ich Terzinen und Jamben , daß es nur eine Lust war . Sehen Sie , ich habe schon allerlei versucht . Zuerst studierte ich Jura , dann begleitete ich eine naturwissenschaftliche Expedition auf ihrer afrikanischen Reise , dann wurde ich Sekretär eines reichen Grafen , dann erfand ich ein Instrument , ein Besteck , das als Löffel , Gabel und Messer zugleich diente . Auch Schauspieldirektor war ich . « » Nein « rief das junge Mädchen mit glänzenden Augen , » wie klug und gelehrt müssen Sie doch sein ! « » Nichtwahr « meinte er mit Humor , » ein famoser Kerl . Ich habe - « Frau Wewerka warf ihm einen mahnenden Blick zu - » ich habe noch allerhand Interessantes begonnen . Man will eben nicht hungern , man braucht täglich , wenn man auch nur von Brot lebt , einige Groschen . Woher die nehmen und nicht stehlen ? Da wird man schließlich das Mädchen für alles « . » Aber liebten Sie denn nicht von dem Vielen , das Sie begonnen hatten , Eins besonders ? « » Und ob « meinte er . Zum Beispiel Jura . Aber wovon hätte ich leben sollen , bis ich als Professor oder Advokat Geld verdient hätte ? Dann , wie gerne wäre ich der edlen Dichtkunst treu geblieben . Aber der Magen zieht ein Stück Mettwurst dem duftigsten Liebesgedicht vor « . Johanne schüttelte eigensinnig den jungen Kopf . Sie war schon vertrauter mit ihren Wirten geworden . » Ich glaubs nicht , daß Sie Jura besonders liebten . Dann hätten Sie nicht davon lassen können « . » Auch nicht im Verhungern ? « » Auch nicht « . » Donnerwetter ! Aber da wäre ich ja ein Narr gewesen , mein kleines Fräulein ! was denken Sie denn ? Wenn die Welt aus lauter solchen Querköpfen bestünde , würde sie sich das Hirn einrennen « . An diesem Abend , als Johanne zu Bett ging , gelangs ihr nicht , einzuschlafen . Sie mußte immerfort an den Mann denken mit den tausend Fältchen im Gesicht , der alles versucht hatte . Er ist untreu , dachte sie . Er gleicht seiner Schwester ; die wars auch , sonst hätte sie nicht leben können . Diese Beiden - aber die andern Menschen gleichen ihnen wohl nicht . Wie seltsam . Alles ist anders , als ich mir vorstellte , dachte die Kleine , aber so ganz , ganz anders ..... Eines Tages , eben als sie sich zum Mittagessen niederließen , kam Besuch . Es war ein großer junger , aber schon stark gebeugt gehender Mann , der Johanne als Herr Schüler vorgestellt wurde . » Essen Sie mit uns einen Löffel Suppe « sagte die Hausfrau freundlich , ließ noch ein Kouvert auflegen , und rückte ihm einen Platz am Tisch zurecht . » Du machst ein so ernstes Gesicht ? war dein Weg umsonst ? « Wewerka und der Neuangekommene wechselten einen Blick . » Was wars denn ? « Frau Wewerka sah ihren Mann an . » Aber liebes Kind , dränge dich doch nicht - « » Ja ja , euere ewige Geheimniskrämerei , ich glaube du bist Privatdetektiv geworden , und Schüler ist dein Helfer , wie ? « » Erraten , Gnädige , erraten « . Er blickte Johanne forschend an . Frau Wewerka machte einige freundliche Bemerkungen über sie , dann setzte sie munter hinzu : » Sehen Sie , Johanne , der ist auch einer von den Berühmten , aber er trägt sich ganz simpel , und hat auch keinen Kranz auf , höchstens einen von Dornen , aber den sieht man nicht « . Als Schüler von der Naivität des jungen Mädchens vernahm , brach er in herzliches Lachen aus . » Wir wollen unsere Sache später besprechen « meinte er zu Wewerka und wandte sich Johanne zu . Sie brachte sehr ungeschickte verlegene Antworten vor , und jedesmal , wenn sie eine Dummheit gesagt hatte , machte sie einen trotzigen Mund und verteidigte hartnäckig ihre Meinung . Nach Tisch gingen sie alle vier in Wewerkas Arbeitszimmer , wo die Hausfrau Cigaretten herumreichte . » Wir erlösen euch bald von unserer Gegenwart « scherzte sie . Die Herren protestierten , und Johanne fand endlich Mut , den neuen Bekannten zu mustern . Eine Brille verbarg zum Teil den hungrigen Ausdruck seiner dunklen Augen . Seine Züge waren einnehmend , wenn auch nicht hübsch . Ein schwarzer , kurz gehaltener Bart umrahmte das schmale , blasse Gesicht , dessen Charakteristikum Johanne in dem Worte » übernächtig « zusammenfaßte . Er sah aus wie einer , der nicht zur Ruhe kam - wie ein Gehetzter . Mit achtzehn Jahren hatte er die kleine Summe seines elterlichen Vermögens verausgabt , sein Maturum gemacht , und kam hierher , um philologische Studien an der Universität zu treiben . Er mietete bei einer kleinen Beamtenfamilie ein Stübchen . Die Frau , eine große hagere Blondine , bediente ihn . Sie stand kurz vor ihrem vierzigsten Jahre und schien mit allen Hoffnungen abgeschlossen zu haben . Sie war eine gute Seele , die mit ihrem wortkargen unfreundlichen Mann in stillem Einvernehmen lebte . Er behandelte sie nicht gut , nicht schlecht , er war ein armer Teufel , der rein mechanisch , ohne innere Freude weiterlebte . Weil es ihnen recht knapp ging , vermieteten sie ein Zimmer ihrer kleinen Wohnung . Meist waren es Studenten , die bei ihnen wohnten . Sie hatte immer Glück gehabt und ihre Miete von ihnen pünktlich empfangen . Auch Ernst Schüler bezahlte im ersten Monat . Aber im zweiten verschob er die Zahlung von Tag zu Tag . Er lief ratlos umher , pumpte seine Kollegen an , und brachte es endlich so weit , die Hälfte der Mietssumme aufzutreiben . » Nehmen Sie vorlieb « lachte er verlegen und drückte Frau Wachmann ein paar Markstücke in die Hand , » ich habe beim besten Willen nicht mehr borgen können , schmeißen Sie mich hinaus ..... « Sie hatte Mitleid mit ihm , wie vierzigjährige Frauen mit Jünglingen zu haben pflegen ; er gewahrte seinen Vorteil . Im nächsten Monat bezahlte er weder den Rest der alten , noch die neue Miete . Er sah seine Wirtin treuherzig an . » Ich habe nichts , nichts , Frau Wachmann . Aber Sie können meine Uhr versetzen , vielleicht erhalten Sie dafür einen Teil meiner Schuld an Sie , und es giebt überdies noch ein Mittagessen für mich , ich bin seit drei Tagen nüchtern « . Er war es in der That . Er sah jammervoll aus . Sie eilte in die Küche und brachte ihm Suppe und einige Brötchen . Während er hastig aß , rannen ihm zwei Thränen über die Backen . Sie drehte sich um , dann legte sie die Hand auf sein Haar und sagte leise : » nicht verzweifeln ! « Seit diesem Tage nährte sie ihn , und er wohnte bei ihr , ohne einen Heller zu bezahlen . Sie betrog ihren Mann und berechnete ihm alles höher , um das Nötige für Ernst herauszuschlagen . Einmal umschlang er sie mit beiden Armen : » Wenn ich dich nicht hätte ! « Da neigte sie ihren Kopf auf seine Schulter und küßte ihn leise auf den Hals . Seit diesem Tage verlangte er mehr als Kost und Wohnung von ihr , und sie gab ihm alles , was er verlangte . Sie war eine ungeschickte Heuchlerin , und bald hatte ihr Mann alles heraus . Er jagte sie und ihn aus dem Hause . Ernst Schüler nahm die Ratlose , Verzweifelnde an der Hand und sagte ruhig : Geh nur mit mir . Er blieb die ersten Tage bei einem Freunde , der ein Mansardenstübchen bewohnte . » Liebst du sie denn ? « fragte der Student ironisch . » Sie soll dich doch adoptieren , dann ist euch beiden geholfen ; vielleicht nimmt sie ihr Mann dann wieder zurück « . » Ich liebe sie nicht « antwortete Schüler , » aber sie ist grenzenlos gut gegen mich gewesen . Ich werde sie nicht verlassen « . » Dann hast du ihre Güte übel vergolten « meinte der andere . » Heute oder morgen setzest du sie ja doch sicher auf die Straße ; dann kann sie verkommen , denn einen dritten findet die nicht « . Ernst antwortete nicht . Von diesem Tag an besuchte er die Universität nicht mehr . Weder Frau Wachmann , noch der Student , bei dem sie alle beide wohnten , wußten durch etliche Wochen , was er trieb . Dann kam er eines Tages nach Hause . Er sah hohläugig und finster aus , legte aber einiges Geld auf den Tisch . Eine Assekuranzgesellschaft hatte ihn engagiert . Er mietete eine Stube mit einer Küche , setzte seine Freundin in die Stube , wohnte in der Küche , und gab sich als ihr » Zimmerherr « aus . Niemand legte ihnen etwas in den Weg . Herr Wachmann that keinen Schritt , um seine Frau zurückzuholen . Sie führte kein glückliches Dasein . Schüler war jeden Abend von Hause fort . Kam er dann in der Nacht heim , so war er furchtbar aufgeregt . Sie durfte ihn nie fragen , wohin er ging ; dann wurde er grob . Manchmal kamen etliche , meist junge Leute mit ihm . Dann befahl er ihr , unsichtbar zu sein . Sie verkroch sich in einer Ecke der Küche und saß die ganze Nacht halbschlafend da , während von drinnen hitziges Stimmengewirr heraustönte . So gings ein Jahr fort . Schüler war längst nicht mehr in jener Assekuranzgesellschaft , aber was er that , konnte sie nicht herausbringen , und zu fragen getraute sie sich nicht . Manchmal fasteten sie mehrere Tage , oder sie bereitete ihm mit dem kargen Geld , das er ihr brachte , dünne Suppen und mageres Gemüse ; dann scherzte er : » Saperlot , du bist die schlechteste Köchin meines Lebens , Mathilde « . Eines Tages las sie auf allen Plakaten den Namen ihres Freundes . Er sollte am Abend in einer antisemitischen Versammlung das Wort führen . Er kam zwei Tage nicht nach Hause , dann mit heiterem Gesichte und Geld in der Tasche . Er schlug ihr ihre zwei Weingläser entzwei , faßte sie um die Mitte , und tanzte mit ihr . » Miet eine bessere Wohnung , Alte , und setz mir wieder was Ordentliches zu essen vor ; wir werden jetzt reiche Leute « . Es erschienen verschiedene gutgekleidete Herren und sprachen lange in der Stube mit ihm . Einer sagte gar einmal » gnädige Frau « zu ihr , was sie hoch erröten machte . Sie bezogen eine nette kleine Wohnung . Aber die Herrlichkeit war von kurzer Dauer . Eines Tages wurden ihnen ihre Habseligkeiten gepfändet . Nun mieteten sie sich für etliche Wochen in ein kleines Einkehrhaus ein . Sie bekam Schüler selten zu sehen und grämte und ängstigte sich . Einmal erschien er sehr elend aussehend . Er hatte ein dickes Manuskript in der Tasche . » Wenn das nicht zum Helfer in der Not wird , schieß ich mir eine Kugel vor den Kopf « sagte er finster auf das Papier deutend . Er ging aufgeregt die ganze Nacht hin und her . Am Morgen entfernte er sich . Das Papier enthielt eine mühsame Arbeit . Einige jüdische Familien , deren Häupter an der Spitze großer sozialer Unternehmungen standen , wurden darin verschiedener privater Ausschreitungen beschuldigt . Ihre Stellung in der Gesellschaft war gefährdet . Ein ungeheurer Prozeß mit vielen schmutzigen Enthüllungen drohte . Das bekannte Skelett , das ja in jedem Familienhause verborgen sein soll , war hier mit erbarmungslosem Griff ans Licht gezerrt . Es gehörte zähe Ausdauer , ungewöhnliche Orts- und Personalkenntnis dazu , dies Schriftstück zu verfassen . Es hieß : » Enthüllungen « und war nichts weiter , als die letzte verzweifelte Anstrengung eines zum Schurken gewordenen Menschen , sich Geld zu verschaffen . Nach einigen Tagen kam Schüler heiter und ruhig zurück . » Ich habe in der Theresienstraße eine Wohnung gemietet , bin Redakteur am Tagesbericht geworden , und bitte dich nun , dir anständige Kleider und anständige Mobilien für unsere Wohnung zu kaufen . Hier hast du Geld « . Er drückte ihr einen Tausendmarkschein in die Hand . Er hatte erreicht , was er wollte . Man hatte ihm eine feste Stellung zugesichert , wenn er - schweige . Er erhielt einen gut bezahlten Posten an einer nicht übel angeschriebenen Zeitung . Nun lebten sie sorgenlos nebeneinander . Er ging täglich nach seiner Redaktion , schrieb wütende Artikel gegen die Antisemiten und gab sich als braven Judenfreund . Er himmelte Baron Hirsch an , und verfaßte ein Adreßbuch der bekanntesten jüdischen Familien . In seinen müßigen Stunden dichtete er auch . Nachdem er zwei Jahre am Redaktionstisch gearbeitet hatte , erzwang er sich einen Urlaub mit guten Diäten . Unter dem Decknamen eines Berichterstatters reiste er ab . Zunächst nach Frankreich . Seine Freundin ließ er zu Hause . Er sandte etliche Reiseberichte an seine Zeitung . Mathilde Wachmann erhielt dann und wann eine Postkarte . Endlich verstummte er ganz . Es vergingen einige Wochen , es verging ein Monat . Eines Tages klingelt es . Frau Wachmann geht zu öffnen . Ernst Schüler , ein junges , schönes Mädchen an der Hand , tritt ein . » Hier ist Mathilde Wachmann , meine Wirtschafterin , die mir mehr als Wirtschafterin , die mir Freundin und Beraterin ist . Sei gut gegen sie . Hier meine kleine , süße Frau , die ich deinem Herzen empfehle « . Er warf einen Blick auf die beiden Frauen , die einander anstarrten , und ging hinein , sich seiner Reisekleider zu entledigen . Alice war klein , herzig , neunzehnjährig . Er hatte sie in einem lothringischen Städtchen kennen gelernt , wo er ihren Bruder , einen ziemlich bekannten Schriftsteller , besuchte . Sie besaß nichts als den Anzug , den sie eben trug , ein verschossenes grünes Röcklein mit gelben Seidenrosetten geziert . Er hatte sich rasend in sie verliebt und sie halb zur Kirche geschleppt . Der Bruder war nicht dagegen gewesen , denn die Sorge um den Unterhalt seiner Schwester hatte ihn immer viel beschäftigt . Seine schriftstellerischen Einkünfte waren gering , und außerdem hatte er noch für seine beiden Kinder zu sorgen . Die kleine Alice mit ihrem brauen Lockenköpfchen , ihren sonnigen , großen Augen und wunderbaren Pfirsischfarben lachte gerne , trank mit Vorliebe süße Weine , und brauchte täglich drei Stunden , um ihre Stirnlöckchen vor dem Spiegel zu ordnen . Von Wirtschaft verstand sie nichts . Aber sie kommandierte brav ihre Haushälterin . Das Weib mit den vor Kummer eingefallenen Wangen , den stumm anklagenden Augen , ging wie ein düsterer Schatten im Hause umher . Hätte sie fort sollen ? Wohin ? Jetzt , wo das Alter vor der Thüre stand , wo sie so viel um ihn gelitten , wo sie ihn liebte mit dem Wundgefühl des Weibes , das alles hingegeben hat . Sie blieb und lauschte vor der Schlafzimmerthür den Liebkosungen des jungen Paares . Alice glaubte anfänglich alles , was ihr Mann über Mathilde Wachmann gesagt hatte . Aber eines Tages warf sich die ältere Frau an die Brust der Jungen und schluchzte in herzzerreißendem Jammer : » Nimm ihn mir doch nicht ganz . Laß ihn mir doch auch ein bischen ! « . Da begriff das junge Weib . Von der Zeit an war sie zurückhaltender gegen Ernst . Manchmal , wenn er nach Hause kam , fand er die beiden Frauen Hand in Hand nebeneinander sitzen . Das war ihm nicht recht . Das wollte er nicht . Er verbot seiner Frau den gar zu vertraulichen Umgang mit der andern . » So jag sie fort « schrie sie in Thränen ausbrechend . Das konnte er nicht . Alice stieß ihn , wenn er sie liebkosen wollte , von sich . Es kam eine Zeit , wo er in die mütterlichen Arme Mathildens flüchtete , um das Leid , das ihm sein Weib bereitete , zu vergessen . Die junge Frau weinte sich die Augen rot . Da siegte wieder Mathildens Güte . » Geh zu ihr , versöhne sie ; sie stirbt , oder verläßt dich sonst « . Er warb wie ein Liebhaber um sie . Sie wurde wieder gefügig gegen ihn , aber traurig blieb sie , sehr traurig . Und ihre rosige Schönheit begann zu verbleichen . An einem der Tage in dieser Periode war es , als Schüler zu Wewerka kam . Die beiden hatten immer allerlei geheime Geschäfte miteinander , die meist nicht sehr lauterer Natur waren . Während Ernst mit dem Ehepaare plauderte , aber die warmen neugierigen Kinderblicke Johannens auf seinem Antlitz ruhen fühlte , stieg ein Gedanke in ihm auf . » Fräulein Grün « wandte er sich an sie , » wissen Sie , wem Sie ähnlich sehen