der man nur die leichten Atemzüge des Kindes , das inzwischen mit seiner Flasche fertig geworden war , vernahm . Plötzlich ging Pauline nach dem Bette . Sie nahm den Kleinen aus dem Kissen . » Du hast den Jungen noch gar niche uf ' n Arm gehat , Gustav ! « sagte sie , unter Tränen lächelnd , und hielt ihm den Kleinen hin . Er nahm das Kind in Empfang , wie man ein Paket nimmt . Der Junge blickte mit dem starren , leeren Blicke der kleinen Kinder auf die blanken Treffen am Halse des Vaters . » Getost is er och schon , « sagte Pauline . » Ich ha dersch ja damals geschrieben , aber du hast nischt geschickt dazu . Der Paster war erscht böse und hat tichtig gebissen uf mich , daß mer sowas passiert wor . « Gustav war inzwischen ins Reine mit sich gekommen , daß er Kind und Mutter anerkennen wolle . Der Junge streckte die kleine Hand nach dem Schnurrbart des Vaters , Pauline wehrte dem Händchen sanft . » Se sprechen alle , daß er dir su ähnlich säke , Gustav ! Wie aus ' n Gesichte geschnitten , sprechen de Leite . « - Der junge Vater lächelte zum ersten Male sein Ebenbild an . Pauline hatte sich bei ihm eingehängt , ihre Blicke gingen liebend von Gustav zu dem Kleinen . Der Bengel hatte endlich den Schnurrbart des Vaters erwischt und stieß einen schrillen Freudenschrei aus . So gewährten sie das Bild einer glücklichen Familie . II. Gustav Büttner kam heute viel zu spät nach Haus zum Mittagbrot . Die Familie hatte bereits vor einer Weile abgegessen . Der alte Bauer saß in Hemdsärmeln in seiner Ecke und schlummerte . Karl hielt die Tabakspfeife , die er eigentlich nur während des Essens ausgehen ließ , schon wieder im Munde . Die Frauen waren mit Abräumen und Reinigen des Geschirrs beschäftigt . Die Bäuerin sprach ihre Verwunderung darüber aus , daß Gustav so lange ausgeblieben . In der Schenke sitzen am Sonntag Vormittag , das sei doch sonst nicht seine Art gewesen . - Gustav ließ den Vorwurf ruhig auf sich sitzen . Er wußte wohl warum ; seine Leute brauchten gar nicht zu erfahren , was sich inzwischen begeben hatte . Schweigend nahm er auf der Holzbank , am großen viereckigen Familientische Platz . Dann heftelte er seinen Waffenrock auf , wie um sich Platz zu machen für das Essen . Die Mutter brachte ihm das Aufgewärmte aus der Röhre . Die Büttnerbäuerin war eine wohlhäbige Fünfzigerin . Ihr Gesicht mochte einstmals recht hübsch gewesen sein , jetzt war es entstellt durch Unterkinn und Zahnlücken . Sie sah freundlich und gutmütig aus . Gustav sah ihr von den Kindern am ähnlichsten . In ihren Bewegungen war sie nicht besonders flink , eher steif und schwerfällig . Der schlimmste Feind der Landleute , das Reißen , suchte sie oftmals heim . Eine der Töchter wollte ihr behilflich sein , aber sie ließ es sich nicht nehmen , den Sohn selbst zu bedienen . Der Unteroffizier war ihr Lieblingskind . Sie setzte die Schüssel , die noch verdeckt war , vor Gustav hin und stützte die Hände auf die Hüften . » Nu paß aber mal auf , Gust ! « rief sie und sah ihm schmunzelnd zu , wie er den schützenden Teller abhob . Es war Schweinefleisch mit Speckklößen und Birnen im Grunde des Topfes zu erblicken . » Gelt , dei Leibfrassen , Gust ! « sagte sie und lachte den Sohn an . Sie ließ die Blicke nicht von ihm , während er zulangte und einhieb . Jeden Bissen schien die liebevolle Mutter für ihn mitzuschmecken . Gesprochen wurde nichts . Man hörte das Klappern des Blechlöffels gegen die irdene Schüssel ; denn der Unteroffizier ersparte sich den Teller . - In der Ecke schnarchte der alte Bauer , sein Ältester war auf dem besten Wege , ihm nachzufolgen , trotz der Pfeife . Am Ofen , der eine ganze Ecke des Zimmers einnahm , mit seiner Hölle und der breiten Bank , hantierten die jüngeren Frauen an dem dampfendem Aufwaschfaß mit Tellern , Schüsseln und Tüchern . Der Büttnerbauer besaß zwei Töchter . Die dritte Frauensperson war Karls , des ältesten Sohnes , Frau . Die Büttnerschen Töchter zeigten sich sehr verschieden in der Erscheinung . Man würde sie kaum für Schwestern angesprochen haben . Toni , die ältere , war ein mittelgroßes , starkes Frauenzimmer mit breitem Rücken . Das runde Gesicht , mit roten Lippen und Wangen , erschien wohl hauptsächlich durch seine Gesundheit und Frische hübsch . Sie stellte mit ihrem drallen Busen und kräftigen Gliedmaßen das Urbild einer Bauernschönheit dar . Ernestine , die jüngere Schwester , war erst vor kurzem konfirmiert worden . Sie stand noch kaum im Anfange weiblicher Entwickelung . Sie war schlank gewachsen , und ihre Glieder zeigten eine bei der ländlichen Bevölkerung seltene Feinheit . Dabei war sie sehnig und keineswegs kraftlos . Ihren geschmeidigen , flinken Bewegungen nach zu schließen mußte sie äußerst geschickt sein . Die Arbeit flog ihr weit schneller von der Hand als der älteren Schwester . Der Schlummer des Vaters wurde respektiert ; man vermied das allzu laute Klappern mit dem Geschirr . Am wenigsten besorgt um den Schlaf des Alten schien Therese , die Schwiegertochter , zu sein . Sie sprach mit tiefer , rauher , etwas gurgelnder Stimme , wie sie Leuten eigen ist , die Kropfansatz haben . Therese war eine große , hagere Person , mit langer , spitzer Nase , ziemlich blaß , aber von knochig-derbem Wuchse , mit starkem Halse . Sie ging jetzt daran , die abgewaschenen Teller in das Tellerbrett zu stellen . Als sie an ihrem Gatten vorbeikam , dem der Kopf bereits tief auf die Brust herabgesunken war während ihm die Tabakspfeife zwischen den Schenkeln lag , stieß sie ihn unsanft an . » Ihr Mannsen braucht o ne en halben Tog zu verschlofa ; weil wir Weibsen uns abrackern missen . Das wär ane verkehrte Welt . Wach uf , Karle ! « - Karl fuhr auf , sah sich verdutzt um , nahm seine Pfeife auf , die er langsam wieder in Brand setzte , und blinzelte bald von neuem mit den Augenlidern . Seine Ehehälfte ging inzwischen brummend und murrend auf und ab . Theresens Wut wurde gar nicht durch die Schlafsucht des Gatten erregt , an die sie schon gewöhnt war . Vielmehr ärgerte sie sich darüber , daß Gustav von der Bäuerin mit den besten Bissen bewirtet wurde . Sie war ihrem Schwager überhaupt nicht grün . Der jüngere Sohn werde dem älteren gegenüber von den Alten bevorzugt , fand sie . Sie fühlte wohl auch , daß Gustav ihrem Gatten in vielen Stücken überlegen sei , und das mochte ihre Eifersucht erregen . Ganz erbost flüsterte sie den Schwägerinnen zu - soweit bei ihr von einem Flüstern die Rede sein konnte - » de Mutter stackt ' s Gustaven wieder zu , vurna und hinta ! « Endlich war Gustav fertig mit Essen . Zur Freude seiner Mutter hatte er reine Wirtschaft gemacht . Sich streckend und gähnend , meinte er , daß es in der Kaserne so was freilich nicht gäbe . Inzwischen war der alte Bauer erwacht . » War Gustav doe ? « fragte er , sich mit leeren Augen umsehend . Als er gehört hatte , daß Gustav bereits abgegessen habe , stand er auf und erklärte , mit ihm hinausgehen zu wollen auf die Felder . Der junge Mann war gern bereit dazu . Er wußte so wie so nicht , wie er den langen Sonntagnachmittag verbringen solle . Karl ging mit Vater und Bruder aus dem Zimmer , scheinbar , um mit auf ' s Feld zu gehen . Aber , er verschwand bald . Er hatte nur die Gelegenheit benutzt , herauszukommen , um auf dem Heuboden , ungestört von seiner Frau , weiter schlafen zu können . Der Bauernhof bestand aus drei Gebäuden , die ein nach der Südseite zu offenes Viereck bildeten . Das Wohnhaus , ein geräumiger Lehmfachwerkbau , mit eingebauter Holzstube , ehemals mit Stroh gedeckt , war von dem jetzigen Besitzer mit Ziegeldach versehen worden . Mit dem schwarz gestrichenen Gebälk und den weiß abgeputzten Lehmvierecken zwischen den Balken , den unter erhabenen Bogen wie menschliche Augen versteckten Dachsenstern , blickte es sauber , freundlich , altmodisch und gediegen drein . Die Winterverpackung aus Moos , Laub und Waldstreu war noch nicht entfernt worden . Das Haus war wohl versorgt , die Leute , die hier wohnten , das sah man , liebten und schützten ihren Herd . Unter einem langen und hohen Dache waren Schuppen , Banse und zwei Tennen untergebracht . Ein drittes Gebäude enthielt Pferde- , Kuh- und Schweineställe . Scheune wie Stall wiesen noch die althergebrachte Strohbedachung auf . Die Gebäude waren alt , aber gut erhalten . Man sah , daß hier Generationen von tüchtigen und fleißigen Wirten gehaust hatten . Jeder Ritz war zugemacht , jedes Loch beizeiten verstopft worden . In der Mitte des Hofes lag die Düngerstätte mit der Jauchenpumpe daneben . Am Scheunengiebel war ein Taubenhaus eingebaut , welches eine Art von Schlößchen darstellte ; die Türen und Fenster des Gebäudes bildeten die Ein- und Ausfluglöcher für die Tauben . Ein Kranz von scharfen , eisernen Stacheln wehrte dem Raubgetier den Zugang . In dem offenen Schuppen sah man Brettwagen , Leiterwagen und andere Fuhrwerke stehen , die Deichseln nach dem Hofe gerichtet . Unter dem vorspringenden Scheunendach waren die Leitern untergebracht . Im Holzstall lag gespaltenes Holz für die Küche , Reisig zum Anfeuern und Scheitholz . Das Kalkloch , der Sandhaufen und der Stein zum Dengeln der Sensen fehlten nicht . Der Sinn für das Nützliche und Notwendige herrschte hier wie in jedem rechten Bauernhofe vor . Aber auch der Gemütlichkeit und dem Behagen war Rechnung getragen . Ein schmales Gärtchen , von einem Holzstaket eingehegt , lief um die Süd- und Morgenseite des Wohnhauses . Hier zog die Bäuerin neben Gemüsen und nützlichen Kräutern verschiedene Blumensorten , vor allem solche , die sich durch starken Geruch und auffällige Farben auszeichneten . Und um die Pracht voll zu machen , hatte man auf bunten Stäben leuchtende Glaskugeln angebracht . In der Ecke des Gärtchens stand eine aus Brettern zusammengestellte Holzlaube , die sich im Sommer mit bunt blühenden Bohnenranken bezog . Im Grasgarten standen Obstbäume , von denen einzelne , ihrem Umfange nach zu schließen , an hundert Jahr alt sein mochten . Die Tür des Wohnhauses war besonders schön hergestellt . Drei glatt behauene steinerne Stufen führten hinauf . Die Pfosten und der Träger waren ebenfalls von Granit . Auf einer Platte , die über der Tür angebracht war , stand folgender Spruch eingegraben : » Wir bauen alle feste , und sind doch fremde Gäste , und wo wir sollen ewig sein , da bauen wir gar wenig ein ! « Gustav und der Bauer schritten vom Hause , ohne daß einer dem anderen ein Wort gesagt oder einen Wink gegeben hätte , geraden Weges nach dem Pferdestalle ; denn hier war der Gegenstand des allgemeinen Interesses untergebracht : eine zweijährige braune Stute , die der Bauer vor kurzem gekauft hatte . Zum dritten oder vierten Male schon besuchte der Unteroffizier , der erst am Abend vorher in der Heimat eingetroffen war , das neue Pferd . Er hatte sich die Stute auch schon ins Freie hinausführen lassen , um ihre Gänge zu beobachten ; aber ein Urteil über das Pferd hatte er noch immer nicht abgegeben , obgleich er ganz genau wußte , daß der Alte darauf wartete . Gustav sagte auch jetzt noch nichts , obgleich er prüfend mit der Hand über die Sehnen und Flechsen aller vier Beine gefahren war . Die Büttners waren darin eigentümliche Käuze . Nichts wurde ihnen schwerer , als sich gegen ihresgleichen offen auszusprechen . Oft wurden so die wichtigsten Dinge wochenlang schweigend herumgetragen . Jeder empfand das als eine Last , aber der Mund blieb versiegelt , bis endlich die eherne Notwendigkeit oder irgend ein Zufall die Zungen löste . - Es war fast , als schämten sich die Familienmitglieder , untereinander Dinge zu besprechen , die sie jedem Fremden gegenüber offener und leichteren Herzens geäußert haben würden . Vielleicht , weil jedes die innersten Regungen und Stimmungen des Blutsverwandten zu genau kannte und seine eigenen Gefühle wiederum von ihm gekannt wußte . Vater und Sohn traten , nachdem man das Pferd genügend geklopft und gestreichelt und ihm die Streu frisch aufgeschüttelt hatte , wieder auf den Hof hinaus . Hier verweilte sich Gustav nicht erst lange . Es hatte sich in der Wirtschaft sonst nichts weiter verändert , seit er das letztemal auf Urlaub gewesen war . Die neu aufgestellten Ferkel und die angebundenen Kälber hatte er schon vor der Kirche mit der Bäuerin besehen . Man schritt nunmehr unverweilt zum Hofe hinaus . Das Gut bestand aus einem langen , schmalen Streisen , der vom Dorfe nach dem Walde hinauslief . Am unteren Ende lag das Gehöft . Im Walde , der zu dem Bauerngute gehörte , entsprang ein Wässerchen , das mit ziemlich starkem Gefälle zum Dorfbach hinabeilte . An diesem Bächlein lagen die Wiesen des Büttnerschen Grundstückes . Zwischen den Feldern zog sich der breite Wirtschaftsweg des Bauerngutes , mit alten , tief eingefahrenen Gleisen , holperig und an vielen Stellen von Rasen überwachsen , vom Gehöft nach dem Walde hinauf . Vater und Sohn gingen langsam , jeder auf einer Seite des Weges für sich . Heute konnte man sich Zeit nehmen , heute gab es keine Arbeit . Gesprochen wurde nichts , weil einer vom anderen erwartete , daß er zuerst etwas sagen solle . Bei den einzelnen Schlägen blieb der alte Bauer stehen und blickte den Sohn von der Seite an , das Urteil des jungen Mannes herausfordernd . Gustav war nicht etwa gleichgültig gegen das , was er sah . Er war auf dem Lande geboren und aufgewachsen . Er liebte den väterlichen Besitz , von dem er jeden Fußbreit kannte . Der Bauer hatte die Hilfe des jüngeren Sohnes in der Wirtschaft all die Zeit über , wo Gustav bei der Truppe war , aufs empfindlichste vermißt . Karl , der eigentliche Anerbe des Gutes und Hofes , war nicht halb soviel wert als Arbeiter und Landwirt wie der jüngere Sohn . Sie hatten bereits mehrere Stücke betrachtet , da blieb der Bauer vor einem Kleeschlage stehen . Er wies auf das Stück , das mit dichtem , dunkelgrünem Rotklee bestanden war . » Sicken Klee hat ' s weit und breit kenen . - Haa ! - In Halbenau hoat noch kee Pauer su an Klee gebrocht . Und der hoat in Haber gestanda . - Haa ! - Do kann sich in April schun der Hoase drine verstacken , in dan Klee ! « - Er stand da , breitbeinig , die Hände auf dem Rücken , und sein altes , ehrliches , rotes Bauerngesicht strahlte vor Stolz . Der Sohn tat ihm den Gefallen , zu erklären , daß er besseren Klee zu Ostern auch noch nicht gesehen habe . Nachdem man sich genügsam an dieser Pracht geweidet , ging ' s langsam auf dem Wirtschaftswege weiter . Nun war das Schweigen einmal gebrochen , und Gustav fing an zu erzählen . Im Manöver und bei Felddienstübungen war er viel herumgekommen im Lande . Er hatte die Augen offen gehalten und sich gut gemerkt , was er anderwärts gesehen und kennen gelernt von neuen Dingen . Der alte Bauer bekam von allerhand zweckmäßigen Maschinen und Einrichtungen zu hören , die ihm der Sohn zu beschreiben versuchte . » Bei Leiba , bei Leiba ! « rief er ein über das andere Mal erstaunt aus . Die Berichte des Sohnes klangen ihm geradezu unglaublich . Besonders daß es jetzt eine Maschine geben solle , welche die Garben bände , das wollte ihm nicht in den Sinn . Säemaschinen , Dreschmaschinen , das konnte er ja glauben , die hatte er auch schon selbst wohl gesehen , aber eine Maschine , welche die Garben raffte und band ! » Da mechte am Ende ener och a Ding erfinden , das die Apern stackt oder de Kihe von selber melken tut . Ne , das glob ' ch ne ! - dernoa , wenn ' s suweit käma , da kennten mir Pauern glei gonz eipacken . Si ' s su schun schlimm genuche mit a Pauern bestellt . Dar Edelmann schind uns , und dar Händler zwickt uns ; wenn och noch de Maschinen , und se wullen alles besurgen , dernoa sein mir Pauern glei ganz hin ! « - Gustav lächelte dazu . Er hatte in den letzten Jahren doch manches bäurische Vorurteil abgestreift . Er versuchte es , den Vater zu überzeugen , daß das mit den neuen Erfindungen doch nicht ganz so schlimm sei ; im Gegenteil , man müsse dergleichen anwenden und nutzbar zu machen suchen . Der Alte blieb bei seiner Rede . Zwar hörte er dem Jungen ganz gern zu ; Gustavs lebhafte und gewandte Art , sich auszudrücken , die er sich in der Stadt angeeignet , machte ihm , der selbst nie die Worte setzen gelernt hatte , im stillen Freude und schmeichelte seinem väterlichen Stolze , aber von seiner ursprünglichen Ansicht ging er nicht ab . Das war alles nichts für den Bauern . Solche Neuerungen waren höchstens dazu erfunden , den Landmann zu verderben . Sie waren unter solchen Gesprächen an den Wald gelangt . Hier lief die Flur in eine sumpfige Wiese aus , die in unordentlichen Niederwald überging . Dahinter erhoben sich einzelne Kiefern , untermengt mit Wacholdersträuchern , Ginster und Brombeergestrüpp . Der Boden , durch die jährliche Streunutzung völlig entwertet , war nicht mehr imstande , einen gesunden Baumwuchs hervorzubringen . Der Büttnerbauer war , wie die meisten seines Standes , ein schlechter Waldheger . Der alte Mann wollte nunmehr umkehren . Aber Gustav verlangte noch das » Büschelgewände « zu sehen , da sie einmal so weit draußen seien . Diese Parzelle hatte der Vater des jetzigen Besitzers angekauft und dem Gute einverleibt . Der Bauer zeigte wenig Lust , den Sohn dieses Stück sehen zu lassen , und mit gutem Grunde . Das Stück lag brach , allerhand Unkraut machte sich darauf breit . Der Bauer schämte sich dessen . » Was habt Ihr denn dort stehen heuer ? « fragte Gustav völlig arglos . » Ne viel Gescheits ! Dar Busch dämmt ' s Feld zu siehre , und a Zehnter-Rehe san och allendchen druffe ; da kann duch nischt ne gruß warn . « Er verschwieg dabei , daß dieses Gewände seit anderthalb Jahren nicht Pflug und nicht Egge gesehen hatte . » Will denn der Graf immer noch unseren Wald kofen ? « fragte Gustav . Der Büttnerbauer bekam einen roten Kopf bei dieser Frage . » Ich sullte an Buusch verkofen ! « rief er . » Ne , bei meinen Labzeiten wird suwas ne ! ' s Gutt bleibt zusommde ! « Die Zornader war ihm geschwollen , er sprach heiser . » Ich meente ock , Vater ! « sagte Gustav beschwichtigend . » Uns nutzt der Busch doch nich viel . « Der Büttnerbauer machte Halt und wandte sich nach dem Walde zu . » Ich verkofe och nich an Fußbreit von Gutte , ich ne ! Macht Ihr hernachen , wos der wullt , wenn ' ch war tud sein . Vun mir kriegt dar Graf dan Buusch ne ! Und wenn er mir nuch su vill läßt bietan . Meenen Buusch kriegt ar ne ! « Der Alte ballte die Fäuste , spuckte aus und wandte dem Walde den Rücken zu . Gustav schwieg wohlweislich . Er hatte den Vater da an einer wunden Stelle berührt . Der Besitzer der benachbarten Herrschaft hatte dem alten Bauer bereits mehr als einmal nahe legen lassen , ihm seinen Wald zu verkaufen . Solche Ankäufe waren in Halbenau und Umgegend nichts Seltenes . Die Herrschaft Saland , die größte weit und breit , ursprünglich nur ein Rittergut , war durch die Regulierung und die Gemeinheitsteilung und später durch Ankauf von Bauerland zu ihrer jetzigen Größe angewachsen . Das Büttnersche Bauerngut lag bereits von drei Seiten umklammert von herrschaftlichem Besitz . Der Büttnerbauer sah mit wachsender Besorgnis dem immer weiteren Vordringen des mächtigen Nachbars zu . Seine Ohnmacht hatte allmählich eine grimmige Wut in ihm erzeugt gegen alles , was mit der Herrschaft Saland in Zusammenhang stand . Verschärft war seine Gehässigkeit noch worden , seit er bei einem Konflikte , den er mit der Herrschaft wegen Übertritts des Damwildes auf seine Felder gehabt , in der Wildschadenersatzklage abschlägig beschieden worden war . Man schritt den Wiesenpfad hinab , am Bache entlang . Von rechts und links , von den höher gelegenen Feldstücken , drückte das Wasser nach der Bachmulde zu . Das dunkle , allzu üppige Grün verriet die Feuchtigkeit einzelner Flecken . Es gab Stellen , wo der Boden unter dem Tritt des Fußes erzitterte und nachzugeben schien . Der ganze Wiesengrund war versumpft . Gustav meinte , daß hier Drainage angezeigt sei . » Wu fullt ak daderzut ' s Geld rauskumma , un de Zeit ! « rief der Büttnerbauer . » Mir warn a su och schunsten ne fertg ! Unserens kann ' ch mit su was duch ne abgahn . Drainierchen , das is ganz scheen und ganz gutt for an Rittergutsbesitzer oder anen Ökonomen ; aber a Pauer ... « Er vollendete seine Rede nicht , verfiel in Nachdenken . Die ganze Zeit über hatte er etwas auf dem Herzen dem Sohne gegenüber , aber er scheute das unumwundene Geständnis . » Es mechten eben a poar Fausten mehr sein für ' s Gutt ! « sagte er schließlich . » Mir sein zu wing Mannsen , Karle und ich , mir zwee alleene . Die Weibsen täten schun zulanga ; aber dos federt ne su : Weiberarbeit . Mir zwee , Karle und ich , mir wern de Arbeit ne Herre . A dritter mechte hier sein ! « - Gustav wußte nun schon , worauf der Alte hinaus wollte . Es war die alte Geschichte . Daß er dem Vater fehle bei der Arbeit , wollte er schon glauben . Denn Karl war ja doch nicht zu vergleichen mit ihm , in keiner Weise , das wußte der selbstbewußte junge Mann recht gut . - Der Vater klagte ja nicht zum ersten Male , daß die Wirtschaft zurückgehe , seit Gustav bei der Truppe sei . Aber , das konnte nichts helfen , Gustav war nicht gesonnen , die Tressen aufzugeben für die Stellung eines Knechtes auf dem väterlichen Hofe . Ja , wenn ' s noch für eigene Rechnung gewesen wäre ! Aber für die Familie sich abschinden , für Eltern , Bruder und Schwestern . Für ihn selbst sprang ja dabei gar nichts heraus . Das Gut erbte ja einstmals nicht er , sondern Karl . - Er erwiderte daher auf die Klage des Vaters in kühlem Tone : » Nehmt Euch doch einen Knecht an , Vater ! « Der Alte blieb stehen und rief mit heftigen Armbewegungen : » An Knacht ! Ich sull mer an Knacht onnahma ? Ich mecht ock wissen , wu dar rauswachsen sillte . Achzig Toler kriegt a su a Knacht jetzt im Juhre , und ' s Frassen obendrein . Und do mechte och noch a Weihnachten sen und a Erntescheffel . Mir hon a su schun zu vills Mäuler zu stopfa , hon mir ! Wusu kann ich denne , und ich kennte mer an Knacht halen ! - Ne , hier mechte ener har , dar zur Familie geherte , dan wer keenen Lohn ne brauchten zahla . So ener mechte hier sen ! « Der Unteroffizier zuckte die Achseln , und der Vater sagte nichts weiter . Der Rückweg wurde schweigend zurückgelegt . In dem Gesichte des Alten zuckte und witterte es , als führe er das Gespräch innerlich weiter . Ehe sie das Haus betraten , hielt er den Sohn am Arme fest und sagte ihm ins Ohr : » Ich will der amal a Briefel weisen , Gustav , das ' ch gekriegt ha ' . Komm mit mer ei die Stube ! « - Der Büttnerbauer ging voraus in die Wohnstube . Außer der alten Bäuerin war hier nur die Schwiegertochter anwesend . Therese schaukelte ihr Jüngstes , das an einem durch zwei Stricke am Mittelbalken der Holzdecke befestigten Korbe lag , hin und her . Der Bauer begann in einem Schubfache zu kramen . » Woas suchst de denne , Büttner ? « fragte die Bäuerin . » ' s Briefel von Karl Leberechten . « » Dos ha ' ch verstackt ! « rief die alte Frau , und kam aus ihrer Ecke hervorgehumpelt . » Wart ack , wart ! « Sie suchte auf der Kommode , dort lag in einem Schächtelchen ein Schlüssel , mit diesem Schlüssel ging sie zum Spind , schloß es auf und entnahm dem obersten Brett ein altes Buch mit vielen Einlagen und Buchzeichen . In dem Buche blätterte sie eine Weile , bis sie endlich auf das gesuchte Schreiben kam . » Doe is er ! « Der Büttnerbauer berührte den Brief wie alles Geschriebene mit besonderer Vorsicht , ja mit einer Art von Scheu . Dann schob er ihn dem Sohne hin : » Lase a mal dos , Gustav ! « Der Briefbogen hatte großes Quartformat und trug rechts oben eine Firma : » C.G. Büttner , Materialwarenhandlung en gros & amp ; en detail . « Folgte die Ortsbezeichnung . Gustav sah nach der Unterschrift . Sein eigener Name stand darunter : Gustav Büttner . Der Briefschreiber war demnach sein ihm gleichaltriger Vetter , Kompagnon im Geschäfte des alten Karl Leberecht Büttner . Gustav hatte Onkel und Vetter ein einziges Mal gesehen in seinem Leben , als sie vor Jahren dem Heimatdorfe einen flüchtigen Besuch von der Stadt aus abgestattet . Dieser Karl Leberecht war ein um wenige Jahre jüngerer Bruder des Büttnerbauern . Er hatte Halbenau frühzeitig verlassen als ein großer Tunichtgut . Jahrelang war nichts von ihm verlautet . Dann tauchte er plötzlich als verheirateter Mann und Inhaber eines Grünwarengeschäftes in einer mittelgroßen Stadt der Provinz auf . Inzwischen hatte sich sein Geschäft zur » Materialwarenhandlung en gros & amp ; en detail « ausgewachsen . Die beiden Familien , die eine in der Stadt , die andere auf dem Dorfe , hatten so gut wie gar keine Berührungspunkte mehr . Nur bei der Erbschaftsregulierung , vor nunmehr dreißig Jahren , war man einander auf kurze Frist wieder einmal näher getreten . In den letzten Jahrzehnten hatte man nur ganz gelegentlich etwas voneinander gesehen oder gehört . G. Büttner jun. also schrieb im Namen seines Vaters , daß man die Hypothek , welche von der Erbteilung her noch auf dem Büttnerschen Bauerngute in Halbenau stand , hiermit kündige , und daß man den Eigentümer besagten Bauerngutes ersuche , Zahlung zum Iohannitermine zu leisten . Als Grund der Kündigung war Erweiterung des Geschäftes angegeben . Der Brief war durchaus in geschäftlichem Stile gehalten und enthielt nichts , was darauf hindeutete , daß Schreiber und Empfänger in naher Blutsverwandtschaft standen . Vater und Mutter hielten sich hinter dem Sohne , während er las , und blickten ihm über die Schulter . » Habt Ihr schon was derzu getan , Vater ? « meinte Gustav , als er fertig war mit lesen . » Wie meenst de ? « fragte der Alte und sah ihn verständnislos an . » Ob Ihr schon derzu getan habt wegen an Gelde ? Am ersten Juli müßt Ihr zahlen . « » Siehst de , Moann ! « rief die Bäuerin . » Ich ho dersch immer geseut , de mechtest federn und nach an Galde sahn . « » Ich bin o schun , und ich ha mich befrogt im a Gald . Bei Kaschelernsten bi ' ch gewast ; der spricht , ar wullt mersch ack gahn , wenn ' ch ' n sechsdehalb Prozent versprechen täte . « » Das sieht dem Kujon ähnlich ! « rief Gustav . Sein Onkel Kaschel war der Inhaber des Kretschams von Halbenau . Er war Witwer , ehemals mit einer Schwester des Büttnerbauern verheiratet . Er galt in Halbenau , wo Bargeld ziemlich rar war , für den ersten Kapitalisten . » Da mechte aber bald Rat werden , « sagte Gustav nachdenklich . » Sonst werdet Ihr verklagt , Vater ! « » Mei Heiland ! Siehste ' s Moann ! « rief die Bäuerin . » Ich ho ' s schun immer geseut iber den Pauer : mir wern noch gepfändt , ho ' ch ibern geseut , de werscht ' s derlaben , Traugott ! « » Nu , dos gleb ' ch do ne von Karl Leberechten ! « meinte der Alte ; aber sein unsicherer Blick zeigte , daß ihm nicht ganz geheuer zumute sei . » Die werden wohl nich lange fackeln ! « meinte Gustav . » Siehste , Traugott , siehste ! Gustav meent och su ! « rief die Bäuerin . » Su is er aber nu , der Vater . Er bedenkt sich , und er bedenkt sich , und er tut nischt derzu . Er werd ' s nuch soweit bringa , daß se ' n ' s Gut wagnahmen kumma . « Der Büttnerbauer warf seiner Ehehälfte einen finsteren Blick zu . Das Wort hatte ihn getroffen . » Halt de Fresse , Frau ! « rief er ihr zu . » Was