Busch und Bäumen . Hell glitzerten die über alle Felsen niederrinnenden Wasserfäden , und in buntem Feuer leuchteten die vom Dächlein der Klause fallenden Tropfen . Nun erlosch der rote Sonnenschein , und alle Farben der Umgebung dämpften sich wie von einem zarten Schleier überzogen . 2 Kitty vermochte noch immer kein Wort zu sprechen ; die Hände im Schoß und ohne Bewegung saß sie auf der Steinbank und sah dem Jäger nach , der den Wetterbach schon wieder überschritten hatte . Auch der junge Fremde schwieg . Er stand neben der Bank und betrachtete forschend den gesenkten Mädchenkopf , als möchte er diese feingeschwungenen Linien und die schimmernden Töne des gewellten Haares in sein Gedächtnis prägen . Hätte nicht der Feldstuhl , die zusammengeklappte Staffelei und der Malkasten , der an der Mauer im Trockenen lag , den Beruf des jungen Mannes bezeichnet - schon dieser prüfend gleitende Blick und die schlanken Hände hätten den Künstler verraten . Er mochte einige Jahre über zwanzig zählen ; seiner Jugend widersprach die stille Schwermut der dunklen Augen und der gereifte Ernst des schmalen , herb geschnittenen Gesichtes ; glatt legte sich das kurze Braunhaar über die Stirn und mischte sich an den Schläfen mit dem schattigen Flaum des jungen Bartes , der sich um Wangen und Lippen kräuselte . Dieser Mund mit dem strengen Zug , in dem sich Kraft und Entschlossenheit verriet , war doch sanft geschwellt und hatte ein mildes , verträumtes Lächeln . Das Gesicht war nicht schön zu nennen , aber dieser Mund und diese Augen fesselten . Der hager aufgeschossene Körper war unausgeglichen , jugendlich eckig ; dazu eine leicht vorgeneigte Haltung , wie sie nachdenklichen Naturen eigen ist ; dennoch war die Gestalt nicht übel anzusehen ; der leichte graue Sommeranzug , so bequem er saß , hatte modischen Schnitt , die Wäsche war wie Schnee , die weiße Seidenkrawatte tadellos geknüpft . Man merkte an ihm keine Spur von jener bei jungen Künstlern häufigen Vorliebe für das Nachlässige , aber auch keinen Zug vom Stutzer ; er schien für seine äußere Erscheinung zu sorgen , weil es die Art eines wohlerzogenen Menschen ist , sich gut zu kleiden . Je länger er niederblickte auf das liebliche Bild des Mädchens , desto wärmer wurde der Glanz seiner Augen ; er schien eine Freude zu genießen : die Freude des Künstlers an jener Schönheit , die noch unberührt ist von der rauhen Hand des Lebens und einer Blütenknospe am Morgen gleicht . Als hätte Kitty diesen Blick empfunden , so hob sie plötzlich die Augen . Das fremde Gesicht verwirrte sie , und dennoch hielt die stumme Sprache dieser Züge ihren Blick gefangen ; das war eines von jenen Gesichtern , die auch ohne Worte von trüber Zeit erzählen . Ihre Verwirrung schien ansteckend zu wirken . Verlegen suchte der junge Künstler nach Worten , und endlich brachte er die Frage heraus , ob sie den Schreck des kleinen Abenteuers völlig überstanden hätte . Da fand sie ihre heitere Laune ; lachend nickte sie und reichte ihm die Hand . » Ich danke Ihnen ! Sie haben mich vor einem unangenehmen Bad behütet . Der Wetterbach hat heut seine böse Stunde . Das hätte übel für mich ausfallen können . « Sie rührte die Schultern , als empfände sie ein leises Grauen ; doch gleich wieder lachte sie und erzählte vom Gewitter , vom Unterschlupf in der Wildscheune und von dem glücklichen Zufall , der » unseren guten Franzl « als Retter in der Not geschickt . Drollig schilderte sie den » kopflosen Schreck « , der sie befallen , als der Jäger den schwankenden Baum betrat . » Und ich hätte mir doch sagen müssen , daß ich sicher bin ! Ich kenne doch unseren Franzl ! « Sie unterbrach sich und blickte auf . » Wie waren Sie denn eigentlich so flink bei der Hand ? « » Das hab ' ich meinem Fleiß zu danken . Ich bin schon seit dem Morgen hier und habe gearbeitet . « » Gearbeitet ? « Sie schien den Sinn dieses Wortes nicht zu verstehen . Da gewahrte sie die Geräte des Künstlers . » Ach , Sie malen ! « Dem respektvollen Staunen , mit dem sie ihren jungen Retter betrachtete , war es anzumerken , daß vor ihren Augen ein lebendiger Künstler nicht viel geringer wog als einst in vergangenen Zeiten vor dem Blick des Burgfräuleins der tapfere Ritter , der den Drachen überwand . Neugierig spähte sie nach dem Leinwandrahmen , der gegen die Mauer gelehnt stand . Der junge Maler schien nicht eitel zu sein ; sonst hätte er diesen Blick zu deuten gewußt . » Auch mich hat das Gewitter überrascht , mitten in der besten Arbeit , « erzählte er , » und ich mußte eine Stunde hier unter der Tür sitzen . Aber es war herrlich , so hineinzuschauen in den Zorn der Natur . Sie ist immer schön , ob sie lächelt oder grollt , fast schöner noch in ihrem Zorn als in ihrem Frieden . Wenn ich sie so toben sehe , fühl ' ich auch , daß ich ihr in solchen Augenblicken näher komme als in sonniger Stunde . In der Sonne steht sie vor mir wie ein Geheimnis in bunten Kleidern . Im Sturme seh ' ich die Riesin , wie sie vor meinem Blick die Hülle zerreißt . Ich spähe ihr in das wildpochende Herz , und mir ist , als flösse in mich etwas über von ihrer Kraft . « Er sagte das ruhig , wie man selbstverständliche Dinge äußert . Kitty blickte zu ihm auf mit großen Augen . Er begegnete diesem Blick , und leichte Röte schlich über seine schmächtigen Wangen . » Als es vorüber war , hörte ich den Wildbach kommen . Und da lief ich hinunter . Es war prachtvoll anzusehen , wie das harmlose Wasserschlänglein in wenigen Minuten sich zum brüllenden Ungeheuer auswuchs . Und wie ich so stehe , seh ' ich Sie plötzlich drüben aus dem Wald hervorkommen , auf dem Arm des Jägers . Das war ein so köstliches Bild , daß ich es mit ein paar Strichen zu fassen suchte . « Er griff an seine Taschen . » Wo hab ' ich denn nur - ? « Nun erschrak er . » Ach du lieber Himmel ! « und mit langen Beinen sprang er zum Wildbach hinunter . Verblüfft sah ihm Kitty nach ; kaum war er zwischen den Bäumen verschwunden , da huschte sie auf den Leinwandrahmen zu , hob ihn von der Erde und machte sonderbare Augen , als sie die begonnene Studie sah . Etwas Außerordentliches hatte sie zu entdecken erwartet . Statt dessen sah sie ein Wirrsal noch nasser Farbenflecke , die sich flimmernd durcheinanderschlangen und den Vorwurf des Bildes kaum erkennen ließen : die Felswand in greller Sonne und zu ihren Füßen die Klause , übergossen von den Lichtern , die durch das Gezweig der Bäume fielen . Ein Kennerauge hätte gestaunt über die Kraft und Kühnheit , die sich in diesem raschen Erfassen einer malerischen Stimmung verriet . Kitty aber stellte sehr enttäuscht die Leinwand wieder gegen die Wand . Zu ihrem weiteren Ärger gewahrte sie noch , daß sie mit den behandschuhten Fingern in die nasse Farbe geraten war . » Pfui ! « murrte sie und säuberte die Fingerspitzen an der Balkenwand . Kaum saß sie wieder auf der Steinbank , als er vom Ufer heraufgestiegen kam , in der Hand ein graues Buch , das er mit dem Taschentuch abwischte . » Es ist glücklicherweise sehr günstig gefallen , als ich es fortwarf , um die Hände frei zu bekommen ! « sagte er lächelnd . Dann schlug er das Buch auf und reichte es ihr . Ein Laut freudiger Überraschung glitt beim Anblick des Blattes von Kittys Lippen . Wohl waren die beiden Figuren nur mit flüchtigen Strichen gezeichnet , aber jede Linie saß , und das kleine Bildchen hatte warmes Leben und bestrickenden Reiz . Glücklich blickte Kitty zu dem Künstler auf . » Ist das wirklich so hübsch gewesen - wie hier ? « Er sah sie an . » Das da , das ist ja gar nichts . Das ist Asche . Was ich gesehen habe , war Licht , Farbe , etwas ganz unbeschreiblich Schönes . « Die Augen schließend , rührte er mit den Fingern an die durchsichtigen Lider . » Aber hier sitzt es , fest ! Und ich weiß , ich bring ' es heraus . « Rauschend kam der Abendwind über die Felsen niedergezogen ; die Äste der Bäume schwankten und schüttelten die Regentropfen ab . Erschrocken deckte Kitty den Arm über das Skizzenbuch , denn ein paar große Tropfen , wie Tränen , waren auf das Blatt gefallen . Und als der Wind die Bäume wieder zauste , sprang Kitty auf und flüchtete mit dem Buch in die Klause . Der junge Mann folgte ihr , und da saß sie schon an dem roh gezimmerten Tisch und tupfte achtsam mit dem Handschuh die auf das Papier gefallenen Tropfen fort . » Es hat nichts geschadet ! « versicherte sie lachend und hielt das Buch schief gegen das Licht des Fensters . » Man sieht nur noch ein wenig die feuchten Flecke . « Wieder vertiefte sie sich in die Betrachtung des Bildchens ; dann begann sie im Skizzenbuch zurückzublättern ; ein paar Studien hatte sie bestaunt , als sie plötzlich aufblickte und verlegen fragte : » Darf ich denn ? « Er nickte lächelnd und trat an ihre Seite . Das Licht , das durch Tür und Fenster fiel , hatte in dem geschlossenen Raum schon einen Schleier der beginnenden Dämmerung . Ein seltsame Stimmung webte zwischen den Mauern und erzählte von erlöschenden Erinnerungen . Neben dem Tische standen nur zwei plumpe Holzbänke in dem kahlen Raum ; doch es war ihm anzumerken , daß er in vergangener Zeit einen freundlicheren Anblick geboten hatte . Die Decke war noch von einer zart geblumten Tapete bedeckt ; aber das Regenwasser , das durch die Lücken des Daches gedrungen , hatte häßliche Flecken gebildet . Auch an den Wänden hingen noch Streifen der Tapete , mit Hunderten von Namen bedeckt . Wer hier im Lauf der Jahre vor Sonne oder Regen Schutz gesucht , Sommergäste , Touristen , Jäger , Sennerinnen , Almbauern und Schiffer , alle hatten den Drang empfunden , ihre Namen an diesen geduldigen Wänden zu verewigen . Viele Namen standen paarweise , von einer Herzlinie umschlungen . Hatten die Träume , die aus diesem Zeichen redeten , sich erfüllt ? Oder war das Leben über sie hinweggerollt wie die glättende Eisenwalze über den Kies der Straße ? Von manchem , der vor Jahr und Tag seinen Namen an diese Wand geschrieben , mochte nichts anderes mehr übrig sein als nur der Name . Inmitten dieser toten Vergangenheiten klang Kittys helle Stimme , ihr Lachen und die Freude , mit der sie jede Skizze begrüßte , deren Modell sie erkannte . Bald fand sie eines ihrer Lieblingsplätzchen am See , eine Straße oder ein Häuschen des Dorfes , bald wieder Köpfe und Gestalten , die einen fremd , die anderen ihr wohlbekannt . Mehrere der Skizzen waren mit dem Namen des Künstlers gezeichnet : Hans Forbeck . Kitty blätterte weiter . Flüchtige Wolkenstudien , Baumschläge und Gebirgsveduten wechselten mit Skizzen , deren wirre Linien sie nicht verstand : Bilderideen , mit ein paar hastigen Strichen festgehalten . Wieder wandte Kitty eines der Blätter . Und erschrocken stammelte sie : » Wie traurig ! « » Die Stubenarbeit eines Regentages ! « sagte er leise , fast entschuldigend . Die Zeichnung des Blattes war sorgfältiger als die der anderen Skizzen , die graue Arbeit des Stiftes mit zarten Farbtönen überhaucht . Eine öde , fast unabsehbare Heide , dürr und kahl ; der Himmel ist mit schwerem Gewölk bedeckt , durch dessen spärliche Klüfte kaum eine matte Helle quillt , wie eine Ahnung des verschleierten Lichtes . Über die Heide führt ein rauher Steinpfad , von niederem Dorngestrüpp umwachsen . Und auf dem Pfade liegt , halb zur Erde gesunken , mit aufgestütztem Arm und das entkräftete Haupt gegen die Schulter geneigt , die Gestalt einer Genie , todmüde und schmerzverloren , in Lumpen gehüllt , mit zerzausten Schwingen . Kitty hob die Augen . » Herr Forbeck ? « Schüchtern sprach sie seinen Namen aus . » Was soll das vorstellen ? Das Unglück ? « » Nein . « Er zögerte . » Meine Kindheit . « Nun verstand sie , was aus seinem Gesicht beim ersten Anblick zu ihr gesprochen hatte . Ein leises Zucken ging um ihren Mund . Sie mußte der eigenen Kindheit denken . Auch ihrer Kindheit hatte die Liebe gefehlt , die Liebe der Mutter . Vor dreizehn Jahren war ihre Mutter in der Fremde gestorben - auf einer Reise , hatte man ihr gesagt . Sie senkte die Augen auf das Blatt . » Wie traurig das ist ! « Zwei Tränen rannen ihr langsam über die Wangen . Mit unbehilflichem Lächeln wandte Forbeck sich ab und trat unter die offene Tür . Leise schwankten die Zweige der Bäume ; der Fall der Tropfen , der von ihnen niederging , begann schon zu versiegen . Auch das Rauschen des Wetterbaches schien sich bereits zu dämpfen ; aber der Lärm seiner Wellen war noch immer laut genug , um die beiden Stimmen zu übertäuben , die vom jenseitigen Ufer herüberklangen . Franzl hatte die Kleesberg glücklich durch den Wald heruntergebracht . Das war ein hartes Stück Arbeit gewesen , um so härter , da Franzl zur Stütze für seinen jammernden Schützling nur den einen Arm frei hatte ; unter dem andern Arme schleifte er ein schweres Brett , das er von der Wildscheune losgerissen hatte , um über den von Felsblöcken durchsetzten Wildbach einen Steg zu bauen . Während Gundi Kleesberg in Verzweiflung die Hände rang , ließ er das Brett vom Ufer gegen den nächsten Felsblock fallen . Er trat auf den improvisierten Steg hinaus und schaukelte sich , um die Festigkeit des Brettes zu prüfen und Tante Gundis Mut zu erwecken . » So , Fräuln , kommen S ' nur ! « lachte er . » Da schauen S ' her ! « Er schaukelte sich , daß das schwingende Brett die schießenden Wellen fast berührte . » Dös Brettl , dös tragt Ihnen leicht , da dürften S ' noch a paar gute Pfündln mehr haben ! « » Nein , nein , nicht um die Welt ! « kreischte Gundi Kleesberg und streckte wehrend die Arme , als sollte sie mit Gewalt in den sicheren Tod geschleift werden . » Lieber bleib ich die ganze Nacht ! « Während ihr die Tränen der Angst über die Schlotterwangen kollerten , schrillte ihre Stimme : » Kitty ! Kitty ! Du Ungeheuer ! « Zu allem Jammer erwachte in ihr noch ein neuer . » Wo ist sie denn ? Ich sehe sie nicht ! « » Sie wird halt mit dem jungen Herrn Maler im Kapuzinerhäusl sein . « Franzl streckte die Hände . » Also weiter , Fräuln , kommen S ' ! « Er hatte Tante Gundi beruhigen wollen . Aber der Schreck , den ihr seine Worte einjagten , sprach aus ihren weit aufgerissenen Augen . Keuchend rang sie nach Luft . » In der Klause ? Mit einem - « Da ging ihr schon wieder der Atem aus . Aber ihre Angst hatte plötzlich alle Komik verloren . » In der Klause ? Das ist gerade der richtige Platz ! Als hätten wir nicht schon genug an jenem ersten - « Versagte ihr die Stimme , oder verschluckte sie ein Wort , das nicht über ihre Lippen kommen durfte ? » Nein ! Nein ! Und wenn es mein Leben kostet ! Das will ich verhindern ! « Tante Gundi richtete sich auf wie eine Löwin , die ihr Junges verteidigt . Und als wäre die stille , friedliche Klause ein Abgrund der Gefahr , aus dem sie das ihrer Obhut anvertraute Mädchen erlösen mußte , so stürzte sie auf das Ufer zu und klammerte sich an die Hände des Jägers . Kaum hatte sie das Brett betreten , kaum fühlte sie dieses bedenkliche Schaukeln , kaum sah sie unter ihren Füßen das schießende Wasser , da war es wieder vorbei mit ihrem Löwenmut . Aber Franzl hielt fest . Da gab es kein Zurück mehr . Ihre Seele mit einem Stoßgebetlein dem Herrn empfehlend , stieß Tante Gundi einen klagenden Schrei aus und schloß in Schwindel die Augen . Trotz des rauschenden Lärmes , den der tobende Bach erhob , klang dieser Schrei bis zur Klause . Forbeck lauschte . Aber da hörte er hinter sich einen Ausruf fröhlicher Überraschung . » Köstlich ! Jeder Zug ! Dieser Mund ! Dieses Zwinkern im Auge ! Als stünde er vor mir , wirklich und wahrhaftig ! « So sprudelten Kittys Worte . » Herr Forbeck ! Wie kommen Sie zu diesem Bild ? « Was Kittys Jubel erweckt hatte , war das Brustbild eines alten Jägers mit geflickter Joppe und mürbem Filzhut , auf dem eine geknickte Spielhahnfeder saß . » Nicht wahr , ein famoser Kerl , dieser alte Waldbär ! « sagte Forbeck , der Kittys Freude nicht völlig zu begreifen schien . » Ein Typus von Jäger und Bauer ! Echter Volksschlag . Sehen Sie nur diese knochige Stirn an , diesen Falkenblick im Auge , diese Adlernase und den gewalttätigen Mund ! Was da in jeder Linie liegt an Kraft und rücksichtsloser Derbheit ! Und dieser zausige weiße Bart ! Das ist unglaublich charakteristisch . Der Alte muß einen Zorn haben wie der Sturmwind , und dann fährt er wohl mit seinen schwieligen , sonnverbrannten Fingern in diesen Bart und zerrt - « Forbeck verstummte . Die Sache mochte ihm nun doch etwas sonderbar erscheinen , denn Kitty lachte , daß ihr die Tränen kamen . » Köstlich ! Aber wie sind Sie denn zu diesem Bild gekommen ? « » Ich machte vor einigen Tagen eine Bergpartie , und da ist mir der Alte in der Nähe einer Sennhütte in den Weg gelaufen . Er stach mir gleich in die Augen , und so bat ich ihn , mir eine Stunde zu sitzen . « » Und das hat er getan ? « » Natürlich ! Er schien riesig geschmeichelt , als ich ihn Herr Förster titulierte . Und er wußte wohl auch , daß ich es nicht umsonst verlangte . « Kitty schien von einer Ekstase heiterer Laune befallen . » Und Sie wissen nicht , wer das ist ? Wirklich nicht ? « Vor Lachen vermochte sie kaum weiterzusprechen . » Das ist doch mein Papa ! « Forbeck trat verblüfft zurück . Er begriff nicht . Wie kam dieser alte » Waldbär « - vielleicht war er doch kein gewöhnlicher Waldaufseher , wie sein Äußeres vermuten ließ , sondern wirklich ein wohlbestallter Förster - aber wie kam ein schlichter Förster zu einer solchen Tochter mit diesem zierlichen Wuchs und diesem holden Gesichtchen - und noch mehr : zu einer Tochter in so vornehm gewählter Kleidung , mit schwedischen Handschuhen und dem eleganten Schuhwerk . Dieses Kleid und was dazu gehörte - das wog den halben Jahresverdienst eines Försters auf ! Da schoß ihm der Gedanke durch den Kopf : eine Theaterprinzessin ? Er wußte nicht , warum er diesen Gedanken so unangenehm empfand , fast wie einen Schmerz . Aber nein ! Er durfte nur in diese strahlenden Augen blicken , auf diesen kindlichen Mund , um den sinnlosen Einfall wieder zu verwerfen . Dadurch wurde die Sache für ihn noch unbegreiflicher . Der alte » Waldbär « , den er dort oben gefunden - der war echt ! An dem war nicht zu zweifeln ! Das Rätsel war dieses Mädchen . Schon wollte Forbeck eine Frage stellen , da ließen sich vor der Klause hastige Schritte vernehmen . Es wurde finster in der Tür , und Gundi Kleesberg stolperte über die Schwelle . » Kitty - « Nun sah sie den jungen Maler - das Licht des Fensters fiel hell auf sein Gesicht - und Gundi Kleesberg taumelte an die Wand , erschrocken wie vor dem Anblick eines Gespenstes . Verwundert blickte Forbeck auf die ihm fremde Dame , und Kitty stellte ihr Lachen ein . » Tantchen ? Was ist dir ? « Gundi Kleesberg schien sich zu erholen . » Aber so sprich doch ! Was ist dir ? « » Nichts , nichts ! Wer ist - dieser Herr ? « » Herr Maler Forbeck ! « stammelte Kitty , während der junge Mann sich verbeugte . Um über den unbehaglichen Augenblick hinüberzukommen , faßte Kitty das Skizzenbuch . » Tante Gundi , ich muß dir was zeigen , was Herr Forbeck gezeichnet hat , du wirst Augen machen - « Die Kleesberg hatte beim Klang dieses Namens , den sie noch nie in ihrem Leben gehört , erleichtert aufgeatmet . Scheu ließ sie die Augen an dem jungen Mann emporgleiten und schüttelte den Kopf . » Tantchen , sieh doch ! « Beim Klang dieser Stimme war Gundi Kleesberg plötzlich ihrer Stimme mächtig . Mit dem Zorn einer Furie schoß sie auf Kitty zu , umklammerte ihre Hand und schüttelte sie , daß das Skizzenbuch zu Boden fiel . » Laß das ! Und komm ! Das ist kein Ort für dich ! « Über Forbecks Gesicht flog brennende Röte . Dann hob er schweigend das Buch von der Erde . » Aber Tante ? « stammelte Kitty verlegen . » Komm ! « In ungestümer Hast zog die Kleesberg das junge Mädchen zur Tür hinaus . Kitty Lippen zuckten . » Aber Tante Gundi ! Herr Forbeck - « » Komm ! « Gundi Kleesberg hielt fest und suchte so schnell als möglich aus der Nähe der Klause zu kommen . » Aber Tante , ich bitte dich ! Herr Forbeck hat mich doch gerettet ! Was muß er denken von mir ! « » Komm nur ! « Tante Gundi schlug einen bei ihrer Schwerfälligkeit überraschenden Sturmschritt an . Das Staunen machte Kitty verstummen . Seit jenem Tag , an welchem Adelgunde von Kleesberg aus dem Stift gekommen war , um sich in eine sehr weitschichtige » Tante « zu verwandeln und die Obhut über das junge mutterlose Mädchen zu übernehmen - seit jenem Tage bis zu dieser Stunde hätte Kitty niemals ahnen mögen , daß in diesem » fleischgewordenen Schaukelstuhl « - wie Graf Egge das alte Fräulein getauft hatte - eine so wieselflinke Beweglichkeit verborgen läge . Kitty meinte ein Wunder zu sehen . Halb schmollend , halb lachend , ließ sie sich von Tante Gundi weiterziehen . Einmal blickte sie wohl über die Schulter zurück , aber die Klause war schon hinter der Felswand verschwunden . Da kam auch Franzl vom Seeufer hergelaufen und rief : » Ich hab a Schiffl ! « » Gott sei Dank ! « Gundi Kleesberg verhielt den stürmischen Schritt . Ihre Kräfte waren zu Ende . 3 Langsam glitt der Nachen über den stillen See , der unter den sinkenden Schatten des Abends in tiefgrünen Farben spielte . Hinter dem Schifflein lagen die den halben See umziehenden Berge mit ihren schwarzen Fichtenwäldern , mit den grauen Wänden und den grünen Almen in der Höhe , auf denen noch helle Sonne lag . Am Ufer , dem der Nachen entgegensteuerte , sah man einen belebten Gasthof und eine Reihe weißer Villen , aus deren einer die Solfeggien einer herrlichen Altstimme und die Töne eines Flügels erklangen . Hinter den roten Dächern der Villen dehnte sich ein welliges Gelände mit den zerstreuten Häuschen und Gehöften des Dorfes . An ihre Gärten schloß sich , von einer roten Mauer umzogen , ein weitgedehnter Park , über dessen kugelige Ulmenwipfel sich das Dach und die Türmchen von Schloß Hubertus erhoben . Von den Insassen des Nachens achtete niemand der Schönheit dieses Bildes , das nach dem reinigenden Gewitterregen in seinen Farben so frisch und so neu erschien , als wäre es eben jetzt aus der Hand des Schöpfers hervorgegangen . Der alte Schiffer führte , im Spiegel des Bootes stehend , in gleichmäßigem Takt das Ruder ; Franzl , der auf dem Schnabel des Schiffes ein nicht sehr bequemes Plätzchen gefunden , wischte mit dem Ärmel die Rostflecken von dem Lauf seiner Büchse ; und Kitty saß , dem Stiftsfräulein den Rücken kehrend , in schmollendes Brüten versunken . Plötzlich erwachte sie . Franzl hatte sie leis auf das Knie getippt und flüsterte : » Schauen S ' das alte Fräuln an ! « Kitty blickte über die Schulter zurück und erschrak vor dem kummervollen Anblick , den Tante Gundi bot . Breit lag ihr das rote Doppelkinn auf dem schwer atmenden Busen , tiefe Furchen kreuzten die Mundwinkel , und über die welken Wangen , von denen auch die letzte Spur der Schminke geschwunden war , kollerten dicke Perlen . Waren es Schweißtropfen oder Tränen ? Wohl beides zugleich . Aus dem zerfallenen Gesichte redete die Sprache eines tiefen , bedrückenden Schmerzes . Das fühlte Kitty , und im Augenblick war ihr Groll vergessen . Hurtig schwang sie die Füßchen über das Brett und faßte die Hände des Fräuleins . » Tante Gundi ! Was hast du ? « Die Kleesberg sah mit verstörten Augen auf , als hätte man sie bei einer bösen Tat ertappt . » Laß mich , du - « Sie wandte mit einem übelgelungenen Versuch von Würde das Gesicht und blickte krampfhaft ins Wasser , um ihre Tränen zu verbergen . Kitty schwieg . Mit scheuer Sorge hingen ihre Augen an Tante Gundi , und im stillen begann sie sich Vorwürfe zu machen . Sie wußte sich freilich keiner anderen Sünde zu zeihen als der einzigen , daß sie in der begreiflichen Ungeduld , nach langer Trennung den Vater um eine Stunde früher zu sehen , die erste Ursache zu dem für Gundi Kleesberg so übel verlaufenen Abenteuer gegeben hatte . An allem anderen war sie schuldlos . Alles andere war gekommen - sie wußte selbst nicht wie ! Knirschend fuhr der Nachen an das Ufer . Kaum hatte die Kleesberg festen Fuß unter sich , und kaum gewahrte sie die Gruppen der Schiffer und Sommergäste , da hatte sie ihre verlorene Fassung wiedergefunden . Der Seewirt , der die zum Schloß Hubertus gehörige Fischerei in Pacht hatte , kam gerannt , um den » gnädigen Damen « seine Aufwartung zu machen . Kitty reichte ihm freundlich die Hand , Gundi Kleesberg rauschte an ihm vorüber , mit dem Aplomb einer Königin , deren Würde mehr in die Breite ging als in die Höhe . Franzl schwang die Büchse auf den Rücken und wanderte davon . Bald verstummte hinter ihm der Lärm des belebten Ufers , und zwischen Haselnußstauden ging sein Weg über stille Wiesen . Ein paar hundert Schritte trennten ihn noch von seinem Haus . Nun führte der Fußweg gegen einen hohen Zaun , bei dem ein paar rohgezimmerte Stufen den Überstieg erleichterten ; und drüben lag ein schmaler , von zwei tischhohen Bretterplanken eingefaßter Pfad . Da hörte Franzl über den Zaum her eine Männerstimme - sie redete jene zweifelhafte Bauernsprache , die der Jäger manchmal in den Sennhütten von jungen Touristen zu hören bekam - und ihr erwiderte eine zornige Mädchenstimme : » Aus ' m Weg , du ! « Neugierig drückte Franzl die Haselnußzweige auseinander und gewahrte einen kniemageren Touristen , dessen Rucksack , Joppe und Lederhose an diesem Tage wohl zum erstenmal die Berge erblickt hatten ; quer in den Händen hielt er einen wahren Baum von Bergstock , mit dem er einem jungen , schmucken Mädel den schmalen Pfad verlegte . » ' s Zollheben is ' n alter Brauch , « erklärte der kühne Wegelagerer in seinem zweifelhaften Dialekt , » und drum sog i dir , du saubers Diandl , du kommst mir nit ummi , eh du nit dein Zoll zahlt hast . « » Gehst aus ' m Weg ? « » Nit um die Welt . Da müßt ich woltern erscht von dein süßen Göscherl mein Bussarl haben ! Und wann du ' s nit gern gibst - « Da griff das Mädel mit zwei gesunden Fäusten zu . » Wart , dir gib ich a Bußl , du Zibebenkramer ! « Zuerst machte der Bergstock einen Purzelbaum , dann sein Besitzer ; die morsche Bretterplanke krachte , und hinter ihr verschwand der besiegte Ritter , daß für eine kurze Weile nur noch seine frisch genagelten Schuhe zu sehen waren . Das Mädel wischte die Hände über die Hüften , näherte sich dem Überstieg , hörte das Gelächter des Jägers und gewahrte über dem Zaunrand sein braunes Gesicht mit den lustigen Augen , die in Wohlgefallen an ihr hingen . Franzl erkannte sie nicht , sie mußte eine Auswärtige sein . Das gestrickte braune Leibchen , das die Brust und die runden Arme knapp umschloß , und die weiße Halskrause - das war fremde Tracht . Aber woher auch immer , sie war in einer Luft gewachsen , die gesund und sauber macht . Und wie gut der halbverrauchte Zorn zu ihrem frischen , sonnverbrannten Gesichte stand , zu den blaugrauen Augen und der festen Stirn , über der die blonde Haarkrone sich so bedenklich verschoben hatte , daß die schweren Zöpfe zu fallen drohten . Der erste Blick , den sie auf den Jäger geworfen , war kein sonderlich freundlicher gewesen . Sie schien eine neue Wegsperre zu befürchten . Doch sein Lachen wirkte ansteckend , und sie lachte mit . » Madl ! Den hast bös auszahlt . « » Wie ' s ihm ghört hat ! So