Und was nun die Kinder angehe - bei welchem Wort er sich , Aug in Auge mit dem nur etwa um ein Dutzend Jahre jüngeren Innstetten , einen Ruck geben mußte - , nun , so sei Effi eben Effi und Geert Geert . Geert , wenn er nicht irre , habe die Bedeutung von einem schlank aufgeschossenen Stamm , und Effi sei dann also der Efeu , der sich darum zu ranken habe . Das Brautpaar sah sich bei diesen Worten etwas verlegen an , Effi zugleich mit einem Ausdruck kindlicher Heiterkeit , Frau von Briest aber sagte : » Briest , sprich , was du willst , und formuliere deine Toaste nach Gefallen , nur poetische Bilder , wenn ich dich bitten darf , laß beiseite , das liegt jenseits deiner Sphäre . « Zurechtweisende Worte , die bei Briest mehr Zustimmung als Ablehnung gefunden hatten . » Es ist möglich , daß du recht hast , Luise . « Gleich nach Aufhebung der Tafel beurlaubte sich Effi , um einen Besuch drüben bei Pastors zu machen . Unterwegs sagte sie sich : » Ich glaube , Hulda wird sich ärgern . Nun bin ich ihr doch zuvorgekommen - sie war immer zu eitel und eingebildet . « Aber Effi traf es mit ihrer Erwartung nicht ganz ; Hulda , durchaus Haltung bewahrend , benahm sich sehr gut und überließ die Bezeugung von Unmut und Ärger ihrer Mutter , der Frau Pastorin , die denn auch sehr sonderbare Bemerkungen machte . » Ja , ja , so geht es . Natürlich . Wenn ' s die Mutter nicht sein konnte , muß es die Tochter sein . Das kennt man . Alte Familien halten immer zusammen , und wo was is , kommt was dazu . « Der alte Niemeyer kam in arge Verlegenheit über diese fortgesetzten spitzen Redensarten ohne Bildung und Anstand und beklagte mal wieder , eine Wirtschafterin geheiratet zu haben . Von Pastors ging Effi natürlich auch zu Kantor Jahnkes ; die Zwillinge hatten schon nach ihr ausgeschaut und empfingen sie im Vorgarten . » Nun , Effi « , sagte Hertha , während alle drei zwischen den rechts und links blühenden Studentenblumen auf und ab schritten , » nun , Effi , wie ist dir eigentlich ? « » Wie mir ist ? Oh , ganz gut . Wir nennen uns auch schon du und bei Vornamen . Er heißt nämlich Geert , was ich euch , wie mir einfällt , auch schon gesagt habe . « » Ja , das hast du . Mir ist aber doch so bange dabei . Ist es denn auch der Richtige ? « » Gewiß ist es der Richtige . Das verstehst du nicht , Hertha . Jeder ist der Richtige . Natürlich muß er von Adel sein und eine Stellung haben und gut aussehen . « » Gott , Effi , wie du nur sprichst . Sonst sprachst du doch ganz anders . « » Ja , sonst . « » Und bist auch schon ganz glücklich ? « » Wenn man zwei Stunden verlobt ist , ist man immer ganz glücklich . Wenigstens denk ich es mir so . « » Und ist es dir denn gar nicht , ja , wie sag ich nur , ein bißchen genant ? « » Ja , ein bißchen genant ist es mir , aber doch nicht sehr . Und ich denke , ich werde darüber wegkommen . « Nach diesem im Pfarr- und Kantorhause gemachten Besuche , der keine halbe Stunde gedauert hatte , war Effi wieder nach drüben zurückgekehrt , wo man auf der Gartenveranda eben den Kaffee nehmen wollte . Schwiegervater und Schwiegersohn gingen auf dem Kieswege zwischen den zwei Platanen auf und ab . Briest sprach von dem Schwierigen einer landrätlichen Stellung ; sie sei ihm verschiedentlich angetragen worden , aber er habe jedesmal gedankt . » So nach meinem eigenen Willen schalten und walten zu können ist mir immer das liebste gewesen , jedenfalls lieber - Pardon , Innstetten - , als so die Blicke beständig nach oben richten zu müssen . Man hat dann bloß immer Sinn und Merk für hohe und höchste Vorgesetzte . Das ist nichts für mich . Hier leb ich so freiweg und freue mich über jedes grüne Blatt und über den wilden Wein , der da drüben in die Fenster wächst . « Er sprach noch mehr dergleichen , allerhand Antibeamtliches , und entschuldigte sich von Zeit zu Zeit mit einem kurzen , verschiedentlich wiederkehrenden » Pardon , Innstetten « . Dieser nickte mechanisch zustimmend , war aber eigentlich wenig bei der Sache , sah vielmehr , wie gebannt , immer aufs neue nach dem drüben am Fenster rankenden wilden Wein hinüber , von dem Briest eben gesprochen , und während er dem nachhing , war es ihm , als säh er wieder die rotblonden Mädchenköpfe zwischen den Weinranken und höre dabei den übermütigen Zuruf : » Effi , komm . « Er glaubte nicht an Zeichen und ähnliches , im Gegenteil , wies alles Abergläubische weit zurück . Aber er konnte trotzdem von den zwei Worten nicht los , und während Briest immer weiter perorierte , war es ihm beständig , als wäre der kleine Hergang doch mehr als ein bloßer Zufall gewesen . Innstetten , der nur einen kurzen Urlaub genommen , war schon am folgenden Tage wieder abgereist , nachdem er versprochen hatte , jeden Tag schreiben zu wollen . » Ja , das mußt du « , hatte Effi gesagt , ein Wort , das ihr von Herzen kam , da sie seit Jahren nichts Schöneres kannte als beispielsweise den Empfang vieler Geburtstagsbriefe . Jeder mußte ihr zu diesem Tage schreiben . In den Brief eingestreute Wendungen , etwa wie » Gertrud und Klara senden Dir mit mir ihre herzlichsten Glückwünsche « , waren verpönt : Gertrud und Klara , wenn sie Freundinnen sein wollten , hatten dafür zu sorgen , daß ein Brief mit selbständiger Marke daläge , womöglich - denn ihr Geburtstag fiel noch in die Reisezeit - mit einer fremden , aus der Schweiz oder Karlsbad . Innstetten , wie versprochen , schrieb wirklich jeden Tag ; was aber den Empfang seiner Briefe ganz besonders angenehm machte , war der Umstand , daß er allwöchentlich nur einmal einen ganz kleinen Antwortbrief erwartete . Den erhielt er denn auch , voll reizend nichtigen und ihn jedesmal entzückenden Inhalts . Was es von ernsteren Dingen zu besprechen gab , das verhandelte Frau von Briest mit ihrem Schwiegersohne : Festsetzungen wegen der Hochzeit , Ausstattungs-und Wirtschafts- Einrichtungsfragen . Innstetten , schon an die drei Jahre im Amt , war in seinem Kessiner Hause nicht glänzend , aber doch sehr standesgemäß eingerichtet , und es empfahl sich , in der Korrespondenz mit ihm , ein Bild von allem , was da war , zu gewinnen , um nichts Unnützes anzuschaffen . Schließlich , als Frau von Briest über all diese Dinge genugsam unterrichtet war , wurde seitens Mutter und Tochter eine Reise nach Berlin beschlossen , um , wie Briest sich ausdrückte , den » Trousseau « für Prinzessin Effi zusammenzukaufen . Effi freute sich sehr auf den Aufenthalt in Berlin , um so mehr , als der Vater darein gewilligt hatte , im Hotel du Nord Wohnung zu nehmen . » Was es koste , könne ja von der Ausstattung abgezogen werden ; Innstetten habe ohnehin alles . « Effi - ganz im Gegensatze zu der solche » Mesquinerien « ein für allemal sich verbittenden Mama - hatte dem Vater , ohne jede Sorge darum , ob er ' s scherz- oder ernsthaft gemeint hatte , freudig zugestimmt und beschäftigte sich in ihren Gedanken viel , viel mehr mit dem Eindruck , den sie beide , Mutter und Tochter , bei ihrem Erscheinen an der Table d ' hôte machen würden , als mit Spinn und Mencke , Goschenhofer und ähnlichen Firmen , die vorläufig notiert worden waren . Und diesen ihren heiteren Phantasien entsprach denn auch ihre Haltung , als die große Berliner Woche nun wirklich da war . Vetter Briest vom Alexander-Regiment , ein ungemein ausgelassener , junger Leutnant , der die » Fliegenden Blätter « hielt und über die besten Witze Buch führte , stellte sich den Damen für jede dienstfreie Stunde zur Verfügung , und so saßen sie denn mit ihm bei Kranzler am Eckfenster oder zu statthafter Zeit auch wohl im Café Bauer und fuhren nachmittags in den Zoologischen Garten , um da die Giraffen zu sehen , von denen Vetter Briest , der übrigens Dagobert hieß , mit Vorliebe behauptete : » sie sähen aus wie adlige alte Jungfern « . Jeder Tag verlief programmäßig , und am dritten oder vierten Tage gingen sie , wie vorgeschrieben , in die Nationalgalerie , weil Vetter Dagobert seiner Cousine die » Insel der Seligen « zeigen wollte . » Fräulein Cousine stehe zwar auf dem Punkte , sich zu verheiraten , es sei aber doch vielleicht gut , die Insel der Seligen schon vorher kennengelernt zu haben . « Die Tante gab ihm einen Schlag mit dem Fächer , begleitete diesen Schlag aber mit einem so gnädigen Blick , daß er keine Veranlassung hatte , den Ton zu ändern . Es waren himmlische Tage für alle drei , nicht zum wenigsten für den Vetter , der so wundervoll zu chaperonieren und kleine Differenzen immer rasch auszugleichen verstand . An solchen Meinungsverschiedenheiten zwischen Mutter und Tochter war nun , wie das so geht , all die Zeit über kein Mangel , aber sie traten glücklicherweise nie bei den zu machenden Einkäufen hervor . Ob man von einer Sache sechs oder drei Dutzend erstand , Effi war mit allem gleichmäßig einverstanden , und wenn dann auf dem Heimwege von dem Preise der eben eingekauften Gegenstände gesprochen wurde , so verwechselte sie regelmäßig die Zahlen . Frau von Briest , sonst so kritisch , auch ihrem eigenen geliebten Kinde gegenüber , nahm dies anscheinend mangelnde Interesse nicht nur von der leichten Seite , sondern erkannte sogar einen Vorzug darin . » Alle diese Dinge « , so sagte sie sich , » bedeuten Effi nicht viel . Effi ist anspruchslos ; sie lebt in ihren Vorstellungen und Träumen , und wenn die Prinzessin Friedrich Karl vorüberfährt und sie von ihrem Wagen aus freundlich grüßt , so gilt ihr das mehr als eine ganze Truhe voll Weißzeug . « Das alles war auch richtig , aber doch nur halb . An dem Besitze mehr oder weniger alltäglicher Dinge lag Effi nicht viel , aber wenn sie mit der Mama die Linden hinauf und hinunter ging und nach Musterung der schönsten Schaufenster in den Demuthschen Laden eintrat , um für die gleich nach der Hochzeit geplante italienische Reise allerlei Einkäufe zu machen , so zeigte sich ihr wahrer Charakter . Nur das Eleganteste gefiel ihr , und wenn sie das Beste nicht haben konnte , so verzichtete sie auf das Zweitbeste , weil ihr dies Zweite nun nichts mehr bedeutete . Ja , sie konnte verzichten , darin hatte die Mama recht , und in diesem Verzichtenkönnen lag etwas von Anspruchslosigkeit ; wenn es aber ausnahmsweise mal wirklich etwas zu besitzen galt , so mußte dies immer was ganz Apartes sein . Und darin war sie anspruchsvoll . Viertes Kapitel Vetter Dagobert war am Bahnhof , als die Damen ihre Rückreise nach Hohen-Cremmen antraten . Es waren glückliche Tage gewesen , vor allem auch darin , daß man nicht unter unbequemer und beinahe unstandesgemäßer Verwandtschaft gelitten hatte . » Für Tante Therese « , so hatte Effi gleich nach der Ankunft gesagt , » müssen wir diesmal inkognito bleiben . Es geht nicht , daß sie hier ins Hotel kommt . Entweder Hotel du Nord oder Tante Therese ; beides zusammen paßt nicht . « Die Mama hatte sich schließlich einverstanden damit erklärt , ja dem Lieblinge zur Besiegelung des Einverständnisses einen Kuß auf die Stirn gegeben . Mit Vetter Dagobert war das natürlich etwas ganz anderes gewesen , der hatte nicht bloß den Gardepli , der hatte vor allem auch mit Hülfe jener eigentümlich guten Laune , wie sie bei den Alexanderoffizieren beinahe traditionell geworden , sowohl Mutter wie Tochter von Anfang an anzuregen und aufzuheitern gewußt , und diese gute Stimmung dauerte bis zuletzt . » Dagobert « , so hieß es noch beim Abschied , » du kommst also zu meinem Polterabend , und natürlich mit Cortège . Denn nach den Aufführungen ( aber kommt mir nicht mit Dienstmann oder Mausefallenhändler ) ist Ball . Und du mußt bedenken , mein erster großer Ball ist vielleicht auch mein letzter . Unter sechs Kameraden - natürlich beste Tänzer wird gar nicht angenommen . Und mit dem Frühzug könnt ihr wieder zurück . « Der Vetter versprach alles , und so trennte man sich . Gegen Mittag trafen beide Damen an ihrer havelländischen Bahnstation ein , mitten im Luch , und fuhren in einer halben Stunde nach Hohen-Cremmen hinüber . Briest war sehr froh , Frau und Tochter wieder zu Hause zu haben , und stellte Fragen über Fragen , deren Beantwortung er meist nicht abwartete . Statt dessen erging er sich in Mitteilung dessen , was er inzwischen erlebt . » Ihr habt mir da vorhin von der Nationalgalerie gesprochen und von der Insel der Seligen - nun , wir haben hier , während ihr fort wart , auch so was gehabt : unser Inspektor Pink und die Gärtnersfrau . Natürlich habe ich Pink entlassen müssen , übrigens ungern . Es ist sehr fatal , daß solche Geschichten fast immer in die Erntezeit fallen . Und Pink war sonst ein ungewöhnlich tüchtiger Mann , hier leider am unrechten Fleck . Aber lassen wir das ; Wilke wird schon unruhig . « Bei Tische hörte Briest besser zu ; das gute Einvernehmen mit dem Vetter , von dem ihm viel erzählt wurde , hatte seinen Beifall , weniger das Verhalten gegen Tante Therese . Man sah aber deutlich , daß er inmitten seiner Mißbilligung sich eigentlich darüber freute ; denn ein kleiner Schabernack entsprach ganz seinem Geschmack , und Tante Therese war wirklich eine lächerliche Figur . Er hob sein Glas und stieß mit Frau und Tochter an . Auch als nach Tisch einzelne der hübschesten Einkäufe vor ihm ausgepackt und seiner Beurteilung unterbreitet wurden , verriet er viel Interesse , das selbst noch anhielt , oder wenigstens nicht ganz hinstarb , als er die Rechnung überflog . » Etwas teuer , oder sagen wir lieber sehr teuer ; indessen es tut nichts . Es hat alles so viel Chic , ich möchte sagen so viel Animierendes , daß ich deutlich fühle , wenn du mir solchen Koffer und solche Reisedecke zu Weihnachten schenkst , so sind wir zu Ostern auch in Rom und machen nach achtzehn Jahren unsere Hochzeitsreise . Was meinst du , Luise ? Wollen wir nachexerzieren ? Spät kommt ihr , doch ihr kommt . « Frau von Briest machte eine Handbewegung , wie wenn sie sagen wollte : » unverbesserlich « , und überließ ihn im übrigen seiner eigenen Beschämung , die aber nicht groß war . Ende August war da , der Hochzeitstag ( 3. Oktober ) rückte näher , und sowohl im Herrenhause wie in der Pfarre und Schule war man unausgesetzt bei den Vorbereitungen zum Polterabend . Jahnke , getreu seiner Fritz-Reuter-Passion , hatte sich ' s als etwas besonders » Sinniges « ausgedacht , Bertha und Hertha als Lining und Mining auftreten zu lassen , natürlich plattdeutsch , während Hulda das Käthchen von Heilbronn in der Holunderbaumszene darstellen sollte , Leutnant Engelbrecht von den Husaren als Wetter vom Strahl . Niemeyer , der sich den Vater der Idee nennen durfte , hatte keinen Augenblick gesäumt , auch die verschämte Nutzanwendung auf Innstetten und Effi hinzuzudichten . Er selbst war mit seiner Arbeit zufrieden und hörte , gleich nach der Leseprobe , von allen Beteiligten viel Freundliches darüber , freilich mit Ausnahme seines Patronatsherrn und alten Freundes Briest , der , als er die Mischung von Kleist und Niemeyer mit angehört hatte , lebhaft protestierte , wenn auch keineswegs aus literarischen Gründen . » Hoher Herr und immer wieder hoher Herr - was soll das ? Das leitet in die Irre , das verschiebt alles . Innstetten , unbestritten , ist ein famoses Menschenexemplar , Mann von Charakter und Schneid , aber die Briests - verzeih den Berolinismus , Luise - , die Briests sind schließlich auch nicht von schlechten Eltern . Wir sind doch nun mal eine historische Familie , laß mich hinzufügen Gott sei Dank , und die Innstettens sind es nicht ; die Innstettens sind bloß alt , meinetwegen Uradel , aber was heißt Uradel ? Ich will nicht , daß eine Briest oder doch mindestens eine Polterabendfigur , in der jeder das Widerspiel unserer Effi erkennen muß - ich will nicht , daß eine Briest mittelbar oder unmittelbar in einem fort von hoher Herr spricht . Da müßte denn doch Innstetten wenigstens ein verkappter Hohenzoller sein , es gibt ja dergleichen . Das ist er aber nicht , und so kann ich nur wiederholen , es verschiebt die Situation . « Und wirklich , Briest hielt mit besonderer Zähigkeit eine ganze Zeitlang an dieser Anschauung fest . Erst nach der zweiten Probe , wo das » Käthchen « , schon halb im Kostüm , ein sehr eng anliegendes Sammetmieder trug , ließ er sich - der es auch sonst nicht an Huldigungen gegen Hulda fehlen ließ -zu der Bemerkung hinreißen , » das Käthchen liege sehr gut da « , welche Wendung einer Waffenstreckung ziemlich gleichkam oder doch zu solcher hinüberleitete . Daß alle diese Dinge vor Effi geheimgehalten wurden , braucht nicht erst gesagt zu werden . Bei mehr Neugier auf seiten dieser letzteren wäre das nun freilich ganz unmöglich gewesen , aber Effi hatte so wenig Verlangen , in die Vorbereitungen und geplanten Überraschungen einzudringen , daß sie der Mama mit allem Nachdruck erklärte , » sie könne es abwarten « , und wenn diese dann zweifelte , so schloß Effi mit der wiederholten Versicherung : es wäre wirklich so ; die Mama könne es glauben . Und warum auch nicht ? Es sei ja doch alles nur Theateraufführung , und hübscher und poetischer als » Aschenbrödel « , das sie noch am letzten Abend in Berlin gesehen hätte , hübscher und poetischer könne es ja doch nicht sein . Da hätte sie wirklich selber mitspielen mögen , wenn auch nur , um dem lächerlichen Pensionslehrer einen Kreidestrich auf den Rücken zu machen . » Und wie reizend im letzten Akt Aschenbrödels Erwachen als Prinzessin oder doch wenigstens als Gräfin ; wirklich , es war ganz wie ein Märchen . « In dieser Weise sprach sie oft , war meist ausgelassener als vordem und ärgerte sich bloß über das beständige Tuscheln und Geheimtun der Freundinnen . » Ich wollte , sie hätten sich weniger wichtig und wären mehr für mich da . Nachher bleiben sie doch bloß stecken , und ich muß mich um sie ängstigen und mich schämen , daß es meine Freundinnen sind . « So gingen Effis Spottreden , und es war ganz unverkennbar , daß sie sich um Polterabend und Hochzeit nicht allzusehr kümmerte . Frau von Briest hatte so ihre Gedanken darüber , aber zu Sorgen kam es nicht , weil sich Effi , was doch ein gutes Zeichen war , ziemlich viel mit ihrer Zukunft beschäftigte und sich , phantasiereich , wie sie war , viertelstundenlang in Schilderungen ihres Kessiner Lebens erging , Schilderungen , in denen sich nebenher , und sehr zur Erheiterung der Mama , eine merkwürdige Vorstellung von Hinterpommern aussprach oder vielleicht auch , mit kluger Berechnung , aussprechen sollte . Sie gefiel sich nämlich darin , Kessin als einen halb sibirischen Ort aufzufassen , wo Eis und Schnee nie recht aufhörten . » Heute hat Goschenhofer das letzte geschickt « , sagte Frau von Briest , als sie wie gewöhnlich in Front des Seitenflügels mit Effi am Arbeitstische saß , auf dem die Leinen- und Wäschevorräte beständig wuchsen , während der Zeitungen , die bloß Platz wegnahmen , immer weniger wurden . » Ich hoffe , du hast nun alles , Effi . Wenn du aber noch kleine Wünsche hegst , so mußt du sie jetzt aussprechen , womöglich in dieser Stunde noch . Papa hat den Raps vorteilhaft verkauft und ist ungewöhnlich guter Laune . « » Ungewöhnlich ? Er ist immer in guter Laune . « » In ungewöhnlich guter Laune « , wiederholte die Mama . » Und die muß benutzt werden . Sprich also . Mehrmals , als wir noch in Berlin waren , war es mir , als ob du doch nach dem einen oder anderen noch ein ganz besonderes Verlangen gehabt hättest . « » Ja , liebe Mama , was soll ich da sagen . Eigentlich habe ich ja alles , was man braucht , ich meine , was man hier braucht . Aber da mir ' s nun mal bestimmt ist , so hoch nördlich zu kommen ... ich bemerke , daß ich nichts dagegen habe , im Gegenteil , ich freue mich darauf , auf die Nordlichter und auf den helleren Glanz der Sterne ... , da mir ' s nun mal so bestimmt ist , so hätte ich wohl gern einen Pelz gehabt . « » Aber Effi , Kind , das ist doch alles bloß leere Torheit . Du kommst ja nicht nach Petersburg oder nach Archangel . « » Nein ; aber ich bin doch auf dem Wege dahin ... « » Gewiß , Kind . Auf dem Wege dahin bist du ; aber was heißt das ? Wenn du von hier nach Nauen fährst , bist du auch auf dem Wege nach Rußland . Im übrigen , wenn du ' s wünschst , so sollst du einen Pelz haben . Nur das laß mich im voraus sagen , ich rate dir davon ab . Ein Pelz ist für ältere Personen , selbst deine alte Mama ist noch zu jung dafür , und wenn du mit deinen siebzehn Jahren in Nerz oder Marder auftrittst , so glauben die Kessiner , es sei eine Maskerade . « Das war am 2. September , daß sie so sprachen , ein Gespräch , das sich wohl fortgesetzt hätte , wenn nicht gerade Sedantag gewesen wäre . So aber wurden sie durch Trommel- und Pfeifenklang unterbrochen , und Effi , die schon vorher von dem beabsichtigten Aufzuge gehört , aber es wieder vergessen hatte , stürzte mit einem Male von dem gemeinschaftlichen Arbeitstische fort und an Rondell und Teich vorüber auf einen kleinen , an die Kirchhofsmauer angebauten Balkon zu , zu dem sechs Stufen , nicht viel breiter als Leitersprossen , hinaufführten . Im Nu war sie oben , und richtig , da kam auch schon die ganze Schuljugend heran , Jahnke gravitätisch am rechten Flügel , während ein kleiner Tambourmajor , weit voran , an der Spitze des Zuges marschierte , mit einem Gesichtsausdruck , als ob ihm obläge , die Schlacht bei Sedan noch einmal zu schlagen . Effi winkte mit dem Taschentuch , und der Begrüßte versäumte nicht , mit seinem blanken Kugelstock zu salutieren . Eine Woche später saßen Mutter und Tochter wieder am alten Fleck , auch wieder mit ihrer Arbeit beschäftigt . Es war ein wunderschöner Tag , der in einem zierlichen Beet um die Sonnenuhr herum stehende Heliotrop blühte noch , und die leise Brise , die ging , trug den Duft davon zu ihnen herüber . » Ach , wie wohl ich mich fühle « , sagte Effi , » so wohl und so glücklich ; ich kann mir den Himmel nicht schöner denken . Und am Ende , wer weiß , ob sie im Himmel so wundervollen Heliotrop haben . « » Aber Effi , so darfst du nicht sprechen : das hast du von deinem Vater , dem nichts heilig ist und der neulich sogar sagte : Niemeyer sähe aus wie Lot . Unerhört . Und was soll es nur heißen ? Erstlich weiß er nicht , wie Lot ausgesehen hat , und zweitens ist es eine grenzenlose Rücksichtslosigkeit gegen Hulda . Ein Glück , daß Niemeyer nur die einzige Tochter hat , dadurch fällt es eigentlich in sich zusammen . In einem freilich hat er nur zu sehr recht gehabt , in all und jedem , was er über Lots Frau , unsere gute Frau Pastorin , sagte , die uns denn auch wirklich wieder mit ihrer Torheit und Anmaßung den ganzen Sedantag ruinierte . Wobei mir übrigens einfällt , daß wir , als Jahnke mit der Schule vorbeikam , in unserem Gespräche unterbrochen wurden - wenigstens kann ich mir nicht denken , daß der Pelz , von dem du damals sprachst , dein einziger Wunsch gewesen sein sollte . Laß mich also wissen , Schatz , was du noch weiter auf dem Herzen hast . « » Nichts , Mama . « » Wirklich nichts ? « » Nein , wirklich nichts ; ganz im Ernste ... Wenn es aber doch am Ende was sein sollte ... « » Nun ... « » ... So müßt es ein japanischer Bettschirm sein , schwarz und goldene Vögel darauf , alle mit einem langen Kranichschnabel ... Und dann vielleicht auch noch eine Ampel für unser Schlafzimmer , mit rotem Schein . « Frau von Briest schwieg . » Nun siehst du , Mama , du schweigst und siehst aus , als ob ich etwas besonders Unpassendes gesagt hätte . « » Nein , Effi , nichts Unpassendes . Und vor deiner Mutter nun schon gewiß nicht . Denn ich kenne dich ja . Du bist eine phantastische kleine Person , malst dir mit Vorliebe Zukunftsbilder aus , und je farbenreicher sie sind , desto schöner und begehrlicher erscheinen sie dir . Ich sah das so recht , als wir die Reisesachen kauften . Und nun denkst du dir ' s ganz wundervoll , einen Bettschirm mit allerhand fabelhaftem Getier zu haben , alles im Halblicht einer roten Ampel . Es kommt dir vor wie ein Märchen , und du möchtest eine Prinzessin sein . « Effi nahm die Hand der Mama und küßte sie . » Ja , Mama , so bin ich . « » Ja , so bist du . Ich weiß es wohl . Aber meine liebe Effi , wir müssen vorsichtig im Leben sein , und zumal wir Frauen . Und wenn du nun nach Kessin kommst , einem kleinen Ort , wo nachts kaum eine Laterne brennt , so lacht man über dergleichen . Und wenn man bloß lachte . Die , die dir ungewogen sind , und solche gibt es immer , sprechen von schlechter Erziehung , und manche sagen auch wohl noch Schlimmeres . « » Also nichts Japanisches und auch keine Ampel . Aber ich bekenne dir , ich hatte es mir so schön und poetisch gedacht , alles in einem roten Schimmer zu sehen . « Frau von Briest war bewegt . Sie stand auf und küßte Effi . » Du bist ein Kind . Schön und poetisch . Das sind so Vorstellungen . Die Wirklichkeit ist anders , und oft ist es gut , daß es statt Licht und Schimmer ein Dunkel gibt . « Effi schien antworten zu wollen , aber in diesem Augenblicke kam Wilke und brachte Briefe . Der eine war aus Kessin von Innstetten . » Ach , von Geert « , sagte Effi , und während sie den Brief beiseite steckte , fuhr sie in ruhigem Tone fort : » Aber das wirst du doch gestatten , daß ich den Flügel schräg in die Stube stelle . Daran liegt mir mehr als an einem Kamin , den mir Geert versprochen hat . Und das Bild von dir , das stell ich dann auf eine Staffelei ; ganz ohne dich kann ich nicht sein . Ach , wie werd ich mich nach euch sehnen , vielleicht auf der Reise schon und dann in Kessin ganz gewiß . Es soll ja keine Garnison haben , nicht einmal einen Stabsarzt , und ein Glück , daß es wenigstens ein Badeort ist . Vetter Briest , und daran will ich mich aufrichten , dessen Mutter und Schwester immer nach Warnemünde gehen - nun , ich sehe doch wirklich nicht ein , warum der die lieben Verwandten nicht auch einmal nach Kessin hin dirigieren sollte . Dirigieren , das klingt ohnehin so nach Generalstab , worauf er , glaub ich , ambiert . Und dann kommt er natürlich mit und wohnt bei uns . Übrigens haben die Kessiner , wie mir neulich erst wer erzählt hat , ein ziemlich großes Dampfschiff , das zweimal die Woche nach Schweden hinüberfährt . Und auf dem Schiffe ist dann Ball ( sie haben da natürlich auch Musik ) , und er tanzt sehr gut ... « » Wer ? « » Nun , Dagobert . « » Ich dachte , du meintest Innstetten . Aber jedenfalls ist es an der Zeit , endlich zu wissen , was er schreibt ... Du hast ja den Brief noch in der Tasche . « » Richtig . Den hätt ich fast vergessen . « Und sie öffnete den Brief und überflog ihn . » Nun , Effi , kein Wort ? Du strahlst nicht und lachst nicht einmal . Und er schreibt doch immer so heiter und unterhaltlich und gar nicht väterlich weise . « » Das würd ich mir auch verbitten . Er hat sein Alter , und ich habe meine Jugend . Und ich würde ihm mit dem Finger drohen und ihm sagen : Geert , überlege , was besser ist . « » Und dann würde er dir antworten : Was du hast