» Ja , die soll jedesmal aushelfen . Aber mit einemmal ist sie doch weg . « » Was schließlich auch nichts täte « , fuhr Manon beschwichtigend fort . » Dann schenken uns Bartensteins eine neue : Frau Bartenstein sagte mir noch neulich : Liebe Manon , haben Sie denn gar keinen Wunsch ? Ja , Mama , so liegt es , Gott sei Dank , und ich bin nur traurig , daß ich heute abend , wenn Leo kaum angekommen ist , auf die Polterabendprobe muß . Aber am Ende könnt ich ihn mitnehmen . Ich habe schon lange meine Gedanken darüber und möchte mich verwetten , daß Flora sich aufrichtig freuen würde . « » Du vergißt immer , daß er des Königs Rock trägt . « » Ach , Therese , das ist ja kleinlich und altmodisch und ganz überholt . Unser Kronprinz ist Kronprinz und trägt auch des Königs Rock , und wenn er noch nicht bei Bartensteins war , so war er doch woanders . Aber ebenso . « » Nun , wir werden ja sehen « , sagte Therese , die zwar kritisch zu den Bartensteins stand , aber schließlich auch froh war , daß sie existierten . Drittes Kapitel Der nächste Tag kam . Als es am Nachmittag schon dämmerte , hielt eine Droschke vor dem Hause , und Mutter und Töchter sahen alsbald vom Fenster aus , wie Friederike nach vergnüglicher Begrüßung mit Leo den kleinen Offizierskoffer vom Kutscherbock nahm und an Agnes Nebelung vorbei - die , weil sie den Leutnant gern sehen wollte , dicht neben dem Trottoir Aufstellung genommen - auf die Haustür zuschritt . Leo folgte . Schon auf der von den Schwestern en échelon besetzten Treppe wurden Küsse gewechselt , oben aber stand die Mama . » Tag , meine gute Alte « , und nun wieder ein Kuß . Allerhand konfuse Sätze , die gar nicht paßten , flogen hin und her , und nun trat Leo von der guten Stube her in das einfensterige Wohnzimmer , legte Paletot und Säbel ab , zupfte vor dem Spiegel seinen etwas raufgerutschten Waffenrock zurecht und sagte , während er sich mit einem strammen Ruck vom Spiegel her umdrehte : » Na , Kinder , da wär ich mal wieder . Wie findet ihr mich ? « » Oh , wundervoll . « » Danke schön . So was tut immer wohl , wenn ' s auch nicht wahr ist , man kann beinahe sagen , es erquickt . Aber apropos , Erquickung . Trotz der frischen Luft , ich bin kolossal durstig ; seit sieben Stunden nichts als eine Sardellensemmel ; wenn ihr ein Glas Bier hättet . « » Gewiß , gewiß . Friederike kann ein Seidel echtes holen . « » Nein , nein ; nichts holen . Und wozu ? Wasser tut ' s auch « , und er stürzte mit einem Zug ein Glas Wasser hinunter , das ihm Manon gereicht hatte . » Brr . Aber gut . « » Du bist so hastig « , sagte Manon . » Das bekommt dir nicht . Ich denke , du trinkst nun erst eine Tasse Kaffee . Wir haben jetzt halb fünf . Und um sieben dann einen Imbiß . « » Sehr gut , Manon , sehr gut . Nur die Reihenfolge läßt sich vielleicht ändern . Das Wasser hab ich intus ; nehme ich nun auch noch gleich den Kaffee , so gibt das zuviel Flüssigkeit , nutzlose Magenerweiterung , also so gut wie Schwächung . Und man braucht seine Kräfte , oder , sagen wir , das Vaterland braucht sie . « » Du meinst also ... « » Ich möchte mir zu meinen erlauben : Umkehr der Wissenschaft ; erst Imbiß , dann Kaffee . Denn wenn mein Durst groß war , mein Hunger kommt gleich danach . In sieben Stunden ... « » Das hast du ja schon gesagt . « » Ja , Wahrheiten drängen sich immer wieder auf . Nun sagt , was habt ihr ? « » Eine Ente . « » Kapital . « » Aber sie hängt noch oben am Bodenfenster und ist auch noch alles dran und drin . Also eine Sache von zwei Stunden ... « » Etwas lange . « » ... Doch ich glaube , ich weiß Rat . Wir nehmen die Leber heraus , und in einer Viertelstunde hast du sie gebraten auf dem Teller . Willst du sie mit Äpfel oder Zwiebel ? « » Mit beiden . Nur nichts ablehnen , wenn es der Anstand nicht absolut erfordert . « » Du kennst also doch Fälle « , sagte Therese . » Natürlich kenn ich Fälle , natürlich . Aber nun sage mir , liebe Alte , wie geht es dir eigentlich ? Immer noch Schmerzen hierherum ? « » Ja , Leo , jede Nacht . « » Weiß der Himmel , daß die Doktors auch gar nichts können . Sieh hier meinen Zeigefinger , neulich umgeknickt , das heißt , ' s ist schon ein Vierteljahr , und immer dieselbe Schwäche . Vielleicht muß ich den Abschied nehmen . « » Ach , rede doch nicht so « , unterbrach Therese . » Die Poggenpuhls nehmen nicht den Abschied . « » Dann kriegen sie ihn . « » Sie kriegen ihn auch nicht . Der da « ( und sie wies auf den » Hochkircher « ) » ist unvergessen und der Sohrsche auch und Papa auch . Der Kaiser weiß , was er an uns hat . « » Ja , Therese , was hat er an uns ? « » Er hat unsre Gesinnung und die Gewißheit der Treue bis auf den letzten Blutstropfen . « » Nun ja , ja , das hat er ... Aber sage , Mutter , hast du denn schon böten lassen ? « » Böten ? « » Ja , böten . Böten ist pusten und besprechen oder so was wie mit Sympathie . Das hilft immer . Wir haben da eine alte Pohlsche , sowie die lospustet , ist es weg ... Apropos , ist denn noch Weihnachtsmarkt ? « » Ich glaube , er ist noch oder wenigstens ein bißchen . « » Ein paar Buden werden ja wohl noch stehen , und da müssen wir hin , Kinder . Herr Jraf , einen Dreier , so was Klassisches will ich mal wieder hören . Und dann gehen wir zu Helms und trinken Grog oder Schokolade mit Schlagsahne und dann in die Reichshallen . « » Oh , das ist ein glücklicher Einfall « , sagte Manon . » Nicht wahr , Sophie ? Du bist so still ; sprich doch auch ... Für Therese wird es wohl nicht passen , sie wird die Reichshallen nicht vornehm genug finden . Aber zwei Schwestern ist auch genug , und ich freue mich herzlich . Nur mußt du ' s so einrichten , daß wir etwa um neun bei Bartensteins sind oder doch nicht viel später . Ja , Leo , bis in die Voßstraße mußt du uns dann bringen . « » Gern . Aber wozu ? Was ist denn da los ? « » Polterabendprobe . Seraphine Schweriner , eine Cousine von Flora , verheiratet sich in vierzehn Tagen , und da haben wir seit Weihnachten immer Proben . Ich spiele mit , sogar zweimal , erst Quirlmädchen , dann Slowake mit Mausefallen . Ich soll reizend aussehen . « » Natürlich . « » Und Sophie hat ein Transparent gemalt und den Prolog gedichtet . Aber sie will ihn nicht sprechen . « » Das mußt du dann am Ende auch noch . « » Vielleicht ; aber jedenfalls nicht gern . Prolog ist immer zu langweilig . Jeder ist immer froh , wenn es damit vorbei ist . Aber ob ja oder nein , davon sprechen wir unterwegs , vorausgesetzt , daß sich unterwegs überhaupt ein Gespräch führen läßt . Denn man muß jetzt sehr aufpassen : es ist abends immer so neblig . Überhaupt , Berliner Luft ... « » Ach , rede doch nicht so was , Manon . Berlin hat die feinste Luft von der Welt . Ich kann dir sagen , daß ich froh bin , mal wieder ein bißchen drin herumschnuppern zu können . Nebel ; Nebel ist ganz egal , Nebel ist was Äußerliches , und alles Äußerliche bedeutet nichts . Innen steckt es , innen lebt die schaffende Gewalt , immer frisch , froh und frei ; - fromm schenk ich mir , verzeih , Therese ... Gott , unser Nest da , das hat die reinste Luft , immer Ostwind und dergleichen , und wer nicht fest auf der Bost ist « , und er gab sich einen Schlag auf die Brust , » der hat eine Lungenentzündung weg , er weiß nicht wie . Also wir haben die reinste Luft , keine Frage . Und doch sag ich euch , immer stickig , immer eng , immer klein . Wenn der Oberst niest , hört es der Posten vorm Gewehr und präsentiert . Greulich . Wenn nicht das bißchen Jeu wäre und die paar Judenmädchen ... « » Aber Leo ... « » Oder die paar Christenmädchen ; bloß die Jüdinnen sind hübscher . « » Ihr müßt aber doch geistige Beschäftigung haben ? « » I bewahre . Dazu ist ja gar keine Zeit . Ich überschlage bloß dann und wann meine Schulden und rechne und rechne , wie ich wohl rauskomme . Das ist meine geistige Beschäftigung , ganz ernsthaft , beinahe schon wissenschaftlich . « » Gott , Leo « , sagte die Mutter und sah ihn ängstlich an . » Gewiß bist du bloß deshalb gekommen . Ist es denn wieder viel ? « » Viel , Mutter ? Viel ist es nie . Viel kann es überhaupt nie sein . Denn so dumm ist keiner . Viel , das fehlte auch noch . Aber wenig ist es , und bei allem Glück , daß es so wenig ist , ist das doch auch grade wieder das Ärgerliche , ja das Allerärgerlichste . Denn man sagt sich : Gott , es ist so wenig , dafür kann man ja gar nichts gehabt haben , und hat auch nicht , und dann kommt erst das andre , daß man ' s , trotzdem es so wenig ist , doch nicht begleichen kann . Keiner , der einem hilft , keine Seele . Wenn ich mir da die andern ansehe ! Jeder hat einen Onkel ... « » Oh , den haben wir auch « , unterbrach Sophie . » Und Onkel Eberhard ist ein Ehrenmann ... « » Zugestanden . Aber Onkel Eberhard , so gut er ist , er legitimiert sich nicht als Onkel oder wenigstens nicht genug . Und dann , Kinder , wer keinen Onkel hat , der hat doch wenigstens einen Großvater oder einen Paten oder eine Stiftsdame . Stiftsdame ist das beste . Die glauben alles , jede Geschichte , die man ihnen vorerzählt , und wenn sie auch selber nicht viel haben , so geben sie doch alles , ihr letztes . « » Ach , Leo , rede doch nicht so . Sie können doch nicht alles geben . « » Alles , sag ich . Denn was eine richtige Stiftsdame ist , die kann auch alles geben , weil sie gar nichts braucht . Sie hat Wohnung und Fisch und Wild , und die Puthühner laufen im Hof herum , und die Tauben sitzen auf dem Dach , und in dem großen Gemüsegarten , den sie natürlich selber besorgen ( denn sie haben ja nichts zu tun ) , da steht immer irgendwo ein Kohlrabi oder eine Mohrrübe , und in der Küche ist immer Feuer , weil sie frei Holz haben . Und deshalb , ja , ich muß es noch einmal sagen , deshalb können sie alles geben , weil sie alles haben und nichts brauchen . « » Aber sie müssen sich doch kleiden . « » Kleiden ? I bewahre . Die kleiden sich nicht . Sie haben ein Kleid , und das dauert dreißig Jahre . Sie ziehen sich bloß an ; natürlich , denn auf Eva im Paradiese sind sie nicht eingerichtet ... Aber da kommt ja die Leber ; riecht köstlich , delikat . Und nun , Kinder wollen wir teilen : Mutter Mittelstück , weil das das weichste ist , Therese rechte Spitze , ich linke Spitze , Sophie und Manon ... « » Ach , Leo , mache doch keine Komödie . Du weißt ja doch , daß du das Ganze kriegst . So warst du immer , du willst dich nett machen , wo du nicht beim Worte genommen wirst . « » Gib hier nicht Aufschlüsse über meinen Charakter , Sophie , gib mir lieber eine Semmel zu der Leber , sie ist sonst zu fett . Und mit der Verwandtschaft hab ich doch recht ; keine Stiftsdame , keine Muhme , keine Base , keine Tante , kaum eine Cousine , wenigstens keine richtige - man möchte rasend werden , sagt Mephisto irgendwo . Kennst du Mephisto , Mutter ? « » Natürlich kann ich ihn . Ihr Poggenpuhls denkt immer , ihr habt die Weisheit allein und alles wie durch Inspiration . Denn von der Schule her habt ihr doch eigentlich gar nichts . Und nun gar du , Leo . Wenn ich an deine Zensuren denke . Mit Wendelin war das was andres . Aber warum ? weil er ins Püttersche schlägt . « » Ach , Mutter , du bist schon die Beste ; wenn wir dich nicht hätten ! Und ich glaube auch beinahe , daß uns die Pütters über sind . Bloß in einem sind sie uns ganz gleich , sie haben auch nichts , und das ist mein Schmerz . Ach , Mama , nirgends Geld , nirgends Rückendeckung , und dazu jung und ein Leutnant ; - eine ganz verdeubelte Geschichte . Und dabei habe ich euch aufgefordert , mit zu Helms zu kommen und dann in die Reichshallen . « » Er ist unverbesserlich « , lachte Sophie . » Was soll das nun wieder ! Erstens bist du unser Gast , der nichts als die Honneurs zu machen braucht . Und das Ritterliche wirst du doch wohl für uns übrig haben . « » Gott , Mädels , seid ihr gut . Und so aufgeklärt und begreift , daß es nicht anders sein kann , und ich bleibe in eurer Liebe und Achtung . Das hoffe ich wenigstens , sonst würde ich es nicht annehmen . Und nun , denk ich , gehen wir . Mama , du kommst doch mit ? « » Nein , Leo . Eine Person mehr macht schon immer was aus . Und dann mein Mantel , wenn wir in einem Lokal sitzen , ist auch nicht mehr gut genug . « » Ach , das ist ja gleich , Mutter . « » Und dann hab ich so leicht das Reißen hier , und man weiß nie , welchen Platz man kriegt und ob es nicht gerade zieht . Und wenn ich den Zug kriege , dann krieg ich auch meinen Rheumatismus und muß ins Bett . Und wenn ich den Rheumatismus nicht kriege , dann krieg ich meine Kolik , und das ist noch schrecklicher . « Viertes Kapitel Leo , der den Weihnachtsmarkt und Helms und die Reichshallen wirklich besucht und sich dann schließlich vor dem Bartensteinschen Hause von den beiden jüngeren Schwestern , die er bis dahin begleitet , verabschiedet hatte , war bald nach neun wieder zu Haus , wo er nun , so ging wenigstens sein Plan , mit der Mutter und Therese weidlich plaudern und über seine Berliner Eindrücke berichten wollte , denn er gehörte zu den Glücklichen , die , sowie sie den Fuß auf die Straße setzen , immer was erleben oder sich wenigstens einbilden , was erlebt zu haben . Er traf es daheim aber anders als erwartet : Therese war in die Stadt gegangen , um noch ein paar Kleinigkeiten für den Geburtstagstisch der Mama zu kaufen , und diese selbst , wie er von Friederike gleich auf dem Korridor erfuhr , war schon zu Bett . » Hm « , brummte er und schickte sich , weil ihm nichts andres übrigblieb , eben zu stillem Meditieren in einer Sofaecke an , als die Mama ihm sagen ließ , er solle nur an ihr Bett kommen und ihr was erzählen . Das war ihm denn allerdings erheblich lieber , als , wie er sich ausdrückte , » unter Betrachtung seines Innern « auf Therese zu warten . » Ist dir schlecht , Mama ? « » Nein , Leo , schlecht eigentlich nicht . Ich habe mich nur hingelegt , weil ich morgen doch ein bißchen bei Kräften sein will . Nimm dir einen Stuhl und rücke ran und dann hole die Lampe , daß ich dich immer vor mir habe . Denn du hast ein gutes Poggenpuhlsches Gesicht , und wenn dann was kommt , was nicht stimmt , so kann ich es dir immer gleich ansehen und mir meinen Vers danach machen . « » Ach , Mama , du denkst immer , ich mache Flausen ; aber es ist nicht so schlimm damit . Ich habe nicht mal Talent dazu ; ich übertreibe bloß ein bißchen . « » Ist schon recht . Und du warst auch immer mein Liebling , und die andern haben es dir auch gegönnt . Aber du bist so leichtsinnig und denkst immer , es wird sich schon finden . Und sieh , das ängstigt mich . Was finden ! Wie soll sich denn was finden , wo soll es denn herkommen ? Es ist ja doch eigentlich ein Wunder , daß es noch immer so gegangen ist . « » Ja , Mutter , das ist es ja gerade ; da steckt ja gerade die Hoffnung , und ich muß beinahe sagen die Zuversicht . Wenn das Wunder gestern war , warum soll es nicht auch heute sein oder morgen oder übermorgen . « » Das klingt ganz gut , aber es ist doch nicht richtig . Sich zu Wunder und Gnade so stellen , als ob alles so sein müßte , das verdrießt den , der all die Gnade gibt , und er versagt sie zuletzt . Was Gott von uns verlangt , das ist nicht bloß so hinnehmen und dafür danken ( und oft oberflächlich genug ) , er will auch , daß wir uns die Gnadenschaft verdienen oder wenigstens uns ihrer würdig zeigen und immer im Auge haben , nicht was so vielleicht durch Wunderwege geschehen kann , sondern was nach Vernunft und Rechnung und Wahrscheinlichkeit geschehen muß . Und auf solchem Rechnen steht dann ein Segen . « » Ach , Mama , ich rechne ja immerzu . « » Ja , du rechnest immerzu , freilich , aber du rechnest nachher , statt vorher . Du rechnest , wenn es zu spät ist , wenn du bis über den Kopf drinsteckst , und dann willst du dich herausrechnen und rechnest dich bloß immer tiefer hinein . Was dir nicht paßt , das siehst du nicht , willst du nicht sehen , und was dir schmeichelt und gefällt , daraus machst du Wahrscheinlichkeiten . Die Menschen haben so viel für uns getan , auch für dich , und nun , mein ich , heißt es : Hilf dir selber . Immer bloß wir sind ja die Poggenpuhls , damit machen wir uns bloß bedrücklich , und zuletzt sind wir Querulanten , was ich doch nicht erleben möchte . « » Davon sind wir weitab , Mama . « » Nicht so weit , wie du denkst . Onkel Eberhard , der ein sehr feiner und sehr gütiger Mann ist , ich muß ihn wirklich einen echten Edelmann nennen , wird allmählich auch reserviert und ungeduldig . Er sagt es nicht geradeheraus , weil er eben gütig ist , aber es steht doch leise zwischen den Zeilen . « » Ja , der Onkel , der alte Streitpunkt . Ich bitte dich , Mama , er tut aber doch auch wirklich zu wenig und alles so bloß um Gottes willen , und er müßte doch eigentlich denken : Ich habe meine Zeit gehabt , nun sind die andern dran . Er gibt wohl dann und wann , gewiß , aber was er so auf dem Familienaltar opfert , steht in keinem rechten Verhältnis , weder zu seinen Einnahmen noch zu seinen Ermahnungen . Er könnte sich kürzer fassen und mehr geben . Hat er doch ein riesiges Glück gehabt und sitzt nun über ein Dutzend Jahre schon in der Wolle oder , wie manche sagen , in einer guten Assiette . « » Daß du nicht davon abzubringen bist und nicht wissen willst , wie ' s mit dem Onkel eigentlich liegt . Er hat die reiche Witwe geheiratet und wohnt in einem Schloß , und wenn seine Frau den Prinzen Albrecht oder einen von den Carolaths einladen will , dann ist das ein großes Wesen , und der halbe niederschlesische Adel sitzt dann mit zu Tisch , und es sieht dann aus , als gäbe Onkel Eberhard das Fest . Aber er gibt es nicht , sie gibt es ; er gibt nur den Namen dazu her und auch das kaum , denn viele , wenn sie hinter dem Rucken der Tante sprechen nennen sie noch immer bei dem Namen ihres ersten Mannes . Der war schlesisch und ein sehr vornehmer Mann , vornehmer als die Poggenpuhls ... das müßt ihr euch nun schon gefallen lassen , daß es noch Vornehmere gibt ... Ich sage dir , so gut sie ist , sie hält ihn trotzdem knapp , und er hat nicht viel mehr als seine Generalspension , von der er noch alte Schulden bezahlen muß ... « » ... Alte Schulden ! Siehst du , Mama , da sagst du ' s nun selbst . Auch der also . Und ist doch General geworden und hat nun eine reiche Frau ... « » ... Wovon er alte Schulden bezahlen muß « , wiederholte die Mama , ohne seiner Zwischenrede weiter zu achten . » Und da bleibt ihm nur ein Taschengeld . « » Aber ein gutes ... « » Vielleicht , oder sagen wir gewiß . Und wenn er trotzdem damit zu Rate hält , so liegt es wohl auch daran , daß er dir mißtraut oder , wenn nicht er , daß die Frau dir mißtraut und daß deren Einfluß ihn bestimmt . « » Das ist es ja eben , was einen ärgert , dieser unwürdige Weibereinfluß . Und dann , Mama , von mir will ich am Ende nicht reden , ich bin vielleicht enfant perdu ; meinetwegen . Aber Wendelin , dieser Musterknabe , wenn ich meinen Herrn Bruder so nennen darf , an dem müßte er doch wenigstens seine Freude haben und sogar die Frau Tante . Da liegt doch die Knauserei ganz deutlich zutage . « » Spricht Wendelin ebenso ? « » Nein . Der nicht , der braucht es auch nicht . Wendelin , der das Talent hat , bei seiner Wasserkaraffe sich Herr von ungezählten Welten zu fühlen , Wendelin macht auch so seinen Weg . Aber auch für ihn ist doch ein Unterschied . Es ist nun mal was andres , ob man seinen Weg spielend macht oder in ewiger Askese . Die mit Askese haben meistens einen Knacks weg ; - sie werden berühmt oder können es wenigstens werden , aber auch wenn sie berühmt sind , wirken sie meistens wie kleine Schulmeister . Möglich , daß Wendelin eine Ausnahme macht . « » Glaubst du denn überhaupt und mit einer Art von Zuversicht , daß etwas Höheres aus ihm werden wird ? « » Gewiß , Mutter . Kein halbes Jahr , so kommt er in den Generalstab . Was er über Skobeleff geschrieben , hat Aufsehen gemacht . Und dann noch ein Jahr oder zwei , dann schicken sie ihn nach Petersburg , und da heiratet er , so nehme ich vorläufig an , eine Yussupoff oder eine Dolgorucka ; die haben alle wenigstens zehntausend Seelen und Bergwerke mit Diamanten . Was meinst du dazu ? Kein übler Blick in die Zukunft . Zugegeben , nicht wahr ? Aber wenn der Onkel anders wäre oder meinetwegen auch die Tante - doch von der können wir es nicht verlangen , denn sie ist bloß angeheiratet und war eine Bourgeoise , was immer schlimm ist ; du bist doch wenigstens eine Bürgerliche - , ja , dann wäre er schon da , dann wär er schon in Petersburg , und ich wäre schon attachiert und ginge mit in den Kaukasus oder nach Merw oder nach Samarkand , und all das unterbleibt oder vertagt sich wenigstens grausamerweise , bloß weil kein Vorspann da ist , weil die Goldfüchse fehlen . « » Gott , Leo , wenn man dich so hört , so sollte man glauben , du könntest alles haben , wenn sich bloß der Wind ein bißchen drehen wollte . Phantasien , Pläne , so warst du schon als kleiner Junge . « » Ja , Mutter , so muß man auch sein , wenigstens unsereiner . Wer was hat , nun ja , der kann das Leben so nehmen , wie ' s wirklich ist , der kann das sein , was sie jetzt einen Realisten nennen ; wer aber nichts hat , wer immer in einer Wüste Sahara lebt , der kann ohne Fata Morgana mit Palmen und Odalisken und all dergleichen gar nicht existieren . Fata Morgana , sag ich . Wenn es dann , wenn man näher kommt , auch nichts ist , so hat man doch eine Stunde lang gelebt und gehofft und hat wieder Courage gekriegt und watet gemütlich weiter durch den Sand . Und so sind denn die Bilder , die so trügerisch und unwirklich vor uns gaukeln , doch eigentlich ein Glück . « » Ja , die Jugend kann das und darf es auch vielleicht . Und ich will dir noch mehr zugehen : wer immer hoffen kann , und die Hoffnung ist oft besser als die Erfüllung , der hat sein Teil Freude weg . Aber trotzdem , du hoffst zuviel und arbeitest zuwenig . « » Ich arbeite wenig , das ist richtig , und ich will es nicht loben . Aber ich habe einen heiteren Sinn , und das ist schließlich besser als alles Arbeiten . Heiterkeit zieht an , Heiterkeit ist wie ein Magnet , und da denk ich , ich kriege doch auch noch was . « » Nun , ich will es dir wünschen . Und jetzt geh in die Küche und sage Friederike , daß sie dir was zum Abendbrot bringt . « Fünftes Kapitel Leo war es zufrieden , denn er hatte wirklich Hunger . Die Entenleber zu Mittag war nicht viel gewesen und die Tasse Schokolade bei Helms noch weniger . Er ging also hinaus und traf Friederike , die vor einer Küchenlampe saß und , ein an den Fuß der Lampe gestelltes Tintenfaß dicht vor sich , in ihrem Wirtschaftsbuch aufschrieb . Der aus Holz geschnitzte Federhalter , den sie nachsinnend zwischen Daumen und Zeigefinger hielt , war noch ganz neu ( wohl ein Weihnachtsgeschenk ) und schloß nach oben hin mit einem Adler ab , der aber auch eine Taube sein konnte . Soviel sich bei dem herrschenden Halbdunkel erkennen ließ , war in der Küche rundum alles in guter Ordnung und Sauberkeit , wenn auch nicht gerade blitzblank ; blitzblank war nur der in seinem Kochloch stehende Teekessel , dessen Tüllendeckel beständig klapperte . Denn immer kochendes Wasser zur Verfügung zu haben war ein eigentümlicher , zugleich klug erwogener Luxus der Poggenpuhlschen Familie , die sich dadurch in Stand gesetzt sah , jederzeit eine bescheidene Gastlichkeit üben zu können . Diese betätigte sich dann in verschiedenem . Obenan , fast schon als Spezialität , stand eine mit Hilfe von gerösteten Semmelscheiben und einer Muskatnußprise rasch herzustellende Kraftbrühe von französischen Namen , in deren Anfertigung jeder einzelne so sehr exzellierte , daß selbst Flora , wenn sie abends zu einer Plauderstunde mit herankam , unter freundlicher Ablehnung von » Aufschnitt « und dergleichen , darum zu bitten pflegte . Was auch klug war . » Ja , Friederike « , sagte jetzt Leo , als er , einen Küchenstuhl heranrückend , sich über die Lehne desselben beugte , » Mama schickt mich zu dir und hat sogar von Abendbrot gesprochen . Wie steht es eigentlich damit ? Ich habe Hunger und danke Gott für alles . Und dir auch . « » Ja , junger Herr , viel is es nich . « » Na , was denn ? « » Nun , eine Boulette von gestern mittag und ein paar eingelegte Heringe mit Dill und Gurkenscheiben . Und dann noch ein Edamer . Aber von dem Edamer is bloß noch sehr wenig . Und dann kann ich Ihnen vielleicht noch einen Tee aufgießen . Das Wasser bullert ja noch . « » Nein , Friederike , Tee nicht . Was soll man damit ? Aber das andre ist gut , und ich werde gleich hier bleiben , gleich hier in der Küche . Mama ist müd und angegriffen , und du kannst mir dann auch was von den Mädchen erzählen . Sie schreiben mir immer , Manon immer vier Seiten , aber es steht nicht viel drin . Wie geht es denn eigentlich ? « » Ja , junger Herr , wie soll es gehn ?