eine Heiterkeit , eine jubelnde Lebenssucht unter den schlichten armen Leuten , die mir selbst an ihnen , die das Leben nur in Ausnahmefällen schwerer nahmen , fast fremd erschien . Ich sah und horchte wohl darum so genau hin . Die Blaue Gans stand wie ausgestorben da , als der Zug in die Kirche ging , sogar der alte Türk und der Schuftl , die beiden Wächterhunde , rannten hinterher . Wo die Menschen in ihren Feiertagskleidern vorüberschritten , lief alles , was Beine hatte , an die Fenster und Haustore , und jeder , der sich auf längere Zeit von der Arbeit losmachen konnte , schloß sich dem Zuge an . Das kleine Kirchlein konnte die Menge gar nicht aufnehmen , da wurden denn wieder , wie bei allen besonderen Festen , wenn Mangel an Raum war , die Kinder , die zu erwischen waren , hinausgejagt . Eine Weile heulten sie vor der Kirchentüre , dann kletterten sie auf das niedere Schindeldach , welches seitwärts in Manneshöhe von der Kirchenmauer abstand , weil unter diesem Schutze die Feuerleitern und die roten Löscheimer der Gemeinde aufbewahrt hingen . Mit einer langen eisernen Kette und einem großen Anhängeschloß daran waren sie fest zusammengesperrt , das Wetter konnte diesem Gemeindestolz nicht bei , und ich glaube , selbst freundnachbarliche Diebe hatten Ehrfurcht vor ihnen . Auf diesem Vordach über den Feuerleitern und Eimern hockten die Ausgewiesenen ; die Röcke der Mädeln verfingen sich in den langen Schindelnägeln , die Sonntagshosen der Buben bekamen ausgebohrte Knie , alle saßen elendiglich da oben , aber halb aus Trotz über ihre Verweisung , halb aus Behagen an der Gefährlichkeit ihres Vergnügens fanden sie doch den Platz viel schöner als die heiße , vollgestopfte Kirche . Es war ein wunderheller Frühlingstag , die Sonne schien so warm auf die weiße Kirchenmauer und auf das rohe Schindeldach , die Tauben flatterten hin und her , denn sie nisteten in den Luken des Türmchens , die Spatzen schrien und zankten sich in den Kirchenfenstern genauso keck wie unten auf der staubigen Straße . Die Ausgewiesenen aber saßen unbeweglich und lauschten , ob sie nichts erhaschen könnten von der langen Rede , die drinnen der Priester dem Brautpaare hielt ; als sie jedoch nichts hörten , begannen sie sich erst zu hecheln und zu knuffen , und endlich schwatzten sie über das Ereignis des Tages , zuerst halblaut , dann mit der schrillen Verbissenheit ärgerlicher junger Stimmen , so daß man sie bis in die stille Kirche hinein streiten hörte . » Dem Leopold wachst doch kein neuer Arm , wenn er auch heut heiraten tut ! « keifte ein dürres kleines Ding mit Sommersprossen und Blatternarben im Gesichte . » Aber die Lene ist heut schön ! « sagte das älteste Mädchen und schaute mit großen ahnungsvollen Augen hinauf in die goldflimmernde Luft , und als ein duckmäuserischer Knirps von einem Buben , der neben ihr saß , nicht gleich beistimmte , gab sie ihm mit dem Ellenbogen einen Stoß und sah ihn herausfordernd an . » Was willst denn ? ... Schaust am Stephansturm und redst dabei ! ... Auweh ! ... Freilich ist sie schön ! ... Ich rück weg von dir ! « zeterte der Bursche , setzte sich aber aus Furcht vor ihrem Ellenbogen ganz nahe zu ihr . » Da kann ' s nicht puffen « , lachte er schlau . » Freilich ist sie heute schön , aber rote Haare hat sie doch « , sagte nachdenklich ein blasses kleines Mädchen mit einer stark vorgebauten Stirne . Die Kleine knüpfte ihre dichten blonden Zöpfe unter dem Kinn zu einer Schleife ; sie saß ganz vorne am Rand , schief , als ob sie davonreiten wollte , und so ließ sie auch die Beine in der Luft baumeln . » Jetzt kann sie aber den ganzen Tag spielen , muß gar nichts arbeiten , kann in der seligen Frau Weis ihrem Zimmer sitzen , muß nicht alleweil Handschuhknöpfe annähen wie wir « , seufzte ein puppenhaft feinzartes Ding , die jüngere Schwester der Brautjungfer , und schaute dabei auf ihre zerstochenen Finger . Aus dem Bierhause neben der Kirche scholl jetzt Musik herüber , zwei kernfrische Mädchenstimmen sangen hellaut : » Ist wieder einmal Hochzeit , Gibt ' s wieder ein neues Paar . Das Mädel - war eine Gredel , Und das Mannsbild ein Narr . Na ? - ist ' s etwa nicht wahr ? « Schallendes Gelächter war die Antwort der Bierhausgäste . Die Türe flog auf , und im Tanzschritt sprangen zwei junge ganz gleich gekleidete Mädchen heraus . Sie hatten ihre nachtschwarzen Haare sorgfältig geordnet , als gingen auch sie zu einem Feste , ihre knappen blaugestreiften und gesteiften Kleider , die blütenweißen Schürzen , die buntseidenen Halstücher waren der echte Wäschermädchenstaat . Jede der im Äußeren so gleichen und eigentlich doch ungleichen Gestalten trug einen schmalen Korb am Arme , der war sauber und zierlich , als ob er gerade aus dem Kaufladen käme , trotzdem man die beiden nie ohne Deckelkörbe sah . Hinter ihnen gab es eine bunte Gesellschaft , die nachzottelte mit den Händen in den Taschen . Da waren drei oder vier Hausherrensöhne der Vorstadt , ein paar Soldaten , Gesellen , die bis Mitte der Woche blauen Montag machten , ein bekannter alter Fabrikant , der die große üppige Klara ins Herz geschlossen hatte , aber von einer Heirat nichts wissen wollte . Als die übermütigen Leute an der Kirche vorbeizogen , lachten sie laut auf , und mit heiserer Stimme sang einer der Soldaten : » Ist wieder einmal Hochzeit . « » Möchtest mich nicht heiraten , Marie ? Schau , es ginge jetzt gleich in einem « , rief mit ironischer Zutunlichkeit das jüngste Hausherrnsöhnlein der zierlicheren von den beiden zu . » Dich ? ... Lieber den alten Mesner , der drei Nasen übereinander hat . Zu ebener Erde die natürliche , im ersten Stock die Wein- und im zweiten Stock die Schnapsnase . « Das weiße zarte Gesicht , das sich ansah wie ein Heiligenbild , wenn das Mädchen schwieg , wurde zur widerlichen Fratze , wenn sie im derben Volkston ihre Spitzfindigkeiten hinwarf . » Nein , das ist zu arg « , sagte das jüngste Mädchen oben auf dem Schindeldach entrüstet , » das muß ich meiner Frau Mutter erzählen , die hat alle zwei zur Firmung geführt . « » Was denn ? was denn ? « fragten die Kleineren neugierig und schauten hinab auf die lärmende Schar . » Daß die Strohschneidermädeln schon vor der Kirche singen und schreien , gelt ? « fragte das größte Kind , » die tun mehr , was unserm Herrgott nicht recht ist « , betonte sie dann mit halbem Verständnis . Das spielte sich draußen auf der Straße ab , während drinnen in der Kirche der Leopold und die Lene das bindende » Ja « sprachen und alle Weiber wie bei einem Begräbnis einige Minuten lang in die weißen Taschentücher weinten . » Na ja ! Sind halt doch ein paar arme Waisen . Wie schnell dem Leopold seine Mutter gestorben ist , gleich nach ihrem Alten . Und der Lene ihre Leut erst , was die für eine Freud gehabt hätten an ihren Kindern , wenn sie das erlebt hätten ! « schluchzte die Laternenanzünderin . » Aber Nachbarin « , flüsterte ein hochbusiges , lebensfrohes Weib , » heut haben wir ja keine Leiche , sondern eine Hochzeit ! « » Freilich , wahr ist ' s « , seufzte die Frau und weinte weiter , da sie einmal begonnen . » Sie , Jungfer Braut , Sie müssen mehr denn je Ihrer Pflichten eingedenk sein , Sie müssen Ihrem Manne mehr sein als jedes andere Weib dem Manne ist , Sie müssen seine rechte Hand sein , und Ihr werdet wahrhaftig den Weg des Herrn in Frieden wandeln und in Ehren . « - So schloß der Pfarrer seine Rede , noch ein tiefes » Amen « , und die zwei waren eines . - » Und da soll ein Mensch nicht weinen , wenn einer so schön redet wie der Herr Pfarrer ? « wimmerte die Laternenanzünderin . Auch der Leopold fuhr bei dem Schluß der Rede mit der Faust über die Augen , dann blickte er auf seinen leeren Ärmel und dann mit glückleuchtenden Augen auf sein junges blühendes Weib . Er hatte während der Trauung ihre Hand nur auf die eine Sekunde losgelassen , es war ihm auf dem Herzensgrunde so gruselnd-ängstlich , als könnte ihm das Mädchen da an seiner Seite noch im letzten Augenblicke genommen werden , und was hatte er dann auf der Welt ? Seit er heimgekehrt war , hatte er an dem Kinde seine Freude , die Schönheit des jungen Geschöpfes machte ihn weich , wenn er grollen wollte , und lustig , wenn ihn sein Schicksal traurig dünkte , und stark , wenn er sich schwach und gedrückt fühlte gegenüber der alten fröhlichen Zeit . Je länger das währte , desto näher rückte der Wunsch heran , sie zu seinem Weibe zu machen . Und er hätschelte sie heimlich und offen und sagte ihr oft , wie draußen in der Welt , gleich in Italien , da , wo er war , die Männer ihre Weiber gut hielten , und ihre Kinder , setzte er meist hinzu , denn sie war ja noch ein halbes Kind damals . Und als die Alten dann eines nach dem andern starben , seine große Elternstube leer wurde , als er Brot genug erwarb für zwei , er war Straßenaufseher geworden , da fragte er : » Lene , möchtest du nicht die Meinige werden ? « Ei , wie ihm bei der Frage etwas im Hals zitterte und wie er eine Faust machte aus purer Verliebtheit , weil er sich nicht zu helfen wußte . Sie schaute ihn an , schmiegte sich ein wenig an ihn , lächelte und lief davon , ohne ein Wort zu sagen . Acht Tage später aber fragte sie in ihrer faulen , zurückhaltenden , kindischen Weise unauffällig , so wenn es sich schickte nur , alle alten Leute in der Blauen Gans : ob der Leopold hübsch sei , ob er eine Frau erhalten könne , ob er nie trinken würde so wie die andern paar leichtsinnigen Männer , die im Hause lebten , und ob er nicht sein Weib schlagen würde , so wie es im Zorn oder im Rausch fast jeder einmal wenigstens getan hätte . Die Leute antworteten erst lachend , dann ernst dem Mädel , das kaum aus den Kinderschuhen gesprungen war , kein rechtes Anschicken zur Arbeit hatte und eigentlich von dem ganzen Hause verzogen und erhalten wurde . » Weil sie ein armes Waiserl ist und so viel schön « , meinten die Weiber , und die Männer dachten sich dasselbe . » Sollst den Leopold heiraten , Lene ! « sagte der Laternenanzünder , der ihr Vormund war seit ihres Vaters Tod , » bist ein Waisenkind jetzt , und der Leopold hat ein gutes Einkommen , kann sich schon so eine Prinzessin nehmen , und der Leopold ist ein ehrlicher Kerl und hat eine Manier gelernt in der Welt , und der Leopold schaut am Sonntag aus wie ein gnädiger Herr , und er hat dich gern und verzieht dich von klein auf . Soll ich mit ihm reden ? « » Nein , nein ! Laß der Herr Laternanzünder-Göd das nur sein « , sagte sie leichthin und schlenderte davon . Noch am selben Abend aber , als sie am Brunnen stand , fragte sie den Leopold : » Wirst du nie viel Wein und Bier trinken ? « » Hab ich nie getan , du Kindskopf « , lachte er . » Wirst du dein Weib niemals schlagen ? « » Schäm dich , Mädel , daß du um so etwas fragst « , erwiderte er ernst . » Wirst ' s nicht ? « fragte sie ruhig , mit Beharrlichkeit . » Die Weiber in unserem Stand sind geschlagen genug mit Sorge , Arbeit und kleinen Kindern « , sprach er mitleidig vor sich hin . » Kleine Kinder ? « fragte sie erschreckt aufhorchend . » Na ja , glaubst , sie kommen schon so groß auf die Welt und so schön wie du ? Bis sie so werden , denk nur zurück , kosten sie viel Sorg und Pflege . « » Ich mag aber keine kleinen Kinder « , flüsterte sie trotzig . » Auch recht ! « schrie der Leopold übermütig und lachte wie toll in das junge blühende Gesicht . » Wenn du mir das alles versprichst , dann heirate ich dich « , sagte sie ernst und setzte sich wie vor Jahren auf seinen Schoß und lehnte ihren Kopf an seine Schultern . » Goldfuchs ! Wer würde nicht der bravste Mann , wenn er so ein schönes Mädel zum Weib kriegt ; gut sollst du es haben bei mir wie keine in der Blauen Gans ! « Vier Wochen später war die Hochzeit , und Leopold dachte schmunzelnd zurück an die drollige Verlobung am Brunnen , und darum hielt er seine Lene so fest an der Hand , damit der Kindskopf nicht fortlaufe , damit sie ihm keiner mehr nehmen könne ... Ah , bah ! Jetzt waren sie ja wirklich Mann und Frau , jetzt gehörte sie ihm an , er schlug seinen Arm um ihren Leib und drückte sie fest an sich , sie aber blinzelte hinauf zu ihm und wisperte : » Aber Leopold ! Du tust mir weh ! « Und sie kicherte schon in dem Augenblicke , als sich der Pfarrer umwendete und hinausschritt . » O du ! ... du meine ! Ich möcht dir dein Lebtag nicht weh tun « , sagte der junge Ehemann fast zu laut und küßte sie schallend auf die roten , vollen Lippen . » Zerzaus mich nicht , Leopold « , lispelte sie geziert und zog den Schleier über das feingefärbte Gesicht , ordnete ihre Locken und das dünne lange Kleid , dann erst horchte sie selbstgefällig zu den Nachbarn hin , die ihre Glückwünsche darbrachten . » Jetzt geht die ganze Hochzeit in die Sakristei , dort wird die ganze Hochzeit eingeschrieben , und nachher wird gegessen , getrunken und getanzt ! « rief der Laternenanzünder und streckte sich in seiner vollen Länge . Der alte Dragoner führte heute das große Wort , er war ja Brautvater , war Vormund und Beistand , er hatte zu dieser Feier sogar seine alte Uniform herausgesucht . » Wie eine Prinzessin schaut das Mädel aus ! « brummte er vor sich hin . » Gelt , Laternanzünder , ich hab ' s erraten mit dem Goldfuchs ? « » Ob es aber so gegangen wäre ohne mein Dreinreden ? « fragte der Laternenanzünder . Der Leopold nickte dankbar , zog den Arm der Lene in seinen und führte sie aus der Kirche . Draußen stand der Nachbar Krippelmacher mit seinem Sohne , sie hatten ihre Geigen mit , und noch ein dritter Musikant war dabei , der blies die Klarinette , daß es jedem durch Mark und Bein ging ; alle drei empfingen die Hochzeiter mit einem lustigen Marsch , dann stellten sie sich an die Spitze und gingen musizierend dem Zuge voran in die Blaue Gans . War das eine Herrlichkeit ! Die große Waschküche war zum Speisesaal und Tanzsaal mit bunten Öllämpchen , Tannenreisig und weißem Zeug hergerichtet , der glitzernde blanke Sand auf der Diele knirschte , und als sie nach der großen Esserei die Tische beiseite rückten und zu tanzen begannen , da liefen alle Nachbarn aus den nächsten Häusern herbei zu den Fenstern , machten lange Hälse und guckten hinein zu den lustigen Hochzeitsleuten . Der junge Hausherrnsohn , der fast immer mit den Strohschneidermädeln herumzog , und noch ein zweiter leichtsinniger Mann , der geschieden von seiner Frau lebte und seines Vaters Geld vertat , die beiden gingen frischweg hinein , schüttelten dem Leopold die Hand , fragten nach seiner Braut und schauten sich alle die anderen hübschen Mädchen an . Der junge Ehemann holte sein Weib , und wie sich das Paar fast ganz allein bei dem Ehrentanz drehte , die mädchenhafte Frau sich so biegsam und lässig bewegte und mit halbgeschlossenen Augen auf den Arm ihres Mannes stützte , da kam es den neuen Gästen vor , als hätten sie die Lene noch nie gesehen . » Du , wie ist denn die so in die Höhe geschossen , ohne daß wir sie bemerkt haben ? « lallte der Jüngere . » Ward uns weggeschnappt ! « erwiderte sein Begleiter . Gleich nachdem der Walzer vorbei war , bot der Leopold seiner Frau einen Stuhl , er trocknete sich die Stirn , küßte die Lene auf die Schultern und lief zu den Musikanten hinüber , die zwei Nachtschwärmer aber drängten sich hinter die Braut . » Das schönste Mädel , das ich mein Lebtag gesehen hab ! « flüsterte der bartlose Bursche , jedoch so laut , daß es die Lene hören mußte . » Aber Franz , Frau ! Frau , mußt du sagen . Die hätte einen Ganzen kriegen können , nicht so einen Dreiviertelmann , der sich anschaut wie ein Vogelschrecker im Saatfeld , an dem die leeren Ärmel herumfliegen , wenn der Wind geht « , spottete der andere . Die Lene blickte zu ihrem Manne hin und schrak zusammen , dann wandte sie sich nach den beiden um , ließ einen langen Blick über die Eindringlinge gleiten und zuckte die Achseln bedauernd und aburteilend . Als der Leopold kam , hängte sie sich an seinen Arm und sagte so laut , daß es die beiden als Antwort nehmen konnten : » Führ mich bald heim , es sind Leut da , die nicht hergehören . « Das junge Ehepaar ging auch davon , ohne Abschied zu nehmen , sie liefen hinüber in die stille große Stube . Die blendend weißen Vorhänge waren niedergelassen , der Tisch war weiß gedeckt , und ein bunter Strauß stand neben dem Nachtlicht . Die hochaufgebauschten Betten glänzten , so weiß und fein war das Leinenzeug , das die Waschfrauen der Lene zur Aussteuer geschenkt hatten . Mit einem leichten Seufzer schaute sich das junge Weib in dem friedlichen Gemache um . - Auch der Leopold blickte in alle Winkel , überall nickten ihm Erinnerungen entgegen . Es ist doch etwas wert , so ein altes , liebes Heim zu haben , dachte er , setzte sich nieder , zog seine schöne bräutliche Frau auf den Schoß und sagte : » Weißt , Lene , so sind wir gesessen , wie ich heimkommen bin . « Bis in den hellichten Tag hinein tanzten die Nachbarn , und noch in den Schlummer des jungen Paares schlichen sich die schmeichelnden Töne des Walzers , den sie zuletzt miteinander getanzt hatten . Am Himmel stand die blasse Mondsichel . Ein böses Wort verfolgte die junge Frau bis in ihre Träume , scheuchte sie auf , und mit Grauen sah sie beim blassen Schein des Nachtlichtes , daß der Traum Wirklichkeit wurde . Seit jenem fröhlichen Hochzeitsfeste waren nun wieder zwei Jahre um . Die Lene saß in der großen Stube auf dem Fensterbrett und musterte aufmerksam die kostbar gestickten Sommerkleider und Röcke , die draußen im Hof an der Waschleine hingen . Ein Kind lag in ihrem Arme , das sog und sog und schmatzte mit den Lippen . Die Lene strich sich die Scheitel glatt , zog die schweren Flechten tiefer ins Genick , betrachtete aufmerksam ihre schlanke Hand , schaute auf die atlasweiße Haut ihres Busens , hob dann das Kind ein wenig und knöpfte ihr Kleid bis an den Hals hinauf zu . Gleichmäßig wie eine Maschine schaukelte sie den Kleinen hin und her und sang leise . » Grüß dich Gott , Lene , wie geht ' s mit dem Buben jetzt ? « » Na , es geht halt wie immer . « » Du lieber kleiner Kerl , du ! « sagte die Hanne lachend und beugte ihren schmalen Körper zum Fenster hinein , küßte das Kind und setzte sich von außen der Lene gegenüber auf das Fensterbrett . » Kommst aus der Stadt ? « » Ja , ich war die Handschuhe abliefern . Ich bin alleweil froh , wenn ich wieder daheraußen bin , die vielen Leut , die Wagen , der Lärm ! Ganz dumm komm ich mir vor , wenn ich außer unserem Haus bin . « Die Lene nickte und schaute nachsinnend auf das dunkle Kleid der Hanne . Es war auch ein gar schlichtes Gewand , zugeschnitten wie für eine Nonne , ohne jeden Aufputz , und als die Augen des schönen Weibes hinaufrückten bis zu dem Kopf der andern , da lächelte sie bedauernd . Wer wird sich die Haare so glatt hinter die Ohren streichen ; wie das Mädel aussieht ! dachte die Lene . Eigentlich war die Hanne nur größer geworden und sah geordneter aus , sonst war alles gleichgeblieben an ihr , dasselbe still-freundliche Kindergesicht , die anspruchslose schmale Gestalt , das verschüchterte Gebaren , die weiche , sich gleichsam in sich selbst verbergende Art. » Dein Mann ist mir auch begegnet « , hub die Hanne mit unsicherer Stimme an , » hast du Verdruß mit ihm gehabt ? « » Warum ? « fragte die Frau gähnend . » Weißt , weil er halt so wild dreingeschaut hat . Seine Straßenkehrer hat er auch zusammengeschimpft ; so ist er meistens , wenn es zu Hause ... wenn du ... « » Ich ? « » Ja weißt , du sollst halt freundlicher mit ihm sein , er tut ja alles , was er dir von den Augen absieht « , erwiderte das Mädchen kleinlaut . » Jetzt ist der Bub fast sechs Monat alt , und die ganze Zeit hat er Tag und Nacht geschrien , soll ich da vielleicht alleweil lachen ? « » Aber dafür kann doch dein Mann nichts ! So ist es deiner Mutter und meiner und allen Weibern gegangen . Kleine Kinder machen halt Verdruß und Sorgen « , klagte sie kleinlaut und frauenhaft . Die Hanne hatte ja ihre jüngeren Geschwister aufziehen helfen , sie wußte ein Lied davon zu singen . » Verdruß und Sorgen genug ! « greinte die Lene . » Der Bub nimmt mir die schönste Zeit weg , immer muß ich da hocken , er macht mich um zehn Jahre früher alt und vor der Zeit häßlich , das weiß ich . « » Aber Lene , das ist ja eine schwarze Sünd , so zu reden ... Tag und Nacht plagt sich dein Mann für dich ! Er kann doch nicht auch Kinder warten ? Denk doch nur nach darüber . Du hättest keinen besseren Mann kriegen können . « Die Hanne hatte sich atemlos geredet , sie schwieg plötzlich erschrocken , das Kind weinte auch wieder , und die Lene , die keine Antwort zu geben wußte , brütete vor sich hin . Sie schüttelte das Kind mehr , als sie es wiegte , mit einmal aber fragte sie hochfahrend : » Bin ich vielleicht nicht mehr wert als die andern Weiber ? Bin ich nicht schöner ? « Das war nun freilich für alle Bewohner der Blauen Gans ein überzeugender Grund . Die Schönheit des jungen Weibes wurde wie etwas Kostbares , Wertvolles anerkannt und von ihr selbst als solches hingestellt . Fremde konnten über dieses naive Selbstgefühl lächeln , die Nachbarn aber nickten beifällig , wenn die Lene von ihrer eigenen Schönheit sprach . Sie war nie auf Widerspruch oder Neid in ihrem Kreise gestoßen , sie hatte nie die böswilligen Nörgeleien zu ertragen gehabt gleich anderen hübschen Mädchen , sie war anerkannt worden und blieb es auch , seit sie dem Leopold sein Weib war . Auch jetzt schien die Hanne verblüfft über die Frage , sie blickte mit scheuer Bewunderung in das reizvolle Gesicht der Freundin und beteuerte ehrlich : » Natürlich ! so schön , wie du bist , hat es ja noch keine gegeben . Heute habe ich an dich gedacht , hab gedacht , wenn ich so schön wäre wie du und gewachsen wie du , könnt ich jetzt mein Glück machen . « » So , wie denn ? « fragte die Frau und lächelte befriedigt . » Denk nur , dreißig Gulden jeden Monat zahlt , unserem Herrn ' seine Schwester , die Französin , dem Blank seine geschiedene Frau , einem schönen jungen Mädel . Weißt , sie hat das Handschuhgeschäft aufgegeben , sie hat jetzt einen Salon , wo sie Kleider machen läßt für die nobelsten Leut . Die Kleider muß eine schöne , schlanke Person anziehen , hin und her gehen , niedersetzen damit , weißt , daß es halt die noblen Damen sehen , wie das paßt . Dreißig Gulden ! Das wäre mein meistes Geld , das ich je in der Hand gehabt hätte . Und dann noch - « , die Hanne hielt inne , so rasch hatte sie gesprochen . » Und dann noch ? « wiederholte die Lene gespannt . » Noch zwei schwarze Kleider im Jahre und ein Christgeschenk und Neujahrsgeld und Trinkgelder von den Damen . « » Den ganzen Tag schöne Kleider anprobieren , bei lauter noblen Leuten sein , kein Kindergeschrei hören « , sagte die Lene mehr zu sich selbst und schaute nachsinnend auf das Mädchen , und nach einer Weile sprach sie laut , als ob sie eine lange Gedankenreihe abschließen würde : » Hätt sollen dich heiraten , der Leopold . « Zwei- , dreimal flogen dunkelrote Schatten über das blasse Gesicht der Hanne , sie zog die Ellenbogen an die Hüften und schob die Schultern hinauf , so , als ob sie ihren dürftigen Leib noch schmaler machen wollte , und als sie endlich zaghaft zu der jungen Frau aufblickte , da waren ihre großen klugen Augen voll Wasser . Behutsam griff sie nach den zarten Händchen des Kindes , schlug sich damit sachte auf die Stirn und murmelte , nur so die Worte zusammenraffend : » Hörst , Polderl - was deine - Frau Mutter - für spaßige Sachen redet ! « Das Kindchen lächelte mit jenem zerflossenen Lächeln , das sich nirgends regt , das nirgends haftet , die ausdruckslosen Augen stierten in das blasse Gesicht , und da verzogen sich plötzlich die vollen roten Lippen wirklich , und nun sah der Kleine seiner schönen Mutter ähnlich . » Und dein Bub wird genau wie du « , rief die Hanne und schaute in die Augen des Männleins , » nur die Augen , die Augen , die hat er von seinem Vater . « Der kleine Bursche krabbelte mit allen zehn Fingern über das Gesicht des Mädchens , endlich erwischte er auf ihrer Stirn ein Büschel Haare , daran klammerte er sich nun . Die Lene duselte wieder so mit halbgeschlossenen Lidern , sie blinzelte nur manchmal seitwärts hinüber auf die wehenden gestickten Falbeln der Kleider und Unterröcke . » Wer solches Zeug an sich tragen kann ! Das gibt doch gleich eine andere Form als so ein Kattunkittel da . Den ganzen Tag solche und noch weit schönere Kleider anprobieren ! « ... Der Kleine schrie gellend mitten in diese rosigen Träume . » Grüß dich Gott , Lenerl ! Servus , Kronprinz ! « rief es vom Haustor her , und der Leopold , der eben heimkam , schwenkte seinen Hut fröhlich , pfiff laut und rein den Anfang eines Volksliedes , und als er den halben Weg zurückgelegt hatte , sprang er mit großen Sätzen heran . » Bist auch da , Hanne ? So schön ! Mein Bub reißt dir alle Haare aus ; wirst das bleibenlassen , kleiner Racker ? « Er löste die Hand des Bübleins los , blickte aber dabei immer auf sein Weib , das sich nicht regte noch rührte , nur jetzt ein klein wenig den Kopf rückte , als er sie schallend küßte . » Ist ' s dir schon wieder nicht recht ? « fragte er und nahm sie am Kinn , » soll ich dir nicht Grüß Gott sagen in meiner Weis ? « » Vor alle Leut ? « » Und was weiter ? Seit wann ist die Blaue Gans so nobel worden , daß sie es nicht sehen kann , wenn sich Eheleut küssen ? « rief er , lachte gezwungen und küßte sie wieder . Die Lene drückte das Kind fester an sich , stand auf und ging langsam in der Stube auf und nieder , die Hanne schüttelte dem Leopold die Hand und schritt durch den Hof hinüber in ihre Kammer . » Sag mir nur , Weib , was du willst ? « fragte der Mann durch das Fenster hinein , als aber die Lene keine Antwort gab und nur rascher auf und nieder ging , schwang er sich über die Brüstung und stand jählings mitten in der Stube . Er schleuderte seinen Hut in eine Ecke und setzte sich an den Tisch . Es war nichts verändert in dem Gemache , nur die beiden Ehebetten waren in das dunkle hintere Ende geschoben und auseinandergerückt , weil das Wiegenbettchen des Kindes dazwischen stand . Und noch etwas fiel auf , gegenüber dem Fenster , soviel als möglich im Lichte , stand eine rohe Kiste , die mit weißem billigem Vorhangzeug überkleidet war . Auf diesem sonderbaren Putztisch lagen grellfarbige Neujahrskarten und übel aussehende Tanzorden , es standen auch ein paar schreiend bemalte Gipsfigürchen dort , und das Bild der jungen Hausfrau schaute durch ein grünliches Glas geziert und steif