« » Ich mag nichts Lustiges . « » Nun , wenn es nichts Lustiges sein kann , dann singe was recht Trauriges . Aber es muß dann auch ganz traurig sein , daß man auf seine Kosten kommt . Etwas von einem Pagen , der für Comtesse Asta stirbt , oder von einem Ritter , der von seinem Nebenbuhler erschlagen und am Wege begraben wird . Und daneben wacht der Hund am Grabe des Ritters , und drei Raben sitzen in einer Pappelweide und kreischen und sehen zu . « Asta , die mit dem Onkel auf einem Neckfuß stand , würde ihm auch diesmal eine Antwort nicht schuldig geblieben sein , wenn nicht in eben diesem Augenblick ihre Aufmerksamkeit nach einer anderen Seite hin in Anspruch genommen worden wäre . » Da kommt Elisabeth « , rief sie freudig erregt . » Und der alte Petersen mit ihr und Schnuck auch . « Und als sie das sagte , traten alle von der Halle her in den Vorgarten und grüßten mit ihr zugleich hinunter . Drittes Kapitel Pastor Petersen und seine Enkelin Elisabeth , vielleicht weil das Licht sie blendete , bemerkten von dem ihnen geltenden Gruße nichts , aber um so deutlicher sah man oben , von Terrasse und Vorhalle her , die unten am Strand immer näher Kommenden . Der Alte , seinen Hut in der Hand ( so daß der Wind mit seinem dünnen , aber langen weißen Haare spielte ) , ging ein paar Schritte vorauf , während Elisabeth sich nach den Holz- und Borkenstückchen bückte , die zwischen dem Seetang umherlagen , und sie ins Meer warf , um Schnuck , einen wundervollen schwarzen Pudel , danach apportieren zu lassen . Jetzt aber ließ sie davon ab und begnügte sich , ein paar Blumen zu pflücken , die zwischen dem Strandhafer standen . Und so schlendernd , kamen sie schließlich bis an den Pier , wo sie links abbogen , um die Terrasse hinaufzusteigen . » Sie kommen « , brach Asta in erneutem Jubel aus . » Und Elisabeth bringt ihren Großvater mit . « » Ja « , sagte Baron Arne . » Vielleicht könnte man auch sagen , der Großvater bringt Elisabeth mit . Aber so seid ihr ; die Jugend ist die Hauptsache ; wenn man alt wird , ist man nur noch Beigabe . Jung sein heißt selbstsüchtig sein . Aber eigentlich ist es später auch nicht besser . Mein erster Gedanke war , als ich den Alten sah , da kommt unsere Whistpartie . Schwarzkoppen ist freilich nicht für Spiel , aber Gott sei Dank auch nicht dagegen , und würde , wenn er Katholik wäre , wahrscheinlich von einer , läßlichen Sünde sprechen . Und das sind mir die liebsten . Im übrigen bewundere ich diesen Pudel , wie heißt er doch ? « » Schnuck « , sagte Asta . » Richtig , Schnuck : eigentlich mehr ein Name für eine Lustspielfigur . Er war schon dreimal oben und immer wieder zurück . Offenbar freut er sich ganz unbändig . Und nun sage , Asta , worauf freut er sich , auf dich oder auf die Kunststücke , die er machen darf , oder auf den Zucker , den er dafür kriegt ? « Zwei Stunden später war es still unter der Säulenhalle ; der Abend war hereingebrochen , und nur am Horizont lag noch ein roter Widerschein . Alles hatte sich in das Wohn- und Empfangszimmer zurückgezogen , das , in gleicher Größe wie der Eßsaal , unmittelbar hinter diesem lag und den Blick zunächst auf einen wohlgepflegten , mit Treibhäusern besetzten Vorgarten hatte , der weiter hin in große , bergabsteigende Parkanlagen überging . Das Wohn- und Empfangszimmer war reich möbliert und hatte doch Raum genug zu freier Bewegung . Neben dem Flügel , in der geschütztesten Ecke , stand ein großer runder Tisch , mit einer Moderateurlampe darauf . Hier saßen die Gräfin und ihre Freundin , die Dobschütz , die vorlesen sollte , während Asta und Elisabeth dicht neben ihnen auf zwei Fußbänken Platz genommen hatten und abwechselnd leise plauderten oder den Pudel zu dessen eigener sichtlicher Freude Kunststücke machen ließen . Aber zuletzt wurde er müde von der Anstrengung und schlug , weil er die Balance nicht mehr halten konnte , mit einer seiner Pfoten auf die Tasten des offenstehenden Flügels . » Ach , nun spielt er auch noch « , lachte Asta . » Ich glaube , wenn er will , spielt Schnuck besser als ich ; er ist so geschickt , und Tante Julie wird es nicht bestreiten . Vorhin sollt ich spielen und sogar singen , Onkel Arne bestand darauf , aber ich hütete mich wohl . Ich habe bloß Lust und gar kein Talent . Hast du was mitgebracht , Elisabeth ? Ihr habt ja immer was Neues , und du hattest ja auch eine Mappe am Arm , als du kamst . Laß uns sehen . « So plauderten die Mädchen weiter . In der schräg gegenüberliegenden Zimmerecke aber saßen die vier Herren beim Whist , Arne wie gewöhnlich mit dem alten Petersen scheltend , daß er noch so langsam spiele wie zur Zeit des Wiener Kongresses . » Ja « , lachte Petersen , » wie zur Zeit , des Wiener Kongresses ; da spielte man langsam , das galt für vornehm , und muß ich Ihnen nachher eine Geschichte davon erzählen , eine Geschichte , die wenig bekannt ist und die , soviel ich weiß , von Thorwaldsen stammt , der sie von Wilhelm von Humboldt hörte ... « » Von Alexander « , sagte Arne . » Nein , erlauben Sie , Arne , von Wilhelm von Humboldt . Wilhelm war überhaupt ... « » Aufpassen , Petersen ... « Und das Spiel nahm , ohne weitere Zwischenrede , seinen Fortgang , und auch die Mädchen dämpften ihre Stimme . Denn die Dobschütz hatte zu lesen begonnen , und zwar aus einem großen Zeitungsblatt , das im Laufe des Nachmittags der Postbote gebracht hatte . Freilich war es noch kein rechtes Vorlesen , sondern erst der Versuch dazu , wobei sich ' s die Dobschütz - in den Zeitungen zitterte der italienische Krieg noch nach - angelegen sein ließ , zunächst nur die Kopftitel zu lesen , und zwar in einem anfragenden Tone . » Erzherzog Albrecht und Admiral Tegetthoff ... « Die Gräfin schüttelte den Kopf ... » Auf dem Marsche nach Magenta « ... » Die Kürassierbrigade Bonnemain « ... Neues Kopfschütteln ... » Man schreibt uns aus Charlottenburg über das Befinden König Friedrich Wilhelms des Vierten ... « » Ja « , unterbrach hier die Gräfin , » das lies , liebe Dobschütz . Das aus Charlottenburg . Ich habe kein Interesse für Kriegsgeschichten , es sieht sich alles so ähnlich , und immer bricht wer auf den Tod verwundet zusammen und läßt sterbend irgendein Etwas leben , das abwechselnd Polen oder Frankreich oder meinetwegen auch Schleswig-Holstein heißt . Aber es ist immer dasselbe . Dieser moderne Götze der Nationalität ist nun mal nicht das Idol , vor dem ich bete . Die rein menschlichen Dinge , zu denen , für mich wenigstens , auch das Religiöse gehört , interessieren mich nun mal mehr . Dieser unglückliche König in seinem Charlottenburger Schloß ; ... ein so heller Kopf , und nun umnachtet in seinem Geiste . Ja , das interessiert mich . Ist es lang ? « » Eine Spalte . « » Das ist viel . Aber fange nur an , wir können ja abbrechen . « Und nun las die Dobschütz : » ... Alle Nachrichten stimmen dahin überein , daß es mit dem Befinden des Königs schlechter geht ; seine Teilnahme läßt nach , und die Stunden , in denen er folgen kann , werden immer seltener . Selbstverständlich beginnt dieser Zustand des Kranken auch das staatliche Leben zu beeinflussen , und gewisse Rücksichten , die man bisher nahm , lassen sich nicht mehr durchführen . Es läßt sich nicht verkennen , daß sich ein vollständiger Systemwechsel vorbereitet und daß sich dieser Wechsel demnächst auch in der auswärtigen Politik zeigen wird . Das Verhältnis zu Rußland und Österreich ist erschüttert , ein freundschaftliches Verhältnis zu den Westmächten bahnt sich mehr und mehr an , zu England gewiß . Alles , was geschieht , erinnert an die Zeit von 6 bis 13 , die , nach voraufgegangener Erniedrigung , eine Zeit der Vorbereitung und Wehrhaftmachung war . Mit solcher Wehrhaftmachung beschäftigen sich unausgesetzt die Gedanken des Prinzregenten , und ist Preußen militärisch erst das , was der Prinzregent aus ihm zu machen trachtet , so werden wir sehen , was wird . Und in keiner Frage wird sich das deutlicher zeigen als in der schleswig-holsteinschen . « » Es ist gut « , sagte die Gräfin . » Ich dachte , der Artikel würde Mitteilungen vom Hofe bringen , anekdotische Züge , Kleinigkeiten , die meist die Hauptsache sind , und nun bringt er politische Konjekturen . Ich glaube nicht an Vorhersagungen , die meist von denen gemacht werden , die die geringste Berechtigung dazu haben ... Aber was ist das für ein Bild , das ich da auf der Rückseite der Zeitung sehe , Schloß und Schloßtürme ... « Die Dobschütz , die nichts davon wußte , wandte die Zeitung und sah nun , daß es eine Annonce war , die , mit ihrem großen Holzschnitt in der Mitte , beinahe die ganze Rückseite der Zeitung einnahm . Das Auge der Dobschütz glitt darüber hin . Dann sagte sie : » Es ist eine Pensionsanzeige aus der Schweiz , natürlich vom Genfersee : hier , das kleine Gebäude , ist das Pensionat , und das große Hotel im Vordergrunde ist nur Zugabe . « » Lies . Ich interessiere mich für solche Annoncen . « » ... Unsere Pension Beau-Rivage tritt nun in ihr fünfundzwanzigstes Jahr . Es haben in dieser Zeit junge Damen aus allen Teilen der Erde Aufnahme bei uns gefunden und bewahren uns , soviel wir erfahren , ein freundliches Gedenken . Wir verdanken dies , neben dem Segen , der nicht fehlen darf , auch wohl den Grundsätzen , nach denen wir unsere Pension unausgesetzt leiten . Es sind dies die Grundsätze der Internationalität und konfessioneller Gleichberechtigung . Ein kalvinistischer Geistlicher steht leitend an der Spitze des Ganzen , aber durchaus von einem Geiste der Duldung erfüllt , überläßt er es den Eltern und Vormündern , die Zöglinge , die man uns anvertraut , an diesem Religionsunterricht teilnehmen zu lassen oder nicht ... « Die Gräfin erheiterte sich sichtlich . Sie hatte den Zug der meisten Frommen und Kirchlichen , die Kirchlichkeit anderer nicht bloß auzuzweifeln , sondern meist auch von der komischen Seite zu nehmen , und so waren ihr denn Mitteilungen aus dem Lager der Katholiken und beinah mehr noch der Genferischen immer eine Quelle vergnüglicher Unterhaltung , auch wenn sich nicht , wie hier , eine das Heitere so direkt herausfordernde Geschäftlichkeit mit einmischte . Sie nahm das Blatt , um die Pensionsanzeige , die sich noch fortsetzte , weiterzulesen , aber der Diener , der schon seit einer Viertelstunde den Whisttisch beobachtet und den Schluß des Robbers abgewartet hatte , trat jetzt vor , um zu melden , daß der Tee serviert sei . » Trifft sich vorzüglich « , sagte Baron Arne . » Wenn man gewonnen hat , zählt ein Rebhuhn , worauf ich rechne , zu den gesundesten Gerichten ; sonst freilich nicht . « Und damit erhob er sich und reichte dem Fräulein von Dobschütz den Arm , während Schwarzkoppen mit der Gräfin voranschritt . » Nun , Petersen « , sagte der Graf , » wir müssen miteinander fürlieb nehmen . « Und an Asta und Elisabeth vorübergehend , rief er diesen zu : » Nun , meine Damen ... « Aber Asta streichelte nur zärtlich seine Hand und sagte : » Nein , Papa , wir bleiben hier , Mama hat es schon erlaubt ; wir haben uns noch allerlei zu erzählen . « Viertes Kapitel In dem Eßsaale war gedeckt , die Flügeltüren standen auf , und ein heller Lichterglanz empfing die Eintretenden . Die Gräfin nahm ihren Platz zwischen den beiden Geistlichen , während Fräulein von Dobschütz mit Holk und Arne ihr gegenübersaßen . Einen Augenblick später erschienen auch der Hauslehrer und Axel . » Ich habe mich eben sehr erheitert « , wandte sich die Gräfin an Schwarzkoppen ... » Ah « , warf Holk dazwischen , in einem Tone , der , wenn weniger spöttisch , ergötzlich gewesen wäre , und Arne , der den Spott darin nur zu sehr herausfühlte ( denn Christine war eigentlich nie heiter ) , lachte herzlich vor sich hin . » Ich habe mich eben sehr erheitert « , wiederholte die Gräfin mit einem Anfluge von Empfindlichkeit und fuhr dann fort : » Es ist doch ein eigen Ding um diese Schweizerpensionen , in denen sich Geschäftlichkeit mit Kalvinismus so gut verträgt . Es war immer die häßliche Seite des Kalvinismus , so lebensklug zu sein ... « Schwarzkoppen , an den sich auch diese zweite Bemerkung gerichtet hatte , verneigte sich . Ihr Bruder aber sagte : » Das ist mir neu , Christine . Calvin , soviel ich weiß , war unbequem und unerbittlich , Knox desgleichen , und Coligny benahm sich jedenfalls nicht allzu lebensklug , sonst lebte er vielleicht noch . Und dann La Rochelle . Und dann die zehntausend Ausgewanderten um Glaubens willen . Es soll den Lutherschen schwer werden , Seitenstücke dazu zu finden oder wohl gar Besseres . Ich beantrage Gerechtigkeit ; Schwarzkoppen , Sie dürfen mich nicht im Stich lassen gegen meine Schwester . Und Petersen , Sie auch nicht . « Holk , der seinen Schwager überhaupt sehr liebte , hatte seine herzliche Freude , daß Arne so sprach . » Das ist recht , Alfred . Für die , die nicht da sind , muß man eintreten . « » Und wenn es Preußen wären « , setzte Arne lachend hinzu . » Wobei mir der Artikel einfällt , der vorher vorgelesen wurde . Was war es eigentlich damit ? Ich habe nämlich die Tugend , beim Whist gewinnen und doch so ziemlich allem folgen zu können , was nebenher gelesen oder gesprochen wird . Ich hörte was vom Charlottenburger Hof und von Wehrhaftmachung und Anno 13. Oder war es nicht so ? Anno 13 habe ich bestimmt gehört und Wehrhaftmachung auch ... « » Ach , liebe Dobschütz , erzähle , was es war « , sagte die Gräfin . » Es war genauso , wie der Herr Baron annimmt , und alles in allem schien der Artikel sagen zu wollen , daß es mit Dänemark vorbei sei , wenn es sich in der Sprachenfrage nicht handeln lasse . « Holk lachte . » Mit Dänemark vorbei ! Nein , Herr Preuß , soweit sind wir noch nicht , und unter allen Umständen haben wir immer noch die Geschichte vom Storch und Fuchs . Der Fuchs in der Fabel konnte nicht an das Wasser heran , weil es in einer Flasche war , und der neueste Fuchs , der Preuße , kann nicht an Dänemark heran , weil es Inseln sind . Ja , das Wasser ! Gott sei Dank . Es ist immer dieselbe Geschichte , was der eine kann , kann der andere nicht , und so gut die Preußen ihren Parademarsch marschieren , über die Ostsee können sie nicht rüber , wenn es auch bei Klaus Groth heißt : De Ostsee is man en Puhl . « Arne , der , bis spät in den Herbst hinein , seine Abendmahlzeit regelmäßig mit einem Teller saurer Milch einleitete , streute eben Brot und Zucker auf die vor ihm stehende Satte , nahm einen ersten Löffel voll und sagte dann , während er seinen Bart putzte : » Schwager , da divergieren wir . Der einzige Punkt . Und ich setze hinzu , glücklicherweise . Denn mit seiner Schwester darf man schon allenfalls Krieg führen , aber mit seinem Schwager nicht . Ich berufe mich übrigens auf Petersen , der hat am meisten vom Leben gesehen ... « Petersen nickte . » Sieh , Holk « , fuhr sein Schwager fort , » du sprichst da von Fuchs und Storch . Nun gut , ich habe nichts dagegen , daß wir in die tiergeschichtliche Fabel hineingeraten , im Gegenteil . Denn es gibt auch eine Fabel vom Vogel Strauß . Lieber Holk , du steckst den Kopf wie Vogel Strauß in den Busch und willst die Gefahr nicht sehen . « Holk wiegte sich hin und her und sagte dann : » Ah bah , Alfred . Wer sieht überhaupt in die Zukunft ? Nicht du , nicht ich . Aber schließlich , alles ist Wahrscheinlichkeitsrechnung , und zu dem Unwahrscheinlichsten von der Welt gehört eine Gefahr von Berlin oder Potsdam her . Die Tage der Potsdamer Wachtparade sind vorüber . Nichts über den Alten Fritzen , er hat keinen größeren Verehrer als mich , aber alles , was er getan , hat , hat den Charakter einer Episode , die für sein Land geradezu verhängnisvoll geworden . « » Also der Ruhm eines Landes , oder gar seine Größe , sein Verhängnis . « » Ja , das klingt sonderbar , und doch , lieber Arne ... « Holk unterbrach sich , denn man hörte vom Nebenzimmer her , daß Asta sich mühte , die Begleitung eines Liedes auf dem Flügel herauszutippen . Es wurde aber gleich wieder still , und Holk seinerseits wiederholte : » Ja , Schwager , klingt sonderbar , daß der Ruhm ein Verhängnis sein soll , und doch , dergleichen kommt vor und entspricht dann immer der Natur der Dinge . Möglich , daß auf diesem brandenburgischen Sumpf- und Sandland , auf dem ja die Semnonen und ähnliche rothaarige Welteroberer gelebt haben sollen , ein neues Welteroberungsvolk hätte gedeihen können , gut , zugegeben , aber da hätte dies Land einen langsamen normalen Werdeprozeß durchmachen müssen . Den hat dieser große Friedrich gestört . Als Kleinstaat legte sich Preußen zu Bett , und als Großstaat stand es wieder auf . Das war unnormal und kam einfach daher , daß es die Nacht über , oder genauer gerechnet etliche vierzig Jahre lang , in einem Reck- und Streckbett gelegen hatte . « » Holk , das sind nicht deine Ideen « , sagte Christine . » Nein , und ist auch nicht nötig ; es genügt , daß ich sie mir angeeignet . Und so laß mich denn in meinen entlehnten Ideen fortfahren . Allen Respekt vor dem großen König , er ist eine Sache für sich . Aber das sozusagen posthume Preußen , das Preußen nach ihm , ist kein Gegenstand meiner Bewunderung , immer im Schlepptau , heute von Rußland , morgen von Österreich . Alles , was ihm geglückt ist , ist ihm unter irgendeinem Doppelaar geglückt , nicht unter dem eigenen Adler , er sei schwarz oder rot . Es hat etwas für sich , wenn Spötter von einem preußischen Kuckuck sprechen . Ein Staat , der sich halten und mehr als ein Tagesereignis sein will , muß natürliche Grenzen haben und eine Nationalität repräsentieren . « » Es gibt noch anderen Mörtel und Staatenkitt « , sagte Arne , und Schwarzkoppen und Christine sahen zustimmend einander an . » Gewiß « , replizierte Holk . » Zum Beispiel Geld . Aber wer lacht da ? Preußen und Geld ! « » Nein , nicht Geld ; eine andere Kleinigkeit . Und diese Kleinigkeit ist nichts weiter als eine Vorstellung , ein Glauben . In den Russen lebt die Vorstellung , daß sie Konstantinopel besitzen müssen , und sie werden es besitzen . An solchen Beispielen ist die Geschichte reich , und in den Preußen lebt auch so was . Es ist nicht wohlgetan , darüber zu lachen . Solche Vorstellungen sind nun mal eine Macht . In unserem Busen wohnen unsere Sterne , so heißt es irgendwo , und was die innere Stimme spricht , das erfüllt sich . In Preußen , das du von Jugend an nicht leiden kannst und von dem du klein denkst , ist seit anderthalb Jahrhunderten alles Vorbereitung und Entwickelung auf ein großes Ziel hin ; nicht der Alte Fritz war Episode , sondern die Schwächlichkeitszeit , von der du gesprochen , die war Interregnum . Und mit diesem Interregnum ist es jetzt vorbei . Was der Zeitungsartikel da sagt , ist richtig . Die Werbetrommel geht still durchs Land , und gamle Dänemark , wenn es zum Klappen kommt , wird schließlich die Zeche bezahlen müssen . Petersen , sagen Sie ein Wort ! In Ihren Jahren hat man das Zweite Gesicht und weiß , was kommt . « Der Alte lächelte vor sich hin . » Ich will die Frage doch lieber weitergeben . Denn was unsereinem erst kommt , wenn man achtzig Jahre hinter sich hat ( und ich stehe doch noch davor ) , das haben die Frauen von Natur , die Frauen sind geborene Seher . Und unsere Gräfin gewiß . « » Und ich will auch antworten « , sagte Christine . » Was meine liebe Dobschütz da gelesen - anfangs bin ich eigentlich nur mit halbem Ohre gefolgt , denn ich wollte von dem mir teuren Königspaar hören und nicht von Wehrhaftmachung und neuer Zeit . Aber was da gesagt wurde , das ist richtig ... « Arne warf der Schwester eine Kußhand zu , während sich Holk , der sich schon als Opfer einiger Anzüglichkeiten fühlte , mit einem Krammetsvogel zu schaffen machte . » ... Den Brief in der Hamburger Zeitung « , fuhr Christine fort , » hat offenbar jemand geschrieben , der dem neuen Machthaber nahesteht und seine Pläne kennt . Und wenn es noch nicht Pläne sind , so doch Wünsche . Ganz und gar aber muß ich allem zustimmen , was Alfred eben über die Macht gewisser Vorstellungen gesagt hat . Die Welt wird durch solche Dinge regiert , zum Guten und Schlechten , je nachdem die Dinge sind . Und bei den Preußen wurzelt alles ... « » In Pflicht « , warf Arne dazwischen . » Ja , in Pflicht und in Gottvertrauen . Und wenn das zuviel gesagt ist , so doch wenigstens in dem alten Katechismus Lutheri . Den haben sie da noch . Du sollst den Feiertag heiligen , du sollst nicht ehebrechen , du sollst nicht begehren deines Nächsten Knecht , Magd , Vieh oder alles , was sein ist - ja , das alles gilt da noch ... « » Und ist im übrigen aus der Welt verschwunden « , lachte Holk . » Nein , Helmuth , nicht aus der Welt , aber doch aus dem Zipfelchen Welt , das unsere Welt ist . Ich meine nicht aus unserem teuren Schleswig-Holstein , das hat Gott in seiner Gnade so tief nicht sinken lassen , ich meine , das Treiben drüben , drüben , wo doch unsere Obrigkeit sitzt , der wir gehorchen sollen und der zu gehorchen ich auch willens bin , solange Recht Recht bleibt . Aber daß ich mich an dem Treiben drüben erfreuen sollte , das kannst du nicht fordern , das ist unmöglich . In Kopenhagen ... « » Dein alter Widerwille . Was hast du nur dagegen ? « » In Kopenhagen ist alles von dieser Welt , alles Genuß und Sinnendienst und Rausch , und das gibt keine Kraft . Die Kraft ist bei denen , die nüchtern sind und sich bezwingen . Sage selbst , ist das noch ein Hof , ein Königtum da drüben ? Das Königtum , solang es das bleibt , was es sein soll , hat etwas Zwingendes , dem das Herz freudig Folge leistet und dem zuliebe man Gut und Blut und Leib und Leben daran gibt . Aber ein König , der nur groß ist in Ehescheidungen und sich um Vorstadtspossen und Danziger Goldwasser mehr kümmert als um Land und Recht , der hat keine Kraft und gibt keine Kraft und wird denen unterliegen , die diese Kraft haben . « » Und wir werden preußisch werden , und eine Pickelhaube wird auf eine Stange gesteckt werden wie Geßlers Hut , und wir werden davor niederknien und anbeten . « » Was Gott verhüte . Deutsch , aber nicht preußisch , so soll es sein . Ich bin gut schleswig-holsteinisch allewege , worauf ich die Herren bitte mit mir anzustoßen . Auch du , Helmuth , wenn dich dein Kopenhagener Kammerherrnschlüssel nicht daran hindert . Und sehen Sie nur , Schwarzkoppen , wie da der Mond heraufsteigt , als woll er alles in Frieden besiegeln . Ja , in Frieden ; das ist das Beste . Dieser Glaube hat mich von Kindheit an begleitet . Schon mein Vater pflegte zu sagen : Man ist nicht bloß unter einem bestimmten Stern geboren , sondern in dem Himmelsbuche , darin unsere Namen eingezeichnet stehen , steht auch immer noch ein besonderes Zeichen neben unserem Namen , Efeu , Lorbeer , Palme ... Neben dem meinigen , hoff ich , steht die Palme . « Der alte Petersen nahm ihre Hand und küßte sie : » Ja , Christine . Selig sind die Friedfertigen . « Es war das so ruhig hingesprochen , ohne jede Absicht , das Herz der Gräfin tiefer berühren zu wollen . Und doch geschah es . Sie hatte sich ihres Friedens beinah gerühmt oder doch wenigstens eine feste Hoffnung auf ihn ausgesprochen und empfand im selben Augenblicke , wo der alte Petersen ihr diesen Frieden fast wie zusicherte , daß sie desselben entbehre . Trotz des besten Mannes , der sie liebte , den sie wiederliebte , stand sie nicht in dem Frieden , nach dem sie sich sehnte . Trotz aller Liebe - seine leichtlebige Natur und ihre melancholische , sie stimmten nicht recht mehr zueinander , was ihr diese letzte Zeit , trotz alles Ankämpfens dagegen , mehr als einmal und leider in immer wachsendem Grade gezeigt hatte . So fanden denn Petersens wohlgemeinte Worte bei niemandem ein rechtes Echo , vielmehr blickte jeder schweigend vor sich hin , und nur Arne wandte sich die Tafel hinunter und sah durch die offenstehende hohe Glastür auf das Meer hinaus , das im Silberschimmer dalag . Und in diesem Augenblicke voll Bedrückung und Schwüle trat Asta aus dem Nebenzimmer an den Tisch heran und flüsterte der Mutter zu : » Elisabeth will etwas singen . Darf sie ? « » Gewiß darf sie . Aber wer wird begleiten ? « » Ich . Es ist sehr leicht , und wir haben es eben durchgenommen . Ich denke , es wird gehen . Und wenn ich steckenbleibe , so ist es kein Unglück . « Und damit ging sie bis an den Flügel zurück , während die große Mitteltür aufblieb . Das Notenblatt war schon aufgeschlagen , die Lichter brannten , und beide begannen . Aber das Gefürchtete geschah , Begleitung und Stimme gingen nicht recht zusammen , und nun lachten sie halb lustig und halb verlegen . Gleich danach aber versuchten sie ' s zum zweiten Male , und nun klang Elisabeths noch halb kindliche Stimme hell und klar durch beide Räume hin . Alles schwieg und lauschte . Besonders die Gräfin schien ergriffen , und als die letzte Strophe gesungen war , erhob sie sich und schritt auf den Flügel zu . Hier nahm sie das noch aufgeschlagen auf dem Notenpult stehende Lied und zog sich ohne weitere Verabschiedung aus der Gesellschaft zurück . Es fiel nicht allzusehr auf , da jeder ihr sensitives Wesen kannte . Holk begnügte sich , Elisabeth zu fragen , von wem der Text sei . » Von Waiblinger , einem Dichter , den ich bis dahin nicht kannte . « » Ich auch nicht « , sagte Holk . » Und die Überschrift ? « » Der Kirchhof . « » Drum auch . « Eine Viertelstunde später fuhr der Arnewieker Wagen vor , und Arne bestand darauf , daß Petersen und Elisabeth bis vor das Holkebyer Pfarrhaus mitfahren müßten , Schnuck werde sich nebenher schon durchschlagen . Nach einigem Parlamentieren wurde das Anerbieten auch angenommen , Arne nahm den Rücksitz , und Elisabeth , weil sie gerne mit dem Kutscher plauderte , kletterte auf den Bock hinauf . Und wirklich , kaum oben , so ließ sie sich auch schon des breiteren von seiner kranken Frau erzählen und von der » Sympathie « , die mal wieder besser geholfen als der Doktor , der überhaupt bloß immer was verschreibe und gar nicht ordentlich nachsähe , wo ' s eigentlich säße und wie ' s mit der Milz stände . Denn in der Milz säß es . Natürlich war dies Gespräch nur von kurzer Dauer , denn keine zehn Minuten , so hielt man auch schon vor der Pfarre . Schnuck gab seiner Freude , wieder daheim zu sein , lebhaften Ausdruck , und Arne setzte sich zu Schwarzkoppen in den Fond . Und nun fuhren beide , nachdem noch ein paar Dankes- und Abschiedsworte gewechselt worden waren , auf Arnewiek zu . Fünftes Kapitel Die Fahrt ging zwischen hohlen Knicks hin , das Meer dicht zur Linken ; aber man hörte es nur , ein niedriger Dünenzug hinderte die Aussicht darauf . Arne wie Schwarzkoppen hatten die Füße in Plaids und Decken geschlagen , denn es war nach dem schönen warmen Tage herbstlich frisch geworden , frischer , als dem September zukam . Aber das steigerte nur die Lebendigkeit ihres Gesprächs , das natürlich dem Abend galt , den man eben verlebt hatte . » Die kleine Petersen hat eine reizende Stimme « , sagte Arne . » Trotzdem wollt