von uns un die Klügste auch nich un ließ sich vorsagen , und ohne Lehrer Kulike ... na , mit dem hatte sie ' s. Überhaupt , es war ' ne pfiffige Kröte , was sonst die Dicken eigentlich nich sind . Aber immer gut und kein Neidhammel und gab immer was ab . « Während dieser Rede , die sich nur halb an Stine richtete , war die mitten auf dem Sofa stehende Witwe mit Geraderückung dreier Bilder beschäftigt und trat , als sie damit fertig war , vom Sofa her bis an die Türschwelle zurück , um von hier aus noch einmal alles überblicken und sich von dem Gelungensein ihres Arrangements überzeugen zu können . Wegen solcher Dinge gelobt zu werden war ihr , bei ihrer im Grunde genommen ganz auf Wirtschaftlichkeit und Ordnung gestellten Natur , ein wahres Herzensbedürfnis , und wenn sie je zuvor einen Anspruch auf ein dafür einzuheimsendes Lob gehabt hatte , so sicherlich heute . Alles , was aus dem ihr zur Verfügung stehenden Material gemacht werden konnte , war daraus gemacht worden und ließ wenigstens momentan übersehen , wie sehr und zum Teil auch in wie komischer Weise sich die hier aufgestellten Sachen untereinander widersprachen . Ein Büfett , ein Sofa und ein Pianino , die , hintereinander weg , die von keiner Tür unterbrochene Längswand des Zimmers einnahmen , hätten auch bei » Geheimrats « stehen können ; aber die von der Pittelkow eben geradegerückten drei Bilder stellten das im übrigen erstrebte Ensemble wieder stark in Frage . Zwei davon : » Entenjagd « und » Tellskapelle « , waren nichts als schlecht kolorierte Lithographien allerneuesten Datums , während das dazwischen hängende dritte Bild , ein riesiges , stark nachgedunkeltes Ölporträt , wenigstens hundert Jahre alt war und einen polnischen oder litauischen Bischof verewigte , hinsichtlich dessen Sarastro schwor , daß die schwarze Pittelkow in direkter Linie von ihm abstamme . Gegensätze wie diese zeigten sich in der gesamten Zimmereinrichtung , ja schienen mehr gesucht als vermieden zu sein , und während sich an einem der Wandpfeiler ein prächtiger Trumeau mit zwei vorspringenden goldenen Sphinxen breitmachte , standen auf dem Bücherschrank zwei jämmerliche Gipsfiguren , eine Polin und ein Pole , beide kokett und in Nationaltracht zum Tanze ansetzend . Am interessantesten aber präsentierte sich der eben erwähnte Bücherschrank selbst , dessen vier Mittelfächer leer waren , während auf seinem obersten Brett zwölf prachtvoll in Leder gebundene Bände von Humes » History of England « und achtzehn Bände » OEuvres posthumes de Frédéric le Grand « standen und einen wundervollen Gegensatz zu dem » Berliner Pfennigmagazin « bildeten , das , in zwei Haufen übereinandergetürmt , unten im Schrank lag . All dies Einrichtungsmaterial , Kleines und Großes , Kunst und Wissenschaft , war an ein und demselben Vormittage gekauft und mittels Handwagen , der ein paarmal fahren mußte , von einem Trödler in der Mauerstraße nach der Invalidenstraße geschafft worden . Auf die vor allem verwunderlichen französischen und englischen Prachtbände hatte der , aus dessen Mitteln dies alles kam , eigens und mit besonderem Nachdruck bestanden , » auf daß « , wie er sich in seiner spöttisch huldigenden Weise auszudrücken liebte , » die Welt erfahre , wer Pauline Pittelkow eigentlich sei « . Das waren die Schätze , die jetzt , von der Tür her , einer letzten Musterung unterworfen wurden , und als schließlich auch noch die Fransen des vor dem Sofa liegenden Brüsseler Teppichs geradegezupft waren , sagte die Pittelkow : » So , Stine , nu komm , nu kochen wir uns einen Kaffee , das heißt einen orntlichen . Und Olga holt uns was dazu . Willst du Streusel oder bloß mit Zucker und Zimt ? « » Ach , Pauline , du weißt ja ... « » Na , dann Streusel ... Olga . « Und diese , die , weil die Tür aufstand , jedes Wort gehört und sich nur zum Schein , aber eben deshalb auch um so zudringlich-liebevoller mit dem » Brüderchen « beschäftigt hatte , stürzte jetzt , wie besessen , aus der Hinterstube nach vorn und war ganz Ohr und Auge . » Da , Olga . Nu geh . Aber von Katzfuß , nich von Zachow . Und nasche nich wieder und rede nachher von Krümel . « » Und nu , Stine « , fuhr die Pittelkow fort , während Olga verschwand und das längst blankgewordene Treppengeländer im Nu herunterrutschte , » nu wird ' s auch wohl Zeit , uns fein zu machen . Aber komme nich wieder in deinem grünen Kamlott . Du weißt , so was kann er nich leiden . Und solang es so is , wie es is , muß man doch machen , was er will . Und denn bringt er ja auch das ausgepustete Ei mit . Und die kenn ich , die verlangen immer am meisten , und wenn ' s weiter nichts is , wollen sie wenigstens was sehn un Augen machen . Und das weiß auch die Wanda . Paß mal auf , die kommt wieder mit ' s schwarze Samtkleid und ' ne Rose vorn . Ich muß immer lachen . « Und wirklich , Wanda kam in schwarzem Sammet und sah sehr stattlich aus . Ihr Kopf hatte nichts von der frappierenden Schönheit ihrer alten Schul- und Jugendfreundin , aber an » Pli « war sie dieser , wie die Pittelkow selbst zugestand , sehr überlegen . » In Pli kann ich gegen Elisabetten nich an . « Das war die letzte Rolle , worin sie Wanda gesehen und beinahe widerwillig bewundert hatte . » Ah , Wanda « , so begrüßte sie jetzt die Freundin , » das is nett , daß du da bist ; immer pünktlich . « » Ja , liebe Pauline , das is so bei uns , das lernen wir wie die Soldaten . Wenn ' s Stichwort fällt , müssen wir vor , und wenn ' s das Leben kostet . « Die Pittelkow lachte herzlich , was sie jedoch nicht abhielt , Wanda mit einer gewissen Feierlichkeit in den rechten Sofaplatz hineinzukomplimentieren . Stine , die sehr gut aussah und auf Wunsch der Schwester ihr getüpfeltes » Perlhuhnkleid « anhatte , sollte sich neben Wanda setzen , bestand aber hartnäckig auf ihrem Willen und nahm einen Lehnstuhl der Schauspielerin gegenüber . Zwischen beiden stand ein Riesenbouquet , das im Invalidenhausgarten für diesen Festabend geschnitten worden war : ein Dutzend Rosen , aus deren Mitte hohe Feuerlilien aufwuchsen . Wanda , die riechen wollte , bückte sich zu tief hinein und machte sich dadurch einen gelben Bart , was Paulinen ungemein amüsierte . Sogar Olga wurde herbeigerufen . » Sieh , Olga , sieh , Tante Wanda hat ' nen Schnurrbart . Und was für einen ! Ihr sollt mal sehn , Kinder , der junge Graf hat gar keinen ! « In diesem Augenblick wurde die Klingel gezogen , und die Pittelkow ging , um in Person zu öffnen . Stine folgte , weil sie nicht sitzen bleiben und großartig die Dame spielen wollte . Wanda dagegen , im Vollgefühl dessen , was sie sich und der Kunst schuldig sei , rührte sich nicht vom Fleck und thronte weiter . Erst als der Besuch eintrat , erhob sie sich und erwiderte leichthin den Gruß der beiden älteren Herren , während sie vor dem jungen Grafen einen Hofknicks machte . » Darf ich die Herrschaften miteinander bekannt machen ? « fragte jetzt Sarastro verbindlich und mit anscheinend ernstester Miene . » Mein Neffe Waldemar « ( dieser verbeugte sich ) , » Frau Pauline Pittelkow geborene Rehbein , Fräulein Ernestine Rehbein , Fräulein Wanda Grützmacher . Einer Vorstellung unseres Freundes Papageno bedarf es nicht ; er genießt des Vorzuges , allen Anwesenden bekannt zu sein . « In der Art , wie diese Vorstellung von den drei Damen aufgenommen wurde , zeigte sich durchaus die Verschiedenheit ihrer Charaktere : Wanda fand alles in der Ordnung , Pauline brummte was von Unsinn und Afferei vor sich hin , und nur Stine , das Verletzende der Komödie herausfühlend , wurde rot . » Hat Borchardt geschickt ? « » Versteht sich , hat er ... « » Nun , dann bitt ich also ... « Der ungewöhnliche Bestimmtheitston , in dem das alles von seiten Sarastros gesagt wurde , verschnupfte die Pittelkow nicht wenig , sie hielt es aber für angemessen , ihren Ärger darüber auf andere Zeit zu vertagen , und ging mit Stine hinaus , um den schon vorher gedeckten Tisch aus dem Hinterzimmer in das Vorderzimmer zu tragen . Inzwischen war der alte Graf , der sehr feine Nerven hatte , durch die Feuerlilien und ihren Geruch heftig inkommodiert worden ; er nahm sie darum ohne weiteres aus dem Bouquet , öffnete das Fenster und warf sie hinaus . » Ein mir unerträglicher Geruch ; halb Kirchhof , halb Pfarrgarten . Und von beiden halt ich nicht viel . « Ehe fünf Minuten um waren , war die Tafelrunde geschlossen . Alle saßen an einem ovalen Tisch : obenan der alte Graf , neben ihm Wanda und Stine , dann Papageno und Waldemar , zuunterst aber , also dem alten Grafen gegenüber , seine Freundin Pauline . Sie saß so , daß sie bei jedem Aufblick in den Trumeau sehen mußte , was den alten Grafen , als er es merkte , zu dem halb scherzhaften , halb huldigenden Zuruf » Ehre , dem Ehre gebührt ! « veranlaßte . Die Pittelkow aber gefiel sich heute in Ablehnung solcher Huldigungen und sagte : » Jott , Ehre ! Mir ist nichts jräßlicher als immer meine Visage sehn . « » Dann bitt ich meine schöne Freundin , ihren Augenaufschlag etwas niedriger zu richten ; sie sieht dann mich . « Das erheiterte sie . » Da bin ich doch lieber fürs Gewesene . Da bin ich doch noch lieber für mich . « Sarastro und Papageno waren entzückt und tranken ihrer schwarzen Freundin zu . » Immer dieselbe « , sagte Sarastro . » Nicht wahr , Fräulein Wanda ? « Diese stimmte zu , schon einfach , weil sie mußte , begann aber doch an ihrer Rose zu zupfen , zum Zeichen , daß sie nicht hergekommen sei , sich vor den Triumphwagen der Witwe Pittelkow zu spannen . Dann lehnte sie sich zurück und sah nach der » Tellskapelle « . Papageno trug dieser Stimmung Rechnung und kam der Künstlerin , die durchaus versöhnt werden mußte , mit einem Kunstgespräch entgegen , was sich um so eher tun ließ , als auch der alte Graf an allem Theaterklatsch einen ehrlichen Anteil nahm und keinen Unterschied machte , gleichviel ob sich ' s um die Lucca oder Patti oder um die letzte Choristin in der » Fledermaus « handelte . » Meine Gnädigste « , begann Papageno , » was dürfen wir demnächst an Neuigkeiten auf Ihrem Kunstinstitut erwarten ? « » Unser Alter « , erwiderte Wanda , » will es mit einem Ausstattungsstück versuchen . Er meint , es sei noch das einzige ... « » Da hat er recht . Ist es eine Reise nach dem Mond oder in den Mittelpunkt der Erde ? « » Hoffentlich das letztere « , warf der alte Graf ein . » Ich bin für Mittelpunkte . « Wanda lächelte . Das Eis war gebrochen , und es wurde ihr von diesem Augenblick an einigermaßen schwer , in einem öden , weil wenigstens zunächst noch unpersönlich verbleibenden Kunstgespräch weiter fortzufahren . Sie bezwang sich aber und sagte , während sie nur dann und wann den alten Grafen verständnisvoll streifte : » Wegen Beschaffung eines Textes hat sich der Alte natürlich kein graues Haar wachsen lassen . Er bleibt bei seiner Abneigung , für Dinge zu zahlen , die man umsonst haben kann , und glaubt , wie mein Kollege Pöltrig sagt , der übrigens studiert hat , anstandslos in das Gebiet der Dichtung übergreifen zu können . Unser Alter ist überhaupt der Mann der Übergriffe , woran ich immer nur mit Unwillen denken kann . « » Empörend « , sagte der alte Graf . » Übrigens ahn ich bereits , an welche Tür er geklopft haben wird . Wohl zu verstehen : an welche Dichtertür . Ich wette zehn gegen eins : Shakespeare ... « » Der Herr Graf treffen immer ins Schwarze . Ja , das Wintermärchen , und mir ist die Hauptrolle zugefallen , die der Hermióne , von der ich vorläufig nur weiß , daß ich eine ganze Szene lang auf einem Postamente stehe , ganz schmucklos , aber doch was Weißes um . « Sarastro lächelte . » Diese Besetzung der Rolle kann niemand überraschen , und Sie , mein gnädigstes Fräulein , wenn Sie nicht blind gegen Ihre so deutlich hervortretenden Gaben und Vorzüge sind , am wenigsten . Die Natur hat Sie zu glücklich ausgestattet , als daß das Marmorbräutliche , das hier beinahe ausschließlich in Frage kommt , an Ihnen vorübergehen konnte . Wenn ich mir Sie so denke , ganz Stein , und mit einem Male durchdringt Sie das warme , pulsierende Leben , alles wogt , und in rötlicher Beleuchtung steigen Sie vom Sockel hernieder , um wieder Mensch unter Menschen zu sein , ein erhabener Gedanke ... « » Der Herr Graf schmeicheln . Es ist eine Rolle , die durchaus Jugend fordert , ja , mehr als Jugend , ich möchte sagen dürfen , Jugend und Zartheit ... « » Eigenschaften , die Sie sich in übergroßer Bescheidenheit nur absprechen , um unseres heftigsten Widerspruchs sicher zu sein . Hermióne , soviel mir vorschwebt , ist schon zu Beginn des Stücks Gattin und Mutter , zudem auf Untreue verklagt , Ereignisse , die doch nur ausnahmsweise vor das vierzehnte Lebensjahr fallen . Ich bitte Sie , was heißt jung , und vor allem , was heißt zart . Es wird mit diesem Worte zart ein beständiger Mißbrauch getrieben , und alles , was bleich oder schwindsüchtig ist , das ist sicher , als zart bezeichnet zu werden . Eine der vielen Verirrungen unseres modernen Geschmacks . Zart , zart ; zart ist etwas Innerliches , Seelisches , das auch innerhalb einer vollsten Formengebung existieren kann . Fragen Sie meinen Neffen . Er reist seit fünf Jahren in Italien umher , namentlich in Kirchen , und kennt , schlecht gerechnet , fünftausend Heilige weiblichen Geschlechts . Und was heilig ist , muß doch auch zart sein . Und nun soll er uns Rede stehen über den Begriff der Zartheit . Ich will seinem bessern Urteile nicht vorgreifen , aber ich wage vorweg die Behauptung , alles , was er von heiligen Cäcilien und Barbaras und selbstverständlich auch von Genovevas , die immer die Hauptsache bleiben , gesehen hat - alle waren Damen von Ihrer Konstitution , meine Gnädigste , Damen , denen alles Mondscheinene fehlte , Damen in schwarzem Sammet und roter Rose . Waldemar , ich bitte dich dringend , unterstütze mich in einer Sache , die meinem Herzen und meinem Kunstgefühl gleich viel bedeutet . « Er stieß mit Wanda an und hatte die Freude , daß Waldemar auf den angestimmten Ton einging und unter verbindlichem Lächeln versicherte : Der Onkel habe recht ; alle Heiligen seien wohlproportioniert , und auch das Zarteste könne sich noch innerhalb der Wellenlinie ... » Brav , brav « , unterbrach hier der Graf . » Und so bitt ich denn , die Gläser zu füllen , um auf das Wohl Hermiónens zu trinken - eine von Fräulein Wanda bevorzugte Akzentverschiebung , die mir eine ganz neue Auffassung verspricht . Denn die Akzente machen ' s im Leben und in der Kunst . Es lebe die Kunst , es lebe das Zarte , es lebe die Wellenlinie , vor allem , es lebe Hermióne-Hermióne , es lebe Fräulein Wanda , es lebe die rote Rose . « Wanda verneigte sich und überreichte dem alten Grafen die rote Rose , die so sinnig den Schluß seiner Rede gebildet hatte . Der alte Baron aber stieß von der andern Seite her mit beiden an . Es folgte nun Toast auf Toast , Papageno ließ Stine leben , und nachdem auch noch Waldemar , ebenfalls an Stine sich wendend , ein paar Worte gesprochen , sprach Wanda , wie herkömmlich , in Klappreimen , die sie sich übrigens auf die einfachste Weise , indem sie » Liebe « statt » Freundschaft « setzte , für Gelegenheiten wie die heutige aus einem alten Stammbuchvers zurechtgemacht hatte . Zuletzt ergriff der alte Graf noch einmal das Wort , um seine Freundin Pauline leben zu lassen . Er verschwieg aber ihren Namen dabei , sprach nur ganz allgemein über den Zauber und die Vorzüge der Witwenschaft und schloß mit dem Ausruf : » Es lebe meine Mohrenkönigin , meine Königin der Nacht . « Alles erhob sich , und Baron Papageno versicherte , daß das ein echter Sarastro-Toast gewesen sei und daß die Reihe der Trinksprüche nicht würdiger hätte schließen können . Alle stimmten zu , nur nicht die , der der Trinkspruch gegolten hatte . Das Drastische darin mochte gehen ( verhöhnte sie doch selber alles , was sie » sich zieren « nannte ) , der Spott aber , der durchklang , und ein behagliches Sich-Ergehen in Witzeleien , die sie nur halb verstand und die gerade deshalb ihr schlimmer erschienen , als sie waren - das verdarb ihr die Stimmung , und so sagte sie , während sie sich verfärbte : » Na , Graf , bloß nich so , bloß nich übermütig . Das lieb ich nich . Un so vor alle ! Was sollen denn der junge Herr Graf davon denken ? « » Immer das Beste . « » Na , das Jute wäre mir lieber . « Und während sie sich Wasser einschenkte , wiederholte sie : » Königin der Nacht . Is nich zu glauben . « Fünftes Kapitel Die sich im Herzen der Witwe Pittelkow regende Verstimmung würde sich bei der vorherrschenden Tafelheiterkeit unter allen Umständen rasch wieder verzogen haben , der alte Graf aber , der die beispiellose Heftigkeit seiner » Königin der Nacht « nur zu gut kannte , hielt es nichtsdestoweniger für angezeigt , auch der bloßen Möglichkeit eines Sturmes vorzubeugen . » Ich denke « , sagte er , » wir sorgen für etwas frische Luft und nehmen im Nebenzimmer den Kaffee . « » Geht nich « , erwiderte die Pittelkow . » Alle Gardinen ab ; alles wie Kraut und Rüben ... « » Gut denn , so bleiben wir . Auch eng und warm hat seine Vorzüge ... Darf ich bitten ... « Und damit nahm er , die Tafel aufhebend , Wandas Arm und geleitete sie bis an den Sofaplatz , den sie beim Erscheinen der Herren innegehabt hatte . Der junge Graf führte Stine , während der mit der Sitte solcher Pittelkow-Abende längst vertraute Baron ohne weiteres einen eleganten Liqueurkasten und eine Zigarrenkiste vom Büfett her auf den Sofatisch setzte . Der alte Graf nickte zustimmend , strich ein Phosphorholz an der Sohle seines Lackstiefels und zündete sich eine sorgfältig gewählte Havanna an . Als er den ersten Zug getan und die Wolke weggeblasen hatte , wandt er sich kavalierhaft verbindlich an Wanda und Stine und sagte : » Die Damen erlauben doch ? « Frau Pauline hatte sich gleich von Tisch in die Küche begeben und kam schon nach wenigen Minuten mit dem Kaffee zurück , eine Schnelligkeit , die sich nur daraus erklärte , daß sich Olga der ihr gewordenen Doppelaufgabe : das Kind ruhig und das Wasser im Kochen zu erhalten , mit einer durch Furcht und Hoffnung gleichmäßig geschärften Gewissenhaftigkeit unterzogen hatte . Der Kaffee wurde präsentiert , auch der alte Baron nahm aus dem Zigarrenkistchen , und einen Augenblick später kräuselten sich die Rauchwolken von zwei Seiten her durch die Luft . » In der ganzen Welt gibt es keine zweite solche Zigarre « , versicherte Papageno . » Zugestanden « , erwiderte der Graf . » Und zudem eine Zigarre hier , im Hause meiner Freundin , ist mir immer wie Opiumrauchen , das glücklich macht , und bei jedem neuen Zuge seh ich die Gefilde der Seligen oder , was dasselbe sagen will , die Houris im Paradiese . « » Na , na « , sagte die Pittelkow , die , wenn sie nicht schon da waren , neue Verhöhnungen fürchten mochte . Der alte Graf aber ließ sich durch diesen Zuruf nicht stören und fuhr seinerseits fort : » Überhaupt alles wundervoll , und ich vermisse nur eins , die Liqueure . Papageno hat freilich für den Kasten gesorgt - - dafür ist er Papageno - , aber nicht für den Schlüssel ... Ah , sieh da , Fräulein Stine bringt ihn schon . Ich glaube , sie hat überhaupt den Schlüssel und schließt uns jedes Glück auf , vorausgesetzt , daß sie will ... Und nun überlassen Sie mir die Wahl , meine Damen . Ich wette , daß ich ' s für jede von Ihnen treffe . « » Das wäre « , sagte Wanda , » da bin ich doch neugierig . « » Es ist leichter , als Sie denken . Jedem sind seine Neigungen von der Stirn zu lesen : hier , meine Freundin , ist für Curaçao « ( die Pittelkow nickte ) , » der früher unter dem schlichteren Namen Pomeranzen eine nicht verächtliche Karriere machte , Fräulein Stine ist natürlich für Anisette , und Fräulein Wanda für einen Benediktiner oder zwei . Kosten Sie , meine Gnädigste . Wie denken Sie über solche Mönche ? Nicht wahr , nicht übel ? « Es wurde nun immer belebter , und je mehr sich eine narkotische Wolke durch das Zimmer verbreitete , desto mysteriöser wurd auch die Sprache . Der alte Graf übernahm dabei die Führung , während Baron Papageno sekundierte . Beider Intimitäten aber richteten sich ausschließlich an Wanda , weil sie vor den beiden Schwestern eine gewisse Scheu hatten , vor der älteren um ihres unberechenbaren Temperaments , vor der jüngeren um ihrer Unschuld willen . Wanda , die die momentane Vernachlässigung zu Beginn der Tafel längst vergessen hatte , sah in diesem beständigen Sichwenden an ihre Person selbstverständlich nichts als einen ihr zustehenden Triumph und berauschte sich in der Fülle der ihr immer eindringlicher zuteil werdenden Huldigungen . Und was die Huldigungen nicht taten , das tat der Benediktiner . Alle Grandezza war längst abgestreift , und als sie mit einigen Kulissengeheimnissen debütiert und namentlich den alten Direktor in seiner eigentlichsten Sphäre , der des Serails , gekennzeichnet hatte , war sie vorgeschritten genug , dem Wunsche des alten Grafen , der nach Proben ihrer Kunst verlangte , nachzugeben . Ein paar auch jetzt noch verbleibende Bedenken wurden durch Baron Papageno beseitigt , der im rechten Momente erzählte , » die Rachel habe , mit nichts als einem Spitzenschleier drapiert , auf der Pfaueninsel die Phädra gespielt und den Kaiser Nikolaus zur Bewunderung hingerissen : er bezweifle nicht , daß Wanda dasselbe könne , gleichviel nun , ob sie den Ritter Toggenburg oder den Gang nach dem Eisenhammer oder auch bloß den Handschuh deklamiere . Aber einer müsse hinter ihr stehen und die Gesten machen ; ohne Gesten sei der Erfolg nur halb . « Diese Frage wurde weiter ausgesponnen , und nachdem man die verschiedenen Formen und Zusätze durchgenommen hatte , durch deren Anfügung die Schillersche Ballade zu höherer Wirkung gelangen sollte , kam man schließlich überein , da doch alles auf den dramatischen Effekt hinauslaufe , lieber die Deklamation ganz fallenzulassen und statt dessen ein Stück aufzuführen : ein Schattenspiel oder am liebsten eine Kartoffelkomödie . Dieses Wort , kaum gefallen , wurde mit Begeisterung aufgenommen , und Wanda , nachdem sie die noch vor ihr stehende kleine Tasse geleert , erhob sich von ihrem Sofasitze , zum Zeichen , daß sie nunmehr bereit sei , mit einer dramatischen Aufführung zu beginnen . » Aber was ? was ... ? Lustspiel oder Trauerspiel ? « » Natürlich Trauerspiel ... « , so klang es durcheinander , und selbst der junge Graf und Stine , die sich bis dahin zurückgehalten hatten , wurden lebendig . Wanda selbst aber verbeugte sich und sagte nicht ohne Anflug von Humor : » Ein verehrungswürdiges Publikum wird seinerzeit über Inhalt und Titel des näheren verständigt werden . « » Bravo ! Bravo ! « Hierauf zog sie sich in der Tat zurück und ging in die Küche , wo sie das Nötigste für die Komödie zu finden hoffte . Die Pittelkow folgte . Bald danach aber erschienen beide wieder in Front der Wohnung , wo man sofort , die nach der Nebenstube führende Flügeltür öffnend , innerhalb eben dieser Türöffnung ein kariertes Plaid auszuspannen und in etwa Manneshöhe zu befestigen begann . Dahinter nahm jetzt Wanda ihren Stand und drückte das Plaid gerade weit genug herunter , um bequem darüber fortsehen zu können . Und nun verkündigte sie : » Judith und Holofernes , Trauerspiel in zwei Akten von Tussauer , ohne Musik . Wir beginnen mit dem ersten Akt « ( » sehr gut « ... » merkwürdig « ) » oder , was dasselbe sagen will , mit der Zeltgasse des Holofernes . « Und nach dieser Ankündigung schnellte das Plaid wieder in die Höhe , und an Stelle von Wandas brünettem Gesicht erschien eine weißgekleidete Kartoffelprinzessin mit rotem Turban und rotem Siegellackmund . Natürlich Judith . Diese verneigte sich , geschickt dirigiert , vor dem Publikum , sah abwechselnd nach links und rechts , wie wenn sie jemand erwarte , und begann dann in etwas heiserem Ton : » Er ist es , Holofern , der schwergeprüfte Mann , Ich seh sein großes Schwert und einen Klunker dran . « Wirklich zeigte sich in eben diesem Augenblicke von der einen Seite her eine hagere Rotmantelgestalt mit einer Papierkrone : » Wer bist du , schöne Frau ? Wo kommst du hergereist ? Im Krieg ist mancher Mann manchmalen etwas dreist . « » Auch im Frieden « , tuschelte Sarastro dem Baron zu . Judith aber fuhr fort : » Ergebne Dreistigkeit erleid ich sittig gern , Ich nenne Judith mich und suche Holofern . « » So bin ich ' s , den du suchst ... Wie war ich so allein ... « » Doch nur durch deine Schuld ... « - » Es soll nicht länger sein . « Und unter einem halb befehlshaberischen , halb vertraulichen Augen- und Fingerwink auf sein Zelt zuschreitend , folgte Judith , während das gleichzeitig im Nebenzimmer erlöschende Licht anzeigte , daß der Vorhang vorläufig falle . Der junge Graf wollte Beifall klatschen , der Oheim aber hielt ihn zurück und erklärte , » daß man sein Feuer , auch in solchen Dingen , nicht zu früh verknattern müsse . Dies alles sei nur Vorspiel und stelle viel , viel Intrikateres in Aussicht . Er , für seine Person , sei vor allem neugierig , wie Fräulein Wanda gewisse szenische Schwierigkeiten , so beispielsweise das Konnubium und in zweiter Reihe die Dekapitation , überwinden werde . Freilich bestreite man jetzt das Vorhandensein szenischer Schwierigkeiten , aber alles habe doch seine Grenze . « Sarastro würde noch weitergesprochen haben , wenn nicht das sich wieder erhellende Nebenzimmer den Fortgang der Handlung angezeigt hätte . Wirklich erschien im nächsten Augenblicke Judith aufs neue , diesmal , um ihren entscheidenden Monolog zu halten . » Er sterbe ... Muß er ' s denn ? Mir selber ist es leid , Er sprach von einem Schmuck und sprach von einem Kleid , Allein wer bürgt dafür ? Ich weiß , wie Männer sind , Ist erst der Sturm vorbei , so dreht sich auch der Wind : Er sprach von Frau sogar , allein was ist es wert ... ? Komm denn an meine Brust , geliebtes Racheschwert ; Er hat es so gewollt - ich fasse seinen Schopf , Daß er mich zubegehrt , das kostet ihm den Kopf . « Und im selben Augenblicke ( die Gestalt des Holofernes war inzwischen aus der Tiefe heraufgestiegen ) vollzog sich auch schon der Enthauptungsakt , und der Kopf des Holofernes flog , über die Gardine fort , ins andere Zimmer hinein und fiel hier vor Baron Papageno nieder . Alles klatschte dem Stück und mehr noch dem virtuosen Schwerthiebe Beifall , der alte Baron aber nahm den ihm zu Füßen liegenden Kopf auf und sagte : » Wahrhaftig , bloß eine Kartoffel . Kein Holofernes . Und doch war es mir , als ob er lebe . Was eigentlich auch nicht wundernehmen kann . Denn früher oder später ist eine derartige Dekapitation unser aller Los . Irgendeine Judith , die wir zubegehren - beiläufig eine herrliche Wortbildung - , entscheidet über uns und tötet uns so oder so . « » Lassen Sie ' s , Baron . Wozu diese schwermütigen Betrachtungen . Ich find es einfach superb . Und glücklich der Dichter , der derlei schaffen konnte . Sie , Fräulein Wanda , nannten vorhin einen Namen , aber vielleicht nur , um von sich persönlich abzulenken ... Eigene Schöpfung ? « » O nein , Herr Graf . « » Nun , wenn nicht von Ihnen , meine Gnädigste , von wem denn ? « » Von einem jungen Freunde . « » Will sagen , von einem alten Anbeter . « » Nein , Herr Graf , von einem wirklichen jungen Freunde , von einem Studenten . « » Das sind wir alle . Was studiert er ? Darauf kommt es an . « » Ich habe das Wort vergessen , und auf seiner Karte steht es immer nur halb . Und sein Museum ist in der Königgrätzer Straße .