Hier brach es ab , und es entstand eine Pause , während welcher Marie sorglich und langsam den Tisch arrangierte , gerade langsam genug , um zu weiteren Fragen aufzufordern . Und wirklich , es gab auch kein langes Warten darauf . » Espe « , fuhr Opitz nach einer kleinen Weile fort . » Und Rechnungsrat . Hm . Er behandelt seine Frau , als wäre sie wenigstens eine Prinzeß oder doch eine vom Theater ... « » Ist auch so was . Und er soll ihr zweiter Mann sein ... Das heißt , eigentlich ihr erster . Denn ihr erster war keiner und war zu vornehm , um es zu werden . Und da kam Espe , der damals noch sehr unten war . Und die Kinder , so heißt es , sind auch gleich mitgekommen . « » Von Espe ? « » Nein « , kicherte Marie . » Von Espe nicht ; von dem andern . Es soll , glaub ich , ein Präsident gewesen sein . Ach , es ist doch ein merkwürdiges Leben in dem Berlin , und ich möchte da nicht hin . Man ist da ja keinen Augenblick seines Lebens sicher , und ich hätte keine ruhige Stunde mehr . « » Na , das ist recht , Marie « , lachte Förster Opitz und patschelte der Sprecherin die Hand . » Aber wissen Sie , Marie , bedenken Sie sich ' s noch ; - Sie sehen ja , daß nicht viel Schlimmes dabei herauskommt . Eine Rätin ist am Ende nicht zu verachten und sollt Ihnen schon gefallen . « Opitz hätte wohl noch weitergesprochen , wenn nicht in eben diesem Augenblick ein Kamerad , der alte Förster von der Annakapelle , samt Grenzaufseher Kraatz und Lehrer Wonneberger , dessen Schule bei den » Baberhäusern « hoch oben im Gebirge lag , in den Exnerschen Garten eingetreten wäre . Das war alte Bekanntschaft , und Opitz , der einen guten Diskurs liebte , ging ihnen , was eine große Auszeichnung war , drei Schritte entgegen und begrüßte jeden einzeln . Er sei froh , daß sie kämen , denn er hab einen ganzen Sack voll Neuigkeiten . Es gehe wieder was vor , und der gottvergessene Kerl , der Gambetta , stecke dahinter . » Ja « , fuhr er fort , » der Gambetta , wenn ' s nich der Skobeleff is ; dem trau ich auch nicht . Alle Wetter , wir haben sie nun all am Kragen gehabt und jeden geschüttelt und ausgeschmiert ; nur der Russe war noch nicht dran , der fehlt noch . Aber ich denke , den fassen wir auch noch . Nennt sich immer Freund . Aber was heißt Freund ! Alles Fusel und Dusel . Wenn sie nicht den Kaviar und die Juchten hätten , wär ' s gar nichts . Da muß auch einmal aufgeräumt werden . Was meinen Sie , Kraatz ? Sie sind ja doch auch ein Mann , der was hört und weiß und mit dabei war . « Während Opitz noch so sprach , hatte man sich ' s um den Tisch her bequem gemacht . Die Klingel wurde gezogen , eine Bestellung folgte der anderen , und ehe zehn Minuten um waren , hörte man , aus der Holzlaube her , nichts als Lachen und das Zusammenstoßen der Seidel . Unter der nachbarlichen Veranda aber , wo die Espes gesessen hatten , war alles still und leer geworden . Ja , alles war still und leer geworden , und doch wurden Opitz und seine Freunde beobachtet , nicht von Gästen draußen , deren es kaum noch gab , wohl aber von Gästen , die drinnen im Exnerschen Hause saßen und durch die Fenster der Gaststube nach der Holzlaube hinübersahen , kleine Leute von Querseiffen und Wolfshau her , Freunde Lehnerts , Führer und Träger , auch wohl Pascher und Wilderer , die hier herkömmlich nach dem Gottesdienst - und sie waren auch heute wieder mit unten in der Arnsdorfer Kirche gewesen - ihren Sonntag feierten . Allen gemeinsam war das Gedienthaben bei den » Görlitzern « oder den Siebenundvierzigern oder den Königsgrenadieren in Liegnitz , und kaum einer befand sich unter ihnen , der nicht die Kriegsdenkmünze getragen hätte . Von einer richtigen Mahlzeit war nicht die Rede , sie begnügten sich mit einem » Grünen « oder einer Stonsdorfer , und die kleine Stummelpfeife ging nicht aus . » Opitz läßt heute was draufgehn « , sagte der dem Fenster zunächst Sitzende . » Wenn ich recht gezählt hab , ist er schon beim dritten Seidel und sieht aus wie ' n Puter . Ihr sollt sehen , er biert sich noch den Schlag an den Hals , und eh Gott den Schaden besieht , ist er um die Ecke . « » Du mußt ihm heute was zugute halten , Schmidt . Siebenhaar hat ja gepredigt , als ob Krummhübel und Wolfshau so was wie Sodom und Gomorrha wär . Und so was hört Opitz gern . Und was ihn am meisten gefreut haben wird , nu das war , daß Siebenhaar immer nach der Ecke hinsah , wo Lehnert Menz saß , und hätte bloß noch gefehlt , daß er ihn beim Namen genannt hätt . Und ich sah auch , wie Lehnert sich verfärbte . « » Ja « , sagte Schmidt . » Und dabei hat Lehnert noch ' nen Stein bei ihm im Brett und ist eigentlich sein Liebling . Daß er ihn , weil er so findig und anschlägig war , auf die Schule geschickt hat , nach Jauer hin , na , das wißt ihr , und nun nimmt er doch Partei für den Opitz , der ihn zwei Monat ins Jauersche Prison geschickt hat . Und das muß ich sagen , Schule war gerad auch nicht mein Fall , aber doch immer noch lieber als Prison . Ich versteh den Alten nicht , und ich kann es mir mit seiner Predigt bloß so denken , daß er ein Unglück verhüten will . Er weiß , daß es beide harte Steine sind und daß es kein gutes Ende nimmt , wenn nicht Friede wird . Einer muß klein beigeben , und der eine muß Lehnert sein , weil es Opitz nicht sein kann . Er is doch nu mal ein Mann im Amt und sozusagen im Recht . Hol ' s der Teufel , daß ich das sagen muß . Und da hat Siebenhaar ihn warnen wollen , ich meine den Lehnert , und ihn ermahnen , daß er zu Kreuze kriecht . « » Es wird aber nicht helfen . Is alles ein alter Schaden noch von den Soldaten her und nun schon viele Jahre zurück . Opitz ist ein Quäler und Schufter und war es immer . Er hat ihn schikaniert vom ersten Tag an , ich weiß nicht warum . Ich glaube , Lehnert war ihm zu forsch und zu freiweg und nicht untertänig genug , und ich erinnere mich , daß das ein ewiges Schnauzern war . Das will ein Jäger sein , du mein Gott , der Menz hat keinen Zug im Leibe , der Menz hat keine Ehre , der Menz hat keinen Schneid . Und so ging es weiter und nahm kein Ende , bis Menz den kleinen Fähnrich von Uttenhoven aus dem Wasser zog . Opitz natürlich spöttelte bloß , als sei ' s nichts gewesen , keine vier Fuß tief , und der Fähnrich so leicht wie ' ne Feder ; als aber dann die Medaille kam und das Bataillon Carré schloß , da mußte Opitz still sein , und von nicht Ehre und nicht Schneid war keine Rede mehr . Ich sage euch , Major Griepenkerl , der damals das Bataillon hatte , der hielt eine Rede , Donnerwetter , der verstand es , das ging an die Nieren , und hätte sich alles wieder zurechtgezogen , wenn nicht der Krieg gekommen wär und die Geschichte mit dem Kreuz . Opitz hat ihm das Kreuz gestohlen . Eine ganz verdammte Geschichte ... « » Warst du denn mit dabei ... « » Nein . Aber so gut wie mit dabei , denn ich stand in demselben Zug und habe den ganzen Spektakel , der nachher kam , mit erlebt . Alles war für Menz . Aber Opitz , der sich bei seinem Hauptmann - es war ein neuer , der alte war gefallen - in Tee gesetzt hatte , das versteht er , denn nach oben hin kriecht er , und nach unten hin tritt er und schurigelt er , Opitz , sag ich , wußt es so zu drehen , daß Lehnert leer ausging und das Nachsehen hatte . Und von dem Tag an war der Unfrieden wieder da . « » Wie war es denn eigentlich ? War es denn noch bei Sedan ? Lehnert spricht nie davon . « » Nein , bei Sedan war es nicht . Bei Sedan , das war Spaß , trotzdem wir fünf Minuten lang scharf drinsteckten . Aber das ging vorüber wie ' ne Regenhusche . Nein , dies war im Winter , als der französische General ... nu , Donnerwetter , wie hieß er doch ? Bazaine war es nicht ... « » Ducrot . « » Richtig , Ducrot ... als der seinen letzten Ausfall machte . Maywald muß ja davon wissen ; die Sechsundvierziger standen dicht neben uns . Aber was ich sagen wollte , das mit dem Lehnert , ja das war eine verdammte Geschichte . Die dritte Compagnie hielt die Vorderreihe von Saint-Cloud , und in dem Eckhause rechts , dran die große Straße vorbeiläuft , lagen zwölf Jäger von uns unter Oberjäger Jaczewski , und bei diesen zwölfen war auch Lehnert . Nun , daß ich ' s kurz mache , die ganze Linie mußte zurück , und der Angriff ging zuletzt auf das Eckhaus , das der Punkt war , auf den es ankam . Ging das Eckhaus auch verloren , so nahm man uns in die Flanke . Jaczewski fiel , und das Kommando kam an Lehnert , und da war bald keiner mehr , der nicht einen Denkzettel weggehabt hätte ; Lehnerten , das hab ich nachher gesehen , wurde der Gefreitenknopf und der Ohrzipfel weggeschossen . Aber er wollte nichts von Übergabe wissen und hielt aus , bis Sukkurs kam und die ganze Linie wieder genommen wurde . « » Und kein Kreuz ? Das begreife , wer kann . Du mein Gott , da waren doch die Aussagen der Leute ! « » Ja , die Aussagen der Leute . Die Leute , die lagen verwundet im Lazarett und ließen sich natürlich betimpeln und beschwatzen und sagten aus , was Opitz ihnen vorredete . Jaczewski habe das Kommando gehabt , und Jaczewski sei gefallen ... « » Aber bist du denn auch sicher , daß Opitz unrecht hatte ? Menz ist ein forscher Kerl , aber er dünkt sich was , weil er auf Schulen war , und ist eitel und hält sich für mehr , als er ist . Er hat einen Nagel . « » Ja , den hat er , und es ist schwer Friede mit ihm halten . Er hat so was wie Opitz selber und ist gleich aus dem Häuschen . Aber eins muß doch wahr bleiben , er is ein guter Kerl und ein guter Kamerad und dabei grundehrlich und läßt keinen im Stich , und wenn man ihn nicht reizt und ihm nicht widerspricht und ihm in seinem Willen zu Willen ist , dann ist er wie ' n Kind , und man kann ihn um den Finger wickeln . « » Das sag ich auch . Und wenn Siebenhaar es recht angefangen hätte , na , dann hätt er Opitzen angepredigt und dem ins Gewissen geredet und von den Geizigen und Hartherzigen gesprochen , die nicht ins Himmelreich kommen . Aber er hat den Spieß umgedreht und hat Opitzen recht gegeben . Und das ist nicht recht . Denn Opitz ist ein Narr und ein Quälgeist , und ich wollte bloß , er tränke sieben Seidel und hätte seinen Schlag weg . Dann wären wir ihn los , und das arme Volk wär ihn los , das in den Wald geht , und könnte sich ruhig sein bißchen Holz raffen . « » Und wir könnten einen Spießer wegschießen , ohne Gefahr und Prison . Und das ist doch immer die Hauptsache . « Viertes Kapitel Opitz hatte keine Eile , nach Hause zu kommen , und die dritte Stunde war fast schon heran , als er aufbrach und seinen Weg nach seiner Wolfshauer Försterei hin fortsetzte . Der alte Förster von der Annenkapelle blieb noch im Exnerschen Lokal zurück , ebenso Grenzjäger Kraatz , und nur Lehrer Wonneberger , der bis zur Obermühle hin denselben Weg mit Opitz hatte , schloß sich ihm an . Es war ein in wunderlichen Sprüngen gehendes Gespräch , das sie führten , erst über den Papst und das neue Dogma , von dem beide nicht viel wissen wollten , dann über Mac Mahon , der viel zu gut für die Franzosen , und über General Tümpling in Breslau , der zu lang im Dienste sei . All dies wurde übrigens in kurzen großen Sätzen erledigt , um dann um so ausführlicher auf das Nächstliegende einzugehen , auf Siebenhaar , auf Exner , Vater und Sohn , auf den alten Laboranten Zölfel mit seinem Melissengeist und seinen Wundertropfen , auf das Blitzmädel » die schwarze Marie « und nicht zum wenigsten auf Rechnungsrat Espe und seine schöne Frau . » Sehen Sie , Wonneberger « , sagte Opitz , der stark angeheitert und in der all seinen Freunden wohlbekannten Stimmung war , in der er alle Welt küssen und jeden , der dies ablehnte , niederstechen wollte . » Sehen Sie , Wonneberger , wenn ich der Rechnungsrat wäre , so soll mich der Teufel holen , wenn ich nicht mit der Marie anbändelte , bloß um dieser eingebildeten Madame ein Schnippchen zu schlagen . Die sollte zappeln . « Wonneberger lachte . » Ja , Förster Opitz , wenn Rechnungsrat Espe der Förster Opitz wäre , dann ging ' es . Aber er ist bloß ein Männchen und bringt , wie meine Berliner oben sagen - Sie wissen doch , daß ich wieder Sommergäste habe - , die Forsche nicht raus . Und wenn er auch wollte , würde denn die Marie wollen ? Und wenn auch die Marie wollte , was man am Ende nie wissen kann , so hälf ' es ihm auch nicht viel . Die Rätin ist doch keine Frau , die sich so was zu Herzen nimmt , und ich wette , sie würde bloß lachen und sagen : Mein armer Espe ! Wenn es ihm nur nicht schadet . « » Ach , Wonneberger , reden Sie doch nicht so ! Man merkt es , bei den Baberhäusern hört die Welt auf , und deshalb kennen Sie die Welt nicht . Ich sag Ihnen , die Weiber sind ganz anders , und wenn sie heut einen kleinen stumprigen Mann ausgelacht haben , so lachen sie morgen einen langen Laband aus . Und wenn es ein Simson wäre . Na , und ein Simson ist dieser Lieutenant Kowalski noch lange nicht . Immer was anderes , das ist die Hauptsache . Heute der große Goliath und morgen der kleine David . Und die Kleinen , glauben Sie mir , Wonneberger , die Kleinen haben auch ihre Meriten , und wenn sich dieser Rechnungsrat ein Herz nehmen und der Marie einen Kuß geben wollte , das heißt einen ordentlichen , der schmatzt und den man in der Nebenlaube hören kann , so hätte die Rätin morgen die schönsten Krämpfe . « Wonneberger schien wenig überzeugt , übrigens auch unlustig , sich überzeugen zu lassen , und so brach er denn ab und sagte : » Die Marie soll sich ja verheiraten wollen . Ist es denn richtig , daß sie Kunstreiterin war und als Kind durch fünf Papierreifen gesprungen ist ? « » Ich habe sie nicht gezählt , und es mögen wohl auch ihrer sieben gewesen sein . Aber fünf oder sieben , es ist eine forsche Person , und sie hat so was , was nicht jede hat , und wenn sie so das Essen bringt und die Messer und Gabeln über den Tisch hinfliegen läßt , wie die chinesischen Messerspieler , dann denk ich immer , es geht wieder los . Haben Sie mal solche Messerspieler gesehen ? « » Ei freilich , einen Messerspieler und einen Degenschlucker . Und waren noch dazu Brüder . Das Runterschlucken ging noch ; aber wenn er dann die lange Klinge wieder rausholte ... na , so was wird die Marie doch wohl nicht gemacht haben . « » Wer weiß . Sie hat so was Biegiges , und da geht alles . Und dann , lieber Wonneberger , Sie glauben gar nicht , was die Weiber alles können , wenn sie wollen . Sie können eigentlich alles , und wenn ich höre , Marie hat einen Windmühlflügel mit der Kniekehle festgehalten ... aber hier ist ja schon die Mühle ... Nu Gott befohlen , Wonneberger , und stecken Sie nicht immer mit dem Menz zusammen . Er hat jetzt seine zwei Monat abgesessen , und wenn ich ihn recht kenne , so ruht er nicht eher , als bis er die zwei Monat auf zwei Jahre gebracht hat . Er ist ein Tunichtgut und , was schlimmer ist , ein Übermut und ein hochfahrender Schlingel , der große Rosinen im Sack hat . Aber ich werde sorgen , daß sie klein werden . « Wonneberger wollte was zur Verteidigung sagen , weil er eigentlich eine Liebe für Lehnert hatte . Opitz unterbrach ihn aber und fuhr fort : » Und Sie wissen doch , Freund , die Lehrer sollen ein gutes Beispiel geben . Der Liegnitzer Schulrat paßt auf , und da steht man im schwarzen Buch , man weiß nicht wie : Reputation , Wonneberger ! Immer aufpassen und nie vergessen , daß man Vorgesetzte hat und daß man dem Staat dient und daß man mitzählt . Alles andere gilt nicht , und wenn es gelten will , ist es Hochmut und Unsinn . Und der Frau Rätin , wenn ich ihr oben im Gebirge begegne , vielleicht mit dem Kowalski , werd ich ein Kompliment bestellen , ein Kompliment von ihrem neuen Ritter Wonneberger , Ritter und Schulmeister , der hoch von ihr denkt . Na , ich nicht . Ich wollte sie schon ziehen . Spät is es , aber besser spät als gar nicht ... Und nun Gott befohlen , Wonneberger . Und nehmen Sie sich in acht , wenn Sie weiter hin übers Wasser müssen ; die Brücke ist weggeschwemmt , und die Steine sind glatt , und Sie sind nicht mehr ganz fest auf den Beinen . Adieu , Wonneberger . Sie sind eigentlich ein guter Kerl , eine gute Schulmeisterseele . Kommen Sie her , Sie sollen noch einen Kuß haben . « Und nun schieden sie wirklich , und während der Lehrer höher bergan stieg , stieg Opitz einen Abhang nieder , der ihn unten , an einem Waldsaume hin , auf die Wolfshauer Gemarkung führte . Freundliche Häuser waren über einen weiten Wiesengrund hin ausgebreitet , durch den die Lomnitz schoß , an deren diesseitigem Ufer das Forsthaus , mit dem Hirschgeweih am Giebel , aufragte . Opitz , der jeden Steg kannte , nahm seinen Weg über eine hoch in Blumen und Gräsern stehende Wiese hin , und eh er noch bis auf hundert Schritt an seine Gartenpforte heran war , schlug der große Kettenhund an , und die bis dahin stumm hinter ihm hertrollende Diana antwortete mit einem kurzen Blaff . Und wenige Minuten später überschritt Opitz die Schwelle seines Hauses . Frau Opitz , eine hagere Frau mit tiefliegenden dunklen Augen , die mal schön und lachend gewesen sein mochten , jetzt aber nur noch geängstigt in die Welt blickten , empfing ihren Mann und fragte , ob sie decken und das Mittagbrot auftragen solle . So geängstigt die Worte klangen , so klang doch auch was von Vorwurf und Anklage heraus , was Opitzen , trotz seiner Umnebeltheit , nicht entging . » Ach was , Bärbel . Mittagbrot . Was soll das wieder ? Wenn ich nicht da bin , bin ich nicht da . Du sollst nicht auf mich warten , ein für allemal . Alles bloß Eigensinn , und mir zum Tort wird das Essen beiseite gestellt und schmort in der Schüssel , daß es wie Leder aussieht und wie Leder schmeckt . Ich will Ordnung und Stunde halten , so soll ' s sein , und wenn ich die Stunde nicht halte , weil ich sie mal nicht halten will , nun dann will ich sie nicht halten und will nicht dran erinnert sein , am wenigsten durch deinen Schmorbraten und dein Jammergesicht , in dem immer so was liegt , was mich ärgert und was ich nicht leiden kann . « Diana , müde von dem weiten Marsche , war auf den Großvaterstuhl gesprungen und wollte sich ' s eben bequem machen . Aber das paßte Opitzen schlecht . » Ist denn alle Welt verrückt geworden ? « Und den Hund beim Fell packend , warf er ihn auf die Erde und gab ihm einen Fußtritt . Dann ging er auf einen Schrank zu , nahm eine mit Rohr umflochtene Flasche heraus und trank . Es war Kirschwasser , zu dem er , mit oder ohne Grund , das Vertrauen hatte , daß es » niederschlage « . Dann hing er den Staatsrock an den Riegel , machte die Krawatte weiter und warf sich , einen Stuhl heranschiebend , aufs Bett . Und keine halbe Minute mehr , so hörte man nur noch sein Atmen und Schnarchen . Diana kroch unter den Stuhl , und die Frau Försterin verließ leise die Stube , draußen in der Küche aber setzte sie sich zwischen Wand und Herd und ließ sich von Christine , die seit etwa zwei Jahren in ihrem Dienste stand , die Kaffeemühle geben und begann sofort ein allerintimstes Gespräch . Denn in einem ihr eigentümlichen Klageton über Ehe zu sprechen war ihr so ziemlich das Liebste vom Leben , auf das sie nicht verzichten mochte , trotzdem sie wohl wußte , daß Christine durchaus abweichender Meinung war . » Es war ihm wieder nicht recht , Christine . Und wenn ich es nicht warm stelle , ist es auch nicht recht . Er redet immer von Ordnung , aber jeden Tag hat er eine andere . Heb ich was auf , weil er zu spät kommt , dann ist zwölf Uhr Ordnung und darf nichts aufgehoben werden , und heb ich nichts auf , dann ist es Ordnung , daß eine Frau was aufhebt . Und immer grob und bullrig . Ich sage dir , Christine , heirate nicht ! Du steckst so mit dem Lehnert zusammen , aber glaube mir , einer ist wie der andere . « » Nein , Frau Försterin , Lehnert ist doch ganz anders . « » Ja , das sagt ihr , das sagt jede ; jede denkt , ihrer ist besser und ihr wird der Kuchen apart gebacken . Aber dem ist nicht so . Freilich hat er nicht solchen kurzen Hals wie Opitz , und die Kurzhalsigen sind immer die Schlimmsten , das ist wahr und kann ich nicht bestreiten , aber es bleibt doch dabei , sie sind sich gleich oder wenigstens sehr ähnlich , und einer ist eigentlich wie der andere . Sie quälen uns bloß , heute mit Eifersucht und morgen mit Liebe . « » Na , mit Liebe , das ginge doch noch , Frau Opitz ; das is doch nich schlimm . Liebe , denk ich mir , is die Hauptsache . « » Ja , Kind , das sagst du wohl , weil du noch jung bist . Da sieht es so aus . Aber nachher ist es alles anders , und mit der Liebe auch . Und wenn man dann alt ist , ist man bloß noch dazu da , sich schimpfen und schelten zu lassen und Strümpfe zu stopfen und einen Knopf anzunähen . « Christine versicherte das Gegenteil , und schon ihre Mutter selig habe immer gesagt : » Christine , heiraten mußt du , heiraten muß der Mensch . Und die , die viel schimpfen und schlagen , die sind auch gut , und mitunter sind es die Besten . Und dann , Frau Opitz , ich habe doch auch schon gesehen , daß er Ihnen einen Kuß gegeben hat , und da waren Sie doch ganz vergnügt und so ... ja , ich weiß nicht recht wie ... Nein , nein , Frau Opitz , ich lasse mir nichts weismachen . Ich bin für Heiraten , und wenn Lehnert nicht will , nu , dann will er nicht , dann will ein anderer . Ich werde schon einen finden . Und ich weiß auch , wie man ' s machen muß . Man muß nur immer fidel sein und immer ja sagen und nichts merken von dem , was man nicht merken soll . Dann kann man hinterher machen , was man will . Ach , liebe Frau Opitz , Sie verstehen es nicht , Sie sehen immer aus , als ob einer gestorben wär oder eben dabei wär , und das können die Männer nicht leiden . Nein , nein , Frau Opitz , ich heirate . « Und während sie noch so sprach , nahm sie den Kessel vom Herd und brühte den Kaffee . » Nicht zuviel , Christine , nicht zuviel ; du weißt doch , daß er ihn gern stark hat , und weißt auch , was er immer dabei sagt : Schwarz wie der Tod und heiß wie die Hölle , was mir immer einen Stich ins Herz gibt . Denn man soll vom Tod nicht so reden und am wenigsten , wenn man ein Förster ist . Da ist der Tod da , man weiß nicht wie . Und schlagflüssig ist er auch , und von dem verdammten starken Bier kann er nicht lassen . Und dann immer das Kirschwasser . Es schlägt nieder , sagt er . Ja , wenn es bloß ihn nicht niederschlägt ... « In diesem Augenblick fuhren beide Frauen erschreckt zusammen , denn in der Stube nebenan fiel etwas mit dumpfem Schlage zur Erde . Der Schreck indessen währte nicht lange . Frau Opitz erholte sich zuerst . » Er hat den Stuhl umgestoßen , und ich will nun hinein und nachsehen , ob er ausgeschlafen hat . « Opitz , als seine Frau eintrat , stand bereits vor dem kleinen Spiegel mit blankem Glasrand , der , samt einer doppelten Verzierung von Zittergras , über der Kommode hing . Er fuhr sich eben mit der Hand durchs Haar und sah noch halb verschlafen aus seinen geröteten Augen . Ihr Ausdruck aber war mittlerweile doch ein anderer geworden , der Ärger schien mit dem Rausch dahin , und im Spiegel seine Frau gewahrend , trat er auf sie zu , legte den Arm um ihre Hüfte und gab ihr einen Kuß . Die Frau sah verschämt vor sich nieder , denn eigentlich liebte sie ihn und empfand es als einen Gram , daß solche Zärtlichkeiten so selten waren . » Soll Christine den Kaffee bringen ? « » Versteht sich , soll sie . Und gib mir die Pfeife ! Die verdammte Trinkerei bekommt mir nicht , und der Doktor will ' s auch nicht und droht mir immer mit dem Finger . Aber das Fleisch ist schwach . Auch ein Förster und alter Soldat hat seine schwachen Stunden . Nicht wahr , Bärbel ? Und nun gib mir auch Feuer und dann den Kaffee . Aber keine Plempe . « Bärbel , während Opitz noch so sprach , klopfte mit dem Knöchel an die Wand , was das Zeichen für Christine war , und zündete gleich danach einen Fidibus an , woran Opitz , der sonst in solchen Dingen für das Neue war , eigensinnig festhielt . Er hatte nur zufällig einen Haß gegen Schwefel- und Phosphorhölzer . Und nun brachte Christine den Kaffee . » Nu , Christine , laß sehen ! Ich hoffe , du hast nicht zuviel Bohnen aus der Mühle springen lassen . Oder hat die Frau gemahlen ? Na , na , nur still ... Spaß muß sein ... In Querseiffen ist heute Tanz . Was meinst du , willst du hin ? Die Frau wird es schon erlauben ; nicht wahr , Bärbel ? « Die Frau nickte . » Nun siehst du . Der Lehnert wird auch wohl dasein , und das ist doch die Hauptsache . He ? Na , tu nur nich , als ob ' s anders wär ... Und daß ihn Siebenhaar heute angepredigt und ihm den Kopf a bissel gewaschen und seinen Standpunkt klargemacht hat , na , das wird ihn dir beim Schottschen nicht verleiden und noch weniger draußen in der Laube . Tanz ist Tanz , und Kuß ist Kuß . Und ich gönne ihn dir auch , und heute lieber als morgen . Denn du bist eine verständige Person und wirst ihn schon zurechtrücken , besser als Siebenhaar . Und ist er erst aus dem Dünkel heraus und sitzt an der Wiege , vielleicht sind es Zwillinge , was meinst du , Christine ? Ja , was ich sagen wollte , sitzt er erst an der Wiege , statt zu paschen und zu wildern , dann werd ich auch