marschieren über die Grenze . « » Großer Gott ! - Vielleicht aber entwaffnen sie ? « » Nun dann wäre der Streit auch beigelegt und es bleibt Frieden . « Ich fiel auf die Knie - ich konnte nicht anders . Lautlos und dennoch heftig wie ein Schrei , schwang sich aus meiner Seele die Bitte zum Himmel : » Frieden , Frieden ! « Arno hob mich auf : » Du närrisches Kind ! « Ich schlang meine Arme um seinen Hals und fing zu weinen an . Es war kein Schmerzensausbruch , denn noch war ja das Unglück nicht entschieden - aber die Nachricht hatte mich so erschüttert , daß meine Nerven zitterten und diesen Thränensturz verursachten . » Martha , Martha , Du wirst mich böse machen , « schalt Arno . » Bist Du denn mein braves Soldatenweiblein ? Vergissest Du , daß Du Generalstochter , Oberlieutenantsfrau und - schloß er lächelnd - Korporalsmutter bist ? « » Nein , nein , mein Arno ... Ich begreife mich selber nicht ... Das war nur so ein Anfall ... ich bin ja doch selber für militärischen Ruhm begeistert ... aber ich weiß nicht - vorhin , als Du sagtest , alles hänge von einem Worte ab , das jetzt gesprochen werden soll - ein Ja oder Nein auf das sogenannte Ultimatum - und dieses Ja oder Nein solle entscheiden , ob Tausende bluten und sterben sollen - sterben in diesen sonnigen , seligen Frühlingstagen - da war mir , als müßte das Friedenswort fallen und ich konnte nicht anders , als betend niederknieen - « » Um dem lieben Gott die Sachlage mitzuteilen , Du Herzensnärrchen ? « Die Hausglocke ertönte . Schnell trocknete ich meine Thränen . Wer konnte das sein - so früh ? Es war mein Vater . Derselbe kam hastig hereingestürzt . » Nun , Kinder , « rief er atemlos , indem er sich in einen Lehnsessel warf . » Wißt Ihr schon die große Nachricht - das Ultimatum ... « » Soeben habe ich ' s meiner Frau erzählt . « » Sag ' Papa , was meinst Du , « fragte ich bange , » wird der Krieg dadurch abgewendet ? « » Ich wüßte nicht , daß ein Ultimatum jemals einen Krieg abgewendet hätte . Vernünftig wäre es wohl von diesem italienischen Jammerpack , wenn es nachgeben würde und sich keinem neuen Novara aussetzte ... Ach , wäre der gute Vater Radetzky nicht voriges Jahr gestorben , ich glaube er hätte , trotz seiner neunzig Jahre , sich noch einmal an die Spitze seines Heeres gestellt und ich wäre , bei Gott , auch wieder mitmarschiert ... Wir zwei haben ' s ja schon gezeigt , wie man mit dem welschen Gesindel fertig wird . Sie haben aber noch nicht genug daran , die Katzelmacher - sie wollen eine zweite Lektion haben ! Auch recht : unser lombardisch-venetianisches Königreich wird sich durch das piemontesische Gebiet ganz schön vergrößern lassen - ich sehe schon den Einzug unserer Truppen in Turin . « » Aber Papa , Du sprichst ja , als wäre der Krieg schon erklärt und als wärst Du darüber froh . Doch wie , wenn Arno mitgehen muß ? « Es standen mir schon wieder die Thränen in den Augen . » Das wird er auch - der beneidenswerte Junge . « » Aber meine Angst - die Gefahr - « » Ach was , Gefahr ! Man kommt vom Kriege auch nach Haus , wie Figura zeigt . Ich habe mehr als eine Campagne mitgemacht , Gott sei Dank , bin auch mehr als einmal verwundet worden - und bin doch am Leben , weil es mir eben bestimmt war , am Leben zu bleiben . « Die alte fatalistische Redensart ! Dieselbe , welche für Rurus künftige Berufswahl hatte herhalten müssen und die mir auch jetzt wieder als ein Stück Weisheit einleuchtete . » Wenn etwa mein Regiment nicht beordert werden sollte - « begann Arno . » Ach ja , « unterbrach ich freudig , » das ist auch noch eine Hoffnung . « » Dann lasse ich mich versetzen , wenn möglich - « » Es wird schon möglich sein , « versicherte mein Vater . » Heß bekommt den Oberbefehl und der ist mein guter Freund . « Das Herz zitterte mir , aber dennoch konnte ich nicht anders , als diese beiden Männer bewundern . Mit welche fröhlichem Gleichmut sie von einem kommenden Feldzug sprachen , als handelte es sich um einen geplanten Spaziergang . Mein tapferer Arno wollte sogar - auch wenn ihn die Pflicht nicht riefe - freiwillig vor den Feind ziehen , und mein großdenkender Vater fand das ganz einfach und natürlich . Ich raffte mich auf . Fort mit meinem kindischen , weibischen Bangen ! Jetzt galt es , mich dieser meiner Lieben würdig zu zeigen , das Herz über alle egoistischen Befürchtungen erheben und nur dem schönen Bewußtsein Raum geben : Mein Gatte ist ein Held . Ich sprang auf und hielt ihm beide Hände hin : » Arno , ich bin stolz auf Dich ! « Er zog meine Hände an seine Lippen ; dann an den Vater gewendet , mit freudestrahlender Miene : » Das Mädel hast Du gut erzogen , Schwiegervater ! « Abgelehnt ! Das Ultimatum abgelehnt ! So geschehen in Turin am 26. April . Die Würfel gefallen - der Krieg » ausgebrochen « ! Seit einer Woche war ich auf die Katastrophe gefaßt , dennoch versetzte mir deren Eintreffen einen derben Schlag . Schluchzend warf ich mich auf das Sofa , den Kopf in die Kissen verbergend , als mir Arno diese Nachricht brachte . Er setzte sich an meine Seite und tröstete mich sanft . » Mein Liebling , Mut - Fassung ! Es ist ja nicht so schlimm ... in kurzer Zeit kehren wir als Sieger heim ... Dann werden wir Zwei doppelt glücklich sein . Weine nicht so , es zerreißt mir das Herz ... fast bereue ich , daß ich mich engagiert habe , auf jeden Fall mitzugehen ... doch nein , bedenke : wenn meine Kameraden hinaus müssen , mit welchem Recht dürfte ich da zu Hause bleiben ? Du selber müßtest Dich meiner schämen ... Einmal muß ich ja die Feuertaufe erhalten - ehe das geschehen , fühle ich mich gar nicht recht als Mann und als Soldat . Denk ' nur , wie schön - wenn ich zurückkomme - mit einem dritten Stern am Kragen - vielleicht mit einem Kreuz auf der Brust . « Ich lehnte meinen Kopf an seine Achsel und weinte da weiter . Wie klein ich doch wieder dachte : Sterne und Kreuze erschienen mir in diesem Augenblick als so schaler Flitter ... Nicht zehn Großkreuze auf dieser teuern Brust konnten einen Ersatz bieten für die grause Möglichkeit , daß eine Kugel sie zerschmettere ... Arno küßte mir die Stirn , schob mich sanft beiseite und stand auf : » Ich muß jetzt fortgehen , liebes Kind - zu meinem Obersten . Weine Dich aus ... wenn ich wiederkomme , hoffe ich , Dich standhaft und heiter zu finden - ich brauche das , um nicht von trüben Ahnungen beschlichen zu werden . Jetzt , in so entscheidender Zeit , wird doch meine eigene kleine Frau nichts thun , mir den Mut zu benehmen , meine Thatenlust zu dämpfen ? Adieu , mein Schatz . « Und er ging . Ich raffte mich auf . Seine letzten Worte klangen mir noch im Ohre nach . Ja offenbar : meine Pflicht war nun die , seinen Mut und seine Thatenlust - nicht nur nicht zu dämpfen , sondern nach Möglichkeit zu heben . Das ist ja die einzige Art , wie wir Frauen unsern Patriotismus bethätigen können , wie wir des Ruhmes teilhaftig werden dürfen , den unsere Männer auf den Schlachtfeldern sich holen ... » Schlacht - felder « - sonderbar , wie dieses Wort jetzt plötzlich in zwei grundverschiedenen Bedeutungen mir vor den Sinn trat . Halb in der altgewohnten , historischen , pathetischen , höchste Bewunderung erregenden Bedeutung , halb in dem Ekelschauer der blutigen , brutalen Silbe » Schlacht « ... Ja geschlachtet würden sie auf dem Felde daliegen , die armen hinausgetriebenen Menschen - mit offenen , roten Wunden - und unter ihnen vielleicht ... Mit einem laut ausgestoßenen Schrei dachte ich diesen Gedanken aus . Meine Jungfer , Betti , kam erschrocken hereingerannt . Sie hatte mich schreien gehört . » Um Gottes willen , Frau Gräfin , was ist geschehen ? « fragte sie zitternd . Ich blickte das Mädchen an : auch sie hatte rotgeweinte Augen . Ich erriet - sie wußte schon die Nachricht , und ihr Geliebter war Soldat . Mir war ' s , als müßte ich die Unglücksschwester an mein Herz drücken . » Es ist nichts , mein Kind , « sagte ich weich ... » Die fortziehen , kommen ja wieder zurück - « » Ach , gräfliche Gnaden , nicht alle , « antwortete sie , von neuem in Thränen ausbrechend . Jetzt trat meine Tante bei mir ein und Betti entfernte sich . » Ich bin gekommen , Dir Trost zu sprechen , Martha , « sagte die alte Frau , mich umarmend , » und Dir in dieser Prüfung Ergebung zu predigen . « » Also weißt Du ? « - » Die ganze Stadt weiß es ... Es herrscht großer Jubel , dieser Krieg ist sehr populär . « » Jubel , Tante Marie ? « » Nun ja , bei solchen , die kein geliebtes Familienglied mitziehen sehen . Daß Du traurig sein wirst , konnte ich mir denken , und darum bin ich hierher geeilt . Dein Papa wird auch gleich kommen ; aber nicht um zu trösten , sondern zu gratulieren : er ist ganz außer sich vor Freude , daß es losgeht , und betrachtet es als eine herrliche Chance für Arno , daß er mitthun kann . Im Grunde hat er ja auch recht ... für einen Soldaten gibt ' s auch nichts Besseres , als den Krieg . So mußt auch Du die Sache betrachten , liebes Kind - Berufserfüllung geht doch allem voran . Was sein muß - « » Ja , Du hast recht , Tante , was sein muß - das Unabänderliche - « » Das von Gott gewollte « - schaltete Tante Marie bekräftigend ein . » Muß man mit Fassung und Ergebung ertragen . « » Brav , Martha . Es kommt ja doch alles so , wie es von der weisen und allgütigen Vorsehung in unabänderlichem Ratschluß vorher bestimmt ist . Die Sterbestunde eines Jeden , die steht schon von der Stunde seiner Geburt an geschrieben . Und wir wollen für unsere lieben Krieger so viel und inbrünstig beten - « Ich hielt mich nicht dabei auf , den Widerspruch , der in diesen beiden Annahmen liegt : daß der Tod zugleich bestimmt und durch Gebete abzuwenden sein könne , näher zu erörtern . Ich war mir selbst nicht klar darüber und hatte von meiner ganzen Erziehung her das vage Bewußtsein , daß man an so heilige Dinge nicht mit Vernunftfragen herantreten dürfe . Hätte ich gar der Tante gegenüber solche Skrupel laut werden lassen , so würde sie das arg verletzt haben . Nichts konnte sie mehr beleidigen , als wenn man über gewisse Dinge rationelle Zweifel anstellte . » Nicht darüber nachdenken « ist allen Mysterien gegenüber Anstandsgebot . Wie es die Hofsitte verbietet , an einen König Fragen zu richten , so ist es auch eine Art lästerlichen Etiquettenbruchs , wenn man an einem Dogma herum forschen und prüfen will . » Nicht darüber nachdenken « ist übrigens ein sehr leicht erfüllbares Gebot , und bei diesem Anlaß fügte ich mich bereitwillig darein ; ich fing daher mit der Tante keinen Streit an , sondern klammerte mich im Gegenteil an den Trost , der in dem Hinweis auf das Beten lag . Ja - während der ganzen Abwesenheit meines Gatten wollte ich so inbrünstig um des Himmels Schutz flehn , daß dieser alle Kugeln im Fluge von Arno abwenden werde ... Abwenden ? - Wohin ? Auf die Brust eines Andern , für den doch wahrscheinlich auch gebetet wird ? ... Und was war mir im physikalischen Lehrkurs demonstriert worden , von den genau zu berechnenden , unfehlbaren Wirkungen der Stoffe und ihrer Bewegung ? ... Wieder ein Zweifel ? Fort damit . » Ja , Tante , « sagte ich laut , um diese in meinem Geist sich kreuzenden Widersprüche abzubrechen , » ja , wir wollen fleißig beten und Gott wird uns erhören : Arno bleibt unversehrt . « » Siehst Du , siehst Du , Kind , wie in schweren Stunden die Seele doch zu der Religion flüchtet ... Vielleicht schickt Dir der liebe Gott die Prüfung , damit Du Deine sonstige Lauheit ablegst . « Das wollte mir wieder nicht recht einleuchten , daß die ganze , noch aus dem Krimkriege herstammende Verstimmung zwischen Österreich und Sardinien , die ganzen Verhandlungen , die Aufstellung des Ultimatums und die Ablehnung desselben nur von Gott veranstaltet worden wären , um meinen lauen Sinn zu erwärmen . Aber auch diesen Zweifel auszudrücken , wäre unanständig gewesen . Sobald jemand den » lieben Gott « in den Mund genommen , gibt das den daran geknüpften Ausspruch eine gewisse salbungsvolle Immunität . Was die vorgeworfene Lauheit anbelangt , so hatte dieser Vorwurf einige Begründung . Tante Marias Religiosität kam aus tiefstem Herzen , während ich mehr äußerlich fromm war . Mein Vater war in dieser Beziehung völlig indifferent , ebenso mein Gatte ; also hatte ich weder von dem Einen noch dem Andern Anregung zu besonderem Glaubenseifer erhalten . Mich in die kirchlichen Lehren mit Begeisterung zu vertiefen , hatte ich auch niemals vermocht , da ich dieselben überhaupt nur mit Anwendung des » Nichtdarübernachdenken « -Prinzips unangefochten lassen konnte . Ich ging wohl allsonntäglich zur Messe und alljährlich zur Beichte ; auch war ich bei diesen Ceremonien voll Ehrfurcht und Andacht ; aber das Ganze war doch mehr oder minder eine Art standesmäßiger Etiquettenbeobachtung ; ich erfüllte die religiösen Anstandspflichten mit derselben Korrektheit , wie ich auf dem Kammerball die Figuren der Lanciers ausführte und die Hofreverenz machte , wenn die Kaiserin den Saal betrat . Unser Schloßkaplan in Niederösterreich und der Nuntius in Wien konnten mir nichts vorwerfen , aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung war wohl berechtigt . » Ja , mein Kind , « fuhr sie fort , » im Glück und im Wohlsein vergessen die Leute leicht ihren Heiland - wenn aber Krankheit oder Todesgefahr über uns und , mehr noch , über unsere Lieben , hereinbricht , wenn wir niedergeschlagen und in Kümmernis sind - « In diesem Tone wäre es noch lange fortgegangen , aber da wurde die Thüre aufgerissen und mein Vater stürzte herein ! » Hurrah , jetzt geht ' s los ! « lautete seine Begrüßung » Sie wollen Prügel haben , die Katzelmacher ? So sollen sie Prügel haben - sollen sie haben ! « Das war nun eine aufgeregte Zeit . Der Krieg » ist ausgebrochen « . Man vergißt , daß es zwei Haufen Menschen sind , die miteinander raufen gehen , und faßt das Ereignis so auf , als wäre es ein erhabenes , waltendes Drittes , dessen » Ausbruch « die beiden Haufen zum Raufen zwingt . Die ganze Verantwortung fällt auf diese außerhalb des Einzelwillens liegende Macht , welche ihrerseits nur die Erfüllung der bestimmten Völkerschicksale herbeigeführt . Das ist so die dunkle und ehrfürchtige Auffassung , welche die meisten Menschen vom Kriege haben und welche auch die meine war . Von einer Revolte meines Gefühls gegen das Kriegführen überhaupt , war keine Rede ; nur darunter litt ich , daß mein geliebter Mann hinauszuziehen hätte in die Gefahr , und ich in Einsamkeit und Bangen zurückzubleiben . Ich kramte alle meine alten Eindrücke aus der Zeit der Geschichtsstudien hervor , um mich an dem Bewußtsein zu stärken und zu begeistern , daß die höchste Menschenpflicht es war , die meinen Teuren abberief , und daß ihm hierdurch die Möglichkeit geboten würde , sich mit Ruhm und Ehren zu bedecken . Jetzt lebte ich ja mitten drin in einer Geschichtsepoche : das war auch ein eigentümlich erhebender Gedanke . Weil von Herodot und Tacitus an bis zu den modernen Historikern herab die Kriege stets als die wichtigsten und folgenschwersten Ereignisse dargestellt worden , so meinte ich , daß auch gegenwärtig ein solches - künftigen Geschichtsschreibern als Abschnittsüberschrift dienendes Weltereignis im Gange war . Diese gehobene , wichtigkeitsüberströmende Stimmung war übrigens die allgemeine herrschende . Man sprach von nichts Anderem in den Salons und auf den Gassen ; las von nichts Anderem in den Zeitungen , betete für nichts Anderes in den Kirchen : wo man hinkam , überall dieselben aufgeregten Gesichter und die gleichen lebhaften Besprechungen der Kriegseventualitäten . Alles Übrige , was sonst das Interesse der Leute wach hält : Theater , Geschäfte , Kunst - , das wurde jetzt als ganz nebensächlich betrachtet . Es war einem zu Mute , als hätte man gar kein Recht , an etwas Anderes zu denken , während dieser große Weltschicksalsauftritt sich abspielte . Und die verschiedenen Armeebefehle mit den bekannten siegesbewußten und ruhmverheißenden Phrasen ; und die unter klingendem Spiel und wehenden Standarten abmarschierenden Truppen ; und die in loyalstem und patriotisch glühendstem Tone gehaltenen Leitartikel und öffentlichen Reden ; dieser ewige Appell an Tugend , Ehre , Pflicht , Mut , Aufopferung ; diese sich gegenseitig gemachten Versicherungen , daß man die bekannt unüberwindlichste , tapferste , zu hoher Machtausdehnung bestimmte , beste und edelste Nation sei : alles dies verbreitet eine heroische Atmosphäre , welche die ganze Bevölkerung mit Stolz erfüllt und in jedem Einzelnen die Meinung hervorruft , er sei ein großer Bürger einer großen Zeit . Schlechte Eigenschaften , als da sind : Eroberungsgier , Rauflust , Haß , Grausamkeit , Tücke - werden wohl auch als vorhanden und als im Kriege sich offenbarend zugegeben , aber allemal nur beim » Feind « . Dessen Schlechtigkeit liegt am Tage . Ganz abgesehen von der politischen Unvermeidlichkeit des eben unternommenen Feldzuges , sowie abgesehen von den daraus unzweifelhaft erwachsenden patriotischen Vorteilen , ist die Besiegung des Gegners ein moralisches Werk , eine vom Genius der Kultur ausgeführte Züchtigung .... Diese Italiener - welches faule , falsche , sinnliche , leichtsinnige , eitle Volk ! Und dieser Louis Napoleon - welcher Ausbund von Ehrsucht und Intriguengeist ! Als sein am 29. April publiziertes Kriegsmanifest erschien , mit dem Motto : » Freies Italien bis zum adriatischen Meer « - rief das einen Sturm der Entrüstung bei uns hervor ! Ich erlaubte mir eine schwache Bemerkung , daß dies eigentlich eine uneigennützige und schöne Idee sei , welche für italienische Patrioten begeisternd wirken müsse ; aber ich ward schnell zum Schweigen gebracht . An dem Dogma » Louis Napoleon ist ein Bösewicht « , durfte , so lange er » der Feind « war , nicht gerüttelt werden ; Alles , was von ihm ausging , war von vornherein » bösewichterisch « . Noch ein leiser Zweifel stieg in mir auf . In allen geschichtlichen Kriegsberichten hatte ich die Sympathie und die Bewunderung der Erzähler immer für diejenige Partei ausgedrückt gefunden , welche einem fremden Joche sich entringen wollte und welche für die Freiheit kämpfte . Zwar wußte ich mir weder über den Begriff » Joch « noch über den so überschwänglich besungenen Begriff » Freiheit « einen rechten Bescheid zu geben , aber so viel schien mir doch klar : die Jochabschüttelungs- und Freiheitsbestrebung lag diesmal nicht auf österreichischer , sondern auf italienischer Seite . Aber auch für diese schüchtern gedachten und noch schüchterner ausgedrückten Skrupel wurde ich niedergedonnert . Da hatte ich Unselige wieder an einem sakrosankten Grundsatz gerührt , nämlich daß unsere Regierung - d.h. diejenige , unter welcher man zufällig geboren worden - niemals ein Joch , sondern nur einen Segen abgeben könne ; daß die von » uns « sich losreißen Wollenden nicht Freiheitskämpen , sondern einfach Rebellen sind , und daß überhaupt und unter allen Umständen » wir « allemal und überall in unserm vollen Rechte sind . In den ersten Maitagen - es waren kalte , regnerische Tage zum Glück ; sonniges , lenzfrohes Wetter hätte einen noch schmerzlicheren Kontrast bewirkt - marschierte das Regiment ab , welchem Arno sich hatte zuteilen lassen . Um sieben Uhr früh ... ach , die vorhergehende Nacht ... war das eine fürchterliche Nacht ! Wäre der Teure auch nur auf eine gefahrlose Geschäftsreise gegangen , die Trennung hätte mich unsäglich traurig gemacht - Scheiden thut ja so weh - aber in den Krieg ! Dem Feuerregen der feindlichen Geschütze entgegen ! ... Warum konnte ich in jener Nacht bei dem Worte Krieg durchaus nicht mehr dessen erhabene , historische Bedeutung erfassen , sondern nur dessen toddrohendes Grausen ? Arno war eingeschlafen . Ruhig atmend , mit heiterem Gesichtsausdruck lag er da . Ich hatte eine frische Kerze angezündet und hinter einen Schirm gestellt : ich konnte heute nicht im Finstern bleiben . Von Schlafen war ja für mich ohnehin keine Rede - in dieser letzten Nacht . Da mußte ich ihm wenigstens die ganze Zeit ins liebe Gesicht schauen . In einen Schlafrock gehüllt , lag ich auf unserm Bette ; den Ellbogen auf das Kissen , das Kinn in die Handfläche gestützt , blickte ich auf den Schlummernden herab und weinte still ... » Wie lieb - wie lieb ich Dich habe , mein Einziger - und Du gehst fort von mir ... Warum ist das Schicksal so grausam ? Wie werde ich leben ohne Dich ? Daß Du mir nur bald wiederkehrst ! O Gott , mein guter Gott , mein barmherziger Vater dort oben - laß ihn bald zurückkommen - ihn und alle ... Laß es bald Frieden sein ? ... Warum kann es denn nicht immer Frieden sein ? ... Wir waren so glücklich ... zu glücklich wohl ... es darf ja auf Erden kein vollkommenes Glück geben ... O Seligkeit - wenn er unversehrt heimkehrt und dann wieder so an meiner Seite liegt und für den kommenden Morgen kein Abschied droht ... Wie er ruhig schläft - o Du mein tapferer Schatz ! Aber wie wirst Du dort schlafen ? Da gibt es kein weiches , mit Seide und Spitzen verhängtes Bett für Dich - da mußt Du auf harter , nasser Erde liegen ... vielleicht in einem Graben - hilflos - verwundet ... « Bei diesem Gedanken konnte ich nicht anders , als mir eine klaffende Säbelhiebwunde auf seiner Stirn vorstellen , von der das Blut herabsickert , oder ein Kugelloch in seiner Brust ... und ein heißer Mitleidsschmerz ergriff mich . Wie gern hätte ich meine Arme um ihn geschlungen und ihn geküßt , aber ich durfte ihn nicht wecken ; er brauchte diesen stärkenden Schlaf . Nur noch sechs Stunden ... tik - tak - tik - tak : unbarmherzig schnell und sicher geht die Zeit jedem Ziele entgegen . Dieses gleichgültige Tick - Tack that mir weh . Auch das Licht brannte ebenso gleichgültig hinter seinem Schirm , wie diese Uhr mit ihrem blöden regungslosen Bronze-Amor tickte ... Begriffen denn all diese Dinge nicht , daß dies die letzte Nacht war ? Die thränenden Lider fielen mir zu , das Bewußtsein schwand allmählich , und den Kopf auf das Kissen sinken lassend , schlief ich dennoch selber ein . Aber immer nur auf kurze Zeit . Kaum verlor sich mein Sinn in die Nebel eines formlosen Traumes , so krampfte mein Herz sich plötzlich zusammen und ich erwachte durch einen heftigen Schlag desselben , mit dem gleichen Angstgefühle , wie wenn man durch Hilferuf oder Feuerlärm geweckt wird ... » Abschied , Abschied ! « hieß der Alarm . Als ich zum zehnten oder zwölften male so aus dem Schlummer auffuhr , war es Tag und die Kerze flackerte noch . Man klopfte an der Thür . » Sechs Uhr , Herr Oberlieutenant , « meldete die Ordonnanz , welche Befehl erhalten hatte , rechtzeitig zu wecken . Arno richtete sich auf ... Jetzt also war die Stunde gekommen - jetzt würde es gesprochen werden , dieses jammer-jammervolle Wort » Lebwohl « . Es war ausgemacht worden , daß ich ihn nicht zur Bahn begleiten würde . Die eine Viertelstunde mehr oder weniger des Beisammenseins - auf die kam es nicht mehr an . Und das Leid der letzten Losreißung , das wollte ich nicht vor fremden Leuten bloßlegen ; ich wollte allein in meinem Zimmer sein , wenn der Abschiedskuß getauscht worden , um mich auf den Boden werfen - um schreien , laut schreien zu können . Arno kleidete sich rasch an . Dabei sprach er allerlei Tröstliches auf mich ein : » Wacker , Martha ! In längstens zwei Monaten ist die Geschichte vorbei und ich bin wieder da .... Zum Kuckuck - von tausend Kugeln trifft nur eine und die muß nicht gerade mich treffen .... Es sind andere auch schon aus dem Krieg zurückgekommen : sieh ' Deinen Papa . Einmal mußte es doch sein . Du hast doch keinen Husarenoffizier in der Idee geheiratet , sein Handwerk sei die Hyazinthenzucht ? Ich werde Dir oft schreiben , so oft als möglich , und Dir berichten , wie frisch und fröhlich die ganze Campagne vor sich geht . Wenn mir was Schlimmes bestimmt wäre , so könnte ich mich nicht so wohlgemut fühlen ... einen Orden geh ' ich mir holen , weiter nichts .... Gib nur hier recht acht auf Dich selber und auf unsern Ruru - der , wenn ich avanciere , auch wieder um einen Grad vorrücken darf . Grüß ihn von mir ... ich will den Abschied von gestern Abend nicht noch wiederholen . ... Dem wird ' s einmal ein Vergnügen sein , wenn ihm sein Vater erzählt , daß er im Jahr 59 bei den großen italienischen Siegen dabei gewesen . « ... Ich hörte ihm gierig zu . Dieses zuversichtliche Geplauder that mir wohl . Er ging ja gern und lustig fort - mein Schmerz war also ein egoistischer , daher ein unberechtigter - dieser Gedanke würde mir die Kraft geben , ihn zu überwinden . Wieder klopfte es an der Thüre . » Es ist schon Zeit , Herr Oberlieutenant . « » Bin schon fertig - komme gleich . « Er breitete die Arme aus : » Also jetzt , Martha , mein Weib , mein Lieb - « Schon lag ich an seiner Brust . Reden konnte ich nicht . Das Wort Lebewohl wollte mir nicht über die Lippen - ich fühlte , daß ich bei Äußerung dieses Wortes zusammenbrechen mußte , und die Ruhe , den Frohmut seiner Abfahrt durfte ich ja nicht vergällen . Den Ausbruch meines Schmerzes sparte ich mir - wie eine Art Belohnung - auf das Alleinsein auf . Nunmehr aber sprach er es , das herzzerreißende Wort : » Leb ' wohl , mein alles , leb wohl ! « und drückte innig seinen Mund auf den meinen . Wir konnten uns aus dieser Umarmung garnicht losreißen - war es doch die letzte . Da plötzlich fühle ich , wie seine Lippen beben , seine Brust sich krampfhaft hebt ... und - mich freilassend , bedeckt er sein Gesicht mit beiden Händen und schluchzt laut auf . Das war zu viel für mich . Ich glaubte wahnsinnig zu werden . » Arno , Arno , « rief ich , ihn umklammernd : » Bleib , bleib ! « Ich wußte , daß ich unmögliches verlangte , doch rief ich hartnäckig : » Bleib , bleib ! « » Herr Oberlieutenant , « kam es von draußen , » schon höchste Zeit . Noch einen Kuß - den allerletzten - und er stürzte hinaus . Charpie zupfen , Zeitungsberichte lesen , auf einer Landkarte Stecknadelfähnchen aufstecken , um den Bewegungen der beiden Heere zu folgen und daraus Schachaufgaben , in der Fassung von » Österreich zieht an und setzt mit dem vierten Zuge matt « zu lösen trachten ; in der Kirche fleißig um Schutz für seine Lieben und um den Sieg der vaterländischen Waffen beten ; von nichts anderem reden als von den vom Kriegsschauplatz eingetroffenen Nachrichten : - das war es , was meine und die Existenz meiner Verwandten- und Bekanntenkreise nunmehr ausfüllte Das Leben mit allen seinen übrigen Interessen schien für die Dauer des Feldzuges sozusagen in der Schwebe ; alles bis auf die Frage » wie und wann wird der Krieg enden ? « war der Wichtigkeit , ja beinahe der Wirklichkeit beraubt . Man aß , man trank , man las , man besorgte seine Geschäfte , aber das alles » galt « eigentlich nicht - nur eins war von vollgewichtiger Gültigkeit : die Telegramme aus Italien . Meine größten Lichtblicke waren selbstverständlich die Nachrichten , welche ich von Arno selber erhielt . Diese waren sehr kurz gefaßt - das Briefschreiben ist niemals seine starke Seite gewesen - ; aber sie brachten mir doch das beglückendste Zeugnis ; noch am Leben - unverwundet . Sehr regelmäßig konnten diese Briefe und Depeschen freilich nicht eintreffen , denn oft waren die Verbindungen abgebrochen , oder - wenn es irgendwo zur Aktion kam - der Feldpostdienst aufgehoben . Wenn so einige Tage vergangen waren , ohne daß ich von Arno gehört , und es wurde eine Verlustliste veröffentlicht - mit welchem Bangen las ich da nicht die Namen durch ! ... Es ist so spannend , wie für den Losbesitzer das Durchsehen der Gewinnnummern einer Ziehungsliste , aber in umgekehrtem Sinne : was man da sucht , wohl wissend , daß man ( Gott sei Dank